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Full text of "Handbuch der Krankheiten des Nervensystems II"

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1 


1 


J 


HANDBUCH 

der 


bearbeitet  Yon 

Prof.  Oeigel  in  Wflrzburg.  Dr.  Hirt  in  Breslau,  Dr.  Merkel  in  Nürnberg,  Prof.  Lieber» 
melster  in  Tübingen r  Prot.  Lebert  in  Yevey,  Dr.  Haenlseh  in  Greifswald,  Prof.  Thomas 
in  Leipzig,  Dr.  Blegel  in  Cöln,  Dr.  Cursehmann  in  Berlin,  Prof.  Heabner  in  Leipzig,  Prof. 
Oertei  in  München,  Prof.  SehrQtter  in  Wien,  Prof.  Baeamler  in  Freiburg,  Prof.  Heller 
in  Kiel,  Prof.  Bolllnger  in  München,  Prof.  BQhm  in  Dorpat,  Prof.  Naaayn  in  Königsbo-g, 
Prof.  T«  Boeek  in  Mündien,  Prof.  Baaer  in  München,  Dr.  Fraenkel  in  Berlin,  Prof.  t«  Zlemssen 
in  München,  weil.  Prof.  Stelner  in  Prag,  Dr.  A.  Steifen  in  Stettin,  Prof.  Fraentsel  in  Berlin, 
Prof.  Jflrgensen  .in  Tübin^n,  Prof.  Hertz  in  Amsterdam,  Prof.  BfUile  in  Bonn,  Prof.  Rlnd- 
Heiseh  in  Würzbim,  ProL  Bosensteln  in  Leiden,  Prof.  Qalneke  in  Bern,  Prof.  Togel  in 
Dorpat,  Prof.  E.  Wagner  in  Leipzig,  Prof.  Zenker  in  Erlangen,  Prof.  Leabe  in  Erlangen, 
weil.  Prof.  Wendt  in  Leipzig,  Dr.  Lelehtenstem  in  Tübingen,  Prof.  Thierfelder  in  Bestock, 
Prof.  Ponflek  in  Rostock ,  Prof.  Sehttppel  in  Tübingen ,  Prof.  Frledreleh  in  Heidelbei«, 
Prof.  Hosler  in  Greif swald,  Prof.  Barteis  in  Kiel,  Prof.  Ebstein  in  Gdttingen,  Pro£  Seltim 
Giessen,  Prof.  Sehroeder  in  Berlin,  Prof.  Nothnagel  in  Jena,  Prof.  Hn^enln  in  Zürich, 
Prof.  Hitzig  in  Zürich,  Prof.  Obemler  in  Bonn,  Prof.  Knssmaal  in  Strassbuig,  Prof.  Erb  in 
Heidelbeiv,  Prof.  A.  Ealenbarg  in  Greifswald,  Prof.  Senator  in  Berlin,  Prof.  Immermann 
in  Basel,  Dr.  Zaelzer  in  Berlin,  Prof.  J0II7  in  Strassbuig,  Dr.  Blreh-Hlrsehfeld  in  Dresden 

herausgaben 

Ton 

Dr.  H.  V.  Ziemssen, 

Prof«isor  d«r  klinischen  M edicin  in  Mflnclian. 


ZWÖLFTER  BAND. 

ERSTE  HÄLFTE. 

ZWEITE  AUFLAGE. 


LEIPZIG, 

VERLAG  VON  F.  C.  W.  VOGEL. 

1876. 


HANDBUCH  DER  KMNKHEITEN 


DES 


NERVENSYSTEMS  H. 


Die  Krankheiten 
der  peripheren -cerebrospinalen  Nerven 


VON 


Dk.  WILHELM  ERB, 

PROFESSOR  AK  DKR   UHIVBRSITXt  HBIDELBSRO 


ZWEITE  AUFLAGE. 


MIT  4  HOLZSCHNITTEN. 


LEIPZIG, 

VERLAG  VON  F.  C.  W.  VOGEL. 

1876. 


BOSTON  MEDICAL  LIBRARY 

ffi  THE 
FRANCIS  A.  COÜNTWAY 

UBRARY  OF  MEDICINE 


Das  üebersetzungsrecht  ist  vorbehalten. 


•«I 


INHALTSVERZEIOHNISS. 


W.  Erb, 
Krankheiten  der  peripheren  •oerebrospinalen  Nerven. 

86it* 

Einleitang 3 

I.  Fiuietloiielle  Erkrankunireii  (Neurosen)  der  peripheren  Nerven  .    .  5 

Kevrosen  der  sensiblen  Nerren 5 

.  EinleitaDg.     Störung   der    Sensibilität  im  Allgemeinen.     Hyperästhesie. 

Anästhesie  u.  s.  w 5 

Schmerz 11 

1,  Neuralgie  im  Allgemeinen 18 

BegriffiBbestimmnng 19 

Aetiologie 22 

Pathologische  Anatomie  und  Pathogenese 33 

Symptomatologie 37 

AUgemeioes  Krankheitsbild 37 

Analyse  der  einzelnen  Symptome 40 

Schmerz 40 

Schmerzpunkte 41 

Sensible  Begleiterscheinungen 45 

Motorische  Begleiterscheinungen 48 

Vasomotorische  Begleiterscheinungen 50 

Secretorische,  Trophische  Begleiterscheinungen 51 

Psychische  Begleiterscheinungen 56 

Allgemeinstörungen 56 

Paroxysmen  und  ihre  Ursachen    .    •. 57 

Elektrisches  Verhalten 58 

Verlauf 58 

Ausgänge 59 

Diagnose 60 

Prognose 66 

Therapie 68 

Prophylaxis 68 

Gausale  Behandlung 70 

Diät  und  Lebensweise 73 

Elektricität 75 

Narcotica  und  Anaesthestica 78 

Specifica 83 

Kälte,  Ableitungsmittel,  Bäder 86 

Chirurgische  Eingriffe 91 

Allgemeiner  Curplan 93 

2,  Neuralgien  der  einzelnen  Nerven 95 

a.  Neuralgie  des  Nerv,  trigeminus 95 

BegriffiBbestimmung 95 

Aetiologie  und  Pathogenese 96 


VI  Inhaltsverzeiclmiss. 

Symptomatologie 100 

Einzelne  Formen 106 

Verlauf,  Dauer,  Ausg&nge Hl 

Diagnose 112 

Prognose 113 

Therapie 113 

b.  Neuralgien  des  Plexus  cervie>alis 121 

Neuralgia  phrenica  . 126 

Anhang:  Köpftchmeri .    .    .  i7l 

c.  Neuralgien  des  Plexus  brachialis 135 

Bßgriffsbestimmnng 135 

Aetiologie 137 

Symptomatologie 138 

IHagnose uo 

Therapie         140 

d.  Neuralgien  der  Dorsalnerven.    Intercostalneuralgie  .    .  142 

Begriffsbestimmung 142 

Aetiologie 143 

Symptomatologie 144 

Diagnose 146 

Therapie 147 

Anhang:  Neuralgie  der  Brustdrüse 147 

e.  Neuralgien  des  Plexus  lumbalis 149 

Lumbo-abdominalneuralgie 152 

Neuralgie  des  N.  cutan.  femor.  later 153 

Neuralgie  des  N.  cruralis 153 

Neuralgie  des  N.  obturatorius 154 

f.  Neuralgien  des  Plexus  saeralis 155 

Neuralgia  ischiadica.    Ischias 156 

Aetiologie 157 

Anatomische  Veränderungen 158 

Symptomatologie 159 

Verlauf,  Dauer,  Ausg&nge 163 

Diagnose 164 

Prognose 165 

Therapie 165 

Neuralgia  pudendo-haemorrhoidalis  etc no 

g.  Neuralgie  des  Plexus  coccygeus 173 

Anhang:  Neuralgie  der  Gelenke .174 

Einleitung 1^4 

Aetiologie .175 

Symptomatologie 176 

Diagnose 179 

Prognose    .    .    .    .% IgO 

Therapie I80 

•3.  Anästhesie 183 

Cutane  Anästhesien 184 

BegrifEisbestimmung  und  Eintheilung 184 

Pathogenese  und  Aetiologie 186 

Symptomatologie 195 

Untersuchungsmethoden ...  195 


bWtsverseicluitss.  YII 

Seite 

SubjectiTO  Symptome 198 

Begleitencheinangeii 199 

Eiozelne  Formen  der  Anästhesie 204 

An&sthesie  des  Trigeminos 206 

Verlauf;  Dauer,  Ausg&n^ 209 

Diagnose 210 

Prognose 210 

Therapie ^    .    .    * 211 

Muscoläre  An&sthesien 214 

Ve«roB6D  der  Slii|ie0iier?eii 219 

1.  Neurosen  der  Getcbmacksnervm «    .  220 

PhysiologiBC^es.    Chordafunction 220 

Methoden  der  Geschm&eJc9praf|uig 227 

Hyperästhesie  der  Geschmacksnenren 228 

Anästhesie  der  Ge8chmacksner?en.    Agensis 229 

Pathogenese 230 

Diagnose 233 

Therapie 234 

2.  Neurosen  der  Geruchsnerven    .    .    .    .    , -    .    .  234 

Physiologisches.    Untersuchungsmethoden 234 

Hyperästhesie  der  Geroctonervon    . 236 

Anästhesie  der  Gerachsnerven.    Aoosmie 237 

Symptomatologie ^    ...  241 

Pathogenese  und  Aetiologie 241 

Therapie 242 

J^evrosen  der  motorisehen  Nerren 242 

Einleitung.    Anatomisch-Physiologisches 242 

Begriff  von  Krampf  und  Lähmung 246 

Untersuchungsmethoden.    Elektrische  PrOfoBg 247 

1.  Krampf  im  Allgemeinen 253 

DefinitiwL   J&nchmwiigßw^m  uod  JE^thefliuig 254 

Pathogenese , 257 

Aetiologie 258 

Symptomatologie 265 

Verbreitung  und  Auftreten 265 

Be^eiterschelnungen 266 

Folgeerscheinungen 269 

Elektrisches  Verhalten.    Druckpunkte 269 

Prognose 271 

Therapie:  Gausale  Behandlung 271 

Diätetisches  Verhalten 272 

Elektricität 273 

Narcotica.    Nenrina 275 

Ableitungsmittel.    Bäder .276 

Heilgymnastik .    » 277 

Chirurgische  Eingriffe 277 

2.  Mnzelne  Krampfformen 278 

a.  Krampf  im  Gebiet  des  N.  Irigemiiaas 278 

b.  Krampf  im  Gebiet  des  17.  fft<UUs 282 

1.  Diffuser  Gesichtskrampf.    Tic  conyoteif 283 

Symptomatologie 283 


Vlil  InhaltsTerzeichniss. 

Aetiologie 286 

Verlauf.    Diagnose.    Prognose 288 

Therapie 289 

2.  Partieller  Gesichtskrampf 29  t 

Tonischer  Lidkrampf.    Blepharospasmus 291 

Klonischer  Lidkrampf.    Nictitatio 294 

c.  Krampf  im  Gebiet  des  N.  hypoglossus 295 

d.  Krampf  im  Gebiet  des  N.  accessorlns 296 

t.   Klonischer  Accessoriuskrampf 296 

2.   Tonischer  Accessoriuskrampf .    .  301 

e.  Krampf  im  Gebiet  der  Gervical-  und  Dorsalneryen  .    .    .  303 

1.  Krämpfe    einzelner  Muskeln  und  Muskelgruppen    am  Hals   und 

Nacken,  an  der  Schulter  und  am  Arm 303 

Symptomatologie 306 

Aetiologie.    Diagnose.    Prognose.    Therapie 308 

2.  Krämpfe  der  Respirationsmuskeln 309 

Tonischer  Krampf  des  Zwerchfells 310 

Klonischer  Krampf  des  Zwerchfells.    Singultus «31t 

Inspiratorischer  Krampf 314 

Complicirtere  Respirationskrümpfe 316- 

Niesekrampf,  Gähnkrampf,  Hustenkrampf  u.  s.  w 316 

Pathogenese  und  Aetiologie 317 

Therapie 318 

3.  Schreibekrampf 319 

Physiologisches.    Pathogenese 319 

Symptomatologie 322 

Verwandte  Formen 326 

Aetiologie 327 

Wesen  der  Krankheit 328 

Diagnose.    Prognose.    Therapie 329 

f.  Krampf  im  Gebiet  der  Lumbal- und  SacralnerTen    ...  333 

Symptomatologie  und  Aetiologie 333 

Therapie 336 

g.  Crampi • 1    .    .  337 

h.  Tetanie 339 

Begriffsbestimmung.    Aetiologie 340 

Symptomatologie 342 

Wesen  der  Krankheit 346 

Verlauf.    Dauer.    Ausgänge 348 

Prognose.    Diagnose     Therapie 349 

L  Contracturen 351 

Pathogenese 351 

Symptomatologie.    Therapie.    (Elektridtät) 357 

3.   Lahmung  im  Allgemeinen 359 

Definition  und  Begriffisbestimmung .  360 

Pathogenese  und  Aetiologie 362 

Pathologie.    Symptome 374 

Bewegungsstörung,  ihre  Verbreitung 374 

Verhalten  der  Reflexe ,  Mitbewegungen  u.  s.  w 375 

Störungen  der  Sensibilität 378 

Psychische  Störungen 379 


Inhaltfiverzelchmss.  IX 

.Seit« 

Vasomotorische  und  trophische  Störungen 380 

Histologische  Veränderungen  der  Nerven  und  Muskeln 383 

Theorie  der  vasomotorischen  und  trophischen  Störungen    ....  394 

Elektrische  Err^barkeitsveränderungen 397 

Entartungsreaction 399 

Ihr  Zusammenhang  mit  den  histologischen  Veränderungen  ....  406 

Ihr  Vorkommen  und  ihre  diagnostische  Bedeutung 411 

Verlauf.    Dauer.    Ausgänge 413 

Diagnose 415 

Periphere  Lähmung 417 

Spinale  Lähmung 418 

Cerebrale  Lähmung 419 

Hysterische,  diphtheritische  etc.  Lähmung 422 

Prognose - 423 

Allgemeine  Therapie 425 

Causalbehandlung 425 

Elektricität.    Wirkungsweise.    Methoden 427 

Bäder  und  Badecuren 434 

Heilgymnastik 436 

Innere  und  äussere  Mittel 438 

Behandlungsplan.    Diätetik 440 

Einzelne  Lähmungs formen 441 

a.  Lähmungen  im  Gebiet  des  N.  oculomotorius,  trochlearis* 

und  abducens.  —  Augenmuskellähmungen 441 

Aetiologie 441 

Allgemeine  Symptomatologie 444 

Specielle  Symptomatologie 448 

Verlauf.    Daner.    Diagnose 453 

Therapie 456 

b.  Lähmung  im  Gebiet  des  N.  trigeminus 458 

c.  Lähmung  im  Gebiet  des  N.  facialis 460 

Einleitung.    Aetiologie 461 

Symptomatologie 465 

Bewegungsstörungen 466 

Verhalten  des  Gaumensegels  und  Zäpfchens 467 

Verhalten  des  Geschmacks  und  der  Speichelsecretion 468 

Verhalten  des  Gehörs,  Geruchs  und  der  Zunge 469 

Begleiterscheinungen 471 

Elektrisches  Verhalten 472 

Diplegia  facialis 476 

Verlauf  und  Ausgänge 477 

Diagnose 480 

Specialisirte  Localdiagnose 482 

Prognose 485 

Therapie 486 

d.  Lähmung  im  Gebiet  des  N.  accessorius 490 

e.  Lähmung  im  Gebiet  des  N.  hypoglossus 493 

f.  Lähmung  im  Gebiet  der  Gervical-  und  Dorsalnerven     .    .  496 
1.  Lähmung  einzelner  Muskeln  und  Muskelgruppen  am  Hals  und  Rumpf  498 

Lähmung  der  Pectorales,  Bhomboidei  etc 49$ 

Serratuslähmung 499 


X  IidialtsYerzeiclmiss. 

Seite 

Lähmung  der  Eückenmuskeln 503 

L&hmuog  der  Bauchmuskeln 505 

2.  Lähmung  der  Inspirationsmuskeln 507 

Zwerchfellslähmung 507 

3.  Lähmungen  an  der  oberen  Extremität 510 

Lähmung  des  N.  axillaris 510 

Lähmung  des  N.  musculo-cutaneus 512 

Lähmung  des  N.  radialis 512 

Aetiologie 512 

Pathogenese  der  Bleilähmung 514 

Symptomatologie 517 

Diagnose 520 

Verlauf  und  Prognose 521 

Lähmung  des  N.  medianus ^ 523 

Lähmung  des  N.  ulnaris 524 

Therapie 526 

Combinirte  Lähmungsformen 528 

Entbindungslähmungen 529 

g.  Lähmung  im  Gebiet  der  Lumbal-  und  Sacralnerven     .    .  531 

Lähmung  des  N.  cruralis 531 

Lähmung  des  N.  obtnratorius 533 

Lähmung  der  N.  glutaei 533 

Lähmung  des  N.  ischiadicus 534 

Aetiologie 534 

Symptomatologie  .    .    .' 535 

Diagnose 539 

Therapie 540 

IL  Anatomische  Erkrankungen  der  peripheren  Nerven 542 

1.  Hyperämie  der  Nerven 542 

2.  Entzündung  der  Nerven.    Neuritis 543 

Aetiologie 544 

Pathologische  Anatomie 546 

Symptomatologie 549 

Acute  Neuritis 549 

Chronische  Neuritis  . " 550 

Folgeerscheinungen 551 

Dauer.    Verlauf.    Ausgänge 553 

Diagnose 556 

Prognose 557 

Therapie 557 

3.  Atrophie  der  Nerven .-    .    .  559 

4.  Hypertrophie  und  Neubildung  an  den  Nerveti 565 

Hypertrophie 565 

Neubildungen  an  den  Nerven 566 

Pathologische  Anatomie 567 

Wahre  und  falsche  Neurome 567 

Aetiologie 570 

Symptomatologie 571 

Diagnose.    Prognose 574 

Therapie 575 


KRANKHEITEN 


der 


Peripheren -Cerebrospinalen  Nerven 


von 


PBOFESSOB  DE.  W.  EBB. 


Handbach  d.  spec.  Pathologie  u.  Therapie.    XIL  Bd.  I.    /.Aufl. 


EINLEITUNG. 

Der  allgemeine  Aufschwung,  welchen  die  Neuropathologie  in  den 
letzten  Decennien  genommen  hat,  ist  nicht  ohne  Einflass  auf  die 
Pathologie  der  peripheren  Nerven  geblieben.  Auch  diese  hat  wesent- 
liche Förderung  erfahren. 

Freilich  ist  diese  Förderung,  der  Natur  der  Sache  nach,  eine 
vorwiegend  einseitige  geblieben:  sie  hat  sich  fast  ausschliesslich  be- 
schränkt auf  die  genauere  Feststellung  der  klinischen  Erscheinungen 
und  auf  die  weitere  Entwickelung  der  Therapie.  Gegenttber  dem, 
was  in  diesen  Richtungen  geleistet  wurde,  sind  unsere  Fortschritte 
in  Bezug  auf  die  Eenntniss  der  pathologisch-anatomischen  Verände- 
rangen  an  den  peripheren  Nerven,  in  Bezug  auf  die  Erkenntniss  des 
eigentlichen  Wesens  ihrer  Erkrankungen  verhältnissmässig  gering  ge- 
wesen, wenn  auch  allerdings  hier  manches  Erfreuliche  geleistet  worden 
ist  In  der  That  sind  wir  fUr  zahllose  Einzelfälle  und  fUr  die  meisten 
allgemeüien  Formen  der  Erkrankung  peripherer  Nerven  weder  ttber 
die  Art,  noch  auch  häufig  über  den  Ort  der  zu  Grunde  liegenden 
anatomischen  Läsion  sicher  orientirt  und  ein  Blick  in  die  bedeu- 
tendsten  neueren  Lehrbücher  der  Nervenkrankheiten  gewährt  in  dem 
den  anatomischen  Erkrankungen  gegenüber  den  „  fonctionellen " 
Störungen  der  peripheren  Nerven  zugemessenen  Raum  ein  treues 
Abbild  des  heutigen  Standes  unserer  Kenntnisse. 

So  müssen  wir  denn  noch  immer  den  alten  Standpunkt  der 
Trennung  von  „  functionellen "  und  „  organischen "  Krankheiten  beibe- 
halten. Wir  begegnen  zuerst  einer  grossen  Gruppe  von  Erkrankungen 
der  peripheren  Nerven,  bei  welchen  ausgesprochene  Functionsstörungen 
(Schmerz,  Anästhesie,  Krampf,  Lähmung  u.  s.  w.)  vorhanden  sind, 
bei  welchen  wir  jedoch  keine  constanten  anatomischen  Läsionen  nach- 
zuweisen vermögen:  wir  bezeichnen  sie  deshalb  als  functionelle 
Erkrankungen,  oder  wohl  auch  als  „Neurosen''  der  peripheren 
Nerven.    In  einer  anderen  kleineren  Gruppe  lassen   sich   dagegen 

deutliche  anatomische  Veränderungen  (entzündliche  und  degenerative 

1* 


4       EbB|  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven.    Einleitung. 

Vorgänge^  Neubildungen  u.  dgl.)  nachweisen,  welche  der  Darstellung 
zu  Grunde  gelegt  werden  können  und  hier  sprechen  wir  von  ana- 
tomischen (oder  wohl  auch  „organischen^)  Erkrankungen  der 
peripheren  Nerven. 

Beide  Gruppen  gehen  ohne  scharfe  Grenzen  und  in  mannichfachster 
Weise  ineinander  über:  in  der  ersten  Gruppe  finden  wir  —  mit  zu- 
nehmender Erkenntniss  in  steigender  Zahl  —  immer  einzelne  Fälle, 
welche  anatomische  Veränderungen  darbieten  und  die  Functions- 
störungen  in  den  Fällen  der  zweiten  Gruppe  pflegen  dieselben  zu 
sein,  wie  jene,  welche  die  Fälle  der  ersten  Gruppe  charakterisiren« 
Die  Zukunft  wird  hoffentlich  uns  einer  Verschmelzung  der  beiden 
Gruppen  immer  näher  fUhren,  d.  h.  sie  wird  uns  in  immer  steigen- 
dem Haasse  als  die  Grundlage  der  functionellen  Störungen  bestimmte, 
wenn  auch  noch  so  feine  anatomische  Veränderungen  kennen  lehren. 
Von  diesem  idealen  Ziele  sind  wir  ireilich  noch  weit  entfernt 

Einstweilen  haben  wir  dem  mangelhaftien  Zustand  unserer  Kennt- 
nisse Rechnung  zu  tragen  und  das  praktische  Bedürfniss  gebietet 
uns  die  Beibehaltung  der  seitherigen  Gruppirung  in  functionelle  und 
anatomische  Krankheiten.  Die  grössere  Häufigkeit  und  Bedeutung 
der  ersteren  rechtfertigt  gewiss  ihre  Besprechung  an  erster  Stelle 
und  es  wird  sich  dieselbe  nicht  beschränken  lassen  auf  die  functio- 
nellen Störungen  im  engsten  Sinne  des  Wortes,  sondern  sie  wird 
entsprechend  der  symptomatologischen  Bedeutung  dieser  Störungen 
ftir  eine  grosse  Zahl  sehr  sinnfälliger  Erkrankungen  des  peripheren 
und  centralen  Nervensystems  auch  manche  Dinge  in  ihren  Kreis  ziehen 
mttssen,  die  streng  genommen  über  das  Gebiet  der  Neurosen  hinaus- 
gehen. Das  praktische  Bedürfniss  und  die  Forderung  einer  einheit- 
lichen und  vollständigen  Darstellung  rechtfertigen  diesen  Uebergriff 
auf  verwandte  Gebiete.  Wir  werden  auch  bei  dieser  Gruppe  die 
Schilderung  vielfacher  anatomischer  Veränderungen  an  den  Nerven 
nicht  umgehen  können,  welche  die  Forschungen  der  letzten  Jahre 
an's  Licht  gezogen  haben.  Eine  systematische  Darstellung  derselben, 
soweit  sie  sich  jetzt  schon  auch  symptomatologisch  als  bestimmte, 
einheitliche  Krankheitsformen  bezeichnen  lassen,  wjrd  den  Gegen- 
stand des  zweiten  Abschnittes  bilden. 


Fnnct.  £rkr.  (Neorosen)  d.  periph.  Nerven.  Neurosen  d.  sensiblen  Nerven.    5 

FUNCTIONELLE  ERKRANKUNGEN  (NEUROSEN) 
DER  PERIPHEREN  NERVEN. 

Romberg,  Lehrbuch  d.  Nervenkrankheiten.  2.  u.  3.  Aufl.  Bd.  1.  —  Hasse, 
Krankheiten  des  Nervensyst.  2. Aufl.  1869.  —  M.  Rosenthal,  Handb.  d.  Diagnost. 
n.  Ther.  der  Nervenkrankheiten.  1870  u.  Klinik  der  Nervenkrankheiten  1875.  — 
A.  Eulenburg,  Lehrb.  d.  functionellen  Nervenkrankh.  1871.  —  Hammond, 
Diseases  of  the  nervous  System.  3.  Aufl.  1873.  —  Benedict,  Elektrotherapie 
1868.    Nervenpathologie  etc.  1874.  — 

Vgl.  ausserdem  die  Literatur  der  folgenden  Hauptabschnitte  u.  die  Lehrb.  d. 
Elektrotherapie. 

NeimseB  der  sensibleB  Ner?eB« 

Störungen  in  der  Function  der  centripetalen  (im  Allgemeinen 
wohl  auch  als  „sensible*"  bezeichneten)  Nervenbahnen  bilden  das 
Wesen  und  die  Hauptsache  der  sogenannten  Sensihilitätsneu- 
rosen.  Alle  pathologischen  Erscheinungen  auf  dem  Gebiete  der 
centripetalen  Leitungsbahnen  und  ihrer  peripheren  sowohl  wie  cen- 
tralen Endapparate  können,  wenn  sie  eine  gewisse  Selbstständigkeit 
erlangen  y  Sensibilitätsneurosen  darstellen  oder  wenigstens  Theiler- 
scheinungen  von  solchen  bilden. 

Es  ist  nach  allgemeinpathologischen  Grundsätzen  klar,  dass  diese 
krankhaften  Störungen  in  analoger  Weise  zu  Stande  kommen  müssen, 
wie  die  normale  Function  der  Empfindungsapparate.  Ein  kurzer  Blick 
auf  die  normalen  Vorgänge  bei  der  Empfindung  wird  leicht  erkennen 
lassen,  nach  welchem  Schema  die  pathologischen  Empfindungsvor- 
gänge,  welche  eben  das  Wesen  der  Sensibilitätsneurosen  bilden,  zu 
Stande  kommen.  Ganz  allgemein  wird  jede  Empfindung  dadurch 
hervorgerufen,  dass  irgend  ein  äusseres  Agens,  ein  Reiz,  in  einem 
beliebigen,  erregbaren  Theile  des  Empfindungsapparates  eine  Ver- 
änderung hervorruft  und  dadurch  diesen  Theil  in  Erregung  ver- 
setzt Für  gewöhnlich  sind  es  die  peripheren  Endapparate  der 
Empfindungsnerven,  welche  gereizt  werden  und  in  welchen  also  der 
Erregungsvorgang  entsteht.  Dieser  Erregungsvorgang  aber  wird  nun 
in  den  centripetalen  Nervenbahnen  nach  dem  Gesetze  der  isolirten 
Leitung  fortgeleitet  bis  zu  den  nervösen  Centralorganen.  Hier 
endlich  wird  er  übertragen  auf  die  centralen  Endapparate  der  cen- 
tripetalen Leitungsbahnen  und  ruft  in  denselben  Veränderungen  her- 
vor, welche  die  Grundlage  der  bewussten  Empfindung  bilden, 
lieber  die  feinere  Art  und  Weise  dieser  Vorzüge,  auch  über  den 
Ort  im  Gehirn,  an  welchem  dieselben  stattfinden,  wissen  wir  noch 
nichts  Genaueres. 


6  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

Die  VerbiDduDgen  der  centripetaleD  Leitungsbahnen  mit  den 
centralen  Empfindnngsapparaten  im  Gehirn  sind  jedoch  nicht  die 
einzigen  y  welche  diese  Bahnen  eingehen.  Es  kommen  hier  noch 
weitere,  ebenfalls  wohl  grösstentheils  in  den  Centralorganen  liegende 
Verbindungen  theils  mit  anderen  Theilen  des  Empfindungsapparates 
theils  mit  centrifugalen  Leitungsbahnen,  nämlich  mit  motorischen^ 
vasomotorischen,  secretorischen  Nerven  vor :  daher  die  von  der  Phy- 
siologie mehr  oder  weniger  genau  studirten  Vorgänge  der  Irradiation 
der  Empfindung  (Mitempfindung),  der  Reflexbewegungen,  der  Reflexe 
auf  vasomotorische  Nerven,  auf  die  Secretionsorgane  n.  s.  w.  Diese 
Verbindungen  scheinen  sogar  noch  auf  weitere,  entferntere  Nerven- 
gebiete wirksam  sein  zu  können,  so  dass  von  centripetalen  Erregungen 
aus  Modificationen  der  Herzthätigkeit,  der  Respirationsthätigkeit,  der 
Verdauung  n.  s.  w.  eintreten  können.  So  wenig  bekannt  die  ana- 
tomischen Bahnen  flir  alle  diese  Vorgänge  auch  zur  Zeit  noch  sind, 
so  sicher  ist  es,  dass  dieselben  in  der  Pathologie  der  Empfindungs- 
apparate eine  grosse  Rolle  spielen,  wie  die  weitere  Betrachtung  zeigen 
wird. 

Die  zahllosen  Empfindungen^  welche  auf  diese  Art  zum  Bewusst- 
sein  gebracht  werden,  zeigen  die  allergrösste  Verschiedenheit  in  Be- 
zug auf  ihre  Qualität  und  ihre  Stärke.  Die  qualitative  Ver- 
schiedenheit der  Empfijidungen  kann  entweder  bedingt  sein  durch 
die  qualitative,  anatomische  Verschiedenheit  der  den  Reiz  aufnehmen- 
den Endapparate  —  daher  die  Thatsache,  dass  gewisse  Empfindungs- 
apparate nur  ganz  bestimmte  Empfindungen  vermitteln,  nur  für  be- 
stimmte Reize  erregbar  sind  (höhere  Sinnesorgane,  Tastorgan) ;  oder 
sie  ist  bedingt  durch  die  verschiedene  Qualität  der  Reize  —  daher 
die  Thatsache,  dass  ein  und  derselbe  Empfindungsapparat  durch  ver- 
schiedene Reize  in  verschiedener  Weise  erregt  wird  nnd  eben  dadurch 
die  qualitative  Verschiedenheit  der  Reize  zum  Bewusstsein  bringt. 

Die  quantitative  Verschiedenheit  der  Empfindungen,  die 
Intensität,  die  Stärke  derselben,  kann  bedingt  sein  entweder  durch 
die  der  mannichfachsten  Abstufxing  fähige  Reizstärke  oder  durch  den 
jeweiligen  Grad  der  Erregbarkeit  der  Empfindungsapparate;  je  höher 
diese  Erregbarkeit  im  gegebenen  Momente  ist,  je  leichter  die  Empfin- 
dungsapparate durch  den  einwirkenden  Reiz  verändert  werden,  desto 
grösser  wird  die  Stärke  der  Empfindung  sein;  je  geringer  dagegen 
diese  Erregbarkeit  ist,  desto  kleiner  wird  die  Intensität  der  Empfin- 
dung sein,  welche  durch  einen  gegebenen  Reiz  hervorgerufen  wird. 
Für  gewöhnlich  bewahren  allerdings  unsere  Empfindungsapparate 
einen  gewissen  mittleren  Grad  der  Erregbarkeit,  so  dass  es  uns  unter 


Fonct.  Erkr.  (Neurosen)  d.  periph.  Nerreo.  Neurosen  d.  sensiblen  Nerven.     7 

normalen  Verhältnissen  ermöglicht  ist,  aus  der  Stärke  unserer  Empfiu- 
dang  unmittelbar  einen  Schluss  auf  die  Grösse  des  einwirkenden 
Reizes  zu  ziehen.  Unter  pathologischen  Verhältnissen  jedoch  kann 
das  anders  sein. 

Die  pathologischen  Veränderungen  der  Empfindungsvor- 
gänge,  welche  das  Wesen  der  Sensibilitätsneurosen  bilden,  lassen  sich 
genau  auf  dieselben  Momente  zurückführen.  Wir  begegnen  unter 
pathologischen  Verhältnissen  ganz  besonders  häufig  Anomalieninder 
Stärke  der  Empfindungen.  Dieselben  können  bedingt  sein 
1.  durch  eine  Veränderung  in  der  Erregbarkeit  der  Em- 
pfindungsapparate, welche  unter  physiologischen  Verhältnissen 
auf  nahezu  derselben  Stufe  gleichmässig  verharrt.  Wir  begegnen 
hier  a)  einer  Steigerung  der  Erregbarkeit,  einer  erhöhten 
Reizempfänglichkeit,  so  dass  leichte  Reize  schon  sehr  lebhafte  Er- 
regungSYorgänge  setzen  und  sehr  rasch  die  höheren  Grade  der  Em- 
pfindung, bis  zum  wirklichen  Schmerz,  hervorrufen.  Diesen  Zustand, 
in  welchem  offenbar  eine  grössere  moleculäre  Beweglichkeit  in  den 
Empfindungsapparaten  besteht,  bezeichnet  man  gewöhnlich  als  Hy- 
perästhesie. Dieselbe  kann  an  verschiedenen  Stellen  des  Em- 
pfindungsapparates zustande  kommen:  einmal  können  es  die  peri- 
pheren Endapparate  sein,  welche  eine  grössere  Beweglichkeit 
ihrer  Molecüle,  eine  grössere  Erregbarkeit  acquirirt  haben  und  aut 
jeden  Reiz  einen  unverhältnissmässig  intensiven  Erregungsvorgang  aus- 
lösen; öderes  kann  an  irgend  einer  Stelle  der  leitenden  Bahnen 
eine  Veränderung  bestehen,  vermöge  deren  ein  von  der  Peripherie 
kommender  normal  starker  Erregungsvorgang  zu  einer  beträcht- 
licheren Grösse  anschwillt  und  von  der  erkrankten  Stelle  aus  als  ein 
stärkerer  Erregungsvorgang  zum  Gentralorgan  fortgeleitet  wird ;  oder 
endlich  kann  in  den  centralen  Empfindungsapparaten  ein 
solcher  Zustand  von  Leichtbeweglichkeit  bestehen,  dass  die  von  der 
Peripherie  zugeleiteten  Erregungen  eine  unverhältnissmässig  lebhafte 
Veränderung  des  Bewusstseins ,  mit  andern  Worten  eine  abnorm 
starke  Empfindung  hervorrufen.  Fttr  alle  diese  Modi  lassen  sich  aus 
der  täglichen  Erfahrung  am  Krankenbett  leicht  die  nöthigen  Beispiele 
aufteilen. 

In  andern  Fällen  aber  begegnen  wir  b)  einer  verminderten 
Erregbarkeit  der  Empfindungsapparate,  so  dass  leichte  Reize  gar 
nicht  oder  nur  ganz  undeutlich,  starke  Reize  nur  schwach  oder  end- 
lich in  den  höchsten  Graden  gar  nicht  mehr  empfunden  werden. 
Das  ist  der  als  Anästhesie  bezeichnete  Zustand ,  in  welchem  wir 
eme  grössere  Schwerbeweglichkeit  oder  selbst  völlige  Unbeweglich- 


8  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

keit  der  Moleoüle  des  EmpfinduDgsapparates  annehmen  mttssen.  Auch 
die  Anästhesie  kann  in  derselben  Weise  wie  die  HypeiiUithesie  an 
yersehiedenen  Stellen  des  Empfindungsapparates  verursacht  werden :  es 
können  die  peripheren  Endapparate  in  einen  Zustand  yemua^ 
derter  oder  au%ehobener  Erregbarkeit  gerathen  sein  und  so  das 
Entstehen  des  Erregnngsvoi^angs  erschweren  oder  unmöglich  machen ; 
oder  es  können  sich  in  den  leitenden  Bahnen  Hindemisse  für  die 
Fortleitung  des  Erregungsvorgangs  einstellen ,  so  dass  diese  Fort- 
leitung erschwert,  yerlangsamt  oder  gänzlich  gehemmt  wird;  odw 
endlich  es  können  die  centralen  Empfindungsapparate  sich 
den  zugeleiteten  ErregungsYorgängen  gegenüber  minder  erregbar  ver- 
halten und  so  eine  im  Verhältniss  zur  Stärke  dieser  Vorgänge  nur 
geringe  Veränderung  des  Bewusstseins  entstehen  lassen.  Auch  diese 
Zustände  kommen  alle  in  der  Pathologie  des  Nervensystems,  wenn 
auch  in  sehr  verschiedener  Häufigkeit  vor.  Es  ttberwiegen  hier  die 
n  Leitungsanästhesien  ^  bedeutend. 

Anomalien  in  der  Stärke  der  Empfindungen  können  aber  auch 
bedingt  sein  durch 

2.  Veränderungen  der  Reizstärke  und  zwar  am  häufigsten 
durch  abnorm  starke  Reize;  sie  rufen  abnorm  starke  Verände- 
rungen in  den  Empfindungsapparaten  hervor,  die  gradweise  Abstu- 
fiingen  bis  zum  höchsten  Schmerz  darbieten  können.  Solche  abnorm 
starke  Reize  sind  am  besten  bekannt  als  intensive  äussere  Einwirkun- 
gen: Traumen,  chemische  Einwirkungen,  Hitze  und  Kälte  u.  s.  w.; 
sie  können  aber  ebenso  gut  auch  im  Organismus  selbst  entstehen 
und  von  hier  aus  auf  die  Empfindungsapparate  einwirken;  sie  rufen 
dann  die  Empfindungen  (Schmerzen  u.  dgl.)  hervor,  die  man  gewöhn- 
lich als  spontane  bezeichnet,  um  sie  von  den  durch  äussere  be- 
kannte Reize  hervorgerufenen  zu  unterscheiden.  Solche  innere  Reize 
können  geliefert  werden  von  Entzündungen ,  Hyperämien ,  Druck  von 
Neubildungen,  Ernährungsstörungen  u.  dgl.  Ob  auch  eine  verminderte 
Einwirkung  normaler  Reize  —  abnorm  schwacher  Reiz  —  zu  patho- 
logischen Veränderungen  der  Empfindungsvorgänge  fllhren  kann^ 
darf  wohl  noch  als  zweifelhaft  angesehen  werden. 

Die  bisher  erwähnten  pathologischen  Vorgänge  sind  aber  nicht 
die  einzigen ,  welche  an  dem  Empfindungsapparate  in  die  Erscheinung 
treten;  denn  wir  beobachten  häufig  auch  Anomalien  in  der  Qua- 
litätderEmp  findungen.  Es  treten  dann  neue,  ungewohnte,  von 
nicht  adäquaten  Reizen  hervorgerufene  Empfindungen  auf;  Empfin- 
dungen ,  die  mit  manchen  von  äusseren  Reizen  hervorgerufenen  eine 
gewisse  AehnUchkeit  besitzen  und  auch  darnach    benannt  werden, 


Fnnct  Erkr.  (Neurosen)  d.  periph.  Nerven.  Neurosen  d.  sensiblen  Nerven.    9 

welche  aber  spontan  entstehen ,  durch  innere  Reize.  Hierher  geboren 
die  Empfindungen  des  Ameisenlaufens  (Formication) ,  des  Juckens, 
des  Taubseins,  des  Pelzigseins,  Brennens  u.  dgl.,  welche  oft  von  den 
Kranken  nicht  genauer  beschrieben  werden  können ,  sich  aber  meist 
von  den  gewöhnlichen  Empfindungen  in  auffallender  Weise  qualitativ 
unterscheiden.  Es  ist  zweckmässig,  diese  eigenthttmlichen,  in  patho- 
logischen Fällen  nicht  gerade  selten  vorkommenden  Empfindungen 
mit  der  gemeinschaftlichen  Bezeichnung:  Parästbesien  zu  belegen. 
Auch  diese  Empfindungen  können  wahrscheinlich  an  verschiedenen 
Stellen  des  Empfindnngsapparates  (peripherisch,  central  oder  an 
ii^nd  einer  Stelle  der  Leitungsbahn)  ihren  Ursprung  nehmen ;  doch 
wissen  wir  über  ihre  Entstehungsweise  und  ihre  Ursachen  noch  sehr 
wenig.  Es  handelt  sich  hier  fast  immer  um  abnorme  innere  Reize, 
und  man  kann  vermuthen ,  dass  bestimmte  Ernährungsstörungen,  oder 
abnorme  Circulationsverhältnisse  oder  gewisse  mechanische  und  ther- 
mische Einwirkungen  am  häufigsten  solche  Parästbesien  hervorrufen. 
Es  mag  genttgen,  in  dieser  kurzen  Weise  auf  die  allgemeinpatho- 
logischen Begriffe  der  Hyperästhesie,  Anästhesie  und  Parästhesie  hin- 
gewiesen und  dieselben  charakterisirt  zu  haben  als  Symptome  von 
Seiten  des  Empfindungsapparates,  welche  bei  den  verschiedensten 
Nervenkrankheiten  vorkommen  können  und  speciell  bei  den  Sensi- 
bilitiUsneurosen  als  häufige  Theilerscheinungen  in  dem  Krankheits- 
bilde auftreten ').  Ebenso  müssen  wir  uns  hier  darauf  beschränken, 
kurz  hinzuweisen  auf  gewisse  physiologische  Gesetze,  welche  ftlr  die 
Vorgänge  in  den  Empfindungsapparaten  gefunden  sind  und  welche 
natürlich  auch  in  pathologischen  Zuständen  ihre  Geltung  behalten 
und  uns  vielfach  willkommene  Erklärungen  ftlr  pathologische  Vor- 
gänge an  die  Hand  geben.  Diese  Gesetze  sind:  das  Gesetz  der 
isolirten  Leitung,  nach  welchem  der  in  einer  centripetalen  Faser 
erzeugte  Erregungsvorgang  nur  in  dieser  bis  zu  den  Centralapparaten 
fortgeleitet   und   nicht  auf  andere   benachbarte  Fasern   übertragen 


1)  A.  Eulenburg  hat  in  seinem  Lehrbuch  die  verschiedenen  Arten  der  Hy- 
perästhesie und  Anästhesie,  sofern  sie  sich  auf  verschiedene  Eropfindungsqualitä- 
ten  (Sinnesempfindung  und  Gemeingefühle)  beziehen,  durch  besondere  Bezeichnun- 
gen schärfer  zu  trennen  gesucht;  er  bezeichnet  die  entsprechenden  Anomalien 
des  Gemeingefühls  im  Allgemeinen  als  Hyperalgie,  Analgie  und  Paralgie;  diejeni- 
gen des  Schmerzgefühls  insbesondere  als  Hyperalgesie  und  Analgesie;  diejenigen 
der  Tastempfindung  als  Hyperpselaphesie  und  Apselaphesie  (nach  Eigenbrodt) 
Q.  s.  w.  —  Diese  Bezeichnungen  dürften  sich  schon  ihrer  Schwerfälligkeit  halber 
nur  schwer  Eingang  verschaffen ;  auch  erscheint  die  Trennung  von  Hyperalgie  und 
Hyperalgesie  etymologisch  nicht  hinreichend  begründet.' 


10  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

wird;  das  Gesetz  der  excen  tris  eh  enPr  oje  et  ion,  nach  welchem 
ErregaDgsvorgänge ,  welche  den  centralen  Empfindungsapparat  selbst 
oder  irgend  eine  beliebige  Stelle  der  centripetaleu  Leitung  treffen, 
im  Bewusstsein  nur  an  die  Peripherie  der  betreffenden  Leitungs- 
bahnen verlegt  werden,  von  welcher  erfahrungsgemäss  die  physio- 
logischen Erregungen  stets  auszugehen  pflegen.  (Hierher  die  vielfach 
in  der  Literatur  aufgeführten  Fälle,  wo  Reizungen  der  Nervenstttmpfe 
amputirter  Gliedmassen  in  diese  selbst  verlegt  werden;  die  Fälle,  wo 
Beizungen  der  centripetalen  Leitungsbahnen  im  Rückenmark  oder 
Gehirn  in  die  Haut  der  Extremitäten  verlegt  werden  u.  s.  w.) ;  ferner 
das  Gesetz  der  Mitempfindung  oder  Irradiation,  nach 
welchem  Erregungen  centripetaler  Bahnen  im  Gentralorgan  (wahr- 
scheinlich nur  durch  Vermittlung  gangliöser  Apparate  in  der  grauen 
Substanz)  auf  andere  centripetale  Bahnen  übertragen  werden  können 
und  dadurch  (Mit-)  Empfindungen  erzeugen ,  welche  wieder  im  Be- 
wusstsein nach  dem  Gesetz  der  excentrischen  Projection  in  die  Peri- 
pherie verlegt  werden ;  nach  diesem  Gesetz  kann  periphere  Erregung 
einer  centripetalen  Faser  begleitet  sein  von  einer  Empfindung  an 
einer  "mehr  oder  weniger  entfernten  Stelle  der  Peripherie;  z.  B.  Auf- 
treten eines  „irradiirten^'  Schmerzes  im  Rücken  bei  starker  Reizung 
im  Gebiete  eines  Ischiadicus  u.  s.  w.  —  endlich  das  Gesetz  der 
Reflexe,  nach  welchem  Erregungen  centripetaler  Leitungsbahnen 
im  Gentralorgan  (ebenfalls  nur  in  der  grauen  Substanz  durch  Ver- 
mittlung von  GangUenapparaten)  auf  centrifugale  Leitungsbahnen  — 
motorische,  vasomotorische  und  secretorische  Nerven  —  übertragen 
werden  können  und  an  der  Peripherie  die  specifische  Wirkung  der- 
selben auslösen.  Diese  Reflexttbertragungen  geschehen  nach  einem 
ganz  bestimmten  von  der  Physiologie  ermittelten  Schema  und  spielen 
in  der  Lehre  von  den  Sensibilitätsneurosen  eine  grosse  Rolle. 


Die  Eindrücke ,  welche  uns  durch  den  Empfindungsapparat  ver- 
mittelt werden ,  werden  von  unserm  Bewusstsein  zumeist  auf  Verän- 
derungen in  der  Aussenwelt  bezogen  und  alle  diese  durch  äussere 
Einwirkungen  hervorgerufenen  Bewusstseinsänderungen  bezeichnet 
man  wohl  auch  als  objective  Empfindungen.  Ausserdem  ver- 
mitteln aber  die  Empfindungsapparate  auch  noch  Eindrucke,  welche 
unmittelbar  von  Veränderungen  unseres  eignen  Leibes  hervorgerufen 
werden  und  die  man  als  Gefühle,  als  subjective  Empfindungen 
bezeichnet.  Die  Summe  aller  dieser,  in  mannichfacher  Form  auftre- 
tenden Gefühle  bezeichnet  man  als  das  Gemeingefühl.  Eigent- 
lich sind  ja  alle  unsere  Empfindungen  von  Veränderungen  der  Em- 


Funct.  Erkr.  (Neurosen)  d.  periph.  Nerven.    Neurosen  d.  sensiblen  Nerven.    1 1 

pfindimgsapparate  erzeugt;  dieBelben  kommen  uns  aber  nur  bei  einem 
Theil  derselben  zum  Bewusstsein*  So  haben  wir  in  den  höhern 
Sinnesapparaten,  Auge  und  Ohr,  fast  nur  objective  Empfindungen, 
d.  h.  wir  verlegen  die  betreffenden  Reize  ohne  Weiteres  in  die  Aussen- 
welt  und  werden  uns  der  dabei  stattfindenden  Veränderung  des  Sinnes- 
organs selbst  keineswegs  bewusst.  Nur  unter  ganz  besonderen  Ver- 
hältnissen oder  bei  aussergewöhnlich  heftigen  Einwirkungen  werden 
subjective  Qeftihle  erregt,  die  auf  eine  Veränderung  der  Sinnesorgane 
selbst  bezogen  werden  und  wir  sagen  dann,  dass  etwas  „dem  Auge 
oder  Ohre  wohl  oder  weh  thut".  Viel  lebhafter  und  häufiger  aber 
werden  diese  subjectiyen  Empfindungen  bei  jenen  Sinnesapparaten, 
bei  welchen  wir  die  Einwirkungsstelle  des  Reizes  direet  in  die  peri- 
pheren Endapparate  zu  verlegen  gewohnt  sind,  sobei  den  Empfindun- 
gen, welche  die  Haut  oder  die  Zunge  vermitteln.  Hier  sind  fast  alle 
Empfindungen  zugleich  von  dem  Gefühl  der  Veränderung  des  eignen 
Körpers  begleitet  und  subjective  und  objective  Empfindung  werden  im 
Bewusst^in  nicht  immer  scharf  getrennt.  Je  nach  der  Stärke  und 
Art  des  Reizes,  je  nach  dem  Grade  der  Reizempfänglichkeit,  der 
(JefÜhlserregbarkeit  tritt  bald  die  objective,  bald  die  subjective 
Empfimdung  im  Bewusstsein  stärker  hervor.  Gewisse  Arten  von  Rei- 
zen und  gewisse  Intensitätsgrade  derselben  einerseits,  gewisse  Em- 
pfindungsapparate (Genitähierven  z.  B.)  andrerseits  sind  es,  welche 
vorwiegend  Gemeingeftlhle  vermitteln.  Zu  diesen  GemeingefUhlen 
rechnet  man  gewöhnlich  Kitzel,  Jucken,  Schmerz ^  Schauder,  Wol- 
lust ,  Hunger  und  Durst  u.  s.  w.  Auch  sie  spielen  in  der  Pathologie 
des  Nervensystems  eine  wichtige  Rolle  und  ganz  besonders  sind  es 
die  von  dem  Hautorgan  ausgehenden,  sogenannten  cutanen  Gemein- 
geftthle,  welchen  wegen  der  Häufigkeit  und  Intensität  ihres  Auftretens 
in  Krankheiten  eine  grosse  praktische  Wichtigkeit  besitzen  und  des- 
halb besondere  Beachtung  verdienen. 

Das  universellste  und  häufigste  von  allen  Gemeingeflihlen,  welches, 
wie  es  scheint,  von  fast  allen  Empfindungsapparaten  aus  im  Bewusst- 
sein hervorgerufen  werden  kann,  ist  der  Schmerz.  Der  Schmerz 
ist  ein  praktisch  so  wichtiges  Krankheitssymptom  und  spielt  gerade 
bei  den  Sensibilitätsneurosen  eine  so  hervorragende  Rolle,  dass  eine 
kurze  Besprechung  desselben  hier  ftiglich  nicht  umgangen  werden 
kann. 

Der  Schmerz  ist  in  vielen  Krankheitsfällen  das  erste  und  bleibt 
in  manchen  das  einzige  Krankheitssymptom;  er  ist  fdr  die  meisten 
Kranken  die  lästigste  und  deshalb  für  dieselben  wichtigste  Erschei- 
nung;  er  hat  nicht  minder  fttr  den  Arzt  eine  sehr  hohe  Bedeutung, 


12  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nenren. 

weil  er  in  häufigen  Fällen  Anischluss  gibt  über  den  Sitz,  die  Art^ 
die  Intensität  der  Krankheit.  —  Schmerz  kommt  in  allen  mdglicben 
Graden  und  Modificationen  vor;  von  der  leichtesten,  unangenehmen 
Empfindung  bis  zn  den  höchsten,  kanm  erti^Uchen  Graden,  welche 
den  Menschen  wahnsinnig  machen,  zur  Verzweiflung  bringen  und  zum 
Selbstmord  treiben  können,  kommen  alle  möglichen  AbstuAmgen  des 
Schmerzes  in  Krankheiten  vor.  Aus  diesen  Abstufungen  lassen  sich 
aber  nur  selten  bestimmte  Schlflsse  auf  die  Art  oder  den  Grad  des 
zu  Grunde  liegenden  Leidens  ziehen ,  weil  der  Schmerz  als  ein  sub- 
jectives  Symptom  zu  sehr  yon  der  Individualität  des  Kranken,  seiner 
Reizempfänglichkeit,  seiner  psychischen  Stimmung,  seinem  Bildungs- 
grad abhängt;  wir  besitzen  eben  keinen  objectiven  Maassstab  für  den 
Grad  des  Schmerzes  und  können  denselben  aus  den  Angaben  der 
Kranken  nur  mit  genauester  Berücksichtigung  der  eben  erwähnten 
Momente  ungefähr  abschätzen. 

Ebenso  mannichfach  wie  die  Grade  des  Schmerzes  sind  auch 
die  Modificationen  desselben;  wir  pflegen  yerschiedene  Arten  des 
Schmerzes  zu  unterscheiden:  brennend,  reissend,  bohrend,  stechend, 
drückend,  dumpf  u.  s.  w.  wird  der  Schmerz  von  den  Kranken  ge- 
nannt. Wie  wir  sogleich  zeigen  werden,  sind  das  nicht  so  und  so 
viel  yerschiedene  Arten  des  Schmerzes,  verschiedene  Gemeingeflihley 
sondern  der  Schmerz  bleibt  immer  dieselbe  Bewusstseinsverändenmg, 
welche  aber  von  verschiedenen  gleichzeitigen  Empfindungen  begleitet 
sein  kann,  dadurch  gleichsam  ihr  Localzeichen  erhält.  So  haben 
wir  beim  brennenden  Schmerz  das  Geftlhl  einer  gleichzeitigen  Tem- 
peraturempfindung, beim  drückenden  die  Empfindung  eines  in  grösserer 
Ausdehnung  die  empfindenden  Apparate  mechanisch  insultirenden 
Körpers,  beim  stechenden  das  Gefühl  als  ob  einzelne  oder  wenige 
Nervenfesem  von  einem  spitzen  Körper  gereizt  würden  u.  s.  w. 
Spontan,  durch  innere  Reize  hervorgerufene  Schmerzen  vergleichen 
wir  im  Bewnsstsein  mit  solchen,  welche  durch  bekannte  äussere 
Reize  oder  durch  physiologische  Vorgänge  (z.  B.  Wehen)  hervorge- 
rufen werden  und  welche  ähnliche  Mitempfindungen  hervorriefen  und 
benennen  sie  darnach.  Endlich  scheint  auch  die  Anordnung  der 
empfindenden  Nervenbahnen  in  gewissen  Theilen,  die  Art  und  Weise 
der  pathologischen  Erregung  derselben  u.  dgl.  nicht  ohne  Einfluss  zu 
sein  auf  die  Art,  mit  welcher  Schmerzempfindungen  im  Bewnsstsein 
auftreten  und  beurtheilt  werden.  Jedenfalls  ist  es  auch  hier  bei 
unserer  Unkenntniss  der  betreffenden  feineren  Vorige  sehr  miss- 
lich, aus  der  Art  des  Schmerzes  bestimmte  Schlüsse  auf  die  zu 
Grunde    liegende  Krankheit  zu  ziehen.    Immerhin   hat  jedoch  Er- 


Funct  Erkr.  (NeuroMn)  d.  periph.  Nerven.  Neurosen  d.  sensiblen  Nenren.    13 

üahrnng  gelehrt,  dass  bei  gewissen  Krankheiten  bestimmte  Arten  des 
Schmerzes  ganz  besonders  häufig  vorkommen,  so  dass  sie  wohl  auch 
eine  gewisse  B^entnng  für  die  Diagnose  erlangen  können ,  so  z.  B. 
die  stechenden  Schmerzen  bei  Pleuritis,  die  reissenden  Schmerzen 
beim  Bheomatismus ,  die  bohrenden,  lancinirenden  Schmerzen  bei 
Neuralgien,  die  klopfenden  Schmerzen  bei  manchen  Entztlndnngen 
n.  8.  w. 

Die  meisten  (Gewebe  and  Organe  des  Körpers  können,  wie  es 
scheint,  der  Sitz  von  Schmerzen  werden,  jedoch  in  sehr  verschiedener 
Leichtigkeit  und  Häufigkeit.  Einzelne  Gewebe,  wie  der  Knorpel, 
werden  wahrscheinlich  nie  der  Sitz  von  Schmerzen,  andre,  wie  Muskel, 
Drflsensubstanzen,  bestimmte  Theile  des  Centralnervensystems  scheinen 
fflr  gewöhnlich  unempfindlich  und  werden  nur  unter  bestimmten 
pathologischen  Verhältnissen  Ausgangspunkt  von  Schmerzen ;  wieder 
andre,  die  äussere  Haut,  die  serösen  und  Synovialmembranen,  viele 
Theile  von  Schleimhäuten,  die  sensiblen  Nerven,  erzeugen  unter  pa- 
thologischen Verhältnissen  die  lebhaftesten  Schmerzen.  Gerade  die 
Oigane  und  Gewebe,  welche  unter  normalen  Verhältnissen  schon  die 
deutlichsten  und  häufigsten  Empfindungen  vermitteln,  sind  es  auch, 
wdche  unter  pathologischen  Verhältnissen  am  leichtesten  der  Sitz 
von  Schmerzen  werden,  und  in  welchen  wir  auch,  durch  eine 
reiche  physiologische  Erfahrung  belehrt,  die  Schmerzen  am  sichersten 
localisiren  können,  lieber  den  Sitz  eines  Schmerzes  in  der  äussern 
Haut,  den  mit  der  Körperoberfläche  communicirenden  Schleimhäuten, 
den  Gelenken  u.  dgl.  wird  nicht  leicht  eine  Täuschung  entstehen; 
dagegen  kann  tlber  die  Localisation  von  Schmerzen,  welche  in  phy- 
siologisch unempfindlichen  Organen  entstehen,  vielfach  Ungewissheit 
harschen,  und  wir  lernen  oft  erst  durch  mancherlei  Hilfsmittel  und 
Kunstgriffe  und  durch  reichere  Erfahrung  solche  Schmerzen  richtig 
localisiren.  Dies  gilt  weniger  von  den  durch  die  grösseren  Complexe 
von  sensiblen  Leitungsbahnen  vermittelten  Schmerzen  (eigentliche 
Nervenschmerzen,  Neuralgien),  bei  welchen  wenigstens  der  Arzt  mit 
Hilfe  seiner  anatomischen  Kenntnisse  meist  leicht  die  richtige  Loca- 
lisation machen  wird. 

Eine  genauere  Begriffsbestimmung  und  Definition  des  Schmerzes 
ist  vielfEM^h  versucht  worden;  doch  zeigen  die  widerstreitenden  An- 
sichten, dass  die  Sache  ihre  Schwierigkeiten  hat,  was  bei  einem 
Gegenstand,  der  zum  Theil  in  das  Gebiet  der  Psychologie  fällt,  nicht 
zu  verwundem  ist.  Von  Seite  der  Physiologen  und  Aerzte  stimmen 
wohl  die  meisten  Autoren  jetzt  darin  tiberein,  dass  Schmerz  das- 
jenige Gemeingeftthl  ist,  welches  nicht  einer  bestimmten  Qualität 


14  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

der  EmpfindoBg,  sondern  nur  einem  bestimmten  Grade  derselben 
inbärirt.  Valentin*)  nennt  Sehmerzen  „diejenigen  sensiblen  Ein- 
drücke, welcbe  ihrer  zn  grossen  Stärke  wegen  unangenehm  werden ''. 
Wundt')  bezeichnet  den  Schmerz  als  „ein  Qeftthl,  welches  alle 
stärkeren  intensiven  Reize  begleitet ** ;  und  A.  Eulenburg')  versteht 
unter  Schmerz  „  eine  graduelle  Steigerung  des  Gefühls,  welches  jeden 
Empfindnngsvorgang  begleitet*'.  So  schliessen  wir  uns  denn  auch 
der  Anschauung  an,  dass  jede  Steigerung  der  gewöhnlichen  sensiblen 
Beize  im  Stande  ist,  Schmerz  hervorzurufen,  sobald  sie  einen  gewissen 
Grad  erreicht ;  jeder  Erregungsvorgang,  der  eine  bestimmte  Intensität 
tiberschreitet,  jede  durch  einen  abnorm  starken  Reiz  hervorgerufene 
moleculare  Veiilnderung  der  centripetalen  Leitungsbahnen  wird  im 
Bewusstsein  als  Schmerz  anfgefasst.  Es  lässt  sich  durch  einfache 
Versuche  (Einwirkung  eines  «Ilmälig  wachsenden  Druckes  oder 
einer  bis  zum  Schmerzhaften  sich  steigernden  Temperatur  auf  die 
Haut  u.  dgl.)  zeigen ,  dass  durch  eine  ganz  allmälige  Zunahme  der 
Beizstärke  endlich  die  Schwelle  überschritten  wird,  jenseits  welcher 
der  Erregungsvorgang  von  Schmerz  begleitet  ist  und  dass  keine 
scharfe  Grenze  sich  angeben  lässt,  an  welcher  die  Druck-  oder 
Temperaturempfindung  aufhört  und  die  Schmerzempfindung  anfängt. 
Die  einfachste  Auffassung  scheint  demnach  die,  dass  der  Schmerz  die 
Beaction  des  Bewusstseins  auf  eine  gewisse  Stärke  des  Erregungs- 
vorgangs ist,  und  wir  sehen  vorläufig  keinen  Grund,  für  die  patho- 
logischen Schmerzen  eine  wesentlich  andere  Art  der  Entstehung 
anzunehmen,  als  für  die  bei  dem  einfachen  physiologischen  Versuch 
auftretenden.  Freilich  soll  damit  nicht  gesagt  sein,  dass  die  erforder- 
liche Stärke  des  Erregungsvorgangs  auch  unter  pathologischen  Verhält- 
nissen immer  durch  eine  Zunahme  der  Beizstärke  zu  Stande  kommt; 
sie  kann  auch  noch  aus  anderen  Bedingungen  entstehen  und  thut  dies 
wahrscheinlich  auch  in  der  Mehrzahl  der  pathologischen  Fälle. 

Es  ist  nach  dem  Gesagten  nicht  wohl  anders  zu  erwarten,  als  dass 
von  allen  centripetalen  Nervenbahnen  —  Hirn-  und  Bückenmarks- 
nerven —  her  gelegentlich  Eindrücke  von  schmerzhafter  Intensität  zum 
Bewusstsein  gelangen.  Am  häufigsten  sind  es  allerdings  die  speciell 
als  sensible  bezeichneten,  die  Tastempfindungen  und  die  meisten  Ge- 
meingefühle vermittelnden  Nerven,  welche  die  Leiter  von  Sehmerzen 
werden;  allein  es  lässt  sich  nicht  verkennen,  dass  auch  durch  die 
eigentlichen  Sinnesnerven  durch  Steigerung  ihrer  specifischen  Energie 

1)  Physiol.  Patiiol.  d.  Nerven  I.  S.  240. 

2)  Lehrb.  d.  Physiol.  d.  Menschen.  2.  Aufl.  S.  503. 

3)  Funcüonelle  Nervenkrankheiten.  S.  3i. 


Funct.  Erkr.  (Neurosen)  d.  periph.  Nerren.  Neurosen  d.  sensiblen  Nerven.    15 

und  der  sie  treffenden  specifischen  Reize  wirkliche  Schmerzempfin- 
dnngen  yermittelt  werden  können;  speciell  für  das  Auge  und  das 
Ohr  sind  die  grossen  Lichtintensitäten  und  gewisse  sehr  intensive 
SchaUerscheinungen  (Detonationen,  Dysharmonien,  schrilles  Knirschen 
und  Pfeifen  q.  dgl.)  die  Quelle  yon  Sinnesempfindungen,  welche  nach 
dem  allgemeinen  Sprachgebrauche  „  dem  Auge  oder  dem  Ohre 
wehe  thun." 

Es  hat  sonach  der  Schmerz,  wie  er  in  den  yerschiedenen  centri- 
petalen  Leitungsbahnen  zur  Vermittlung  kommt,  keine  specifischen 
Qualitäten.  Schmerz  ist  allerdings  gewissermassen  eine  neue  Em- 
pfindung, welche  erst  bei  einer  gewissen  Stärke  des  Erregungsvor- 
gangs  auftritt  und  eine  ganz  bestimmte  Veränderung  des  Bewusstsein- 
zustandes  darstellt,  die  yon  der  Vorstellung  einer  unangenehmen  Be- 
einträchtigung unseres  Ich  begleitet»  ist  und  die  wir  eben  als  Schmerz 
bezeichnen;  diese  neue  Empfindung  ist  aber  keineswegs  die  Folge 
einer  neuen  Art  des  Erregungsvorgangs  in  den  centripetalen  Bahnen, 
sondern  nur  der  Ausdruck  einer  bestimmten  Reaction  des  Bewusst- 
seins  auf  alle  Erregnngsyorgänge  von  einer  gewissen  Stärke.  Des- 
wegen rufen  auch  die  starken  Beize  in  allen  möglichen  yerschiedenen 
centripetalen  Bahnen  nur  die  eine  Empfindung:  Schmerz  heryor. 
Immerhin  kann  aber  dieser  Schmerzempfindung  durch  die  gleich- 
zeitige specifische  Erregung  der  Empfindungsapparate  ein  Element 
beigemischt,  gleichsam  ein  Localzeichen  aufgeprägt  werden,  ans 
welchem  wir  einigermassen  die  Ursache  und  den  Charakter  des 
Schmerzes  zu  erkennen  und  zu  bezeichnen  im  Stande  sind.  Wir 
können  mit  Hilfe  unseres  Tast-,  Temperatur-  und  Ortssinns  den 
Schmerz  durch  Einwirkung  eines  heissen  Gegenstandes  wohl  unter- 
scheiden yon  dem  durch  einen  Nadelstich  oder  durch  starken  Druck 
oder  durch  Schneiden  u.  s.  w.  Und  yon  der  Beimischung  solcher 
gleichzeitiger  Empfindungen,  yon  der  yerschiedenen  Localisation  des 
Erregungsyorgangs  und  ihrem  Wechsel  rührt  es  offenbar  her,  dass 
wir  auch  spontane,  in  krankhaften  Zuständen  auftretende  Schmerzen 
als  „brennend",  „reissend'',  stechend",  „bohrend",  „drückend"  u.  s.  w. 
bezeichnen.  Freilich  ist  damit  eine  Kenntniss  der  eigentlichen  Ur- 
sachen der  Verschiedenheiten  des  Erregungsyorgangs  noch  keines- 
wegs gegeben;  wir  wissen  nicht,  was  eigentlich  einen  krankhaften 
Schmerz  zu  einem  „brennenden"  oder  „stechenden"  macht;  es  handelt 
sich  hier  nur  um  eine  Vergleichung  yon  Empfindungen  innerhalb  des 
BewQSStseins  mit  solchen,  welche  auf  uns  bekannten  Ursachen  be- 
ruhen. 

Es  kann  somit  wohl  als  eine  der  Grundbedingungen  zum  Zu- 


16  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Standekommen  des  Schmerzes  betrachtet  werden,  dass  neben  Erreg- 
barkeit der  peripherischen  Endapparate  and  Intactsein  der  centripe- 
talen  Leitungsbahnen  yor  allen  Dingen  die  centralen  Empfindungs- 
apparate in  gehöriger  Weise  fdnctionsffthig  seien.  Genaueres  darttber 
auszusprechen,  ist  aber  bei  dem  heutigen  Stande  der  Himphysiologie 
nicht  erlaubt ;  soviel  nur  darf  man  wohl  mit  einigem  Recht  behaupten, 
dass  die  graue  Substanz  des  Gentralorgans  dabei  von  ganz  beson- 
derer Wichtigkeit  ist.  Damit  in  Uebereinstimmung  scheint  aus  be- 
kannten physiologischen  Versuchen  hervorzugehen,  dass  sogar  die 
graue  Substanz  des  Rückenmarks  von  hervorragendem  Einfluss  auf 
das  Zustandekommen  der  Schmerzempfindung  ist  Schiff*)  hat 
schon  vor  längerer  Zeit  geinnden  und  durch  neuere  Untersuchungen 
bestätigt,  dass  die  Tastempfindungen  im  Rückenmark  durch  die 
weissen  Hinterstränge  zum  Gehirn  geleitet  werden,  während  die 
Bahnen  für  die  Schmerzempfindung  in  der  grauen  Substanz  des 
Rückenmarks  gelegen  sind.  Ob  hier  wirklich  im  Rückenmark  eine 
Trennung  der  Leitungsbahnen  für  Schmerz-  und  Tastempfindungen 
existirt,  oder  ob  durch  die  starken  schmerzerzeugenden  Reize  in  der 
grauen  Substanz  des  Rückenmarks  eine  für  das  Zustandekommen 
der  Schmerzempfindung  wesentliche  Veränderung  hervorgerufen  wird, 
die  von  der  Leitung  verschieden  ist,  wollen  und  müssen  wir  da- 
hingestellt sein  lassen.  Immerhin  behält  die  von  Schiff  gefundene 
Thatsache  eine  grosse  Bedeutung  in  der  Pathologie. 

Es  ist  nach  dem  bisher  Gesagten  leicht,  anzugeben,  unter  welchen 
Bedingungen  Schmerz  zur  Entstehung  kommt;  nämlich  überall  da, 
wo  die  Stärke  der  centripetalen  Erregungsvorgänge  einen  gewissen 
Grad  überschreitet.  Dies  kann  auf  zweierlei  Weise  erreicht  werden ; 
einmal  dadurch,  dass  die  einwirkenden  Reize  an  Intensi- 
tät zunehmen;  hierher  gehören  die  einfachsten  Fälle  der  Schmerz- 
erzeugung durch  traumatische  Einwirkungen,  Aetzmittel,  sehr  hohe 
oder  sehr  niedere  Temperaturgrade  u.  s.  w.;  und  zweitens  dadurch, 
dass  die  Erregbarkeit  der  Empfindungsapparate  gestei- 
gert ist  (Hyperästhesie),  so  dass  schon  geringe  Reize  eine  solche 
Stärke  des  Erregungsvorgangs  hervorrufen,  wie  sie  zur  Erzeugung 
von  Schmerz  erforderlich  ist.  Der  letztere  Fall  ist  wohl  der  häu- 
figere bei  den  unter  pathologischen  Verhältnissen  im  Körper  auf- 
tretenden sogenannten  spontanen  Schmerzen. 

Obgleich  wir  so  die  Bedingungen  zur  Entstehung  von  Schmerz 
ziemlich  scharf  angeben  können ,  fehlt  uns  doch  zur  Zeit  noch  jede 


1)  Lehrb.  d.  PhysioL  d.  Menschen.  Lahr  1S59. 


Fanct.  Erkr.  (Nearosen)  d.  periph.  NerveD.  Neurosen  d.  seasiblen  Nerven.      1 7 

genauere  Eenntniss  darüber,  in  welcher  Weise  wirklich  bei  den  ver- 
schiedenen Krankheiten  Schmerz  entsteht  —  wie  so  es  bei  Entzttn- 
dnngen,  Katarrhen,  Krämpfen,  Neuralgien  n.  s.  w.  zu  der  Erzeugung 
so  starker  sensibler  Erregungsvorgänge  kommt,  dass  Schmerz  ge- 
ftthlt  wird.  In  den  wenigsten  Fällen  wohl  ^mr  handelt  es  sich  um 
Zunahme  der  einwirkenden  Reizstärke  und  dann  sind  gewöhnlich 
grob  mechanische  Verhältnisse  im  Spiel;  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
aber  sind  wir  gezwungen,  molecnläre  Veränderungen,  Ernährungs- 
störungen in  den  Empfindungsapparaten  anzunehmen,  welche  eine 
gesteigerte  Erregbarkeit,  eine  grössere  moleculäre  Beweglichkeit  der- 
selben bedingen,  so  dass  schon  die  beständig  einwirkenden  leichten 
Reize,  wie  sie  in  den  physiologischen  Bewegungen  der  Körpertheile, 
der  Bewegung  des  Bluts,  der  Spannung  der  Gewebe  vorhanden  sind, 
im  Stande  sind,  die  schmerzerzeugende  Stärke  des  Erregungsvor- 
gangs  zu  produciren.  In  welcher  Weise  aber  diese  Ernährungs- 
störungen unter  pathologischen  Verhältnissen  zu  Stande  kommen,  wie 
sie  sich  aus  ihren  Ursachen  entwickeln  und  wie  sie  genauer  zu 
charakterisiren  sind,  darüber  sind  bislang  noch  keine  befriedigenden 
Angaben  zu  machen. 

Deshalb  erscheint  auch  aller  Streit  über  das  eigentliche  Wesen 
des  Schmerzes  gegenwärtig  noch  als  ein  müssiger.  So  lange  wir 
nicht  über  die  feineren  molecularen  Vorgänge  dabei  im  Klaren  sind, 
und  besonders  so  lange  wir  über  die  hier  einschlagenden  psycho- 
logischen Fragen  noch  in  dem  bisherigen  Dunkel  bleibcD,  kann  wohl 
von  einer  befriedigenden  Theorie  des  Schmerzes  nicht  die  Rede  sein. 
Es  mag  auf  sich  beruhen  bleiben,  ob  der  Schmerz  aus  einer  ge- 
steigerten oder  verminderten  Function  der  centripetalen  Leitungs- 
bahnen entstehe,  wiewohl  es  nach  unsem  Ansichten  nicht  wohl 
zweifelhaft  sein  kann,  dass  bei  der  Erzeugung  von  Schmerz  ein  ge- 
steigerter Erregungsvorgang  in  diesen  Bahnen  entsteht;  die  Haupt- 
sache bleibt  dabei  doch  immer  der  Zustand  und  die  Reactionsweise 
des  Bewusstseins  selbst  oder  wohl  auch  der  centralen  Empfindungs- 
apparate, während  die  peripheren  Apparate  und  die  Leitnngsbahnen 
beim  Schmerz  nichts  weiter  zu  thun  haben,  als  die  durch  gesteigerte 
Reizstärke  producirten  Erregungsvor^nge,  ganz  in  der  gewöhnlichen 
Weise  aufzunehmen  und  nach  dem  Gentrum  fortzuleitcD.  Am  ehesten 
discutirbar  erscheint  noch  die  von  Griesinger*)  mit  vielem  Geist 
vertretene  Hypothese,  dass  das  Wesen  des  Schmerzes  in  einer  „  Stö- 
rung der  Organisation''  des  Nerven  an  irgend  einer  Stelle  seines 


1)  Arch.  f.  physiol.  Medlc.  L  1843. 

Hantlbach  d.  8p«c.  Pntholofte  o.  Therapie.   Bd.  Xlf.  I.  2.  Aufl. 


18  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Verlaufs  beruhe.  Es  kann  sich  hier  nicht  wohl  am  andre  als  für 
uns  nicht  wahrnehmbare  molecnlare  Veränderungen  handeln ;  da  wir 
nun  heutzutage  gewohnt  sind,  jeden  Erregungsvorgang  uns  von  einer 
molecularen  Veränderung  begleitet  zu  denken  und  da  eine  scharfe 
Grenze  zwischen  diesen  physiologischen  Molecularveränderungen  und 
jenen  schmerzerzeugenden  „Störungen  der  Organisation^  absolut 
nicht  au&nstellen  ist^  bringt  uns  auch  diese  Hypothese  keinen  Schritt 
weiter.  Auch  würde  sie  durchaus  nicht  zur  Erklärung  einer  grossen 
Reihe  von  Schmerzempfindungen  genttgen,  bei  welchen  eine  irgendwie 
dauernde  Störung  der  Organisation  nicht  wohl  annehmbar  ist  Es 
bleibt  also  die  genauere  Definition  des  Begriffes  „Schmerz''  besser 
einer  zukünftigen  allgemeinen  Nervenpathologie  vorbehalten. 

Was  speciell  den  Schmerz  bei  den  Sensibilitätsneurosen  betrifft^ 
welcher  hier  eine  besondere  Berücksichtigung  verdient,  so  gilt  für 
denselben  alles  fUr  den  Schmerz  im  Allgemeinen  Gesagte.  Bei  der 
Besprechung  der  einzelnen  Erankheitsformen  wird  sich  ergeben,  in 
welcher  Weise  dieser  Schmerz  häufig  etwas  Charakteristisches  hat. 
Während  wir  es  bei  dra  entzündlichen  und  ähnlichen  peripheren 
Schmerzen  meist  mit  einer  Erregung  der  Endausbreitungen  der  sen- 
siblen Nerven  zu  thun  haben,  sind  es  bei  den  Neurosen  vorwiegend 
Erregungen  der  Leitungsbahnen,  in-  und  ausserhalb  der  Centraloi^ane^ 
sowie  der  centralen  Endapparate,  mit  welchen  wir  es  zu  thun  haben, 
und  darauf  gerade  beruhen  meist  die  Eigenthümlichkeiten  der 
Schmerzen  bei  Neurosen.  Darüber  sind  weitere  Erörterungen  an 
dieser  Stelle  überflüssig.  —  Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  auch 
für  die  Schmerzempfindungen  und  ihre  Ursachen  die  oben  erwähnten, 
für  die  Empfindongsvorgänge  maassgebenden  physiologischen  Gesetze 
Gültigkeit  behalten  und  wir  werden  gerade  bei  den  schmerzhaften 
Affectionen  sensibler  Nerven  häufig  den  Vorgängen  der  Irradiation, 
der  excentrischen  Projection,  der  Reflexe  begegnen. 

1.  Neuralgie  im  Allgemeinen. 

Neuralgie  wird  als  besondere  Krankheitsform  von  den  alten  Aerzten  nicht 
deatlich  erw&hnt;  man  hat  daraus  geschlossen,  dass  sie  im  Alterthum  selten  ge- 
wesen sei.  Bei  Hippokrates  ündet  sich  nichts  fiestimmtes  daraber.  Erat 
Aretaeus  gibt  eine  erkennbare  Beschreibung,  jedoch  ohne  genauere  Einsieht 
der  Sache;  dasselbe  gilt  von  Galenus  und  Paul  von  Aegina,  während  die 
Araber  —  Rhazes,  Avicenna,  Aibucasis  —  in  der  Kenntniss  der  Neural- 
gie schon  weiter  vorschritten.  Auch  im  Mittelalter  und  bis  zur  Mitte  des 
18.  Jahrhunderts  finden  sich  nur  mangelhafte  Kenntnisse  und  Beschreibungen  der 
Neuralffie.  Die  erste  richtige  Auffassung  der  Neuralgie  als  eines  schmerzhaften 
Nervenleidens  datirt  von  Andr6,  1756,  der  zuerst  den  „Tic  douloureux"  be- 
schrieb. Damach  häufen  sich  die  Thatsachen  und  Beobachtungen  und  es  sind 
besonders  Fälle  von  Qesichtschmerz  und  von  Idchias,  welche  das  Interesse  der 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  19 

Aerzte  err^en.  Die  Liieratar  der  Neuralgien  wird  äusserst  umfangreich;  nur 
Weniges  sei  daraus  hervorgehoben,  (ein  umfassendes  Literaturverzeichniss  s.  bei 
Bretschneider  1.  c). 

De  Ha6n,  Ratio  medendi.  1764.  —  Domen.  Gotugno,  Comment  de ischiade 
nervosa.  Neapol.  1764.  —  J.  Fothergill,  Med.  observat  and  inquir.  T.  IV.  u. 
V.  1768  und  1773.  —  Chaussier,  Table  synoptique  de  la  n^vralgie  etc.  Paris 
1903.  —  Jos.  Frank,  Univ.  praxeos  med.  praecept.  Lips.  1821.  —  Martinet, 
Revue  franc.  et  Strang.  Paris  1828.  —  Ch.  Bell,  The  nerv.  syst,  of  the  human 
bodr.  Lond.  1830.  Deutsch.  v.Romberjg.  Berlin  1832.—  Piorry,  Gaz  m^c.  1833. 

—  B.  Brodie,  Lect.  illustr.  of  certain  locsd  nervous  affections.  Lond.  1837.  — 
A  liier,  Joum.  de  M^d.  et  de  Ghir.  1^38.  —  Eisen  mann,  Die  Erankheitsfam. 
Rheuma.  1841.  —  G.  James,  De  n^ralgies  et  de  leur  traitement.  Paris  1841.  — 
Valleix,  Trait6  des  n^vrakies  ou  affect.  doul.  des  nerfs.  Paris  1841.  Deutsch 
V.  Grüner.  1852.  (Die  im  Texte  folgend.  (Jitate  dieses  Werkes  beziehen  sich  auf 
die  deutsche  Ausgabe).  —  Bretschneider,  Path.  u.  Therap.  d.  äusseren  Neur- 
al^en.  1847.  —  Ttlrck,  Beitr.  zur  Lelire  v.  d.  Hyperästhesie  und  Anästhesie. 
Zeitschr.  d.  Ges.  d.  Wien.  Aerzte  1850.  —  Henle,  Handb.  d.  ration.  Pathol. 
n.  2.  1853.  —  Parson,  Neuralgia:  its  historv,  nature  and  treatment.  Amer. 
Joum.  of  med.  Sc.  XXVIII.  1854.  ~  A.  Notta,  M^m.  sur  les  Usions  fonctionnel- 
lee,  qui  dOnt  sous  la  d^pendance  de  la  n^vralgie.  Arch.  g^ner.  1854.  —  Bären- 
Sprung,  Ueber  Zoster.  Annal.  d.  Gharitökrankenh.  IX.  X.  XI.  1861—63.  —  Van- 
lair,  Ueber  Neuralgien.  Joum.  de  MM.  de  Brux.  1865.  —  Romberg,  Kritik 
der  Valleiz'schen  Scbmerzpunkte.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nervenkr.  1.  1867.  -  Noth- 
nagel, Troph.  Störungen  bei  Neuralgien,  ibid.  II.  18(i9.  —  Nothnagel,  Schmerz 
und  cotane  Sensibilitätsstörung.  Yirch.  Arch.  Band  54.  1872.  —  Anstie,  Neural- 
gia and  Diseases  that  resemble  it.  1872.  —  Ter  neu  il.  Des  n^vralgies  traumatiques 
secondaires  pr^coces.  Arch.  g^n^r.  Nov.  Dec.  1874.  —  C.  Lange,  Ueber  Neural- 
den  u.  deren  Behandlung.  Hospit.  Tid.  1875.  Schmidt's  Jahrb.  169.  S.  240.  — 
vieles  findet  sich  in  den  Lehrbüchern  der  spec.  Pathologie  u.  der  Nervenkrank- 
heiten, so  in  den  Handbüchern  von  Puchelt,  Oanstatt,  Wunderlich, 
Tronsseau,  Lebert,  Niemeyer,  Kunze;  femer  Romberg,  Lehrb.  der 
Nervenkrankh.  l.  Aufl.  1840.  3.  Aufl.  1853.  —  Hasse,  Krankh.  des  Nerven- 
systems 2.  Aufl.  1869.  —  A.  Eulenburg,  Functionelle  Nervenkrankheiten.  187i. 

—  Rosenthal,  M.,  Diagnostik  u.  Therapie  d.  Nervenkr.  1870.  2.  Aufl.  1875. 

Ueber  die  Therapie  der  Neuralgien  vgl.  A.  Eulenburg,  Hypodermat.  In- 
jection.  1867.  2.  Aufl.  (daselbst  auch  die  einschlägige  Literatur  sehr  vollständig.) 

—  Ferner  die  Lehrbücher  der  Elektrotherapie,  die  ausser  dem  therapeutischen 
auch  noch  sehr  viel  Material  zur  Pathologie  der  Neuralgien  enthalten :  Duchenne, 
M.  Meyer,  Remak,  Frommhold,  Althaus,  M.  Rosenthal,  Board  and 
Rockwell.  Onimus  et  Legros,  ferner  W. Leube,  Beitr.  z.  Beb.  d.  Neurakr. 
mit  dem  inducirt.  Strom.  Diss.  Tübinff.  1862.  -  E.  Flies,  Electrother.  Mittheil, 
im  Gebiet  d.  Neuralgien.  Allg.  med.  Centralz.  1862.  —  Erb,  Galvanotherap.  Mit- 
theihingen.  Arch  f.  klin.  Med.  HL  1867.  —  Berger,  Electr.  Behandlung  des 
Tic  doulour.  u.  d.  Hemicranie.  Berl.  klin.  Woch.  1871  No.  2.  Ueber  Nerven- 
durchschneidung s.  die  Arbeiten  von  Bruns,  Wagner,  v.  Nussbaum, 
Podratzky,  Patruban,  Schuh  u.  A.  bei  der  Literatur  zur  Trigeminusneur- 
algie. 

Begriffsbestimmung.  Man  versteht  unter  Neuralgie  eine 
Krankheit  der  sensiblen  Nervenapparate,  deren  wichtigstes  und  Haupt- 
symptom Schmerz  iBt^).  Dieser  Schmerz  erscheint  localisirt  auf  be- 
stimmte Nervenstämme  oder  Nervenzweige  mit  all  ihren  Ramifica- 


1)  Da  alle  bchmerzen  überhaupt  nur  durch  die  sensiblen  Nervenapparate 
vermittelt  werden,  hätten  dieselben  wohl  ein  gewisses  Anrecht  auf  die  Bezeichnung 
..Neuralgie"*  (von  vtvQor  und  uXyos).  Doch  hat  ein  alter  Usus  diese  Bezeichnung 
specieB  fftr  die  uns  hier  beschäftigende  Krankheitsform  eingeführt.  Man  spricht 
mit  demeelben  Recht  von  „Muskelschmerzen",  „Knochenschmerzen*'  u.  s.  w. 

2* 


20  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

tionen;  er  zeichnet  sich  durch  eine  bedeutende  Intensität  aus,  ist 
intermittirend  oder  wenigstens  in  sehr  deutlicher  Weise  remittirend; 
er  wird  gewöhnlich  nicht  ausschliesslich  in  der  Peripherie,  sondern 
längs  des  ganzen  Verlaufs  der  afßcirten  Nerven  oder  doch  wenigstens 
an  mehreren  Punkten  dieses  Verlaufe  wahrgenommen.  Der  Schmerz 
wird  begleitet  von  secundären  Erscheinungen  motorischer,  yasomo- 
torischer,  secretorischer  und  trophischer  Natur,  welche  theils  einer 
Steigerung  der  physiologischen  Beziehungen  zwischen  den  sensiblen 
und  den  übrigen  genannten  Nerven  ihre  Entstehung  verdanken,  theils 
C!oöffecte  derselben  Ursache  sind,  welche  den  Schmerz  erzeugt.  Das 
Allgemeinbefinden  ist  dabei  —  im  Verhältniss  zu  den  grossen  sub- 
jectiven  Beschwerden  —  auffallend  wenig  gestört.  Die  Untersuchung 
lässt  in  der  tibergrossen  Mehrzahl  der  Fälle  keinerlei  palpable, 
organische  Läsion  nachweisen,  abgesehen  von  einzelnen  auf  Druck 
empfindlichen  Punkten  in  verschiedener  Höhe  der  leidenden  Nerven- 
bahnen. 

Eine  concise  und  abgerundete  Definition  des  Begriffs  » Neuralgie " 
lässt  sich  sonach  zur  Zeit  nicht  geben.  Dazu  ifehlt  gerade  die 
wichtigste  Grundlage:  die  Eenntniss  der  feineren  pathologisch- 
anatomischen Veränderungen  und  des  Verhältnisses  derselben  zu  den 
Ursachen  der  Neuralgien.  Es  ist  auch  nicht  thunlich,  bestimmte 
Formen  der  Neuralgien  als  essentielle  oder  idiopathische  —  es 
sind  dies  gerade  die,  über  welche  wir  am  wenigsten  wissen  -  von 
den  durch  grobe  anatomische  Veränderungen  hervorgerufenen  sym- 
ptomatischen Neuralgien  zu  unterscheiden;  diese  Trennung  ist 
klinisch  einfach  nicht  durchzuführen,  da  die  Erscheinungsweise  beider 
Formen  ganz  die  gleiche  sein  kann.  Wir  werden  bei  der  Pathogenese 
den  Nachweis  zu  führen  suchen,  dass  eine  solche  Trennung  auch  dem 
Wesen  der  Neuralgie  durchaus  nicht  entspricht. 

Als  besonders  charakteristisch  für  das  Krankheitsbild  der 
Neuralgie  können  wir  etwa  folgende  Momente  ansehen:  Beschränkt- 
sein des  Schmerzes  auf  einen  bestimmten  Nervenstamm  oder  -zweig 
und  dessen  Ramificationen ;  Verlauf  des  Schmerzes  längs  dieser  Nerven- 
bahnen; spontanes,  nicht  auf  nachweisbare  äussere  Schädlichkeiten 
zurückfllhrbares  Auftreten  desselben;  das  Auftreten  des  Schmerzes 
in  Paroxysmen  mit  deutlichen  Intermissionen  oder  doch  Remis- 
sionen; den  Mangel  örtlicher  Organerkrankungen  (mit  Ausnahme 
derjenigen  am  Nervensystem  selbt)  und  das  Fehlen  erheblicher 
Allgemeinerscheinungen,  —  Für  nicht  charakteristisch  dagegen 
halten  wir  das  Auftreten  des  Schmerzes  bei  leiser  Berührung  und 
sein  Verschwinden  bei  stärkerem  Druck,  das  von  Bretschneider 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  21 

u.  A.  in  die  Definition  der  Neuralgie  angenommen  wurde;  des- 
wegen nicht,  weil  diese  Erscheinung  bei  vielen  Neuralgien  fehlt  und 
andrerseits  gelegentlich  bei  anderen  Erkrankungen  beobachtet  wird. 

Das  Symptom  Schmerz  steht  also  bei  den  Neuralgien  allent- 
halben im  Vordergrund;  sowohl  in  den  Klagen  der  Kranken ,  wie 
bei  der  klinischen  Untersuchung  und  endlich  auch  bei  der  Therapie. 
Darüber  hat  man  denn  vielfach  Übersehen,  dass  auch  die  obenerwähnten 
secundären  Erscheinungen  zum  Krankheitsbild  gehören  und  dass  sie 
sogar  in  nicht  wenigen  Fällen  sehr  wesentliche  Züge  desselben  bilden. 
Die  genauere  Betrachtung  wird  einen  Begriff  von  der  Häufigkeit 
dieser  Begleiterscheinungen  geben  und  anzudeuten  haben,  in  welcher 
Weise  dieselben  bei  genauerer  Erkenntniss  ihrer  Pathogenese  auch 
für  die  exactere  und  fruchtbarere  Beurtheilung  der  Neuralgien  ver- 
werthet  werden  können.  Es  lässt  sich  erwarten,  dass  wir  aus  An- 
wesenheit und  Art  dieser  Begleiterscheinungen  bestimmte  Schlüsse 
auf  den  Sitz  der  neuralgischen  Erkrankung  ziehen  lernen  werden. 

Neuralgie  ist  zur  Zeit  noch  eine  symptomatische 
Krankheitsform.  In  manchen  FäUen  findet  man  greifbare  ana- 
tomische Veränderungen;  aber  es  ist  nicht  klar^  in  welcher  Weise 
sie  Neuralgie  hervorrufen ;  die  allerverschiedensten  anatomischen  Ver- 
Snderungen  bringen  den  nämlichen  Symptomencomplex  —  die  Neur- 
algie —  hervor;  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  endlich 
ist  in  den  neuralgisch  afficirten  Nerven  keinerlei  materielle  Verände- 
rung (mit  unsem  jetzigen  Hilfsmitteln)  nachzuweisen:  es  erscheint 
daher  vollkommen  gerechtfertigt,  die  symptomatische  Einheit  der 
Neuralgie  festzuhalten,  umso  mehr  als  diese  in  den  verschiedensten 
Fällen  ungemein  viel  Charakteristisches  und  Uebereinstimmendes  in 
Bezug  auf  Erscheinungsweise,  Verlauf  u.  s.  w.  darbietet. 

Die  Neuralgie  fällt  keineswegs  mit  der  Hyperästhesie  der 
sensiblen  Nerven  zusammen  und  es  erscheint  deshalb  nicht  gerecht- 
fertigt ,  sie  unter  den  Begriff  der  Hyperästhesie  zu  subsumiren ,  wie 
dies  Bomberg  und  seine  Nachfolger  gethan  haben:  sie  ist  andrer- 
seits auch  nicht  scharf  von  der  Hyperästhesie  zu  trennen.  Bei  der 
Hyperästhesie  kann  die  gesteigerte  Erregbarkeit  ohne  Schmerz  be- 
stehen ,£so  lange  keinerlei  Reize  auf  die  hyperästhetischen  Nerven- 
bahnen einwirken;  wir  erkennen  vielmehr  die  Hyperästhesie  immer 
erst  an  der  gesteigerten  Reaction  auf  die  Application  äusserer  Reize. 
Bei  der  Neundgie  dagegen  besteht  ohne  nachweisbare  äussere  Reize 
Schmerz,  der  in  vielen  Fällen  jseine  Quelle  in  abnorm. starken  inneren 
Reizen  hat;  doch  ist  es  dabei  nicht  ausgeschlossen,  sondern  im 
Gegentheil  wohl  ein  häufiges  Vorkommen,  dass  in  dem  neuralgisch 


22  £rb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

afßcirten  Nerven  gesteigerte  Erregbarkeit  besteht,  welehe  eben  das 
Auftreten  des  Schmerzes  erleichtert  und  seine  Intensität  steigert. 
Es  erscheint  demnach  nicht  jede  Hyperästhesie  unter  dem  Bilde  der 
Neuralgie  und  nicht  jede  Neuralgie  kann  auf  eine  bestehende  Hy- 
perästhesie zurttckgeführt  werden;  wohl  aber  fallen  die  beiden  Er- 
scheinungen bei  vielen  Formen  von  Neuralgie  zusammen. 

Aeti<»Iosrie. 

Neuralgien  gehören  unstreitig  zu  den  häufigsten  Neurosen:  sie 
kommen  in  allen  Bevölkerungsschichten ,  in  allen  Lebensaltem,  zu 
allen  Zeiten  dem  Arzte  zur  Beobachtung.  Sie  lassen  sich  in  vielen 
Fällen  auf  bestimmte,  genau  nachzuweisende  Schädlichkeiten  zurtlck- 
fUhren;  in  andern  ebenso  häufigen  Fällen  sind  die  Ursachen  dunkel 
und  nur  zu  vermuthen;  in  allen  Fällen  sind  wir  aber  über  den 
feineren  Zusammenhang  zwischen  Ursache  und  Wirkung  zur  Zeit 
noch  auf  Hypothesen  angewiesen. 

Hier  wie  tiberall  in  der  Aetiologie  haben  wir  zu  unterscheiden 
zwischen  entfernteren ,  vorbereitenden  prädisponirenden  und 
näheren,  veranlassenden  Gelegenheitsursachen.  Die  letzteren 
wirken,  wenn  sie  von  massiger  Intensität  sind,  nur  bei  prädisponirten 
Individuen;  bei  grösserer  Intensität  auch  auf  ganz  Gesunde.  Die 
ersteren ,  die  prädisponirenden  Ursachen,  können  so  intensiv  vorhan- 
den sein,  dass  flir  uns  nicht  nachweisbare  Einwirkungen  genügen, 
die  Neuralgie  hervorzurufen. 

a.  Prädisposition. 

Von  allen  hier  in  Frage  kommenden  Momenten  bietet  wohl  das 
meiste  Interesse  die  in  neuerer  Zeit  eingehender  gewürdigte  und  genauer 
studirteneuropathische  Disposition,  welche  bei  der  Entstehung 
der  mannichfachsten  Neurosen  —  der  Psychosen,  der  Epilepsie,  Chorea, 
Hysterie  u.  s.  w.  —  ein  sehr  wichtiges  ätiologisches  Moment  bildet. 
Man  versteht  darunter  eine  „pathologische  Constitution  in  Bezug  auf 
die  Functionirung  der  Nervenapparate"  (Griesinger),  vermöge 
welcher  es  bei  den  damit  behafteten  Individuen  im  Laufe  des  Lebens 
zu  den  verschiedenartigsten  pathologischen  Symptomen  auf  sensitivem, 
motorischem  oder  psychischem  Gebiete  kommt.  Worin  diese  eigen- 
thümliche  Anomalie  besteht,  hat  bisher  Niemand  nachzuweisen  ver- 
mocht; man  tröstet  sich  mit  Hypothesen  von  „feineren  nutritiven 
Störungen ",  von  „  Veränderung  des  Molecularmechanismus "  u.  s.  w., 
ohne  jedoch  damit  der  Sache  näher  treten  zu  können.  Wir  müssen 
uns  mit  der  Thatsache  begnügen,  dass  solche  constitutionelle  Neuro- 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Aetiologie     Prädisposition.  23 

pathien  existiren  and  dass  sie  auch  in  der  Geechichte  der  Neuralgien 
eine  grosse  Rolle  spielen.  Sie  können  angeboren^  yon  den  Erzeugern 
überkommen,  also  hereditär  sein,  oder  sie  können  zu  irgend  einer 
Zeit  des  Lebens  durch  die  mannichfachsten  Schädlichkeiten  erwor- 
ben werden.  Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  hereditäre 
neuropathische  Disposition,  jene  unglflokselige  Anlage,  welche 
das  Erbtbeil  zahlreicher  Familien  bUdet,  in  welchen  die  verschieden- 
artigsten Neurosen  heimisch  sind  und  sich  von  Geschlecht  zu  Ge- 
schlecht fortpflanzen,  bald  mehr  auf  psychischem,  bald  mehr  auf 
sen^tivem ,  bald  mehr  auf  motorischem  und  vasomotorischem  Gebiet 
hervortretend.  Ihr  verdanken  zahlreiche  Neuralgien  ihre  Entstehung. 
Anstie,  der  diesem  Gegenstand  besondere  Aufmerksamkeit  gewidmet 
hat,  rechnet  zu  dieser  neuropathischen  Familiendisposition  nicht  bloss 
die  Disposition  zu  Psychosen,  Epilepsie,  Chorea,  Hysterie,  Lähmungen 
etc.,  sondern  auch  zur  Phthisis  und  fand  in  83  daraufhin  untersuchten 
Fällen  von  Neuralgie  71,  in  welchen  sich  eine  solche  Familien- 
disposition nachweisen  liess  und  zwar  53  Fälle  in  neuropathischen 
und  1  $  in  phthisischen  Familien.  In  solchen  Fällen  beobachtet  man 
dann  auch  nicht  selten  gleichzeitiges  Auftreten  der  Neuralgie  mit 
andern  Neurosen  oder  ein  Altemiren  derselben  z.  B.  mit  Epilepsie, 
mit  Psychosen,  mit  Migräne  u.  s.  w.  Den  prägnantesten  Ausdruck 
findet  diese  hereditäre  Verursachung  der  Neuralgien  in  solchen ,  gar 
nicht  seltnen  Fällen,  wo  es  sich  um  directe  hereditäre  Ueber- 
t ragung  von  den  Eltern  auf  die  Kinder  handelt:  wo  eines  der  Er- 
zeuger an  Neuralgie  gelitten  hat  und  die  Nachkommen  ebenfalls  da- 
von befallen  werden;  Anstie  hat  diese  directe  Heredität  unter  100 
Fällen  24  mal  gefunden,  während  in  58  eine  solche  nicht  bestand 
and  in  den  übrigen  1 8  kein  bestimmter  Aufschluss  zu  erlangen  war. 
—  Es  wird  gut  sein,  auf  diese  Verhältnisse  künftighin  mehr  Auf- 
merksamkeit zu  richten.  —  Hit  den  durch  neuropathische  Disposition 
bedingten  Neuralgien  aufs  nächste  verwandt  sind*  wohl  die  Neural- 
gien, welche  so  häufig  eine  Theilerscheinung  der  Hysterie,  seltner 
der  Hypochondrie  bilden. 

Von  nicht  zu  unterschätzendem  Einfluss  auf  die  Prädisposition 
zu  Neuralgien  ist  das  Lebensalter.  Die  Kindheit  ist  so  gut  wie 
gar  nicht  dlsponirt  zu  Neuralgien;  doch  kommen  hie  und  da  un- 
zweifelhafte Fälle  vor;  dagegen  bedingt  das  Jünglingsalter,  wohl 
unter  dem  Einfiuss  der  geschlechtlichen  Entwickelung,  schon  eine 
grössere  Zahl  von  neuralgischen  Erkrankungen ;  dieselben  treten  am 
häufigsten  auf  im  mittleren  Lebensalter,  zwischen  20  und  50  Jahren ; 
allein  auch  noch  im  höheren  Alter  besteht  eine  sehr  erhebliche  Dis- 


24  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Position  und  die  unten  daftlr  angeführten  Zahlen  erlangen  wohl  eine 
um  so  höhere  Bedeutung,  wenn  man  ihr  relatives  Verhältniss  zu  der 
Gesammtzahl  der  lebenden  Individuen  der  höheren  Altersklassen  in 
Erwägung  zieht.  Es  hängt  diese  ausgesprochene  Disposition  des 
hohem  Alters  wohl  zum  Theil  mit  den  mächtig  auf  das  Nerven- 
system einwirkenden  Vorgängen  des  Klimakteriums,  zum  Theil  be- 
sonders mit  der  mehr  oder  weniger  frühzeitig  eintretenden  Senescenz 
der  Gewebe,  besonders  der  Arterien  und  des  Nervensystems  selbst 
zusammen. 

2iahlenm&S8ifl;e  Angaben  über  das  Yorkommen  von  Neuralgien  im  Allgemeinen 
in  den  verschiedenen  Lebensaltem  sind  von  mehreren  Seiten  gemacht  worden. 
Ich  steUe  hier  die  Tabellen  von  Yalleix  nnd  von  Eulenburg  zusammen  mit 
derjenigen,  wdche  sich  mir  aus  von  mir  selbst  beobachteten  146  Fällen  ergeben  hat. 

Lebensalter  Valleix       EnleBbnrg       Erb         Summa 


bis  10  J. 

2 

1 

6 

3 

10-20  J. 

22 

14 

41 

20—30  J. 

68 

19 

40 

127 

30—40  J. 

67 

33 

39 

139 

40—50  J. 

64 

23 

29 

116 

50—60  J. 

47 

14 

14 

75 

60—70  J. 

21 

6 

9 

36 

70—80  J. 

5 

1 

6 

Sa.  296  101  146         543 

Für  die  Neuralgien  der  einzelnen  Nervenbezirke  kommen  etwas  anders  grup- 
pirte  Zahlen  heraus;  darüber  s.  Bretschneider  1.  c.  S.  216  ff. 

Einen  besonderen  Einfluss  des  Geschlechts  ad  die  Häufigkeit 
der  Neuralgien  im  Allgemeinen  kann  man  wohl  aus  den  vorhandenen 
Zahlenangaben  nicht  erschliessen.  Gewöhnlich  nimmt  man  an,  dass 
das  weibliche  Geschlecht  eine  grössere  Prädisposition  habe  als  das 
männliche:  Yalleix  fand  unter  469  Fällen  218  Männer  und  251 
Weiber;  Eulenburg  unter  106  Fällen  30  Männer  und  76  Weiber; 
Anstie  unter  100  Fällen  68  Weiber  und  32  Männer,  während  meine 
Aufzeichnungen  unter  1 46  Fällen  84  Männer  und  nur  62  Weiber  er- 
geben ^) ;  es  beruhen  solche  Zusammenstellungen  wohl  vielfach  auf 
Zufälligkeiten  des  Materialzuflusses.  —  Es  kann  aber  kein  Zweifel 
sein ,  dass  für  gewisse  Neuralgien  das  Geschlecht  einen  bedeutenden 
Unterschied  macht;  so  zeigen  alle  Zusammenstellungen  tlbereinstim- 
mend,  dass  Trigeminusneuralgie  häufiger  beim  weiblichen,  die  Ischias 
dagegen  häufiger  beim  männlichen  Geschlecht  vorkommt;  doch  auch 
dieses  Verhalten^  dürfte  wohl  weniger  von  wirklichen  Geschlechtsver- 
schiedenheiten als  vielmehr  von  den  Zufälligkeiten  äusserer  Ein- 
wirkungen herrühren. 


1)  Ich  muss  dazu  bemerken,  dass  sich  darunter  fast  gar  keine  Hysterischen 
befinden. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Aetiologie.    Prädisposition.  25 

Von  viel  ausgesprochenerer  Wichtigkeit  ist  aber  das  Ge- 
schlechtsleben ftr  die  Entwickelnng  yon  Neuralgien.  Die  tief- 
gehenden Einwirkungen,  welche  von  der  Zeit  der  Pubertät  an  das 
Nervensystem  von  Seiten  der  Genitalorgane  erfährt;  die  grosse  Re- 
volution,  welche  im  ganzen  Organismus  durch  das  Erwachen  der 
Geschlechtsthätigkeit  hervorgerufen  wird;  die  hochgradige  Erregung 
des  Nervensystems  durch  den  flbenuächtigen  Trieb,  die  Erschöpfung 
desselben  durch  allzuhäufige  oder  unnatürliche  Befriedigung  sind 
lauter  fruchtbare  Ursachen  fUr  die  Veränderung  der  Ernährung  des 
Nervensystems,  welche  die  neuropathische  Disposition  bedingt.  So 
sehen  wir  denn  auch,  dass  die  Zeit  der  Pubertätsentwickelung  und 
des  Klimakterium,  dass  die  Zeit  der  Menses,  dass  Schwangerschafk 
nnd  Puerperium  besonders  fruchtbar  in  der  Erzeugung  von  Neural- 
gien sind ;  dass  sexuelle  Excesse ,  dass  besonders  die  von  beiden  Ge- 
schlechtern heutzutage  so  häufig  gettbte  Masturbation  sich  nicht  selten 
mit  der  Entwickelung  neuralgischer  Beschwerden  strafen.  Anstie 
macht  darüber  sehr  beherzigenswerthe  und  praktische  Bemerkungen 
nnd  hebt  unter  Anderm  hervor,  dass  nicht  bloss  die  natürliche  oder  un- 
natürliche, im  Excess  geübte  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes  solch 
schlimmen  Einfluss  haben  könne,  sondern  dass  auch  die  —  reinen 
und  unschuldigen  Personen  ganz  unbewussten  —  Erregungen,  welche 
von  den  Geschlechtsorganen  aus  das  Nervensystem  solcher  Personen 
treffen,  welchen  durch  den  Zwang  der  Verhältnisse  die  Befriedigung 
des  Geschlechtstriebes  versagt  ist,  im  Stande  sind,  eine  Disposition 
zu  Neuralgien  hervorzurufen.  Man  vrird  besonders  unter  der  etwas 
reiferen  weiblichen  Jugend  der  gebildeten  Classen  nicht  lange  nach 
Belegen  für  diesen  Satz  zu  suchen  haben. 

Von  Anstie  wird  auch  der  Einfluss  der  Erziehung  auf  die 
Entstehung  neuropathischer  Dispositionen,  besonders  in  dem  Alter, 
wo  durch  die  Geschlechtsentwickelung  schon  eine  bedeutende  Inan- 
spruchnahme des  Nervensystems  gegeben  ist,  nicht  gering  geachtet. 
Besonders  zu  fürchten  sei  die  falsche  Erziehung  in  religiöser  Be- 
gehung, jene  Art  von  geistiger  Dressur,  wo  die  Phantasie  auf  un- 
natürliche Bahnen  gelenkt  wird,  wo  eine  zwangsweise  Beschäftigung 
des  Geistes  mit  übernatürlichen  Dingen  als  das  beste  Mittel  erachtet 
wird,  um  die  natürlichen  Regungen  des  gesunden  Körpers  zu  über- 
täuben und  zu  unterdrücken.  Das  Resultat  ist  nur  allzuoft  eine 
krankhafte  Reizbarkeit  und  Schwäche  des  Nervensystems,  die  ge- 
legentlich auch  zu  Neuralgien  führt. 

Allgemeine  Ernährungsstörungen  bilden  eine  der  frucht- 
barsten Quellen  für  Neuralgien,  indem  sie  durch  nutritive  Störung 


26  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

des  Nerrensystems  eine  hochgradige  Disposition  zu  Neuralgien  er- 
zeugen. Obenan  steht  in  dieser  Beziehung  die  Anämie  mit  ihren 
verschiedenen  Formen  —  als  Oligämie  ^  Hydrämie,  Chlorose.  Alle 
die  anämischen  Zustände,  wie  sie  durch  reichliche  Blut-  und  Säfte- 
Verluste,  durch  schlechte  Verdauung,  durch  schwere  Krankheiten  her- 
vorgerufen werden;  nicht  minder  alle  kachektischen  Zustände,  wie 
sie  im  Gefolge  schwerer  Organerkranknngen,  bösartiger  Neubildungen 
u.  dgl.  zur  Entwickelnng  kommen,  liefern  ein  grosses  Contingent  zu 
den  neuralgisch  Disponirten.  E^  darf  wohl  behauptet  werden,  dass 
Anämie  in  diesem  weiteren  Sinne  eines  der  wichtigsten  ätiologischen 
Momente  der  Neuralgie  im  Allgemeinen  ist 

Hieran  schliessen  sich  diejenigen  allgemeinen  Ernährungsstörung^ 
die  man  als  frflhzeitige  Senescenz  bezeichnet;  jene  in  einem 
verhältnissmässig  frühen  Alter  auftretenden  Veränderungen  der  (Ge- 
webe, die  in  der  Regel  nur  dem  Greisenalter  angehören  und  die  be- 
sonders in  Form  der  verschiedenen  degenerativen  Voi^g^ge :  Verhär- 
tung, Obsolesoenz,  Fettdeg^eration,  Verkalkung,  Erweichung  u.  a  w. 
erscheinen.  Diese  Zustände  werden  besonders  häufig  durch  fortge- 
setzten Alkoholmissbrauch  hervorgerufen,  sie  können  aber  auch 
die  Folge  eines  in  Sorge  und  Kummer  verbrachten,  in  Ueberarbeitung 
oder  Ausschweiftmgen  verflossenen  Lebens,  die  Folge  von  schweren 
Krankheiten  n.  dgl.  sein.  Das  Auftreten  von  Atherom  an  den  Arterien, 
von  Fettdegeneration  an  verschiedenen  Geweben,  das  Erscheinen  eines 
Arcus  senilis  an  der  Cornea,  das  frühzeitige  Ergrauen  der  Haare,  die 
Krümmung  der  Wirbelsäule  sind  die  vorzüglichsten  Zeichen  dieser 
Ernährungsstörungen;  wo  dieselben  sich  in  ausgesprochener  Weise 
finden,  bedeuten  sie,  dass  Ernährungsstörungen  begonnen  haben,  welche 
leicht  zu  Neuralgien  und  gerade  zu  ihren  schwereren  Formen  führen. 

Der  Einflnss  des  Klimas,  der  Jahreszeiten  und  der  Witterung, 
der  Beschäftigung  und  Lebensweise  kann  nur  insofern  als  prädispo- 
nirendes  Moment  angeführt  werden,  als  eben  durch  diese  Einflüsse 
je  nach  Umständen  eine  grössere  oder  geringere  Häufung  von  Ge- 
legenheitsursachen herbeigeführt  wird. 

b.  Gelegenheitsursachen. 

Unter  diesen  spielen  vor  allen  Dingen  traumatische  und 
mechanische  Einwirkungen  auf  die  sensiblen  Nerven  eine 
ganz  hervorragende  Rolle.  Zahlreich  sind  die  in  der  Literatur  ver- 
zeichneten Fälle,  wo  in  Folge  von  Stich-  und  Schnittwunden,  von 
Zerrungen,  Quetschungen,  Schussverletzungen  der  Nerven  heftige  und 
oft  weitverbreitete  Neuralgien  entstanden  sind;  besonders  sind  es 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  Aetiologie.  Gelegenheitsursacheii.  27 

oft  Verletzungen  kleinerer,  rein  sensibler  Zweige  gewesen,  welche 
diese  Wirkung  gehabt  haben:  so  Verletzungen  beim  Aderlass,  oder 
Verletzungen  der  Nerven  an  den  Fingern  u.  s.  w.  Von  Verneuil 
werdm  in  sehr  ausführlicher  Weise  Neuralgien  beschrieben,  die  sich 
im  Gefolge  chirurgischer  Operationen  oder  auch  zufälliger  Verletzun- 
gen m  den  ersten  Tagen  entwickeln  und  durch  ihr  charakteristisches 
Verhalten  wohl  yon  den  Wund-  und  Entztindungsschmerzen  zu  unter- 
seheiden  sind.  Alle  diese  Momente,  welche  nicht  im  Einzelnen  auf- 
gezählt zu  werden  brauchen,  wirken  wie  es  scheint,  entweder  da- 
durch, dass  sie  entzündliche  Veränderungen  (Neuritis)  hervorrufen, 
oder  dadurch,  dass  sich  Oeschwttlste  an  den  Nerven  bilden  (trauma- 
tische Neurome,  unter  welchen  besonders  die  Amputationsneurome 
häufige  Ursachen  von  schweren  Neuralgien  sind),  oder  endlich  rein 
mechanisch  durch  Druck  und  Zerrung,  dutch  Zurückbleiben  von 
Fremdkörpern  in  der  Wunde.  Es  rouss  dabei  bemerkt  werden,  dass 
durchaus  nicht  immer  die  Anwesenheit  dieser  Folgen  des  Traumas 
das  Entstehen  von  Neuralgie  bedingt  und  dass  erst  eine  weitere  uns 
noch  nicht  näher  bekannte  Veränderung  im  Nerven  eintreten  muss, 
welche  erst  die  Neuralgie  darstellt. 

In  der  gleichen,  noch  nicht  hinreichend  aufgeklärten  Weise  wie 
diese  traumatischen  Einwirkungen  können  auch  zahlreiche  und  ver- 
schiedenartige pathologisch-anatomische  Veränderungen 
an  den  Nerven  die  Quelle  von  Neuralgien  werden.  Einerseits  sind 
es  die  besonders  im  Neurilemm  ablaufenden  Verenge  acuter  oder 
chronischer  Neuritis,  die  in  vielen  Fällen  von  Neuralgien  begleitet 
sind ;  andrerseits  sind  es  besonders  die  mannichfaltigen  Neubildungen 
an  und  in  dem  Nerven,  die  zu  Neuralgien  führen:  also  alles  das, 
was  man  unter  dem  Namen  der  wahren  und  falschen  Neurome  zu- 
sammenfasst  (s.  d.  Abschnitt  über  „  Neurome  **):  die  noch  nicht  hin- 
reichend studirten,  kleinen,  harten,  verschiebbaren  Tubercula  dolorosa, 
die  krebsigen  und  cystischen  Neubildungen  an  den  Nerven  u.  s.  w. ; 
femer  sind  es  degenerative  und  Erweichungsvo'rgänge  in  den  Nerven- 
gtämmen,  die  man  hie  und  da  als  Quelle  von  Neuralgien  angefunden 
hat  u.  dgl.  m. 

Die  auf  rein  mechanischen  Ursachen  beruhenden  Neuralgien 
werden  besonders  durch  Veränderungen  der  den  Nerven  benachbarten 
Organe  und  Gewebe  hervorgerufen  und  hier  werden  vor  allen  Dingen 
häufige  Erkrankungen  des  Periosts  und  der  Knochen  für  die 
Entstehung  von  Neuralgien  verantwortlich  gemacht.  Bei  den  innigen 
Beziehungen  der  Nerven  zu  dem  Knochengertlste  (Lage  in  Kanälen, 
Löchern,  Furchen,  Einschnitten  u.  s.  w.)  ist  es  sehr  natürlich,  dass 


28  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Periostitis  und  Ostitis  mit  ihren  Folgen,  dass  Garies  and  Sklerose  der 
Knochen,  dass  Hjrperostosen  ond  Exostosen  in  der  mannichfachsten 
Weise  die  Nerven  mechanisch  insnltiren  können;  es  sind  besonders 
solche  Nerven,  welche  lange  and  enge  Knochenkanäle  zu  passiren 
haben,  wie  die  verschiedenen  Zweige  des  Trigeminas,  häafig  der- 
artigen Insnlten  aasgesetzt  and  dadnrch  gewissermassen  zam  Ent- 
stehen von  Nenralgien  disponirt.  Immerhin  verdient  hier  die  Ansicht 
von  Anstie  Erwähnang,  dass  die  in  vielen  Fällen  vorhandenen 
periostitischen  Verdickangen  darchaas  nicht  immer  als  die  Ursachen 
der  Nenralgien  za  betrachten  seien,  sondern  dass  sie  vielmehr  auch 
die  Folge  der  Nearalgie  and  der  darch  sie  gesetzten  trophischen 
Sti^ningen  sein  können. 

In  ähnlicher  Weise  wie  Knochenleiden  können  alle  möglichen 
Anschwellnngen  and  Tamoren  darch  Drack  aaf  die  Nerven  Nearalgie 
hervorbringen:  Anenrysmen  sind  häafig  in  dieser  Weise  wirksam; 
ob  anch  Varicositäten  and  Erweiterangen  dej*  Venen  in 
gleicher  Weise  wirken  können,  ist  noch  problematisch;  man  hört 
zwar  sehr  viel  von  Venenstaaang  als  Ursache  von  Nenralgien 
reden,  and  wo  Nerven  and  Venen  nebeneinander  darch  enge  Lttcken 
and  Kanäle  passiren,  ist  eine  mechanische  Beeinträchtignng  der 
Nerven  darch  die  geschwellten  Venen  nicht  wohl  abznleagnen;  allein 
es  braacht  wohl  nnr  an  die  relative  Seltenheit  nenralgischer  Be- 
schwerden bei  Herz-  and  Langenkranken,  welche  an  hochgradiger 
allgemeiner  Venenstaaang  leiden,  erinnert  za  werden,  am  erkennen 
za  lassen,  dass  dieses  Moment  wohl  nar  bei  vorhandener  aasgespro- 
chener Prädispositon  eine  erhebliche  Wirksamkeit  entfalten  wird. — 
Hernien  können  darch  mechanische  Einvrtrkang  Nenralgien  hervor- 
rnfen,  so  die  Hemia  obtnratoria,  die  Hemia  ischiadica.  —  Die 
Schwangerschaft,  sowie  Lage-  and  Gestaltsverändernng  des  Uteras, 
ebenso  Anschwellnngen  anderer  Organe,  der  Leber,  Nieren,  Ovarien 
n.  s.  w.  können  dnrch  Drack  die  Ursachen  von  Nenralgien  werden. 
Dasselbe  gilt  von  Fäcalanhänfdngen  im  Darm,  von  Goncretionen  an 
gewissen  Stellen,  endlich  von  allen  möglichen  Nenbildangen  des  ver- 
schiedensten Sitzes,  sobald  sie  sensible  Nervenbahnen  in  das  Bereicb 
ihrer  Einwirknng  ziehen.  Doch  bestehen  hier  noch  viele  Lücken  in 
nnsem  Kenntnissen  über  die  Art  and  Weise,  wie  diese  mechanischen 
Momente  Nearalgie  hervorrafen;  die  Thatsache  steht  fest,  dass  sie 
dies  darchaas  nicht  anter  allen  Umständen  thnn,  sondern  dass  wahr- 
scheinlich eine  ganz  bestimmte  Veränderung  im  Nerven  hinzutreten 
muss,  wenn  das  Symptom  n Neuralgie''  auftreten  soll. 

Eine  Schädlichkeit  von  unzweifelhaft  grosser  Bedeutung,  wenn 


"^:::s, 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  Aetiologie.  Gelegenheitsursachen.  29 

auch  durchaus  nicht  durchsichtiger  Wirkung,  ist  die  Erkältung. 
"Es  kann  gar  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  eine  grosse  Zahl  von 
Neuralgien  durch  diejenigen  Schädlichkeiten  hervorgerufen  wird,  die 
man  gewöhnlich  als  Erkältungsursachen  bezeichnet:  Zugluft,  Ein- 
wirkung Ton  Kälte  und  Nässe,  von  rauhen  Winden;  Schlafen  auf 
feuchter  Erde  u.  s.  w.  Auf  die  yerschiedene  Intensität  solcher  Ein- 
wirkungen scheint  sich  auch  der  Einfluss  der  Jahreszeiten  zu  reduci- 
ren ;  in  den  kalten  und  feuchten  Wintermonaten  entstehen  Neuralgien 
häufiger.  Diejenigen  Nerven,  welche  durch  ihre  anatomische  Lage 
diesen  Schädlichkeiten  am  meisten  ausgesetzt  sind,  wie  z.  B.  der 
Trigeminus  und  der  Ischiadicus,  erkranken  auch  am  häufigsten  an 
derartigen  „  rheumatischen  ^  Neuralgien.  Wir  sind  zur  Zeit  noch  ganz 
ausser  Stande,  über  die  den  „  rheumatischen  *"  Neuralgien  zu  Grunde 
liegenden  anatomischen  Veränderungen  ein  sicheres  Urtheil  abzugeben; 
doch  gewinnt  die  Meinung  immer  mehr  Anhänger,  dass  es  sich  dabei 
um  leicht  entzündliche  Zustände  im  Neurilemm  handle  (Hyperämie, 
Schwellungen,  flüchtige  Exsudationen  u.  s.  w.).  Auch  über  die 
Pathogenese  dieser  rheumatischen  Ernährungsstörung,  über  die  Art 
und  Weise,  wie  die  „  Erkältung  **  diese  Störung  herbeiführt,  sind  wir 
bekanntlich  noch  keineswegs  im  Klaren  und  es  dürfte  auch  ein  Excurs 
tiber  diese  Frage  an  dieser  Stelle  keineswegs  angezeigt  sein. 

Nicht  minder  räthselhaft  in  ihrer  Einwirkung  auf  die  Entstehung 
von  Neuralgien  ist  die  Aufnahme  bestimmter  Schädlichkeiten  in  die 
Blutmasse:  Infection  und  Intoxication,  und  doch  unterliegt  es 
keinem  Zweifel,  dass  auf  diesem  Wege  nicht  selten  Neuralgien  er- 
zeugt werden.  Am  bekanntesten  und  häufigsten  sind  die  Neuralgien 
durch  Malariainfection.  In  Malariagegenden  treten  dieselben 
sehr  häufig  auf  und  kommen  ähnlich  wie  Intermittens  auch  sporadisch 
hier  und  da  vor;  merkwürdig  ist  die  mit  Vorliebe  erfolgende  Loca- 
lisation  auf  bestimmte  Nerven,  besonders  den  ersten  Ast  des  Trige- 
minus. Diese  Malarianeuralgien  haben  streng  typischen  Verlauf,  sind 
manchmal  von  Fiebererscheinungen  begleitet  und  weichen  sehr  sicher 
den  antitypischen  Mitteln.  Doch  darf  man  ja  nicht  glauben,  dass 
jede  typische  oder  dem  Chinin  weichende  Neuralgie  auf  Malaria 
beruhe;  auch  viele  andere,  besonders  rheumatische  Formen  zeigen 
oft  ausgesprochen  typischen  Verlauf;  nur  wo  Tertian-  oder  Quartan- 
typus  vorhanden  ist,  kann  man  mit  Sicherheit  auf  Malaria-Ursprung 
schliessen.  Die  Mehrzahl  dieser  Malarianeuralgien  kommt  nach 
Oriesinger  (Infectionskrankheiten  2.  Aufl.  S.  48)  im  vorgerückteren 
Alter  —  jenseits  der  40  Jahre  —  vor.  —  Inwieweit  andere  Infections- 
krankheiten durch  die  Infection  an  sich  Veranlassung  zu  Neuralgien 


30  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

werden  können ,  ist  nicht  hinreichend  festgestellt;  doch  erwähnt 
Nothnagel  das  Auftreten  Ton  wirklichen  Neuralgien  des  Sapra- 
orbitalis  und  Ocdpitalis  im  ersten  Stadium  des  Typhus  (von  dem 
gewöhnlichen  Kopfschmerz  wohl  unterschieden).  Rosenbach*)  hat 
dieselben  neuerdings  eingehend  geschildert  und  mit  einigen  charak- 
teristischen Beispielen  belegt;  sie  sollen  im  Beginn  des  Typhus  sehr 
häufig  sein  und  auch  bei  Becidiyen  desselben  oft  wiederkekren. 
Ausserdem  kommen  als  Nachkrankheiten  des  Typhus  und  anderer 
Infectionskrankheiten  Neuralgien  nicht  selten  vor,  beruhen  aber  dann 
wohl  auf  anatomischen  Vei^derungen  der  Nerven  selbst  Mancherlei 
Zweifel  erwecken  noch  die  Neuralgien,  welche  auf  Grund  von 
Dyskrasien  entstehen  sollen.  Früher  hat  man  gar  nicht  an  d^ 
Existenz  solcher  „  rheumatischer",  „  arthritischer  *",  „  seorbutiscber  % 
;, scrophulöser *"  Neuralgien  gezweifelt;  heutzutage  führt  man  die  bei 
constitutionellem  Kbeumatismus ,  bei  Qicht  oder  ähnlieben  dyskrasi- 
sischen  Erankhdtsformen  vorkommenden  Schmerzen  theilweise  auf 
andere  Verhältnisse  als  auf  neuralgische  Erkrankungen  zurück,  theil- 
weise aber  sucht  man  die  Ursache  wirklich  neuralgischer  Beschwer- 
den in  solchen  Fällen  in  mehr  secundären  Zuständen :  Fortpfianzong 
der  entzündlichen  Vorgänge  von  den  Gelenken  auf  benachbarte  Ner- 
venstämme, Ablagerung  von  Kalksalzen  in  dieselben,  Erkrankungen 
der  Blutgefässe  u.  s.  w.  —  Deutlicher  ist  in  vielen  Fällen  die  Wir- 
kung der  Syphilis:  hier  können  syphiKtische  Knochen-  und  Periost- 
eilLrankungen  die  Nerven  insultiren,  oder  es  können  specifisch- 
syphilitische  Procesee  (Gummata,  chronisch-entzttndliche  Processe  am 
Bindegewebe  und  an  den  Blutgefässen  u.  dgl.)  theils  an  den  periphe- 
rischen Nerven,  theils  an  den  Centralorganen  die  Ursachen  von 
Neuralgien  werden.  Die  bekannten  Dolores  osteocopi  sind  aber  nicht 
mit  Neuralgien  zu  verwechseln.  Neuerdings  hat  Fournier  (Le^. 
s,  1.  Syphil.  1873  p.  774)  auf  wiiUiche  Neuralgien  hingewie«eiiy 
welche  dem  Stadium  der  secundären  Syphilis  mgehören  und  beson- 
ders bei  Weibern  ziemlich  häufig  vorkommen  sollen.  Sie  befalleii 
mit  Vorliebe  den  Supraorbitalnerven  und  den  Ischiadicns. 

Von  den  eigentlichen  Intoxicationen  ist  es  besonders  die  mit 
Blei,  von  welcher  am  sichersten  bekannt  ist,  dass  sie  zu  neuralgi- 
schen Affectionen  führt  (Bleikolik,  vielleicht  auch  die  Bleiarihralgie), 
ähnlieh  Kupfer  und  Quecksilber;  besonders  bei  stark  mercuri- 
alisirten  Individuen  sieht  man  manchmal  sehr  hartnäckige  und  schwer 
heilbare,  mehr  oder  weniger  über  den  Körper  verbreitete  Neuralgien 

1)  üeber  Neuralgien    im   Beginn    des  Ileotyphus.     Archiv    für  klin.  M«d. 
XVn.  8.  252. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  Aetiologie.  Geiegenheitsorsachen.  31 

entstehen.  —  Von  oiganisehen  Giften  sind  Alkohol  und  Tabak 
ab  hierher  gehörend  zu  erwähnen.  Ueber  die  Wirkungsweise  aller 
dieser  Gifte  sind  wir  noch  im  Unklaren. 

Eine  der  wichtigsten  Gruppen  von  Ursachen  der  Neuralgien 
iMMen  die  Erkrankungen  der  Centralorgane  des  Nerven- 
systems. Sie  wirken  auf  die  centralen  Bahnen  und  Apparate  fttr 
die  Leitung  und  Auftiahme  der  Empfindungen  im  Rtickenmark  und 
Gehirn  ein,  und  nach  dem  Gesetz  der  excentrischen  Projection  werden 
die  dadurch  erzeugten  Neuralgien  in  die  peripheren  Nervenbahnen 
Terlegt.  Doch  ist  dabei  wohl  zu  beachten,  dass  viele  der  so  er- 
zeugten Schmerzen  nicht  die  Bedeutung  von  wirklichen  Neuralgien 
liaben  (und  deshalb  wohl  am  besten  als  „neuralgiforme*'  bezeichnet 
werden),  und  dass  nur  dann  wirkliche  Neuralgien  entstehen,  wenn 
die  betreffenden  Erankheitszustände  in  ganz  bestimmter  Weise  auf 
die  sensiblen  Centralapparate  einwirken.  Die  Erkrankungen,  welche 
hier  erwähnt  zu  werden  verdienen,  sind  Hypei^mien,  Entzündungen, 
Erweichungen  des  Gehirns  und  Rttckramarks,  Geschwülste  aller  Art, 
Sklerosen,  die  Tabes  dorsaiis  u.  s.  w.  Für  den  Arzt  ist  es  natürlich 
von  der  grössten  Wichtigkeit,  solche  Vorgänge  als  Ursachen  von 
Neuralgien  zu  erkennen,  so  unklar  auch  noch  in  vieler  Beziehung 
ihre  Stellung  zur  Pathogenese  der  Neuralgien  ist.  Nach  C.  Lange 
sollen  vom  Gehirn  aus  excentrieche  Neuralgien,  mit  Ausnahme  von 
solchen  im  Gebiet  des  Trigeminus,  gar  nicht  vorkommen,  weil  an- 
geblieh die  schmerzleitenden  Bahnen,  welche  die  Himcentren  mit  den 
Ursprüngen  der  peripherischen  Nerven  in  Verbindung  setzen,  durch 
pathologische  Reize  mcht  erregt  werden  können.  Dasselbe  gilt  nach 
Lange  auch  für  diese  Bahnen  innerhalb  des  Rückenmarks;  auch 
hier  entstehen  Neuralgien  nur  in  den  Nerven  bezirken,  deren  Wurzeln 
direct  von  der  Erkrankung  ergriffen  sind.  Diese  Ansicht  bedarf 
noch  sehr  der  genaueren  Prüfung;  sie  scheint  wenigstens  mit  wohl- 
constatirten  Thatsachen  der  Rückenmarkspathologie  in  Widerspruch 
zu  stehen.  —  Auf  der  anderen  Seite  nimmt  Lange  an,  dass  krank- 
haft erregte  sensible  Centralapparate  im  Gehirn  durch  die  Thätig- 
keit  des  Gehirns  selbst  (durch  Vorstellungen  etc.)  erregt  werden 
können  und  dass  hierdurch  projicirte  Neuralgien  entstehen ;  so  deutet 
er  die  neuralgischen  Beschwerden  der  Hjrpochonder.  —  Auch  die 
eine  so  häufige  Theilerscheinung  der  Hysterie  bildenden  Neural- 
gien gehören  wohl  zum  Theil  zu  den  excentrischen. 

Es  wird  endlich  in  der  Literatur  noch  eine  Reihe  von  Ursachen 
namhaft  gemacht,  deren  Wirkungsweise  im  höchsten  Grade  unklar 
ist  und  deren  Berechtigung,  hier  aufgeführt  zu  werden,  noch  zum 


32  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Theil  zweifelhaft  sein  kann.  Hierhergehören  zunächst  Reizungen 
peripherischer  Organe,  welche  wahrscheinlich  im  Centralorgan 
auf  entfernte  sensible  Bahnen  übertragen  werden  und  in  diesen 
Neuralgien  erzeugen.  Für  das  Verständniss  anscheinend  am  zugäng- 
lichsten sind  die  Fälle,  wo  Verletzungen  oder  Erkrankungen  sensibler 
Nerven  im  weitem  Verlauf  zu  Neuralgien  mehr  oder  weniger  ent- 
fernter Nervenbahnen  geführt  haben;  so  erzählt  Anstie  zwei  Fälle 
von  Trigeminusneuralgie,  von  welchen  der  eine  im  Gefolge  einer 
Verletzung  des  Nerv,  ulnaris,  der  andere  des  Nerv,  occipit  entstand 
und  wo  der  Zusammenhang  ziemlich  sicher  nachgewiesen  werden 
konnte.  Analogien  mit  dem  Vorgange  der  Irradiation  von  Empfin- 
dungen liegen  hier  nahe,  ebenso  wie  der  Gedanke  an  eine  fortge- 
leitete und  im  Centrum  weiterkriechende  Neuritis;  auch  dürfte  eine 
hochgradig  entwickelte  Prädisposition  das  Auftreten  solcher  Erkran- 
kungen sehr  begünstigen.  Diesen  Fällen  am  nächsten  stehen  die 
Neuralgien,  welche  durch  Ueberanstrengung  der  Augen  nicht 
selten  hervorgerufen  werden  und  die  meist  den  Trigeminus  betreffen. 
Daran  reihen  sich  die  Neuralgien  durch  Zahncaries.  Nicht  selten 
gehen  Neuralgien  von  Heizungen  und  Erkrankungen  der 
Genitalorgane  aus:  Excesse  in  venere,  Masturbation,  Blennorrhoe 
und  Epididymitis  (M au riäc),  Uterus-  und  Ovarienleiden  u.  s.  w. 
sind  nicht  selten  Ursachen  von  Neuralgien,  welche  durchaus  nicht 
immer  in  den  die  Genitalien  versorgenden.  Nervenbahnen  ihren  Sitz 
haben,  sondern  gelegentlich  auch  an  ganz  entfernten  Stellen  auftreten. 
—  Sehr  dunkel  und  meist  nur  aus  dem  therapeutischen  Erfolg  er- 
schlossen sind  die  Beziehungen,  welche  zwischen  Darmkrankheiten, 
Eingeweidewürmern ,  habitueller  Verstopfung ,  „  Leberanschoppung ", 
zwischen  Herzkrankheiten,  Lungenkrankheiten  u.  dgl.  und  Nenral^en 
bestehen  sollen ;  doch  fehlt  es  auch  dafUr  an  angeblich  beweisenden 
Beispielen  nicht  (s.  bei  Bretscbneider  1.  c,  bei  Stromeyer, 
Lokalneurosen  1873).  —  Die  ganze  Lehre  von  diesen  sog.  „Reflex- 
neuralgien '',  die  auch  C.  Lange  eingehend  gewürdigt  hat,  beruht 
noch  auf  sehr  unsicheren  Grundlagen;  doch  sind  die  Thatsachen 
immerhin  zahlreich  genug,  um  den  vermutheten  Zusammenhang 
zwischen  peripheren  Organkrankheiten  und  Neuralgien  höchst  wahr- 
scheinlich zu  machen,  wenn  auch  die  Deutung  dieses  Zusammen- 
hangs noch  eine  ganz  hypothetische  und  mehr  oder  weniger  will- 
kürliche ist.  Die  Neuralgien  durch  unterdrückte  Fussschweisse,  nach 
zurückgetretenen  Hautausschlägen  u.  dgl.  haben  früher  eine  jeden- 
falls viel  zu  grosse  Rolle  gespielt,  wenn  auch  ihre  Existenz  am 
Ende  nicht  geleugnet  werden  kann. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Pathologische  Anatomie  und  Pathogenese.      33 

Pathologische  Anatomie  und  Pathogenese« 

Wir  haben  im  Vorstehenden  eine  grosse  Zahl  an  sich  sehr 
differenter  Schädlichkeiten  als  die  Ursachen  von  Neuralgien  ange- 
führt. Es  ist  klar,  dass  nur  eine  genaue  Kenntniss  der  bei  Neural- 
gien vorhandenen  pathologisch  -  anatomischen  Veränderungen  den 
feineren  Zusammenhang  zwischen  Ursache  und  Wirkung  erkennen 
lassen  und  damit  auch  ein  Verständniss  des  Wesens  der  Neuralgie 
überhaupt  ermöglichen  kann. 

Prüfen  wir  jedoch  die  vorliegenden  Thatsacheoi  in  Bezug  auf 
die  pathologisch-anatomischen  Veränderungen  etwas  ein- 
gehender, so  kommen  wir  sehr  bald  zu  der  Einsicht,  dass  wir  über 
die  eigentlich  wesentlichen  Vei^nderungen  der  sensiblen  Nerven- 
apparate bei  Neuralgien  so  gut  wie  nichts  wissen,  dass  dieselben 
den  jetzigen  Hülfsmitteln  der  Untersuchung  unzugänglich  sind.  Gröbere 
anatomische  Veränderungen  lassen  sich  allerdings  von  vornherein 
nicht  erwarten :  ein  Nerv,  der  in  dem  einen  Moment  von  den  heftig- 
sten Erregungszuständen  heimgesucht  ist,  während  er  im  nächsten 
Moment  ganz  normal  fnnctionirt,  also  die  Möglichkeit  der  völligen 
Intermission  der  krankhaften  Erscheinungen  besitzt,  kann  nicht  in 
erheblicher  Weise  anatomisch  verändert  sein;  jede  solche  Verände- 
rung würde  mit  erheblicher  Beeinträchtigung  der  Function  des  Nerven, 
mit  Anästhesie  höheren  Grades  einhergehen  müssen.  Schon  aus 
diesem  Grunde  ist  es  mehr  als  wahrscheinlich,  dass  die  in  manchen 
Fällen  gefundenen  gröberen  anatomischen  Veränderungen  nicht  das 
Wesentliche  bei  der  Neuralgie  sind  und  Anstie  hat  gewiss  Berech- 
tigung genug,  die  anatomischen  Veränderungen  als  bloss  zufällige  und 
seltene  Factoren  bei  der  Production  von  Neuralgien  zu  bezeichnen. 

Das,  was  man  bisher  gefunden  hat,  lässt  sich  in  wenige  Worte 
zusammenfassen:  Abplattung  und  Atrophie  der  Nerven;  Degeneration 
der  Nervenfasern ;  Schwellung  und  Hyperämie,  Entzündung  und  Ver- 
dickung des  Neurilemm;  Erweiterungen  und  Schlängelungen  der 
arteriellen  und  venösen  Gef ässe  der  Nervenstämme ;  narbige  Indura- 
tionen und  Geschwulstbildungen  an  denselben;  femer  die  oben  ge- 
nannten Veränderungen  am  centralen  Nervensystem.  Schon  die 
grosse  Zahl  und  Verschiedenheit  der  gefundenen  Veränderungen  deutet 
darauf  hin,  dass  sie  nichts  für  die  Neuralgie  Wesentliches  darstellen. 
In  sehr  vielen  Fällen  hat  aber  die  genaueste  Untersuchung  gar  nichts 
nachzuweisen  vermocht;  immerhin  schliessen  diese  negativen  Befunde 
bei  der  Leichenuntersuchung  nicht  mit  absoluter  Sicherheit  aus,  dass 
während  des  Lebens  Veränderungen  leichter  und  vei^nglicher  Art 

Hftiidbncli  d.  spec  Pttholofie  u.  Therapie.    XU.  Bd.  1.    i.  Aufl.  3 


34  £rb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

bestanden  haben  (wie  z.  B.  Hyperämie,  leichte  Exsudation  und  Oedem 
u.  dgl.);  und  die  von  einigen  Seiten  geäusserte  Meinung,  dass  allen 
Neuralgien  eine  leichte  Neuritis  zu  Grunde  liege,  kann  durch  die  bis- 
herigen negativen  Befunde  nicht  als  widerlegt  betrachtet  werden. 
Wenn  überhaupt,  so  ist  nur  von  Untersuchungen,  welche  mit  allen 
verfeinerten  Hülfemitteln  der  modernen  mikroskopischen  Technik  an 
ganz  frischen  —  am  besten  durch  Besectionen  gewonnenen  —  Prä- 
paraten angestellt  sind,  einiger  Aufschluss  zu  erwarten. 

Es  geht  aus  dem  Gesagten  hervor,  dass  die  Pathogenese  der 
Neuralgien  uns  noch  äusserst  unklar  sem  muss;  wir  sind  grössten- 
theils  auf  Hypothesen  angewiesen.  So  zunächst  in  Bezug  auf  das 
Zustandekommen  der  Prädisposition  zu  Neuralgien:  Schwäche  der 
Gewebe,  moleculare  Ernährungsstörungen,  grössere  Vulnerabilität, 
grössere  Erregbarkeit  der  sensiblen  Nervenbahnen  —  das  sind  so 
ungefähr  die  Schlagwörter,  die  unsere  Unkenntniss  über  das  eigent- 
liche Wesen  des  Vorgangs  nur  schlecht  verhüllen.  Die  Zukunft  wird 
uns  vielleicht  darüber  Au&chluss  bringen. 

Von  den  Gelegenheitsursachen  nimmt  man  an,  dass  sie  theil- 
weise  als  directe  Beize  auf  die  sensiblen  Nerven  wirken  und  so  die 
Neuralgien  produciren :  so  die  Traumen,  die  Fremdkörper,  die  mecha- 
nische Compression,  der  pulsirende  Druck  der  Aneurysmen  u.  s.  w.  ; 
ein  anderer  Theil  soll  auf  dem  Wege  der  entzündlichen  Veränderung 
diejenige  Ernährungsstörung  im  Nerven  herbeiführen  —  gewöhnlieh 
wird  Hyperästhesie  hier  genannt  —  welche  die  Neuralgie  bedingt; 
wieder  ein  anderer  Theil,  so  z.  B.  Anämie  oder  Infection  und  In- 
toxication,  soll  direct  Hyperästhesie  hervorrufen,  so  dass  dann  jeder 
leichte  Beiz  schon  die  neuralgischen  Erscheinungen  hervorzurufen  im 
Stande  ist. 

Dem  gegenüber  ist  jedoch  mit  aller  Bestimmtheit  hervorzuheben, 
dass  die  durch  directe  Beize  auf  die  sensiblen  Nerven  hervorgerufenen 
Schmerzen  sich  sehr  wesentlich  von  den  neuralgischen  unterscheiden, 
dass  diese  letzteren  sich  meist  erst  einige  Zeit  nach  Einwirkung  des 
Beizes  einstellen,  dass  sie  bei  Fortwirken  des  Beizes  intermittiren 
und  dass  sie  nach  Aufhören  des  Beizes  fortbestehen  können;  dass 
die  durch  Aneurysmen  hervorgerufenen  Neuralgien  durchaus  kerne 
mit  dem  Puls  isochronen  Schmerzen  darbieten.  Es  ist  femer  darauf 
hinzuweisen,  dass  Hyperästhesie  und  Neuralgie  sich  durchaus  nicht 
gegenseitig  decken  und  dass  die  zeitliche  Aufeinanderfolge  der  neur- 
algischen Erscheinungen  durchaus  nicht  mit  der  der  hyperästhetischen 
harmonirt.  Aus  Allem  muss  demnach  der  Schluss  gezogen  wenden, 
dass  die  Neuralgie  etwas  von  den  durch  ihre  Ursachen 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Pathologische  Anatomie  und  Pathogenese.      35 

zunächst  und  unmittelbar  hervorgerufenen  sensiblen 
Eindrücken  wesentlich  Verschiedenes  ist;  dass  also  z.  B. 
der  durch  ein  Trauma  oder  einen  Fremdkörper  gesetzte  Schmerz 
etwas  von  der  durch  dieselben  Momente  hervorgerufenen  Neuralgie 
wesentlich  Verschiedenes  darstellt.  Es  liegt  die  Hypothese  nahe, 
dass  sich  unter  dem  Einflasse  bestimmter  Ursachen  im  Nerven  eine 
ganz  bestimmte  Veränderung  aasbildet,  welche  erst  die  Neuralgie 
darstellt  Da  die  Cardinalsymptome  der  Neuralgie  sich  in  allen 
Fällen  in  auffallender  Weise  gleichen,  so  ist  der  weitere  Schluss  er- 
laubt, dass  sich  auf  Grund  der  verschiedenartigsten  ursäch- 
lichen Ein  Wirkungen  immer  ein  und  die  selbe  Veränderung 
im  Nerven  ausbildet,  und  in  diesem  Sinne  kann  wohl  auch  die 
Neuralgie  als  eine  genau  charakterisirte  Krankheitsform  angesehen 
werden,  welcher  wenigstens  die  meisten  Einzelfälle  von  Neuralgie 
zuzuzählen  sind. 

Worin  allerdings  dieser  eigenthOmliche  Zustand  des  Nerven  be- 
steht, der  nach  dem  Aufhören  der  Ursachen,  die  ihn  hervorgerufen, 
fortbestehen  kann,  der  jene  eigenthttmlichen  Erscheinungen  hervor- 
ruft, die  wir  als  neuralgischen  Paroxysmus  kennen,  wissen  wir  zur 
Zeit  noch  gar  nicht.  Unsere  Hül&mittel  haben  bisher  nicht  ausge- 
reicht, ihn  genauer  zu  erforschen.  Doch  scheint  so  viel  gesagt 
werden  zu  können,  dass  wir  es  bei  der  Neuralgie  mit 
einer  ganz  bestimmten,  eigenthümlichen  Form  der 
Ernährungsstörung  im  sensiblen  Nervenapparat  zu 
thun  haben. 

Auch  über  den  gewöhnlichen  Sitz  dieser  Ernährungsstörung  ist 
noch  nichts  Genaueres  bekannt;  wahrscheinlich  aber  ist  es,  dass  ver- 
schiedene Localisationen  möglich  sind.  Soviel  scheint  sicher,  dass 
meist  eine  bestimmte  Gruppe  von  Fasern  (resp.  deren  centrale 
Endigungen)  wie  sie  in  bestimmten  Nervenzweigen  oder  Stämmen 
vereinigt  sind,  der  Sitz  dieser  Localisation  werden  kann;  in  welcher 
Höhe  der  Faserung  dies  der  Fall  ist,  ist  schwer  zu  sagen;  es  ist 
wahrscheinlich,  dass  hier  ebenfalls  alle  Möglichkeiten  offen  stehen: 
es  kann  die  periphere  Faserung  an  verschiedenen  Stellen  und  in 
verschiedener  Längsausdehnung  befallen  sein ;  oder  es  sind  die  hinteren 
Wurzeln  und  ihre  Fortsetzungen  im  Rückenmark  der  Sitz  der  neur- 
algischen  Ernährungsstörung;  oder  endlich  es  kann  die  centrale 
Faserung  im  Kttckenmark  und  Gehirn  bis  zu  den  Endapparaten  be- 
fallen sein.  Es  kann  wohl  auch  nicht  zweifelhaft  sein ,  dass  diese 
Ernährungsstörung  sich  allmälig  weiter  ausbreiten,  von  einem  Theil 

des    sensiblen  Apparates    auf  den    anderen   tibergreifen   kann;    es 

3* 


36  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

würden  sich  dadurch  die  Generalisation  der  Neuralgien,  sowie  die 
Reflexneuralgien  erklären  lassen. 

Weiter  zu  gehen,  als  die  Torstehenden  Andeutungen  es  gewagt 
haben,  gestatten  unsere  heutigen  Kenntnisse  wohl  nicht.  Es  erscheinen 
demnach  wohl  alle  in  bestimmterer  Form  auftretenden  Ansichten  Aber 
das  eigentliche  Wesen  der  Neuralgie,  sowie  jede  wissenschaftliche 
Theorie  derselben  als  verfrüht. 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  die  verschiedenen  über  das  Wesen  der 
Neuralgie  geäusserten  Ansichten  und  Theorien  einer  eingehenden  Ejritik 
zu  unterwerfen.  Die  meisten  Autoren  bescheiden  sich  auch,  irgend 
eine  bestimmte  Ansicht  über  diesen  Gegenstand  zu  äussern;  ihre  De- 
finitionen von  Neuralgie  sind  nichts  Anderes  als  eine  kurze  Zusanmien- 
fassung  ihrer  Hauptsymptome.  Nur  eine  höchst  ansprechende  Ansicht 
möge  hier  Erwähnung  finden,  welche  von  Austie  in  neuester  Zeit 
aufgestellt  und  mit  vielem  Aufwand  von  Scharfsinn  zu  begründen  ver- 
sucht wurde.  Anstie  glaubt,  dass  jede  wahre  Neuralgie  ihren  Sitz 
in  den  hinteren  Wurzeln  derjenigen  Spinalnerven  habe,  in  welchen  der 
Schmerz  gefühlt  wird,  und  dass  die  specifische  Veränderung  in  einer 
Atrophie  der  hinteren  Wurzeln  und  der  benachbarten  centralen  Faserung 
und  Ganglienapparate  bestehe;  diese  Atrophie  soll  meist  auf  nicht 
entzündlichem  Wege  zu  Stande  konmien.  Wir  müssen  gestehen,  dass 
die  von  Anstie  in  grosser  Vollständigkeit  beigebrachten  Gründe  für 
diese  Anschauung  uns  durchaus  nicht  von  der  Richtigkeit  derselben 
überzeugen  konnten.  Nicht  ein  einziger  wirklicher  Beweis  dafür 
liegt  vor,  sondern  es  handelt  sich  immer  nur  um  eine  mögliche 
Annahme,  der  wir  sogar  eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit  ftir 
manche  Formen  von  Neuralgie,  besonders  die  constitutionellen ,  die 
centralen  und  die  sogenannten  Refiexneuralgien  nicht  absprechen 
wollen.  Jedenfalls  aber  glauben  wir,  dass  nur  Wenige  es  mit  Anstie 
ftir  bewiesen  halten  werden,  dass  jede  Neuralgie  ihren  Sitz  in  den 
hinteren  Wurzeln  habe,  und  noch  weniger,  dass  es  sich  dabei  immer 
um  Atrophie  oder  beginnende  Atrophie  derselben  handle.  Abgesehen 
von  dem  Mangel  jedes  beweisenden  nekroskopischen  Befundes,  auf  den 
wir  kein  grosses  Gewicht  legen  wollen,  scheinen  uns  besonders  die 
traumatischen  Neuralgien  (hauptsächlich  bei  Schussverletzungen),  scheint 
uns  die  Beschränkung  auf  einzelne  Nervenstämme,  die  ihre  Fasern 
von  verschiedenen  Wurzeln  erhalten,  endlich  die  leichte  Heilbarkeit 
vieler  Neuralgien  und  die  Wirksamkeit  mancher  peripher  einwirken- 
der Heilmittel  dieser  Theorie  vorläufig  unüberwindliche  Schwierigkeiten 
entgegenzusetzen.  Immerhin  verdient  diese  Ansicht  eine  genauere 
Prüfung  durch  eingehende  anatomische  Untersuchungen. 

Die  von  Benedict  geäusserte  Ansicht,  dass  allen  —  wenigstens 
den  peripherischen  —  Neuralgien  eine  leichte  Neuritis  zu  Grunde 
liege,  kann  bei  dem  jetzigen  Stand  unserer  Kenntnisse  weder  bewiesen 
noch  zurückgewiesen  werden;  sie  dürfte  wohl  nur  für  gewisse  ätiolo- 
gische Formen  der  Neuralgie  Geltung  beanspruchen.  —  Dass  die  in 
dem  weitverbreiteten  Niemeyer 'sehen  Lehrbuch  entwickelte  Begriffs- 


Neuralgie  im  Ailgeiaeinen.    Symptomatologie.    Allgemeines  Erankheitsbild.  37 

bestimmimg  der  Neuralgie  der  nöthigen  Tiefe  ermangelt ,  dürfte  aus 
den  obigen  Auseinandersetzungen  erhellen ;  eine  schmerzhafte  Erregung 
der  sensiblen  Nerven  wird  nicht  dadurch  zur  Neuralgie,  dass  sie  durch 
andere  als  die  gewöhnlichen  Reize  oder  an  anderen  als  den  gewöhnlichen 
Stellen  erzeugt  wird;  es  muss  immer  erst  noch  eine  gewisse  Verän- 
derung im  Nerven  selbst  hinzukommen.  —  Eulenburg  (1.  c.  S.  51) 
deutet  eine  der  oben  entwickelten  ähnliche  Anschauung  tlber  die  wesent- 
liche Veränderung  bei  Neuralgien  an  und  bekennt  ebenfalls  unsere 
gänzliche  Unwissenheit  über  die  Art  und  Weise  derselben. 


Symptomatologie. 

1.    Allgemeines  Erankheitsbild. 

Meist  gehen  dem  Auftreten  einer  Neuralgie  verschieden  lange 
Zeit  Vorboten  voraus,  welche  mehr  oder  weniger  ausgesprochen  und 
heftig  sein  können :  in  dem  bedrohten  Nervengebiete  zeigt  sich  leichtes 
Ziehen,  hier  und  da  auftretende  mahnende  Schmerzen,  einzelne  Stiche, 
die  sieh  rascher  und  rascher  wiederholen,  manchmal  auch  Formica- 
tion  oder  abnormes  Eältegeftihl,  selten  ein  allgemeines  Angegriffen- 
sein. Nur  selten  tritt  die  Neuralgie  ganz  plötzlich  und  sofort  mit 
allen  heftigen  Erscheinungen  eines  Anfalls  auf. 

Dieser  neuralgische  Anfall  —  Paroxysmus  —  charakterisirt 
sich  vor  allen  Dingen  durch  lebhafteste  Schmerzen  in  emer  bestimmten 
Eörperregion ,  einem  bestimmten  Nervengebiet.  Diese  Schmerzen 
können  verschiedenen  Charakters  sein:   meist  werden  sie  von  den 

■a 

Kranken  als  bohrend,  reissend,  schneidend,  blitzähnlich  durchfahrend, 
seltener  als  brennend  geschildert;  ihre  Intensität  wechselt  von  Augen- 
blick zu  Augenblick ;  sie  kann  sich  allmälig  steigern  zu  den  höchsten 
Graden,  ftlr  welche  die  Stanken  keine  schildernden  Worte  mehr 
anfißnden,  welche  die  lautesten  Schmerzensäusserungen  und  wahre 
Ausbrüche  der  Verzweiflung  produciren  können.  Untersucht  man 
während  des  Anfalls,  so  lassen  sich  meist  längs  des  befallenen  Nerven 
mehr&che,  besonders  schmerzhaftie ,  bei  Druck  hochgradig  empfind- 
liche Stellen  (Schmerzpunkte,  Points  douloureux)  nachweisen,  welche 
oftmals  Herd  und  Ausgangspunkt  der  Schmerzen  zu  sein  scheinen. 
Nicht  minder  lässt  sich  in  vielen  Fällen  mehr  oder  weniger  deutliche 
Hyperästhesie  oder  auch  Anästhesie  des  dem  Sitze  der  Neuralgie 
entsprechenden  Hautbezirks  constatiren. 

Auf  der  Höhe  des  Paroxysmus  tritt  nicht  selten  Irradiation  des 
Schmerzes  auf  mehr  oder  weniger  entfernte  sensible  Nervenbahnen, 
meist  auf  die  gleichnamigen  Nerven  der  anderen  Körperhälfte,  ein. 


38  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Bei  Neuralgien  in  gemischten  sowohl  wie  in  rein  sensiblen  Nerven 
treten  jetzt  nicht  selten  deutliche  motorische  Reizerscheinungen  auf: 
Zittern,  tonische  und  klonische  Krämpfe  u.  s.  w. ;  fast  immer  ist  die 
Beweglichkeit  des  Theiles  beeinträchtigt  wegen  der  jede  Bewegung 
begleitenden  hochgradigen  Schmerzhailigkeit,  seltener  und  dies  meist 
erst  in  späteren  Stadien  durch  wirkliche  motorische  Schwäche  oder 
Lähmung. 

Sehr  auffallend  sind  oft  frühzeitig  schon  eintretende  vasomo- 
torische Störungen:  viele  Anfälle  beginnen  mit  einer  aufTallenden 
Blässe  der  Haut,  welche  bald  einer  gesteigerten  Röthe  Platz  macht; 
Horripilationen ,  ebenso  wie  anhaltendes  und  abnormes  Kälte-  oder 
HitzegefUhl,  bedingt  durch  Anomalien  des  Blutgehalts  der  Haut,  sind 
nicht  gerade  seltene  Erscheinungen. 

Nicht  minder  kommen  secretorische  Störungen  vor,  besonders  bei 
Neuralgien  im  Gebiete  -solcher  Nerven,  von  welchen  physiologisch 
gewisse  Secretionen  erregt  werden  können :  reichliche  Thränenabson- 
derung,  profuse  Speichelsecretion  sind  am  häufigsten;  doch  kommt 
auch  gesteigerte  Harn-  und  Schweisssecretion  und  dergl.  hier  und 
da  vor. 

Fast  nie  beobachtet  man  bei  diesen  Anfällen  Allgemeinstörungen : 
das  Thermometer  zeigt  keine  Erhöhung  der  Körperwärme,  der  Puls 
bleibt  von  normaler  Frequenz  oder  wird  eher  verlangsamt,  die  psy- 
chischen Functionen  bleiben  intact  oder  werden  höchstens  in  den 
heftigsten  Paroxysmen  durch  den  alles  überwältigenden  Schmerz  vor- 
ttbergehend  beeinträchtigt. 

Dies  Bild  des  neuralgischen  Anfalls  kann  verschieden  lange  Zeit 
bestehen:  oft  sind  es  nur  Minuten,  dann  halbe  oder  ganze  Stunden, 
in  welchen  die  Kranken  von  den  Schmerzen  gepeinigt  werden;  selten 
dauern  die  Anfälle  längere  Zeit  und  dann  hat  man  es  meist  mit 
ganzen  Anfallsgruppen  zu  thun,  welche  sich  aus  einer  grösseren  Zahl 
einzelner,  rasch  aufeinander  folgender  Anfälle  zusammensetzen.  Naht 
sich  der  Anfall  seinem  Ende,  so  hört  selten  der  Schmerz  ganz  plötz- 
lich, mit  einem  Male  auf;  meist  tritt  ein  allmäliges  Abklingen  des 
Schmerzes  ein  und  die  beginnende  Euphorie  wird  noch  öfter  durch 
blitzähnlich  auftretende  Schmerzen  gestört.  Bald  aber  ist  ein  Zu- 
stand vollkommener  oder  doch  relativer  Schmerzfreiheit  und  damit 
auch  entsprechenden  Wohlbefindens  erreicht  und  nur  nach  sehr  hef- 
tigen Anfällen  bleibt  ein  Zustand  von  Erschöpfung  oder  Angegriffen- 
sein zurück. 

Auf  den  Anfall  folgt  dann  entweder  eine  Periode,  in  welcher  gar  kein 
Schmerz  mehr  empftmden  wird  und  alle  sonstigen  Erscheinungen  der 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Symptomatologie.    Allgemeines  Erankheitsbild.  39 

Krankheit  verschwunden  sind  —  dann  haben  wir  es  mit  einer  völligen 
Intermission  zu  thun;  oder  aber  es  besteht  auch  nach  dem  Anfall 
noch  eine  leicht  schmerzhafte  Empfindung  fort,  eine  grössere  Empfind- 
lichkeit; die  Schmerzpunkte  sind  noch  vorhanden  —  dann  spricht 
man  von  Remission  der  Neuralgie.  Auch  diese  Periode  kann  sehr 
verschieden  lange  dauern  und  dadurch  ist  die  raschere  oder  lang- 
samere Wiederkehr  der  Anfälle  bedingt:  dieselben  können  nach 
wenig  Mmuten,  oder  nach  Stunden,  Tagen,  selbst  Wochen  und  Mona- 
ten wieder  erscheinen.  Nicht  selten  beobachtet  man  eine  regelmässige 
Wiederkehr  zu  bestimmten  Stunden  oder  Tageszeiten  —  typische 
Neuralgien. 

Die  Wiederkehr  der  Anfälle  erfolgt  meist  ohne  jede  nachweis- 
bare Veranlassung,  ganz  spontan ;  doch  gibt  es  auch  gewisse  Momente, 
welche  in  vielen  Fällen  im  Stande  sind,  sofort  einen  Anfall  hervor- 
zurufen :  leichte  Hautreize,  ein  kalter  Luftzug,  Bewegungen  des  kranken 
Theils,  gewisse  körperliche  Verrichtungen,  psychische  Emotionen 
u.  8.  w.  sind  daftir  bekannt  und  man  sieht  die  Kranken,  die  dies 
aus  Erfahrung  wissen,  mit  der  grössten  Aengstlichkeit  alle  die  ge- 
nannten Schädlichkeiten  vermeiden. 

Im  weiteren  Verlaufe  der  Krankheit  tritt  meist  eine  allmälige 
Steigerung  der  Anfälle  bis  zu  einem  gewissen  Grade  ein,  auf  welchem 
die  Intensität  derselben  entweder  stationär  bleibt  oder  alsbald  wieder 
in  Abnahme  übergeht.  Nicht  selten  häufen  sich  die  Anfälle  zu  ge- 
wissen Zeiten  und  bei  gewissen  Veranlassungen.  Bei  älteren  und 
hartnäckigeren  Fällen  treten  schliesslich  weitere  Erscheinungen  auf: 
trophische  und  ernstere  motorische  Störungen,  allgemeine  Ernährungs- 
störungen, Anämie,  hochgradige  Nervosität,  selbst  psychische  Ver- 
stimmungen können  das  Bild  der  chronischen  Formen  von  Neuralgie 
compliciren. 

Die  Abnahme  der  Anfälle  kann  zu  einer  mehr  oder  weniger 
raschen  Heilung  ftihren,  und  dies  ist  der  häufigere  Fall ;  nicht  selten 
sind  aber  auch  die  Beispiele,  wo  das  Leiden  chronisch  wird  und 
Jahre  lang  besteht;  es  kann  aber  auch  ganz  unheilbar  werden  und 
die  einmal  befallenen  Individuen  fttr  den  Rest  ihres  Lebens  be- 
gleiten. 

Dieses  allgemeine,  einer  grossen  Zahl  von  Neuralgien  entnommene 
Bild  ist  keineswegs  erschöpfend  und  tritt  andererseits  auch  lange  nicht 
bei  allen  Einzelfällen  von  Neuralgie  in  ganzer  Vollständigkeit  auf, 
dies  wird  die  Betrachtung  der  einzelnen  Symptome  und  der  einzelnen 
Formen  der  Neuralgie  zeigen. 


1 


40  EsB,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

2.  Analyse  der  einzelnen  Symptome. 

Schmerz.  Derselbe  steht  ganz  im  Vordergrund  der  Erschei- 
nungen und  ist  jeden&lls  das  Hauptsymptom  bei  allen  Neuralgien. 
Er  hat  jedoch  durchaus  keine  ganz  charakteristisohen  Merkmale,  so 
dass  man  ihn  unter  allen  Umst&nden  als  neuralgischen  erkennen 
könnte.  Da  er  ein  rein  subjectives  Symptom  ist,  können  wir  ihn 
nur  aus  den  Beschreibungen  der  Kranken  näher  kennen  lernen,  und 
diese  Beschreibungen  gehen  in  den  Einzelfällen  sehr  weit  ausdnan- 
der.  Der  Schmerz  wird  bald  als  reissend,  bohrend,  stechend,  ziehend, 
bald  als  drückend  oder  blitzähnlich  durch&hrend  geschildert;  bakl 
als  glühend,  brennend^),  vom  Schneiden  mit  Messern  herrtthrend; 
bald  als  in  der  Hautoberfläche,  bald  als  in  der  Tiefe,  besonders  in 
den  Knochen  localisirt;  man  hört  Schilderungen  von  Empfindungen, 
als  ob  der  Nerv  rasch  durch  einen  engen  Ring  gezogen  würde,  als 
ob  die  Eörpertheile  auseinandergerissen  werden  sollten  u.  s.  w.;  m 
dem  einen  Falle  soll  der  Schmerz  ron  dem  Centrum  zur  Peripherie, 
im  anderen  in  umgekehrter  Richtung*)  dahinschiessen  (ab-  und  auf- 
steigende Neuralgie)  kurz,  man  erhält  sehr  vielgestaltige  Beschrei- 
bungen, die  aber  meist  doch  das  Gemeinsame  erkennen  lassen,  dass 
es  sich  um  Schmerzen  von  grosser  und  besonders  von  rasch 
wechselnder  Intensität  handelt.  —  Die  Localisation  des  Schmerzes 
ist  ebenfalls  sehr  verschieden:  oft  ist  er  auf  einen  Punkt  fixirt,  oft 
zwischen  vielen  Punkten  wechselnd ;  meist  wird  er  in  die  Tiefe,  unter 
die  Haut,  oft  direct  in  den  Nervenstamm  verlegt  und  selbst  ganz 
ungebildete  Kranke  bezeichnen  oft  sehr  genau  mit  der  Angabe  der 
besonders    schmerzenden   Partien    den    anatomischen    Verlauf  des 


1)  Unter  dem  Namen  „Causalgia**  beschreibt  Weir  Mitchell  (I^juries  of 
nerves  etc.  Philad.  1872i  eine  bei  NervenschassTerletzongen  sehr  gewöhnlich  vor- 
kommende, charakteristische  Form  eines  brennenden  Schmerzes  von  ungeheurer 
Heftigkeit,  welcher  sich  im  peripherischen  Bezirk  des  betreffenden  Nerven  (meistens 
an  Hand  und  Fuss)  findet  und  welchen  die  Kranken  nur  durch  beständiges  An- 
feuchten der  Haut  mit  kühlem  Wasser  einigermaassen  lindem  können. 

2)  Diese  verschiedene  Richtung  des  (spontanen  und  auch  des  Druck-)SchmerzeB 
ist  von  Bärwinkel  (Die  Bedeutung  der  centripetalen  Irradiation  bei  schmen- 
haften  Affectionen  der  Nervenstämme.  Archiv  f.  klin.  Med.  XVI.  S.  tS6)  einer 
specielleren  Betrachtung  unterzogen  worden.  Er  lässt  den  centripetalen  Schmerz 
durch  die  Nerven  des  Neurilemm  vermittelt  werden  und  hält  ihn  fQr  das  Sym- 
ptom einer  Neuritis.  Die  central  fortschreitende  Empfindung  erklärt  er  durch 
Irradiation,  welche  im  Kückenmark  die  Endapparate  der  einzelnen  Nervi  ner- 
vorum  successive  trifft.  Die  centrifugale  Schmerzrichtung  ist  nach  ihm  nur  der 
Ausdruck  des  Gesetzes  der  excentrischen  Protection. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.     41 

erkrankten  Nervenstammes.  Diese  Thatsache,  dass  der  Stamm  des 
Nerven  selbst  oft  in  grosser  Ausdehnung  schmerzhaft  erscheint,  er- 
klärt sich  wohl  am  Besten  durch  die  Mitleidenschaft  der  von 
Sappey  und  A,  in  neuerer  Zeit  genauer  gewürdigten  Nervi  ner- 
vonun. 

Die  Intensität  des  Schmerzes  kann  dnrch  verschiedene  äussere 
Momente  gesteigert  werden:  Besonders  sind  es  Bewegungen  der 
leidenden  Theile,  welche  von  den  Kranken  sehr  gefllrchtet  werden: 
so  wird  bei  Oesichtsneuralgien  das  Kauen  und  Sprechen,  bei  Intercos- 
talneuralgien  das  tiefe  Athmen,  bei  Ischias  das  Gehen  ängstlich 
vermieden.  In  selteneren  Fällen  bringen  Bewegungen  Erleichterung. 
Hautreize,  kalte  Luft,  kaltes  Wasser,  besonders  leichte  Bertthrung^ 
der  Haut  steigern  ebenfalls  den  Schmerz,  während  man  in  manchen 
Fällen  sieht,  dass  die  Kranken  von  energischem  Druck  auf  die 
schmerzenden  Partien  Erleichterung  erfahren  und  dass  sie  oft  die 
abenteuerlichsten  Mittel  anwenden,  um  diese  Erleichterung  zu  erlan- 
gen. —  Die  Intensität  der  Schmerzen  ist  bei  Neuralgien  der  ver- 
schiedenen Nerven  sehr  verschieden;  es  kommen  zwar  von  jeder 
Einzelform  der  Neuralgien  Fälle  von  sehr  grosser  und  solche  von 
geringerer  Intensität  vor;  doch  scheint  aus  den  Schilderungen  der 
Kranken  hervorzugehen,  dass  die  entsetzlichsten  Schmerzen  in  schweren 
fUlIen  von  Trigeminusneuralgie  vorkommen;  dieser  am  nächsten  in 
Bezug  auf  die  Heftigkeit  der  Schmerzen  scheint  Ischias  zu  stehen. 
Man  hat  versucht,  aus  der  verschiedenen  Intensität  und  auch  Qualität 
der  Schmerzen  einen  Schluss  auf  die  Localisation  der  Schmerzursache 
zu  ziehen  (Benedict).  Doch  scheint  dies  nicht  sehr  weit  zu 
führen;  höchstens  kann  man  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  die 
peripherisch  bedingten  neuralgischen  Schmerzen  von  den  central  be- 
dingten (excentrischen)  unterscheiden  (s.  u.  Diagnose). 

Jedenfalls  geht  aus  der  ganzen  Charakteristik  des  neuralgischen 
Schmerzes,  aus  der  Art  und  Weise  seiner  Verbreitung  hervor,  dass 
es  sich  dabei  nicht  um  Erregungen  der  peripherischen  Endverzwei- 
gnngen  der  sensiblen  Nerven,  sondern  um  Erregung  an  solchen  Stellen 
derselben  handelt,  wo  zahlreiche  sensible  Fasern  zu  Bündeln  und  Stäm- 
men vereinigt  liegen,  sei  dies  nun  in  den  peripherischen  Nervenbahnen 
oder  in  den  hinteren  Wurzeln  oder  endlich  im  Centralorgan  der  Fall. 

Schmerzpunkte.  Diese  von  B6rard  schon  erwähnten,  von 
Ya  1 1  e  i  X  zuerst  eingehend  untersuchten  und  ausftihrlich  beschriebenen 
sogenannten  Points  donloureux  sind  der  Gegenstand  vielfacher 
Untersuchungen  und  Discussionen  gewesen  und  sind  jedentSalls  in 
ihrer  Bedeutung  fttr  die  Pathologie  der  Neuralgien  vielfach  über- 


42  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

schätzt  worden.  Das  Thatsächliohe  darüber  ist  folgendes:  Unter- 
sucht man  währeAd  eines  neuralgischen  Anfalls  die  Körperregion, 
welche  der  Sitz  des  Schmerzes  ist,  so  findet  man  gewöhnlich  eine 
oder  mehrere  Stellen,  welche  gegen  einen  Drack  mit  der  Fingerspitze 
oder  irgend  einem  ähnlichen  Gegenstand  ungemein  empfindlich  sind. 
Diese  Stellen  sind  gewöhnlich  ganz  umschrieben  und  sind  zuweilen  der 
Sitz  und  der  Ausgangspunkt  spontaner  Schmerzen,  zuweilen  aber  auch 
nicht.  Jedenfalls  ruft  Druck  auf  dieselben  sehr  lebhafte  Schmerzen 
hervor,  kann  den  neuralgischen  Anfall  in  seiner  Intensität  steigern 
oder  selbst  einen  solchen  hervorrufen.  Am  ausgesprochensten-  sind 
diese  „  Schmerzpunkte "  während  der  neuralgischen  Anfälle  und  es 
steht  hier  ihre  Empfindlichkeit  ungefähr  in  geradem  Verhältnisse  zu 
der  Intensität  des  Schmerzes;  dem  entspricht  es  auch,  dass  sie  in 
den  schmerzfreien  Zeiten  meist  gänzlich  fehlen  oder  nur  in  geringem 
Grade  schmerzhaft  sind;  doch  gibt  es  allerdings  auch  eine  Anzahl 
von  Fällen,  wo  die  Schmerzpunkte  auch  in  der  Remissionszeit  auf- 
zufinden sind  und  wo  durch  Druck  auf  dieselben  Anfälle  hervor- 
gerufen werden  können.  —  Die  weitere  Prüfung  zeigt,  dass  der 
Druck  auf  die  tiefer  als  die  Haut  gelegenen  Gebilde  dirigirt  werden 
muss,  wenn  derselbe  schmerzhaft  sein  soll;  die  an  der  Stelle  des 
Schmerzpunktes  in  eine  Falte  erhobene  Haut  pflegt  nicht  oder  doch 
in  einer  anderen  Weise  zu  schmerzen,  als  dies  die  tiefer  gelegenen 
Theile  thun.  Es  ist  deshalb  vor  einer  Verwechselung  der  durch 
gleichzeitige  cutane  Hyperästhesie  über  den  Schmerzpunkten  be- 
dingten Schmerzen  mit  den  durch  die  Druckpunkte  vermittelten  zu 
warnen.  —  Steigert  man  den  Druck  bis  zu  einer  gewissen  Höhe 
und  lässt  denselben  einige  Zeit  andauern,  so  verschwinden  häufig 
die  Druckschmerzen  vorübergehend  und  es  ist  dann  wieder  einige 
Zeit  erforderlich,  ehe  dieselbe  Stelle  von  Neuem  auf  Druck  schmerz- 
haft wird. 

Die  genauere  Untersuchung  ergibt  mit  grosser  Sicherheit,  dass 
alle  oder  doch  die  meisten  Schmerzpunkte  an  solchen  Hautstellen 
zu  finden  sind,  unter  welchen  Nervenstämme  oder  Nervenverzwei- 
gungen liegen;  gewöhnlich  sind  es  nur  einzelne  Punkte  längs  des 
Nervenverlaufe,  welche  in  dieser  Weise  schmerzhaft  sind,  nicht  selten 
findet  man  auch  den  ganzen  Nervenverlauf  bei  Druck  empfindlich. 
Es  sind  gewisse  Stellen  des  Nerven,  welche  mit  Vorliebe  zu  solchen 
Schmerzpunkten  werden:  die  Austrittstellen  aus  Löchern,  Kanälen 
oder  Incisuren  der  Knochen,  die  Stellen,  wo  Aponeurosen  oder  Muskeln 
von  Nerven  durchbohrt  werden,  die  Stellen,  wo  der  Nerv  Aeste  ab- 
gibt oder  sich  theilt,  die  Stellen,  wo  er  über  harte  Unterlagen  hin- 


Kenralgie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einselneu  Symptome.      43 

wegläuft  und  wo  er  leicht  comprimirt  werden  kann.  Es  ist  somit 
klar,  dass  bei  den  meisten  Neuralgien  sich  mehrfache  Schmerzpunkte 
finden  werden  und  dass  einzelne  Nerven  fUr  dieselben  ganz  beson- 
ders gtlnstig  anatomisch  gelagert  sind.  Yalleix  hat  für  die  einzelnen 
Nerven  diese  Punkte  mit  grosser  Sorgfalt  aufgesucht  und  festgestellt 
und  wir  werden  dieselben  bei  den  einzelnen  Neuralgien  kennen 
lernen.  Trousseau  hat  angegeben,  dass  bei  allen  Neuralgien  sich 
die  Domfortsätze  der  Wirbelsäule,  unter  welchen  die  schmerzenden 
Nerven  hervorkommen,  bei  Druck  schmerzhaft  erweisen  und  hält 
diesen  von  ihm  als  „Apophysenpunkt*'  bezeichneten  Schmerzpunkt 
ftir  ein  constantes  und  diagnostisch  äusserst  wichtiges  Ejriterium  bei 
Neuralgien.  Armaingaud  hat  ihn  ebenfalls  in  vielen  Fällen  con- 
statirt  und  Mor.  Meyer*)  erwähnt  derselben  Erscheinung,  die,  wie 
es  scheint,  zugleich  von  nicht  zu  unterschätzender  Wichtigkeit  für 
die  Therapie  ist. 

An  den  Schmerzpunkten  beobachtet  man  gewöhnlich  gar  keine 
weiteren  YeiHnderungen ;  die  Haut  ist  nicht  geröthet,  nicht  ge- 
sehwelh  und  auch  unter  derselben  ist  in  der  Begel  nichts  Abnormes 
zu  finden,  wiewohl  Anstie  angibt,  dass  in  einzelnen  Fällen  das 
Periost  an  den  Schmerzpunkten  etwas  verdickt  gefunden  werde. 
Derselbe  Beobachter  gibt  auch  an,  dass  die  Schmerzpunkte  häufig 
im  Beginn  der  Neuralgie  nicht  vorhanden  seien,  sondern  sich  erst 
bei  einigem  Bestehen  derselben  entwickelten.  —  Die  Feststellung 
der  Schmerzpunkte  geschieht  durch  genaue  und  sorgfältige  Palpation 
mit  dem  Finger  und  es  lassen  sich  beim  Vergleich  mit  der  gesunden 
Seite  die  pathologischen  Verhältnisse  gewöhnlich  mit  grosser  Leich- 
tigkeit erkennen. 

Die  Häufigkeit  des  Vorkommens  der  Schmerzpunkte  bei  Neur- 
algien ist  jedenfalls  von  Valleix  bedeutend  übertrieben  worden, 
welcher  dieselben  beinahe  nie  vermisst  haben  wollte.  Gegen  diese 
Behauptung  haben  sich  fast  alle  neueren,  besseren  Beobachter  aus- 
gesprochen (Romberg,  Schuh,  Hasse,  Eulenburg,  Trous- 
seau, Anstie  u.  s.  w.).  Romberg  hat  auf  einige  Momente  auf- 
merksam gemacht  (Verschiedenheit  und  Dauer  des  angewandten 
Drucks,  Empfindlichkeit  des  Nervenstammes  und  der  darttber  liegen- 
den Haut  u.  dgl.),  welche  die  differenten  Angaben  der  verschiedenen 
Beobachter  zu  erklären  geeignet  scheinen.  Eulenburg  (1.  c.  S.  43) 
gibt  an,  dass  er  in  etwas  mehr  als  der  Hälfte  der  Fälle  die  Schmerz- 


1)   üeber  die   diagnostische    and   therapeutische  Bedeutang    schmerzhafter 
Drackpnnkte  der  Wirbelsäule.    Berl.  klin.  Woch.  1875  No.  51. 


44  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

punkte  gefanden ;  in  allen  Übrigen  aber  sie  Yermisst  habe;  auch  ich 
kann  nach  meinen  eigenen  Beobachtungen  versichern,  dass  in  einer 
ganz  erheblichen  Anzahl  von  Fällen  auch  bei  der  genauesten  Unter- 
suchung keine  Schmerzpünkte  aufzufinden  sind.  Damit  wird  aller- 
dings der  semiotische  und  diagnostische  Werth,  welchen  Valleix 
diesen  Schmerzpunkten  beilegt,  erheblich  gemindert  und  man  darf 
aus  ihrem  Fehlen  keinen  gegen  die  Diagnose  einer  Neuralgie  gerich- 
teten Schluss  ziehen. 

Die  pathologische  Bedeutung  der  Schmerzpunkte  und  ihre  Par 
thogenese  sind  durchaus  noch  nicht  klar ;  es  sind  darüber  sehr  yerr 
schiedene  Ansichten  geäussert  worden.  Man  hat  die  Meinung  aus- 
gesprochen, dass  es  sich  dabei  immer  um  örtliche  Reizungs-  oder 
Entzündungsherde  an  den  Nerven  handele  und  es  hat  besonders 
L  e  n  d  e  r  diese  Ansicht  zu  begründen  gesucht,  indem  er  diese  örtlichen 
Entzündungsherde  ftlr  das  Primäre  und  Wesentliche  bei  der  Neur- 
algie hält  Für  Anstie  ist  es  wahrscheinlich,  dass  die  Schmerz- 
punkte in  den  meisten  Fällen  eine  Erscheinung  vasomotorischer 
Lähmung  sind,  über  deren  nähere  Wirkungsweise  jedoch  keine  An- 
gaben von  ihm  gemacht  werden.  —  Eulenburg  erinnert  daran, 
das  bei  localen  Reizungsherden  auch  peripherisch  von  diesen  ein- 
greifende Reize  zu  abnorm  starken  Erregungen  Veranlassung  werden 
können  —  sogenannte  Leitungshyperästhesien  und  möchte  auf  diese 
einen  Theil  der  Schmerzpunkte  zurückführen.  Es  ist  femer  daran 
zu  erinnern,  dass  auch  bei  allgemeiner  Hyperästhesie  der  ganzen 
Nervenbahn  doch  einzelne  Punkte  derselben  durch  ihre  anatomische 
Lagerung  besonders  leicht  dem  Druckreiz  ausgesetzt  sind  und  da- 
durch zu  Schmerzpunkten  gestempelt  werden.  Endlich  dürfte  auch 
die  Betheiligung  der  Nervi  nervorum  an  der  Hyperästhesie  vielleicht 
nicht  ohne  Bedeutung  für  das  locale  Auftreten  grosser  Schmerz- 
empfindlichkeit sein.  Für  keine  der  hier  vorgeführten  Möglichkeiten 
der  Entstehung  der  Schmerzpunkte  gibt  es  bis  jetzt  zwingende  Be- 
weise; wahrscheinlich  ist,  dass  in  den  einzelnen  Fällen  bald  die 
eine,  bald  die  andere  Entstehungsweise  vorliegt.  Wir  müssen  ans 
vorderhand  damit  begnügen,  festgestellt  zu  haben,  dass  im  Laufe 
neuralgischer  Erkrankungen  der  sensiblen  Nerven  an  einzelnen  Stellen 
ihres  Verlaufes  sich  Zustände  gesteigerter  Erregbarkeit  entwickeln, 
welche  zur  Entstehung  des  Druckschmerzes  ftlhren  und  welche  meist 
sehr  flüchtiger  Natur  sind.  Es  ist  sonach  nicht  unwahrscheinlich? 
dass  diese  gesteigerte  Erregbarkeit  ebenso  wie  der  neuralgische 
Schmerz  Theilerscheinung  jener  noch  nicht  genauer  bekannten  Er- 
nährungsstörung im  Nerven  ist,  welche  wir  oben  als  die  Grundlage 


Keuralgie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.     45 

der  Neuralgien  Überhaupt  wahrscheinlich  zu  machen  gesucht  haben; 
aus  dem  yerschiedenen  Sitze  und  der  verschiedenen  Verbreitung  dieser 
Ernährungsstörung  wflrde  sich  dann  wohl  das  Vorhandensein  oder 
Fehl^'der  Schmerzpunkte  in  den  einzelnen  Fällen  von  Neuralgie 
erklären. 

Sensible  Begleiterscheinungen.  Eine  der  häufigsten  Er- 
scheinungen bei  Neuralgien  ist  die  Irradiation  des  Schmerzes 
auf  andere  sensible  Nervenbahnen.  Meist  beobachtet  man  auf  der 
Höhe  des  Paroxysmus  eine  Verbreitung  des  Schmerzes  auf  benach- 
barte, nicht  selten  auch  auf  mehr  oder  weniger  entfernte  Nerven- 
gebiete ;  zunächst  auf  andere  Aeste  desselben  Nervenstammes,  z.  B.  vi)n 
einem  ursprttnglich  befallenen  Aste  des  Trigeminus  auf  die  beiden 
anderen;  dann  auf  den  gleichnamigen  Nerven  der  anderen  Körper- 
hälfte,  so  z.  B.  von  einem  Ischiadicus  auf  den  anderen;  endlich  auf 
ganz  entfernte  Nervengebiete,  z.  B.  von  einem  Intercostalnerven  auf 
den  Trigeminus.  Diese  irradiirten  Schmerzen  sind  in  der  Regel  weniger 
intensiv  als  die  ursprünglichen,  sie  dauern  kürzere  Zeit,  treten  erst 
auf  der  Höhe  der  Paroxysmen  ein  und  verschwinden  wieder  vor 
Beendigung  derselben.  Sie  treten  besonders  leicht  bei  an  und  für 
uch  reizbaren  und  nervösen  Individuen  auf.  Wir  können  uns  ihr 
Entstehen  nur  dadurch  erklären,  dass  in  der  grauen  Substanz  des 
Centralorgans  die  Erregungen  der  sensiblen  Ganglienzellen  vermöge 
der  allseitigen  Verbindung  dieser  untereinander  sich  auf  die  nicht 
ursprünglich  afficirten  Ganglienzellen  verbreiten  und  dann  nach  dem 
Gesetz  der  excentrischen  Projection  in  die  Peripherie  verlegt  werden. 
Da  bei  einem  solchen  Uebergang  der  Erregung  auf'  nicht  gewöhnliche 
und  physiologisch  eingeübte  Bahnen  grössere  Widerstände  zu  über- 
winden sind,  erklärt  es  sich,  dass  die  irradiirten  Schmerzen  erst  auf 
der  Höhe  der  Paroxysmen  und  vorwiegend  bei  besonders  erregbaren 
Personen  eintreten.  Genaueres  über  die  Wege  der  Irradiation  ist 
noch  nicht  bekannt.  —  Von  diesen  einfach  irradiirten  Schmerzen 
principiell  zu  trennen,  wenn  auch  vielleicht  die  vermittelnden  Bahnen 
dieselben  sind,  sind  die  Fälle  von  Weiterverbreituug  und  Uebertragung 
d^  Neuralgie  von  einem  Nervengebiet  auf  das  andere;  auch  das 
kommt  nicht  selten  vor,  dass  eine  Neuralgie  von  einem  Ast  des 
Trigeminus  auf  den  anderen,  oder  vom  Occipitalis  auf  den  Trigeminus 
übergeht  und  hier  eine  gewisse  Selbstständigkeit  erlangt.  In  diesem 
Falle  haben  wir  es  mit  einer  wirklichen  Weiterleitung  der  neural- 
gischen Ernährungsstörung  selbst  zu  thun,  die  wahrscheinlich  eben- 
falls durch  das  Centralorgan  vermittelt  wird;  bei  der  Irradiation 
haben  wir  eine  vorübergehende  Erregung  vor  uns,   die  von  einem 


46  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

anderen  Reiznngsherde  her  einfach  übertragen  und  von  diesem  ab- 
hängig ist. 

Auch  das  Altemiren  und  Wandern  der  Neuralgien  yon  einem 
Nervengebiet  zum  andern  kann  nicht  als  eine  Irradiationserscheinung 
betrachtet  werden,  muss  vielmehr  als .  eine  Ortsveränderung  der  neur- 
algischen Ernährungsstörung  selbst  betrachtet  werden ,  die  zweifels- 
ohne ebenfalls  durch  das  centrale  Nervensystem  vermittelt  wird. 

Ausser  den  neuralgischen  Schmerzen  beobachtet  man  femer  — 
wiewohl  im  Ganzen  nicht  allzuhäufig  —  verschiedene  Parästhe- 
sien  in  dem  befallenen  Nervengebiet:  subjective  Empfindungen 
eigener  Art,  welche  bald  als  Formication,  oder  Eriebeln,  oder  als 
Pelzigsein  und  Taubsein  bezeichnet  werden.  Diese  Empfindungen 
bestehen  häufig  auch  während  der  Remissionszeiten  fort  und  werden 
gerade  während  der  Paroxysmen,  des  hefdgen  Schmerzes  wegen, 
oft  nicht  deutlich  percipirt,  oder  wenigstens  nicht  beachtet.  Die  Art 
und  Weise  ihres  Zustandekommens  ist  uns  bekanntlich  noch  unklar ; 
als  entferntere  Ursachen  haben  wir  wohl  in  den  meisten  Fällen 
gröbere  Läsionen  der  befallenen  Nerven  zu  betrachten  und  es  ist 
besonders  ein  länger  anhaltendes  und  lebhaftes  Taubheitsgefühl  meist 
verdächtig  in  Bezug  auf  die  Entwickelung  organischer  Erkrankungen 
am  Nervenstamm.  Die  leichteren  Grade  können  dagegen  wohl  auch 
noch  auf  andere  Weise  zu  Stande  kommen. 

Es  sind  nämlich  diese  subjectiven  Parästhesien  nicht  selten  ver- 
gesellschaftet mit  objectiv  nachweisbaren  Sensibilitätsstömngen ,  die 
ausserdem  sehr  häufig  auch  ohne  subjective  Empfindungen  vorkommen. 
Diese  Störungen  äussern  sich  als  Hyperästhesie  od  er  Anästhesie 
der  Haut  im  Bereiche  des  neuralgisch  erkrankten  Nerven.  Tttrck 
hat  zuerst  (1850)  diese  Erscheinungen  beschrieben  und  hat  in 
bestimmten  Fällen  eine  leichte  Anästhesie  der  Hautoberfläche  bei 
gleichzeitiger  Hyperästhesie  der  tieferen  Gewebsschichten  constatirt 
Trousseau  erwähnt  die  HypeiiUthesie  der  Haut  als  häufige  Er- 
scheinung bei  vielen  Neuralgien ;  ebenso  die  Anästhesie,  welch'  letztere 
immer  später  als  die  erstere  komme  und  wahrscheinlich  auf  tieferen 
Texturveränderungen  bemhe.  Traube  sprach  aus,  dass  diese  Er- 
scheinungen auch  in  den  schmerzfreien  Intervallen  vorhanden  seien. 
Anstie  will  beinahe  constant  eine  Abschwächung  des  Tastgeftlhls 
bei  Neuralgien  gefunden  haben.  Nothnagel  hat  diese  Erschei- 
nungen genauer  studirt  und  bei  einer  grösseren  Anzahl  von  Neuralgien 
folgende  Thatsachen  festzustellen  vermocht:  Bei  Neuralgien  der 
Extremitätennerven  ohne  nachweisliche  anatomische  Läsion  fand  sich 
stets  und  ohne  Ausnahme  eine  Alteration  der  Hautsensibiliföt ,  ent- 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.     47 

weder  eine  Hyperästhesie  (genauer  Hyperalgesie)  oder  eine  AAästhesie ; 
diese  Erscheinungen  stehen  in  einem  bestimmten  Verhältniss  zur 
Dauer  des  Bestehens  der  Neuralgie :  im  Beginne  derselben  findet  sich 
Hautbyperalgesie,  im  weitem  Verlauf  Verminderung  der  Empfindlich- 
keit Meist  können  diese  Störungen  aber  nur  durch  eine  sehr  sorg- 
fUtige  und  vergleichende  Prüfung  festgestellt  werden,  weil  sie  nicht 
sehr  hochgradig  sind.  Gewöhnlich  ist  die  Störung  beschränkt  auf 
das  Hautverbreitungsgebiet  des  erkrankten  Nerven ;  es  gibt  aber  auch 
Fälle,  wo  bei  ganz  beschränkter  Neuralgie  sich  die  begleitende 
Sensibilitätsstörung  über  die  ganze  entsprechende  Körperhälfte  ver- 
breitet Als  Regel  (jedoch  nicht  ohne  Ausnahme)  stellte  sich  heraus: 
frische  Neuralgie  (ca.  2—8  Wochen)  —  Hauthyperalgesie;  ältere 
Neuralgie  —  Anästhesie.  Die  Veränderung  besteht  in  geringerem 
Grade  auch  während  der  schmerzfreien  Intervalle.  Mit  der  Heilung 
der  Neuralgie  verschwindet  sie  meist  sehr  bald. 

Ich  habe  bei  einer  Reihe  von  Fällen  genau .  auf  diese  Erschei- 
nungen geachtet  und  die  Nothnagel' sehen  Angaben  im  Allgemeinen 
bestätigt  gefunden;  doch  sind  mir  einzelne  unzweifelhafte  Fälle  von 
reiner  Neuralgie  begegnet,  in  welchen  die  genaueste  Untersuchung 
weder  Hyperalgesie.  noch  Anästhesie  nachweisen  konnte;  auch  fand 
ich  in  mehreren  Fällen  schon  sehr  frühzeitig  (in  der  ersten  Woche) 
ausgesprochene  Anästhesie.  —  Ob  die  von  Berger  (Berl.  klin.  Woch. 
1S71.  No.  20)  gefundene,  nach  Schussverletzungen  (ohne  Verletzung 
grösserer  Nervenstämme)  aufgetretene  halbseitige  Sensibilitätsvermin- 
derung auch  in  diese  Kategorie  von  Erscheinungen  gehört,  ist  noch 
fraglich. 

Die  Erklärung  dieser  Erscheinungen  stösst  auf  nicht  geringe 
Schwierigkeiten;  für  die  Anästhesie  lassen  sich  noch  am  ehesten 
durchsichtige  Ursachen  in  verschiedenen  Fällen  von  Neuralgien  auf- 
finden: so  mag  es  sich  in  manchen  Fällen  um  Leitungsanästhesien 
handeln,  da  wo  die  Neuralgie  durch  Tumoren  oder  andere  compri- 
mirende  Momente,  wo  sie  durch  organische  Läsionen  in  den  Central- 
organen  oder  wo  sie  durch  periphere  Neuritis  bedingt  ist ;  in  andern 
Fällen  aber  kann  ein  begleitender  Arterienkrampf  die  Hautanästhesie 
produciren;  es  gibt  aber  immer  noch  eine  Reihe  von  Fällen,  in 
welchen  etwas  derartiges  weder  nachzuweisen,  noch  anzunehmen  ist. 
Da  nun  Nothnagel  dieselben  cutanen  Sensibilitätsveränderungen 
auch  bei  allen  möglichen  anderen  schmerzhaften  (und  nicht  neural- 
gischen) Afifectionen  nachweisen  konnte,  ist  die  Annahme  nicht  wohl 
thunlich,  dass  es  sich  dabei  um  eine  Theilerscheinung  der  eigentlichen 
neuralgischen  Ernährungsstörung  handle  und  es  wird  die  Annahme 


48  £&B,  Krankheiteu  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

von  Nothnagel  wahrscheinlich,  dass  der  Schmerz  als  solcher 
die  Veränderungen  der  cutanen  Sensibilität,  sowohl  die 
Hyperästhesie  wie  die  Anästhesie  bedingt.  Damit  ist 
aber  die  Sache  noch  keineswegs  erklärt  und  wir  bedürfen  weiterer 
Hypothesen;  um  uns  den  dabei  stattfindenden  Vorgang  plausibel  za 
machen.  Nothnagel  verlegt  für  die  meisten  Fälle  diese  Vor^Uige 
in  das  Gentralorgan  und  sucht  die  Anästhesie  auf  eine  durch  den 
Schmerz  gesetzte  Ermüdung,  die  Hyperästhesie  dagegen  auf  yer- 
ringerte  Leitungswiderstände  in  den  empfindenden  Centralapparaten 
zurückzuführen.  Dabei  bleibt  nicht  ausgeschlossen,  dass  durch  die 
Neuralgie  selbst  auch  in  den  peripheren  Leitungsbahnen  vermehrte 
oder  verminderte  Leitungswiderstände  (Leitungsanästhesie  und  -Hy- 
perästhesie) gesetzt  werden  können,  welche  aber  dann  nur  die  auf 
das  Glebiet  des  neuralgisch  afficirten  Nerven  beschränkten  SensibilittUs- 
Störungen  erklären  könnten.  Das  Nähere  über  diese  hypothetischen 
Erklärungsversuche  s.  bei  Nothnagel  1.  c. 

Motorische  Begleiterscheinungen.  Sie  gehören  zu  den 
gewöhnlichsten  Vorkommnissen  bei  Neuralgien.  Dabei  hat  man  zwei 
Kategorien  wesentlich  von  einander  zu  scheiden :  1 .  solche  motorische 
Störungen,  welche  durch  directen  Einfluss  der  Neuralgie,  resp.  der 
dieselbe  bedingenden  krankhaften  Veränderung  auf  die  motorischen 
Leitungsbahnen  zu  Stande  kommen;  und  2.  solche,  welche  auf  in- 
directem  Wege,  nämlich  durch  Vermittelung  des  Gentrainerven- 
Systems,  also  auf  reflectorische  Weise  entstehen.  Die  ersteren 
können  natürlich  nur  in  gemischten  Nerven  (resp.  bei  manchen  Er- 
krankungen des  Gentralorgans,  welche  sensible  und  motorische  Appa- 
rate zugleich  betrefifen)  vorkommen,  die  letzteren  auch  bei  Neuralgien 
rein  sensibler  Nerven. 

Die  directen  motorischen  Störungen  erscheinen  entweder  als 
krampfhafte  oder  als  lähmungsartige  Erschemungen.  Man  beobachtet 
von  fibrillären  Gontractionen  und  leichten  Muskelspannungen  an  idle 
möglichen  Grade  der  motorischen  Reizung:  Tremor,  Gontracturen, 
Spasmen  und  selbst  ausgebildete  und  hochgradige  Gon vulsionen ;  be- 
sonders im  Gebiete  des  Ischiadicus  Werden  solche  Erscheinungen 
nicht  selten  beobachtet.  Es  geschieht  meist  erst  in  einem  späteren 
Stadium  der  Neuralgie,  dass  deutliche  paretische  oder  selbst  paraly- 
tische Erscheinungen  auftreten:  Muskelschwäche  bis  zur  vollständigen 
Muskellähmung  und  es  ist  dabei  wohl  zu  beachten,  dass  diese  wirk- 
lichen Schwächezustände  scharf  unterschieden  werden  müssen  von 
der  Ruhe  und  Uubeweglichkeit  der  Glieder,  welche  durch  den  Schmerz 
und  die  Furcht  vor  demselben  hervorgerufen  werden.    Immer  sind 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.  49 

diese  ErBcheinnngen  beschränkt  auf  das  Gebiet  des  von  der  Neuralgie 
be&Uenen  gemischten  Nerven.  —  Die  Erklärung  für  diese  Erschei- 
nungen ist  wohl  für  die  grosse  Mehrzahl  der  Fälle  in  dem  allmäligen 
Weitergreifen  des  die  Neuralgie  bedingenden  pathologischen  Processes 
(Tumor,  Neuritis,  Narbenretraction  etc.)  auf  die  in  demselben  Nerven- 
stamme befindlichen  motorischen  Fasern  zu  suchen ;  daher  anfänglich 
Beizungserscheinungen  und  bei  stärkerer  Einwirkung  Lähmungser- 
scheinungen durch  mehr  oder  weniger  vollständige  Leitungshemmung. 
Es  ist  dabei  wohl  verständlich,  dass  in  Fällen,  wo  die  Sensibilität 
noch  nicht  erheblich  gelitten  hat,  doch  schon  deutliche  motorische 
Lähmungserscheinungen  vorhanden  sein  können,  da  erfahrungsgemäss 
die  motorischen  Leitungsbahnen  eine  viel  geringere  Resistenz  gegen 
einwirkende  Schädlichkeiten  besitzen  als  die  sensiblen. 

Die  reflectorischen  motorischen  Störungen  sind  ausschliess- 
lich Reizungserscheinungen;  man  hat  wenigstens  bisher  noch  keinen 
Anlass  gefunden ,  bei  sog.  äusseren  Neuralgien  das  Vorkommen  von 
Reflexlähmungen  zu  constatiren,  wenn  auch  die  Möglichkeit  des  Ent- 
stehens derselben  nach  den  Ergebnissen  der  Le  wissen 'sehen  Ver- 
suche mit  starken  Reizungen  innerer  Organe  nicht  gar  zu  fem  liegt. 
—  Am  schönsten  und  häufigsten  beobachtet  man  wohl  die  reflecto- 
rischen Reizerscheinungen  bei  Neuralgien  des  Trigeminus,  wo  sie  im 
Fadalisgebiet  als  tonische  und  klonische  Krämpfe  (Blepharospasmus 
u.  s.  w.)  erscheinen ;  sie  sind  dabei  wohl  zu  trennen  von  den  directen 
im  Gebiet  des  Trigeminus  selbst  vorkommenden  motorischen  Störungen, 
welche  in  den  Kaumuskeln  auftreten.  —  Aber  auch  bei  Neuralgien 
gemischter  Nerven  können  nicht  selten  reflectorische  Krampferschei- 
nongen  beobachtet  werden  und  sie  erscheinen  hier  als  Spasmen, 
Tremor,  Convulsionen ,  Contracturen  u.  s.  w.  Sie  sind  mit  um  so 
grösserer  Sicherheit  als  wirklich  reflectorische  Erscheinungen  anzu- 
sprechen, wenn  das  Verbreitungsgebiet  derselben  ein  anderes  ist,  als 
das  der  Neuralgie.  —  Die  Erklärung  dieser  Erscheinungen  ergibt  sich 
leicht  aus  den  bekannten  physiologischen  Gesetzen  für  die  Reflex- 
bewegungen. Sie  ti-eten  um  so  hefttger  und  verbreiteter  auf,  je  in- 
tensiver die  Neuralgie  ist  und  sie  fehlen  in  vielen  leichten  Fällen 
derselben  vollständig.  Das  Auftreten  wird  ferner  begünstigt  durch 
die  nervöse  Constitution  und  den  Zustand,  den  man  als  Gonvulsibilität 
bezeichnet 

Hier  anzureihen  ist  wohl  die  von  Tttrck  beobachtete  Thatsache, 
dass  die  Pulsfrequenz  bei  heftigen  neuralgischen  Paroxysmen  sich 
vennindert;  Anstie,  welcher  diese  Thatsache  bestätigt,  spricht  sogar 
von  einem  vorübergehenden  völligen  Stillstand  des  Herzens.    Der 

Handbuch   d.  8p«c.  Pathologien. Therapie.  Dd.  XII.  t.  2.  Aufl.  4 


50  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

letztere  Beobachter  flihrt  ausserdem  an,  dass  paralytische  Affectionen 
innerer,  mit  glatten  Maskel&sem  versehener  Organe  zu  den  häufigeren 
Erscheinungen  bei  Neuralgien  gehören,  und  er  führt  Blasenlähmung, 
paralytische  Ausdehnung  des  Colon  u.  s.  w.  als  Folge  yerschiedener 
Neuralgien  der  Beckenorgane  und  der  äusseren  Genitalien  an.  Dies 
scheint  mir  jedoch  einer  ausftlhrlichen  Beweisführung  noch  zu  be- 
dürfen. 

Vasomotorische  Begleitersc^heinungen.    Ihr  Auftreten 
complicirt  in  vielen  Fällen  das  Bild  der  Neuralgie.    Auch  hier  be* 
obachtet  man  Reizungs-  und  Lähmungserscheinungen.    Im  Begmn  der 
Paroxysmen  überwiegt  nicht  selten  der  Krampf  der  Gefässmusculatur, 
man  sieht  Blässe  der  Haut,  Kältegefühl  u.  dgl.  den  Beginn  des  An- 
falls begleiten;  es  können  diese  Erscheinungen  aber  auch  längere 
Zeit  anhalten  und  eine  grössere  Dauer  erlangen ;  meist  jedoch  gehen 
sie  sehr  bald  über  in  die  Erscheinungen  der  Gefässläbmung:  eine 
diffuse,  mehr  oder  weniger  lebhafte  Röthe  der  Haut  und  der  sichtbaren 
Schleimhäute  stellt  sich  ein  und  es  kann  selbst  zu  Anschwellungen 
derselben  und  zu   den  gleich   zu   erwähnenden  secretorischen  und 
trophischen  Störungen  kommen,  welche  zum  Theil  wohl  auch  auf 
vasomotorische  Lähmung  zurückgeführt  werden  müssen.     Besonders 
schön  kann  man  diese  vasomotorischen  Störungen  an  der  Haut  des 
Gesichts,  an  der  Conjunctiva  und  Nasenschleimhant  bei  Gesichts- 
neuralgien beobachten;  von  den  übrigen  Neuralgien  ist  besonders 
häufig  die  Ischias  mit  vasomotorischen  Erscheinungen  complicirt  Die- 
selben sind  entweder  beschränkt  auf  das  Gebiet  des  neuralgisch  affi- 
eirten  Nerven  (resp.  den  Verbreitungsbezirk  der  in  demselben  ent- 
haltenen vasomotorischen  Fasern)  oder  sie  sind  auf  grössere  Gebiete 
verbreitet,  woraus  manchmal  Schlüsse  auf  den  Sitz  der  Neuralgie 
gezogen  werden  können.  —   Auch  die  grösseren  Gref*ässe  nehmen 
nicht  selten  Antheil  an  diesen  Störungen:  die  Arterien  erscheinen  er- 
weitert, klopfen  stärker;  die  sphygmographische  Untersuchung  zeigt 
im  Beginn  der  Paroxysmen  erhöhte  Spannung  der  Arterien,  später 
aber  verminderte  Spannung,   stärkeren  Dicrotismus  der  Pulswelle. 

Auch  hier  ist  wie  bei  den  motorischen  Störungen  eine  doppelte 
Art  der  Entstehung  möglich  —  durch  directe  oder  durch  reflectorische 
Einwirkung  auf  die  Gefässnerven.  Leider  sind  die  Ei^ebnisse  der 
vielfachen  physiologischen  Versuche  über  die  reflectorische  Einwirkung 
auf  die  vasomotorischen  Nerven  noch  nicht  hinreichend  festgestellt, 
um  sichere  Kriterien  ftlr  das  Verhalten  der  vasomotorischen  Nerven 
bei  Neuralgien  abzugeben.  Gewisse  Experimente  haben  erwies^ 
dass  starke  Reizungen  sensibler  Nerven  eine  reflectorische  Lähmung 


Neuralgie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.  51 

yasomotorischer  Nerven  erzeugen  können;  wir  dürfen  also  zunächst 
an  Beflexwirkungen  denken,  wenn  sich  bei  Neuralgien  Lähmung  der 
Grefässnerven,  Röthung  u.  s.  w.  findet ,  um  so  mehr,  wenn  dieselbe 
weit  verbreitet  und  nicht  auf  das  Gebiet  des  schmerzenden  Nerven 
beschi^Uikt  ist.  Auf  der  andern  Seite  ist  aber  auch  festzuhalten,  dass 
solche  Lähmungen  ähnlich  wie  die  motorischen  auch  durch  directe 
Einwirkungen  entstehen  können.  Die  Krampfzustände  in  den  vaso- 
motorischen Nerven  können  ebenso  auf  directem,  wie  auf  indirectem 
Wege  entstehen.  So  lange  wir  aber  nicht  im  Stande  mnd,  die  directe 
von  der  reflectorischen  Entstehung  sicher  zu  unterscheiden,  und  be- 
sonders so  lange  wir  nicht  über  den  Verlauf,  den  Ursprung  und  die 
Verbreitung  der  vasomotorischen  Fasern  und  über  ihre  räumlichen 
Beziehungen  zu  den  mit  ihnen  verlaufenden  gemischten  Nerven  ge- 
nauere anatomische  Kenntnisse  besitzen,  als  dies  bis  jetzt  der  Fall 
ist,  wird  es  vei^ebliches  Bemühen  bleiben,  aus  der  Existenz  und  der 
Art  der  vasomotorischen  Erscheinungen  bestimmte  Schlüsse  auf  den 
aimtomischen  Sitz  der  Neuralgien  zu  ziehen.  Nur  in  den  seltensten 
Fällen  wird  die  Diagnose  desselben  dadurch  gefördert  und  aufgeklärt 
werden  und  dies  besonders  durch  den  Zusammenhalt  mit  gleich- 
werthigen  motorischen  und  sensiblen  Begleiterscheinungen. 

Secretorische  Begleiterscheinungen.  Es  ist  durchaus 
erklärlich,  dass  die  starke  Erregung  der  sensiblen  Nerven  bei  der 
Neuralgie  ihre  Rückwirkung  äussert  auf  die  von  diesen  Nerven  ab- 
hängigen Secretionen.  In  der  That  beobachtet  man  denn  auch  sehr 
häufig  eine  erhebliche  Steigerung  der  Secretionen  im  Gefolge  von 
Neuralgien:  reichliche  Thiilnenabsonderung,  profuse  Nasensecretion, 
Salivation  bei  den  verschiedenen  Formen  der  Trigeminusneuralgie; 
vermehrte  Milchabsonderung  bei  Mastodynie  u.  s.  w.  Auch  hier  kann 
es  sich  theils  um  directe,  theils  um  reflectorische  Erregung  handeln ; 
die  letztere  wird  wohl  die  häufigere  sein.  —  Auch  auf  die  Harn-  und 
Schweissecretion  haben  viele  Neuralgien  Einfluss:  Absonderung  eines 
sehr  profttsen,  wässrigen  Harns,  oder  Verminderung  der  Ausscheidung 
desselben  kommt  vor;  die  Schweisssecretion  ist  oft  während  der 
Paroxysmen  gesteigert  und  nicht  selten  endigen  die  Paroxysmen  mit 
einem  profusen  Schweissausbruch.  lieber  den  genaueren  Zusammen- 
haaig  dieser  Erscheinungen  mit  der  Neuralgie  lässt  sich  aber  noch 
nichts  Bestimmtes  angeben. 

Trophische  Begleiterscheinungen.  Wir  begreifen  dar- 
unter eine  ganze  Anzahl  der  verschiedenartigsten  Störungen,  ein- 
scUiesslich  derjenigen  Formen,  welche  man  gewöhnlich  als  entzünd- 
liehe bezeichnet,  wohl  wissend,  dass  nach  den  neueren  Au&ehlüssen 

4* 


52  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Aber  die  wesentlichen  Vorgänge  bei  der  Entzündung  dieselbe  nicht 
wohl  mehr  als  Ernährungsstörung  im  gewöhnlichen  Sinne  des  Worts 
bezeichnet  werden  kann.  Es  lassen  sich  ungezwungen  zwei  grössere 
Gruppen  dieser  sog.  trophischen  Störungen  von  einander  sondern: 

a)  einfach  qualitative  und  quantitative  Verände- 
rungen der  Ernährung  der  Gewebe:  Hier  sind  zunächst  zu 
erwähnen  Veränderungen  in  der  Haarfärbung,  die  wiederholt 
beobachtet  wurden :  Ergrauen  oder  Weisswerden  der  Haare  im  Ver- 
breitungsbezirk des  erkrankten  Nerven ;  nicht  selten  sO;  dass  die  Ver- 
färbung mit  jedem  Anfall  kommt  und  nachher  verschwindet  (A  n  s  t  i  e) ; 
femer  Zunahme  in  der  Zahl  und  Dicke  der  Haare  (Rom- 
berg;  Notta,  Anstie),  in  seltenen  Fällen  so,  dass  ein  reichlicher 
Haarwuchs  an  sonst  wenig  behaarten  Stellen  erscheint ;  endlich  star- 
kes Ausfallen  der  Haare  im  neuralgischen  Bezirk ,  auffallende 
Trockenheit  und  Sprödigkeit  derselben.  —  Zunächst  schliesst  sich 
hier  an  die  von  Anstie  erwähnte  grössere  Rauhigkeit  und  stärkere 
Pigmentirung  der  Haut  an  den  Stellen,  welche  der  Sitz  von  Neur- 
algien sind;  analog  sind  wohl  die  Epithel  Wucherungen  auf 
Schleimhäuten;  z.  B.  stärkerer  Zungenbelag  auf  der  Seite  der 
Gesichtsneuralgie. 

Des  Weiteren  kommt  vor:  Wucherung  und  Verdickung 
verschiedener  Gewebe.  So  Verdickung  des  Periosts  und  der 
Knochen,  Zunahme  des  Fettpolsters  an  dem  leidenden  Theil,  selbst 
ausgesprochene  Muskelhypertrophie  (G  r  o g  a  n).  Diese  Erscheinungen 
sind  jedoch  alle  sehr  selten.  Weit  häufiger  sind  die  Fälle  von  Atro- 
phie und  Abmagerung  der  Gewebe;  so  hat  man  Verdünnung 
der  Haut,  Schwund  des  Fettpolsters  bei  Gesichtsneuralgien  eintreten 
sehen,  und  massige  Atrophie  der  Muskeln  ist  eine  gewöhnliche  Er- 
scheinung bei  Ischias  und  andern  Neuralgien  in  gemischten  Nerven; 
hochgradige  Atrophie  der  Muskeln  kommt  meist  nur  bei  schweren 
Verletzungen  gemischter,  peripherer  Nervenstämme  vor,  welche  einer- 
seits Neuralgie,  andererseits  Paralyse  im  Gefolge  haben  (Schussver- 
letzungen). 

b.  complicirtere,  meist  entzündliche  Veränderungen. 
Sie  verlaufen  fast  alle  in  der  Haut  und  sind  hier  am  besten  gekannt; 
einzelne  kommen  auch  am  Auge  vor.  -  An  der  Haut  findet  man 
zunächst  einfaches  Erythem,  im  nächsten  Anschluss  an  die  durch 
vasomotorische  Lähmung  bedingte  Hautröthung;  demnächst  Erysi- 
pelas  — •  eine  wirkliche  erysipelatöse  Entzündung  mit  allen  ihren 
wesentlichen  Charakteren,  beschränkt  auf  den  Bezirk  des  neuralgisch- 
afficirten  Nerven,  meist  im  Anschluss  an  aussergewöhnlich  heftige 


l^earalgie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.  53 

Paroxysmen;  kommt  fast  nur  im  Oesicbt  vor;  ich  kann  die  yon 
Ansti  e  u.  A.  darüber  gemachten  Angaben  durchaus  bestätigen.  Eine 
schwerere  Erkrankung  bedeutet  es  schon,  wenn  Urticaria,  Pem- 
phignsblasen  n.  dgl.  auf  der  Haut  erscheinen,  wenn  die  Haut 
papierdünn  und  geröthet,  glänzend  erscheint  (Glossy  fingers),  wenn 
die  Nägel  missbildet  werden  oder  ausfallen,  wenn  schlechtheilende 
Ulcerationen  in  der  Haut  auftreten;  das  sind  meist  Fälle  von  sym- 
ptomatischen Neuralgien,  welche  durch  schwere  Verletzungen  peri- 
pherer Nervenstämme  hervorgerufen  sind,  in  welchen  die  Neuralgie 
nur  eine  —  oft  untergeordnete  —  Theilerscheinung  des  ganzen  Krank- 
heitsbildes darstellt  und  in  keinem  inneren  Zusammenhang  mit  den 
trophischen  Störungen  steht.  —  Nicht  viel  anders  ist  dies  der  Fall 
mit  dem  sog.  Herpes  zoster,  welcher  nicht  selten  in  Begleitung 
ausgesprochener  Neuralgien  auftritt.  Man  versteht  darunter  eine 
charakteristische  Herpeseruption  (Bläschengruppen  auf  entzündlich 
geschwellter  und  gerötheter  Hautoberfläche),  welche  genau  dem  Ver- 
breitungsbezirk bestimmter  Nerven  entspricht ;  am  häufigsten  entspricht 
der  Herpes  einem  Intercostalnerven  (daher  „Gürtelrose"),  er  kommt 
demnächst  am  häufigsten  im  Gesicht  vor,  in  besonders  schwerer  Form 
als  Zoster  ophthalmicus  an  der  Stirn,  Nasenspitze  und  dem  Auge  und 
kann  in  allen  möglichen  Nervengebieten  des  Rumpfs  und  der  Extre- 
mitäten zur  Entwickelung  kommen.  Die  Bläschen  entstehen  im  Laufe 
weniger  Tage  auf  der  ursprünglich  gerötheten  Hautfiäche,  haben  einen 
wasserklaren,  allmälig  sich  trübenden  Inhalt  und  vertrocknen  nach 
wenig  Tagen  zu  Krusten  und  Borken,  welche  nach  einiger  Zeit  — 
oft  mit  Hinterlassung  langsam  heilender  Geschwüre  —  abfallen.  Das 
Verhältniss  des  Zoster  zur  Neuralgie  ist  ein  äusserst  inconstantes: 
nur  sehr  wenige  Fälle  —  im  Verhältniss  zu  der  Gesammtzahl  (unter 
meinen  146  Fällen  befinden  sich  3)  —  von  Neuralgien  zeigen  die 
Begleiterscheinung  des  Zoster;  und  auf  der  andern  Seite  sind  durch- 
aus nicht  alle  Fälle  von  Zoster  von  neuralgischen  Erscheinungen  be- 
gleitet, können  vielmehr  ganz  ohne  dieselben  verlaufen;  dies  sieht 
man  besonders  bei  jugendlichen  Individuen;  häufig  ist  nur  in  den 
ersten  Tagen  der  Affection  Schmerz  vorhanden,  oder  er  erscheint  am 
Ende  der  Eruption  und  kann  in  manchen  Fällen  als  heftige  Neuralgie 
das  Verschwinden  des  Zoster  kürzere  oder  längere  Zeit  überdauern. 
In  allen  Fällen,  die  bis  jetzt  anatomisch  untersucht  werden  konnten 
(Bärensprung,  Esmarch,  Danielssen,  Charcot  undCotard, 
Bahrdt,  Weidner,  Wyss),  fanden  sich  an  den  zum  Gebiet  des 
Zoster  gehörigen  Nerven  oder  deren  Spinalganglien  die  ausgesprochnen 
Zeichen  der  Entzündung:  Röthung,  Schwellung,  Verdickung  und  In- 


54  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

filtration  des  Neurilemm,  eitrige  Infiltration  desselben  u.  s.  w.  — 
Damit  stimmt  es  wohl  aucb,  dass,  wie  schon  Troasse an  angegeben 
und  M'Crea  neuerdings  (Brit.  med.  Journ.  1873.  No.  647)  an 
mehreren  Fällen  nachgewiesen  hat,  sich  im  Gefolge  des  Herpes  zoster 
stets  Zeichen  tieferen  Ergriffenseins  der  Nervenstructur  finden :  zuerst 
Hyperästhesie,  später  Gefässarmuth ,  Entfärbung  und  ausgesprochne 
Anästhesie  der  Haut;  letztere  fanden  auch  Homer  und  Wyss.  — 
Jedenfalls  geht  aus  allen  diesen  Thatsachen  heryor,  dass  Zoster  eine 
mit  Störungen  im  Nervensystem  im  innigsten  Zusammenhang  stehende 
Erscheinung,  dass  er  jedoch  ftlr  die  Neuralgie  durchaus  nichts  We- 
sentliches oder  Charakteristisches  ist;  man  wird  yielmehr,  wo  er  eine 
Neuralgie  begleitet,  mit  einiger  Sicherheit  nur  den  Schluss  ziehen 
können,  dass  eine  auf  Neuritis  beruhende  Neuralgie  vorliegt. 

Unter  den  das  Auge  betreffenden  entzündlichen  Störungen  ist 
es  ebenfalls  Herpes,  welcher  am  häufigsten  im  Gefolge  von  Neur- 
algien des  Trigeminus  beobachtet  wird  und  fast  immer  in  Begleitung 
des  Zoster  ophthalmicus  erscheint,  welcher  das  Gebiet  des  ersten 
Trigeminusastes  befällt  und  von  Hutchinson  und  Bowman^)  in 
vortrefflicher  Weise  beschrieben  ist.  Viel  seltener  kommt  die  0  p  h  - 
thalmia  neuroparalytica  mit  ihren  deletären  Einwirkungen  auf 
das  Auge  zur  Entwickelung ;  sie  ist  meist  die  Folge  tieferer  Läsionen 
des  Trigeminus,  die  zur  Anästhesie  führen.  Auch  Iritis  und  G 1  a  a  - 
coma  scheinen  manchmal  auf  neuralgischer  Grundlage  zu  entstehen, 
wofür  einige  Beobachtungen  von  Anstie,  Hutchinson,  Wegner 
u.  A.  und  physiologische  Versuche  über  den  Einfluss  des  Trigeminus 
auf  den  intraocularen  Druck  sprechen.  Wir  werden  darauf  bei  der 
Trigeminusneuralgie  zurückkommen. 

Die  Deutung  aller  dieser  trophischen  Störungen  ist  zur  Zeit  noch 
sehr  schwierig.  Am  nächsten  lag  es,  für  das  Auftreten  dieser  Stö- 
rungen bei  Neuralgien  gewisse  atrophische"  Nerven  verantwortlich 
zu  machen  und  von  ihrer  Mitbetheiligung  an  der  Krankheit  alle  diese 
Erscheinungen  herzuleiten.  Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  in  eine  aus- 
führliche Discussion  über  die  schwierige  Frage  der  trophischen  Nerven 
einzutreten,  doch  können  wir  nicht  umhin,  unsere  Ansicht  dahin  aus- 
zusprechen, dass  dieselben  wirklich  existiren  und  dass  eine  ganze 
Reihe  der  obenerwähnten  trophischen  Störungen  uns  nur  durch  die 
Annahme  eines  directen  Nerveneinflusses  auf  die  Ernährung  der  Ge- 
webe erklärlich  erscheint:  so  z.  B.  die  Veränderung  der  Haarfarbe 
und  des  Haarwachsthums,  die  Epithelwucherungen,  Pigmentablage- 


1)  Lond.  Ophthalm.  Hosp.  Rep.  V.  1866.  u.  VI.  1869. 


Neuralgie  im  AUgezoeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.  55 
• 

rangen,  die  Hypertrophien  und  ein  Theil  der  Atrophien  der  Gewebe ; 
Tielleieht  aueh  ein  Theil  der  entzündlichen  Störungen  in  der  Haut: 
Erysipel,  Pemphigus,  Herpes  u.  s.  w.  Gerade  für  die  Neuralgien 
wäre  dann  die  von  Charcot  (Klin.  Vortr.  üb.  Krankh.  des  Nervens. 
—  Deutsch  von  Fetzer.  1874)  vertretene  Ansicht,  dass  die  trophischen 
Störungen  Folge  einer  Reizung  der  trophischen  Nerven  seien,  noch 
am  ehesten  anzunehmen.  Doch  scheint  diese  Ansicht,  zu  welcher  auch 
We  irMitchell  hinneigt,  zur  Zeit  noch  nicht  hinreichend  begründet. 
Immerhin  sind  ftlr  einen  Theil  dieser  Störungen  auch  noch  andere 
Möglichkeiten  der  Entstehung  zuzulassen:  besonders  ist  zunächst  an 
yasomotorische  Einwirkungen  zu  denken:  wir  vermögen  selbst  nach 
den  neuesten  Gohn heimischen  Untersuchungen  nicht  eine  scharfe 
Grenze  zwischen  der  einfachen  Lähmung  der  Gefässmusculatur  und 
denjenigen  Veränderungen  der  Gefässwandungen  zu  ziehen,  welche 
für  die  Entzündung  weseutlich  und  bestimmend  sind;  und  es  wäre 
immerhin  denkbar,  dass  unter  besondem  Umständen,  bei  spedell 
disponirten  Personen  durch  Einwirkung  auf  die  vasomotorischen 
Nervenbahnen  die  nutritive  Veränderung  in  den  Gef  ässen  einträte, 
welche  zur  Entstehung  von  Erysipel,  von  Herpes  u.  s.  w.  nothwendig 
ist  —  Aber  noch  eine  andre  Möglichkeit  bleibt  offen;  es  ist  von 
Friedreich  (Ueber  progressive  Muskelatrophie  etc.  1873.  S.  163  ff.) 
neuerdings  die  Ansicht  ausgesprochen  und  mit  gewichtigen  Gründen 
vertreten  worden,  dass  es  sich  speciell  beim  Zoster,  aber  auch  bei 
der  Entstehung  mancher  Muskelatrophien  in  Begleitung  neuralgischer 
Affectionen  um  nichts  Anderes  handle,  als  um  fortgeleitete  neuritische 
Processe,  welche  von  dem  ursprünglichen  (auch  die  Neuralgie  er- 
zengenden) Reizungsherde  aus  sich  längs  des  Nerven  bis  zu  seinen 
feinsten  Verzweigungen  und  endlich  auch  auf  die  Haut  weiter  ver- 
breiten und  hier  die  charakteristischen  entzündlichen  Eruptionen  er- 
zeugen. So  plausibel  auch  diese  Anschauung  durch  die  von  Fried- 
reich  beigebrachten  Beobachtungen  und  Gründe  gemacht  ist,  so 
fehlt  ihr  immerhin  noch  die  thatsächliche  Begründung  durchj^enaue 
anatomische  Untersuchungen  und  Experimente;  auch  kann  dieselbe 
wohl  nur  für  einen  Theil  der  Fälle  Geltung  beanspruchen. 

Für  die  einfachen  Atrophien  der  Muskeln,  wie  sie  besonders 
die  behias  nicht  selten  begleiten,  hat  man  (Nothnagel)  ebenfalls 
rein  vasomotorische  Einflüsse  geltend  zu  machen  gesucht ;  es  soll  der 
in  diesen  Fällen  von  Neuralgie  vorhandene  vasomotorische  Krampf 
der  Muskelgefässe  die  Atrophie  erklären;  die  beigebrachten  Gründe 
fttr  diese  Ansicht  erscheinen  uns  jedoch  nicht  zureichend. 

Jedenfalls  geht  aus  den  vorstehenden  Bemerkungen  hervor,  dass 


56  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

unsere  Kenntnisse  über  die  Bedeutung  und  Entstehung  der  trophischen 
Störungen  bei  Neuralgien  noeb  sebr  unsicher  sind;  docb  lässt  sich 
bei  der  vorhandenen  Möglichkeit  einer  exacten  Fragestellung  immer- 
hin eine  Lösung  der  hier  noch  schwebenden  Probleme  erwarten. 

Psychische  Begleiterscheinungen.  Sie  gehören  bei  d^i 
Neuralgien  zu  den  seltnen  Ausnahmen;  die  intellectuellen  Vorg^ge 
scheinen  fast  nie  beeinträchtigt  zu  werden,  wenn  nicht  durch  etwaige 
der  Neuralgie  zu  Grunde  liegende  Erkrankungen  des  Gentralorgans ; 
nur  während  der  höchsten  Schmerzparoxysroen  wird  die  geistige 
Thätigkeity  werden  besonders  die  Willensäusserungen  oft  vorüber- 
gehend gehemmt.  Aber  selbst  bei  langer  Dauer  des  Leidens  sieht 
man  in  vielen  schweren  Fällen  weder  eine  Abnahme  der  Intelligenz 
noch  des  Gedächtnisses  eintreten.  Und  auch  die  Fälle,  in  welchen 
durch  die  endlosen  Qualen  schwere  Gemttthsverstimmungen ,  allge- 
meine Reizbarkeit,  Melancholie,  Neigung  zum  Selbstmord  u.  dgl. 
hervorgerufen  werden,  scheinen  verhältnissmässig  selten  zu  sein.  Es 
gehören  demnach  psychische  Störungen  jedenfalls  zu  den  ganz  unter- 
geordneten und  meist  wohl  mehr  zufälligen  Begleiterscheinungen  der 
Neuralgien.  (Vgl.  jedoch  einen  merkwürdigen  Fall  von  Des  cot  [bei 
Bretschneider  S.  271],  in  welchem  hochgradige  psychische  Stö- 
rungen in  Folge  einer  traumatischen  Neuralgie  eintraten.) 

Dasselbe  gilt  in  sehr  vielen  Fällen  von  den  Allgemeinstö- 
rungen. Dieselben  fehlen  bei  den  meisten  Kranken  völlig  — 
wenigstens  insoweit  sie  als  Folgen  der  Neuralgie  zu  betrachten 
wären.  Keine  Steigerung  der  Körpertemperatur,  keine  Störung  des 
Sensoriums,  keine  Appetit-  oder  Verdauungsstörungen,  keine  Abnahme 
des  Körpergewichts  —  das  ist  wenigstens  die  Regel;  die  Kranken 
können  selbst  nach  jahrelangen  Leiden  ein  blühendes  Aussehen  be- 
wahren. In  einer  Reihe  von  schweren  Fällen  treten  jedoch  endlich 
auch  Allgemeinerscheinungen  ein,  die  sich  meist  zurückführen  lassen 
auf  Störungen  der  Verdauung,  Blutbildnng  und  Ernährung  in  Folge 
der  heftigen  Schmerzen,  der  Behinderung  der  Nahrungsauftiahme  und 
der  Schlaflosigkeit.  So  sieht  man  besonders  Kranke  mit  schweren 
Gesichtsneuralgien  zur  Zeit  der  Krankheitsexacerbationen  nicht  selten 
verfallen,  ein  übles,  kachektisches  Ausseben  annehmen  u.  s.  w.  Phy- 
siologische Experimente,  welche  von  Mantegazza')  zur  Ermittelung 
des  Einflusses  heftiger  Schnierzen  an  Thieren  angestellt  wurden, 
haben  ergeben,  dass  sich  in  Folge  heftiger  Schmerzen  einstellen: 
Abnahme  des  Appetits,  Ekel,  Dyspepsie,  Aufhören  der  Magenver- 

1)  DeH'azione  del  dolore  sulla  digestione  e  suUa  nutrizione.    Gaz.  med.  itaJ. 
lombard.  1871  No.  6  u.  7.  (Jahresbericht  f.  1871  v.  Virchow  und  Hirsch). 


Nennügie  im  Allgemeinen.  Symptomatologie.  Analyse  der  einzelnen  Symptome.  57 

danungy  Erbrechen,  Darcbfälle ;  im  weiteren  Verlauf  grosse  Schwäche 
und  betiiU^htliche  Abmagerung;  grössere  Empfindlichkeit .  für  alle 
schädlichen  Einwirkungen  etc.  Ganz  dem  entsprechend  findet  man 
aaeh  bei  Kranken  mit  sehr  schweren  Neuralgien :  Dypspepsie,  Appetit- 
losigkeit, belegte  Zunge,  Blässe  und  Anämie,  kachektisches  Aussehen, 
schwachen  Puls,  ktthle  Extremitäten,  deprimirte,  gereizte  Stimmung, 
grosse  Empfindlichkeit  gegen  äussere  Schädlichkeiten  u.  s.  w.  und 
es  steht  wohl  nichts  der  Annahme  entgegen,  dass  diese  Erscheinun- 
gen ebenfalls  in  Folge  der  mächtigen  Einwirkung  starker  Schmerzen 
auf  das  Nervensystem  und  die  Ernährung  zu  Stande  kommen.  Man 
muss  freilich  diese  Folgeerscheinungen  der  Neuralgie  genau  trennen 
von  den,  vielen  Neuralgien  zu  Grunde  liegenden,  allgemeinen  Er- 
nährungsstörungen, die  ihre  ganz  anderen  Ursachen  haben. 

Paroxysmen  und  ihre  Ursachen.  Auffallend  und  in  hohem 
Haasse  charakteristisch  ist  das  Auftreten  der  Neuralgien  in  einzelnen 
Anfällen,  in  Paroxysmen;  es  ist  dasselbe  fast  als  pathognostisch  zu 
bezeichnen  und  wird  auch  von  fast  allen  Autoren  in  die  Definition 
der  Neuralgie  mit  aufgenommen ;  ganz  besonders  wird  die  Periodicität 
von  Anstie  betont. 

In  Bezug  auf  die  Einzelheiten  der  Paroxysmen,  ihre  Dauer  und 
Häufigkeit,  ihre  regelmässige  oder  unregelmässige  Wiederkehr,  ihre 
Vorboten  und  ihre  Veranlassungen  braucht  dem  oben  Gesagten  nichts 
hinzugefügt  zu  werden.  —  Eine  Erklärung  für  das  paroxysmen- 
weise  Auftreten  der  Schmerzen  bei  Neuralgien  zu  geben,  ist  unmög- 
lich, so  lange  unsere  Kenntnisse  über  die  Nervenmolecularmechanik 
noch  so  unvollkommen  sind  wie  bisher.  Am  nächsten  liegt  wohl  der 
Gedanke  an  die  noth wendig  eintretende  Ermüdung  der  Nerven; 
wird  durch  die  starke  Erregung  der  sensiblen  Nerven  im  Paroxys- 
mus  endlich  Ermüdung  derselben  bewirkt,  so  hört  der  Schmerz  auf. 
Es  stimmt  mit  dieser  Annahme  sehr  wohl  die  häufig  vorhandene 
Anästhesie  im  Gebiete  des  neuralgisch  afficirten  Nerven;  ebenso  die 
Thatsache,  dass  wirkliche  Paroxysmen  auch  bei  Neuralgien  vorkom- 
men, welche  durch  grobe  anatomische  Veränderungen  (Carcinom, 
Neurom  u.  s.  w.)  hervorgerufen  sind  (Trousseau)  und  bei  welchen 
man  a  priori  eine  continuirliche  Schmerzhaftigkeit  hätte  erwarten 
sollen.  Auch  das  in  nicht  seltnen  Fällen  vorhandne  Fortbestehen 
der  sensiblen  Erregbarkeit  unmittelbar  nach  Ablauf  der  Paroxysmen 
spricht  durchaus  nicht  gegen  jene  Annahme;  die  gewöhnlichen  sen- 
siblen Reize  pflegen  an  andern  Stellen  einzuwirken  als  die  der  Neur- 
algie zu  Grunde  liegenden  Reize  und  es  kann  die  Leitung  der 
Empfindungen  durch  die  neuralgisch  afficirte  Stelle  erhalten   sein, 


58  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

während  diese  Stelle  selbst  momentan  dnrch  Ermüdung  unerregbar 
ist.  Wajirscheinlich  gentigt  aber  diese  Erklärung  nicht  völlig  und 
jedenfalls  nicht  ftir  alle  Fälle;  auch  Schwankungen  in  der  Intensität 
der  einwirkenden  Beize,  periodisches  Auftreten  und  Wiederver- 
schwinden derselben  können  ebenfalls  Ursache  der  Periodicität  des 
Schmerzes  sein;  doch  wissen  wir  darüber  noch  gar  nichts  Näheres. 

Das  elektrische  Verhalten  der  sensiblen  Nerven  bei  Neur- 
algien ist  noch  wenig  untersucht.  Am  häufigsten  begegnet  man  der 
Angabe,  dass  man  die  Points  douloureuz  auch  durch  die  elektrische 
Prüfung  mit  grosser  Sicherheit  als  überempfindliche  Stellen  nach- 
weisen könne;  ebenso  empfindliche  Wirbel,  oder  Empfindlichkeit  des 
Halssympatbicus.    Das  hat  jedoch  keine  weitere  Bedeutung. 

Bei  der  Prüfung  der  eigentlichen  elektrischen  Sensibilität  in  neur- 
algisch affidrten  Nerven  hat  man  offenbar  nicht  scharf  genug  ge- 
trennt die  elektrische  Sensibilität  des  betreffenden  Blautgebietes  und 
jene  des  Nervenstammes.  Für  die  Haut  verhält  sich  die  Sache  wohl 
so,  wie  ftlr  die  übrige  Sensibilitätsprüfung:  besteht  Hyperästhesie, 
so  haben  wir  auch  gesteigerte  elektrische  (faradische  und  galvanische) 
Empfindlichkeit;  besteht  Anästhesie,  dann  ist  auch  die  elektrische 
Empfindlichkeit  vermindert. 

Für  die  Nervenstämme  hat  zuerst  Benedict  bestimmte  An- 
gaben gemacht  und  auf  ihre  grössere  oder  geringere  „Empfindlich- 
keit" gegen  Elektricität  sogar  bestimmte  Schlüsse  auf  den  Sitz  und 
die  Art  der  der  Neuralgie  zu  Grunde  liegenden  Erkrankung  gebaut 
Diese  Angaben  scheinen  ihm  jedoch  nach  einer  neueren  Publication 
(Wien.  med.  Presse  1872  No.  21)  wieder  zweifelhaft  geworden  zu 
sein.  Die  Schwierigkeiten  der  elektrischen  Untersuchung  sensibler 
Nervenstämme  sind  jedenfalls  sehr  gross. 

In  Bezug  auf  das  elektrische  Verhalten  bei  Neuralgien  ge- 
mischter Nervenstämme  macht  Eulenburg  (1.  c.  S.  154)  einige 
merkwürdige  Angaben:  er  will  bei  Ischias  Anomalien  des  motorischen 
galvanischen  Zuckungsgesetzes  beobachtet  haben,  bis  zur  Umkehr 
der  normalen  Formel  gebend ;  ferner  quantitative  Veränderungen  der 
galvanischen  und  faradischen  Erregbarkeit  der  motorischen  Fasern. 
—  Ich  habe  etwas  Derartiges  bisher  noch  nie  gesehen.  JedenfiJls 
hat  die  elektrische  Untersuchung  bisher  keine  Au&chlüsse  über  die 
Pathologie  der  Neuralgien  gebracht. 

Verlauf. 

Ueber  den  Verlauf  der  Neuralgien  lassen  sich  nur  wenige  all- 
gemeine Bemerkungen  machen.    Ein  Tbeil  der  Fälle  verläuft  acut, 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Verlauf.    Ausgänge.  59 

in  wenig  Tagen  oder  Wochen;  mit  einer  knrzen  Reihe  von  mehr 
oder  weniger  heftigen  Paroxysmen  ist  dann  die  ganze  Krankheit  ab- 
gethan:  so  z.  B.  meist  bei  den  leichten  rheumatischen  Formen. 

Ein  anderer  Theil  der  Fälle  wird  chronisch,  erstreckt  sich 
über  Wochen  und  Monate,  selbst  Jahre,  wenn  man  die  häufigen 
Becidiye  hinzurechnet;  in  solchen  Fällen  ist  der  Verlauf  meist  ein 
sehr  seh  wankender,  Perioden  von  Exacerbation  der  Krankheit 
weehseln  mit  Zeiten  der  Remission  und  selbst  völliger  Intermission 
ab;  endlich  aber  tritt  nach  allen  diesen  Wechselfällen  doch  noch 
Heilung  ein:  so  z.  B.  häufig  bei  d^  anämischen  Formen,  bei  den 
mit  der  Pnbertät,  mit  Hysterie  u.  s.  w.  zusammenhängenden  Formen 
der  Neuralgie. 

Endlich  wird  aber  auch  ein  Theil  der  Fälle  unheilbar:  in 
diesen  besteht  die  Neuralgie  den  ganzen  Rest  des  Lebens  hindurch, 
allerdings  gewöhnlich  mit  mehr  oder  weniger  langen  Pausen  oder 
doch  mit  sehr  erheblichen  Schwankungen  in  der  Intensität.  Das 
sind  die  schrecklichen  Fälle  von  Tic  douloureux,  die  20,  30  Jahre 
und  länger  bestehen,  von  Ischias,  von  Intercostalneuralgie,  die  den 
Kranken  nicht  mehr  verlassen.  Hierher  zählen  viele  Fälle  mit 
organischer  Grundlage,  mit  schwerer  hereditärer  Disposition,  bei 
frühzeitiger  Senescenz  und  Gefässdegeneration.  (Das  Gbronisch- 
und  Unheilbarwerden  der  Neuralgie  bezeichnet  man  öfter  auch  als 
Habituellwerden  derselben;  man  will  damit  andeuten,  dass 
eine  Veränderung  in  den  sensiblen  Bahnen  vorhanden  sei,  welche 
auch  nach  dem  Aufhören  der  Ursachen  die  Neuralgie  unterhalte; 
der  Ausdruck  erklärt  aber  nichts  weiter). 

Ausgänge.  Wie  schon  aus  dem  Vorstehenden  sich  ergibt, 
erfolgt  der  Ausgang  der  Neuralgie  entweder  in  Heilung  oder  in 
Unheilbarkeit  Die  Mehrzahl  der  Fälle  geht  zweifellos  in  Heilung 
ttber,  doch  lassen  sich  genauere  Zahlenangaben  darüber  nicht  wohl 
machen,  weil  man  gar  häufig  über  den  weiteren  Verlauf,  etwaige 
Recidive  u.  s.  w.  nichts  erfährt.  Die  Angabe  von  Valleix,  dass 
unter  1 82  Fällen  Genesung  in  1 39  erfolgte,  erscheint  etwas  hoch  und 
erklärt  sich  wohl  dadurch,  dass  Valleix  die  durch  nachweisbare 
organische  Veränderungen  bedingten  Neuralgien  von  der  Zählung 
ausschloss.  Es  hängt  eben  der  Ausgang  hauptsächlich  von  der  Ur- 
sache ab:  ist  diese  zu  beseitigen,  so  tritt  Genesung  ein,  wenn  nicht: 
Unheilbarkeit.  Auch  von  der  allgemeinen  Beschaffenheit  des  Kran- 
ken, Lebensalter,  Ernährungszustand,  Lebensweise  u.  s.  w.  kann  der 
Ausgang  der  Neuralgie  beeinflusst  werden  (s.  Prognose).  —  Reci- 
dive sind  ungemein  häufig,  und  erklären  sich  theils  aus  der  all- 


60  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

gemeiDen  Prädisposition ,  welche  der  Neuralgie  an  sich  zu  Grande 
liegt  und  in  den  meisten  Fällen  fortbesteht,  theils  daraus,  dass  eine 
einmalige  neuralgische  Erkrankung  in  dem  Nerven  eine  örtliche 
Prädisposition  zurücklässt,  die  bei  der  geringsten  Schädlichkeit  zu 
neuer  Erkrankung  fährt. 

Als  mehr  zufällige  Ausgänge  der  Neuralgie  sind  zu  betrachten: 
Anästhesie  der  Haut,  Lähmungen  und  Atrophie  der  Muskeln  etc.; 
diese  Erscheinungen  sind  nicht  directe  Folgen  der  Neuralgie,  sondern 
nur  Folgeerscheinungen  und  Coßffecte  derselben  Ursache,  welche  auch 
die  Neuralgie  hervorgerufen  hat:  so  kann  der  allmälig  zunehmende 
Druck  von  Geschwtllsten,  kann  die  narbige  Retraction  des  durch 
Neuritis  gewucherten  Bindegewebes,  können  fortschreitende  centrale 
Erkrankungen  und  Degenerationen  schliesslich  zu  Anästhesie  und 
Lähmung  ftlhren,  nachdem  sie  im  Beginn  neuralgische  Beschwerden 
hervorgerufen  hatten. 

Der  Ausgang  in  den  Tod  wird  durch  die  Neuralgie  an  sich 
wohl  kaum  je  herbeigeftlhrt:  Beispiele,  dass  die  Heftigkeit  des 
Schmerzes  den  Tod  herbeigeftihrt  hätte,  sind  nicht  bekannt ;  es  wäre 
höchstens  denkbar,  dass  durch  die  stete  Beeinträchtigung  der  Ver- 
dauung und  Ernährung  bei  schweren  Neuralgien  endlich  der  Tod 
durch  Erschöpfung  eintreten  würde.  Dagegen  kann  durch  das  der 
Neuralgie  zu  Grunde  liegende  Leiden  (Carcinom,  Knochenleiden, 
centrale  Erkrankungen  u.  dgl.)  sehr  wohl  der  Tod  herbeigeftlhrt 
werden. 

Diagnose. 

Es  handelt  sich  bei  der  ärztlichen  Untersuchung  hierher  gehöriger 
Krankheitsfälle  nicht  ausschliesslich  um  die  Feststellung,  dass  wir  es 
hier  überhaupt  mit  dem  Symptomencomplex  zu  thun  haben,  den  wir 
als  Neuralgie  bezeichnen;  diese  Aufgabe  ist  verhältnissmässig  leicht 
zu  erfüllen ;  allein  diese  Feststellung  ist  als  Grundlage  des  ärztlichen 
Handelns  in  vielen  Fällen  durchaus  ungenügend.  Es  muss  sich  viel- 
mehr die  Diagnose  auch  erstrecken  auf  die  genauere  Bestimmung 
des  Sitzes  des  Leidens  an  irgend  einer  Stelle  der  sensiblen  Leitungs- 
bahnen und  endlich  auch  auf  die  Feststellung  der  näheren  Ursache 
desselben,  auf  die  Ermittelung  etwaiger  anatomischer  Veränderungen 
und  ihrer  Art  und  Weise. 

Zunächst  muss  allerdings  diagnostisch  festgestellt  werden,  ob 
eine  Neuralgie  vorliegt,  oder  etwas  Anderes;  es  handelt  sich 
hier  um  die  Ermittelung  des  Vorhandenseins  des  charakteristischen 
Symptomencomplexes ,   den  man  mit  dem  Namen  der  Neuralgie  be- 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Ausgänge.    Diagnose.  61 

legt;  diese  Feststellung  ist  ganz  unabhängig  von  dem  Fehlen  oder 
Vorhandensein  palpabler  Läsionen,  denn  es  gibt  Neuralgien  mit 
und  ohne  solche.  Im  Allgemeinen  ist  es  nicht  schwer,  das  Sym- 
ptomenbild der  Neuralgie  richtig  zu  erkennen ;  doch  gibt  es  immerhin 
Fälle;  in  welchen  Zweifel  entstehen  können  und  unzählige  Male 
werden  schmerzhafte  Affectionen  fttr  Neuralgien  erklärt,  die  es  nicht 
sind«  Da  überdies  die  neuralgischen,  ebenso  wie  alle  tlbrigen  sub- 
jectiyen  Nerrensymptome  uns  nicht  selten  in  den  wunderbarsten 
Formen  entgegentreten  —  wofttr  am  häufigsten  die  Individualität 
der  Slranken  verantwortlich  zu  machen  ist  — ,  so  können  manchmal 
der  Diagnose  sich  ganz  ernstliche  Schwierigkeiten  entgegenstellen. 
Man  wird  dieselben  in  den  meisten  Fällen  überwinden,  wenn  man 
festhält,  dass  folgende  die  hauptsächlichsten,  charakteristischen  Merk- 
male der  Neuralgie  sind: 

1 .  Beschränkung  des  Schmerzes  auf  eine  bestimmte  Nervenbahn 
(Stanun  oder  Ast  und  dessen  periphere  Ausbreitung)  und  zwar  meist 
einseitig. 

2.  Deutlich  intermittirendes  oder  doch  deutlich  remittirendes 
Auftreten  des  Schmerzes,  ohne  dass  nachweisbare  Ursachen  daftlr 
vorhanden  wären  (Paroxysmen). 

3.  Eigenthümlicher  Charakter  und  unverhältnissmässige  Heftig- 
keit des  Schmerzes. 

4.  Empfindlichkeit  bei  Druck  an  bestimmten  Stellen  des  Nerven- 
verlaufe  oder  der  peripherischen  Ausbreitung  (Points  douloureux). 

5.  Anwesenheit  sensibler,  motorischer,  vasomotorischer,  secre- 
torischer  etc.  Begleiterscheinungen,  wie  sie  oben  geschildert  wurden. 

6.  Fehlen  von  entzündlichen  oder  sonstigen  Localerscheinungen 
and  von  dem  Grade  des  subjectiven  I^idens  entsprechenden  Allge- 
meinstörungen. 

Auf  diese  Punkte  ist  bei  der  Diagnose  der  Hauptwerth  zu  legen ; 
lässt  sich  ausserdem  noch  nachweisen :  dass  bei  dem  erkrankten  In- 
dividuum eine  deutliche  hereditäre  oder  erworbene  neuropathische 
Disposition  besteht;  oder  dass  dasselbe  früher  bereits  an  der  einen 
oder  anderen  Neuralgie  gelitten  hat ;  oder  dass  alle  ermüdenden  und 
erschöpfenden  Einflüsse  verschlimmernd  aut  die  Krankheit  wirken; 
femer  dass  eine  bekannte  und  häufige  Ursache  der  Neuralgie  ein- 
gewirkt hat  (Malaria,  Erkältung,  Trauma,  Syphilis  etc.)  —  so  gewinnt 
die  Diagnose  erheblich  an  Sicherheit.  Sind  alle  oder  die  meisten 
der  genannten  Charaktere  vorhanden,  so  bietet  die  Diagnose  gar  keine 
Schwierigkeit;  fehlen  jedoch  einzelne  Erscheinungen  oder  sind  sie 
durch  andere  maskirt  oder  treten  bei  andei*sartigen  Affectionen  ahn- 


62  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

liehe  ErseheinuDgen  auf,  so  ist  man  vor  Irrthttmem  nieht  sieher  and 
es  können  —  wie  die  tägliche  Erfahrung  lehrt  —  mancherlei  Ver- 
wechselungen vorkommen.  Die  schmerzhaften  Zustände,  welche  am 
häufigsten  und  leichtesten  mit  Neuralgien  verwechselt  werden,  sind 
besonders  folgende: 

Muskelschmerz,  Muskelrheumatismus,  d.  h.  alle  die 
schmerzhaften,  in  den  Muskeln  localisirten  Affectionen,  die  als  Lum- 
bago, Pleurodynie,  Torticollis  u.  s.  w.  bezeichnet  werden  und  ent- 
weder durch  Erkältung  oder  Ueberanstrengung  der  Muskeln  entstehen. 
Bei  einiger  Aufmerksamkeit  sind  diese  „Myalgien''  leicht  von  den 
Neuralgien  zu  unterscheiden  und  zwar  durch  folgende  Kriterien:  der 
Muskelschmerz  entspricht  der  Lage  eines  Muskels  und  nicht  dem 
Verlauf  eines  Nerven;  er  Ist  fixirt  auf  eine  bestimmt  umschrieb^ie 
Stelle ;  er  tritt  meist  nicht  in  Paroxysmen  auf  und  wird  sicher  durch 
jede  Contraction  des  erkrankten  Muskels  hervorgerufen  und  gesteigert; 
locale  Empfindlichkeit  ist  nur  in  der  Ausdehnung  des  erkrankten 
Muskels  und  seiner  Sehne  vorhanden. 

Spinalirritation,  so  weit  man  diese  Bezeichnung  auch  heut- 
zutage noch  ftlr  einen  gewissen  Symptomencomplex  gebraucht,  hat 
grosse  Aehnlichkeit  mit  Neuralgie  und  es  mag  in  vielen  Fällen  €re- 
schmackssache  sein,  den  vorliegenden  Symptomencomplex  als  Neur- 
algie oder  als  Spinalirritation  zu  bezeichnen.  Die  letztere  ist  meist, 
jedoch  durchaus  nicht  immer,  eine  hysterische  Erscheinung  und 
wird  da  angenommen,  wo  vielfältige,  vagirende,  neuralgiforme 
Schmerzen  zugleich  mit  grosser  Empfindlichkeit  einzelner  Domfort- 
sätze gegen  Druck  und  mit  Rückenschmerz  vorhanden  sind,  (re- 
wöhnlich  besteht  dabei  mehr  oder  weniger  verbreitete  Hyperästhesie 
der  Haut  und  auch  innerer  Organe,  eine  deutliche  motorische  Schwäche 
und  Leistungsunfähigkeit,  grosse  psychische  Reizbarkeit  u.  s.  w.  *)•  In 
dem  wechselnden  Sitze  des  Schmerzes  bei  der  Spinalirritation  liegt 
das  unterscheidende  Kriterium:  bei  Schmerzen,  die  auf  eine  be- 
stimmte Nervenbahn  localisirt  sind  und  welche  mit  Empfindlichkeit 
einzelner  Domfortsätze  einhergehen,  nehmen  wir  eine  Neuralgie  mit 
ausgesprochenem  Point  apophysaire  an;  sind  die  Schmerzen  va- 
girend,  von  einem  Nervengebiet  aufs  andere  Überspringend,  rtickt 
auch  die  Dmckempfindlichkeit  von  einem  Wirbel  auf  den  anderen, 
dann  sprechen  wir  von  Spinalirritation.  Es  kann  diese  Unter- 
scheidung in  manchen  Fällen  ftlr  die  Therapie  von  Wichtigkeit  sein. 

Die  Schmerzen  in  Folge  von   chronischer  Intoxica- 


1)  Vgl.  darüber  dieses  Handbuch  Bd.  XI.  2.  S.  357  a.  ff. 


Neuralgie  im  AUgemeineii.    Diagnose.  63 

tion  mit  Alkohol  oder  Quecksilber  u.  dgl.  können  nicht  leicht  mit 
Neuralgie  verwechselt  werden:  ihr  mehr  continuirliches  Auftreten, 
ihre  Localisation  auf  meist  symmetrische  Stellen  an  den  Extremitäten, 
vorwiegend  in  der  Nähe  der  Grclenke,  müssen  vor  dieser  Verwechs« 
Imig  schützen.  —  Noch  leichter  sind  die  Dolores  osteocopi  bei 
Syphilis  durch  ihre  Localisation,  ihr  symmetrisches  Auftreten,  ihre 
nftehtliche  Exacerbation  u.  s.  w.  von  neuralgischen  Schmerzen  zu 
unterscheiden;  doch  ist  nicht  zu  vergessen,  dass  auch  die  Syphilis 
wirkliohe  Neuralgien  produciren  kann. 

Nach  Feststellung  der  Diagnose  „  Neuralgie  ^  handelt  es  sich  dann 
vor  Allem  um  die  genauere  Bestimmung  des  Sitzes  derselben, 
um  die  genauere  Bestimmung,  in  welcher  Höhe  der  peripherischen 
oder  centralen  Faserung  der  eigentliche  Krankheitsherd  sich  befinde ; 
ob  derselbe  längs  des  peripherischen  Verlaufs  der  Fasern,  oder  in 
den  hinteren  Wurzeln,  oder  im  Rückenmark,  oder  endlich  im  Gehirn 
zu  suchen  sei;  es  kann  endlich  auch  der  Fall  gedacht  werden,  dass 
die  neuralgische  Ernährungsstörung  sich  über  eine  grössere  Strecke 
der  sensiblen  Lieitungsbahn  verbreitet. 

Die  Bemühungen,  aus  den  vorhandenen  Erscheinungen  den  ana- 
tomischen Sitz  des  Krankheitsherdes  mit  einiger  Genauigkeit  zu  be- 
stimmen, sind  bisher  noch  nicht  von  dem  wünschenswerthen  Erfolg 
gekrönt.  Freilich  lässt  sich  in  Fällen,  wo  eine  localisirte  Krank- 
heitsursache nachweisbar  ist,  auch  der  Sitz  der  neuralgischen  Er- 
krankung unschwer  bestimmen :  so  bei  Schussverletzungen,  bei  Fremd- 
körpern, bei  nachweisbaren  Neuromen  oder  anderen  Tumoren,  bei 
Knochenleiden  u.  s.  w.  Anders  dagegen,  wo  solche  gröbere,  objectiv 
wahrnehmbare  Anhaltspunkte  nicht  vorhanden  sind:  hier  muss  man 
suchen,  aus  der  Art  und  Gruppirung  der  Symptome,  aus  der  An- 
wesenheit oder  dem  Fehlen  gewisser  Begleiterscheinungen,  aus  gleich- 
zeitigen Symptomen  centraler  Erkrankungen  u.  dgl.  genaueren  Auf- 
schlusB  über  den  Sitz  der  Krankheit  zu  erhalten.  Licider  sind  unsere 
bisherigen  Kenntnisse  nicht  hinreichend,  uns  diesen  Aufschluss  mit 
Sicherheit  zu  geben. 

Benedict  hat  versucht,  aus  dem  Charakter  und  der  Localisa- 
tion des  Schmerzes  den  Sitz  der  Neuralgie  zu  bestimmen;  er  gibt 
an,  dass  bei  eigentlich  peripheren  Neuralgien  der  Schmerz  einen 
mehr  continuirlichen  Charakter  (während  der  Paroxysmen)  habe,  dass 
er  an  bestimmte  Nervenbahnen  gebunden  und  nie  in  den  Knochen 
looalisirt  sei;  bei  centralen  (excentrischen)  Neuralgien  dagegen  sei 
der  Schmerz  vagirend,  nicht  an  den  Verlauf  eines  bestimmten  Nerven 
gebunden,  sei  mit  Vorliebe  in  den  Knochen  localisirt  und  habe  einen 


64  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

ausgesprochen  momentanen,  lancinirenden  Charakter;  endlich  könne 
man  noch  eine  dritte  Gruppe  unterscheiden,  bei  welcher  der  Schmerz 
den  peripheren  (continuirlichen,  fest  localisirten)  Charakter  darbiete, 
aber  in  den  Knochen  localisirt  sei:  das  deute  auf  den  Sitz  der 
Affection  innerhalb  der  Schädel-  oder  Rttckenmarkshöhle,  in  den 
Nervenwurzeln.  Für  die  Unterscheidung  der  peripheren  vond^i 
centralen  Neuralgien  mögen  diese  Angaben  im  Allgemeinen  Geltung 
haben,  wenn  sie  auch  wahrscheinlich  nicht  fUr  alle  Fälle  zutreffen; 
es  fehlt  aber  hierfür,  und  noch  mehr  ftlr  die  sichere  Charakteristik 
der  „Wurzelneuralgien",  an  beweisenden  Beobachtungen. 

Immer  ist  es  sicherer,  aus  einer  möglichst  umfassenden  Würdigung 
aller  übrigen  Thatsachen  das  nöthige  Material  zur  Beurtheilung  zu 
gewinnen.  Es  kann  dabei  vor  Allem  die  Verbreitung  des  , 
Schmerzes  über  einzelne  oder  mehrere  Aeste  eines  Nervenstanmies 
als  Hül&mittel  benutzt  werden,  wenn  auch  nur  mit  grosser  Reserve. 
Das  isolirte  Befallenwerden  eines  Nervenastes  (z.  B.  des  Ramus  in- 
framaxillaris  ohne  den  lingualis,  des  Peronaeus  ohne  den  Tibialis 
u.  s.  w.)  lässt  allerdings  den  Schluss  zu,  dass  der  Sitz  der  Affection 
nicht  im  gemeinsamen  Nervenstamm  zu  suchen  ist;  allein  es  bleibt 
dann  immer  noch  die  Möglichkeit  eines  isolirten  Befallenseins  der 
betreffenden  Fasern  im  Centralorgan.  Deshalb  haben  die  Schlüsse, 
welche  aus  der  excentrischen  Verbreitung  und  der  anatomischen 
Localisation  des  Schmerzes  auf  den  peripheren  oder  centralen  Sitz 
der  Neuralgie  gezogen  werden  sollen,  nur  eine  sehr  bedingte  Gültig- 
keit ;  dieselbe  wird  noch  ausserdem  beeinträchtigt  durch  die  mögliche 
Weiterverbreitung  der  Schmerzen  durch  Irradiation. 

Wichtiger  sind  in  dieser  Beziehung  die  mancherlei  Begleiter- 
scheinungen, welche  sich  bei  Neuralgien  finden.  Für  die  Erkennung 
des  peripheren  Sitzes  der  Neuralgie  sind  es  besonders  die  moto- 
rischen und  vasomotorischen  Begleiterscheinungen,  welche  jetzt  schon 
eine  gewisse  Bedeutung  für  die  Diagnose  haben  und  dieselbe  in  noch 
höherem  Maasse  gewinnen  werden,  wenn  einmal  unsere  Kenntnisse 
über  das  anatomische  und  physiologische  Verhalten  besonders  der 
vasomotorischen  Nerven  noch  etwas  vollständiger  sein  werden.  — 
An  und  ftlr  sich  spricht  schon  die  gleichzeitige  Anwesenheit  moto- 
rischer und  vasomotorischer  Störungen,  falls  dieselben  genau  auf  das 
Gebiet  des  neuralgisch  afficirten  Nerven  localisirt  sind,  fllr  den 
peripheren  Sitz  der  Neuralgie,  da  nur  im  peripheren  Nervenstamm 
die  drei  Faserarten  vereinigt  verlaufen.  Immerhin  aber  nöthigt  die 
Möglichkeit,  dass  diese  Störungen  auch  auf  reflectorischem  Wege 
entstehen  und  dass  dieselben  auch  vom  Centralorgan  aus  gleichzeitig 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Diagnose.  65 

erseii^  werden  können,  zu  grosser  Vorsicht ,  und  es  kann  in  dieser 
Beziehung  wohl  Folgendes  gesagt  werd^: 

Motorische  Beizerscheinungen  bei  Neuralgien  gemischter  NerTen 
sind  nur  dann  für  den  peripheren  Sitz  der  Affection  zu  yerwerthen, 
wenn  sie  genan  beschränkt  sind  auf  die  in  dem  afficirten  Nerven 
verlaufenden  motorischen  Fasern;  sonst  erlaubt  die  Möglichkeit  der 
refleotorischen  Entstehung  keinen  sicheren  Schluss.  Viel  sicherer 
sprechen  fllr  den  peripheren  Sitz  motorische  L^hmungsersch einungen 
in  dem  Gebiet  des  erkrankten  Nerven,  weil  dieselben  nicht  wohl 
dnrch  Beflex  entstehen  können;  es  muss  aber  dabei  ein  centraler 
Ursprung  derselben  mit  einiger  Sicherheit  ausgeschlossen  sein. 

Vasomotorische  Lähmungserscheinungen  sind  für  die  Beurtheilung 
sehr  unsicher,  da  sie  sowohl  direct  wie  reäectorisch  erzeugt  werden 
können;  und  es  darf  wohl  nur  ihr  gleichzeitiges  und  localisirtes  Vor- 
kommen mit  motorischer  Lähmung  ftlr  den  peripheren  Sitz  verwerthet 
werden.  Vasomotorische  Beizungserscheinungen  (Gefässkrampf)  sind 
besonders  dann  eher  ftir  den  peripheren  Sitz  entscheidend,  wenn  sie 
auf  den  dem  kranken  Nerven  entsprechenden  Hautbezirk  localisirt 
smd.  Hier  bildet  aber  unsere  Unkenntniss  des  eigentlichen  Verlaufs 
der  vasomotorischen  Fasern  innerhalb  der  peripheren  Nervenbahnen 
eine  erhebliche  Schwierigkeit.  Es  ist  nach  dem  Gesagten  klar,  dass 
die  genannten  Erscheinungen  eine  vollkommen  sichere  Localisation 
der  Neuralgie  zur  Zeit  noch  nicht  gestatten ;  doch  muss  eine  Vervoll- 
kommnung unserer  Kenntnisse  in  dieser  Bichtung  entschieden  ange- 
strebt werden. 

Für  die  Neuralgien  mit  centralem  Sitze  des  Krankheitsherdes 
sind  es  natürlich  besonders  die  begleitenden  Erscheinungen,  welche 
auf  Ergriffensein  des  Bttckenmarks  oder  Gehirns  deuten,  die  zm* 
Diagnose  verhelfen  müssen.  Diese  Erscheinungen  können  hier  natür- 
lich nicht  ausfuhrt  werden.  So  viel  ist  sicher,  dass  ihre  Ermit- 
telung grosse  AufDQerksamkeit  und  Sachkenntniss  erfordert  und  dass 
dieselbe  häufig  nicht  gelingt,  weil  eben  neuralgische  Beschwerden  in 
vielen  Fällen  gerade  die  ersten  Vorläufer  der  centralen  Erkrankung 
bilden,  z.  B.  bei  Tabes  dorsalis.  In  solchen  Fällen  ist  man  einzig 
auf  den  Charakter  und  die  Localisation  der  Schmerzen  angewiesen. 

Sehr  wichtig  ist  endlich  nach  Feststellung  des  Sitzes  der  Krank- 
heit der  Nachweis  der  eigentlichen  nächsten  Ursache  derselben, 
ob  impalpable  Nutritionsstörung ,  ob  Neuritis,  ob  Gompression  von 
aussen  durch  Periostitis,  Geschwülste  u.  dgl.,  ob  und  welche  cen- 
trale Erkrankungsform  u.  s.  w.  —  Der  Versuch,  welchen  Benedict 
zuerst  gemadit  hat,  aus  den  Symptomen,  dem  Charakter  des  Schmerzes, 

Handbacta  d.  spec.  Pfttbologie  n.  Therapie.  XII.  Bd.  t.  2.  Anfl.  5 


66  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

dem  Fehlen  oder  Vorhandensein  der  Points  donlourenz,  der  Empfind- 
lichkeit gegen  Elektrieität,  der  Heilbarkeit  die  einzelnen  Formen  der 
Neuralgie  (sog.  idiopathische ,  neuritische,  durch  Druck  von  aussen 
entstandene)  von  einander  zu  trennen^  ist  von  ihm  selbst  zum  Theil 
wieder  aufgegeben  worden.  Es  ist  in  der  That  unmöglich,  aus  der 
Qualität  und  Gruppirung  der  Symptome  allein  eine  solche  Diagnose 
mit  Sicherheit  zu  machen.  Hier  kann  nur  eine  umfassende  Berück- 
sichtigung aller  Momente:  der  Ursachen,  der  objectiven  Unter- 
suchungsergebnisse, der  einzelnen  Symptome,  der  Begleiterscheinungen, 
ihrer  Aufeinanderfolge  und  Dauer,  des  Verlaufes  im  Ganzen  u.  s.  w. 
die  nöthigen  Anhaltspunkte  ftlr  irgend  eine  bestimmtere  Annahme 
liefern.  Jeder  erfahrene  Arzt  wird  zugeben,  dass  in  manchen  Fällen 
die  Diagnose  oft  Monate  und  Jahre  lang  im  Dunkeln  bleibt  und  erst 
durch  die  Section  enthüllt  wird.  Nicht  unerwähnt  mag  hier  bleiben, 
dass  nach  allen  bisherigen  Erfahrungen  die  Anwesenheit  des  Herpes 
zoster  mit  einiger  Sicherheit  auf  den  neuritischen  Ursprung  der 
Neuralgie  schliessen  lässt.  Genaueres  iUr  die  Charakteristik  der 
einzelnen  Foripen  der  Neuralgie  hier  anzuführen,  ist  überflüssig. 

Prognose. 

Sie  bietet  in  vielen  Fällen  nicht  geringe  Schwierigkeiten,  da  die 
Beurtheilung  der  Heilbarkeit  und  Dauer  der  Neuralgie  häufig  auf 
sehr  unsicheren  Grundlagen  beruht. 

Im  Allgemeinen  ist  die  Prognose  der  Neuralgien  gar  nicht  un- 
günstig; weitaus  die  Mehrzahl  der  Fälle  wird  geheilt;  und  wenn 
auch  die  günstigen  Angaben  von  Valleix  (139  Heilungen  auf  182 
Fälle)  vielleicht  nicht  ganz  der  Wirklichkeit  entsprechen,  so  kann 
ich  doch  auch  nach  meinen  Beobachtungen  annehmen,  dass  ungefähr 
zwei  Drittel  aller  Fälle  nach  längerer  oder  kürzerer  Zeit  geheUt 
werden  (natürlich  ohne  Garantie  gegen  Recidive).  Immerhin  bleibt 
eine  Reihe  von  Fällen,  in  welchen  ein  schwererer  und  mehr  chroni- 
scher Verlauf,  und  von  anderen,  in  welchen  Unheilbarkeit  zu  erwarten 
ist.  Es  ist  zu  zeigen,  dass  man  diese  Fälle  erkennen  kann  und 
auf  welche  Momente  das  prognostische  Urtheil  sich  hauptsächlich  zu 
stützen  hat. 

Hier  kommt  vor  allen  Dingen  die  Ursache  der  Krankheit  in 
Betracht:  alle  Neuralgien,  welche  auf  schweren,  organischen  Verän- 
derungen (Knochenleiden,  Carcinome  und  andere  Geschwülste,  unzu- 
gängliche Narben  u.  dgl.)  beruhen,  bieten  eine  sehr  ungünstige  Pro- 
gnose; sie  sind  in  der  Regel  unheilbar.  In  geringerem  Grade  gilt 
dies  von  den  durch  organische  Centralleiden  bedingten  Neuralgien; 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Prognose.  67 

hier  gelingt  es  manchmal,  die  Neuralgie  zu  tilgen ,  auch  wo  man 
dem  Grandleiden  nicht  Einhalt  gebieten  kann.  Ungünstig  wird  die 
Prognose  bei  ausgesprochenen  senilen  and  anderen  Oewebsdegene- 
rationen,  femer  bei  aasgesprochener  hereditärer  neuropathischer  Dis- 
position. Günstiger  za  beartheilen  sind  die  darch  Anämie ,  durch 
rheumatische  Einflüsse,  durch  Traumen  hervorgerufenen  Neuralgien; 
Terhältnissmässig  sehr  günstig  ist  die  Prognose  der  syphilitischen 
und  am  allergünstigsten  die  der  Malarianeuralgien. 

In  Bezug  auf  den  Sitz  der  Krankheit  läjsst  sich  im  Allgemeinen 
sagen ;  dass  periphere  Neuralgien  günstiger  sind,  als  centrale,  was 
ohne  Zweifel  zusammenhängt  mit  der  an  und  für  sich  schlimmeren 
Prognose  der  betreffenden  Centralleiden. 

Einigen  Unterschied  in  der  Prognose  bieten  die  verschie- 
denen befallenen  Nervengebiete:  Brachialneuralgien  sind 
im  Allgemeinen  leichter  heilbar,  als  Ischias  und  diese  leichter  als 
Trigeminusneuralgie.  Doch  hat  das  für  den  Einzelfall  so  gut  wie 
gar  keine  Bedeutung  und  dieser  muss  hauptsächlich  nach  anderen 
Kriterien  beurtheilt  werden. 

Von  besonderem  Gewicht  ist  in  vielen  Fällen  das  Alter  der 
Kranken  und  es  lässt  sich  im  Allgemeinen  sagen,  dass  zunehmendes 
Alter  die  Prognose  verschlimmert.  Im  Einzelnen  ist  zu  erwähnen, 
dass  die  im  jugendlichen  Alter,  besonders  um  die  Pubertätszeit  ent- 
stehenden Neuralgien  meist  heilbar  sind;  dass  dagegen  die  in  den 
Zeilen  des  körperlichen  Verfalls  entstehenden  Neuralgien  eine  sehr 
schlechte  Prognose  gewähren,  es  ist  deshalb  von  Bedeutung  fttr  die 
Prognose,  dass  man  auf  die  Zeichen  der  Senescenz,  das  beginnende 
Atherom  der  Arterien,  den  Arcus  senilis  u.  dgl.  seine  Aufmerksam- 
keit richte.  Die  zur  Zeit  des  Klimakteriums  entstehenden  Neural- 
gien werden  in  ihrer  Prognose  hauptsächlich  von  dem  allgemeinen 
Ernährungszustand  bestimmt. 

Das  Geschlecht  bedingt  einen  gewissen  Unterschied,  indem 
die  Prognose  bei  Männern  im  Allgemeinen  günstiger  ist  als  bei 
Frauen. 

Mit  zunehmender  Heftigkeit  und  Häufigkeit  der  Anfälle, 
ebenso  wie  mit  zunehmender  Dauer  der  ganzen  Krankheit  wird  die 
Prognose  ungünstiger. 

Das  Hinzutreten  gewisser  complicirender  Erscheinungen: 
ausgesprochener  Anästhesie,  Paralyse,  Atrophie  u.  s.  w.  verschlimmert 
ebenfalls  die  Prognose.  Endlich  muss  auch  noch  der  Eriolg  oder 
Misserfolg  gewisser  Behandlungsmethoden,  die  Möglichkeit  energischer 
Einwirkungen,  der  Gesammtemährungszustand  u.  s.  w.  bei  der  Pro- 

6* 


68  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebroBpinalen  Nerven. 

gnose  berücksichtigt  werden;  denn  nur  eine  ZusammenfasBung  und 
richtige  Würdigung  aller  einzelnen  Momente  kann  hier  vor  Irrthümem 
schützen. 

Quoad  yitam  ist  die  Prognose  fast  absolut  günstig ,  da  nur  in 
Ausnahmefällen  der  Tod  durch  die  Neuralgie  herbeigeftlhrt  wutl. 
Auch  in  Bezug  auf  die  Beseitigung  des  quälendsten  Symptoms,  des 
Schmerzes  kann  die  Prognose  immer  einigermassen  günstig  gestellt 
werden,  da  es  uns  mit  unseren  jetzigen  Palliatiynütteln  meist  möglich 
sein  wird,  die  Leiden  der  Ejranken  auf  ein  geringes  Maass  zu  redn- 
ciren  und  sie  dadurch  erträglich  zu  machen. 

Therapie. 

Die  Behandlung  der  Neuralgien  gehört  zu  den  am  meisten  be- 
gehrten und  auch  im  Ganzen  nicht  am  wenigsten  lohnenden  Beschäf- 
tigungen des  Arztes.  Die  hohe  Schmerzhaftigkeit  des  Lieidens  lässt 
dem  Kranken  rasche  ärztliche  Hülfe  in  hohem  Grade  wttnschens- 
wertl\  erscheinen  und  der  Arzt  ist  auch  meist  im  Stande,  rasch  die 
gewünschte  Erleichterung  zu  verschaffen,  wenn  auch  die  definitife 
Heilung  nicht  immer  leicht  gelingt.  Jedenfalls  soll  der  Arzt  den 
antineuralgischen  Heilapparat,  der  allerdings  in  neuerer  Zeit  stark 
reducirt  worden  ist,  genau  kennen  und  vollständig  beherrschen.  Es 
soll  deshalb  hier  eine  ausführliche  Darlegung  der  Therapie  der  Neur- 
algien gegeben  werden ,  auf  welche  wir  uns  bei  der  Besprechung 
der  einzelnen  Neuralgien  beziehen  werden,  um  Wiederholungen  zu 
vermeiden. 

Eine  streng  methodische  Darstellung,  geordnet  nach  den  einzelnen 
Indicationen,  wie  sie  heutzutage  gewöhnlich  beliebt  wird,  bietet  ge- 
wisse Schwierigkeiten :  einmal  deshalb,  weil  manche  Mittel  mehreren 
Indicationen  genügen,  also  an  mehreren  Stellen  zu  erwähnen  sind; 
dann  deshalb,  weil  wir  es  hier  mit  einer  symptomatischen  Krank- 
heitsform zu  thun  haben  und  also  die  Indicatio  morbi  mit  der  Indi- 
catio  symptomatica  zusammenfällt.  Die  anatomischen  Veränderungen 
deren  Beseitigung  sonst  Gegenstand  der  Indicatio  morbi  bildet,  müssen 
hier  unter  der  Indicatio  causalis  abgehandelt  werden.  Wenn  wir 
deshalb  im  Folgenden  die  übliche  Eintheilung  beibehalten,  so  ge- 
schieht dies  nur  der  Uebersichtlichkeit  wegen  und  wir  sind  uns  da- 
bei bewusst,  dass  gegen  dieselbe  mancherlei  einzuwenden  ist 

a.  Prophylaxis.  Dieselbe  ist  durchaus  nicht  ohne  Bedeutung 
fllr  die  Verhütung  von  Neuralgien.  Sie  kann  zunächst  Anwendung 
finden  auf  solche  Individuen,  bei  welchen  eine  Disposition 
zu  Neuralgien  anzunehmen  ist.    Es  handelt  sich  hier  beson- 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Prophylaxis.  69 

ders  um  die  Glieder  neuropathisch  belasteter  Familien  and  besonders 
fttr  die  heranwachsende  Generation  in  solchen  Familien  kann  der 
Hausarzt  durch  frühzeitige  Aufmerksamkeit  auf  die  Sache  Vieles 
leisten. 

Vor  allen  Dingen  ist  auf  eine  gute  Ernährung  zu  sehen:  reich- 
liche Verabreichung  kräftiger,  nährender  Speisen  (Fleisch,  Brod, 
Eier,  besonders  Milch,  Frttchte)  in  geeigneten  Fällen  in  Verbindung 
mit  Leberthran  ist  absolut  nothwendig  und  man  braucht  sich  vor  den 
yermeintlichen  Folgen  einer  allzu  üppigen,  „  erhitzenden "  Ernährungs- 
weise durchaus  nicht  zu  fürchten.  —  Regelmässige  und  systematische 
Huskelbewegung  (Turnen,  Spazierengehen,  Fechten,  Schwinunen, 
Zimmergynmastik)  ist  ein  wesentliches  Correlat  der  kräftigen  Er- 
nährung und  trägt  sehr  erheblich  zur  Kräftigung  des  Nervensystems 
bei.  Doch  ist  dabei  ein  hinreichender  Wechsel  zwischen  Ruhe  und 
Thätigkeit  wohl  ins  Auge  zu  fassen.  —  Ganz  besonders  wichtig  ist 
ausreichender  Schlaf,  gerade  während  der  Wachsthums-  und  Ent- 
wickelungsperiode ;  Anstie  bezeichnet  täglich  volle  10  Stunden  als 
ein  durchaus  nicht  zu  hohes  Maass!  —  Viel  Genuss  frischer  Luft 
und  Vermeidung  langen  Aufenthaltes  in  verdorbener  Luft,  in  Schul- 
räumen; Vermeidung  von  Stimulantien  aller  Art,  Spirituosen,  Kaffee, 
Thee.  Unterstützung  aller  dieser  diätetischen  Maassregeln  durch 
kalte  Waschungen,  Bäder,  besonders  Fluss-  und  Seebäder.  Von  be- 
sonderer Wichtigkeit  ist  hier  die  Zurückhaltung  des  Geschlechts- 
triebes, was  durch  Ueberwachung  des  Umganges,  der  Leetüre,  der 
Beschäftigung  einigermassen  geschehen  kann ;  Onanie  oder  frühzeitige 
sexuelle  Excesse  sollen  um  jeden  Preis  verhütet  werden,  so  schwierig 
das  auch  in  vielen  Fällen  sein  mag.  Endlich  muss  in  der  ganzen 
Leitung  der  Erziehung  auf  die  Kräftigung  des  ganzen  Menschen  in 
physischer  und  psychischer  Beziehung  besonderes  Augenmerk  ge- 
richtet werden:  keine  übermässige  Belastung  des  Geistes  mit  Nich- 
tigkeiten, sondern  ernste  systematische  und  doch  anregende  Beschäf- 
tigung! Keine  Förderung  der  Eitelkeit  und  des  Ehrgeizes,  keine 
starke  Gemüthserregung  auf  religiösem  Gebiet,  keine  frivole  oder 
gehaltlose  Leetüre,  kein  Besuch  von  schlechten,  oberflächlichen  Schau- 
spielen —  wohl  aber  ernste  Beschäftigung  mit  Poesie,  Musik,  Kunst ! 
Dem  denkenden  Arzt  mögen  diese  Andeutungen  genügen.  (Vgl.  die 
trefflichen  Bemerkungen  von  Anstie  über  diesen  hochwichtigen 
Gegenstand  1.  c.  p.  212  ff.)  Er  wird  in  vielen  Familien  einen  empfäng- 
lichen Boden  für  derartige  Maassregeln  finden,  darf  aber  nur  von 
einer  sehr  consequenten  Durchführung  derselben  erheblichen  Erfolg 
erwarten. 


j 


70  Ebb,  Elraukheiten  der  periphercn-cerebrospinalen  Nerven. 

In  zweiter  Linie  kann  die  Prophylaxe  nothwendig  werden  bei 
Leuten,  die  schon  einmal  an  Neuralgie  gelitten  haben 
und  die  sich  vor  Recidiven  schützen  wollen.  Hier  müssen  vor  allen 
Dingen  die  bekannten  Schädlichkeiten  vermieden  werden:  die  Indi- 
viduen haben  sich  vor  Erkältung,  vor  schlechter  Ernährung  und  be- 
sonders vor  geistigen  oder  körperlichen  Ueberanstrengungen  zu  hüten 
und  dies  besonders  zu  Zeiten,  welche  ohnehin  der  Entstehung  von 
Neuralgien  günstig  sind  (Pubertät,  Klimakterium  etc.).  Leute,  welche 
sehr  angestrengt  beschäftigt  sind,  sollen  sich  von  Zeit  zu  Zeit  Er- 
holung gönnen,  jeden  Sommer  ihre  Luftcur  an  einem  passenden 
Orte  gebrauchen.  Fast  in  allen  Fällen  wird  es  von  Nutzen  sein, 
solche  Leute  durch  eine  vorsichtige,  systematische  Abhärtungscur 
allmälig  gegen  äussere  Schädlichkeiten  resistenter  zu  machen;  es 
muss  dem  Ermessen  des  Arztes  in  jedem  Einzelfalle  überlassen 
bleiben,  welche  Stufenfolge  der  Körperbewegungen,  Bäder,  kalten 
Waschungen  u.  s.  w.  jeweils  die  zweckmässigste  ist. 

Endlich  kann  aber  auch  die  Prophylaxe  während  des  Bestehens 
einer  Neuralgie  dazu  dienen,  die  Paroxysmen  zu  verhüten. 
Die  zweckmässigsten  Maassregeln  dazu  sind :  möglichst  absolute  Ruhe 
des  kranken  Theiles  (kein  Kauen  oder  Sprechen  bei  Gesichtsschmerz, 
kein  Gehen  bei  Ischias!);  Vermeidung  von  äusserer  Kälte  und  Nässe, 
von  Luftzug,  ebenso  aber  auch  von  Sonnenhitze  oder  grellem  Licht 
(bei  Gesichtsneuralgien);  Vermeidung  von  Gemüthsbewegungen,  Ver- 
dauungsstörungen und  allen  etwaigen  Schädlichkeiten,  welche  die 
Erfahrung  als  Veranlassungen  der  Paroxysmen  in  dem  einzelnen  Fall 
kennen  gelehrt  hat. 

b.  Indicatio  causalis.  Auf  sie  muss  ganz  besondere  Rück- 
sicht genommen  werden,  weil  ihre  Erftlllung  in  vielen  Fällen  die 
Grundbedingung  der  Heilung  ist.  Es  fallen  unter  diese  Kategorie 
auch  die  gröberen  anatomischen  Läsionen,  welche  die  nächsten 
Ursachen  des  Symptoms  „Schmerz"  darstellen,  in  welchen  wir  bei 
unseren  jetzigen  Kenntnissen  ja  die  Hauptsache  bei  der  Neuralgie 
erblicken  müssen. 

Die  einfachsten  Verhältnisse  bieten  anscheinend  Traumen  und 
Fremdkörper  als  Ursachen  der  Neuralgien;  doch  sind  wir  auch 
hier  in  vielen  Fällen  ohnmächtig  in  unsem  Bestrebungen;  wo  die 
Lage  der  Theile  es  gestattet,  sind  chirurgische  Eingriffe  zu  machen 
und  häufig  auch  von  glänzendem  Erfolg  begleitet:  so  die  Excision 
oder  Correctur  von  Narben,  Entfernung  von  Fremdkörpern,  Resection 
und  Wiedervereinigung  gequetschter  oder  zerrissener  Nerven  u.  s.  w. 
Dieselbe  Aufgabe  bietet  sich  bei  mechanischen  Ursachen  der 


Neuralgie  im  AlTjcemeinen.    Therapie.    Causalbehandlung.  71 

Neuralgie  (Druck  von  Geschwülsten,  Compression  durch  Periostitis, 
Hyperostosen,  gewucherten  Callus,  verhärtete  Fäcalmassen  u.  s.  w.). 
Wo  es  möglich  ist,  mässen  diese  drückenden  Körper  auf  chirurgischem 
oder  anderem  Wege  entfernt  werden  und  das  hat  gewöhnlich  glän- 
zenden Erfolg;  so  besonders  bei  Neuromen  und  Tubercula  dolorosa. 
Ist  eine  chirurgische  Behandlung  nicht  möglich,  so  muss  man  suchen 
durch  die  anderen  bekannten  Mittel  (erweichende,  resorbirende  Mittel, 
Antiphlogistiea,  Bäder,  Ableitungen  u.  dgl.  je  nach  dem  einzelnen 
Fall)  die  drückenden  Gewebe  zu  verkleinern  und  zum  Schwinden 
zu  bringen;  wie  wenig  Erfolg  das  aber  in  den  meisten  Fällen  hat, 
lehrt  die  Erfahrung. 

Sind  Hyperämien  oder  Stasen  in  der  Umgebung  des 
Nerven  die  Ursache  von  Neuralgien,  so  sind  die  dagegen  gerichteten 
Mittel  (Blutentziehungen,  geeignete  Lagerung,  Ableitung  auf  den 
Darm  u.  s.  w.)  gewöhnlich  erfolgreich;  dafür  bietet  die  durch 
hämorrhoidale  Stasen  unterhaltene  Ischias  nicht  selten  schlagende 
Belege. 

Die  organischen  Leiden  der  Centralorgane,  welche 
von  Neuralgien  begleitet  sind  (Gehirntumoren,  Gehirnabscess,  Menin- 
gitis, Tabes,  Myelitis  u.  s.  w.)  müssen  nach  den  bei  diesen  Krank- 
heiten üblichen  Methoden  behandelt  werden,  die  an  den  betreffenden 
Stellen  dieses  Werkes  nachzusehen  sind. 

Liegt  nachweisbare  Neuritis  (s.  diese)  zu  Grunde,  so  ist  Anti- 
phlogose  angezeigt :  Blutentziehungen,  Kälte,  Ableitung  auf  Haut  und 
Darm,  später  resolvirende  Mittel,  Galvanismus. 

Bei  rheumatischen  Ursachen  sieht  man  häufig  raschen 
Erfolg  von  energischer  und  frühzeitiger  Diaphorese,  am  besten  durch 
Dampfbäder,  verbunden  mit  örtlicher  Antiphlogose  und  Ableitung 
auf  die  Haut  (Sinapismen,  Vesicantien);  von  älteren  Aerzten  (Eisen - 
mann)  wird  hier  besonders  Colchicum  in  Verbindung  mit  etwas 
Opium  gerühmt;  in  veralteten  rheumatischen  Fällen  thun  besonders 
die  indifferenten  Thermen  (Wildbad,  Teplitz,  Gastein  —  auch  Baden- 
Baden  und  Wiesbaden)  gute  Dienste;  femer  Kaltwassercuren  und 
besonders  die  Elektricität.  Einen  gewissen  Nutzen  gewährt  häufig 
auch  das  Ueberwintern  in  einem  milden  Klima  und  der  Gebrauch 
des  Jodkalium. 

Von  grosser  Wichtigkeit  ist  die  energische  Bekämpfung  der 
neuropathischen  Disposition,  die  so  häufig  den  Neuralgien 
zu  Grunde  liegt.  Es  geschieht  diese  nach  allgemein  therapeutischen 
Grundsätzen;  eine  detaillirte  Schilderung  würde  hier  viel  zu  weit 
führen.     Es  mag  kurz  darauf  hingevriesen  werden,   dass  die  sog. 


72  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

„  nerTenstärkende  Methode "  im  weitesten  Umfang  in  Anwendnng  ge- 
bracht werden  muss;  besondere  Beachtung  verdient  die  Regolirang 
der  Diät  nnd  Lebensweise,  Soi^e  für  hinreichenden  Schlaf,  fleissige 
Bewegung  in  freier  Luft ,  Anwendung  Ton  kalten  Waschungen  und 
Bädern,  Seebädern,  Aufenthalt  in  Gebirgsluft;  alles  dies  untersttttzt 
von  im  Einzelfalle  angezeigten  Medicamenten  (Chinin,  Eisen,  Nerrims^ 
Phosphor,  Strychnin  u.  a.)  eventuell  auch  Mineralwassercuren.  Nur 
strenges  Individualisiren ,  sorgfältige  Auswahl  der  Cunnethoden  und 
grosse  Ausdauer  im  Gebrauch  derselben  können  hier  erfolgreich  sein. 
Da  notorisch  eine  sehr  grosse  Zahl  von  Neuralgien  auf  Grundlage 
einer  nervösen  Disposition  entsteht,  hat  der  Arzt  allen  Grund,  sich 
mit  den  Details  und  den  Htllfemitteln  der  nervenstärkenden  Methode 
aufs  Genaueste  bekannt  zu  machen.  —  Sind  deutliche  hysterische 
Grundlagen  vorhanden,  so  mögen  nebenbei  noch  die  Antihysterica 
ihre  Stelle  finden. 

Aehnliche  Wichtigkeit  besitzt  die  Anämie  in  ihren  mannich- 
fachen  Formen  als  Grundlage  von  Neuralgien  und  die  Eisenpräparate 
verdanken  ihren  grossen  antineuralgischen  Ruf  gewiss  nur  dem  Um- 
stand, dass  gar  so  viele  Neuralgien  in  Folge  von  Anämie  entstehen. 
Auch  hier  können  Details  nicht  gegeben  werden :  die  mannichfachsten 
Modificationen  in  der  bekannten  Behandlung  von  Anämie  und  Chlorose 
können  hier  nothwendig  werden;  natürlich  spielen  neben  reichlicher 
Ernährung  die  Eisenpräparate  hier  eine  Hauptrolle ;  wo  sie  im  Stich 
lassen,  kann  Arsenik  mit  Nutzen  gegeben  werden;  Anstie  empfiehlt 
als  besonders  wirksam  bei  anämischen  Neuralgien  junger  Frauen  eine 
Verbindung  von  Liqu.  ferr.  sesquichlorat.  (10—15  Tropfen)  mit  Strychn. 
(0,0015)  mehrmals  täglich. 

Bei  dyskrasischen  und  kachektischen  Zuständen  (als 
z.  B.  Scrophulose,  Tuberculose,  Gicht  u.  s.  w.)  finden  die  bei  diesen 
Krankheiten  als  wirksam  befundenen  diätetischen  und  pharmaceutischen 
Maassnahmen  ihre  Stelle.  —  Wird  Syphilis  als  Ursache  einer  Neur- 
algie angenommen,  so  sind  je  nach  dem  Stadium  der  Krankheit  die 
Quecksilberpräparate  und  das  Jodkalium  angezeigt  und  meist  sehr 
wirksam.  —  Bei  nachweisbaren  Intoxicationen  (Alkohol,  Queck- 
silber, Blei  etc.)  versäume  man  nicht,  die  gegen  dieselben  wirksamen 
Curmethoden  energisch  zur  Anwendung  zu  bringen. 

Von  dem  glänzendsten  Erfolge  ist  endlich  die  causale  Behand- 
lung bei  den  Malarianeuralgien.  In  solchen  Fällen  typischer 
Neuralgien,  die  auf  wirklicher  Malariainfection  beruhen,  beseitigen 
einige  tüchtige  Gaben  Chinin  das  Uebel  fast  immer  in  zauberhafter 


Neuralgie  im  ADgemeinen.    Therapie.    Diät.  73 

Weise;  und  nar  in  seltenen  Fällen  hat  man  nöthig,  zum  Arsenik  zu 
greifen,  wenn  Chinin  im  Stich  lässt. 

Indicatio  morbi  und  symptomatica.  Wir  handeln  die- 
selben zusammen  ab,  da  die  meisten  hier  zu  besprechenden  Heil- 
mittel nach  beiden  Richtungen  hin  wirken,  während  wir  zur  Zeit 
noch  gänzlich  ausser  Stande  sind,  über  das  eigentliche  Wesen  der 
Krankheit  etwas  Bestimmtes  auszusagen  und  dieselbe  noch  als  eine 
symptomatische  Krankheitsform  auffassen  müssen,  bei  welcher  die 
BdLämpAing  des  Hauptsymptoms  mit  der  Bekämpfang  der  Krankheit 
selbst  zusammenfällt. 

Wir  begegnen  hier  einer  ganz  colossalen  Menge  von  Mitteln, 
welche  als  Antineuralgioa  sich  eines  gewissen  Rufes  erfreut  haben 
und  zum  Theil  noch  erfreuen.  Es  war  eine  kritische  Sichtung  in 
diesem  seit  alten  Zeiten  aufgehäuften  Material  nöthig;  und  sie  ist 
auch  in  den  letzten  Decennien  reichlich  gettbt  worden.  Die  neuere 
Zeit  hat  die  Zahl  der  gegen  Neuralgie  gebrauchten  Mittel  auf  wenige 
Gruppen  reducirt;  die  übrigen  hat  man  entbehren  gelernt  und  nur 
in  verzweifelten  Fällen  greift  man  noch  auf  sie  zurück,  um  hie  und 
da  zu  erfahren,  dass  sie  doch  manchmal  auch  etwas  nützen. 

Es  mag  hier  zunächst  gestattet  sein,  einige  Bemerkungen  über 
die  Diät  und  Lebensweise  der  an  Neuralgie  Leidenden  zu 
machen ;  ihre  sorgfältige  Regulirung  muss  in  allen  Fällen  einen  inte- 
grirenden  Theil  der  Behandlung  bilden  und  erftlllt  nicht  selten  mehrere 
Indicationen.  Die  hier  anzuftlhrenden  Vorschriften  beziehen  sich  natür- 
lich vorwiegend  auf  die  schwereren  Fälle. 

Die  Kranken  sollen  vor  allen  Dingen  geistige  und  körperliche 
Ruhe  bewahren,  müssen  sich  von  allen  anstrengenden  Arbeiten  fem 
halten,  alle  öemüthsbewegungen  vermeiden ;  wenn  möglich,  ist  völliges 
Zurückziehen  von  den  Geschäften  für  einige  Zeit  durchzufllhren.  — 
Demnächst  steht  im  Vordergrund  die  Soi^e  für  ausreichende  Erholung 
und  besonders  ftir  reichlichen  Schlaf;  wenn  nöthig,  muss  derselbe 
durch  Medicamente  erzielt  werden  (am  besten  Ghloral,  sehr  zweck- 
mässig in  Verbindung  mit  etwas  Morphium).  —  Sehr  zu  empfehlen 
ist  grosse  Regelmässigkeit  des  Lebens,  richtige  Abwechslung  von 
Arbeit  und  Erholung,  regelmässige  Mahlzeiten  mit  etwas  Ruhe  dar- 
nach. Massige  Bewegung  in  ireier  Luft  an  schönen  Tagen,  oder  bei 
schwächlichen  Personen  auch  nur  Aufenthalt  in  der  Luft,  ist  sehr 
ntttEÜcb.  —  Die  Nahrung  muss  (immer  mit  Berücksichtigung  indivi- 
dueller Verhältnisse)  eine  sehr  reichliche,  roborirende  sein,  besonders 
bei  sehr  jungen  und  bei  älteren  Individuen.  Anstie  kann  eine  sehr 
reichliche,  das  Maass  des  ftir  Gesunde  Nothwendigen  sogar  überstei- 


74  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

gende  EmähruDg  nicht  genug  rühmen;  dieselbe  soll  Überhaupt  bei 
allen  chronischen  Neurosen  von  evidentem  Nutzen  sein.  Hervor- 
ragend wichtig  ist  dabei  ohne  Zweifel  eine  reichliche  Zufuhr  von 
Fett  mit  der  Nahrung;  neben  reichlicher  Zufuhr  von  Fleisch,  Milch, 
Eiern,  Brod  etc.  wird  deshalb  besonders  der  fortgesetzte  Gebrauch 
grosser  Dosen  von  Leberthran  empfohlen;  wird  derselbe  nicht  er- 
tragen, so  kann  man  versuchen,  ihn  einiger massen  zu  ersetzen  durch 
reichlichen  Genuss  von  Rahm,  Butter,  Olivenöl,  Cocosnussöl  oder 
dergleichen.  Leider  haben  Neuralgische  oft  schlechten  Appetit  und 
Aversion  gegen  gewisse  Nahrungsmittel  und  ihr  Magen  ist  nicht  im 
Stande,  den  an  ihn  gestellten  gesteigerten  Anforderungen  zu  geniigen ; 
bei  einiger  Ausdauer  und  Geschicklichkeit  und  bei  gutem  Willen  der 
Patienten  wird  man  es  aber  doch  in  vielen  Fällen  zu  der  gesteigerten 
Nahrungsaufnahme  bringen.  —  Der  Genuss  von  Spirituosen  ist  nur 
erlaubt,  insofern  dieselben  als  Nahrungsmittel  mit  den  Mahlzeiten 
genossen  werden  und  in  dieser  Weise  ist  der  Genuss  eines  guten 
Weines  oder  kräftigen  Bieres  wohl  zu  gestatten ;  dagegen  haben  sich 
die  Kranken  zu  hüten  vor  reichlichem  Genuss  von  Spirituosen;  be- 
sonders dürfen  dieselben  nicht  in  narkotisirenden  Dosen  genossen 
werden. 

Gleichmässige  Temperatur  wird  von  den  Kranken  immer  wohl- 
thätig  empfunden  werden ;  auch  ist  durch  die  Kleidung  Schutz  gegen 
rasche  J^bkühlung  und  Erkältung  zu  gewähren;  dabei  darf  dieselbe 
nicht  allzu  warm  sein,  es  muss  im  Gegen theil  eine  gewisse  Abhär- 
tung angestrebt  werden  durch  kalte  Waschungen,  Abreibungen,  Bäder 
(natürlich  anfangs  mit  temperirtem,  allmälig  kälterem  Wasser). 
Ueberhaupt  ist  der  Gebrauch  der  Bäder  als  diätetisches  Mittel  nicht 
zu  vernachlässigen;  Anstie  empfiehlt  auch  die  türkischen  (heissen 
Luft-)  Bäder  mit  nachfolgender  Rückendouche  als  zweckmässiges  Ab- 
härtungsmittel. —  Endlich  müssen  die  Kranken  die  oben  erwähnten 
prophylaktischen  Maassregeln  gegen  das  Auftreten  der  Anfälle  be- 
folgen. 

Je  nach  individuellen  Verhältnissen,  Allgemeinbefinden,  Habitus, 
Lebensgewohnheiten,  Krankheitsursachen  u.  s.  w.  müssen  in  den  hier 
aufgezählten  Maassregeln  Erweiterungen  und  Modificationen  eintreten, 
die  aufzuzählen  hier  nicht  der  Ort  ist. 

Die  eigentlichen  Heilmittel  der  Neuralgie  verfolgen  alle 
den  Zweck,  die  hypothetisch  angenommene  krankhafte  Ernährungs- 
störung des  Nerven  zum  Ausgleich  zu  bringen  und  dadurch  die 
Schmerzanfälle,  das  Hauptsymptom  der  Neuralgie,  zu  beseitigen. 
Wie  dies  durch  die  bierhergehörigen  Mittel  zu  Wege  gebracht  wird, 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Elektricität.  75 

darüber  können  wir  jetzt  noch  keine  annehmbare  Meinung  aus- 
sprechen, weil  uns  das  Wesen  des  krankhaften  Ernährungsvorgangs, 
weil  uns  die  feinere  Art  und  Weise,  wie  der  neuralgische  Schmerz 
entsteht,  noch  unbekannt  sind.  Die  theoretischen  Vorstellungen, 
welche  man  sich  gewöhnlich  von  dieser  Wirkungsweise  macht  (Be- 
seitigung anatomischer  Veränderungen  und  Circulationsstörungen,  Ent- 
fernung Ton  abnorm  starken  Reizen,  Verminderung  der  krankhaften 
Erregbarkeit  des  Nerven  u.  s.  w.),  haben  gewiss  ihre  Berechtigung, 
aber  doch  noch  zu  wenig  sichere  thatsächliche  Grundlagen,  als  dass 
nicht  eine  eingehendere  Beschäftigung  mit  denselben  vorläufig  als 
fär  den  Praktiker  ziemlich  wertfilos  erscheinen  mttsste.  Wir  gehen 
deshalb  gleich  zur  Betrachtung  der  Heilmittel  selbst  tlber. 

Hier  sind  es  hauptsächlich  3  Gruppen  von  Mitteln,  welche  heut- 
zutage im  Vordergrunde  der  Neuralgiebehandlung  stehen  und  in  der- 
selben am  Meisten  leisten:  nämlich  t.  die  Elektricität  in  ihren 
verschiedenen  Formen;  2.  die  Narcotica,  besonders  in  der  hypo- 
dermatischen  Applicationsweise  und  3. gewisse  specifischeMittel, 
Nervina,  welche  erfabrungsgemäss  in  vielen  Fällen  wirksam  sind. 
Damit  sind  jedoch  unsere  Hülfsmittel  nicht  erschöpft,  sondern  wir 
werden  weiterhin  noch  andere,  wichtige  und  mächtige  Heilmittel 
(Kälte,  Bäder,  Ableitungsmittel,  chirurgische  Eingriffe  u.  s.  w.)  zu 
besprechen  haben,  welche  allerdings  an  umfassender  Anwendbarkeit 
und  Wirksamkeit  hinter  den  genannten  3  Gruppen  zurückstehen. 

1.  Die  Elektricität  hat  sich  in  neuerer  Zeit  einen  ganz  her- 
vorragenden Platz  in  der  Therapie  der  Neuralgien  erworben  durch 
ihre  glänzenden  Erfolge  bei  allen  möglichen  Formen  derselben.  Ihre 
Wirkungsweise  ist  noch  ziemlich  dunkel,  wahrscheinlich  aber  eine 
mehrfache:  sie  kann  die  Erregbarkeit  der  sensiblen  Nerven  ver- 
mindern, abnorme  Reize  von  denselben  entfernen,  kann  ihre  Ernäh- 
rung modifidren,  kann  Hyperämien,  Entzündungen  beseitigen  und 
endlich  auch  ableitend  wirken  —  kann  also  mehreren  Indicationen 
zugleich  genügen.  Die  Methoden  ihrer  Anwendung  sind  mannichfach 
ausgebildet  worden,  besonders  seit  Wiedereinflihrung  des  galvanischen 
Stroms  in  die  Praxis  durch  Remak.  Die  Erfolge  der  Elektrothe- 
rapie sind  auch  wohl  auf  keinem  Gebiete  so  unbestritten,  wie  auf 
dem  der  Neuralgien. 

Die  beiden,  jetzt  fast  ausschliesslich  gebrauchten  Elektricitäts- 
arten,  der  faradische  und  der  galvanische  Strom  sind  wirksam,  der 
letztere  jedoch  in  höherem  Grade  und  in  vielseitigerer  Weise  als 
der  erstere. 

Der  faradische  Strom  ist  vorwiegend  nützlich  bei  peripheren 


76  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

NenralgieD,  wo  die  Nerven  vom  Strom  erreicht  werden  können,  and 
in  Fällen,  wo  keine  erhebliche  anatomische  Veränderang,  keine  Nenritis 
oder  dgl.  vorhanden  ist,  also  besonders  bei  den  sogenannten  reinen 
idiopathischen,  » habitnellen  **  Neuralgien.  (Als  Hautreiz,  Ableitungs- 
mittel  reicht  seine  Wirksamkeit  wohl  noch  etwas  weiter.) 

Der  galvanische  Strom  hat  mindestens  dieselben  Wirkungen 
auf  die  peripherischen  Neuralgien,  ist  aber  ausserdem  von  eminenter 
Wirksamkeit  bei  centralen  und  tiefsitzenden  Neuralgien  (spinalen, 
cerebralen  und  Wurzelneuralgien).  Er  besitzt  ausserdem  durch  seine 
n  katalytischen  "^  Wirkungen  (Einfluss  auf  die  Gefässe,  auf  Exsudationen, 
trophische  Vorgänge)  ein  sehr  umfangreiches  Wirkungsgebiet  auch 
bei  Neuralgien,  die  von  dem  faradischen  Strom  unbeeinflusst  bleiben. 

Spedelle  Indicationen  sind  noch  nicht  vollständig  anzugeben,  da 
auch  hier  die  meisten  Thatsachen  erst  empirisch  gefunden  werden 
müssen  und  noch  vielfach  der  Bestätigung  bedürfen.  Natürlich  können 
nicht  alle  Neuralgien  durch  die  Elektricität  geheilt  werden;  dieselbe 
wirkt  nicht  einmal  bei  allen  als  sicheres  Palliativ,  sondern  «wird  in 
dieser  Beziehung  von  den  Narcoticis  entschieden  übertroffen.  Dies 
gilt  besonders  flir  die  Neuralgien  durch  erhebliche  anatomische  Ver- 
änderungen, für  die  durch  Anämie,  Intoxicationen  hervorgerufenen, 
so  lange  diese  Ursachen  noch  fortwirken. 

Dagegen  bieten  die  sogenannten  idiopathischen  Neuralgien,  femer 
die  meisten  rheumatischen  und  neuritischen,  die  habituell  gewordenen 
und  endlich  auch  ein  Theil  der  excentrischen  Neuralgien  der  Elektri- 
cität und  besonders  dem  galvanischen  Strom  ein  ausgebreitetes  und 
dankbares  Wirkungsgebiet.  Die  Erfolge  sind  oft  geradezu  frappant, 
treten  sofort  ein ;  in  anderen  Fällen  ftlhrt  aber  erst  eine  länger  fort- 
gesetzte und  consequente  Behandlung  zum  Ziel. 

Die  Resultate,  welche  von  den  verschiedenen  Elektrotherapeuten 
in  übereinstimmender  Weise  gemeldet  werden,  sind  in  hohem  Grade 
günstig.  In  den  bekannten  Lehrbüchern  der  Elektrotherapie  (Alt- 
haus, M.  Meyer,  Rosenthal,  Benedict,  Beard  und  Rock- 
well, Duchenne)  finden  sich  daflir  die  unzweideutigsten  Belege. 
Ich  selbst  war  in  der  Lage,  diese  günstigen  Angaben  durchaas  zu 
bestätigen  und  habe  die  in  einer  früheren  Publication  (Deutsch.  Arch. 
f.  klin.  Med.  Bd.  III)  gegebenen  günstigen  Resultate  auch  bei  einer 
weiteren,  grösseren  Anzahl  von  Fällen  erhalten. 

Die  M.ethoden  der  elektr.  Behandlung  mögen  hier  nur  kurz 
angedeutet  werden,  indem  für  alle  Details  auf  die  genannten  Hand- 
bücher der  Elektrotherapie  verwiesen  werden  muss. 

Die  faradiache  Behandlung  bedient  sich  zweier  Methoden: 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Elektricität.  77 

a.  Durchleiten  eines  starken  Stromes  der  seeundären  Spirale  durch 
den  Nenren  mittelst  feuchter  Elektroden^  möglichst  central  am  Nerven- 
stamm;  starker  Strom ,  einige  Minuten  hindurchgeleitet;  meist  öftere 
Wiederholung  nöthig. 

b.  Sehr  energische  Hautreizung  mittelst  des  elektrischen  Pinsels 
oder  als  elektrische  Moxe  (Duchenne,  M.  Meyer)  im  Verbreitungs- 
bezirk des  Nerven,  an  seiner  Austrittstelle  und  über  den  Points  dou- 
lourenx.  Diese  Methode,  häufig  von  grosser  Wirksamkeit,  gehört 
eigentlich  unter  die  Rubrik  der  Ableitungsmittel  (s.  u.). 

Die  galvanische  Behandlung  verfolgt  besonders  den  Zweck, 
modificirend  auf  die  Emährungsverhältnisse  des  Nerven  zu  wirken, 
sogenannte  katalytische  Effecte  hervorzurufen  und  die  Erregbarkeit 
des  Nerven  herabzusetzen.  Dieser  Zweck  wird  am  besten  erreicht 
dnrch  sogenannte  stabile  Ströme.  Die  von  den  Elektrotherapeuten 
jetzt  mit  Eifer  ventilirte  Frage,  wie  diese  anzuwenden,  ob  nach  der 
polaren  oder  nach  der  Richtungsmethode,  muss  erst  noch  definitiv  ent- 
scbieden  werden:  die  Erfolge  scheinen  jedoch  bei  beiden  Methoden 
ziemlich  gleich  gut.  Nach  der  polaren  Methode  wird  am  besten  die 
Anode  stabil  angewendet,  mit  langsam  an-  und  abschwellender  Strom- 
stärke ;  die  Anode  wird  dabei  nacheinander  auf  den  Nervenstamm  (wo- 
möglich in  nächster  Nähe  des  eigentlichen  Krankheitsherdes)  und  auf 
die  Points  douloureux  aufgesetzt,  die  Kathode  auf  irgend  einen  indif- 
ferenten Punkt.  Manchmal  scheint  auch  die  stabile  Einwirkung  der 
Kathode  besser  zu  wirken,  was  wohl  durch  katalytische  Wirkungen 
zu  erklären  ist.  —  Die  Richtungsmethode  zieht  die  „absteigende" 
Stromesrichtung  vor:  dabei  kommt  die  Anode  auf  den  Plexus  oder  die 
Wurzeln,  die  Kathode  auf  den  Nervenstamm  und  die  Points  doulou- 
reux zu  stehen.  —  Hauptgrundsatz  ist  dabei  immer:  Behandlung  in 
loco  morbi.  Das  hat  besonders  wichtige  Consequenzen  für  die  Be- 
handlung der  excentrischen  Neuralgien:  dieselbe  ist  nur  erfolgreich, 
wenn  der  Strom  direct  auf  Gehirn  oder  Rückenmark  applicirt  wird; 
ausserdem  ist  aber  in  manchen  Fällen  dann  auch  noch  eine  periphere 
Behandlung  nöthig,  vielleicht  um  abnorme  Erregbarkeitsverhältnisse  in 
den  peripheren  Nervenbahnen  zu  beseitigen.  Die  von  Remak  einge- 
führte Methode  der  Behandlung  mancher  Neuralgien  auf  indirectem 
Wege,  von  den  Sympathicusganglien  aus,  sowie  die  von  Beard  und 
Rockwell  empfohlene  „allgemeine  Elektrisation*^  als  Hauptmethode 
gegen  die  sogenannten  constitutionellen  Neuralgien  sind  noch  nicht  hin- 
reichend controlirt  und  geprüft,  um  als  nützlich  empfohlen  werden  zu 
können.  —  Für  manche  Fälle  scheint  die  Behandlung  der  schmerz- 
haften Druckpunkte  an  der  Wirbelsäule  sehr  günstig  zu  wirken 
(Mor.  Meyer);  sie  werden  der  stabilen  Einwirkung  der  Anode 
unterworfen. 

Ueber  die  Dauer  und  Häufigkeit  der  einzelnen  Applicationen  lässt 
sich  nicht  viel  Allgemeines  sagen :  im  Durchschnitt  sollen  die  Sitzungen 
nur  kurz  sein  (2 — 6 — 8  Min.)  und  täglich  oder  jeden  anderen  Tag 
wiederholt  werden,  selten  mehrmals  täglich.  Die  Stromstärke  muss 
im  Allgemeinen  eine  massige  sein. 

Der  Erfolg  ist  gewöhnlich   ein   momentaner  und  dauert  anfangs 


78  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

verschieden  lange  Zeit  (ein  paar  Stunden  bis  Tage)  an^  um  endlich 
nach  mehr  oder  weniger  zahlreichen  Applicationen  ein  ganz  dauernder 
zu  werden.  Wenn  nach  einer  massigen  Anzahl  (6 — 10)  Sitzungen 
gar  kein  erheblicher  Erfolg  erzielt  werden  konnte,  ist  der  Fall  in  der 
Hegel  als  für  die  elektrische  Behandlung  nicht  geeignet  anzusehen. 

2.  Die  Narcotica  (und  Anaesthetica)  spielen  heutzutage  in 
der  Therapie  der  Neuralgien  eine  sehr  grosse  Rolle ;  man  kann  ohne 
dieselben  nicht  mehr  auskommen,  da  sie  ungemein  sichere  und  an- 
genehme Palliativmittel  sind.  Sie  werden  in  dieser  Hinsicht  von 
keinem  anderen  Heilmittel  tibertroffen,  besonders  seit  man  gelernt 
hat,  sie  durch  hypodermatische  Injection  in  sehr  geringer  und  doch 
ungemein  wirksamer  Dosis  dem  Organismus  einzuverleiben ;  sie  haben 
sich  dadurch  einen  sehr  umfassenden  und  segensreichen  Wirkungs- 
kreis erworben.  —  Trotz  der  vielfachen  Experimentation  mit  diesen 
Mitteln  wissen  wir  über  ihre  eigentliche  Wirkungsweise  noch  sehr 
wenig.  Man  hat  sie  ursprünglich  nur  als  schmerzstillende  Agentien 
also  rein  symptomatisch  angewendet  und  in  der  That  werden  nicht 
leicht  die  Hoffnungen  auf  diesen  Theil  ihrer  Wirkung  getäuscht; 
allein  andererseits  lehrt  auch  die  Erfahrung,  dass  unter  dem  Gebrauch 
dieser  Mittel  zahlreiche  Neuralgien  zur  Heilung  gelangen,,  dass  sie 
also  auch  als  eigentliche  Heilmittel  wirken.  Den  schmerzstillenden 
Effect  führt  man  gewöhnlich  zurück  auf  die  Aenderung  des  Erreg- 
barkeitszustandes, welche  sowohl  die  peripheren,  wie  die  centralen 
Empfindungsapparate  durch  die  Narcotica  erfahren ;  die  Wirkung  auf 
die  Centralorgane  ist  jedenfalls  die  überwiegende  und  wichtigere 
und  aus  ihr  besonders  erklärt  sich  der  grosse  palliative  Nutzen  der 
Narcotica.  Wie  die  curative  Wirkung  zu  Stande  kommt,  daflir 
existiren  nur  sehr  ungenügende  Hypothesen:  man  spricht  von  einer 
dauernden  Herabsetzung  des  Erregbarkeitszustandes,  also  wohl  von 
feineren  nutritiven  Modificationen  in  den  Empfindungsapparaten ;  auch 
wäre  denkbar,  dass  durch  die  dem  Nervensystem  gewährte  Ruhe 
und  den  Schlaf,  welchen  die  Narcotica  herbeifllhren ,  eine  Aus- 
gleichung der  krankhaften  Ernährungsstörungen  und  damit  Heilung 
angebahnt  wird.  Das  mag  vorläufig  auf  sich  beruhen  —  jedenfalls 
besitzen  wir  in  der  hypodermatischen  Iigection  gewisser  Narcotica 
ein  vortreffliches  und  sicheres  Palliativmittel  bei  Neuralgien;  und 
ausserdem  werden  durch  dieselben  manche  Neuralgien,  besonders 
leichtere,  frisch  entstandene  Fälle  peripherischen  Sitzes  definitiv 
geheilt. 

Weitaus  die  wichtigsten  hier  in  Frage  kommenden  Mittel  sind 
die  Alkaloide  des  Opium,  und  zwar  fast  ausschliesslich  das  Mor- 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Narcotica.  79 

• 
phinm,  welches  wohl  das  dominirende  Mittel  in  der  subcutanen 

Therapie  genannt  werden  darf.    Am  zweckmässigsten  und  sichersten 

ist  nämlich  die  Einverleibung  desselben  durch   hypodermatische 

Injection. 

Die  hypodermatische  (subcutane)  Injection  ist  wohl  heutzutage  so 
sehr  Gemeingut  aller  Aerzte  geworden ,  dass  es  eines  näheren  Ein- 
gehens auf  dieselbe  nicht  bedarf.  Man  fuhrt  sie  aus  mittelst  kleiner 
(Pravaz'scher  oder  Luer'scher)  Spritzen,  die  eine  feine  Stiletcanüle  be- 
sitzen und  so  die  Einbringung  gelöster  Arzneikörper  in  das  Unterhaut- 
zellgewebe gestatten.  Die  Hauptsache  ist,  dass  man  die  genau  abge- 
messene Fltissigkeitsmenge  wirklich  in  das  Unterhautzellgewebe  bringt ; 
das  kann  bei  einiger  Uebung  sehr  leicht  ohne  grosse  Belästigung  des 
Kranken  geschehen;  man  muss  vermeiden,  die  Injection  in  das  Gewebe 
der  Cutis  selbst  zu  machen,  weil  dadurch  grössere  Schmerzhaftigkeit, 
Anschwellung  und  selbst  Entzündung  entstehen  kann.  —  Die  Wahl 
der  Applicationsstelle  ist  nicht  gleichgültig;  nur  wo  es  sich  ausschliess- 
lich um  Erzielung  der  Allgemeinwirkung  (auf  das  centrale  Nerven- 
system) handelt,  kann  man  eine  beliebige  Hautstelle  wählen  und  zwar 
am  besten  eine  solche,  welche  sich  durch  dünne  Haut  und  lockeres 
Unterhautzellgewebe  auszeichnet,  z.  B.  Schläfe,  Schlüsselbeingegenden, 
vordere  Bauchwand,  innere  Fläche  der  Vorderarme  und  Oberschenkel. 
Will  man  ausserdem  die  locale  Wirkung  erzielen,  wie  das  bei  Neural- 
gien gewöhnlich  der  Fall  ist,  dann  injicirt  man  in  möglichster  Nähe 
des  afficirten  Nervenstammes,  an  die  Schmerzpunkte  u.  s.  w.  —  Die 
grossen  Vortheile  dieser  Methode  beruhen  auf  der  grösseren  Schnellig- 
keit und  Sicherheit  der  Resorption  der  Arzneikörper,  auf  der  gleich- 
zeitigen Erzielung  der  Allgemein-  und  der  örtlichen  Wirkung,  auf  der 
Möglichkeit  einer  genaueren  Dosirung  der  Mittel,  welche  zugleich  in 
viel  kleineren  Dosen  wirksam  sind;  endlich  darauf,  dass  sie  die  Yer- 
danungsorgane  gar  nicht  oder  nur  in  geringem  Grade  belästigen,  den 
Appetit  wenig  stören. 

Die  Dosirung  geschieht  am  zweckmässigsten  in  der  Weise,  dass 
man  eine  Lösung  verwendet  von  solcher  Stärke,  dass  jeder  Theilstrich 
der  Spritze  (oder  5  oder  10  Theilstr.)  ein  Milligramm  (oder  mehrere) 
des  Medicamentes  enthält,  so  dass  man  durch  einfaches  Ablesen  der 
Theilstriche  leicht  bestimmen  kann,  wie  viel  man  ii^jicirt.  Zu  dem 
Zweck  muss  natürlich  die  Spritze  genau  tarirt  werden.  Das  beste 
Lösungsmittel  ist  Aqu.  destill;  doch  kann  man  durch  Hinzufügen 
gleicher  Theile  von  Glycer.  pur.  der  Lösung  mehr  Beständigkeit  und 
Haltbarkeit  verleihen.  Die  Stoffe  müssen  zuvor  in  dem  erwärmten  Gly- 
cerin  gelöst  werden.  (Ueber  die  Technik  der  Injection,  die  Cautelen 
dabei,  die  genaue  Dosirung,  die  Lösungsmittel  und  über  Alles,  was 
zur  hypodermatischen  Injection  gehört  s.  Eulenburg,  Die  hypoder- 
matische Injection  2.  Aufl.  Berlin   1867.) 

Die  Dosis,  in  welcher  Morphium  muriat.  ii\)icirt  wird,  schwankt 
von  0,005  bis  0,10  Grammes;  man  beginnt  mit  den  schwächsten 
Dosen  und  steigt  nur  allmälig  zu  den  höheren ;  meist  kann  man  die 


80  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

einmal  wirksam  beftmdene  Dosis  längere  Zeit  beibehalten ;  doch  tritt 
auch  hier  allmälig  Gewöhnung  ein.  Nicht  selten  sind  unangenehme, 
aber  gefahrlose  Nebenerscheinungen,  die  besonders  bei  Injection  am 
Kopf  und  Hals  leicht  eintreten:  Angstgefühl,  Schwindel,  Benomm^- 
heit  des  Kopfes,  Schlafiieigung,  Betäubung,  Uebelkeit  und  Erbrechen ; 
sie  gehen  meist  rasch  vorttber,  doch  ist  es  gut,  die  Kranken  vorher  auf 
ihr  mögliches  Eintreten  vorzubereiten.  —  Man  wendet  die  Morphium- 
injectionen  zunächst  überall  da  an,  wo  eine  rasche  und  sichere  Be- 
seitigung des  Schmerzes  dringend  angezeigt  ist;  femer,  wo  man  durch 
palliative  Beseitigung  des  Schmerzes  die  Leiden  der  Ej-anken  erleich- 
tem will,  bis  durch  andere  Mittel  definitive  Heilung  herbeigeführt 
wird;  endlich  auch  zu  curatlven  Zwecken,  wenn  man  annehmen 
darf,  dass  das  Morphium  an  sich  Heilung  herbeiitihren  kann.  Es 
ist  nicht  gut,  die  Injectionen  allzuhäufig  zu  machen;  einmal  täglich, 
höchstens  2  mal  soll  die  Regel  bilden;  in  schweren  Fällen  muss 
man  den  Kranken  aber  auch  mehr  gestatten.  Zu  eigentlich  ourati- 
tiven  Zwecken  ist  es  nützlich,  durch  die  Injectionen  mehrere  Tage 
lang  die  Schmerzparoxysmen  möglichst  vollständig  zu  unterdrücken; 
es  scheint  dies  für  die  Herbeiftlhmng  der  Heilung  günstig  zu  sein. 

—  Der  Effect  der  Morphiuminjection  ist  meist  ein  sehr  frappanter: 
in  wenig  Minuten  sind  die  Kranken  oft  von  den  wüthendsten  Schmerzen 
befreit,  fühlen  sich  wie  neugeboren,  können  sprechen,  essen,  sich  be- 
wegen u.  s.  w.  Diese  Euphorie  dauert,  je  nach  der  Heftigkeit  des 
Falles  und  der  Grösse  der  injicirten  Dosis  verschieden  lange  Zeit 

—  Stunden  bis  Tage  lang  —  an.  Je  nach  Umständen  steigert  oder 
vermindert  man  die  injicirte  Dosis.  Nach  länger  fortgesetztem  Ge- 
brauch einigermassen  grosser  Dosen  von  Morphium,  an  welchen  be- 
sonders Kranke,  welchen  man  die  Injectionen  selbst  zu  machen  ge- 
stattet, leicht  gerathen,  tritt  ein  Zustand  ein,  der  mit  dem  Alcoholis- 
mus  grosse  Aehnlichkeit  hat  (Hyperästhesie,  Neuralgien,  Schlaflosig- 
keit, Gehschwäche,  Zittern,  Neigung  zur  Transpiration,  psychische 
Depression,  Delirium  tremens  u.  s.  w.),  und  nur  unter  den  grössten 
Qualen  können  die  Kranken  von  dem  Gifte  entwöhnt  werden.  Nach 
Levinstein*)  ist  die  plötzliche  Entziehung  der  successiven  ent- 
vorzuziehen; sie  erfordert  aber  eiserne  Consequenz  und  grosse 
Energie  des  Arztes  und  vollkommen  sichere  Ueberwachung  des 
Kranken.  Den  drohenden  Collaps  bekämpft  man  mit  reichlichen 
Dosen  von  Stimulantien ,  zweckmässiger  Diät  u.  s.  w.  Contraindi- 
eirt  sind  die  Morphiuminjectionen  natürlich   bei  grosser  allgemeiner 


I)  Die  Morphiumsuchl.    Berl.  klin.  Woch.  1875  No.  48  u.  1876  No.  14. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Narcotica.  81 

Schwäche,  hohem  Alter,  Gehimhyperämie,  organischen  Herzkrank- 
heiten etc. 

Neben  dem  Morphium  kommen  die  übrigen  Opiumpräparate 
kaum  in  Betracht  (Extr.  opii,  Tinct.  op.  simpl.,  Narcein,  Godein, 
Narcotin  u.  tf.  w.).    Sie  können  getrost  verlassen  werden. 

Von  den  übrigen  Narcoticis  verdient  nur  das  A tropin  noch 
einer  besonderen  Erwähnung.  Es  hat  ähnliche  antineuralgisehe  Wir- 
kungen wie  das  Morphium,  hilft  sogar  in  manchen  Fällen,  wo  jenes 
im  Stich  lässt.  Von  besonderer  Wirkung  soll  es  nach  Anstie  bei 
glaucomatösen  Neuralgien  und  bei  solchen  des  Beckens  sein.  Wegen 
der  Gefahr  heftiger  Intoxicationserscheinungen,  welche  oft  schon  bei 
Minimaldosen  eintreten,  wird  man  aber  nur  im  Nothfall  zu  diesem 
Mittel  greifen.  Die  Injectionsdosis  ist  0,0005—0,001—0,003.  Alt- 
haus erklärt  die  combinirte  Anwendung  von  Morph.  (0,01)  und 
Atropin  (0,001)  flir  besonders  wirksam  in  vielen  Fällen. 

Wo  die  Verhältnisse  die  Anwendung  der  hypodermatischen  In- 
jectionen  nicht  gestatten  (und  das  wird  häufig  genug  in  der  Privat- 
praxis der  Fall  sein),  da  muss  man  sich  zur  inneren  Anwendung 
der  Narcotica  entschliessen ;  dieselbe  erfordert  höhere  Dosen  und  ist 
dabei  weniger  wirksam,  stört  häufig  die  Verdauung.  Man  reicht  dann 
Morph.  0,01  bis  0,10  in  mehrfach  wiederholten  Gaben ;  zweckmässig 
ist  eine  Verbindung  desselben  mit  mittleren  Dosen  von  Chinin:  es 
wird  besser  ertragen  und  die  Wirkung  auf  die  Neuralgie  ist  in  vielen 
Fällen  evidenter.  Auch  die  übrigen  Opiumpräparate,  sowie  Atropin, 
Extr.  belladonnae,  hyoscyami  u.  s.  w.,  können  innerlich  gegeben  werden. 

Viel  weniger  Vertrauen  verdient  die  äusserliche  Anwendung 
der  Narcotica.  Die  Mher  hier  und  da  gebrauchte  Inoculation  und 
endermatische  Application  narcotischer  Alkaloide  ist  heutzutage  gänz- 
lich verlassen.  Dagegen  wird  man  in  der  täglichen  Praxis  den  Ge- 
branch narkotischer  Salben  und  Einreibungen  nicht  wohl  entbehren 
können  und  wird  auch  mit  aller  Vornehmheit  den  öfter  günstigen 
Effect  dieser  Applicationen  nicht  ganz  wegleugnen  können.  Allzuviel 
darf  man  sich  freilich  —  besonders  in  schwereren  Fällen  —  davon 
nicht  versprechen.  Man  lässt  mehrmals  täglich  die  Salbe  oder  Lösung 
in  die  schmerzenden  Hautpartien  oder  über  dem  erkrankten  Nerven 
einreiben,  oder  damit  bestrichene  oder  befeuchtete  Gompressen,  oder 
endlich  narkotische  Pflaster  längere  Zeit  auflegen.  Erwähnung  dürften 
hier  verdienen :  Salben  mit  Morph,  oder  Extr.  opii,  Extr.  belladonnae ; 
Salben  mit  Veratrin  (1,0  auf  20,0)  oder  Aconitin  (0,50  auf  20,0), 
welche  so  lange  eingerieben  werden,  bis  bei  ersterer  Prickeln,  bei 
letzterer  Taubheitsgefahl  in  der  Haut  entsteht;   von  entschiedener 

Handtnieh  d.  spec  Pathologie  n.  Therapie.  Bd.  XII.  1.  2.  Aofl.  5 


82  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Wirkung  habe  ich  oft  eine  Salbe  gefunden,  welche  Veratrin  und 
Extr.  op.  aquos.  zu  gleichen  Theilen  (ää  1,0  auf  20,0  Fett)  enthält. 
Trousseau  empfiehlt  als  gutes  Palliativ  wässrige  Atropinlösnng, 
entweder  (0,30— 120,0  Aqu.)  mit  Compressen  aufgelegt,  oder  (0,15— 
10,0  Aqu.)  mehrmals  täglich  eingerieben;  oder  Extr.  belladonn.  1,0 
Glycer.  und  Amyl.  aä  4,0,  einzureiben  und  mit  feuchter  Compresse 
zu  bedecken.  —  Diese  und  ähnliche  Präparate  wird  man  nicht  selten 
zur  Erleichterung  der  Kranken  in  Anwendung  bringen. 

An  die  Narcotica  schliessen  sich,  der  ähnlichen  Wirkung 
wegen,  unmittelbar  andieAnaesthetica  (Chloroform,  Aether,  Liqn. 
hollandicus,  Amylnitrit  u.  s.  w.).  Sie  wirken  flüchtiger  und  erfahrungs- 
gemäss  nicht  so  günstig  bei  Neuralgien  wie  die  Narcotica;  doch 
wird  man  in  vielen  Fällen  ihre  Wirksamkeit  gern  in  Anspruch 
nehmen.  Sie  wirken  entweder  nach  ihrer  Aufnahme  in's  Blut  durch 
Anästhesirung  der  centralen  Empfindungscentren,  oder  bei  örtlicher 
Anwendung  anästhesirend  auf  die  peripheren  Nervenendigungen  und 
wahrscheinlich  hauptsächlich  als  Hautreize  (Ableitungsmittel).  Man 
kann  sie  gebrauchen  lassen :  a.  in  Form  von  Inhalationen ;  man  lässt 
aber  dann  die  Anästhesie  nur  so  weit  gehen,  bis  der  Schmerz  ver- 
schwunden ist,  nicht  bis  zur  Bewusstlosigkeit;  erhält  dann  diesen 
Zustand  durch  fortgesetzte  massige  Inhalation.  Kann  besonders  zur 
Linderung  sehr  heftiger  Schmerzparoxysmen  dienen,  b.  innerlich, 
indem  man  Chloroform  oder  Aether  zu  10—25  Tropfen  in  schleimigem 
Vehikel  öfter  nehmen  lässt;  kann  als  massig  intensives  Palliativ 
gelten;  c.  in  Form  von  Klystieren  (Aether  und  Chloroform  1,0—1,50 
pro  dosi  im  Decoct.  amyli);  von  ähnlicher  Wirkung  und  empfehlens- 
werth  bei  Neuralgien  im  Sacralplexus  oder  den  Beckennerven; 
d.  äusserUch,  in  Form  von  Salben  oder  Linimenten  (z.  B.  Chloro- 
form mit  Ol.  hyoscyam.),  oder  so,  dass  man  Aether  oder  Chloroform 
auf  der  Haut  verdunsten  lässt  (am  besten  mit  Zerstäubungsapparaten) 
oder  auch  so,  dass  man  mit  den  Anaestheticis  getränkte  Wattebausch- 
eben  auf  die  besonders  schmerzenden  Hautstellen  auflegt  und  durch 
Bedecken  mit  einem  Uhrglas  oder  dergl.  die  Verdunstung  verhütet; 
endlich  hat  man  neuerdings  auch  die  subcutane  Injection  von  Chloro- 
form empfohlen  (Bartholow.  Mattison  s.  Virchow-Hirsch  Jahres- 
bericht pro  1874.  IL  S.  134)  und  zwar  in  Dosen  von  1,25  Gramm; 
ist  wohl  sehr  schmerzhaft,  soll  aber  nur  vorübergehende  Schwellung 
und  keine  Entzündung  machen.  —  Alle  diese  Applicationen  können 
besonders  da  Anwendung  finden,  wo  eine  Aenderung  der  Medication 
wünschenswerth  erscheint,  wo  man  den  Gebrauch  der  Narcotica 
nicht  zu  lange  fortsetzen  will. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Specifica.  83 

« 

Hier  sind  einige  Worte  über  das  Chloralhydrat  einzuschal- 
ten. So  wirkungslos  dasselbe  gegen  schwere  Neuralgien  jedenfalls 
ist,  so  erwünscht  kann  uns  seine  ausgezeichnete  hypnotische  Wirkung 
in  vielen  Fällen  sein  und  es  wird  zu  diesem  Zwecke  in  besonders 
vortheilhafter  Weise  mit  kleinen  Dosen  Morphium  verbunden  (etwa 
1,0  Chloral  auf  0,01  Morph.).  —  In  neuerer  Zeit  sind  auch  Erfahrungen 
über  günstigen  Einfluss  des  Chloral  allein  auf  frische  und  leichte 
Formen  von  Neuralgien  bekannt  geworden. 

Weit  mehr  jedoch  wird  jetzt  ein  anderes  Präparat  als  Anti- 
neuralgicum  gerühmt,  das  Grotonchloralhydrat  oder  wie  man 
nach  Liebreich*)  richtiger  sagt,  das  Butyl chloral.  Dies  Mittel 
bewirkt  schon  vor  der  Hypnose  eine  deutliche  Heruntersetzung  der 
Sensibilität  und  zwar  vorwiegend  am  Kopfe,  im  Gebiet  des  Trige- 
minus.  Seine  Wirkung  ist  hauptsächlich  eine  palliative,  ähnlich, 
aber  von  kürzerer  Dauer,  wie  die  des  Morphium.  Von  Berger*), 
Brünniche')  u.  A.  werden  günstige  Wirkungen  bei  Neuralgien, 
besonders  des  Quintus  berichtet;  Mering^)  dagegen  sah  keinen  Er- 
folg davon  und  zieht  ihm  das  Morphium  vor.  Man  gibt  es  am 
besten  in  folgender  Form:  Butyl.  Chloral.  hydrat.  5,0—10,0,  Glyc. 
20,0,  Aqu.  dest.  130,0.  Davon,  nach  dem  ümschütteln,  1 — 2—3  Ess- 
löffel in  Pausen  von  5  —  10  Minuten  zu  nehmen;  nicht  bei  leerem 
Ifagen ! 

Ob  das  Gelsemium  sempervirens  die  ihm  von  der  einen 
Seite  (Wickham  Legg,  Sawyer,  Jurasz*),  Spencer,  Thom- 
son) nachgerühmte,  von  der  anderen  Seite  (G.Berger)')  entschie- 
den bestrittene  antineuralgische  Wirkung  bewähren  wird,  bleibt  ab- 
zuwarten. 

3.  Die  Gruppe  der  Specifica  umfasst  eine  sehr  grosse  Anzahl 
von  Mitteln,  von  welchen  man  auf  Treu  und  Glauben  eine  so  günstige 
Einwirkung  auf  den  Emährungs-  und  Erregbarkeitszustand  erwartet, 
dass  dadurch  die  Neuralgie  schwindet  (Alterantia  nervina).  Diese 
Mittel  sind  theils  empirisch  gefunden  und  durch  zahlreiche  Erfahrungen 
erprobt,  theils  auf  Grund  pharmakologischer  oder  physiologischer 
Untersuchungen  oder  auch  auf  Grund  pathologischer  Theorien  in  die 
Therapie  der  Neuralgien  emgeftihrt  und  zum  Theil  mit  grossem  Un- 


1)  Ueber  das  Butylchloral.  Deutsch,  med.  Wochenschr.  No.  1.  1875. 

2)  Ueber  Neuralgien  und  ihre  Behandlung.  Centralbl.  1875  No.  10. 

3)  s.  Vlrchow-Hirsch  Jahresber.  pro  1874.  Bd.  2.  S.  134. 

4)  Berl.  klin.  Woch.  1875  No.  21. 

5)  Centralbl.  f.  d.  med.  Wiss.  1875  No.  31. 

6)  Centralblatt  1875  No.  43  u.  44. 

6* 


84  Erb,  Krankheiten  der  periphcren-cerebrospinalen  Nerven. 

recht  als  besonders  wirksam  gepriesen  worden.  Die  Erfahrung  hat 
noch  nicht  ihr  endgültiges  Urtheil  tiber  alle  diese  Mittel  gesprochen, 
doch  ist  jetzt  schon  ein  sehr  grosser  Theil  als  unwirksam  und  min- 
destens tiberflttssig  zu  betrachten ,  so  dass  man  die  ungeheure  Zahl 
derselben  mit  gutem  Gewissen  auf  wenige,  heutzutage  noch  anwend- 
bare reduciren  kann. 

Ihre  Wirkung  in  vielen  Fällen  ist  ganz  unzweifelhaft  und  von 
den  besten  Beobachtern  sicher  gestellt;  ihre  Wirkungsweise  aber  in 
den  meisten  Fällen  total  dunkel.  Ein  Theil  wirkt  wohl  durch  all- 
gemeine Hebung  der  Ernährung  und  Blutbildung ,  ein  anderer  Theil 
durch  Einwirkung  auf  die  Circulation  und  die  Gefässe,  ein  anderer 
durch  directe  Modification  des  molecularen  Verhaltens  der  Nerven, 
ein  anderer  durch  Veränderungen  in  der  Ernährung  einzelner  Ge- 
webe u.  s.  w.  Meist  ist  man  wegen  dieser  Unkenntniss  zu  emer 
rein  empirischen  Anwendung  dieser  Mittel  gezwungen,  und  man 
wurd  nur  allzu  oft  in  Fällen,  wo  die  vorhergehenden  Gruppen  im 
Stiche  lassen  oder  nicht  anwendbar  sind,  zu  ihnen  zu  greifen  ge- 
nöthigt  sein. 

In  erster  Linie  ist  unter  diesen  specifischen  Mitteln  der  Arsenik 
zu  nennen;  er  wirkt  nicht  bloss  als  Antitypicum  bei  Malarianeuralgien, 
sondern  auch  entschieden  als  eigentliches  Nervinum;  es  werden  ihm 
bekanntlich  höchst  wunderbare  Wirkungen  auf  die  allgemeine  Er- 
nährung und  den  allgemeinen  Tonus  des  Nervensystems  zugeschrieben 
(Isnard:  „Arsenik- ist  ein  neurosthenisches  Tonicum:  er  hebt  die 
Nervenkraft  und  stellt  in  deren  getrübter  Thätigkeit  die  Ordnung 
wieder  her").  Jedenfalls  entfaltet  er  bei  vielen  Neuralgien  eine  be- 
trächtliche Wirksamkeit  und  zwar  sowohl  bei  frischeren  Fällen,  be- 
sonders solchen,  die  regelmässige  periodische  Anfälle  zeigen,  wenn 
sie  auch  nicht  auf  Malaria  beruhen,  als  auch  bei  veralteten,  rebel- 
lischen Fällen  reiner  idiopathischer  Neuralgien;  vor  allen  Dingen 
sind  es  die  Neuralgien  bei  allgemeiner  nervöser  Diathese  und  bei 
mangelhafter  Blutbildung,  welche  dem  Arsenik  weichen.  Man  gibt 
die  Solutio  Fowler.  zu  3—8—10  Tropfen  3  mal  täglich,  in  allmälig 
steigender  Gabe;  oder  das  Acid.  arsenicos.  in  Wasser  gelöst,  zu 
0,008—0,01—0,03  pro  die  in  getheilten  Dosen.  Immer  muss  dies 
Medicament  lange  fortgebraucht  werden.  In  neuerer  Zeit  hat  man 
auch  den  Arsenik  subcutan  injicirt  (A.  Eulen  bürg);  das  hat  un- 
leugbare Vorzüge  und  wird,  wie  mir  eigene  Erfahrung  gelehrt  hat, 
recht  gut  ertragen.  (Kai.  arsenicos.  solut.  1,0,  Aqu.dest.  2,0;  davon 
injicirt  0,30  bis  0,60  auf  Ein  Mal;  kann  mehrmals  täglich  wieder- 
holt werden. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Spedfica.  85 

Yielgerühmt  ist  das  Zink,  als  Zinc.  oxydat.,  oder  Zinc.  yalerian. 
oder  sulfur.  —  Mass  in  hohen  Dosen  gegeben  werden.  Indieationen 
unsicher.  Das  Zinkoxjd  zusammen  mit  Extr.  hjoscyam.  bildet  den 
wesentlichen  Bestandtheil  der  Meglin'schen  Pillen,  die  früher  vielfach 
empfohlen  wurden. 

Auch  der  Phosphor  (0,001 — 0,006  pro  dosi)  wird  von  manchen 
Seiten  warm  »empfohlen ,  besonders  bei  anämischen  und  neurasthe- 
nischen  Neuralgien. 

Bismuthum,  Argent.  nitric,  Baryum  chlorat.,  Auronatr.  chlorat. 
Plumb.,  Hydrargyrum  sind  vielfach  empfohlen,  aber  wohl  selten  wirk- 
sanL     Der  Sublimat   soll   besondere  Wirksamkeit  gegen  veraltete 
rheumatische  Neuralgien  besitzen.  . 

Die  Eisenpräparate  haben  unleugbar  grossen  Nutzen  bei 
anämischen  Neuralgien,  als  blutbildende  Mittel,  erftlllen  also  hier  die 
Gausalindication.  Ob  sie  direct  als  Nervina  wirken,  ist  in  hohem 
Grade  zweifelhaft  und  besonders  das  Mher  vielfach  in  enormen 
Dosen  gereichte  Perr.  carbon.  scheint  keine  specifische  Wirkung  gegen 
Neuralgien  zu  besitzen.  Dagegen  schreibt  Ans tie  demFerr.  sesqui- 
chlorat  eine  auffallende  und  specifische  Wirkung  auf  die  nervösen 
Centren  zu. 

Chinin  verdient  hier  jedenfalls  auch  eine  Stelle;  es  hat  auch 
bei  nicht  auf  Malaria  beruhenden  Neuralgien  sehr  entschiedene 
Wirkung.  Ich  habe  es  besonders  bei  frischen  rheumatischen  Neur- 
algien in  Verbindung  mit  kleinen  Dosen  Morphium  (Chin.  0,20, 
Morph.  0,01,  mehrmals  täglich)  evident  nützlich  gefanden.  Auch 
von  Trousseau  wird  es  sehr  gerühmt.  Naunyn  empfiehlt  es 
neuerdings  in  ganz  enormen  Dosen  (3,0 — 8,0  pro  die)  gegen  alte 
Verschleppte  Neuralgien,  besonders  wenn  dieselben  auf  Malaria- 
Ursprung  zu  beziehen  sind.  Verneuil  rühmt  es  als  das  sicherste 
Mittel  gegen  die  von  ihm  beschriebenen  traumatischen  Neuralgien. 

Strychnin  wird  vonAnstie  gerühmt,  innerlich  oder  hypoder- 
matisch.    Auch  in  Verbindung  mit  Liq.  ferr.  sesquichlor. 

Das  Kai.  bromat.  ist  in  vielen  Fällen  ein  unschätzbares  Mittel, 
besonders  da,  wo  es  hypnotisch  wirkt.  Ans  tie  empfiehlt  es  be- 
sonders bei  Neuralgien  von  Leuten,  welche  bei  sonst  guter  allge- 
meiner Ernährung  eine  gewisse  Unruhe  und  Ueberreizung  des  Geistes 
zdgen,  meist  in  Folge  ungenügender  Befriedigung  des  Greschlechts- 
triebes;  so  bei  zum  Goelibat  gezwungenen  Frauen.  Grosse  Dosen 
wie  bei  Epilepsie  sind  erforderlich. 

Auch  über  das  Kai.  jodat.,  diesen  Better  in  so  manchen  Nöthen 
der  Therapie,  muss  gesagt  werden,  dass  es  in  manchen  Fällen  evi- 


86  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

denten  Nutzen  bringt:   so  bei  veralteten  rheumatischen  Neuralgien, 
bei  sehr  hartnäckigen  idiopathischen  u.  s.  w. 

Von  vegetabilischen  und  animalischen  Mitteln  hat  eigentlich  nur 
das  Ol.  terebinth.  sich  eines  einigermassen  gesicherten  Rufes  zu 
'erfreuen;  seine  Empfehlung  taucht  immer  wieder  auf,  unterstützt  von 
anscheinend  sehr  günstigen  Resultaten.  Indicationen  sehr  unklar: 
veraltete,  verzweifelte  Fälle,  besonders  von  Ischias.  N«tzen  oft  ganz 
unzweifelhaft.  Dosis  circa  1,0,  mehrmals  täglich,  am  besten  in  Gallert- 
kapseln und  während  der  Mahlzeiten  zu  nehmen. 

Valeriana,  Asafoeti da,  Castoreum  mögen  bei  hysterischen 
Neuralgien  versucht  werden. 

Neben  den  bis  jetzt  betrachteten  wichtigeren  Gruppen  von  anti- 
neuralgischen Heilagentien  sind  aber  auch  noch  andere  gelegentlich 
mit  vielem  Erfolg  zu  verwenden.  Zu  diesen  gehört  zunächst  die 
Kälte.  Sie  ist  bekanntlich  ein  sehr  energisches  Mittel,  um  die  Er- 
regbarkeit der  Nerven  herabzusetzen  und  vermindert  im  Bereich  ihrer 
Einwirkung  die  Sensibilität  sehr  energisch.  Dies  hat  zu  ihrer  An- 
wendung bei  Neuralgien  geftihrt.  Sie  wird  natürlich  nur  da  wirk- 
sam sein  können,  wo  der  leidende  Nerv  durch  die  Kälte  erreichbar 
ist :  also  bei  oberflächlich  gelegenen  Nerven.  Da  die  Kälte  ausserdem 
sehr  energische  antiphlogistische  und  antihyperämische  Wirkungen 
entfaltet,  ist  sie  auch  bei  Neuralgien  durch  Neuritis,  Hyperämie 
rheumatische  Entzündung  u.  dgl.  mit  Nutzen  zu  verwenden.  Selbst 
bei  centralen  Neuralgien  kann  man  von  der  Application  der  Kälte 
auf  Kopf  oder  Rücken  vielleicht  Erfolg  erwarten.  Anwendungs- 
weise: Eisblase,  Aetherzerstäubung,  Irrigation,  kalte  Douchen  (Kalt- 
wassercuren). 

Eines  alten  und  befestigten  Rufes  in  der  Therapie  der  Neuralgien  * 
erfreuen  sich  die  Ableitungsmittel.  Sie  wurden  früher  ausser- 
ordentlich viel  angewendet,  sind  auch  beim  Publicum  sehr  beliebt 
und  verdienen  auch  heute  noch  vielfache  Anwendung,  da  ihre  Wirkung 
häufig  vortreflFlich  ist.  Man  versteht  bekanntlich  unter  „Ableitung" 
(Derivation)  das  Aufhören  eines  krankhaften  Vorganges  oder  Erregungs- 
zustandes an  irgend  einer  Körperstelle  durch  (künstliche)  Etablirung 
eines  solchen  an  einer  anderen  mehr  oder  weniger  entfernten  Körper- 
stelle. Die  physiologischen  Vorgänge  dabei  sind  noch  ziemlich  wenig 
erforscht  und  die  meisten  Thatsachen  eigentlich  nur  auf  empirischem 
Wege  festgestellt.  Als  Ableitungsmittel  benutzen  wir  a.  starke  sen- 
sible Hautreize  —  dadurch  Alteration  der  sensiblen  Erregung  und 
Empfindung  in  anderen  Nervenbahnen  und  mächtige  Einwirkung  auf 
die  vasomotorischen  Nerven,  Gefässzusammenziehung  oder  -Erweite- 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Ableitungsmittel.  87 

rung.  —  b.  starke  Hyperämie  —  dadurch  Beseitigung  yon  Hyper- 
ämien am  Krankheitsherd,  Ablenkung  des  Blutes  nach  unwichtigen 
Steilen.  —  c.  Erzeugung  von  Entzündung  —  dadurch  „Ableitung" 
von  Entzündung,  Depletion  der  Blutgefässe.  —  d.  starke  Secretion 
—  dadurch  Depletion  des  Circulationsapparates ,  Beseitigung  von 
Hypeiümien,  Exsudaten  u.  s.  w.  Die  meisten  dieser  Ableitungs- 
mittel wirken  auf  die  Haut,  wenige  nur  auf  Darm  und  Nieren;  die 
ersteren  wurden  bei  Neuralgien  stets  bevorzugt. 

Der  bequemste  und  energischste  Hautreiz  ist  ohne  Zweifel  der 
elektrische  Pinsel  und  die  elektrische  Moxe:  ruft  colossale  sensible 
Reizung  hervor,  kann  beliebig  abgestuft  werden  und  hinterlässt  keine 
weiteren  Folgen.  Der  Effect  bei  Neuralgien  ist  meist  glänzend: 
vorübergehende  oder  dauernde  Beseitigung  des  Schmerzes;  beson- 
ders bei  peripheren  Neuralgien  ohne  materielle  Grundlage  anzuwen- 
den. —  Ganz  analoger  Weise  wirken  wohl  in  vielen  Fällen  das 
Ferrum  candens,  die  Moxen  u.  s.  w.,  nämlich  als  starke  sensible 
Hautreize;  besonders  die  Application  des  Glüheisens  an  ganz  ent- 
fernten Hautstellen  (z.  B.  Gauterisation  des  Ohres)  kann  nur  in 
dieser  Weise  wirksam  sein.  Es  ist  aber  notorisch,  dass  diese  Appli- 
cation nicht  selten  heftige,  veraltete  Neuralgien  (z.  B.  Ischias)  vor- 
übergehend und  selbst  dauernd  beseitigt.  In  anderen  Fällen  wirkt 
aber  das  Ferrum  candens  hauptsächlich  durch  die  nachfolgende  Ent- 
zündung und  Eiterung. 

Unter  den  Bubefacientien  sind  die  verschiedensten  im  Gebrauch: 
Sinapismen,  Einreibungen  mit  Ol.  terebinth.,  mit  Chloroform,  mit 
Veratrinsalben,  mit  Spir.  camphor.,  mit  Tinct.  Jodi,  mit  dem  be- 
feuchteten Höllensteinstift  u.  s.  w.  werden  empfohlen  und  verdienen 
auch  in  leichteren  rheumatischen  und  idiopathischen  Fällen  An- 
wendung. 

Unter  den  Vesicantien  ist  weitaus  hervorragend  das  gewöhnliche 
Blasenpflaster  (Empl.  canthar.).  Dasselbe  ist  besonders  von 
Valleix  als  das  Hauptmittel  bei  allen  möglichen  Neuralgien  em- 
pfohlen worden  und  hat  sich  auch  in  den  Händen  anderer  Beobachter 
als  ein  hervorragendes  Mittel  documentirt.  Die  eigentliche  Wirkungs- 
weise ist  noch  ziemlich  unklar;  die  Hauptsache  ist  wohl  der  eigent- 
liche Hautreiz;  demnächst  die  Vesication;  Anstie  hält  die  Wirkung 
für  eine  das  Nervensystem  stimulirende.  —  Am  evidentesten  sind  die 
Ertblge  bei  frischen  rheumatischen  Neuralgien;  doch  sieht  man  auch 
bei  veralteten,  habituellen  Fällen  manchmal  Nutzen;  Rosenbach 
erreichte  günstige  Wirkung  bei  den  Neuralgien  im  Beginn  des  Ileo- 
typhus.    Am  zweckmässigsten  ist  die  Anwendung  der  sog.  fliegen- 


88  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Herren. 

den  Vesicantien,  längs  des  erkrankten  Nerven;  Anstie  hält  die 
Application  in  der  Nähe  der  Poram.  intervertebral.,  an  welchen  der 
erkrankte  Nerv  austritt,  für  besonders  heilsam.  —  Längeres  Offen- 
halten der  Vesicatorflächen  ist  nar  in  ganz  veralteten  Fällen  rathsam. 
Bei  älteren  Personen  pflegen  Blasenpflaster  weniger  wirksam  zu  sein« 

Die  übrigen  hier  anzureihenden  Mittel  (Daphne  Hezereum,  Ein- 
reibung mit  Crotonöl,  mit  Pustelsalbe  u.  s.  w.)  stehen  an  Wirksam- 
keit und  Brauchbarkeit  weit  hinter  den  Blasenpflastem  zurück.  Die 
Anlegung  und  Unterhaltung  von  Fontanellen  kann  wohl  als  veraltet 
bezeichnet  werden. 

Die  Douche  filiforme,  die  Acupunctur,  die  subcutane  Injection 
von  Kochsalz,  von  Arg.  nitr.  u.  s.  w.  wirken  wohl  nur  als  starke 
Gegenreize  und  können  als  solche  ebenßills  zur  Beseitigung  von 
Neuralgien  beitragen. 

Das  Ferrum  candens  endlich  muss  als  ein  in  manchen  Fällen 
mächtiges  Mittel  bezeichnet  werden,  obgleich  seine  Indicationen  leider 
nicht  mit  genügender  Schärfe  gestellt  werden  können.  In  hartnäckigen, 
veralteten  Fällen,  wo  keine  schweren  Organerkrankungen  anzunehmen 
sind^  wird  man  zu  demselben  seine  Zuflucht  nehmen,  dagegen  ist  es 
als  Palliativmittel  von  anderen  weit  überholt.  Am  zweckmässigsten 
dürfte  die  oberflächliche,  strichweise  Cauterisation  sein. 

Zur  Ableitung  auf  den  Darm  und  die  Nieren  wird  man  bei 
Neuralgien  nur  selten  und  dann  nur  nach  ganz  speciellen  Indicationen 
Veranlassung  finden. 

Im  Allgemeinen  lässt  sich  wohl  sagen,  dass  die  Ableitungsmittel 
zumeist  fUr  leichte  und  frische  Fälle  passen  und  unter  diesen  beson- 
ders ftlr  die  rheumatischen  und  entzündlichen,  zum  Theil  auch  die 
idiopathischen  Formen ;  und  dass  sie  am  besten  bei  kräftigen,  jugend- 
lichen Individuen  wirken. 

Weitere  wichtige  Hülfsmittel  bei  der  Behandlung  der  Neuralgien 
sind  Bäder  und  Badecuren.  Auch  von  diesen  hat  man  in 
schweren  und  hartnäckigen  Fällen  natürlich  alles  nur  Mögliche  ver- 
sucht. Ausser  den  durch  die  Gausalindication  geforderten  Badecuren 
(Thermen,  Stahl wässer,  salinische  Quellen,  Seebäder  etc.)  hat  man 
auch  solche  direct  gegen  die  Neuralgie  unternehmen  lassen.  Den 
grössten  Buf  gemessen  hier  die  indifferenten  Thermen  wegen 
ihrer  beruhigenden,  erregbarkeitsvermindemden  Wirkung;  besonders 
die  kühleren  Thermen  scheinen  hier  wirksam.  Zu  nennen  wären 
etwa:  Schlangenbad,  Pfeffers,  Ragatz,  Wildbad,  Gastein,  Wiesbaden, 
Teplitz,  Leuk.  Im  Anschluss  daran  darf  man  wohl  die  Dampfbäder 
und  die  sogenannten  römisch-irischen  (heissen  Luft )  Bäder  erwähnen. 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Bäder.  89 

—  Specielle  Indicationen  anfzustellen,  ist  zur  Zeit  noch  recht  schwer. 
Ftlr  die  ktihleren  Thermen  mag  man  bestimmen:  Neuralgien  bei 
Spinalirritation  etc. ;  die  wärmeren  finden  Anwendung  bei  alten  rheu- 
matischen und  traumatischen  (Schussverletzung,  Narben  etc.)  Neur- 
algien mit  entsprechenden,  motorischen  und  trophischen  Störungen; 
die  Hochgebirgsthermen  endlich  sind  fOr  ältere  Leute  mit  beginnen- 
dem Atherom  etc.,  welche  einer  allgemeinen  Erfrischung  und  Kräftigung 
bedürfen. 

Ausser  den  Thermen  kommt  wenig  in  Frage :  in  analoger  Weise 
nfttzlich  sind  manchmal  Moorbäder.  —  Stahlwässer  nur  nach  besonderen 
Indicationen.  Kaltwassercuren  und  Seebäder  sind  in  manchen  ver- 
alteten Fällen  nützlich,  sollen  aber  ebenfalls  nur  nach  bestimmten 
Indicationen  verordnet  werden,  —  Luftcuren,  Gebirgsaufenthalt  u.  s.  w. 
ebenso  wie  Molkencuren,  Traubeneuren  u.  dgl.  werden  nur  der  Causal- 
indieation  genügen  müssen. 

Ein  letztes  und  fttr  viele  Fälle  offenbar  sehr  rationelles  Mittel 
besteht  endlich  darin,  dass  man  die  Fortleitung  der  schmerz- 
haften Erregung  zum  Gehirn  verhindert  und  dadurch  die 
Neuralgie  sistirt.  Das  ist  natürlich  zunächst  bei  peripheren  Neural- 
^en  indicirt,  wo  es  möglich  ist,  die  Leitungsunterbrechung  central 
yon  dem  Krankheitssitze  eintreten  zu  lassen.  Man  kann  diese  Lei- 
tuDgsunterbrechung  der  centripetalen  Fasern  bewirken: 

a.  durch  Compression  der  Nerven;  dieselbe  muss  so  energisch 
sein  und  so  lange  fortgesetzt  werden,  bis  die  sensible  Leitung  ge- 
hemmt ist.  Es  ist  das  ein  sehr  zweifelhaftes  und  gefährliches  Mittel, 
indem  der  richtige  Grad  der  Compression  schwer  zu  treffen  sein 
dürfte;  die  Gefahr  dauernder  Leitungsunterbrechung  liegt  nahe,  und 
ist  besonders  bei  gemischten  Nerven  eine  sehr  grosse,  indem  bekannt- 
lich die  motorischen  Nerven  durch  Compression  viel  leichter  dauernd 
ftmctionsunfähig  werden,  als  die  sensiblen.  Ausserdem  wird  sofort 
mit  dem  Aufhören  der  Compression  der  Schmerz  wieder  eintreten 
und  von  einer  dauernden  Heilung  kann  keine  Rede  sein.  Höchstens 
kann  man  die  Anfälle  dadurch  abkürzen.  Für  die  allermeisten  Fälle 
dürfte  es  sehr  schwierig  sein,  die  Compression  an  der  geeigneten 
centralen  Stelle  anzubringen  und  in  genügender  Weise  wirken  zu 
lass^i.  Es  ist  dies  wohl  nur  an  gewissen  Extremitätennerven  mög- 
lich; am  Trigeminus  in  den  allermeisten  Fällen  gewiss  nicht,  weil 
hier  der  Krankheitsherd  in  der  Regel  höher  sitzt,  als  die  ftir  Druck 
erreichbaren  Stellen  der  Trigeminusäste.  Wenn  man  trotzdem  gerade 
bei  Gesichtsneuralgien  häufig  von  den  Kranken  selbst  starke  Com- 
pression der  leidenden  Theile  des  Gesichts  instinctiv  als  Palliativ- 


90  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

mittel  angewendet  und  davon  auch  deutlichen  Erfolg  sieht,  so  ge- 
schieht dies  schwerlich;  wie  die  meisten  Autoren  glauben,  durch 
Leitungsunterbrechung  in  den  Nervenästen,  sondern  unserer  Meinung 
nach  mehr  durch  den  starken  Gegenreiz,  welchen  die  Compression 
ausübt,  ähnlich  wie  das  starke  Beiben  des  Gesichts,  was  man  bei 
denselben  Kranken  ebenfalls  häufig  als  Linderungsmittel  angewendet 
sieht.  Jedenfalls  ist  die  Compression  ein  höchst  unzuverlässiges  und 
flir  die  meisten  Fälle  verwerfliches  Mittel. 

b.  Durch  chirurgische  Eingriffe,  unter  welchen  vor  Allem  die 
Nervendurchschneidung,  Neurotomie  und  die  Resection  eines  mehr 
oder  weniger  langen  Nervenstücks,  die  Neurektomie  zu  nennen 
sind.  Diese  Operationen  sind  —  dies  ist  wenigstens  die  Regel  — 
nur  bei  rein  sensiblen  Nerven  anzuwenden^  da  bei  gemischten 
Nerven  Lähmungen  entstehen,  die  in  allen  Fällen  sehr  langsam  und 
manchmal  gar  nicht  heilen.  Man  wird  sich  also  zur  Operation  an  ge- 
mischten Nerven  nur  im  alleräussersten  Nothfall  entschliessen  dürfen« 

Zweck  dieser  Operationen  ist,  die  Fortleitung  des  krankhaften 
neuralgischen  Erregungsvorgangs  zum  Gehirn  zu  hemmen,  dadurch 
also  den  Schmerz  zu  beseitigen.  Eine  klare  Indication  liegt  also 
zunächst  nur  vor  für  die  rein  peripheren  Neuralgien,  bei  welchen 
ein  central  gelegnes  Stück  des  Nerven  der  Operation  zugänglich  ist. 
Man  macht  dann  die  Operation  zunächst,  um  die  Leiden  der  Kranken 
zu  tilgen,  sodann  aber  auch  in  der  Hoffnung,  dass  während  der  Zeit, 
die  bis  zur  Wiederherstellung  der  Leitung  durch  Zusammenheilung 
der  durchschnittenen  Nervenenden  verstreicht,  eine  definitive  Heilung 
des  peripheren  Krankheitsherdes  eintreten  werde,  eine  Hoffnung,  die 
auch  durch  die  bekanntlich  nach  Neurotomien  eintretende  periphere 
Degeneration  und  Regeneration  der  Nerven  unterstützt  wird.  Leider 
trügt  diese  Hoffnung  nicht  selten.  So  glänzend  auch  in  manchen 
Fällen  die  Resultate  der  Operation  sind,  so  sieht  man  doch  gar  zu 
häufig  mit  der  Wiederkehr  der  Sensibilität,  also  mit  dem  Zusammen- 
heilen der  Nervenenden,  auch  die  Neuralgie  wiederkehren  und  nicht 
selten  den  früheren  Grad  erreichen;  dies  geschieht  natürlich  rascher 
nach  Neurotomie,  als  nach  Neurektomie;  darnach  ist  die  Methode  zu 
wählen.  Bei  Recidiven  steht  natürlich  nichts  einer  wiederholten 
Operation,  der  Ausschneidung  der  Narbe,  entgegen  und  wenn  dieselbe 
leicht  ausführbar  ist,  werden  die  Kranken  um  diesen  Preis  gerne 
sich  wieder  für  eine  Reihe  von  Monaten  Ruhe  vor  ihrem  quälenden 
Leiden  verschaffen  lassen.*) 

1)  Es  wäre  auch  denkbar,  dass  bei  central  bedingter  Neuralgie  die  einzelnen 
Anfälle  durch  leichte  sensible  Reize  von  der  Peripherie  her  ausgelöst  wOrden; 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Operative  Eingriffe.  91 

Man  hat  aber  auch  —  so  wenig  verständlich  dies  auch  auf  den 
ersten  Anblick  erscheinen  mag  —  Erfolge  und  selbst  ganz  glänzende 
Erfolge  von  der  Neurektomie  bei  entschieden  centralen  Neuralgien 
eintreten  sehen.  Es  ist  durch  die  ungemein  zahlreichen  Beobach- 
tungen hervorragender  Chirurgen  auf  diesem  Gebiet  (Nussbaum, 
Schuh,  Patruban,  Wagner,  Nölaton,  Gross,  Podratzki 
o.  s.  w.)  über  jeden  Zweifel  festgestellt,  dass  auch  centrale  Neuralgien 
durch  operativen  Eingriff  für  küi*zere  oder  längere  Zeit  zum  Ver- 
schwinden gebracht  werden  können  und  schon  Bell  hat  ausge- 
sprochen, dass  der  operative  Eingriff  an  sich  schon  zuweilen  eine 
Bolche  Stimmufgsänderung  im  Nervensystem  hervorbringe,  dass  da- 
durch Heilung  von  Neuralgien  eintrete.  Man  sieht  sich  so  zur  Ueber- 
zeugung  gedrängt,  dass  der  mächtige,  durch  die  Operation  gesetzte 
peripherische  Reiz  die  —  wenn  auch  nicht  durchsichtige  —  Ursache 
des  Yerschwindens  der  Neuralgie  sei,  dass  er  ähnlich  wie  ein  starker 
Gegenreiz  von  der  Haut  her  als  ein  energisches  Alterans  auf  das 
Nervensystem  wirke  und  dadurch  wenigstens  temporäre  Heilung  her- 
beiführe. Vielleicht  handelt  es  sich  dabei  um  einen  analogen  Vor- 
gang wie  bei  der  bekannten  Reflexhemmung  durch  starke  sensible 
Reize.  Es  wird  dadurch  auch  verständlich,  dass  man  in  einzelnen 
Fällen  Heilung  von  Neuralgien  hat  eintreten  sehen  in  Folge  von 
Resection  mehr  oder  weniger  entfernter  und  anscheinend  gar  nicht 
betheiligter  Nervenstämme  (Bardeleben,  Nussbaum). 

In  den  meisten  von  diesen  Fällen  tritt  aber  nach  längerer  oder 
kürzerer  Zeit  der  Schmerz  wieder  auf  und  man  hat  sich  dadurch 
zu  wiederholten  Operationen  veranlasst  gesehen,  und  höher  gelegne 
Nervenstellen  oft  durch  höchst  schwierige  und  gefährliche  Operationen 
(Resection  des  Oberkiefers  etc.)  zu  erreichen  gesucht  —  nicht  immer 
mit  dauerndem  Erfolg.  Wenn  man  jedoch  erwägt,  dass  in  den  meisten 
Fällen  die  centripetale  Wirkung  der  Resection  an  sich  das  Wirksame 
zu  sein  scheint,  so  erscheinen  solch  grosse  und  schwierige  Operationen 
ungerechtfertigt  und  es  dürfte  die  wiederholte  Durchschneidung  an 
derselben  peripherischen  Stelle  genügen.    Nur  bei  bestimmten  An- 


mit  der  Dorchschneidaag  der  peripherischen  Nerven  fallen  diese  centripetalen 
Erregungen  und  damit  die  Qelegenheitsursachen  der  Paroxysmen  fort;  diese  hören 
also  auf  oder  werden  seltener,  so  lange,  bis  mit  der  Regeneration  auch  wieder  die 
peripheren  Erregungen  kommen.  Auch  für  diese  Fälle  wäre  die  Neurektomie  ein 
gutes  Palliativmittel.  —  Eine  weitere  Ursache  von  Recidiven  liegt  ohne  Zweifel 
darin,  dass  diejenigen  krankhaften  Processe  am  Nerven,  wegen  deren  die  Opera- 
tion gemacht  wurde,  am  centralen  Stumpf  sich  weiterentwickeln  und  so  die  früheren 
Symptome  wieder  hervorrufen. 


92  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

haltspunkten  fUr  den  wirklich  peripheren  Sitz  möchten  die  gefähr- 
licheren Operationen  zu  gestatten  sein. 

Es  sind  fast  nur  die  Verzweigungen  des  Trigeminus,  welche  den 
Gegenstand  solcher  Operationen  bilden;  an  den  Extremitäten  kann 
man  die  verschiedenen  rein  sensiblen  Hautäste  jedoch  in  der  gleichen 
Weise  in  Angriff  nehmen;  an  den  gemischten  Nervenstämmen  darf 
man  sich  nur  schwer  dazu  entschliessen ,  wird  aber  auch  hier  in 
manchen  Fällen,  besonders  wo  es  sich  um  Exstirpation  von  Neuromen, 
Excision  von  Narben  u.  s.  w.  handelt,  die  Resection  nicht  vermeiden 
können ;  es  muss  aber  dann  für  möglichst  sichere  Wiedervereinigung 
der  Nervenenden  gesorgt  werden. 

Wenn  man  erwägt,  dass  in  vielen  Fällen  äusserst  schwierige 
und  umfangreiche  Operationen  gemacht  werden  müssen,  um  den  be- 
absichtigten Zweck  zu  erreichen,  und  dass  in  manchen  Fällen  ein 
tödtlicher  Ausgang  derselben  eingetreten  ist;  wenn  man  sich  den 
äusserst  belehrenden  Fall  von  W  i  e  s  n  e  r  (Berl.  klin.  Wochenschr.  1868) 
vor  Augen  hält,  in  welchem  nach  wiederholten  grossen,  aber  erfolg- 
losen Operationen  der  galvanische  Strom  noch  Heilung  eines  schweren 
Tic  douloureux  brachte,  wird  man  sich  der  Ueberzeugung  nicht  ver- 
schliessen,  dass  eine  Indication,  wenigstens  für  die  schwierigeren 
Proceduren  der  Neurektomie,  nur  in  den  durch  kein  anderes 
Mittel  heilbaren,  schweren  und  quälenden  Neuralgien 
gestellt  werden  darf;  für  solche  Fälle  muss  die  Operation  das  ulti- 
mum refugium  sein.  Zu  den  leichteren  Operationen  der  einfachen 
Nervendurchschneidung,  die  man  subcutan  ausführen  kann,  wird  man 
sich  dagegen  leichter  entschliessen  dürfen.  —  Auch  bei  Neuralgien 
in  Amputationsstümpfen  wird  eine  frühzeitige  Resection  hoch  oben 
gerechtfertigt  sein,  so  lange  der  Beizungsprocess  am  Stumpf  sich 
noch  nicht  weit  nach  oben  fortgepflanzt  hat.    (Mitchell.) 

Ganz  aus  der  Therapie  der  Neuralgien  zu  streichen  sind  aber  die 
Amputationen  oder  Exarticulationen  der  Gliedmassen, 
die  man  unbegreiflicherweise  ebenfalls  bei  Neuralgien  ausgeführt  hat. 
Da  offenbar  diese  Operationen  nicht  mehr  leisten  können,  als  die 
Durchschneidung  der  betreffenden  Nervenstämme,  da  sie  überdies 
häufig  lebensgefährlich  sind,  kann  von  ihrer  Anwendung  weder  bei 
peripheren  noch  bei  centralen  Neuralgien  vernünftiger  Weise  die  Rede 
sein ;  es  sei  denn,  dass  ausser  der  Neuralgie  noch  anderweitige  krank- 
hafte Processe  vorhanden  wären,  welche  an  und  ftlr  sich  die  Vor- 
nahme solcher  Operationen  erheischten. 

Hier  ist  endlich  noch  ein  Wort  beizufügen  über  die  auf  opera- 
tivem Wege  herbeigeführte  Hemmung  des  arteriellen  Blut- 


Neuralgie  im  Allgemeinen.    Therapie.    Allgemeiner  Gurplan.  93 

Zuflusses  zu  den  erkrankten  Theilen  als  Heilmittel  der  Neuralgie. 
Trousseau  suchte  das  durch  Dnrehschneidung  und  nachfolgende 
Compression  der  Arterien  zu  erreichen  und  hat  von  einer  solchen 
Durchschneidung  der  Art.  temporalis  und  occipitalis  wiederholt  glän- 
zende Erfolge  hei  Neuralgien  des  Kopfes  gesehen;  diese  kleine 
Operation  verdient  öfter  versucht  zu  werden.  —  Nussbaum  und 
Patruban  haben  dann  in  neuerer  Zeit  zur  Heilung  von  schweren 
Gesichtsneuralgien  die  Arter.  carotis  der  leidenden  Seite  unterbunden 
und  dadurch  radicale  Heilung  bewirkt.  Auch  zu  diesem  heroischen 
und  lebensgefährlichen  Mittel  wird  man  sich  nur  in  den  verzweifeisten 
Fällen  entschliessen. 

Von  Nussbaum  (Deutsch.  Zeitschr.  f.  Chir.  Bd.  I.  1872)  ist 
auch  neuerdings  ein  anderes  operatives  Verfahren  in  die  Therapie 
der  Neurosen  eingeführt  worden,  welches  noch  zu  wenig  Nachahmer 
geftmden  hat,  als  dass  jetzt  schon  ein  Urtheil  über  dasselbe  gefällt 
werden  könnte.  Es  besteht  dasselbe  in  Blosslegung  und  Dehnung 
der  von  krankhaften  Vorgängen  heimgesuchten  peripherischen  Nerven. 
Nussbaum  beseitigte  damit  eine  schmerzhafte  Contractur  mit  Anä- 
sthesie in  der  linken  oberen  Extremität;  Gärtner  ebenfalls  eine  alte, 
schmerzhafte  paralytische  Muskelcontractur  des  rechten  Arms;  und 
Patruban  (AUgem.  Wien.  med.  Zeit.  1872.  No.  43  u.  flf.)  heilte 
mit  dem  gleichen  Verfahren  eine  heftige  und  hartnäckige  Ischias. 
Ueber  den  wirklichen  Werth  solcher  kühnen  Operationen  können 
erst  weitere  Erfahrungen  belehren. 


Nach  dieser  Au&ählung  unserer  Hilfsmittel  zur  Bekämpftmg  der 
Neuralgie  mögen  noch  einige  allgemeine  Bemerkungen  über 
den  Gurplan  im  einzelnen  Falle  gestattet  sein.  Natürlich  müssen 
sich  diese  Bemerkungen  auf  die  aller-allgemeinsten  Umrisse  be- 
schränken. 

In  jedem  einzelnen  Falle  hat  man  zunächst  eine  möglichst  ge- 
naue Untersuchung  vorzunehmen  und  die  Ermittlung  der  Krankheits- 
ursachen zu  erstreben;  darnach  ist  vor  allen  Dingen  die  Causalindi- 
cation  zu  erfüllen. 

Der  Kranke  will  aber  vor  allem  möglichst  hald  seinen  Schmerz 
los  sein  und  deshalb  wird  man  sich  in  der  Regel  auch  alsbald  ver- 
anlasst sehen,  eines  der  sicherem  Palliativmittel  anzuwenden,  umso- 
mehr  als  gerade  die  wichtigeren  unter  diesen  Mitteln  gewöhnlich 
auch  der  Indicatio  morbi  entsprechen;  also  wird  man  entweder  sofort 
die  Elektricität,  oder  subcutane  Morphiuminjectionen  anwenden,  oder 


94  Krb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

kann  wohl  auch  die  innere  Darreichung  von  Morph,  mit  Chinin  vor- 
nehmen. Man  kann  wohl  auch  mehrere  dieser  Mittel  miteinander 
verbinden;  z.  B.  Galvanisation  imd  Injectionen.    Als  Untersttitzungs-  1 

mittel  dienen  in  geeigneten  Fällen  Ableitungsmittel  (besonders  fliegende 
Vesicantien,  reizende  Einreibungen,  Veratrinsalben  u.  s.  w.)  oder  die 
Kälte,  oder  Bäder,  dazu  richtige  diätetische  Vorschriften,  die  jedem  j 

einzelnen  Falle  angepasst  werden  müssen.  —  Wo  keine  Ursache  zu  1 

ermitteln  ist  und  wo  die  Palliativa  eben  nur  palliativ  wirken,  gehe 
man  dann  neben  dem  Fortgebrauch  dieser  letzteren  zu  den  eigent- 
lichen Specificis  über:  man  versuche  Arsen,  Zink,  Kai.  bromat,  Ol.  1 
terebinth.  u.  s.  w.  je  nach  den  für  das  eine  oder  andere  dieser  Mittel 
sprechenden  Verhältnissen. 

Consequenz  in  dem  Gebrauche  der  einzelnen  Mittel  ist  natürlich 
nothwendig;  doch  werde  dieselbe  namentlich  bei  den  Narcoticis  nicht 
übertrieben  wegen  der  unangenehmen  Erscheinungen,  welche  die 
Entwöhnung  von  diesen  Mitteln  zu  begleiten  pflegen.  Sind  die  ge- 
wöhnlichen und  vertrauenswürdigeren  Mittel  erschöpft,  dann  müssen 
nach  der  Reihe  die  übrigen  Specifica  versucht  werden;  man  kann 
durch  energische  Badecuren,  Diät,  Kaltwassercuren  u.  s.  w.  eine 
günstige  Umstimmung  des  Gesammtorganismus  und  speciell  des  Ner- 
vensystems herbeizuführen  suchen.  Die  individuellen  Verhältnisse 
müssen  dafür  die  nöthigen  Anhaltspunkte  liefern.  —  Endlich  wird 
man  sich  in  den  allerhartnäckigsten  und  schwersten  Fällen  zur  Vor- 
nahme chirurgischer  Eingriffe  entschliessen. 

Bei  der  Behandlung  des  einzelnen  neuralgischen  Anfalls  muss 
die  Auswahl  der  geeigneten  Erleichterungsmittel  dem  Ta<5te  des 
Artes  hauptsächlich  überlassen  werden ;  in  den  einzelnen  Fällen  kann 
man  verschiedene  Maassnahmen  treffen :  Absolute  Ruhe,  Wärme,  warme 
Hand-  oder  E\issbäder,  leichte  Ableitungsmittel  (Sinapismen,  Reiben, 
Bürsten),  Compression,  Sorge  für  Darmentleerung;  auch  rasche 
Schweisserzeugung  durch  Einschlagen  in  ein  nasskaltes  Lacken  und 
wollene  Decken;  vorsichtige  Chloroforminhalation;  das  souveräne 
Mittel,  welches  in  dringenden  und  schweren  Fällen  am  meisten  Ver- 
trauen verdient,  ist  eine  tüchtige  hypodermatische  Morphiuminjection. 

Weitere  Details  und  etwaige  Modificationen  der  im  Vorstehenden 
auseinandergesetzten  Therapie  der  Neuralgien  werden  bei  den  einzelnen 
Formen  der  Neuralgie  ihre  Stelle  finden. 


Neuralgien.     Trigeminusneuralgie.    Begriffsbestimmung.  95 

2.  Nenralgien  der  einzelnen  Nerven. 

a.  Neuralgie  des  Nervus  trigeminus.    Neuralgia  Quinti. 
Prosopalgie.    FothergilTscher  Gesichtsschmerz. 

Tic  douloureux. 

J.  Fothergill,  Med.  observ.  and  inquir.  Tom.  V.  1773.  —  Pujol,  Essai 
Bur  le  tic  douloor.  Paris  1787.  —  M^giin,  Recherch.  sur  la  n^vr.  faciale. 
Strassb.  1816.  —  Masius,  Beiträge  zu  einer  künft.  Monographie  des  Gesichts- 
Bchmerzes.  Hecker*s  liter.  Annal.  1826.  —  John  ßcott,  Uases  of  tic  doul.  and 
other  forms  of  neuralgia.  Lond.  1834.  —  Schauer,  Gesichtsschm.  als  Symptom, 
Casper's  Wochenschr.  1838.  —  Romberg,  Neuralg.  nervi  V.  specimen.  Berol. 
1840.  —  K.  H.  W.  Barth,  Mehriähr.  Sorgfalt.  Beobachtung  über  den  Gesichts- 
schm. Halle  1825.  —  Notta,  Arch.  g6ner.  1854.  —  Wiesner,  Berl. klin.  Woch. 
t86S  No.  17  u.  18.  —  Jonath.  Hutchinson,  On  herpes  zoster  frontalis  seu 
ophthalmicus.  Lond.  Ophthalm.  Hosi).  Rep.  V.  1866  u.  VI.  1869.  —  Bowman, 
Gases  of  zoster  of  the  Ophthalmie,  region.  ibid.  VI.  p.  1. 1869.  —  Urbantschitsch, 
Troph.  Störungen  im  Gebiet  d.  N,  auriculo-tempor.  trigemini.  Wien,  med  Press. 
1874  No.  32  u.  33.  —  Vergl.  femer  die  Lehr-  und  Handbücher  von  Romberg, 
Hasse,  Rosenthal,  Eulenburg  u.A.  und  die  Werke  über  Elektrotherapie.  — 
Valleix  1.  c.  p.  7—184.  Anstie  1.  c.  an  verschied.  Stellen.  —  Trousseau, 
N^vralg.  ^pileptiforme.    Arch.  g^nör.  1853.  — 

S  c  h  u  n ,  üeber  Gesichtsneuralg.  u.  Nervenresection.  1 858.  —  v.  B  r  u n  s ,  Durch- 
schneidung der  Gesichtsnerven  bei  Gesichtsschmerz.  Tübing.  1859.  —  Bratsch, 
Bericht  über  93  Nervenresectionen,  5  Carotisunterbindungen  etc.  von  Prof.  Nuss- 
baum  ausgeführt  Bayr.  ärzt.  Intell.  1863. —  A.  Wagner,  Ueb.  nervös.  Gesichts- 
schm. und  seine  Behandl.  durch  Neurectomie.  Arch.  f.  klin.  Chir.  XL  1869.  — 
Patruban,  ünterb.  d. Carotis  comm.  Woch.  d.  Gesellsch.  d.  Wien.  Aerzte.  1866. 

Begriffsbestimmung.  Unter  der  Bezeichnung  Trigemi- 
nusneuralgie oder  Prosopalgie  fasst  man  alle  Neuralgien  zu- 
sammen, welche  im  Ner7.  trigeminus  oder  seinen  sensiblen  Aesten 
und  Zweigen  ihren  Sitz  haben  und  die  demnach  an  den  verschie- 
densten Stellen  des  Verbreitungsbezirks  dieses  Nerven  auftreten  kön- 
nen. Es  kann  das  ganze  Gebiet  des  Trigeminus  von  der  Neuralgie 
befallen  sein,  wiewohl  das  im  strengen  Sinn  des  Wortes  nicht  leicht 
vorkommen  dürfte ;  oder  es  sind  nur  einzelne  Aeste  oder  Zweige  er- 
griffen und  unter  diesen  wieder  einzelne  mit  besonderer  Häufigkeit 
(z.  B.  Supra-  und  Infraorbitalis ,  Mentalis),  während  andere  seltner 
oder  fast  nie  an  der  Neuralgie  betheiligt  erscheinen  (Lingualis, 
Auriculares  anteriores,  Becurrentes  [durae  matris]).  —  Dass  der  Nerv, 
facialis  niemals  der  Sitz  dieser  Neuralgie  sein  kann,  bedarf  wohl 
heutzutage  keiner  besonderen  Erwähnung  mehr;  seine  manchmal  zu 
beobachtende  scheinbare  Betheiligung  daran  verdankt  er  aus- 
schliesslich den  ihm  beigemischten  sensiblen  Trigeminusfasem  (£am. 
communic.  facial.). 

Die  Prosopalgie  gehört  zu  den  häufig  vorkommenden  Neuralgien ; 
sie  erscheint  alltäglich  in  allen  möglichen  Formen,  von  welchen  zum 
Gltlck  die  schweren  jedoch  zu  den  Seltenheiten  gehören.    Sie  ist 


96  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

fast  immer  nur  einseitig  vorhandeD,  doch  sind  auch  zahlreiche  Fälle 
von  doppelseitigem  Auftreten  bekannt;  keine  Seite  des  Gesichts  wird 
besonders  von  ihr  bevorzugt. 

Aetiologrie  und  Pathogenese. 

Die  Häufigkeit  der  Prosopalgie  erklärt  sich  wohl  hinreichend 
aus  dem  grossen  Verbreitungsbezirk  und  der  reichen  Yei^telung  des 
Quintus ;  aus  der  anatomischen  Lagerung  seiner  Aeste,  welche  durch 
zahlreiche  Fissuren ,  Löcher  und  Knochenkanäle  zu  passiren  haben 
und  so  mancherlei  mechanischen  Einwirkungen  ausgesetzt  sind;  ans 
den  Beziehungen  seiner  Zweige  zu  zahlreichen  wichtigen  Organen, 
deren  Störungen  sich  auf  den  Nerven  weiter  verbreiten  können ;  end- 
lich aus  dem  Umstände,  dass  das  Gesicht  in  höherem  Maasse  äusseren 
Schädlichkeiten,  Erkältungen,  Traumen  u.  s.  w.  ausgesetzt  ist,  als 
der  Verbreitungsbezirk  anderer  Nerven. 

lieber  das  Wesen  der  Prosopalgie  und  ihre  Pathogenese  kann 
dem  dartlber  bei  den  Neuralgien  im  Allgemeinen  Gesagten  nichts 
weiter  hinzugefügt  werden;  nur  die  einzelnen  ursächlichen  Momente 
mögen  hier  eine  kurze  Erwähung  finden. 

Unter  den  prädisponirenden  Momenten  spielt  die  Here- 
di t  ä  t  eine  ganz  entschiedene  Rolle ;  es  existiren  viele  Beispiele,  wo 
die  Krankheit  in  mehreren  Generationen  einer  Familie  auftrat  — 
In  noch  höherem  Maasse  wichtig  ist  die  neuropathische  Dis- 
position, mag  sie  angeboren  oder  erworben  sein :  sie  äussert  sich 
ungemein  häufig  in  dem  Auftreten  von  Gesichtsschmerz  und  jeder 
Praktiker  wird  bestätigen  können,  dass  man  die  Prosopalgie  beson- 
ders häufig  bei  sog.  » nervösen  *"  Individuen,  bei  Hysterischen  und  zu 
vielerlei  Nervenleiden  Geneigten  findet.  —  In  Bezug  auf  das  Lebens- 
alter lehrt  die  Statistik,  dass  in  der  Kindheit  das  Leiden  sehr  ftelten 
ist  (Ghaponni6re  fand  unter  119  Fällen  nur  2  bei  Kindern  unter 
10  Jahren) ;  dass  es  im  mittleren  Lebensalter  viel  häufiger  wird,  aber 
auch  im  späteren  Alter  noch  recht  häufig  auftritt ;  gerade  in  die  Zeit 
der  beginnenden  Senescenz  fällt  oft  die  Entstehung  der  schwersten 
und  unheilbaren  Fälle.  —  Das  Geschlecht  erscheint  von  deutlichem 
Einfluss,  indem  den  meisten  Zusammenstellungen  zufolge  Weiber  viel 
häufiger  befallen  werden,  als  Männer.*)  —  Das  Geschlechtsleben 
ist  hier  ebenso  von  Einfluss  wie  bei  Neuralgien  überhaupt;  bei  Frauen 
ist  das  Klimakterium  die  Zeit,  wo  häufig  Prosopalgie  zum  Ausbruch 


1)  Nach  Valleix   t43   Weiber  auf   124    M&nner;  Hasse  30  W.,  27  M.^ 
Schramm  136  W.,  59  M.;  Erb  51  W.,  21  M. 


Neuralgien.    Trigeminusneuralgie.    Aetiologie  and  Pathogenese.  97 

kommt.  Alle  geschlechtlichen  Excesse  nnd  UeberreizuDgen  sind  ge- 
eignety  die  Disposition  zu  fördern.  —  Anämie,  allgemeine  Er- 
nährnngsstörnngen;  Dyskrasien  n.  s.  w.  spielen  hier  dieselbe 
RolIO;  wie  bei  allen  Neuralgien.  Von  besonderer  Wichtigkeit  scheinen 
Senescenz;  fettige  Gewebsdegenerationen ,  Arterienerkrankungen 
fliT  die  Entstehung  der  Prosopalgie  zu  sein.  Der  prädisponirende 
Einfluss  Ton  Jahreszeit  und  Temperatur  ist  noch  nicht  hin- 
reichend erforscht. 

Unter  den  Gelegenheitsursachen  ist  vor  allen  Dingen  die 
Malariainfection  zu  nennen.  Sie  erzeugt  die  typischen  Formen 
Yon  Qesichtsneuralgie,  die  fast  ausschliesslich  im  Ram.  supraorbitalis 
locaUsirt  sind,  und  sich  durch  ihr  endemisches  oder  epidemisches 
Auftreten  in  Malariagegenden,  ihren  regelmässig  typischen  (Quotidian-, 
Tertiantypns,  selten  höhere  Typen)  Verlauf  und  ihre  leichte  Heil- 
barkeit durch  Chinin  charakterisiren.  —  Denmächst  ist  die  häufigste 
Ursache  wohl  Erkältung  und  das  erklärt  sich  bei  der  exponirten 
Lage  der  meisten  Trigeminuszweige  hinreichend.  Es  ist  gar  keinem 
Zweifel  unterworfen ;  dass  ein  grosser  Theil  sowohl  der  leichteren, 
rasch  vorübergehenden,  als  auch  der  schwerer  heilbaren,  chronischen 
Formen  von  Prosopalgie  auf  die  bekannten  Erkältungsursachen :  kalten 
Luftzug,  Durchnässung,  nasse  Fttsse  u.  s.  w.  zurQckgeftlhrt  werden 
kann,  wenn  wir  auch  ttber  die  dabei  stattfindenden  feineren  Vorgänge 
mid  ihren  Mechanismus  noch  ganz  im  Unklaren  sind.  —  Die  im  Be- 
ginn des  Ileotyphus  auftretenden  Neuralgien  betreffen  fast  ausschliess- 
lich das  (Gebiet  des  Trigeminus  und  der  Occipitalneryen.  (Rosen- 
bach.) 

Seltener  sind  Traumen  und  Fremdkörper  die  Ursachen 
von  Gesichtsneuralgien ;  doch  sind  Fälle  genug  beschrieben,  wo  trau- 
matische Einwirkungen  die  Krankheit  im  Gefolge  hatten,  oder  wo 
die  Untersuchung  Fremdkörper  ergab,  mit  deren  Entfernung  die  Neur- 
al^e  verschwand  (Glassplitter,  Porzellanscherben,  Stttckchen  von 
Bleikugeln  u.  s.  w.). 

Erkrankungen  benachbarter  Organe  sind  eine  ungemein 
häufige  Quelle  von  Gesichtsneuralgien  und  gerade  der  schwereren 
Formen  derselben.  Besonders  sind  hier  Erkrankungen  der  Schädel- 
und  Gesichtsknochen  zu  erwähnen,  welche  bei  den  innigen  Beziehun- 
gen des  Trigeminus  zum  Knochengerttst  von  allergrösster  Bedeutung 
sind:  man  hat  Verdickungen  und  Hyperostosen  dieser  Knochen,  ent- 
zündliche Schwellungen  derselben  und  ihres  Iferiosts,  Verengerung 
der  verschiedenen  Knochenkanäle,  Caries,  Exfoliation  von  Knochen- 
partien, Exostosen  besonders  an  Zähnen  und  Zahnwurzeln  als  Ursachen 

HMidVach  d.  spec.  Pathologie  n.  Therapie.    XIL  Bd.  1.    2.  Aufl.  * 


98  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

nachgewiesen.  *)  Demnächst  sind  es  Neubildungen  der  yerschiedeasten 
Art  und  des  verschiedensten  Sitzes,  welche  Prosopalgie  hervorrufeDy 
wenn  sie  den  Trigeminus  oder  seine  Zweige  mechanisch  beeinträch- 
tigen oder  wohl  auch  in  mehr  actiye  Mitleidenschaft  ziehen :  besonders 
sind  es  Geschwülste  an  der  Schädelbasis,  an  der  Dura  mater,  an 
den  Kiefern,  welche  hier  in  Frage  kommen.  —  Endlich  hat  man  ans 
dem  berühmten  Falle  von  Romberg  auch  aneurysmatische 
Erweiterug  der  Carotis  interna,  da  wo  sie  dem  GangL 
Gasseri  anliegt,  als  eine  mißliche  Ursache  der  Prosopalgie  kennen 
gelernt  und  man  dürfte  an  diese  Möglichkeit  besonders  da  zu  denken 
haben,  wo  an  dem  Stamm  der  Carotis  und  ihren  HauptHsten  sich 
die  Zeichen  des  Atheroms  und  der  Aneurysmenbildung  unzweideutig 
nachweisen  lassen. 

Anatomische  Veränderungen  am  Nerven  und  im  Gehirn 
hat  man  nicht  selten  nachweisen  können,  theils  bei  Nekropsien,  theils 
an  durch  Besection  entfernten  Neryenstücken.  Die  Befimde  sind 
jedoch  durchaus  nicht  übereinstimmend.  So  fiind  man  am  Nerven 
selbst  (Stamm  oder  Zweige):  Neurilemm  verdickt,  geschwollen,  ge- 
röthet  (Carnochan,  Wagner,  Podrazky  u.  A.);  Verdickung, 
bindegewebige  Entartung  des  Gangl.  Gasseri  und  der  Nervenstämme 
(Laveran,  Podrazky);  Abplattung  und  Atrophie  des  Ganglion  und 
seiner  Aeste  (Rom borg);  kleine  kalkige,  anorganische  Concremente 
an  der  Nervenscheide  (Allan,  Norman,  Sharp).  Diesen  Be- 
funden gegenüber  darf  jedoch  nicht  verschwiegen  werden,  dass  in 
einer  ganzen  Beihe  von  Fällen  die  genaueste  Untersuchung  an  ezci- 
dirten  Nervenstücken  nichts  Krankhaftes  hat  entdecken  können  und 
dass  auch  nicht  wem*ge  Nekropsien  nur  negative  Besultate  ergeben 
haben.  —  Hier  sei  beigeftigt,  daiss  auch  aus  klinischen  Gründen  wahr- 
scheinlich ist,  dass  sowohl  active,  wie  passive  Hyperämie  des 
Nerven  gelegentlich  Ursache  von  Prosopalgie  wird,  wenn  sich  das 
auch  anatomisch  nur  schwer  nachweisen  lassen  wird.  Mit  dem  Nach- 
weis von  eigentlichen  Gehirnerkrankungen,  welche  ohne  Be- 
einflussung des  intracraniellen  Theils  des  Nerven  bloss  durch  Affection 
seiner  intracerebralen  Faserung  Prosopalgie  erzeugt  hätten,  ist  man 
noch  nicht  sehr  weit  gekommen.  Es  sind  einzelne  Fälle  bekannt, 
wo  Tumoren,  Erweichungsherde,  Abscesse  u.  s.  w.  an  verschiedenen 


1)  Einen  sehr  interessanten  Fall  von  typischem  Tic  douloureux,  bei  welchem 
die  Section  eine  spitze,  den  Stamm  des  Trigeminus  an  der  Schädelbasis  durch- 
bohrende Exostose  nachwies,  hat  Chouppe  in  den  Arch.  de  Physiol.  T.  IV. 
p.  ö5S  mitgeiheilt 


Neunügieii.    Trigeminosneuralgie.    Aetiologie  und  Pathogenese.  99 

Tbeilen  des  Gehirns  mit  Trigeminusneoralgie  einhergingen ;  allein 
diese  Fälle  sind  im  Ganzen  sehr  selten  und  dies  mögen  Diejenigen 
berücksichtigen,  welche  nor  allzuleicht  einen  grossen  Theil  der  Pro- 
sopalgien fbr  excentrische,  ftlr  solche  wirklich  centralen  Ursprungs 
erklären. 

Eine  wichtige  und  häufige  Veranlassung  zu  Gesichtsneuralgien 
haben  wir  in  den  verschiedenartigsten  Beizungen  peripherer 
Nerven  zu  constatiren.  Dieselben  können  zunächst  die  Verzwei- 
gungen des  Trigeminus  selbst  betreffen  und  haben  wir  in  dieser  Be- 
ziehung die  Fremdkörper  bereits  oben  erwähnt  Demnächst  ist  es 
besonders  häufig  der  Reiz  von  cariösen  Zähnen,  welcher  sich  oft  als 
Ursache  nachweisen  lässt,  wenn  auch  allerdings  durchaus  nicht  in 
allen  Fällen,  wo  Zahncaries  neben  Gesichtsneuralgie  besteht;  die 
grosse  Häufigkeit  der  Zahncaries  macht  es  begreiflich;  dass  dieselbe 
ganz  unabhängig  und  ohne  Beziehung  zur  Prosopalgie  bestehen  kann. 
Auch  gehinderter  Ausbruch  der  Weisheitszähne  und  falsche  Entr 
wiekelui^  derselben  kann  zur  Neuralgie  ttthren.  —  Femer  hat  man 
Erkrankungen  der  Nasen-  und  Stirnhöhlen  als  Ursachen  der  Gesichts- 
neuralgie beschuldigt;  ich  sah  eine  solche  im  Gefolge  einer  papillo- 
matösen  Wucherung  am  harten  Gaumen  sich  entwickeln.  —  Beson- 
ders häufig  aber  entstehen  solche  Neuralgien  aus  Beizungen  der 
Augen:  Ueberanstr^gung  der  Augen,  Lesen  bei  schlechter  oder  allzu 
greller  Beleuchtung  werden  beschuldigt,  und  sind  bei  vorhandener 
Disposition  gewiss  eine  häufige  Quelle  neuralgischer  Beschwerden. 
Inwieweit  das  Gleiche  gilt  von  wirklichen  Erkrankungen  des  Auges, 
welche  mit  neuralgischen  Erscheinungen  nicht  selten  complicirt  sind 
(Olaueoma,  Herpes  conjunctivae  u.  s.  w.)  und  ob  dieselben  nicht 
teilweise  Folgen  und  Begleiterscheinungen  der  Neuralgie  sind,  ist 
noch  nicht  hinreichend  festgestellt  und  wird  unten  noch  näher  be- 
rührt werden. 

Es  können  aber  auch  von  entfernteren  Nervengebieten  Beizungen 
ausgehen,  welche  zur  Trigeminnsneuralgie  ftilu-en.  Anstie  hat  zwei 
Fälle  gesehen,  in  welchen  Verletzungen  des  Uhiaris  und  des  Occipi- 
taÜB  eine  Gesichtsneuralgie  hervorgerufen  hatten,  deren  ursächlicher 
Zusammenhang  mit  der  ursprüngUohen  Verletzung  ziemlich  sicher 
nachweisbar  war.  —  Hierher  gehören  auch  die  Fälle,  wo  angeblich 
Intestinalreiz  (durch  Würmer,  Obstipation  u.  dgl.),  wo  Genitalreiz 
(durch  functionelle  Ueberreizung,  oder  besonders  Uterinerkrankungen, 
Ovurialleiden  u.  s.  w.)  als  Ursachen  des  Gesichtsschmerzes  angeführt 
werden. 

Endlich  wird  von  Anstie  auch  psychische  Ueberanstren- 

7* 


100  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

gUBg  durch  ttbermässige  geistige  Arbeit,  durch  Sorgen,  Kummer  etc. 
als  directe  Veranlassung  der  Prosopalgie  angegeben. 

In  welchem  Zusammenhang  diese  Momente  alle  mit  der  Neuralgie 
stehen,  welchem  Mechanismus  die  Entstehung  derselben  zu  danken 
ist,  darüber  haben  wir  nichts  als  Yermuthungen ;  es  kann  unbenommen 
bleiben,  einen  Theil  dieser  Fälle  mit  dem  Nichts  erklärenden  Namen 
„Reflexneuralgien''  zu  belegen. 

Der  Vollständigkeit  wegen  wollen  wir  auch  die  Gicht,  den 
Rheumatismus,  Hämorrhoiden,  unterdrückte  Fussschweisse  u.  dgL  als 
mögliche,  wenn  auch  nicht  zweifellose  Ursachen  der  Prosopalgie  an- 
zuführen nicht  versäumen. 

Symptomatologie. 

Das  Krankheitsbild  der  Prosopalgie  ist  das  typische  fiCIr  die 
Neuralgien  überhaupt:  die  classischen  Beschreibungen  neuralgischer 
Erkrankungen  und  ihrer  Paroxysmen  sind  meist  Fällen  von  Oesichts- 
schmerz  entnommen.  Es  kann  deshalb  in  der  Hauptsache  auf  den 
Yorhergehenden  Abschnitt  verwiesen  werden.  Einzelne  Modificationen 
treten  wohl  ein,  theils  durch  den  anatomischen  Sitz  der  Krankheit, 
das  Befallensein  einzelner  Äeste  und  Zweige  bedingt,  theils  auf  ge- 
wisse physiologische  Beziehungen  des  Nerven  zurückfUhrbar. 

Als  Vorboten  beobachtet  man  nicht  selten  stunden-  und  tage- 
lang ein  Gefühl  von  Druck  und  Spannung,  von  Ziehen,  Kitzel,  Formi- 
cation  u.  dgl.  in  der  bedrohten  Gesichtshälfte,  oder  herumziehende 
Zahnschmerzen,  leichtes  Unbehagen,  Frösteln  u.  dgl.  Selten  eine  Art 
wirklicher  Aura,  die  von  verschiedenen  Theilen  des  Körpers  ausgehen 
kann  und  die  einzelnen  Paroxysmen  regelmässig  einleitet  In  andern 
Fällen  treten  aber  auch  die  Anfälle  plötzlich,  ohne  alle  Vorboten  auf. 

Während  der  Anfälle  pflegt  der  Schmerz  gewöhnlich  in  be- 
tiiUihtlicher  Heftigkeit  zu  wüthen  und  spottet  in  den  schwereren 
Fällen  jeglicher  Beschreibung.  Es  kommen  hierbei  offenbar  die 
höchsten  Grade  der  Schmerzhaftigkeit  vor,  die  überhaupt  je  empftm- 
den  werden  und  die  Kranken  finden  nicht  Worte  genug,  um  das 
Entsetzliche  ihrer  Leiden  zu  schildern.  In  den  leichteren  Fällen 
beobachtet  man  freilich  oft  nur  massigen  Schmerz;  selten  besteht 
dann  eine  mehr  continuirliche  Schmerzhaftigkeit  der  betroffnen  Qe- 
sichtsgebiete  während  der  Anfälle,  nur  hie  und  da  von  leichtem 
Aufblitzen  des  Schmerzes  unterbrochen ;  meist  setzen  sich  die  Anfälle 
zusammen  aus  zahlreichen  einzelnen  reissenden  und  bohrenden,  bald 
hier  bald  da  auftretenden  Schmerzeindrücken.  Für  die  schweren 
und  schwersten  Fälle  aber  ist  ganz  besonders  charakteristisch  das 


Neuralgieii.    Trigeminasneoralgie.    Symptome.  101 

lancinirende ,  blitzähnliche  Auftreten  des  heftigsten  Schmerzes,  der 
bald  mity  bald  ohne  Veranlassung  ganz  plötzlich  mit  überwältigender 
Heftigkeit  über  den  Kranken  hereinbricht,  demselben  die  heftigsten 
Aeuflsemngen  des  Schmerzes  und  der  Verzweiflung  entlockt,  ihn  zu 
den  wunderbarsten  Grimassen  und  allen  möglichen  Anstrengungen 
zur  Erleichterung  des  Schmerzes  zwingt  und  endlich  nach  wenigen 
Augenblicken  wieder  verschwindet,  um  vielleicht  alsbald  in  ähnlicher 
Weise  an  einer  andern  Stelle  zu  erscheinen.  Diese  lancinirenden 
Schmerzen  werden  sehr  häufig  in  die  Knochen  localisirt  und  die 
Kranken  wissen  ihre  Heftigkeit  nicht  lebhaft  genug  zu  schildern ;  es 
sei,  als  wenn  ein  Blitz  hindurchftlhre ,  ein  Messer  hineingestochen 
oder  ein  glühender  Draht  eingebohrt  würde,  als  drohten  alle  Knochen 
des  Gesichts  zersprengt  zu  werden  u.  s.  w.  Dabei  sieht  man  auf  dem 
Gesichte  häufig  die  gleich  zu  beschreibenden  vasomotorischen  und 
motorisehen  Begleiterscheinungen  und  die  Kranken  bedienen  sich  aller 
möglichen  Kunstgriffe,  um  die  wüthenden  Schmerzanfälle  zu  lindem : 
den  Einen  sieht  man  ein  Tuch  fest  an  die  kranke  Gesichtshälfte 
drücken,  oder  einzelne  Schmerzpunkte  energisch  comprimiren,  oder 
das  Gesicht  mit  grosser  Energie  reiben  bis  zum  Wundwerden;  den 
Andern  sieht  man  die  Zähne  fest  aufeinander  beissen  oder  mit  den 
Zähnen  knirschen  oder  den  Kopf  fest  an  irgend  einen  harten  Körper 
anstemmen.  Die  Sprache  versagt,  das  Gesicht  nimmt  den  Ausdruck 
des  höchsten  Schmerzes  und  der  Verzweiflung  an  und  der  Kranke 
ist  für  einige  Augenblicke  ausschliesslich  unter  der  Herrschaft  des 
Schmerzes.  Meist  sind  die  Paroxysmen  kurz  und  hinterlassen  ent- 
weder gar  keine  weitere  Empfindung  als  die  der  Erschöpfting,  oder 
nur  ein  dumpfes  Schmerzgeftlhl,  welches  im  Vergleich  zu  dem  Schmerz 
während  des  Paroxysmus  leicht  zu  ertragen  ist. 

Die  Häufigkeit  der  Paroxysmen  ist  in  den  einzelnen  Fällen  und 
zu  verschiedenen  Zeiten  eine  äusserst  verschiedene ;  mit  dem  Wechsel 
der  Jahreszeiten,  mit  den  Schwankungen  des  körperlichen  Allgemein- 
befindens, mit  verschiedenen  deprimirenden  oder  exaltirenden  Ein- 
flüssen nimmt  ihre  Frequenz  ab  und  zu.  In  vielen  Fällen  und  zu 
gewissen  Zeiten  genügen  oft  minimale  äussere  Einwirkungen,  um  den 
Paroxysmus  hervorzurufen  und  die  Kranken  sehen  oft  mit  wahrem 
Schrecken  solchen  Einflüssen  entgegen,  weil  sie  ihnen  sicher  einen 
Anfall  bringen.  So  kann  man  beobachten,  dass  ein  leichter  Luftzug, 
dass  die  Berührung  des  Gesichts  beim  Waschen  oder  Rasiren,  dass 
Sprechen,  ELauen,  Niesen,  grelles  Licht  oder  lauter  Schall,  dass  jede 
Gemüthsbewegung,  der  Eintritt  des  Arztes  oder  eines  Fremden  ins 
Zimmer  u.  dgl.  m.  den  Anfall  hervorruft,  und  es  ist  klar,  dass  da- 


102  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

durch  die  Ernährung  des  Ej*anken  leidet  und  das  Dasein  zu  einem 
nahezu  unerträglichen  gemacht  werden  kann. 

Wahrend  der  Anfälle  fast  immer,  in  den  Intervallen  verhältniss- 
massig  selten,  lassen  sich  an  verschiedenen  Stellen  der  Trigeminos- 
Verzweigungen  Schmerzpunkte  nachweisen,  deren  Lage  bei  den 
einzelnen  Formen  unten  genauer  angegeben  werden  soll.  Hier  sei 
einstweilen  nur  erwähnt,  dass  der  von  Trousseau  besonders  nrgirte 
Point  apophysaire  sich  auch  bei  vielen  Gtesichtsneuralgien  nachweisen 
lässt,  und  zwar  als  Druckempfindlichkeit  des  2.  und  3.  Halswirbel- 
domfortsatzes oder  auch  der  Protuber.  occip.  externa. 

Bei  keiner  andern  Neuralgie  sind  die  verschiedensten  nervösen 
Begleiterscheinungen  so  gewöhnlich  wie  bei  dieser  ^  und  es  erklärt 
sich  dies  aus  den  innigen  Beziehungen  des  Trigeminus  zu  allen  mög- 
lichen anderen  Nervengebieten  sehr  leicht. 

Unter  den  sensiblen  Begleiterscheinungen  spielt  beson- 
ders die  Irradiation  des  Schmerzes  eine  grosse  Rolle ;  es  gibt  wohl  nur 
wenige  Fälle,  in  welchen  nicht  auf  der  Höhe  des  Paroxysmus  eine 
Weiterverbreitung  des  Schmerzes  entweder  auf  die  andern  Zweige  und 
Aeste  des  Trigeminus  selbst,  oder  auf  die  Ocdpitalnerven,  oder  selbst 
auf  entferntere  sensible  Nervengebiete  hin  stattfände.  So  hat  man  be- 
obachtet, dass  irradiirte  Schmerzen  im  Nacken,  der  Schulter,  der  Brust- 
drüse, den  Intercostalnerven  und  selbst  in  den  Extremitäten  auftraten. 

Femer  findet  sich  nicht  selten  in  dem  erkrankten  Hautgebiete 
ein  Geftihl  von  Formication,  von  leichtem  Taub-  und  Pelzigsein;  es 
kann  dasselbe  sich  sogar,  wie  ich  in  einem  Falle  sah,  auf  die  Zähne, 
das  Zahnfleisch  und  die  betreffende  Zungenhälfte  erstrecken.  Häufig 
geht  dasselbe  mit  objectiv  nachweisbaren  Veränderangen  der  Haut- 
sensibilität (Anästhesie  oder  Hyperästhesie)  einher  und  es  gilt  daftlr 
die  von  Nothnagel  aufgestellte  Regel,  dass  Hypei^thesie  sich  vor- 
wiegend bei  frischen,  Anästhesie  vormegend  bei  älteren  Fällen  von 
Oesichtsneuralgie  findet  Doch  habe  ich  auch  schon  in  ganz  frischen 
Fällen  deutliche  Anästhesie  gefunden  und  in  einzelnen  Fällen  auch 
jede  objectiv  nachweisbare  Sensibilitätsstörung  fehlen  sehen. 

Hochgradige  Anästhesien  treten  manchmal  bei  schweren  orgSL- 
nischen  Erkrankungen  des  Trigeminus  gleichzeitig  mit  Neuralgie 
desselben  auf  (Anaesthesia  dolorosa)  und  haben  dann  natürlich  eine 
weit  ernstere  Bedeutung;  sehr  gewöhnlich  folgt  auf  die  mit  Zoster 
verbundenen  Supraorbitalneuralgien  circumscripte  Anästhesie. 

In  sehr  seltenen  Fällen  hat  man  auch  Störungen  der  Smnes- 
oi^ane  beobachtet;  Notta  citirt  einige  Fälle  von  Amblyopie  and 
Amaurose,  welche,  wie  es  schien,  von  einer  Gesichtsneuralgie  abzu- 


Neuralgien.    TrigeminuBneoralgie.    Symptome.  103 

leiten  waren  und  mit  dieser  schwanden,  and  Aehnliches  belegt  Hut- 
chinson*) mit  einigen  Beispielen;  zweifelhafter  sind  dagegen  Ge- 
bdrstömngen  als  Begleiterscheinnngen  Ton  Gesiehtsneuralgien,  ob- 
gleich die  Innervation  des  Masc.  tensor  tympani  vom  Trigeminus  her 
solche  ins  Bereich  der  Möglichkeit  rttckt*).  Aach  Geschmackstörangen, 
die  durch  die  Chorda  tympani  vermittelt  werden  könnten,  sind  selten 
erwähnt.  —  Zu  erwähnen  ist  dagegen  Photophobie  als  eine  nicht 
seltene  Erscheinung  bei  Neuralgien  des  obem  Astes. 

Von  den  motorischen  Begleiterscheinungen  erregen  die 
krampfhaften  Zusammenziehungen  verschiedener  Muskeln  zumeist  die 
Aofin^ksamkeit.  Am  häufigsten  sieht  man  die  zweifellos  reflectorischen 
KriUnpfe  im  Fadalisgebiet;  bald  als  Blepharospasmus,  bald  als  ein- 
fiiches  Zucken  um  den  Mundwinkel;  als  Verzerrung  des  Gesichts  oder 
endlich  auch  als  förndicher  Tic  convulsif  auftretend.  Erst  jüngst 
wurde  mir  ein  Fall  von  FaciaUskrampf  zugeschickt,  der  sich  bei 
näherer  Betrachtung  als  ein  Fall  von  Tic  douloureux  erwies.  — 
Krampf  der  Kaumuskeln  kommt  seltner  vor;  doch  hat  man  tonische 
and  klonische  Ki^mpfe  derselben  beobachtet;  man  darf  dieselben 
nicht  mit  den  willkürlichen  energischen  Contractionen  verwechseln, 
welche  zum  Zwecke  der  Unbewe^chkeit  der  Kiefer  oder  als  Aus- 
drock  des  Schmerzes  ö$er  ausgeftlhrt  werden.  —  Lähmung  der  Kau- 
mosk^  kommt  sehr  selten  vor  und  nur  in  Fällen,  wo  eine  oi^anisohe 
Erkrankung  auch  die  motorische  Portion  des  Quintus  in  ihr  Bereich 
zieht  —  Krampf haftie  Contractionen  der  Zunge,  Wälzen  derselben 
in  der  Mundhöhle  u.  s.  w.  sind  in  besonders  schweren  Fällen  als 
reflectorische  Erscheinung  beobachtet  worden. 

Selten  pflanzen  sich  die  krampfhaften  Erregungen  noch  weiter, 
anch  auf  die  übrige  Körpermusculatur  fort;  doch  hat  Sinclair 
Holden  einen  Fall  beschrieben,  wo  während  der  Anfälle  idlgemeine 
tonische  KiUmpfe  eintraten.  Bei  Hysterischen  sind  die  neuralgischen 
Paroxysmen  manchmal  Ausgangspunkt  allgemeiner  hysterischer  Con- 
Tolsionen. 

Was  von  den  hier  und  da  beschriebenen  Lähmungserscheinungen 
an  den  Augenmuskeln  (Mydriasis,  Ptosis,  Strabismus  extern,  s.  d.  Fälle 
bei  Notta  und  Hutchinson)  und  ihrem  VerhältniBS  zur  Neuralgie 
zu  halten  sei,  lässt  sich  mit  dem  vorliegenden  Material  nicht  ent- 
scheiden; wahrscheinlich  aber  iBt,  dass  es  sich  hier  um  zufällige 
Complicationen,  vielleicht  Co^ffecte  derselben  Ursache  handelt 

1)  Lond.  Ophthalm.  Hosp.  Rep.  IV.  p.  381.  1863—65. 

2)  y^.  darüber  Moos,  Bericht  über  d.  I.  Versamml.  südwestd.  Neurolog.  u. 
Irren&rzte  in  Baden-Baden.    Arcb.  f.  Psych,  u.  Nervenkr.  VI.  1876. 


1 04  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Sehr  gewöhnlich  sind  yasomotoriBche  Störungen:  die  im 
Beginn  der  Anfälle  manchmal  kurze  Zeit  vorhandene  abnorme  Blässe 
des  Gesichts  macht  meist  bald  einer  gesteigerten  Böthe  desselben 
Platz,  die  in  schweren  Fällen  sehr  auffallend  werden  kann,  so  dass 
das  Gesicht  intensiv  geröthet  erscheint,  nicht  selten  auffallend  glänzt 
und  eine  leichte  teigige  Anschwellung  zeigt.  Diese  Köthe  erstreckt 
sich  auch  auf  die  sichtbaren  Schleimhäute  und  besonders  ist  es  die 
Conjunctiva,  die  ungemein  häufig  eine  hochgradige  Hypei^mie  auf- 
weist, die  selbst  bis  zur  Chemosis  sich  steigern  kann ;  doch  hat  man 
auch  hyperämische  Böthe  in  der  Nasenhöhle  der  afficirten  Seite  und 
der  entsprechenden  Hälfte  der  Mundhöhlenschleimhaut  beobachtet.  — 
Stärkeres  Schwitzen  der  afficirten  Gesichtshälfte  wurde  in  einzelnen 
Fällen  gesehen.  —  Sehr  gewöhnlich  ist  endlich  während  der  An- 
fälle starkes  Pulsiren  der  Carotiden,  der  Facial-  und  Temporalarterie. 

Die  Physiologie  hat  hinreichende  Aufschlüsse  darüber  geliefert, 
warum  bei  Trigeminusneuralgien  secretorische  Störungen  so 
gewöhnlich  sind;  sie  hat  die  directe  oder  indirecte  Abhängigkeit 
verschiedener  Secretionen  vom  Trigeminus  nachgewiesen.  Weitaus 
am  häufigsten  ist  die  gesteigerte  Thränensecretion;  sie  ge- 
hört in  Verbindung  mit  der  starken  Böthung  der  Conjunctiva  zu  den 
gewöhnlichen  Erscheinungen  bei  Neuralgien,  des  I.  und  11.  Astes. 
Da  die  experimentellen  Untersuchungen  gezeigt  haben,  dass  sowohl 
der  Nerv,  laciymalis,  wie  der  Nerv,  orbitalis  secretorische  Nerven  der 
Thränendrüse  enthalten,  deren  Beizung  Thränensecretion  hervorruft 
(Herzenstein,  Wolferz),  dass  femer  Beizung  der  sensiblen  Ver- 
zweigungen des  I.  und  H.  Astes  des  Trigeminus  reflectorisch  die  Thränen- 
secretion steigert,  erklärt  sich  die  gesteigerte  Thränensecretion  bei 
Neuralgien  gerade  dieser  beiden  Aeste  in  sehr  einfacher  Weise. — Etwas 
weniger  häufig  wird  gesteigerte  Speichelsecretion  geftifiden; 
die  Kranken  beschreiben  dieselbe  als  ein  reichliches  Zusammenlaufen 
salziger  Flüssigkeit  im  Munde.  Für  die  Erklärung  des  Zustande- 
kommens derselben  genügt  die  sichergestellte  Thatsache,  dass  reflec- 
torisch vom  Trigeminus  aus  die  Speichelsecretion  erregt  werden  kann, 
während  es  noch  nicht  entschieden  ist,  ob  die  vom  HI.  Ast  des  Trige- 
minus (Bam.  lingual.)  zur  Submaxillar-  und  Sublingualdrüse  gehen- 
den secretorischen  Zweige  diesem  selbst  oder  der  Chorda  tympani 
entstammen.  Noch  seltener  endlich  beobachtet  man  gesteigerte 
Secretion  der  Nasenschleimhaut;  dieselbe  ist  von  wässerig* 
sehleimiger  Beschaffenheit  (selten  blutigschleimig)  und  nicht  mit  der 
durch  reichliche  Thränensecretion  verursachten  stärkeren  Absonde- 
rung zu  verwechseln.    Da  nach  Vulpian's  Versuchen  Beizung  des 


Neuralgien.    Trigeminusneuralgie.    Symptome.  105 

6«Dglion  spbenopalatinam  gesteigerte  Secretion  der  entsprechenden 
Nasenschleimhant  hervorruft ,  wird  man  wohl  darin  anch  die  Er- 
klärnng  ftlr  die  genannte  pathologische  Erscheinung  finden  dürfen. 

Die  bei  der  allgemeinen  Schilderung  der  Neuralgien  erwähnten 
trophischen  Störungen  sind  gerade  bei  Prosopalgien  am  häu- 
figsten gefunden  worden.  Es  gehören  hierher:  die  Anschwellung  und 
Hypertrophie  des  Gesichts,  theils  durch  stärkere  Durchfeuchtung  oder 
wirkliche  Hypertrophie  der  Haut,  theils  durch  abnorme  Wucherung 
des  subcutanen  Fettgewebes,  theils  durch  Hypertrophie  der  Gesichts- 
knochen ;  wird  besonders  in  veralteten  und  hartnäckigen  Fällen  manch- 
mal beobachtet.  Die  Veränderungen  an  den  Haaren,  die  früher  be- 
sehrieben wurden  (Rauh-  und  Struppigwerden  derselben,  periodisches 
oder  dauerndes  Weisswerden,  Ausfallen  oder  stärkere  Wucherung  der 
Haare),  kommen  gerade  bei  Gesichtsneuralgien  am  häufigsten  vor. 

Demnächst  sind  es  mehr  entztlndliche  Störungen  an  der  Haut 
and  andern  Geweben,  welche  die  Gesichtsneuralgie  manchmal  be- 
gidten ;  so  vor  allen  Dingen  Herpeseruptionen  im  Verbreitungsbezirk 
des  erkrankten  Nerven,  die  unter  die  Kategorie  des  Herpes  Zoster 
gehören;  am  häufigsten  kommt  der  Zoster  ophthalmicus  oder  fron- 
talis im  Gebiet  des  ersten  Astes  zur  Beobachtung  und  zieht  nicht 
selten  anch  die  Cionjunctiva  und  die  Cornea  in  Mitleidenschaft;  er 
ist  eine  schwere,  sehr  belästigende  Affection,  kann  zur  Zerstörung 
des  Auges  führen  und  hinterlässt  gewöhnlich  tiefe  Narben  und  par- 
tielle Anästhesien;  das  Auge  selbst  ist  in  der  Begel  nur  dann  mit- 
ergriffen, wenn  sich  Herpesbläschen  im  Bereich  des  Bamus  ethmoi- 
dalis  (Nasenflügel  und  Nasenspitze)  finden.  (Hutchinson,  Bow- 
man.)  In  seltenen  Fällen  beobachtet  man  auch  Herpes  labialis  bei 
Neuralgien  des  2.  und  3.  Astes.  —  Viel  seltner  ist  eine  erysipelatöse 
Entzündung  im  Gebiete  des  erkrankten  Nerven,  die  gewöhnlich  nach 
wenigen  Tagen  wieder  schwindet  und  von  dem  Herpes  Zoster  leicht 
zu  unterscheiden  ist.  A  n  s  t  i  e  erwähnt  eine  subacute  Entzündung  des 
Periosts  und  der  fibrösen  Häute  in  der  Nähe  der  Schmerzpunkte, 
welche  manchmal  zu  deutlicher  Anschwellung  führen  soll.  —  Sehr 
wichtig,  wenn  auch  in  ihrem  Verhältniss  zur  Neuralgie  noch  nicht 
vollständig  geklärt,  sind  endlich  Ernährungsstörungen  des  Auges,  die 
besonders  bei  Neuralgien  des  ersten  Astes  hie  und  da  beobachtet 
worden  sind:  der  Herpes  conjunctivae  hat  wohl  dieselbe  Bedeutung, 
wie  der  Zoster  auf  der  Haut;  die  in  seltnen  Fällen  beobachtete 
Ophthalmia  neuroparalytica  ist  wohl  auf  Mitbetheiligung  der  von  den 
Physiologen  vielumstrittenen  trophischen  Fasern  im  Trigeminus  zurück- 
znflihren;  in  der  Regel  kommt  sie  nur  bei  schwereren  Läsionen  des 


106  Erb,  Krankheiten  der  peripher^-cerebrospinalen  Nerven. 

Nerven  zu  Stande  (s.  u.  das  Capitel  über  Anästhesie  des  Trigeminas) ; 
inwieweit  die  Angabe  yon  Anstie,  dass  Iritis  manchmal  in  Folge 
von  Neuralgie  entstehe  and  das  Glancoma  simplex  in  gewissen  Fällen 
von  Neuralgie  abhänge,  richtig  ist,  können  erst  weitere  Untersachim- 
gen,  besonders  von  Seiten  der  Ophthalmologen  entscheiden  (FgL 
Hatchinson,  Lond.  Ophth.  Hosp.  Bep.  IV). 

Psychische  Verstimmangen  werden  bei  keiner  anderen 
Neuralgie  so  häufig  beobachtet,  wie  bei  der  Prosopalgie,  wenn  anoh 
allerdings  zu  verwundern  ist,  mit  welch'  gutem  Humor  manche  Kranke 
ihr  schweres  Leiden  ertragen.  Die  schweren  Fälle  können  aber 
melanchoUsche  Verstimmung,  grosse  Reizbarkeit  und  Lebensttberdross 
erzeugen  und  Selbstmord  bat  schon  manchmal  den  Lieiden  der  Kran- 
ken ein  Ziel  gesetzt. 

Auch  Allgemeinstörungen  werden  nur  in  sehr  schweren 
Fällen  beobachtet.  Durch  die  dann  eintretende  Dyspepsie,  die  Schlaf- 
losigkeit etc.  werd^  die  Kranken  in  ihrer  Ernährung  herunterge- 
bracht und  können  allgemeiner  Erschöpfung  und  Marasmus  verfall^L 
—  Bei  Malarianeuralgien  hat  man  hier  und  da  in  Begleitung  der 
Anfälle  gleichzeitig  Frost,  Hitze  und  Seh  weiss  beobachtet  (Rom- 
berg.) 

Einzelne  Formen  der  Gesichtsneuralgie,  laicht  immer 
ist  der  ganze  Trigeminus  Sitz  der  Neuralgie ;  weit  häufiger  vielmehr 
Sind  es  einzelne  Aeste  und  Zweige  desselben,  in  welchen  die  Affec- 
tion  vorwiegend  oder  ausschliesslich  ihren  Sitz  hat.  Man  kann  dar- 
nach verschiedene  Formen  unterscheiden. 

Neuralgie  des  1.  Astes  (Neuralg.  ophthalmica).  Hat 
ihren  Sitz  im  ganzen  Verbreitungsbezirk  dieses  Astes  oder  nur  in 
einzelnen  Theilen  desselben.  Es  kuin  also  Schmerz  auftreten  in  der 
Stirn  bis  zum  Scheitel  und  gegen  die  Schläfe  hin,  im  oberen  Augen- 
lid, an  der  Nasenwurzel  und  auf  der  Nase  herab  bis  gegen  die 
Spitze  hin,  (durch  den  Ram.  ethmoidalis)  selbst  im  vorderen  Theil 
der  Nasenhöhle.  Auch  der  Bulbus  kann  durch  die  Ciliamerven  der 
Sitz  heftiger  neuralgischer  Schmerzen  werden  (Ciliameuralgie).  Da- 
gegen fehlen  bestimmte  Angaben  ttber  eine  etwaige  Betheiligung  des 
N.  recurrens  ophthalm.  (der  zur  Dura  mater  und  dem  Tentorium 
geht)  an  der  Neuralgie  des  ersten  Astes.  —  Alle  die  einzelnen  Zweige 
des  N.  ophthalm.  können  gelegentlich  der  Sitz  einer  isolirten  Neur- 
algie werden;  weitaus  am  häufigsten  jedoch  ist  dies  der  Fall  im 
N.  supraorbitalis  und  man  erhält  dann  das  Bild  der  so  häufigen 
Neuralg.  supraorbitalis:  Schmerz  in  der  Stirn,  der  Nasenwurzel 
und  dem  oberen  Augenlid  verbreitet,  Hyperämie  der  Conjunctiva,  ge- 


Neuralgien.    Trigeminiuiiennügie.    Symptome,    Einzelne  Formen.       107 

stdgerte  Thränensecretion  n.  b.  w.  Dabd  beobachtet  man  ÜBi  constant 
einen  Haaptschmerzpankt  am  Foram.  supraorbitale ;  er  ist  yielleicht 
der  häufigste  von  allen.  Mandimal  ist  der  ganze  Verlanf  des  Nerven 
fliegen  Dmek  sehr  empfindlich.  Seltenere  Schmerzpunkte  sind:  am 
obo^n  Angenlid  (Palpchralponkt) ;  auf  der  Nase  da,  wo  der  N.  ethmoi- 
dalis  durch  den  Nasenknorpel  herrortritt  (Nasalpnnkt) ;  am  inneren 
Augenwinkel,  dem  N.  snpratrochlearis  entsprechend ;  am  Tuber  parie- 
tale des  Scheitelbeines  (Parietalpunkt) ;  endlich  ist  auch  der  Bulbus 
manchmal  bei  Druck  sehr  schmerzhaft.  —  Die  Supraorbitalneuralg^e 
ist  eine  der  häufigsten  durch  Eriiältung  entstandenen  Formen;  sie 
ist  femer  die  fast  ausschliessliche  Localisation  der  Malarianeuralgie 
und  der  Neuralgien  im  Beginn  des  Ileotyphus.  Die  Begleiterschei- 
nungen sind  bei  ihr  meist  sehr  ausgesprochen,  der  Verlauf  im  Ganzen 
ein  milder  und  kurzer  und  die  Behandlung  meist  erfolgreich. 

Neuralgie  des  2.  Astes:  (Neuralgia  supramaxillaris) 
hrt  ihren  Sitz  im  Verbreitungsgebiet  des  2.  Astes  und  es  kann  der 
Schmerz  also  auftreten  in  der  .Wange,  dem  unteren  Augenlid,  den 
Seitentheilen  der  Nase  und  der  Oberlippe  (N.  mfraorbitalis),  femer 
in  der  Jochbein-  und  vorderen  Schläfengegend  (N.  orbitalis  s.  subcu- 
taneus  malae),  in  der  oberen  Zahnreihe  (Nn.  alveolares  super.), 
endlich  in  der  Nasenhöhle  und  am  Qaumen  (N.  sphenopalatinus  nut 
seinen  Verzweigungen).  Dass  auch  der  N.  recurrens  supram.  (eben- 
so wie  der  Recurr.  inframax.  vom  dritten  Aste)  gelegentlich  an  der 
Neuralgie  Theil  nehme,  scheint  mir  unzweifelhaft:  eine  Ej*anke  mit 
Neuralgie  des  2.  und  3.  Astes  machte  mir  die  ganz  bestinmite  An- 
gabe, dass  sie  während  der  Anfälle  einen  tiefen  bohrenden  Schmerz, 
»ganz  im  Inneren  des  Kopfes'',  empfinde.  Auch  Anstie  erzählt 
unter  dem  Namen  „  Gfehimneuralgie "  einige  Fälle,  die  wohl  hierher- 
gehören. 

Von  den  genannten  Zweigen  des  zweiten  Astes  wird  der  N. 
q)benopalat.  am  seltensten  von  Neuralgie  befallen;  man  hört  die 
Sjunken  selten  ttber  Schmerz  am  Gaumen  und  in  der  Nasenhöhle 
klagen.  —  Häufiger  ist  der  N.  orbitalis  (Henle)  der  Sitz  einer 
iBoHrten  Neuralgie,  die  an  ihrer  Localisation  leicht  zu  erkennen  ist 
Weitaus  am  häufigsten  aber  ist  der  ganze  N.  infiraorbitalis  betheiligt 
(Neuralg.  infraorbitalis)  und  man  begegnet  dann  der  charak- 
teristischen Localisation  des  Schmerzes  in  der  Wange,  Oberlippe, 
oberen  Zahnreihe  und  Jochbeiogegend.  Besonders  häufig  sind  die 
sehwereren  Formen  der  G^ichtsneuralgie ,  wenn  sie  auf  einen  Ast 
besduünkt  sind,  im  Infraorbitalis  localisirt  —  vielleicht  in  Folge 
des  langen  Verlaufes  in  einem  engen  Enochenkanal. 


108  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalei  Nerven. 

Der  Haoptschmerzpunkt  bei  dieser  Neuralgie  ist  der  Infraorbital- 
punkt  am  Foram.  infraorbit. ;  demnächst  ein  Malarpmikt  an  der  Ans- 
trittstelle  des  K.  subcutan,  malae;  seltener  sind  Scbmerzpunkte  in  der 
Oberlippe  (Labialpunkt),  am  Gaumen  oder  an  verschiedenen  Stellen 
des  Alveolarfortsatzes  des  Oberkiefers  nachzuweisen.  Sie  sind 
während  der  Anfälle  fast  immer,  ausserhalb  derselben  nur  in  einem 
Theil  der  Fälle  vorhanden. 

Dr.  Gross  (Americ.  Joum.  of  med.  Sc.  1870  July.)  beschreibt 
als  besondere  Form  eine  Neuralgie,  welche  ihren  Sitz  in  den  zahn- 
losen üeberresten  der  Alveolarfortsätze ,  besonders  des  Oberkiefers, 
bei  alten  Leuten  hat.  Sie  unterscheidet  sich  in  Nichts  von  den  ge- 
wöhnlichen Formen  des  Tic  douloureux,  als  durch  diese  specielle 
Localisation.  Gross  hält  es  für  zweifellos,  dass  die  reichlichere  Ab- 
lagerung von  Knochensubstanz  in  den  zahnlosen  Alveolarfortsätzen 
auf  die  in  denselben  verlaufenden  Nerven  comprimirend  und  irritirend 
wirke  und  so  die  Neuralgie  hervorrufe.  Demgemäss  wiU  er  in  vielen 
Fällen  definitive  Heilung  der  Neuralgie  durch  Resection  des  Alveolar- 
fortsatzes erreicht  haben. 

• 

Neuralgie  des  3.  Astes  (N^uralgia  inframaxillaris). 
Hat  ihren  Sitz  in  dem  ganzen,  umfangreichen  Verbreitungsbezirk 
des  3.  Astes  und  es  kann  demnach  der  Schmerz  auftreten  in  der 
Unterkiefergegend,  der  unteren  Zahnreihe  und  am  Rinn  (N.  alveolar, 
infer.  und  mentalis),  in  der  Zunge  und  Schleimhaut  der  Mundhöhle 
(N.  lingualis),  in  der  Wange  (N.  buccinatorius  und  commnnicans 
facialis),  in  der  Schläfengegend,  dem  vorderen  Theil  der  Ohrmuschel 
und  dem  äusseren  Gehörgang  (N.  auriculo-temporalis,  N.  meat.  andit. 
ext.  und  auricul.  anter.).  —  Im  Ganzen  sind  isolirte  Neuralgien  des 
3.  Astes  nicht  häufig;  doch  kommen  Fälle  vor,  in  welchen  sich  die 
Neuralgie  auf  den  grössten  Theil  der  genannten  Zweige  erstreckt. 
Von  diesen  Zweigen  wird  der  N.  lingualis  am  seltensten  mitbetrofifen; 
doch  hat  man  dies  und  selbst  ganz  isolirtes  Befallensein  dieses 
Nerven  wiederholt  beobachtet  (Neuralg.  Ifaigualis).  —  Häufiger  ist 
die  neuralgische  Affection  des  Auriculotemporalis,  entweder  als  Theil- 
erscheinung  einer  Neuralgie  des  3.  Astes  oder  auch  ganz  isolirt,  wo- 
von ich  Beispiele  beobachtet  habe;  die  Localisation  des  Schmerzes 
in  der  Schläfengegend  und  am  Ohr  ist  charakteristisch.  Am 
häufigsten  ist  der  Sitz  der  Neuralgie  im  N.  alveolaris  inferior,  wo- 
bei der  Schmerz  in  den  unteren  Zähnen,  dem  Kinn  und  der  Unter- 
lippe auftritt. 

Dem  entsprechend  ist  unter  den  Schmerzpunkten  der  häufigste 
der  Mentalpunkt  am  Foramen  mentale ;  demnächst  ein  Temporalpunkt 
vor  dem  Ohre  da,   wo  der  N.  auriculo-tempor.  sich  über  den  Joch- 


Neuralgien.    Trigeminasneuralgie.    Symptome.    Einzelne  Fonnen.       109 

bogen  hinzieht;  die  anderen  von  Valleix  erwähnten  Schmerzponkte 
an  der  Unterlippe,  an  der  Seite  det  Zange,  an  dem  Alveolarfortsatz 
des  Unterkiefers  sind  sehr  ineonstant  and  schwer  nachzuweisen.  Die 
B^leiterscheinangen  treten  bei  dieser  Form  der  Neuralgie  meist 
mehr  in  den  Hintergrand :  der  einseitige  Zangenbelag,  die  gesteigerte 
Speichelsecretion  sind  zu  beachten ;  besonderes  Augenmerk  aber  ver- 
dienen die  etwa  vorhandenen  Störungen  in  der  Motilität  der  Kau- 
moskeln  and  der  Zunge,  weil  aus  denselben  manchmal  Schlüsse  auf 
den  Sitz  und  die  Art  des  zu  Grande  liegenden  Leidens  gezogen 
werden  können. 

Eine  Unterscheidung  verschiedener  Formen  der  Gesichtsneuralgie 
vom  klinischen  Standpunkt  aus  ist  zur  Zeit  nur  in  sehr  unvoll- 
kommener Weise  möglich ;  die  Versuche  älterer  Aerzte,  die  verschie- 
denen ,  rheumatischen  ^,  „  gichtischen  %  „  scrophulösen  *",  „hysterischen^, 
» organischen  ^,  „  entztlndlichen'S  » habituellen '',  „  sympathischen  ^  u.  a. 
Neuralgien  aus  der  Qualität  des  Schmerzes  und  der  Gruppirung  der 
Symptome  von  einander  zu  unterscheiden,  mtlssen  als  gescheitert 
betrachtet  werden.    Auch  der  Versuch  von  Benedict  (Anzeig.  d. 
Ges.  d.  Aerzte  in  Wien  1871   No.  5)  bei  den   Gesichtsneuralgien 
(ebenso  wie  bei  allen  anderen  Neuralgien)  zwei  grosse  Gruppen  zu 
unterscheiden,  welche  in  Symptomatik,  Localisation ,  Prognose  und 
Therapie  von  einander  wesentlich  verschieden  seien,  entbehrt  noch 
der  hinreichenden   wissenschaftlichen  Begründung.     Zu  der  ersten 
Gruppe  rechnet  Benedict  die  Neuralgien,   deren  Paroxysmen  (bei 
auf-  und  abwogender  Intensität)  einen  mehr  continuirlichen  Verlauf 
nehmen,  zu  der  zweiten  Gruppe  jene,  deren  Paroxysmen  sieh  aus 
hinter  momentanen  Anfällen  zusammensetzen.    Diese  zweite  Gruppe 
soll  durch   reflectorische  Erregung  der  Vasa  nervorum   zu  Stande 
kommen.     Ehe  jedoch  eine  ausführlichere  Begründung  dieser  An- 
schauung vorliegt,  ist  dieselbe  nicht  discussionsfähig. 

Allem  nach  fallen  die  zu  der  zweiten  Gruppe  gehörigen  Fälle, 
welchen  Benedict  speciell  den  Namen  Tic  douloureux  vindicirt, 
zusammen  mit  jenen,  welche  Tronsseau  in  classischer  Weise  unter 
dem  Namen  „  epileptiforme  Neuralgie  ^  beschrieben  hat  (Arch.  gän^r. 
1853,  Janvier;  medic.  Klinik,  deutsch  v.  Culmann.  Band  II.  1868) 
imd  welche  hier  nicht  unerwähnt  bleiben  können.  Auch  ohne  der 
Ansicht  des  grossen  französischen  Klinikers  von  der  specifischen 
Katar  dieser  Neuralgie  beizupflichten,  kann  man  zugeben,  dass  die 
bierher  gehörigen  Fälle  eine  grosse  Uebereinstimmung  und  vieles 
Charakteristische  in  den  klinischen  Erscheinungen  zeigen   und   an 


110  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sich  leicht  zu  erkennen  sind.  Es  sind  die  Fälle  von  meist  äusserst 
hartnäckiger,  yieljähriger  Prosopalgie,  welche  die  Quelle  unsäglichen 
Leidens.  fUr  die  Kranken  werden  und  vielfach  der  Gegenstand  be* 
rtthmter  Schilderungen  des  Gesichtsschmerzes  geworden  sind.  Hef- 
tigste, mit  der  Schnelligkeit  des  Blitzes  eintretende  Schmerzen,  die 
ein  paar  Sekunden  oder  Minuten  lang  mit  grosser  Baschheit  anfein- 
ander  folgen,  um  dann  plötzlich  wieder  zu  verschwinden;  in  vielen 
Fällen  auffallende  und  heftige  mimische  Beflexkrämpfe  gleichzeitig 
mit  dem  Schmerz;  rasche  Wiederholung  dieser  aus  momentanen 
Einzelanfällen  sieh  zusanmiensetzenden  Paroxysmen  einige  Stunden 
oder  Tage,  selbst  Wochen  lang;  dann  Aussetzen  und  Verschwinden 
der  Anfälle  fttr  Tage,  Wochen,  selbst  Jahre;  fast  unausbldbliche 
Becidive ;  Zunahme  der  Intensität  des  Leidens  durch  Alles^  was  den 
Organismus  schwächt  und  herunterbringt;  Auftreten  meist  erst  im 
vorgerückteren  Alter  und  hiw  gerade  ofk  in  der  schlimmsten  Fonn. 
—  Das  mögen  die  Hanptzttge  des  Erankheitsbildes  sein,  welches 
man  aus  der  voranstehenden  Beschreibung  der  Gesichtsneuralgie  in 
seinen  Einzelheiten  ergänzen  mag. 

Diese  Form  der  Gesichtsneuralgie  wird  meist  ftb*  c^oitralen 
Ursprungs  gehalten,  ohne  dass  jedoch  diese  Annahme  hinreichend 
durdi  Autopsien  begründet  wäre.  Es  spricht  einigermassen  fbr  die- 
selbe, dass  man  diese  Neuralgie  häufiger  in  Familien  findet,  in  welchen 
eine  bestimmt  ausgesprochene  Anlage  zu  Psychosen  besteht  (Anstie); 
dass  sie  mit  Epilepsie  zusammen  vorkommt  (Trousseau);  und  dass 
bei  ihr  häufig  eine  grosse  allgemeine  Empfindlichkeit,  eine  unge- 
wöhnlich starke  psychische  Beaction  beobachtet  wird  (A.  Eulen- 
burg).  —  Auf  der  anderen  Seite  ist  dag^en  zu  erwähnen,  dass  sie 
manchmal  ganz  scharf  auf  einzelne  Aeste  des  Trigeminms  beschränkt 
vorkommt  und  dass  es  zwischen  ihr  und  den  leichteren,  gewöhnlichen 
Formen  der  Gesichtsneuralgie  ganz  unmerkliche  Uebergänge  gibt 
So  lange  demnach  nicht  bestimmtere  Nachweise  über  die  Lociüisa- 
tion  und  die  anatomische  Verursachung  des  Leidens  gegeben  werden 
können,  als  jetzt,  dürfen  wir  wohl  den  hier  charakterisirten  Tic 
douloureux  nur  als  die  schwerste  Form  der  Gesichtsneuralgie  auf- 
fassen, welcher  durch  verschiedene  Verhältnisse,  vielleicht  vorgerücktes 
Lebensalter,  Gewebsdegenerationen,  neuropathische  Disposition,  Con- 
stitutionsanomalien  u.  dgl.  der  Charakter  besonderer  Intensität  und 
Hartnäckigkeit  aufgedrückt  ist.  Und  es  ist  nichts  dagegen  einzu- 
wenden, wenn  Eulenburg  diese  Form  als  constitutionelle 
Neuralgie  den  übrigen,  leichteren  mehr  accidentellen  Formen 
gegenüberstellt. 


Neoralg.  Trigemmosnearalgie.  Einzelne  Fonnen.  Verlauf.  Dauer.  Ausgänge.    111 

Uebrigens  ist  die  Prognose  dieser  Form  wohl  nicht  so  absolut 
sdilimm,  wie  sie  Tronssean,  der  nie  einen  Fall  definitiv  heilen 
99h  j  hinstellt.  Jedenfalls  gelingt  es  mit  den  heutigen  Hilfsmitteln 
(und  es  ist  dies  auch  Trousseau  gelungen)  in  vielen  Fällen ,  die 
Kranken  für  kürzere  oder  längere  Zeit  von  ihren  Schmerzen  zu 
befreien. 

Der  Verlauf  der  Trigeminusneuralgien  kann  sich  sehr  ver- 
schieden gestalten:  bald  beobachtet  man  einen  streng  typischen 
Verlauf,  regelmässiges  Auftreten  der  Paroxysmen  zu  bestimmten 
Zeiten  des  Tages  oder  der  Nacht,  regelmässigen  Ablauf  der  ganzen 
Krankheit  Us  zur  Heilung.  —  Häu%er  aber  ist  der  atypische 
Verlauf:  unregelmässiges  Auftreten  der  Anfälle,  Häufung  derselben 
zu  gewissen  Zeiten  und  auf  bestimmte  Veranlassungen  hin,  ver- 
schieden lange  Dauer  der  Intervalle;  nicht  selten  Intermissionen, 
welche  sich  auf  verschieden  lange  Zeitrilume,  Wochen,  Monate,  selbst 
Jahre  erstrecken  können.  Dies  hängt  zumeist  von  der  Ursache  der 
Krankheit,  von  der  Constitution  des  Kranken,  begtlnstigenden  Mo- 
menten u.  dgl.  ab.  Am  ausgesprochensten  und  unberechenbarsten 
ist  der  Verlauf  bei  den  schweren  Fällen  des  eigentlichen  Tic  dou- 
lonreux;  hier  kann  man  mit  Bestimmtheit  auf  zeitweilige  Häufung 
und  Steigerung  der  Anfälle  und  dann  wieder  mehr  oder  weniger 
lange  Intermissionen  rechnen,  und  nur  in  den  allerschwersten  Fällen 
werden  diese  anfallsfreien  Zeiten  immer  kürzer  und  bleiben  endlich 
ganz  aus. 

lieber  die  Dauer  der  Krankheit  lässt  sich  gar  nichts  Bestimmtes 
sagen;  man  hat  sie  mehrere  Stunden*)  und  hat  sie  mehr  als  30  Jahre 
cbmem  sehen;  die  schwereren  Formen  des  Tic  doul.  begleiten  die 
Kranken  gewöhnlich  ftir  den  Rest  ihres  Lebens. 

Die  Ausgänge  hängen  zum  gr(testen  Theil  von  der  Natur  der 
Krankheitsursache,  zum  Theil  von  uns  unbekannten  Verhältnissen  ab. 
Heilung  tritt  in  den  meisten  Fällen  wohl  ein,  besonders  bei 
rheumatischen,  hysterischen,  anämischen,  durch  Malaria  etc.  entstan- 
denen Formen.  Chronisch-  und  Habituellwerden  der  Krank- 
heit ist  zu  erwarten  bei  ausgesprochener,  neuropathischer  Disposition, 
bei  schlechten  EmährungsverhSÜtnissen,  Gefässdegeneration,  Auftreten 
im  höheren  Lebensalter  u.  dgl.  —  Unheilbarkeit  ist  die  Regel 
bei  schweren,  organischen  Grundleiden  und  auch  bei  den  Formen, 
welche  unter  die  Kategorie  der  epileptiformen  Neuralgie  faUen.  — 


1)  Yalleix  beflchrabt  sogar  einen  Fall,  der  nur  emen  einzigen  Parozysmus 
TOD  LO  Mio.  Dauer  darbot 


112  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrosplnalen  Nerven. 

Der  Tod  tritt  eotweder  durch  das  Grandleiden  ein  oder  kann  auch 
die  Folge  der  durch  die  Neuralgie  selbst  gesetzten  allgemeinen 
Schwäche  und  Erschöpfung,  Schlaflosigkeit,  mangelhaften  Nahrungs- 
zufhhr  u.  dgl.  sein.  Als  mehr  zufällige  Ausgänge  sind  Anästhesie 
des  Trigeminus,  Melancholie  und  andere  Geistesstörungen,  Gehirn- 
apoplexien  u.  dgl.  zu  nennen. 

Die  Diagnose  der  Trigeminusneuralgie  als  solcher  bietet  in 
der  Regel  keine  grossen  Schwierigkeiten,  wenn  man  genau  auf  die 
allgemeinen  Merkmale  der  Neuralgien  achtet.  Sie  wird  sich  also 
gründen  auf  die  Localisation  und  Verbreitung  des  Schmerzes,  auf 
den  Charakter  und  das  paroxysmenweise  Auftreten  desselben,  auf 
den  Nachweis  der  Schmerzpunkte  und  der  verschiedenen  B^leit- 
erscheinungen  u.  s.  w.  Immerhin  sind  diagnostische  Irrthttmer  and 
Unsicherheiten  möglich;  hie  und  da  mögen  Verwechselungen  yor- 
kommen  mit  Zahnschmerz  (dieser  ist  meist  continuirlich ,  local,  der 
Zahn  gegen  Berührung  und  Kälte  sehr  empfindlich,  cariös ;  der  Zahn- 
schmerz kann  aber  auch  in  Neuralgie  übergehen!),  mit  Entzündung 
des  Periosts  und  der  Knochen  oder  der  Oberkiefer-  und  Stimhöhl^i 
(Qualität  und  Sitz  des  Schmerzes,  Druckempfindlichkeit,  örtliche  An- 
schwellungen etc.  sind  hier  entscheidend),  mit  hysterischem  Clayos 
(auf  eine  kleine  Stelle  am  Scheitel  beschränkt,  von  da  nicht  aus- 
strahlend; sonstige  hysterische  Erscheinungen),  mit  anämischem  und 
dyspeptischem  Kopfschmerz  (keine  bestimmte  Localisation,  Schmerz 
mehr  in  der  Tiefe,  dumpf,  drückend,  keine  Paroxysmen  und  Begleit- 
erscheinungen), mit  Migi^e  (Schmerz  in  der  Tiefe  des  Schädels 
localisirt,  keinem  Nervenzweig  entsprechend,  pulsirend,  Erbrechen, 
hochgradige  Reizbarkeit  etc.).  Bei  einiger  Aufmerksamkeit  wird  man 
diesen  Verwechselungen  entgehen  können. 

Sehr  wichtig  ist  die  Diagnose  des  Sitzes  der  Neuralgie,  be- 
sonders die  Entscheidung  über  peripheren  oder  centralen  Ursprung 
derselben.  Leider  aber  gestattet  der  gegenwärtige  Stand  unserer 
Kenntnisse  diese  diagnostische  Unterscheidung  nur  in  der  Minderzahl 
der  Fälle.  Eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit  des  peripheren  Sitzes 
ergibt  sich :  aus  der  Beschränkung  der  Neuralgie  auf  einen  bestimmten 
Ast  oder  Zweig,  aus  nachweisbarer  peripherischer  Ursache;  aus  der 
Möglichkeit  den  Anfall  durch  periphere  Einwirkungen  zu  coupiren; 
aus  der  Anwesenheit  von  Schmerzpunkten  in  den  Intervallen  etc. 
Für  den  centralen  Ursprung  spricht:  lancinirender  Charakter  des 
Schmerzes  und  Localisation  desselben  in  die  Knochen  (?) ;  verbreitete 
Reflexzuekungen ;  allgemeine  Hyperästhesie  und  starke  psychische 
Reizbarkeit;   Abhängigkeit  der  Schmerzen  von  den  mimischen  Be- 


Neuralgien.    Trigemmosaeuralgie.    DiAgnose.    Prognose.  113 

wegongen;  Fehlen  der  Schmerzponkte  in  den  Interrallen  (?);  Stö- 
mngeQ  in  anderen  Hirnnerren.  Auf  alle  diese  Charaktere  kann  man 
nch  jedoch  nicht  sicher  verlassen,  sondern  nur  eine  möglichst  genaue 
Erwägung  aller  Umstände  kann  hier  das  Urtheil  einigermassen 
sieher  stellen. 

Dasselbe  gilt  in  noch  höherem  Maasse  ftlr  die  so  überaus  wich- 
tige Diagnose  der  Ursache  des  Leidens.  Es  kann  hier  nicht  alles 
wiederholt  werden ,  was  in  Bezug  auf  die  Ursachen  der  Gesichts- 
neuralgie  zu  berttcksichtigen  ist  und  was  sich  jeder  Arzt  im  concreten 
FaUe  selbst  sagen  wird;  es  sei  bloss  darauf  hingewiesen,  dass  nur 
eine  mö^ichst  sorgfältige  und  umfassende  Ermittelung  und  Erwägung 
aller  Einzelheiten  im  Zusammenhalt  mit  den  Ergebnissen  einer 
möglichst  eingehenden  Untersuchung  dieser  praktisch  so  wichtigen 
Aufgabe  gerecht  werden  kann. 

Die  Prognose  muss  sich  vor  allen  Dingen  nach  der  Ursache 
lichten;  wo  eine  solche  nicht  nachweisbar  ist,  muss  man  mit  der 
Prognose  vorsichtig  sein,  weil  selbst  anscheinend  leichte  Fälle  eine 
unerwartete  Hartnäckigkeit  zeigen  und  durch  vriederholte  Recidive 
die  Hoffnung  auf  Genesung  zerstören  können.  Malaria,  rheumatische 
Ursachen,  Anämie,  Zahncaries  und  andere  periphere  Reize  geben  die 
günstigere  Prognose ;  nenropathische  Disposition,  vorgerücktes  Lebens- 
alter, Kachexien,  Gewebsdegenerationen,  schwere  organische  Erkran- 
kungen, centrale  Leiden  etc.  bedingen  eine  ungünstige  Prognose.  Be- 
sonders ungünstig  sind  die  habituell  gewordenen,  sog.  constitutionellen 
Neuralgien;  sie  werden  in  der  Regel  nur  vorübergehend  gebessert 
Dagegen  darf  man  bei  den  meisten  irisch  entstandenen,  nicht  allzu 
heftig  auftretenden  und  besonders  bei  den  typischen  Formen  in  der 
Regel  baldige  Heilung  erwarten. 

Therapie. 

Ungewöhnliche  Schwierigkeiten  stellen  sich  der  Behandlung  der 
Prosopalgie  häufig  genug  entgegen ;  Kenntnisse  und  Geduld  des  Arztes 
werden  nicht  selten  auf  erschöpfende  Proben  gestellt  und  nur  allzu 
häufig  ist  der  Erfolg  aller  Bestrebungen  ein  unbefiledigender. 

Es  muss  hier  ganz  nach  den  bei  der  allgemeinen  Therapie  der 
Neuralgien  aufgestellten  Grundsätzen  verfahren  werden;  indem  wir 
auf  diese  verweisen,  kann  hier  das  Meiste  nur  angedeutet.  Weniges 
nur  au0ftlhrlicher  besprochen  werden. 

'  Der  Causalindication  kann  nicht  selten  genügt  werden: 
Chinin  ist  von  glänzendem  Erfolg  bei  der  Supraorbitalneuralgie  durch 
Malariainfection ;  bei  Neuritis,  Knochen-  oder  Periostentzttndungen  ist 

Handboehd.  tpec.  Pathologien.  Therapie.  Rd.X  11.  1.    2.  Aufl.  8 


114  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

energische  Antiphlogose  am  Platz;  Diaphorese,  rasebe  Ableitimg  auf 
die  Hanty  innerlicb  Colchicam  mit  Op.  empfeblen  sich  bei  rbeuma- 
tischer  Ursache ;  von  glänzender  Wirkung  ist  oft  die  Entfernung  von 
Fremdkörpern,  Narben,  Geschwülsten,  Neuromen  u.  s.  w.  Eine  be- 
sondere Beachtung  verdient  die  oft  vergeblich,  oft  aber  auch  mit 
grossem  Nutzen  ausgeftihrte  Extraction  cariöser  Zähne  Dieselbe  ist 
nur  dann  zu  veranlassen,  wenn  der  Schmerz  offenbar  von  dem  kranken 
Zahne  ausgeht,  wenn  durch  Reizung  des  Zahnes  Paroxysmen  hervor- 
gerufen werden  können,  wenn  der  Zahn  bei  Berührung  mit  Metall 
oder  kalter  Flüssigkeit  sehr  schmerzhaft  ist;  nach  Friedberg 
weicht  die  Neuralgie  manchmal  erst,  wenn  man  auch  die  nicht 
schmerzenden,  aber  schadhaften  Zähne  entfernt.  Bei  sehr  erreg- 
baren und  schwächlichen  Personen  lässt  man  die  Extraction  am 
besten  in  der  Narkose  machen.  Gesunde  Zähne  zu  extrahiren, 
bloss  weil  sie  während  des  neuralgischen  Paroxysmus  schmerzen, 
ist  nicht  erlaubt.  —  Bei  Beizungen  peripherer  Organe  oder  anderer 
Nervengebiete  müssen  die  erforderlichen  Heilmethoden  angewendet 
werden.  —  Besondere  Berücksichtigung  erfordert  das  Allgemein- 
befinden: die  Bekämpfting  der  Anämie,  Kachexie,  verschiedener 
Dyskrasien,  der  neuropathischen  Disposition  u.  s.  w.  Alles  dies  hat 
nach  allgemeinen  Grundsätzen  mit  Inbetrachtnahme  der  speciellen 
Verhältnisse  des  einzelnen  Falles  zu  geschehen;  hier  besonders  kann 
sich  der  praktische  Blick  des  Arztes  bewähren  und  die  richtige 
Auswahl  der  einzelnen  (roborirenden,  alterirenden  etc.)  Curmethoden, 
der  passenden  Badeeuren,  Ealtwassercuren ,  Diät  u.  s.  w.  ist  hier 
nicht  selten  von  grossem  Nutzen. 

Bei  der  directen  Behandlung  hat  sich  besonders  die  Elek- 
tricität  in  der  neueren  Zeit  einen  gesicherten  Ruf  erworben;  es 
sind  Fälle  durch  dieselbe  geheilt  worden,  in  welchen  die  schwersten 
operativen  Eingriffe  wiederholt  vergebens  gemacht  waren  (Wiesner) 
und  man  kann  wohl  sagen,  dass  wesentlich  durch  die  Ausbildung 
der  el.  Behandlung  die  Prognose  des  eigentlichen  Tic  douloureux 
nicht  mehr  ganz  so  traurig  ist,  wie  sie  Trousseau  darstellt.  Beide 
Stromesarten  haben  ihre  Erfolge.  Der  faradische  Strom  kann  als 
el.  Pinsel  oder  el.  Moxe  im  Gesicht  wohl  nicht  leicht  Anwendung 
finden,  wegen  der  heftigen  Beizwirkung  und  enormen  Schmerzhaftig- 
keit;  man  kann  ihn  danp  nach  M.  Meyer  im  Nacken  anwenden; 
auch  wäre  vielleicht  der  schon  von  Eisen  mann  gemachte  Vorschlag 
zu  beherzigen,  durch  starke  cutane  Faradisation  des  äusseren  Ohfes 
dieselben  Wirkungen  zu  erstreben,  wie  mit  der  Gauterisation  des 
Helix.  —  Zweckmässiger  erscheint   die   Faradisation  mit  feuchten 


Kearalgien.    Trigeminusnearalgie.    Therapie.  115 

Elektroden,  die  auf  die  besonders  schmerzhaften  Punkte  and  in  die 
Nähe  der  Nervenstämme  aufgesetzt  werden;  in  einem  Falle  hat  mir 
eine  derartige  Faradisation  quer  durch  den  Kopf  (vor  dem  Ohr)  mit 
„ schwellenden "^  Strömen  (nach  Frommhold)  sogar  bessere  Dienste 
geleistet,  als  die  Galvanisation.  —  Im  Allgemeinen  jedoch  ist  diese 
letztere,  d.  h.  die  Behandlung  mit  dem  galvan.  Strom  weit  vorzu- 
ziehen und  liefert  viel  günstigere  Besultate.  Die  verschiedensten 
Metboden  haben  hier  Erfolge  aufzuweisen:  handelt  es  sich  um  peri- 
phere Neuralgien  einzelner  oberflächlich  gelegener  Aeste  lAuriculo- 
tempor.,  frontalis,  alveolaris  infer.),  so  kann  man  beide  Elektroden 
auf  den  Nerven  aufsetzen  und  einen  absteigenden  stabilen  Strom  ein- 
wirken lassen;  dasselbe  sucht  man  bei  den  tiefer  gelegenen  Aesten 
(N.  infraorbitalis,  lingualis  etc.)  zu  erreichen  dadurch,  dass  man  die 
Anode  in  den  Nacken  oder  hinter  das  Ohr,  die  Kathode  auf  die  Aus- 
trittstelle des  schmerzhatten  Astes  setzt  Nach  der  polaren  Methode 
lässt  man  die  Anode  stabil  auf  die  besonders  schmerzhaften  Punkte 
einwirken,  während  die  Kathode  im  Nacken  oder  an  einer  sonstigen 
indifferenten  Körperstelle  sitzt.  Zur  Beeinflussung  der  Hauptäste  an 
der  Schädelbasis  und  nach  ihrem  Austritt  aus  den  KeUbeinlöchem 
ist  es  zweckmässig,  den  Strom  quer  durch  den  Schädel  an  den  ge- 
eigneten Stellen  zu  leiten,  die  Anode  auf  der  leidenden  Seite.  Ftlr 
schwerere  Fälle  habe  ich  eine  polare  Einwirkung  der  Anode  an 
diesen  Stellen  mit  zu  einer  ziemlich  hohen  Stromstärke  anschwellen- 
den und  dann  langsam  wieder  abschwellenden  stabilen  Strömen  be- 
sonders nützlich  gefimden.  Benedict  empfiehlt  für  die  schweren 
Fälle  die  Galvanisation  längs  und  quer  durch  den  Schädel  und  die 
Sympathicusgalvanisation,  und  ich  glaube,  von  dieser  Methode  eben- 
falls einige  Erfolge  gesehen  zu  haben.  Ein  von  schwerer  Supra- 
orbitalneuralgie  heimgesuchter  College  hatte  vortrefflichen  Erifolg 
nur  von  der  Einwirkung  des  Pinsels  bei  6—8  Elementen;  die  aut 
der  Stimhaut  sehr  schmerzhafte  Procedur  wurde  gemildert  durch 
Unterlegen  einiger  Schichten  feuchten  Löschpapieres.  Es  ist  Auf- 
gabe der  Elektrotherapie,  künftighin  die  Indicationen  flir  diese  ver- 
schiedenen Methoden  genauer  zu  präcisiren;  vorläufig  ist  dies  noch 
nicht  möglich;  allein  es  ist  wahrscheinlich,  dass  iUr  verschiedene 
Formen  der  Prosopalgie  (je  nach  ihren  Ursachen  und  ihrer  genaueren 
Localisation)  auch  verschiedene  Galvanisationsmethoden  angezeigt 
sein  werden.  Da  wir  zur  Zeit  in  den  meisten  Fällen  über  den  Sitz 
und  die  Ursachen  in  Ungewissheit  zu  sein  pflegen,  milssen  wir  auf  vor- 
wiegend empirischem  Wege  die  einzelnen  Methoden  anwenden  und 

in  den  schwereren  Fällen  besonders  verschiedene  Methoden  nach- 

s* 


116  £rb,  Krankheiten  der  peripberen-cerebrospinalen  Nerven. 

«jnaiider  erproben ,  um  die  wiriksamste  zu  finden.  Die  Erfolge  «ind 
in  leichteren,  Mschen,  aber  anch  in  vielen  veralteten,  idiopatbisclieii 
Fällen  wahrhaft  glänzende;  bei  den  schwereren  Formen  wird  man 
in  vielen  Fällen  erhebliebe  Erleichterung,  selten  wirkliche  Heilung 
bringen.  Glerade  in  diesen  muss  man  aber  durch  Ausdauer  und 
Modification  in  der  Behandlung  den  schliesslichen  Erfolg  zu  er- 
zwingen suchen.  Orosse  Uebung  und  Sidierheit  in  der  elektrothera- 
peutiscben  Technik  sind  daeu  natttrlich  unabweteliche  Bedingvnigen. 
Alles  Nähere  s.  in  d.  Lehrbtichem  der  Elektrotherapie. 

Fftr  die  Anwendung  der  Narcotica  gelten  ganz  die  im  allge- 
meinen Theil  ausgeflihrten  Grundsätze;  doch  muss  man  sich  gerade 
in  schwereren  Fällen  vor  einer  allzu  energische  und  lange  fortge- 
setzten Anwendung  derselben  bitten,  weil  die  Kranken  gar  cn 
schwer  davon  wieder  entwöhnt  werden  können.  Es  ist  deshalb 
zweckmässig,  öfteren  Wechsel  in  den  Narcoticis  emtreten  zu  lassen 
(Opium,  Morphium,  Laudanum,  Strammonium,  Hjoscyamus,  Bella- 
donna; am  meisten  wird  man  sidi  natürlich  immer  auf  die  Opiate 
bes.  das  Morphium,  verlassen  mttssen).  Natürlich  hat  man,  gediUngt 
durch  die  Verhältnisse,  die  Narcotica  in  zahllosen  Anwendungsweisen 
versucht;  die  vorzüglichste  unter  denselben  ist  jedenfalls  die  hypo- 
dermatische  Injection,  die  hier  besonders  mit  allen  Gautelen  anzu- 
wenden ist.  Die  Injection  im  G^cht  selbst  ist  möglichst  zu  ver- 
meiden, weil  sehr  schmerzhaft,  oft  entstellend  und  manchmal  zu 
Entzündungen  ftihrend.  Die  zweckmässigsten  Stellen  sind  die 
Schläfengegend  und  die  seitliche  Halsregion  unt^halb  des  Ohres. 
Doch  wird  man  sich  bei  ausgesprochener  localer  Schmerzhaftigkeit 
auch  nicht  von  einer  Injection  unter  die  Stirn-  oder  Wangenhaut 
abhalten  lassen.  —  Für  manche  leichtere  Fälle  genügen  diese  In- 
iectionen  zur  Heilung;  ftir  die  schwereren  Fälle  sind  sie  nur  ein 
Palliativmittel,  das  in  der  Regel  mehr  und  mehr  an  Wirksamkeit 
verliert  und  endlich  in  Dosen  angewendet  werden  muss,  die  dem 
Gesanmitorganismus  verderblich  werden,  ohne  die  gewünschte  Wir- 
kung hinreichend  zu  entfalten.  Die  Injection  anderer  Narcotica  hat 
keine  besonderen  Vorzüge;  höchstens  wäre  Atropin  zu  versuchen, 
welches  Anstie  besonders  ftlr  die  mit  Glaucom  einhergdienden 
Supraorbitalneuralgien  empfiehlt. 

Die  innerliche  Anwendung  der  Narcotica  ist  weniger  zu  em- 
pfehlen, doeh  in  vielen  Fällen  nicht  zu  entbehren.  Zu  erwähnen 
ist  hier  noch  besonders  die  von  Trousseau  geübte  und  als  einzig 
wirksam  empfohlene  Palliativbehandlung  seiner  epileptifonnen  Neur- 
algie mit  unglaublich  grossen  Dosen  von  Opiaten.    Trousseau  be- 


NeuralgieiL    Trigeminosneoralgie.    Tben4>ie.  117 

gnuit  mit  ca.  0,20  Morphium  oder  Opium  oder  Extr.  opü  auf  den 
Tag  und  steigt ,  wemi  keine  bedrohlicben  Erscheinungen  eintreten 
(was  gewöhnlich  bei  dieser  Krankheit  nicht  der  Fall  zu  sein  pflegt) 
mit  der  Dosis  rasch  so  lange,  bis  Erleichterung  eintritt,  in  einzelnen 
Fällen  Iris  auf  vier.  Grammes  (!)  Morphium  und  8 — 12  Grammes 
Opium  für  den  Tag!  Er  berichtet  Ton  einer  Kranken,  welche  täg- 
lich 15^20  Grammes  Opium  nach  BedUrMss  verbrauchte  und  dabei 
keine  Intoxicationserscheinungen ,  wohl  aber  eine  ungeheuere  Besse- 
rung ihres  entsetzlichen  Leidens  yersptirte.  Troussseau  hat  mit 
dieser  Behandlung  wenigstens  so  viel  erreicht,  dass  die  fiirchtbaren 
AufMle  seltener  und  schwächer  wurden,  dass  sie  selbst  fllr  einige 
Wochen  oder  Monate  ganz  cessirten.  Er  betont  aber  ausdrückUcb, 
dass  das  Opium  in  hohen  Dosen  gegeben  werden  muss,  deren 
Grenzen  sieh  gar  nicht  im  Voraus  bestimmen  lassen.  Mit  der  Besser 
ruBg  tritt  Intoleranz  gegen  das  Mittel  ein  und  dann  muss  man  mit 
der  Dosis  heruntergehen.  Manche  Personen  vertragen  aber  die  hohen 
Dosen  gar  nieht 

Belladonna,  Hyoscyamus,  Strammonium  etc.  können  ebenfalls 
innerlich  in  steigenden  Dosen  versucht  werden  und  erweisen  sich 
hier  und  da  nützlich.  —  Erwähnt  werden  mag  auch  die  Einftlhrung 
der  Narcotica  durch  die  Nase  in  Form  von  wässerigen  Lösungen 
oder  Schnupfyulvem ;  hat  günstige  palliative  Wirkung,  besonders 
bei  Supraorbitalneuralgien. 

Für  die  äusserliche  Anwendung  mag  hier  besonders  auf  die 
Opium-  und  Veratrinsalben,  auf  die  Einreibungen  mit  Aconitin,  auf 
die  Fomente  mit  Atropin  hingewiesen  werden  (s.  allg.  Theil),  welche 
sich  ihrer  leichten  Anwendbarkeit  wegen  empfehlen. 

Aneh  die  Anaesthetica  finden  in  der  früher  angegebenen 
Weise  hier  nicht  selten  eine  gute  Stelle.  Besonders  Chloroformin- 
halationen und  einige  äusserliche  Applicationen  (Wattebausch  mit 
Chloroform  in  den  äusseren  Gehörgang,  Auflegen  von  mit  Chloro- 
form oder  Aether  getränkter  Watte  auf  die  schiperzhaften  Stellen) 
haben  sich  in  der  Therapie  des  Gesiehtsschmerzes  eingebürgert. 

Das  Butylchloral  (früher  Crotonchloralfaydrat  genannt)  ist 
von  0.  Liebreich  als  ein  fast  specifisches  Mittel  gegen  Gesichts- 
schmerz  und  überhaupt  alle  schmerzhaften  Affeetionen  im  Gebiet 
des  Trigeminus  empfohlen.  Sehr  günstige  Erfolge  —  wenigstens 
palliative  —  stehen  hier  Misserfolgen  (Mering)  gegenüber.  Weitere 
Erfahrungen  müssen  abgewartet  werden.  Darreichung  und  Dosirung 
wie  oben  S.  83  angegeben. 


118  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

M  a  n  z  i  0  bat  in  einem  hartnäckigen  und  veralteten,  allen  Mitteln 
trotzenden  Falle  von  Infraorbitalnearalgie  Inhalationen  von  Amyl- 
nitrit  mit  bestem  Erfolge  angewendet. 

Sehr  häufig  wird  man  gerade  beim  Gesichtsschmerz  genöthigt 
sein,  zu  den  specifischen  Mitteln  zu  greifen.  Es  gilt  für  die- 
selben das  im  allg.  Theil  Gesagte.  In  leichteren,  typischen  oder  an- 
nähernd typischen  Fällen,  wenn  sie  auch  nicht  auf  Malaria  beruhen, 
wird  Chinin  seine  Wirkung  selten  versagen;  ich  gebe  es  gern  mit 
etwas  Morphium  in  idiopathischen  oder  rheumatischen,  frischen 
Fällen,  besonders  von  Supraorbitalueuralgie  und  meist  mit  Erfolg. 
—  Für  die  schwereren  Fälle  dagegen  ist  der  Arsenik  das  souveräne 
Mittel;  derselbe  hat  gerade  bei  den  schweren,  constitutionellen 
Formen  vielfach  so  entschiedene  Resultate  gehabt,  dass  er  immer 
und  immer  wieder  versucht  zu  werden  verdient.  Die  Dosirung  ist 
die  gewöhnliche,  man  darf  jedoch  nicht  zu  ängstlich  sein  (Tinct. 
Fowler.  3 — 6  8—10  Tropfen  mehrmals  täglich;  Acid.  arsenicos. 
0,01  bis  0,02  pro  die  in  getheilter  Gabe).  Von  den  übrigen  Speci- 
ficis:  Zinc.  (Meglin'sche  Pillen),  Strychnin,  Argent.  nitr.,  Auro-natr. 
chlorat.  u.  s.  w.  ist  nichts  Besonderes  zu  sagen.  Lecointe  hat 
von  starken  Dosen  römischer  Kamillen  (längere  Zeit  gebraucht) 
Erfolge  gesehen,  Pf  äff  u.  A.  rühmen  den  Erfolg  des  innerlich  ge- 
reichten Ol.  terebinth.;  Sublimat,  Ferr.  carbonicum,  Kai.  jodat.  haben 
ihre  Lobpreiser  gefunden. 

Mit  Ableitungsmitteln  ist  in  der  Regel  wenig  zu  machen. 
Vesicantien  finden  ihre  beste  Applicationsstelle  im  Nacken  oder  hinter 
dem  Ohr.  —  Verschiedene  reizende  und  irritirende  Salben  hat  man 
auf  das  Gesicht  angewendet.  —  Der  Vorschlag,  die  Haut  über  den 
Points  douloureux  mit  dem  Höllensteinstift  tüchtig  zu  ätzen,  wird 
wohl  wenig  Anhänger  finden.  —  Bepinseln  mit  Jodtinctur,  die  Acu- 
punctur  und  Elektropunctur,  die  Aquapunctur,  Bepinseln  des  Gau- 
mens mit  verdünntem  Ammon.  caustic.  u.  dgl.  sind  energische  Gegen- 
reize, welche  meist  nur  vorübergehende  Wirkung  haben  werden  und 
hinter  der  Wirksamkeit  der  el.  Geissei  jedenfalls  zurückstehen.  Das 
Glüheisen  in  Form  des  Strichfeuers  hat  man  ebenfalls  versucht  — 
jedenfalls  der  heroischste  und  wohl  auch  wirksamste  unter  diesen 
Gegenreizen. 

Die  Kälte  wird  man  nur  in  wenigen  Fällen  wirksam  finden; 
in  der  Regel  wird  sie  von  den  Kranken  nicht  ertragen,  sondern  es 
werden  eher  warme   Umhüllungen  und  Aufschläge   angenehm    em- 

I)  Annali  univers.  Bd.  231.  p.  512.  1875. 


Neuralgien.    TrigeminusDeuralgie.    Therapie.  1 1 9 

pfänden.  Doch  kann  bei  peripheren  besonders  neuritischen  Neural- 
gien auch  ein  unverkennbarer  Nutzen  von  Eälteapplicationen  herTor- 
treten.  —  Die  Compression  hat  gerade  bei  Trigeminusneuraigieu 
die  wenigsten  Bedenken,  da  es  sich  hier  um  rein  sensible  Nerven 
handelt,  deren  Leitungshemmung  keine  sehr  üblen  Folgen  hat.  Man 
mag  daher  immerhin  versuchen,  ob  energische  Compression  des  lei- 
denden Nerven  oder  verschiedener  Points  doulour.  den  Schmerz  lin- 
dert nnd  kann  dieses  Mittel  geeigneten  Falles  als  erwünschtes  Pallia- 
tiv gebrauchen  lassen. 

Von  Bädern  und  Badecuren  ist  meist  nur  dann  Erfolg  zu 
erwarten,  wenn  ihnen  ganz  bestimmte  Indicationen  zu  Grunde  liegen. 
Direct  gegen  die  Neuralgie  wirken  Seebäder,  Thermen,  Kaltwasser- 
curen  manchmal  sehr  glänzend,  meist  aber  lassen  sie  im  Stich  oder 
bedingen  eine  Exacerbation  des  Leidens. 

Bei  keiner  andern  Neuralgie  sind  endlich  operative  Eingriffe 
so  häufig  angezeigt  und  auch  so  vielfach  gemacht  worden,  wie  bei 
der  Prosopalgie.  Die  Discussionen  der  Chirurgen  über  den  Werth, 
die  Indicationen  und  die  Methoden  der  Neurotomie  und  Neurektomie 
drehen  sich  fast  ausschliesslich  um  den  Trigeminus.  Es  kann  jetzt 
wohl  als  festgestellt  betrachtet  werden,  dass  in  vielen  Fällen  von 
Trigeminusneuralgie  ganz  bestimmte  Indicationen  für  die  Operation 
vorbanden  sind  und  dass  die  meisten  hier  in  Betracht  kommenden 
Operationen  verhältnissmässig  ungefährlich  und  mit  den  verbesserten 
Methoden  auch  wenig  eingreifend  sind.  Und  dass  die  Operation  fUr 
die  Kranken  selbst  eine  nützliche  und  segensreiche  ist,  das  lehren 
zur  Evidenz  die  zahlreichen  Beispiele,  in  welchen  sich  die  Kranken 
mehrfach  wiederholten  Operationen  unterzogen  und  sogar  die  Chirurgen 
zu  immer  erneuten  und  kühneren  Operationen  gedrängt  haben.  Man 
muss  nur  einmal  die  entsetzlichen  Leiden  solcher  Kranken  gesehen 
haben,  um  es  zu  begreifen,  dass  sie  nach  jedem,  auch  dem  schwersten, 
Mittel  verlangen,  welches  ihnen  wenn  auch  nur  vorübergehende  Be- 
freiung von  ihren  Schmerzen  verspricht. 

Indicirt  erscheint  die  Operation :  a)  wenn  periphere  Ursachen 
der  Neuralgie  selbst  oder  der  einzelnen  Paroxysmen  anzunehmen  und 
durch  kein  anderes  Mittel  zu  entfernen  sind;  b)  wenn  bei  centraler 
Ursache  oder  bei  vorhandener  Unklarheit  über  den  Sitz  des  Leidens 
die  aufreibende  Heftigkeit  desselben  an  und  ftlr  sich  einen  ernsten 
operativen  Eingriff  rechtfertigt,  nachdem  alle  übrigen  Mittel  erschöpft 
sind.  Die  Erfahrung,  dass  auch  bei  notorisch  centraler  Ursache  die 
Operation  doch  in  vielen  Fällen  mehr  oder  weniger  lange  dauernde 
Befreiung  von  den  Schmerzen  gebracht  hat,  hat  dieser  Indication  eine 


120  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

festere  Basis  verliehen.  Es  ist  klar,  dass  es  besonders  die  schweren 
Fälle  der  r>  epileptiformen  Neuralgie  ^  sind,  welche  in  diese  Kategorie 
fallen  nnd  bei  diesen  sind  auch  bereits  zahlreiche  Operationen  ge- 
macht worden. 

Der  Ansflihrung  der  Operation  mnss  natürlich  vorausgehen  eine 
möglichst  sichere  Feststellung  des  eigentlich  beiallenen  Nervenzweigea 
und  es  sind  in  dieser  Beziehung  besonders  die  irradiurten  Schmerzen 
einer  genauen  Würdigung  zu  unterriehen;  ferner  muss  man  bestrebt 
sein,  den  genaueren  Sitz  der  Affection  in  der  Höhe  der  Faserieitung 
zu  erniren,  weil  natürlich  ein  Operiren  oberhalb  dieses  Sitzes  die 
Hauptaufgabe  ist  —  Natürlich  wähle  man  im  einzeben  Fall  das 
möglichst  sichere  und  gefahrlose  Operationsverfahren.  Es  dürfte  sieh 
vielleicht  in  Fällen  von  unsicherer  Diagnose  und  zweifelhaftem  Er- 
folge empfehlen,  versuchsweise  das  leichtere  Operationsverfahren  (z.  B. 
subcutane  Neurotomie)  vorauszuschicken  und  erst  bei  Wiederkehr  der 
Schmerzen  zu  dem  eigentlichen  Haupteingriff  (Neurektomie  eines  mög- 
lichst langen  Nervenstücks)  zu  schreiten.  Dies  muss  jedoch  dem  Er- 
messen der  Chirurgen  anheimgestellt  bleiben.  Eine  Detailbespreohnng 
aller  dieser  Fragen,  der  Indicationen ,  Folgeerscheinungen,  Nachbe- 
handlung findet  man  in  dem  vortrefflichen  Aufsatz  von  A.  Wagner 
(Arch.  f.  klin.  Chir.  Band  XI). 

Ueber  die  einzelnen  Operationen  und  ihre  Technik  können  wir 
uns  hier  nicht  verbreiten.  Man  hat  dieselben  in  der  neueren  2ieit 
erheblich  vervollkommnet,  und  die  Resectionen  auf  alle  möglichen, 
fast  unerreichbaren  Nervenzweige  ausgedehnt;  man  ist  in  die  Tiefe 
der  Augenhöhle,  in  die  Flügelgaumengrube  bis  zum  For.  rotund.  vor- 
gedrungen, hat  Unter-  und  Oberkieferresectionen  nicht  gescheut,  um 
zu  den  erkrankten  Nerven  zu  gelangen.  Weitaus  am  häufigsten  ist 
der  Nerv,  infraorbitalis  Gegenstand  solcher  Operationen.  Das  Nähere 
bieten  die  Werke  über  Chirurgie  und  Operationslehre. 

Die  Erfolge  sind  im  Ganzen  befriedigend.  Eine  Zusammen- 
stellung A.  Wagner 's  über  135  Fälle  ergibt:  Erfolglosigkeit  der 
Operation  9  mal ;  Tod  6  mal ;  Reddive  traten  ein  nach  Tagen  i  mal, 
nach  Monaten  32  mal,  nach  Jahren  (6is  3)  20  mal ;  Recidive  blieben 
ans  nach  Monaten  18  mal,  nach  Jahren  25  mal;  die  Zeitdauer  des 
Erfolgs  blieb  unbestimmt  24  mal.  Wenn  man  erwägt,  dass  es  sich 
dabei  fast  nur  um  äusserst  schwere,  hartnäckige  und  verzweifelte 
Fälle  handelt,  wird  man  den  Worten  Wagner's  beistimmen,  dass 
die  Neurektomie  bei  Prosopalgie  eine  wissenschaftliche  Berechtigung 
und  eine  hochzuschätzende  praktische  Bedeutung  hat 

Ueber  die  von  Nussbaum  und  Patruban  geübte  und  empfohlene 


Neuralgien.    Trigemuiasnearalgie,    Therapie.    Cervico-Occipital-Nearalgie.    121 

Unterbindung  der  Carotis  als  Radicalmittel  bei  Trigeminasneur- 
algie  ist  znr  Zeit  noch  kein  bestimmtes  Urtheil  möglich.  Die  bisher 
mitgetheilten  Erfolge  sind  jedoch  so  günstige  dass  die  Operation  wohl 
weiterer  Veranehe  werth  ist.  Da  sie  jedoch  bisher  aller  bestimmteren 
Indication  ermangelt,  wird  man  sie  nur  als  ultimum  refugium  da  an- 
wenden, wo  die  unstillbaren  Leiden  der  Kranken  einen  energischen 
und  gefährlichen  Eingriff  rechtfertigen. 

In  Bezug  auf  das  diätetische  Verhalten  bei  Gksiehtsnear- 
algien  braucht  dem  im  allgemeinen  Tb  eil  darüber  Gresagten  nicht 
viel  binzugeftigt  zu  werden.  Da  der  Trigerainus  vermöge  seiner 
mannichfachen  physiologischen  Beziehungen  sowohl  durch  somatische 
wie  durch  psychische  Einflüsse  in  Terschiedenster  Weise  beeinflusst 
ond  erregt  werden  kann,  ist  besonders  auf  eine  soi^ältige  Fem- 
haltnng  aUer  die  Paroxysmen  heryorrufenden  oder  steigernden  Ein- 
flüsse zu  achten.  Besonders  ist  streng  jede  körperliche  oder  geistige ' 
Ueberanstrengung,  überhaupt  Alles,  was  schwächend  auf  den  Orga- 
msmus  einwirkt,  zu  meiden,  eine  zeitweilige  Entfernung  von  allen 
Qesehäfien  ist  häufig  nützlich.  In  Bezug  auf  Diät  und  Lebensweise 
wird  man  sich  ganz  nach  den  individuellen  Verhältnissen  zu  richten 
haben,  mit  Berücksichtigung  der  im  allgem.  Theil  gegebenen  Winke 
und  Bathschläge.  Grosse  Umsicht  und  Ausdauer  sind  hier  besonders 
in  den  schwereren  Fällen  nothwendig. 


b.  Neuralgie  im  Oebiet  der  vier  oberen  Cervicalnerven 
(Plexus  ccrvicalis).  —  Cervico-Occipital-Neuralgie. 

Bretschneider  1.  c.  —  Valleix  1.  c.  p.  185—224.  —  Eulenburg, 
Hasse,  L  c.  ~  Börard,  Dict.  de  m^.  Bd.  12.  1836. 

Peter,  N^vralgies  diaphragmatiques.  Ar  eh.  g^n^r.  1872.  Bd.  17.  —  Falot, 
Neuralgie  des  Phrenicus.    Montpell.  m^d.  1866. 

Diese,  im  Ganzen  seltene  Neuralgie  hat  ihren  Sitz  im  Verbrei- 
tongsbezirke  der  sensiblen  Fasern  der  4  oberen  Cervicalnerven.  Es 
können  also  folgende  Nerven  an  der  Krankheit  betheiligt  sein:  1) 
der  Nerv,  oecipit.  major,  der  zwischen  Proc.  mastoid.  und  dem 
Dornfortsatz  des  2.  Halswirbels  unter  die  Haut  tritt  und  sich  am 
Hmterhaupt  und  bis  zum  Scheitel  hin  verästelt;  2)  der  N.  oecipit. 
minor,  der  sich  zur  Seite  des  Hinterhauptes  bis  gegen  das  Ohr  hin 
aisbreitet;  3)  der  N.  auricul.  magnus,  der  sich  in  der  Ohrmuschel 
ond  in  der  Haut  oberhalb  des  Warzenfortsatzes  und  über  der  Parotis 
veHtotelt;  4)  der  N.  subcutan,  colli  inferior,  der  sich  in  der 
ganzen  vorderen  Halsregion  bis  zur  Unterkinngegend  und  gegen  die 


122  Erb,  Krankheiten  der  periphereu-cerebrospinaleo  Nerven. 

WaDge  hin  aasbreitet;  endlieh  5)  die  Nn.  sapraclavicalares, 
welche  sich  in  der  Sehlüsselbeingegend ,  in  der  oberen  Region  der 
Brust  und  der  unteren  des  Nackens  yerästeln.  —  Der  Schmerz  bei 
dieser  Neuralgie  kann  also  eine  sehr  grosse  Verbreitung  haben:  in 
der  ganzen  Hinterhauptsgegend  bis  zum  Scheitel  und  im  Ohr,  in  der 
ganzen  Haut  des  Halses  und  Nackens  bis  über  das  Schlüsselbein 
hinab  und  nach  aufwärts  bis  gegen  die  Wange  (Anastomose  mit  dem 
Subcutan,  colli  super,  vom  Nerv,  facialis).  Weitaus  am  häufigsten 
aber  ist  es  der  starke  N.  occip.  major,  welcher  von  der  Neuralgie 
befallen  wird  (Neuralgia  occipitalis);  seltener  der  Occip.  min. 
und  Auricul.  magnus;  die  Betheiligung  des  subcut.  coli,  und  der 
Supraclayiculares  wird  nur  selten  erwähnt. 

Ueber  die  Aetiologie  dieses  Leidens  ist  nicht  sehr  viel  be- 
kannt. Prädisponirend  sind  hier  dieselben  Verhältnisse  wie  bei  Neur- 
^algien  überhaupt;  Hysterie  und  Anämie  werden  besonders  häufig 
beschuldigt. 

Unter  den  Gelegenheitsursachen  ist  wahrscheinlich  Er- 
kältung die  häufigste;  kalte  Zugluft  oder  Wind  in  den  Nacken, 
Durchnässung  u.  s.  w.  werden  häufig  mit  aller  Bestimmtheit  als 
Ursachen  beschuldigt.  —  Traumatische  Einwirkungen  sind  in 
einzelnen  Fällen  notirt.  Besonders  wichtige  und  häufige  Ursachen 
sind  Erkrankungen  der  oberen  Halswirbel:  rheumatische 
oder  syphilitische  Periostitis,  Garies,  Geschwulstbildungen  aller  Art 
(ich  sah  einen  sehr  schweren  Fall  durch  ein  von  den  oberen  Hals- 
wirbeln ausgehendes  Osteom  bedingt)  können  Occipitalneuralgie  be- 
dingen. —  Krankheiten  der  cervicalen  Lymphdrüsen  und  in  einem 
Falle  Aneurysma  der  Art  vertebral.  hat  man  beobachtet.  Es  ist 
endlich  nicht  unwahrscheinlich,  dass  auch  centrale  Erkrankun- 
gen (des  Halsmarkes  und  des  Gebims)  gelegentlich  das  Symptom 
der  Occipitalneuralgie  darbieten. 

Symptome.  Meist  einseitiges,  nicht  selten  aber  auch  doppel- 
seitiges Auftreten.  Der  Schmerz  kann  äusserst  heftig  sein,  wird  meist 
als  reissend  und  bohrend  geschildert,  nicht  selten  als  deutlich  lanci- 
nirend.  Verbreitet  sich  am  häufigsten  von  der  seitlichen  oberen 
Nackenregion  aus  nach  aufwärts  bis  zum  Scheitel  und  selbst  gegen 
die  Stirn  hin;  in  selteneren  Fällen  an  und  hinter  dem  Ohre,  gegen 
die  Wange  zu,  oder  in  der  •vorderen  Halsregion,  von  hier  Ausläufer 
nach  dem  Kinn  und  über  den  Unterkiefer  hin  entsendend ;  oder  end- 
lich nach  abwärts  über  die  Schlüsselbeine  hinab  und  nach  hinten 
gegen  die  Scapula  hin.  —  Sehr  deutlich  ist  in  der  Regel  das  Auf- 
treten in  Paroxysmen,  die  selbst  eine  ähnliche  Heftigkeit  wie  bei 


Neuralgien.    Cervico-Occipitalneoralgie.    Aetiologie.    Symptome.        123 

Prosopalgie  erreichen  können  und  verschieden  lange  Dauer  dar- 
bieten. In  der  Zwischenzeit  sind  die  Kranken  entweder  ganz 
schmerzfrei,  oder  es  besteht  nur  ein  dumpfer  drückender  Schmerz. 
Die  Anfälle  werden  hervorgerufen  durch  Bewegungen,  besonders 
Drehen  des  Kopfes,  durch  Lachen,  Kauen,  Niesen  u.  dgl.  Beson- 
ders charakteristisch  ist  die  steife  Haltung  des  Kopfes  und  Nackens 
während  der  Anfälle,  weil  die  Kranken  ängstlich  jede  Bewegung 
desselben  vermeiden;  ausserhalb,  der  Anfälle  sind  die  Bewegungen 
des  Kopfes  meist  frei. 

Sehr  gewöhnlich  sind  Schmerzpunkte  bei  dieser  Neuralgie 
nachzuweisen  und  zwar  am  häufigsten  an  der  Austrittstelle  des  N. 
occip.  maj.,  etwa  in  der  Mitte  zwischen  Proc.  mastoid.  und  den  Dom- 
fortsätzen der  oberen  Halswirbel  (Occipitalpunkt) ;  häufig  auch  ist 
der  Nerv  längs  seines  Verlaufes  über  das  Hinterhaupt  schmerzhaft; 
femer  ein  Punkt  am  Scheitelhöcker  (Parietalpunkt)  und  die  Dom- 
fortsätze der  oberen  Halswirbel;  selten  kann  man  solche  Punkte  über 
den  Stämmen  der  übrigen  betheiligten  Nerven,  oder  am  Ohr,  oder 
auf  dem  Schlüsselbein  nachweisen. 

Selten  beschränkt  sich  bei  dieser  Neuralgie  der  Schmerz  auf 
das  befallene  Nervengebiet;  vielmehr  sind  Irradiationen  des 
Schmerzes  sehr  häufig:  am  häufigsten  wohl  nach  der  Stirn  und 
Schläfe  hin,  auch  gegen  die  Wange;  ferner  nach  verschiedenen 
Zweigen  des  Brachialplexus  und  zu  den  Intercostalnerven  hin;  das 
kann  zu  Verwechselungen  mit  anderen,  besonders  Trigeminusneur- 
algien  lehren. 

Auch  die  bekannten  Störungen  der  Sensibilität  kann  man  hier 
und  da  beobachten ;  so  wird  von  Hyperästhesie  in  der  Hinterhaupts- 
gegend berichtet,  so  dass  Berührung  der  Haare  empfindlieh  war; 
ich  selbst  habe  leichte  Anästhesie  im  ganzen  Gebiet  beider  Occipi- 
talnerven  und  des  Auricularis  magnus  beobachtet,  verbunden  mit 
subjectivem  Taubheitsgeflihl.  —  Während  der  Paroxysmen  treten 
nicht  selten  krampfhafte  Erscheinungen  in  den  Nackenmus- 
keln auf:  Zuckungen  und  Spannung  derselben,  oft  eine  tonische 
CJontraction,  die  aber  zum  Theil  willkürlich  zur  möglichsten  Fixirung 
des  Kopfes  hervorgemfen  wird.  Selten  sind  Zuckungen  in  den  Ge- 
sichtsmuskeln. Von  vasomotorischen  und  trophischen  Stömngen  ist 
wenig  bekannt.  Anstie  erwähnt  Anschwellung  der  Lymphdrüsen 
als  Folge  dieser  Neuralgie.  —  Häufiges  Erbrechen  und  hochgradigen 
Marasmus  habe  ich  in  einem  besonders  schweren  Falle  beobachtet, 
der  hier  wohl  einer  kurzen  Mittheilung  in  verschiedener  Hinsicht 
werth  ist. 


124  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

Am  8.  Oktober  1862  wurde  ein  1 5 jähriger  Banernjnnge^  GU>a8wiii 
Heil  er ;  in  einem  jammenrollen  Zustande  höchster  Abmagerung  und 
Schwäche  auf  die  medic.  Klinik  .(Prof  Friedreich)  gebracht.  Die 
Anamnese;  welche  der  bis  zum  völligen  Skelett  abgemagerte  Bursche 
mit  hinreichender  Klarheit  gibt;  ergibt  eine  2 — 3jährige  Dauer  des 
Leidens ;  dazu  rohe  Behandlung  von  Seite  der  Stiefetteni;  schlechte 
ungenügende  Nahrung.  Die  Anfälle  sind  allmälig  inm^r  heftiger 
und  häufiger  geworden,  die  Ernährung  durch  das  sich  hinzugesellende 
Erbrechen  immer  schlechter.  Der  Kranke  klagt  über  einen  a nf alls- 
weise auftretende  n^äusserst'he  ft  igen  Schmerz  imNacken 
und  Hinterhaupt;  der  sich  auch  etwas  nach  dem  Rücken  verbrei- 
tet und  immer  von  Erbrechen  begleitet  ist.  Der  2.  Halswirbel 
ist  während  der  Anfälle  sehr  empfindlich  bei  Druck;  ebeaso 
einige  Rückenwirbeldornfortsätze.  Bewegung  des  Kopfes  während 
der  Anfälle  erregt  die  furchtbarsten  Schmerzen;  während  sie  in  den 
anfallsfreien  Zeiten  ganz  gut  geht.  Pat.  liegt  gewöhnlich  stark  opis- 
thotonisch  gekrümmt  im  Bett;  kann  weder  stehen  noch  gehen ;  noch 
ohne  Hülfe  im  Bett  sitzen.  Alles  Oegessene  wird  erbrochen.  Unglaub- 
liche Abmagerung  und  Schwäche.  Geistige  Functionen  intaet;  keiner- 
lei sonstige  Anomalien;  kein  Symptom  einer  Centralerkrankung.  — 
Nach  vergeblicher  Anwendung  der  Kälte,  narkotischer  Linimente  etc. 
wird  zu  subcutanen  Morphiuminjectionen  (0;005— 0;01)  geschritten; 
welche  überraschend  schnelle  Besserung  erzielen:  nach  wenigen  Tagen 
die  Schmerzen  fast  verschwunden;  das  Erbrechen  vorüber;  Appetit  und 
Beweglichkeit  wiederkehrend.  Pat  erholt  sich  nach  und  nach  völlig 
(Gewicht  am  2.  Dezemb.;  nachdem  die  Besserung  schon  sehr  grosse 
Fortschritte  gemacht;  erst  25,4  Kilo;  am  23.  April  1863  dagegen 
33;8  Kilo);  so  dass  er  einen  Ausläuferdienst  übernimmt.  Die  Neural- 
gie ist  nicht  wiedergekehrt. 

Der  Verlauf  der  Cervico-Occipital-Neuralgie  ist  im  Allgemeinen 
ein  milderer;  als  der  der  Prosopalgie;  doch  kommen  auch  hier  manch- 
mal schwere  und  unheilbare  Fälle  vor,  welche  an  die  epileptiforme 
Neuralgie  erinnern.  Das  hängt  hier  wie  dort  ganz  von  den  Ursachen 
ab;  und  es  würde  eine  ausiUhrlichere  Besprechung  nur  zu  Wieder- 
holungen fllhren.  Dasselbe  gilt  ftlr  Dauer  und  Ausgänge  dieser 
Neuralgie. 

Die  Diagnose  ist  im  Allgemeinen  leicht;  eine  Verwechselung 
mit  TorticoUis  rheumatica  (Muskelrheumatismus  mit  fixem  Sitze  des 
Schmerzes,  ohne  Paroxysmen,  Steigerung  des  Schmerzes  constant 
bei  bestimmten  Bewegungen)  kann  wohl  leicht  vermieden  werden.  — 
Wichtiger  und  schwieriger  ist  natürlich  die  Diagnose  der  Ursaohei 
and  hier  ist  besonders  immer  eine  genaue  Untersuchung  der  Hals- 
wirbelsäule von  aussen  und  vom  Rachen  her  vorzunehmen.  Hier  ist 
an  das  längst  gewürdigte  Symptom  zu  erinnern;  dass  bei  Wirbel- 


Neuralgien.  Cernco-Ocdpital-Keanügie.  Verlauf.  Diagnose.  Prognose.  Therapie.  1 25 

Idd^i  die  Ej-aaken  beim  Erbeben  des  Kopfes  das  Hinterbaapt  mit 
der  Hand  zu  stützen  pflegen. 

IXe  Prognose  ergibt  steh  aas  den  Ursachen  und  der  Würdigung 
fittmmtliober  concarrirenöer  Verhältnisse  nach  allgemeinen  Grundsätzen. 

Die  Therapie  ist  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  erfolgreich;  nur 
bei  schweren  organischen  Leiden  wird  man  nichts  zu  erwarten  habeni 
als  palliative  Erfolge.  Fttr  die  gewöhnlichen  Fälle  empfehlen  sich 
am  meisten:  äussere  Hantreize.  Fliegende  Vesicantien  sind  oft 
von  glänzender  Wirkung;  der  el.  Pinsel  und  die  Moxe;  die  trans- 
carr^ite  Gauterisation ;  für  leichtere  Fälle  wird  man  selbst  mit  Ein- 
reibnng  von  Y eratrinsalbe ,  oder  von  OL  terebinth.  mit  Ol.  croton. 
(5:1)  auskommen.  Oertliche  Blutentziehungen  wird  man  nur 
selten  gebrauchen.  —  Glänzend  ist  in  Mschen  rheumatischen,  manch- 
mal auch  in  veralteten  Fällen,  die  Wirkung  des  galvanischen 
Stromes,  der  nach  bekannten  Methoden  anzuwenden  ist.  —  Ein 
vorzflgliches  Palliativ-  und  nicht  selten  auch  wirkliches  Heilmittel 
sind  endlich  die  subcutanen  Morphiuminjectionen.  —  Spe- 
dfisdie  und  Allgemeinbehandlung  nach  allgemeinen  Grundsätzen.  — 
In  verzweifelten  Fällen  kann  man  auch  die  leicht  auszufahrende 
Beaection  der  betrefifenden  Nerv'bnstämme  versuchen,  wird  aber  da- 
mit meist  nicht  viel  ausrichten,  weil  dem  eigentlichen  Sitze  des 
Leidens  dann  nicht  beizukommen  i^ 

Unter  dem  Namen  Neuralgia  diapbragmatica  bat  jüngst 
Peter  eine  Neuralgie  beschrieben,  die  im  Nerv,  phrenicus  ihren  Sitz 
haben  und  sehr  häufig  vorkommen,  ja  eine  der  häufigsten  neural- 
gischen Affectionen  sein  soll^-  ^^  ^^  ^^^^  i™  Allgemeinen  ge- 
neigt, den  N.  phrenicus  ftlr  einen  rein  motorischen  Nerven  zu  halten; 
allein  schon  seine  Zusammensetzung  aus  den  verschiedenen  Bflndeln 
des  Plexus  cervicalis  macht  es  in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  dass 
er  auch  sensible  Fasern  enthält;  Peter  erklärt  ihn  geradezu  fOr  einen 
gemischten  Nerven  und  auch  die  Anatomen  sind  der  Ueberzeugung, 
dass  ihm  sensible  Fasern  beigemischt  sind  (Henle,  Nervenlehre 
S.  472).  Immerhin  wäxe  der  physiologische  Beweis  fbr  diese  Ansicht 
erst  noch  zu  erbringen  und  es  wttrde  derselbe  ohne  Zweifel  den 
an  und  ftlr  sich  bestechenden  Auseinandersetzungen  Peter 's  eine 
groBse  Stütze  verleihen. 


1)  Faiot  (Montpellier  ni6d.  1866  —  Yirchow  u.  Hirsch,  Jahresber.)  hat  bereits 
früher  diesdbe  Affection ,  von  welcher  er  mehrmals  selbst  befallen  war,  unter  dem 
Titel  „Neuralgie  des  Phrenicus**  beschrieben. 


n 

1 


126  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

Die  Neuralgie  des  Phrenicns  (die  wir  wohl  zweckmässiger  als 
Neuralgia  phrenlca  bezeichnen,  entsprechend  der  gebräuchlicheren 
Bezeichnung  des  Nerven  selbst)  äussert  sich  als  ein  lebhafter  Schmerz 
an  der  Basis  des  Thorax ,  den  Ansatzstellen  des  Zwerchfells  ent- 
sprechend, besonders  den  vorderen;  femer  als  ein  Schmerz  in  einer 
dem  Verlaufe  des  Phrenicus  entsprechenden  Linie  herauf  über  die 
Brust;  endlich  als  Schmerz  an  der  Stelle,  wo  der  Nerv  aus  dem 
Plex.  cervical.  entspringt  und  über  den  Scalenus  anticus  herabläuü 
Nicht  selten  beobachtet  man  ausstrahlende  Schmerzen  nach  der 
Schulter,  dem  Hals  und  Nacken,  dem  Unterkiefer  hin  —  also  un 
Bereich  des  Plex.  cervicalis ;  auch  in  die  obere  Extremität  irradiiren 
die  Schmerzen  nicht  selten,  besonders  nach  der  innern  Fläche  des 
Oberarms  hin.  Besonders  der  Schmerz  in  der  Schulter  ist  so  con- 
stant  und  charakteristisch,  dass  sein  Zusammenvorkommen  mit  dem 
Schmerz  an  der  Basis  des  Thorax  sofort  den  Verdacht  auf  Neuralg. 
phrenica  erwecken  muss.  —  Die  genauere  Untersuchung  lehrt  dabei 
eine  Anzahl  Druckschmerzpunkte  kennen  und  zwar  1)  die  Dom- 
fortsätze der  oberen  Halswirbel,  besonders  des  2. — 5.,  seltner  des 
6.;  2)  den  N.  phrenicus  selbst  längs  seines  Verlaufs  in  der  Sopra- 
claviculargrube ;  3)  die  Zwerchfellanfeätze,  besonders  die  vorderen  an 
der  7.— 10.  Rippe,  seltner  die  hintern;  und  endlich  4)  einen  Punkt 
am  Knorpel  der  3.  Rippe,  dessef  Bedeutung  aber  nicht  ganz  klar  ist. 

Die  Schmerzen  sind  mehr  oder  weniger  continuirlich,  jedoch  in 
einzelnen  Paroxysmen  exacerbirend,  manchmal  von  lancinirendem 
Charakter;  die  unaufhörliche  Bewegung  des  Zwerchfells  toit  der 
Respiration  mag  die  Andauer  des  Schmerzes  erklären.  Begleitet 
ist  die  Neuralgie  fast  immer  von  Respirationsbehinderung  (durch 
Beeinträchtigung  der  Zwerchfellsthätigkeit),  dadurch  erscheint  auch 
das  Pressen,  Niesen,  Husten  u.  dgl.  erschwert  und  schmerzhaft. 
Schwäche  und  Zittern  im  Arm  treten  nicht  selten  auf.  Die  übrigen 
von  Peter  erwähnten  Begleiterscheinungen  (Herzpalpitationen,  Angma 
pectoris  u.  s.  w.)  gehören  nicht  der  Neur.  phrenic.  als  solcher,  sondern 
complicirenden  oder  zu  Grunde  liegenden  Leiden  an. 

Während  nämlich  die  Neuralgia  phren.  nicht  selten  ganz  isolirt 
ftlr  sich  und  selbständig  auftritt  (bes.  bei  nervösen  und  anämischen 
Individuen,  in  Folge  von  Erkältung  u.  s.  w.),  ist  sie  doch  in  der 
Mehrzahl  der  Fälle  Begleiterscheinung  anderweitiger  Leiden,  so  be- 
sonders der  Angina  pectoris,  von  Herz-  und  Gefässerkrankungen*)» 


1)  Ich  habe  einen  unzweifelhaft  hieher  gehörigen,  ganz  typischen  Fall  im 
Beginne  einer  sich  schleichend  entwickelnden  Pericarditis  gesehen. 


Neuralgien.    Keuralgia  phrenica.    Cephalal^e.  127 

Basedow'scher  Krankheit,  Hilzvergrösserung ,  Leberleiden  a.  s.  w., 
und  Peter  ist  geneigt;  einen  Theil  der  bei  diesen  Leiden  auftretenden 
regelmässig  oder  mehr  zufällig  vorhandenea  Schmerzen  auf  neural- 
gische Mitbetheiligung  des  Phrenicus  zu  beziehen;  er  belegt  diese 
Anschauung  mit  einer  Anzahl  von  Krankheitd|;eschichten.  Die  Neuralg. 
phren.  kommt  weitaus  am  häufigsten  auf  der  linken  Seite  vor.  — 
Die  diagnostische  Unterscheidung  dieser  Neuralgie  von  anderen,  mit 
ähnlichen  Erscheinungen  einhergehenden  Erkrankungen  (Pleuritis 
diaphragmatica,  Pericarditis,  Gastralgie,  reiner  Angina  pectoris  u.  s.  w.) 
wird  bei  genauer  Erwägung  der  den  beiderseitigen  Erkrankungsformen 
angehörigen  Symptome  nicht  allzuschwierig  sein.  —  Die  Therapie 
ist  die  gewöhnliche  der  Neuralgien.  Peter  hat  besonders  Schröpf- 
köpfe,  Vesicatore  und  subcutane  Morphiumiqjeotionen  angewandt.  Für 
die  meisten  Fälle  wird  die  Behandlung  des  Grundleidens  die  Haupt- 
sache sein. 


Anhang. 

KopfBchmerz.    Cephalalgie.    Cephalaea. 

Bittner,  Tract.  de  cephalai^a.  Vienn.  1825. —  Weatherhead,  Ueber  das 
Kopfw^eh.  abers.  v.  Pfeiffer.  Leipzig  1836.  —  Wilkinson  King,  Onthe  seat  of 
h^Mlache  etc  Lond.  med.  Gaz.  Dec.  27.  1844.  —  Patrik  J.  Murphy,  On  hea- 
dache  and  its  yarieties.  Lancet  1854.  Febr.  March.  —  Sieveking,  On  chronic 
and  periodical  headache.  Med  Tim.  and  Gaz.  1854.  Aug.  12.  19.  26.  —  John 
Add.  Symonds,  On  headache  Med.  Tim.  1858.  March-May.  —  Lebert,  Hand- 
buch d  alig.  Pathol.  1865  S.  528.  —  Hasse  1.  c.  p.  29.  ~  A.  Culenburg, 
Zur  Pathol.  des  Sympath.  Berl  klin.  Woch.  1873  No.l5.  —  Benedict,  Nerven- 
paüi.  u.  Eiektrother.  1874.  S.  185.  —  Handfield  Jones,  Gases  of  neurosal  hea- 
dache. Med. Tim.  and  Gaz.  Jan.  and  Febr.  1874.  —  Weir  Mitchell,  Headaches 
from  heatstroke,  from  fevers,  after  meningitis,  from  overuse  of  brain  etc.  Philad. 
med.  and  surg.  Rep.  July  Aug.  1874.  — 

Es  wird  wenige  vom  Nervensystem  ausgehende  Krankheits- 
symptome  geben,  welche  uns  in  der  Praxis  so  häufig  begegnen,  wie 
der  „Kopfschmerz'',  wenige  aber  auch,  welche  eine  so  vielseitige 
und  mannichfaltige  Bedeutung  haben  können.  Nicht  bloss  bei  den 
Nervenkrankheiten  selbst,  sondern  bei  allen  möglichen  anderen  Er- 
krankungen, beim  Fieber,  bei  Verdauungsstörungen,  bei  den  ver- 
schiedensten entzündlichen  Vorgängen  am  Kopf  und  in  seiner  Nähe 
u.  8.  w.  findet  sich  Kop&chmerz  als  ein  mehr  oder  weniger  constantes, 
häufig  aber  auch  trügliches  Symptom. 

Wir  haben  hier  keine  ausftlhrliche  Abhandlung  über  den  Kopf- 
schmerz zu  liefern  —  nach  Eisenmann's  Ausspruch  könnte  man 
damit  leicht  einen  massigen  Octavband  flillen  —  sondern  nur  einige 


128  Ebb,  Krankheiten  der  periphereD-cerebrospinalen  Nerven. 

kurze  BemerkongeD  über  diejenigen  Formen  des  Kopfschmerzes  zu 
machen,  die  im  vulgären  Sprachgebrauch  als  mehr  oder  weniger  rein 
„nenröse^  bezeichnet  werden  und  die  sich  nicht  in  den  gewöhniidiea 
Rahmen  der  Neuralgien  und  der  sonstigen  bekannten  Krankheits- 
formen  einfUgen  lassen. 

Im  Voraus  mögen  diejenigen  Formen  des  Kopfschmerzes  kors 
bezeichnet  werden,  welche  dgentlich  nicht  den  Gegenstand  dieser 
Betrachtungen  bilden.  Dahin  gehört  vor  Allem  der  durch  äussere 
Neuralgien  der  sensiblen  Nerven  bedingte  Kopfschmerz.  Wir  haben 
bei  der  Besprechung  der  Trigeminus-  und  Occipitalneuralgie  gesehen, 
woran  derselbe  zu  erkennen  ist:  an  der  Localisation  des  SchmerzeSi 
den  Schmerepunkten,  den  Begleiterscheinungen  u.  s.  w. 

Eine  vielfach  unter  dem  Begriff  des  nervösen  Kopfschmerzes 
subsummirte  Affection  ist  die  Hemicranie  (Migräne).  Die  aosge- 
sprochnen  Fälle  dieser  Neurose  sind  leicht  zu  erkennen :  anfallsweises, 
periodisches  Auftreten  eines  halbseitigen  Kopfschmerzes,  Uebligkeit 
und  Erbrechen,  Hyperästhesie  der  Sinnesorgane,  Beziehungen  zu  den 
Menses,  zu  Diätfehlem  u.  s.  w.  charakterisiren  dieselbe ;  man  vergl. 
darüber  das  Ci^itel  über  Hen^cranie.  —  Es  gehören  aber  offenbar 
auch  viele  Fälle  in  diese  Kategorie,  welche  nicht  das  ansgesprochne 
Bild  des  Migräneanfalls  darbieten:  so  die  bei  vielen  Frauen  vorkom- 
menden halb-  oder  doppelseitigen  Kopfschmerzen,  die  mit  Uebligkeit 
einhergehen,  bei  Compression  der  Carotiden  cessiren,  mehr  oder 
weniger  lang  anhalten  und  nicht  selten  mit  wirklicher  Migräne  ab- 
wechseln. Man  wird  diese  Fälle  bei  längerer  Beobachtung  leicht 
richtig  beurtheilen. 

Der  Kopfschmerz  gehört  femer  zu  den  regelmässigen  Symptomen 
des  Fiebers,  mag  dasselbe  aus  irgend  welcher  Ursache  immer  ent- 
standen sein.  Gewöhnlich  ist  dies  ein  massiger,  dumpfer,  lieMtzen- 
der,  m  die  Tiefe  der  Augenhöhle  oder  an  den  Schädelgrund  locali- 
sirter  Schmerz,  der  durch  Bewegung  des  Kopfs,  durch  Bücken  n.  d^. 
gesteigert  wird,  mit  Gefühl  von  Eingenommenheit  des  Kopfes,  nicht 
selten  mit  Delirien  einhergeht.  Die  nachweisbare  fieberhafte  Tem- 
peratursteigemng  ist  das  entscheidende  Moment  ftir  seine  Beurtheilnng. 
Ueber  die  eigentliche  Entstehnngsweise  des  fieberhaftien  Kopfischmerxes 
sind  wir  noch  nicht  im  Klaren.  Natürlich  gibt  es  auch  Fälle,  wo 
neben  dem  Fieber  noch  andre  Ursachen  des  Kopfschmerzes  gleich- 
zeitig vorhanden  sind. 

Bei  entzündlichen,  ulcerativen  neoplastischen  Pro- 
cessen des  Schädels  und  seiner  Umgebung,  bei  Erkrankun- 
gen der  höhern  Sinnesorgane  ist  Kopfschmerz  eine  der  ge- 


Neuralgien.    Cephalalgie.    Aetiologie.  129 

wohnlichsten  Erscheinungen  and  kann  hier  theils  durch  mechanische 
Irritation  der  Neryen,  theils  durch  entzündliche  Beizung  derselben, 
theils  wohl  auch  nur  durch  Irradiation  erklärt  werden.  Hieher  ge 
h5ren  die  Kopfschmerzen  bei  Katarrh  der  Stirn-  und  Keilbeinhöhlen, 
bei  Entzündungen  der  Haut,  der  Galea,  des  Periosts  am  Schädel, 
bei  syphiL  Schädelerkrankungen,  bei  Garies  des  Felsenbeins,  bei 
Geschwülsten  der  Schädelbasis,  bei  Augen-  und  Ohrenleiden  u.  s.  w. 
Häufig  werden  diese  Kopfschmerzen  lange  Zeit  ftlr  rein  nervös  ge- 
halten, wenn  sich  das  Grundleiden  langsam  und  unmerklich  entwickelt. 

Sehr  wichtig  ist  endlich  der  Kop&chmerz  bei  allen  möglichen 
Erkrankungen  des  Gehirns  und  seiner  Häute.  Er  bildet 
ein  überaus  häufiges,  wenn  auch  durchaus  nicht  constantes  Symptom 
derselben.  Er  pfiegt  dabei  oft  von  grosser  Heftigkeit  zu  sein,  tief- 
sitzend, bohrend,  klopfend,  entweder  continuirlich  oder  paroxysmen- 
weise  auftretend,  durch  Bewegungen,  Klopfen  des  Schädels  u.  dgl. 
gesteigert  Häufig  wird  dieser  Schmerz  in  seiner  wahren  Bedeutung 
erst  dann  erkannt,  wenn  sich  weitere  Symptome  von  Gehirnleiden 
einstellen  (Delirien,  Schwindel,  Erbrechen,  partielle  Lähmungen, 
Anästhesien  oder  Krämpfe,  allgemeine  Gonvulsionen  u.  dgl.).  Man 
vgl.  darüber  die  betreffenden  Abschnitte  des  vorigen  Bandes. 

Es  bleibt  aber  immerhin  noch  eine  grosse  Gruppe  von  Fällen 
übrig,  in  welchen  keine  anatomische  Grundlage  des  Schmerzes  nach- 
weisbar ist  und  in  welchen  wir  abnorme  Reizungszustände  sensibler 
Nerven  an  oder  in  dem  Kopfe  anzunehmen  gezwungen  sind  und 
welche  man  deshalb  mit  einigem  Recht  unter  die  „  nervösen  Gephal- 
algien"*  einreihen  kann.  In  diesen  Fällen  kann  der  Schmerz  einen 
äusserst  wechselnden  Charakter  haben:  er  wird  als  Drücken, 
Reissen,  Bohren,  Pulsiren  u.  dgl.  bezeichnet ;  die  Kranken  haben  das 
Geflihl,  als  bohre  sich  ihnen  ein  glühender  Nagel  in  den  Kopf,  als 
solle  der  Kopf  zerspringen,  oder  als  werde  er  heftig  gepresst  u.  s,  w. 
Schütteln  des  Kopfs,  Bücken,  Pressen  und  Drängen  beim  Stuhlgang, 
stärkere  Bewegung,  rasche  Bewegung  der  Augen,  starke  Licht-  oder 
Schalleindrücke,  Lesen,  Arbeiten,  pflegen  diesen  Schmerz  zu  steigern, 
während  er  durch  Falpation  oder  Beklopfen  des  Schädels  meist  nicht 
hervorgerufen  oder  gesteigert  werden  kann. 

Häufig  machen  die  Kranken  bestimmte  Angaben  über  den  Sitz 
des  Schmerzes:  am  häufigsten  wird  derselbe  in  Stirn  und  Schläfe 
oder  das  Hinterhaupt  localisirt;  häufig  als  ein  tiefsitzender,  innerer 
bezeichnet,  in  die  Tiefe  der  Augenhöhlen,  in  das  innere  Ohr,  an  die 
Schädelbasis,  in  die  Kopf  knocken  verlegt;  bald  ist  er  einseitig,  bald 
doppelseitig,  bald  fix,  bald  wandernd,  in  dem  einen  Fall  diffus  über 

lUndbach  d.  spec.  Pathologie  a. Therapie,  ßd  XII.  I.  :?.  Anfl.  9 


130  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven, 

den  ganzen  Schädel  verbreitet,  im  andern  auf  einen  einzelnen  kleinen 
Punkt  (Clavus)  localisirt. 

Sehr  gewöhnlich  sind  die  mannichfachsten  Begleiterschei- 
nung e  n  dieses  Kopfschmerzes  vorhanden :  Gtefllhl  von  Eingenommen- 
heit, Wüste  und  Leere,  von  Klopfen  im  Kopf,  Flimmern  vor  den 
Augen,  Ohrensausen,  Schwindel,  selten  Delirien  oder  leichte  Bewuset- 
losigkeit,  Zuckungen  und  Krampf  einzelner  Muskeln  oder  ganzer 
Muskelgruppen ;  Verlangsamung  des  Pulses,  Uebligkeit  und  Erbrechen ; 
manchmal  Anästhesie,  Formication  u.  dgl.  —  Dazu  kommen  häufig 
noch  die  Erscheinungen  des  Grundleidens. 

Die  Dauer  des  Schmerzes  ist  eine  äusserst  verschiedene ;  Stun- 
den, Tage,  Jahre  kann  er  anhalten  oder  wenigstens  mit  kurzem  oder 
langem  Unterbrechungen  wiederkehren  (habitueller  Kopfechmerz).  Er 
kann  auf  massiger  Intensität  verharren,  oder  sich  bis  zu  einem  Grade 
steigern,  der  die  Kranken  in  Verzweiflung  bringt. 

Die  Physiologie  lässt  uns  im  Zweifel  über  die  sensiblen  Nerven- 
bahnen, in  welchen  diese  Erregung  ihren  Sitz  hat.  Die  Experimente 
über  die  Empfindlichkeit  der  verschiedenen  Gebilde  des  Schädel- 
innem  haben  widersprechende  Resultate  gegeben.  Während  Leyden, 
Hitzig,  Ferfier  die  Dura  mater  bei  ihren  Versuchen  sehr  empfind- 
lich gefunden  haben,  schreibt  ihr  Pagenstecher  sehr  geringe 
Empfindlichkeit  zu  und  Bartholow,  der  am  Menschen  experimen- 
tirte  (Beard,  Arch.  of  Electrol.  and  Neurologie  L  New- York  1874» 
p.  68)  fand  ebenfalls  geringe  Empfindlichkeit  gegen  mechanische 
Reizung.  —  Die  Pia  mater  scheint  allen  Versuchen  nach  ziemlich 
unempfindlich  zu  sein  und  dasselbe  gilt  offenbar  für  den  grössten 
Theil  der  Substanz  der  grossen  Hemisphären.  Wenn  Bartholow 
seine  Nadeln  tief  in  die  Gehirnsubstanz  einsenkte,  trat  erst  dann, 
wenn  dieselben  ungefähr  die  grossen  Basalganglien  erreicht  hatten, 
Schmerz  im  Nacken  ein. 

Wenn  trotzdem  Kopfschmerz  bei  den  allerverschiedensten  Loca- 
lisationen  von  Krankheiten  in  der  Hirasubstanz  oder  den  Himhäuten 
vorkommt,  so  vermögen  wir  dies  eben  aus  den  physiologischen  That- 
sachen  nicht  zu  erklären.  Wir  müssen  entweder  annehmen,  dass 
unter  pathologischen  Verhältnissen  Gebilde  empfindlich  werden  und  "^ 
zu  Schmerzen  Veranlassung  geben  können,  welche  unter  normalen 
Verhältnissen  geringe  oder  gar  keine  Empfindlichkeit  zeigen;  oder 
wir  können  uns  denken,  dass  bei  pathologischen  Vorgängen  Druck 
und  Reizungsvorgänge  sich  auf  grössere  Entfernungen  hin,  auf  Ge- 
bilde verbreiten,  welche  entschieden  sensibel  sind.  Als  solche  sen- 
sible Gebilde  können   wir  mit  aller  Bestimmtheit  die   Dura  mater 


Neuralgien.    Gephalalgie.    Pathogenese.  131 

bezeichnen,  welche  vom  Trigeminus  und  Vagus  ausreichende  sensible 
Zweige  erhält ;  vielleicht  sind  auch  die  Nervi  plex.  chorioid.,  welche 
Benedict  jüngst  (Virch.  Arch.  Band  59)  beschrieben  hat,  sensibler 
Natur  und  für  manchen  „innem"  Kopfschmerz  verantwortlich  zu 
machen.  Wohin  wir  speciell  den  „nervösen"  Kopfschmerz  zu  loca- 
lisiren  haben,  ist  noch  ganz  unentschieden  und  können  wir  darüber 
nichts  weiter  als  Vermuthungen  haben. 

Je  nach  der  Pathogenese  des  nervösen  Kopfschmerzes  können 
wir  nun  verschiedene  Formen  desselben  unterscheiden,  die  vnr  im 
Folgenden  kurz  charakterisiren  wollen. 

Kopfschmerz  durch  Anämie  ist  gewöhnlich  gleichmässig 
in  Schläfe  und  Stirn,  manchmal  auf  dem  Scheitel,  längs  der  Pfeil- 
naht  localisirt,  dumpf,  drückend,  nicht  sehr  heftig.  Er  wird  durch 
horizontale  Lage,  Bettruhe  u.  s.  w.  erleichtert,  durch  langes  Stehen 
und  Aufrechtsein  verschlimmert.  Er  geht  mit  Schwindel,  Neigung 
zu  Ohnmächten,  allgemeiner  Blässe,  Herzklopfen,  Dyspnoe,  cardialgi- 
schen  und  dysmenorrhoischen  Beschwerden  u.  dgl.  einher  und  findet 
sich  sehr  häufig  bei  Chlorotischen  und  bei  allen  Zuständen  von  Anämie, 
besonders  gerne  bei  Weibern. 

Kopfschmerz  durch  active  Hyperämie  (Congestion)  ist 
gewöhnlich  unbestimmt  verbreitet,  oft  klopfend,  geht  mit  Druck  und 
Schwere  im  Kopf,  Agitation,  Hyperästhesie  und  Sinnestäuschungen, 
mit  gerötheten  Augen  und  Qesicht,  starkem  Klopfen  der  Carotiden 
einher.  —  Als  Gephalaea  vasomotoria  hat  Eulen  bürg  einen 
heftigen  Schmerz  in  Stirn  und  Schläfe  beschrieben,  der  von  Druck 
und  Eingenommenheit  des  Kopfes,  von  Hitze  und  Röthung  des  Ge- 
sichts und  der  Ohren  begleitet  ist  und  in  regelmässigen  Paroxysmen 
auftreten  kann.  Ich  habe  selbst  einen  ähnlichen  Fall  gesehen,  wo 
heftiger  Scheitelschmerz  und  Schwindel  mit  intensiver  Röthe  und 
Hitze  der  Stirn  und  des  Scheitels  einhergingen. 

Als  toxischen  Kopfschmerz  kann  man  jenen  bezeichnen, 
der  durch  Einfuhr  gewisser  Gifte  oder  durch  Infection  mit  gewissen 
Krankheitsproducten  und  -keimen  hervorgebracht  wird.  Am  be- 
kanntesten ist  der  Kopfschmerz  nach  Alkoholintoxication,  welcher 
sich  am  Morgen  nach  reichlichen  Libationen  als  ein  Geftihl  von 
schmerzhaftem  Druck  und  von  Schwere  zu  erkennen  gibt,  das  vor- 
wiegend an  der  Schädelbasis  und  in  der  Tiefe  der  Augenhöhle  localisirt 
erscheint.  Bei  den  notorischen  Beziehungen  des  Alcoholismus  zu  Er- 
krankungen der  Dara  mater  können  wir  wohl  mit  einigem  Recht 
diesen  Koptschmerz  auf  die  sensiblen  Fasern  der  Dura  beziehen.  — 
Auch  chronische  Bleiintoxication  pflegt  häufig  Gephalaea  hervorza- 

9* 


132  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

rufen ;  Vergiftungen  mit  Narcoticis,  mit  Kohlendunst,  Schwefel wasser- 
stoflf  u.  s.  w.  pflegen  gewöhnlich  lange  anhaltenden  Kopfechmerz  zu 
hinterlassen;  auf  manche  Menschen  wirkt  schon  der  Aufenthalt  in 
schlechter  Luft,  in  ttberfttUten  Räumen  Kopfschmerz  erzeugend;  bei 
der  urämischen  Intoxication  ist  heftiger  Kopfschmerz  ein  gewöhnliches 
Symptom.  Vielleicht  hat  man  auch  das  Recht,  den  die  Infection  mit 
Typhusgift,  mit  Malaria  u.  dgl.  begleitenden  Kopfschmerz  zum  Theil 
wenigstens  als  direct  infeetiösen  zu  bezeichnen;  Fournier*)  be- 
schreibt besonders  bei  syphilitischen  Weibern  eine  sehr  heftige 
Cephalaea,  welche  zu  den  secundären  Erscheinungen  gehört  und  sich 
wesentlich  von  den  durch  syphilitische  Knochenafifectionen  und  sy- 
philitische Neuralgien  bedingten  Kop&chmerzen  unterscheidet.  Alle 
diese  Formen  von  Kopfschmerz  wird  man  vorwiegend  an  den  be- 
gleitenden Erscheinungen  der  Intoxication  und  Infection  erkennen. 

Bei  Hysterischen  gehört  der  Kopfschmerz  zu  den  allerh&a- 
figsten  Plagen :  sehr  gewöhnlich  erscheint  er  hier  in  Form  des  Clavus,' 
auf  eine  kleine  Stelle  des  Scheitels  beschränkt,  häufig  aber  aueh 
mehr  dififus,  in  der  Tiefe  des  Schädels,  horizontal  von  der  Stirn  zum 
Nacken  ziehend  und  immer  begleitet  von  allen  möglichen  andern 
Zeichen  dieser  vielgestaltigen  Krankheit.  Er  wird  während  der 
Menses,  durch  psychische  Aufregungen,  Aerger  u.  dgl.  gesteigert, 
durch  Zerstreuung  und  Anregung  häufig  beseitigt. 

Als  rheumatischen  Kopfschmerz  bezeichnet  man  den 
notorisch  durch  Erkältung  entstandenen,  in  den  Schädelmuskeln  und 
der  Galea  localisirten,  reissenden,  manchmal  sehr  heftigen  Schmerz, 
der  mit  deutlicher  Druckempfindlichkeit  der  Kop&chwarte  einhergeht 
und  bei  Aenderungen  der  Temperatur  und  des  Wetters  sich  steigert 
Mettauer  (Bost.  med.  Joum.  July  1870)  beschreibt  einen  wohl 
hierhergehörigen  wunderbaren  Fall  von  „Neuralgie  des  Occipito- 
Frontabnuskels  *" ,  welchen  er  durch  einen  subcutanen  Kreuzschnitt 
über  den  ganzen  Schädel  geheilt  haben  will. 

Eine  sehr  unklare  und  dunkle  Form  ist  der  sympathische 
Kopfschmerz,  welcher  bei  Erkrankungen  aller  möglichen  peripheren 
Oi^ne  eintreten  kann  und  nicht  leicht  zu  erklären  ist.  Besonders 
von  den  Verdauungsorganen  aus  (Stimschmerz  bei  Magenkatarrh, 
Kopfechmerz  bei  Helminthiasis,  bei  Hämorrhoiden  etc.)  und  von  den 
Geschlechtsorganen  her  (Kopfechmerz  durch  Onanie,  geschlechtliche 
Excesse,  durch  Uterus-  und  Ovarialleiden  etc.)  wird  diese  Form  mit 
Vorliebe  hervorgerufen. 


1)  Le^ons  sur  la  Syphilis.  Paris  lS7a  p.  761. 


Neuralgien.    Cephalalgie.    Diagnose.    Therapie.  133 

Endlich  gibt  es  noch  eine  Form,  die  ich  als  nearasthenischen 
Kopfschmerz  bezeichnen  möchte;  jene  meist  dumpfen,  drtickenden, 
tiefsitzenden  Schmerzen  im  Kopf,  welche  die  intellectnelle  Thätigkeit 
sehr  beeinträchtigen  und  manchmal  zur  Migräne  exacerbiren,  die  man 
bei  Leuten  findet,  die  sich  durch  körperliche  oder  geistige  Anstren- 
gungen, Nachtwachen,  sorgenvolle  und  aufreibende  Thätigkeit,  durch 
grosse  Aufregung  und  Leidenschaften,  durch  sexuelle  Ueberreizung 
u.  dgl.  heruntergebracht  haben  und  deren  Nervensystem  die  viel- 
fältigsten Zeichen  reizbarer  Schwäche  darbietet.  Das  ist  eine  ziem- 
lich häufige  und  quälende  Form. 

Ausserdem  begegnet  man  nicht  selten  räthselhaften  Fällen,  in 
welchen  absolut  kein  Grund  fQr  die  oft  äusserst  heftigen  und  quälenden 
Schmerzen  gefunden  werden  kann;  so  habe  ich  bei  einem  jungen 
Manne,  einem  Kellner,  einen  auf  eine  thalergrosse  Stelle  rechts  vom 
Scheitel  beschränkten,  gegen  Abend  zu  furchtbarer  Heftigkeit  exa- 
cerbirenden  Schmerz  beobachtet,  der  durch  Druck,  Bücken,  Bewegung 
etc.  gesteigert  wurde  und  ftlr  dessen  Entstehung  gar  kein  Anhalts- 
punkt zu  gewinnen  war ;  die  Galea  war  bei  Druck  sehr  empfindlich, 
aber  nicht  geschwollen  und  nicht  geröthet,  die  zugehörigen  Nerven 
nicht  empfindlich;  Syphilis  bestand  nicht;  dreimalige  stabile  Appli- 
cation der  Anode  beseitigte  das  Leiden.  —  In  zwei  Fällen  habe  ich 
heftigen,  anhaltenden  Stimschmerz  mit  reflectorischem  Stimrunzeln 
u.  dgl.  gefunden,  ohne  dass  es  mir  möglich  war,  auch  nur  den  ge- 
ringsten Grund  für  das  Leiden  zu  entdecken  und  auch  ohne  einen 
therapeutischen  Erfolg  mit  den  verschiedensten  Mitteln  zu  erzielen. 
Jedem  beschäftigten  Praktiker  werden  solche  und  ähnliche  Fälle 
häufig  zur  Beobachtung  kommen. 

Die  Diagnose  der  einzelnen  Formen  des  Kop6chmerzes  ergibt 
sich  aus  der  vorstehenden  Schilderung  und  aus  der  Berücksichtigung 
aller  begleitenden  Umstände.  Bei  der  Untersuchung  beachte  man 
genau  die  äusseren  Schädelgebilde,  das  Verhalten  der  peripheren 
Nerven,  der  Sinnesorgane,  der  Gehimlunctionen;  man  percutire  den 
Schädel,  lasse  den  Athem  anhalten  und  pressen,  man  berücksichtige 
die  Circulations-  und  Verdauungsorgane,  etwaige  hereditäre  Disposi- 
tionen, Intoxicationen  u.  s.  w.  Besondere  Beachtung  verdienen  die 
hartnäckigen  Formen  von  Kopfschmerz,  welche  oft  jahrelang  den 
Vorläufer  schwerer  GehimaflFectionen  bilden. 

Bei  der  Therapie  kann  der  Arzt  viel  Scharfsinn  und  Tact  und 
moss  oft  eine  grosse  Vielseitigkeit  entwickeln.  Zunächst  ist  natür- 
lich das  Grundleiden  zu  behandeln  und  erfordert  die  gegen  Anämie, 


134  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Hysterie,  Syphilis,  Nervenschwäche,  Localkrankheiten  etc.  gebräuch- 
lichen Heilmittel. 

In  vielen  Fällen  wird  aber  ausserdem  noch  direct  gegen  den 
Kopfschmerz  eingeschritten  werden  mtissen.  Die  Zahl  der  gegen 
denselben  empfohlenen  Mittel  ist  sehr  gross.  Wir  heben  daraus 
folgende  hervor. 

Kälte,  in  Form  von  nassen  Compressen,  Eisbeuteln  u.  dgl.  em- 
pfiehlt sich  besonders  bei  der  congestiven  und  den  meisten  toxischen 
Formen,  kann  aber  auch  bei  hysterischen  und  verwandten  Zuständen 
nützlich  sein.  Ebenso  die  Application  der  Kälte  in  den  Nacken,  die 
Anwendung  kalter  Fussbäder,  kalter  Einwickelungen  der  Waden  und 
kalter  Sitzbäder. 

Die  Narcotica  in  allen  möglichen  Formen  hat  man  versucht; 
sie  leisten  verhältnissmässig  wenig  und  ihre  Indicationen  sind  nicht 
leicht  festzustellen.  Man  vergl.  das  darüber  bei  den  Neuralgien  Ge- 
sagte. Eine  Dosis  Morphium  in  einer  Tasse  schwarzen  Kaffee  thut 
oft  gute  Dienste.  Auflegen  von  Chloroformwatte  auf  die  schmerz- 
hafte Stelle,  Einreibung  von  Veratrinsalbe  u.  dgl.  erleichtern  manch- 
mal. Zu  eingehenderen  Versuchen  fordern  die  bisherigen  Erfolge  des 
Butylchloral  heraus. 

Die  Ableitungsmittel  können  in  verschiedener  Weise  ange- 
wendet werden:  fliegende  oder  eiternde  Vesicantien  in  den  Nacken 
und  hinter  die  Ohren,  Sinapismen,  Einreibung  von  Pustelsalbe  auf 
die  schmerzhafte  Stelle,  Moxen  und  selbst  das  Ferrum  candens,  ferner 
Blutegel  an  die  Schläfe  oder  in  den  Nacken  oder  ad  anum  können  in 
speciellen  Fällen  Anwendung  finden. 

Ein  ganz  vorzügliches  Mittel  ist  die  Elektricität  und  sie  mag 
hier  ganz  nach  den  bei  den  Neuralgien  aufgestellten  Grundsätzen 
angewendet  werden.  Die  Galvanisirung  längs  und  quer  durch  den 
Schädel  und  am  Sympathicus  stehen  hier  in  erster  Linie ;  demnächst 
die  stabile  Einwirkung  der  Anode  auf  den  Scheitel  oder  andere 
schmerzhafte  Punkte.  Wie  Benedict  u.  A.  kann  auch  ich  die  oft 
auftallend  günstige  Wirkung  der  „  elektrischen  Hand "  (Faradisiren  des 
Kopfes  mittelst  der  befeuchteten  Hand  des  Arztes,  welche  die  eine 
Elektrode  darstellt;  schwacher  Strom,  2 — 5  Min.  lang)  bestätigen. 
Auch  die  „allgemeine  Faradisation"  (nach  Beard  und  Rockwell) 
scheint  in  manchen  Fällen  günstig  zu  wirken,  besonders  bei  Hysterie, 
Neurasthenie  und  verwandten  Zuständen;  ebenso  die  von  Beard 
gerühmte  „centrale  Galvanisation.*' 

Sind  spastische  Zustände  der  Gefässe  als  Ursache  anzunehmen, 
dann  wird  Amylnitrit  zu  versuchen  sein.  —  Hat  man  es  umgekehrt 


Neuralgien.    Cephalalgie.    Therapie.    Cervico-Brachial-Neuralgie.        13ü 

mit  paralytischen  Zuständen  der  Gefäsäe  zu  thun,  so  wäre  Seeale 
eornnt.  zu  yersuchen;  Eulen  bürg  hat  in  seinem  Falle  von  Cephalaea 
vasomotor.  von  der  Darreichung  des  Extr.  Secal.  cornut.  (0,60—0,90 
pro  die)  auffallenden  Erfolg  gesehen. 

Eisen,  Chinin,  Arsenik,  Kai.  bromat.  und  Kai.  jodat.  werden  ge- 
legentlich zu  versuchen  sein;  sehr  empfohlen  wird  eine  Verbindung 
von  Chinin  (0,10)  mit  Pulv.  herb,  digit  (0,05  —  jeden  Abend  eine 
solche  Dosis  —  fttr  länger  fortgesetzten  Gebrauch.  Argent.  nitr. 
allein  oder  mit  Salmiak  erwähnen  wir  nur,  weil  dringend  empfohlen. 
Trousseau  empfiehlt  heisse  (40— 50o  C.)  Sandsäcke  in  Form  von 
Hauben,  die  öfter  ^2—^4  Stunden  getragen  werden  sollen,  ohne 
jedoch  specielle  Indicationen  dafUr  aufzustellen.  Dieselben  könnte 
man  auch  nach  Chapman  in  den  Nacken  appliciren. 

In  vielen  Fällen  wird  man  durch  Luftveränderung,  Zerstreuung, 
Bade-  und  Vergnügungsreisen,  durch  sorgfältige  Regulirung  der  Diät 
und  Lebensweise,  der  Beschäftigung  u.  dgl.  mehr  erreichen,  als  mit 
allen  Mitteln  des  Arzneischatzes. 


c.  Neuralgie  im  Gebiet  der  vier  unteren  Cervicalnerven. 
(Plexus  brachialis).  —  Cervico-Brachial-Neuralgie. 

Valleix  1.  c.  p.  225—272.  —  Bretschneider ,  Romberg,  Hassse, 
Ealenburg  1.  c.  —  Fil.  Lussana,  Monograf.  delle  Nevralgie  brachiali.  Qaz. 
med.  ital.  Lombard.  1858.  —  Bergson,  Nevralgia  brachiale.  Anoal.  univers.  1860. 

—  Schramm,  DieNeuralg.  d. Armgeflechts.  Bayr.  ärztl. Intell.-Blatt  1859  No. 47. 

—  AI.  Rosenthal,  Neuralpe  des  Plex.  cervico-brach.  Wien.  allg.  med.  Zeit. 
1864  No.  7  u.  8.  —  Duhring,  Painfal  neuroma  of  the  skin.  Amer.  Journ.  of 
med.  Sei.  Oct.  1873.  —  Maury  and  Duhring,  ibid.  July  1874.  —  W.  Mit- 
chell. Traumatic  neuralgia;  section  of  median  nerve,  ibid.  July  1874. 

Begriffsbestimmung.  Man  versteht  unter  dem  gemeinschaft- 
lichen Namen  „  Cervicobrachialneuralgie "  alle  jene  Neuralgien,  welche 
in  der  sensiblen  Faserung  der  vier  unteren  Cervicalnerven  und  eines 
Theiles  der  ersten  Dorsalnerven  ihren  Sitz  haben ;  welche  also  theils 
den  hinteren  Aesten  dieser  Nerven  (die  sich  in  der  Haut  des  Rückens 
verbreiten);  theils  sämmtlichen  sensiblen  Zweigen  des  Plexus  brachialis 
angehören  können.  Im  letzteren  Falle  kann  der  Schmerz  seinen  Ver- 
breitungsbezirk am  Oberarm  haben  (Bereich  des  N.  cutaneus  humeri 
vom  N.  axillaris  *),   des  Cutan.   poster.   supen   und   infer.   vom  N, 


1)  Wir  folgen  hierbei  den  Bezeichnungen  Henle's.  wie  sie  sich  in  dessen 
Handbach  der  Nervenlehre,  Brannschweig  1871  finden  He  nie  gibt  daselbst 
ä.  504  auch  eine  sehr  bequeme  schematische  Darstellung  der  Verbreitungsbezirke 
der  sensiblen  Hautnerven  des  i^rachialplexus ,  welche  beim  Studium  dieser  Neur- 
algien sehr  brauchbar  ist. 


136  Krb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebroBpiualen  Nerven. 

radialis,  und  des  Cutan.  medialis,  welch'  letzterer  die  innere  Ober- 
armJBäche  hauptsächlich  versorgt),  oder  er  kann  dem  Vorderarm  an- 
gehören (dessen  innere  Fläche  vorwiegend  vom  Cntan.  medios  und 
Cutanens  lateralis,  theilweise  auch  von  kleinen  Aesten  des  Medianns 
und  Ulnaris  versorgt  wird,  während  zur  Haut  der  Rttckenfläche  haupt- 
sächlich Zweige  des  Cutan.  post.  infer.  vom  N.  radialis  und  des 
Cutan.  medius  gehen),  oder  endlich  er  erstreckt  sich  bis  in  die  Hand 
und  Finger  hinein,  den  Hautverästelungen  des  Medianas  (Hohlhand 
und  Volarfläche  der  3  ersten  und  der  Hälfte  des  4.  Fingers,  Dorsal- 
fläche der  beiden  letzten  Phalangen  derselben  Finger),  des  Ulnaris 
(Volarfläche  der  anderen  Hälfte  des  4.  und  des  5.  Fingers,  medkde 
Hälfte  der  Dorsalfläche  der  Hand  und  der  Finger)  und  des  Radialis 
(laterale  Hälftie  der  Dorsalfläche  der  Hand  und  der  Finger,  Daumen- 
ballen) entsprechend. 

Eine  scharfe  Trennung  der  Brachialneuralgien  nach  diesen  ein- 
zelnen Nerven  ist  in  der  Regel  durchaus  nicht  möglich,  weil  fast 
immer  mehrere  derselben  befallen  sind  und  ausserdem  die  Verflechtui^ 
der  einzelnen  Bündel  im  Plex.  brachial,  eine  so  innige  und  mannich- 
faltige  ist,  dass  die  einzelnen  Cervicalnerven  wohl  immer  an  mehrere 
periphere  Nerven  gleichzeitig  Fasern  abgeben.  Es  ist  deshalb  auch 
nicht  leicht  thunlich,  aus  der  Gruppirung  der  neuralgischen  Be- 
schwerden in  der  Peripherie  einen  Schluss  auf  das  etwa  befallene 
Bündel  des  Plexus  oder  gar  auf  die  ursprünglich  erkrankten  Wurzeln 
zu  ziehen.  Nur  bei  ganz  peripherem  Sitze  werden  ganz  bestimmte 
Nervenbahnen  befallen  sein  und  man  hat  dann  auf  einzelne  Zweige 
des  Plexus  brach,  beschränkte  Neuralgien ;  sitzt  aber  der  Krankheits- 
herd höher,  im  Plexus  selbst,  oder  in  den  einzelnen  Cervicalnerven 
oder  ihren  Wurzeln,  dann  darf  man  in  der  Regel  eine  grössere  und 
un regelmässige,  sich  auf  mehrere  und  verschiedene  Hautäste  er- 
streckende Verbreitung  erwarten.  Und  dem  entsprechen  auch  die 
Thatsachen  in  der  Wirklichkeit:  fast  immer  findet  man  eine  grosse 
und  unregelmässige  Verbreitung  des  Schmerzes  über  mehrere  Nerven- 
gebiete und  es  lässt  sich  nur  soviel  sagen,  dass  hier  alle  möglichen 
Combinationen,  wenn  auch  in  verschiedener  Häufigkeit,  vorkommen. 
Die  Haut  über  den  grossen  Nervenstämmen  am  Oberarm  und  Vorder- 
arm kann  in  dieser  Weise  neuralgisch  afficirt  sein,  ohne  dass  diese 
Stämme  selbst  erkrankt  wären  und  es  ist  gut,  sich  diese  Möglichkeit 
immer  vor  Augen  zu  halten,  um  vor  Irrthümem  über  den  eigentlichen 
Sitz  der  Neuralgie  geschützt  zu  sein. 

Angesichts  dieser  weiten  und  unregelmässigen  Verbreitung  der 
einzelnen  Brachialneuralgien  und  ihrer  häufigen  Combination  unter- 


Neuralgien.    Cervico-Brachial-Neuralgie.    Aetiologie.  137 

einander,  können  wir  der  von  Lusiäana*  gegebenen  specialisirten 
Eintheilung  derselben  nach  den  einzelnen  Nervenzweigen  keinen 
grossen  praktischen  Werth  beilegen;  dagegen  dürfte  es  von  wissen- 
Bchaftlichem  Interesse  sein,  eine  grossere  Anzahl  genau  beobachteter 
F&lle  auf  diese  Verhältnisse  zu  prüfen ,  weil  das  in  Zukunft  ftlr  die 
exactere  Localisation  der  Krankheit  wohl  von  Wichtigkeit  werden 
kann. 

Aetiologie« 

In  Bezug  auf  ^' .  Prädisposition  gilt  dasselbe  wie  ftlr  die 
Cervico-Occipital-Neuralgie.  Das  weibliche  Geschlecht  scheint  häufiger 
beMen,  dem  entsprechend  sollen  Hysterie  und  Anämie  in  besonderem 
Haasse  prädisponirend  wirken. 

Ungleich  wichtiger  und  besser  bekannt  ist  aber  eine  Reihe  von 
Gelegenheitsursachen.  Unter  denselben  stehen  traumatische 
Einwirkungen  und  Fremdkörper  obenan;  sie  sind  in  yielen 
Fällen  mit  Sicherheit  als  Ausgangspunkt  von  Brachialneuralgien  con- 
statirt  und  es  bedarf  nur  einer  kurzen  Aufzählung  derselben:  Ver- 
wundungen aller  Art,  Stich-  und  Hiebwunden,  Schussverletzungen, 
Luxationen  und  Subluxationen,  Aderlasswunden,  Verbrennungen,  Gon- 
tusionen;  Fremdkörper  aller  Art  und  Beschaffenheit,  die  einen  Nerven 
irritiren;  Geschwülste  aller  Art;  Druck  von  Aneurysmen,  Gompression 
durch  den  Gallus  schlecht  geheilter  Fracturen;  Wirbelaffectionen  u.s.  w. 
Von  nachweisbaren  Erkrankungen  an  den  Nerven  selbst  sind  es  be- 
sonders die  Neuritis  und  die  Neurome  (cicatricielle  Neurome  nach 
Amputationen  z.  B.),  welche  die  Neuralgie  hervorrufen  können.  — 
Weitere  häufige  Ursachen  sind  Erkältungen:  viel  Arbeit  in  kaltem 
Wasser,  Schlafen  auf  feuchter  Erde  oder  an  feuchter  Wand  u.  dgl.  — 
Femer  hat  man  Ueberanstrengungen  des  Armes,  vorwiegend  mit 
feineren  Arbeiten  (Elavierspielen,  Nähen  und  anderer  weiblicher  Hand- 
arbeit) als  Ursachen  beschuldigt.  J.  S  a  1 1  e  r  hat  Beflexirritation  von 
kranken  Zähnen  her  als  Ursache  der  Brachialneuralgie  nachgewiesen. 

—  Bleüntoxication,  auch  Malaria  bedingen  manchmal  diese  Neuralgie. 

—  In  welchem  Zusammenhang  die  Angina  pectoris  mit  der  Brachial- 
neunügie  steht,  die  eine  häufige  Theilerscheinung  der  Anfälle  von 
Angina  p.  ist,  kann  noch  nicht  hinreichend  klar  gelegt  werden.  — 
Endlich  kann  Brachialneuralgie  auch  als  Symptom  centraler  Erkran- 
kungen (Hemiplegie,  Tabes,  progressiver  Muskelatrophie  u.  s.  w.) 
erscheinen.  —  Maury  und  Duhring  beobachteten  sie  in  Verbin- 
dung mit  multipler  Geschwulstbildung  (Neurome?)  in  der  Haut  des 
Oberarms. 


13S  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Symptome. 

Der  Schmerz  wird  bei  der  Bractiialneuralgie  meist  als  ein 
äusserst  heftiger  geschildert,  und  zwar  geben  die  Kranken  theiis  einen 
mehr  continuirlichen,  bohrenden,  glühenden,  brennenden,  dumpfen 
Schmerz  an,  der  sehr  häufig  mit  der  Sensation  verglichen  wird,  welche 
ein  heftiger  Stoss  auf  den  ülnaris  oberhalb  des  Condyl.  int.  hervor- 
ruft; theiis  aber  treten  auch  heftige  reissende,  durchfahrende,  lanci- 
nirende  Schmerzen  auf,  welche  bald  in  auf-  bald  in  absteigender 
Richtung  die  Extremität  durchschiessen  und  oft  sehr  genau  dem  Laufe 
der  Hauptnervenstämme  zu  folgen  scheinen.  Auffallend  ist  der  furcht- 
bar brennende,  von  W.  Mitchell  als  „Causalgia"  bezeichnete 
Schmerz,  über  welchen  häufig  bei  Nervenschussverletzungen  geklagt 
wird  und  welchen  man  im  letzten  Kriege  häufig  genug  beobachten 
konnte;  Aehnliches  kann  aber  auch  bei  centralen  Neuralgien  vor- 
kommen; häufiger  jedoch  sind  bei  diesen  die  eigentlich  lancinirenden 
Schmerzen. 

Immer  zeigt  der  Schmerz  deutliche  Exacerbationen  und  Remis- 
sionen oder  selbst  Intermissionen ,  und  zwar  treten  auffallend  häufig 
nächtliche  Paroxysmen  auf,  welche  die  ganze  Nacht  anhalten 
können.  Sie  werden  nicht  selten  hervorgerufen  und  gesteigert  durch 
leichte  Berührungen  des  Armes,  die  Bettwärme,  besonders  aber  durch 
Muskelbewegungen :  man  kann  fast  sicher  bei  Brachialneuralgien  die 
Paroxysmen  hervorrufen  oder  Recidive  produciren,  wenn  man  die 
Kranken  viel  Klavier  spielen  oder  Nähen  oder  irgend  welche  Hand- 
arbeit verrichten  lässt. 

Der  Sitz  des  Schmerzes  entspricht  dem  Verbreitungsbozirk  eines 
oder  mehrerer  der  oben  aufgezählten  Nerven  und  bedarf  keiner 
weiteren  Beschreibung;  man  wird  im  einzelnen  Falle  durch  eine 
sorgfältige  Untersuchung  unschwer  ermitteln  können,  welche  Nerven- 
gebiete die  hauptsächlich  befallenen  sind,  wenn  auch  allerdings  eine 
scharfe  Abgrenzung  theiis  wegen  des  eigenthümlichen  centralen  Ur- 
sprungs, theiis  wegen  mannichfacher  peripherer  Anastomosen  in  der 
Regel  nicht  möglich  sein  wird. 

Dem  entsprechend  ist  auch  die  Lage  der  Schmerzpunkte 
eine  etwas  unbestimmte;  es  sind  deren  sehr  viele  angegeben;  sie 
sind  nur  durch  genaue  Untersuchung  zu  finden  und  zeigen  häufig 
zeitlichen  und  örtlichen  Wechsel.  Am  häufigsten  findet  man  solche 
Punkte:  am  Plex.  brachialis  selbst,  besonders  von  der  Achselhöhle 
aus;  am  unteren  Winkel  der  Scapula  (schwer  zu  erklären);  an  der 
hinteren  Schulterfläche  (dem  N.  axillaris  entsprechend);  am  Medianus 


Neuralgien.    Cervico-Brachial-Neuralgie.    Symptome.  139 

in  der  Ellenbenge;  an  den  Austrittstellen  des  Cutan.  medins  und 
lateralis  unter  die  Hant^  am  Ulnaris  oberhalb  des  Condylus  int.  und 
am  Handgelenk;  am  Radialis,  wo  er  sich  um  den  Humerus  herum- 
schlägt und  oberhalb  des  Handgelenkes ;  endlich  an  den  Dornfortsätzen 
der  4  unteren  Hals-  und  2  —  3  oberen  Brustwirbel  und  zur  Seite 
derselben,  wo  die  hinteren  Aeste  unter  die  Haut  treten.  Ausser- 
dem manche  andere  unregelmässige  und  nicht  genauer  bestimmbare 
Punkte. 

Zahlreiche  Begleiterscheinungen  finden  sich  fast  in  allen 
Fällen  von  Brachialneuralgie.  Irradiirte  Schmerzen  im  Gebiet  des 
Plex.  cervic.  und  der  oberen  Nn.  dorsales  (daher  wohl  die  häufige 
Angabe  von  Schmerz  in  der  Schulter  und  im  Schulterblatt)  häufig 
auch  in  dem  Gebiet  der  Intercostalnerven.  —  Ein  eigenthttmliches 
Gefllhl  von  Erstarrung,  von  Kriebeln  iti  den  befallenen  Theilen  wird 
oft  angegeben;  nicht  selten  deutliche  Formication  und  Taubsein,  welches 
häufig  einer  objectiv  nachweisbaren  Anästhesie  entspricht;  auf  der  an- 
deren Seite  auch  sehr  gewöhnlich  Hyperästhesie  in  dem  erkrankten 
Hautbezirk,  so  dass  die  leiseste  Berührung,  der  Druck  der  Kleider 
oder  der  Bettdecke,  nicht  ertragen  wird. 

Die  Motilität  der  obern  Extremität  ist  in  fast  allen  Fällen 
gestört:  die  Bewegungen  sind  steif,  erschwert,  schmerzhaft,  die  Finger 
werden  starr  gehalten.  Zittern  und  fibrilläre  Contractionen  sind  nicht 
selten,  während  krampfhafte,  anhaltende  Contractionen  der  verschie- 
denen Armmuskeln  weniger  häufig  beobachtet  werden.  Auf  der 
andern  Seite  kommen  Paresen,  seltner  Paralysen  einzelner  Muskeln 
und  ganzer  Muskelgruppen,  die  dem  befallenen  Nervengebiete  ange- 
hören, vor. 

Unter  den  vasomotorischen  und  trophischen  Störungen 
kommen  Kälte  und  Blässe  des  Arms  und  der  Hand  am  häufigsten 
vor ;  in  manchen  Fällen  aber  auch  abnormes  Hitzegeftthl,  gesteigerte 
Röthe.  In  einigen  Fällen  habe  ich  eine  bläuliche,  dunkle  Röthe  der 
Finger,  mit  Kälte  und  reichlicher  Schweissbildung  beobachtet.  Herpes- 
emptionen  sind  nicht  selten  im  Gebiete  der  befallenen  Hautnerven. 
Schwerere  trophische  Störungen  (Pemphigus,  schwer  heilende  Ulcera- 
tionen,  Glanzfinger,  Veränderung  des  Nagelwachsthums  u.  dgl.)  werden 
meist  bei  solchen  Neuralgien  beobachtet,  welche  durch  schwere  Ner- 
venverletzungen hervorgerufen  sind  und  gehen  dann  immer  mit 
schwerer  motorischer  und  sensibler  Paralyse  einher. 

In  Bezug  auf  die  Allgemeinstörungen  darf  auf  den  allgemeinen 
Theil  verwiesen  werden;  es  sei  hier  nur  angeftihrt,  dass  man  nicht 
selten  neben  der  Brachialneuralgie  die  Erscheinungen  schwerer  orga- 


140  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

nischer  Krankheiten  des  Herzens  und  der  grossen  Gefässstämme,  so- 
wie des  Gentralnervensystems  findet,  die  natürlich  besondere  Beaeh- 
tnng  beanspruchen. 

In  Bezug  auf  Verlauf,  Dauer  und  Ausgänge  der  Brachial- 
nenralgie  gilt  dasselbe,  was  über  die  Cervico-Occipital- Neuralgie  ge- 
sagt wurde. 

Die  Diagnose  erfordert  in  vielen  Fällen  besondere  Vorsicht  and 
Aufmerksamkeit,  da  einerseits  an  der  oberen  Extremität  mancherlei 
schmerzhafte  Affectionen  anderer  Art  vorkommen,  welche  zu  Ver- 
wechselungen Anlass  geben  können  (Muskelrhenmatismen ,  Gelenk- 
rheumatismen, Knochenleiden  u.  s.  w.),  andrerseits  eine  scharfe  Ab- 
grenzung der  neuralgischen  Nervengebiete  hier  nicht  so  gut  möglich 
ist.  Man  muss  also  besonderen  Werth  auf  die  Eruirung  der  charak- 
teristischen Merkmale  der  Neuralgie  überhaupt  (s.  allg.  Theil)  legen 
und  auf  der  andern  Seite  die  localen  Kennzeichen  der  genannten 
Affectionen  mit  möglichster  Sorgfalt  zu  ermitteln  suchen.  —  INe 
Diagnose  der  Ursache  des  Leidens  hat  ganz  nach  allgemeinen  Grund- 
sätzen zu  geschehen.  —  Der  Sitz  in  Bezug  auf  die  Höhe  der  Faserung 
ist  in  der  Regel  nicht  leicht  zu  ermitteln;  nur  bei  ganz  peripherem 
Sitze  wird  eine  oder  die  andre  Nervenbahn  ausschliesslich  befallen 
sein,  doch  kann  dasselbe  auch  bei  centralem  Sitze  vorkommen.  Ftir 
die  Diagnose  des  Sitzes  der  Erkrankung  im  Plexus  oder  den  Nerven- 
wurzeln gibt  die  Localisation  des  Schmerzes  sehr  wenig  Anhalts- 
punkte; hier  kann  nur  eine  umfassende  Erwägung  aller  einzelnen 
Umstände  manchmal  genaueren  Aufschluss  verschaffen. 

Die  Prognose  richtet  sich  hier  wie  bei  den  Neuralgien  im 
Allgemeinen  nach  der  Ursache  des  Leidens,  der  Heftigkeit  und  Daner 
desselben,  nach  constitutionellen  Verhältnissen,  dem  Alter  der  hidi- 
viduen  u.  s.  w. 

Therapie, 

Die  causale  Behandlang  hat  hier  einen  ziemlich  grossen  Wir- 
kungskreis angesichts  der  Häufigkeit  der  Fälle,  in  welchen  Traumata, 
Fremdkörper,  Druck  von  aussen  u.  dgl.,  Brachialneuralgie  hervorrufen ; 
mancherlei  chirurgische  Eingriffe  werden  hier  möglich  und  von  Nutzen 
sein.  In  allen  Fällen  also,  wenn  möglich,  Erftlllung  der  Causalindi- 
cation  nach  den  allgemeinen  Regeln! 

Bei  der  directen  Behandlung  stelle  ich  die  EI ek tri ci tat  in  den 
Vordergrund;  die  Resultate  derselben  sind  in  der  Regel  höchst  be- 
friedigend. Der  galvanische  Strom  verdient  meistens  den  Vorzug, 
doch  habe  ich  einen  Fall  beobachtet,  in  welchem  nach  vergeblicher 


Neuralgien.    Cenrico-Brachial-Neuralgie.    Therapie.  141 

Anwendung  desselben  der  faradische  Strom  Heilung  bewirkte;  die 
Anwendimgsweise  geschieht  nach  allgemeinen  elektrotherapeutischen 
Onindsätzen  (s.  diese  und  unten  die  Behandlung  der  Ischias). 

^  Demnächst  wird  man  die  Narcotica  nicht  entbehren  können: 
Lussana  empfiehlt  Belladonna  oder  Atropin  als  das  Hauptmittel; 
wir  werden  anmächst  zum  Morphium  greifen  und  dasselbe  in  syste- 
matischer Weise  subcutan  injiciren.  Erst  wo  dies  im  Stich  lässt, 
wende  man  sich  zu  den  andern  Narcoticis.  —  Auch  äusserliche  nar- 
kotische Applicationen  sind  in  leichteren  Fällen  von  Vortheil,  Lini- 
mente mit  Chloroform,  Salben  mit  Opium  und  besonders  Veratrin, 
dessen  Wirksamkeit  ich  gegenüber  den  abweisenden  Bemerkungen 
Eulenburg's  ganz  entschieden  aufrecht  erhalten  muss.  Dasselbe 
hat  mir  (1,0—20,0  Fett)  allein  oder  noch  besser  in  Verbindung  mit 
Extr.  op.  aqu.  in  zahlreichen  Fällen  entschiedene  Dienste  geleistet 
Ob  es  als  Narcoticum  oder  als  ELautreiz  wirkt,  will  ich  dabei  unent- 
schieden lassen. 

Die  Hautreize  sind  ebenfalls  von  grosser  Wirksamkeit:  be- 
sonders fliegende  Vesicantien,  Einreibungen  von  Terpentin,  Senf  öl 
u.  dgl.  werden  gerühmt.  Gegen  die  furchtbaren  Leiden  der  „Caus- 
algia**  werden  öfter  und  bis  zur  Erleichterung  wiederholte  starke 
Vesicantien  auf  die  schmerzenden  Hautpartien  von  W.  Mitchell 
besonders  gerühmt;  neben  ihnen  sind  Morphiuminjectionen  in  den 
erkrankten  Theil  selbst  und  beständige  Wasserumschläge  die  besten 
Erleichterungsmittel.  Für  schwerere  Fälle  die  transcurrente  Cauteri- 
sation.  Von  innerlichen  Mitteln  empfiehlt  Schramm  besonders 
das  Chinin,  ftir  ältere  Fälle  den  Arsenik.  Auch  Terpentin  ist  em- 
pfohlen. —  Badecuren,  Thermen,  Moorbäder,  Kaltwassercuren  nach 
speciellen  Indicationen. 

Operative  Eingriffe  werden  zunächst  nur  an  den  rein  sen- 
sibleji  Hautästen  zu  gestatten  sein ;  zur  Neurektomie  an  den  gemischten 
Nervenstämmen  wird  man  sich,  der  unvermeidlichen  und  äusserst  be- 
lästigenden motorischen  Lähmung  wegen,  nur  in  den  allei^ussersten 
Fällen  entschliessen,  und  zwar  wird  man  in  allen  Fällen  verlangen 
dürfen,  dass  eine  notorische  periphere  Ursache  der  Neuralgie  nach- 
gewiesen sein  muss,  wenn  die  Operation  gerechtfertigt  sein  soll').  Dass 
dies  nicht  selten  möglich  ist,  soll  nicht  geleugnet  werden,  und  es  soll 
dann  nur  für  eine  sichere  —  wenn  auch  nicht  rasche  —  Vereinigung 
der  Nervenenden  gesorgt  werden,  damit  die  Lähmung  nicht  zu  einer 
dauernden  werde.  —  Von  Amputationen  und  Resectionen  der  obem 

1)  Maury  und  Duhring  haben   sogar   den   ganzen   Plexus   brachialis   am 
Halse  durchgeschnitten. 


142  Erb,  Krankheiten  der  peripberen-cerebrospinalen  Nerven. 

Extremität  kann  nur  unter  ganz  ausserordentlichen  Umständen  — 
aber  niemals  allein  der  Neuralgie  wegen  —  die  Rede  sein. 

Das  diätetische  Verhalten  bei  der  Brachialnenralgie  muss 
nach  allgemeinen  Grundsätzen  geregelt  werden.  Hier  ist  nur  speciell 
zu  betonen  9  dass  möglichste  Ruhe  der  kranken  Extremität  eine  der 
ersten  Bedingungen  zur  Heilung  ist,  dass  man  also  den  Kranken  alle 
Anstrengung  derselben,  besonders  mit  den  sog.  feineren  Arbeiten, 
Nähen,  Stricken,  Klavierspielen,  Schreiben  u.  dgl.  unbedingt  ver- 
bieten muss. 

d.  Neuralgie  im  Gebiete  der  Dorsalnerven.  —  Inter- 

costalneuralgie. 

Chaussier,  Table  sypoptique  etc.  180^  —  Nicod,  Noav.  Joom.  de  m^- 
chir.  etc.  Paris.  1818.  —  bassereau.  Essai  sur  la  n^vralgie  des  nerfs intercost 
1840.  —  Valleix  1.  c.  p. 272— 349.  —  Beau,  Dela  nevrite  et  de  la  neur.  inter- 
cost Arch.  g^D^r.  1847,  —  Krleomeyer,  Deutsch.  Kün.  1851.  —  Andr.  Leoni, 
Consid^r.  sur  la  o^vralg.  dorso - iotercost.  Th^se.  1858.  —  Bretschneider, 
Romberg,  Hasse,  Euleoburg,  Rosenthal  1.  c. 

Mastod^nie:  A.  Gooper,  Illustr.  of  the  diseases  of  the  breast  Lond.  1829. 
—  Carpentier-M^ricourt,  Trait^  des  malad,  du  sein.  1845.  —  Alfter, 
Neuralgia  mammae.  Allg.  med.  Centralz.  1856  No.  25.  —  M.  Rosenthal,  Ueber 
Neuralgien  d.  Mamma  etc.  Wien.  med.  Presse.  1873  No.  2u.  3.  —  F.  Schnitze, 
Doppelseitige  Mastodynie  mit  Colostrumsecretion.  Berl.  klin.  Woch.  1874  No.  42. 

Begriffsbestimmung.  Die  Neuralgien,  welche  in  dem  Ver- 
breitungsbezirk der  sensiblen  Fasern  der  12  Dorsalnervenpaare  ihren 
Sitz  haben,  werden  unter  dem  Namen  „ Dorso- Intercostalneuralgie*' 
zusammengefasst.  Es  kann  demnach  die  Haut  des  Rückens  und  der 
Inende  bis  über  die  Crista  ilei  hinab,  welche  von  den  hintern  Zweigen 
der  Dorsalnerven  versorgt  wird,  Sitz  des  Schmerzes  werden;  ebenso 
die  Haut  der  ganzen  vorderen  und  seitlichen  Brust-  und  Bauchwand 
bis  gegen  die  Symphyse  hinab,  in  welcher  sich  die  HantiUite  der 
Nn.  intercostales  verbreiten;  da  der  erste  und  zweite  Intercostalnerv 
Hautäste  zur  Achselhöhle  und  der  innem  Fläche  des  Oberarms  ab- 
geben, so  können  auch  diese  Partien  gelegentlich  Sitz  der  Neuralgie 
sein.  Selten  sind  die  hintern  und  vordem  Zweige  der  Dorsalnerven 
gleichzeitig  von  der  Neuralgie  befallen;  meist  nur  die  vorderen,  so 
dass  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  nur  von  einer  „Neuralgia  intercostalis*' 
die  Bede  sein  kann. 

Diese  Neuralgie  tritt  fast  immer  einseitig,  selten  doppelseitig 
auf;  weit  überwiegend  ist  die  linke  Seite  die  befallene;  die  einzelnen 
Intercostalnerven  werden  in  sehr  verschiedener  Häufigkeit  befallen, 
die  grösste  Zahl  der  Erkrankungen  betrifft  den  5.-9.  Intercostal- 
nerven; meist  sind  nur  einzelne  oder  mehrere,  selten  viele  Intercostal- 
nerven gleichzeitig  befallen.  —  Combinationen  dieser  Neuralgie  mit 


Neuralgien.    Intercostalneuralgie.    Aetiologie.  143 

andern  Neuralgien,  oberflächlichen  sowohl,  wie  visceralen  (Brachial-, 
Lnmbo-abdominalnearalgie,  Angina  pectoris,  Cardialgie)  sind  verhält- 
nissmässig  häufig. 

Aetiologie. 

Prädisponirt  ist  vor  allen  Dingen  das  weibliche  Geschlecht,  wel- 
ches ttberwiegend  häufig  befallen  wird.  Die  Zusammenstellungen  von 
Valleix  und  Bassereau  ergeben  51  Weiber  auf  11  Männer.  — 
Das  Alter  zwischen  20  und  40  Jahren  wird  am  häufigsten  befallen. 
—  Schwächliche,  nervöse,  hysterische  und  anämische  Individuen  sind 
besonders  prädisponirt;  ebenso  Reconvalescenten  von  schweren  Krank- 
heiten. 

Unter  den  directen  Ursachen  spielt  die  Erkältung  eine 
gewisse,  wenn  auch  nicht  sehr  hervorragende  Rolle;  doch  ist  ihre 
Einwirkung  auf  prädisponirte  Individuen  vielfach  sehr  markirt.  — 
Von  Traumen  hat  man  Stösse  auf  Brust  und  Rücken,  Verletzungen 
und  Wunden  als  Ursachen  gefunden.  —  Anatomische  Verände- 
rungen am  Nerven  selbst  wurden  selten  beobachtet;  hier  und 
da  Neurome,  in  manchen  Fällen  Neuritis  (dann  häufig  mit  Hei*pes 
zoster  verbunden)  mit  Verdickung  und  Induration  des  Neurilemm.  — 
Wichtiger  sind  Erkrankungen  benachbarter  Organe  als  Ursachen  der 
Intercostalneuralgie :  so  vor  allen  Dingen  die  Lungenphthise,  welche 
sowohl  in  ihren  frühesten,  wie  in  ihren  späteren  Stadien  nicht  selten 
Ton  wirklicher  Intercostalneuralgie  (nicht  zu  verwechseln  mit  pleuri- 
tisehem  Schmerzi)  begleitet  wird.  Der  causale  Zusammenhang  der 
beiden  Affectionen  ist  noch  nicht  recht  klar:  vielleicht  handelt  es 
sich  nur  um  coUaterale  Hyperämien  im  Neurilemm,  vielleicht  um, 
von  der  Pleura  her  fortgeleitete,  Entzündung,  vielleicht  um  mecha- 
nische Zerrung  und  Compression  der  Nerven  durch  pleurhische 
Schwarten.  —  Erweiterung  der  Venen  in  den  Plexus  des 
Wirbelkanals  wird  auch  als  Ursache  beschuldigt ;  Störungen  des  ve- 
nösen Blutlaufs,  der  besonders  auf  der  linken  Seite  vom  4.-8.  Inter- 
costalraum  relativ  erschwert  ist,  hat  man  auch  als  Ursache  der 
grösseren  Prädisposition  der  linken  Seite  angenommen  (He nie).  — 
Aortenaneurysmen,  welche  zu  Usur  der. Wirbel  und  Rippen 
führen  und  dadurch  oder  anderweitig  die  Intercostalnerven  in  ihr 
Bereich  ziehen,  können  schwere  Neuralgien  hervorrufen.  Dasselbe 
gilt  von  Wir  bei  leiden  aller  Art  (Spondylitis,  Caries,  Tuberculose, 
Krebs  der  Wirbel  u.  s.  w.)  sowie  von  Erkrankungen  der  Rippen 
(Periostitis,  Caries,  Nekrose). 

Sehr  häufig  sind  Erkrankungen  des  Rückenmarks  die 


144  Ebb«  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

Ursache  von  Intercostalneuralgien ;  so  besonders  die  circumscripte 
MyelitiS;  die  Meningitis  spinalis,  Tumoren  im  Wirbelkanal  und  Rücken- 
mark, und  sehr  häufig  die  Tabes  dorsalis.  Die  reif-  oder  gttrtelftbnhch 
den  Rumpf  in  verschiedener  Höhe  befallenden  Schmerzen  bei  diesen 
Krankheiten  gehören  zum  grossen  Theile  der  Intercostalneuralgie  an 
und  bieten  die  charakteristischen  Symptome  derselben  dar. 

Malariainfection  ist  in  seltenen  Fällen  als  Ursache  nach- 
gewiesen. —  Uterinerkrankungen  spielen  jedenfalls  nicht  die 
grosse  ätiologische  Rolle,  die  ihnen  von  mancher  Seite  (Bassereau) 
zugeschrieben  wird;  auch  Menstrnationsstörungen  haben  nach 
Yalleix'  genauen  Untersuchungen  wohl  nur  eine  secundäre  und  zu- 
fällige Bedeutung. 

Symptome. 

Wie  schon  gesagt  erscheint  der  Schmerz  am  häufigsten  in  der 
vordem  und  seitlichen  Rumpfwand  (Neuralg.  intercostalis),  selteoer 
im  Rücken.  Seine  Ausbreitung  richtet  sich  ganz  nach  der  Zahl  und 
dem  Verästelungsbezirk  der  befallenen  Nerven.  In  der  Regel  ist  der 
Schmerz  ein  mehr  oder  weniger  anhaltender,  dumpfer  und  drücken- 
der, aber  dann  von  Zeit  zu  Zeit  unterbrochen  von  reissenden,  land- 
nirenden,  marternden  Schmerzen,  die  in  förmlichen  Paroxysmen  auf- 
treten können.  Sehr  ausgeprägt  ist  in  manchen  Fällen  der  dem  Lanf 
des  Nerven  folgende  durchschiessende  Schmerz,  der  vom  Rücken 
nach  der  vorderen  Rumpffläche  sich  bewegt;  man  findet  sogar  an- 
gegeben, dass  dei  Schmerz  von  der  Austrittstelle  des  Ram.  perforans 
lateral,  nach  vorn  und  nach  hinten  ausstrahle.  Nicht  selten  werden 
auch  „Stiche  durch  die  Brust''  angegeben.  Die  Heftigkeit  des 
Schmerzes  kann  eine  sehr  grosse  sein  und  zwar  sowohl  die  des 
schmerzhaften  Reifs  um  die  Brust,  wie  die  der  lancinirenden  Schmerzen. 
Alle  Athembewegungen ,  Husten ,  Niesen,  Schneuzen  u.  dgl.  steigern 
den  Schmerz;  ebenso  leichte  Berührung  der  Haut,  Druck  der  Klei- 
dungsstücke u.  s.  w.,  während  ein  stärkerer  Druck  nicht  selten  Er- 
leichterung schafiFt.  Die  Paroxysmen  werden  durch  die  bekannten 
Ursachen  hervorgerufen  und  gesteigert;  Valleix  glaubt  einen  be- 
sonders verschlimmernden  Einfluss  des  Schneewetters  nachgewiesen 
zu  haben.  Während  der  Paroxysmen  bieten  die  Kranken  ein  ziem- 
lich charakteristisches  Bild :  sitzen  nach  der  kranken  Seite  gekrümmt, 
mit  ängstlichem  Gesichtsausdruck ,  wagen  nicht  tief  zu  atbmen  oder 
laut  zu  sprechen  u.  dgl. 

Schmerzpunkte  werden  bei  der  Intercostalneuralgie  sehr 
regelmässig  und  in  charakteristischer  Weise  gefunden.    Einer  neben 


Neuralgien.    Intercostalneuralgie.    Symptome.  145 

der  Wirbelsäule,  entsprechend  der  Stelle,  wo  der  Nery  aus  dem  for. 
intervertebr.  hervortritt  ( Vertebralpunkt) ;  ein  zweiter  da,  wo  der 
RanL  perfor.  lateral,  unter  die  Haut  tritt,  also  etwa  in  der  Mitte  des 
ganzen  Nervenverlaufe  (Lateralpunkt),  ein  dritter  da,  wo  der  Per- 
forans  anterior  die  Muskeln  durchbohrt,  also  neben  dem  Sternum 
und  am  Abdomen  über  dem  M.  rectus  (Stemal-  oder  vorderer  Punkt). 
Diese  Punkte  sind  gewöhnlich  sehr  deutlich  nachzuweisen  und  bieten 
bei  Druck  sehr  grosse  Empfindlichkeit  dar.  Manchmal  lässt  sich 
diese  Empfindlichkeit  auch  längs  des  ganzen  Verlaufs  der  I.  G.  Nerven 
nachweisen  und  findet  sich  nicht  selten  auch  an  mehreren  Domfort- 
sätzen der  Brustwirbelsäule. 

Irradiation  des  Schmerzes  nach  dem  Rtteken,  nach  dem  Arm, 
nicht  selten  auch  in  die  Lendengegend  und  die  untere  Extremität 
wird  beobachtet;  ebenso  Gombination  mit  Anfällen  von  Angina  pec- 
toris, mit  Cardialgie  und  mit  Gallensteinkolik.  —  Hyperästhesie 
des  be&ilenen  Hautgebiets  ist  sehr  gewöhnlich;  oft  wird  nicht  Rei- 
bung noch  Druck  der  Kleidungsstücke  ertragen.  Anästhesie  ist 
dagegen  seltener,  ist  jedoch  deutlich  beobachtet  worden,  meist  auf 
kleine  umschriebe  Stellen  beschränkt;  ein  Vorkommen,  welches  be- 
sonders nach  Zoster  gewöhnlich  zu  sein  scheint.  ~  Von  motorischen 
Störungen  kennt  man  nur  die  Beeinträchtigung  der  Respirations- 
bewegung, die  sehr  gewöhnlich  ist,  ohne  dass  man  jedoch  Genaueres 
über  ihren  Mechanismus  wttsste. 

Auch  von  vasomotorischen  und  trophischen  Störungen 
wird  wenig  berichtet,  mit  Ausnahme  des  Vorkommens  von  Herpes 
Zoster,  über  welches  eine  grosse  Anzahl  von  Beobachtungen  vor- 
liegt. Das  Verhältniss  desselben  zur  Neuralgie  ist  jedoch  ein  durch- 
aus unconstantes ;  es  gibt  viele  Fälle  von  L  C.  Neuralgie  ohne 
Zoster  —  und  sie  bilden  wohl  die  Mehrzahl;  femer  gibt  es  nicht 
selten  Fälle  von  Zoster  ohne  neuralgische  Beschwerden,  das  ist  die 
Regel  bei  Kindern  und  jugendlichen  Individuen;  endlich  gibt  es  aber 
auch  Fälfe,  in  welchen  die  Neuralgie  mit  Zoster  verbunden  auftritt 
und  zwar  gewöhnlich  so,  dass  die  Neuralgie  eine  längere  Dauer  hat 
als  der  Zoster,  diesem  vorausgeht  und  ihn  auch  längere  Zeit  über- 
dauert, wie  das  gewöhnlich  bei  älteren  Leuten  der  Fall  ist.  Dass 
hier  ein  causaler  Zusammenhang  zwischen  den  beiden  Erscheinungs- 
reihen existirt,  kann  wohl  nicht  geleugnet  werden ;  welcher  Art  der- 
selbe jedoch  ist,  kann  noch  nicht  als  ausgemacht  betrachtet  werden. 
Wir  haben  im  allgemeinen  Theil  die  einander  gegenüberstehenden 
Ansichten  besprochen  und  verweisen  deshalb  auf  jenen  Abschnitt. 
So  viel  scheint  nur  aus  den  bisher  vorliegenden  Thatsachen  gefolgert 

Handbuch  d.  spec.  Pathologie  a.  Therapie.    XII.  Bd.  I .    i.  Aafl.  1 0 


146  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

werden  zu  dürfen,  dass  man  da,  wo  die  I.  C.  Neuralgie  mit  Zoster 
verbunden  auftritt,  eine  Neuritis  des  Nerven  als  die  Ursache  beider 
Erscheinungen  ansehen  darf. 

Ueber  Veränderung  der  Milchsecretion  bei  der  gewöhnlichen 
I.  C.  Neuralgie  ist  nichts  bekannt. 

Die  Entwickelung  der  Krankheit  geschieht  meist  so  allmälig,  dass 
die  Kranken  den  Beginn  derselben  nicht  mit  Bestimmtheit  anzugeben 
wissen.  Ihr  Verlauf  ist  ein  äusserst  unregelmässiger,  nicht  selten 
sehi*  hartnäckig.  Wenn  HeUung  erfolgt,  tritt  sie  ebenfalls  meist  ganz 
allmälig  em.  Uebrigens  hängen  die  Ausgänge  der  Krankheit  wesent- 
lich von  der  Art  des  Grundleidens  ab:  Heilung  tritt  in  den  meisten 
rheumatischen  und  idiopathischen  Fällen  ein;  bei  centralen  Nerven- 
leiden nur  schwer  und  nicht  leicht  dauernd;  bei  Lungenphthise, 
Wirbelleiden  u.  dgl.  besteht  die  Krankheit  nicht  selten  bis  zum  Tode. 

Die  Diagnose  der  I.  C.  Neuralgie  bietet  nicht  selten  gewisse 
Schwierigkeiten.  Am  leichtesten  ist  Verwechselung  möglich  mit  dem 
Bheumatismus  der  Brustmuskeln  (gewöhnlich  als  Pleurodynie  bezeich- 
net). In  der  That  können  sich  die  beiden  Krankheiten  zum  Ver- 
wechseln ähnlich  sehen,  so  dass  nur  die  genaueste  Untersuchung 
und  oft  erst  der  Ausgang  der  Krankheit  die  Diagnose  entscheiden. 
Der  Sitz  des  Schmerzes  in  bestimmten  Muskeln,  seine  Exacerbation 
bei  gewissen  Bewegungen,  besonders  des  Kopfs  und  der  Gliedmassen, 
das  Fehlen  der  charakteristisch  gelagerten  Schmerzpunkte  und  endlich 
die  rasche  Heilung  im  Laufe  weniger  Tage  unterscheiden  die  Pleu- 
rodynie hinlänglich  von  der  I.  C.  Neuralgie.  —  Erkrankungen  der 
Brustorgane  selbst  wird  man  durch  genaue  physikalische  Untersuchung 
leicht  von  der  Neuralgie  trennen  können.  —  Für  die  in  manchen 
Beziehungen  nicht  unähnliche  Angina  pectoris  ist  die  hochgradige 
Erstickungsangst  und  das  Geftihl  der  drohenden  Lebensvemichtung, 
in  Verbindung  mit  den  Erscheinungen  am  Herzen  und  am  Pulse, 
hinreichend  charakteristisch. 

Wichtig  ist  vor  allen  Dingen  die  Diagnose  der  Ursachen  des 
Leidens  und  kann  hier  besonders  nicht  genug  Sorgfalt  auf  die  Er- 
mittelung von  etwaigen  Wirbelleiden  oder  Spinalkrankheiten  ver- 
wendet werden,  deren  möglichst  frühzeitiges  Erkennen  für  die  Be- 
handlung von  äusserster  Wichtigkeit  ist. 

Die  Prognose  richtet  sich  nach  dem  über  den  Verlauf  und 
die  Ursachen  Gesagten.  Die  einfachen  rheumatischen  und  idiopa- 
thischen Fälle  zeigen  im  Verhältniss  zu  manchen  andern  Neuralgien 
im  Ganzen  einen  milden  Verlauf. 


Neuralgien.    Intercostalneuralgie.    Therapie.  147 

Therapie. 

In  Bezug  anf  die  Grundsätze,  Mittel  und  Methoden  der  Be- 
handlung der  I.  C.  Neuralgie  kann  dem  im  allgemeinen  Theil  und 
bei  den  im  Vorhergehenden  beschriebenen  Formen  der  Neuralgie 
G^esagten  nicht  viel  hinzugefügt  werden.  Nächst  den  durch  die 
Cansalindication  geforderten  Maassnahmen  empfiehlt  sich  vor  Allem 
der  Gebrauch  der  Hautreize  und  hier  stehen  allen  voran  die  von 
Valleix  dringend  empfohlenen  fliegenden  Vesicantien,  die  man  der 
Reihe  nach  über  den  Schmerzpunkten  applicirt;  die  Wirkung  ist  oft 
eine  äusserst  frappante.  In  leichteren  Fällen  wird  man  auch  mit 
milderen  Hautreizen  oder  mit  narkotischen  und  anästhetischen  Ein- 
reibungen auskommen.  ~  Zweckmässig  verbindet  man  damit  die 
Anwendung  der  subcutanen  Morphiuminjectionen,  besonders  in  schwe- 
reren Fällen.  —  Die  Elektricität  leistet  oft  vorzügliche  Dienste,  theils 
alB  Hautreiz  (faradischer  Pinsel  oder  Moxe),  theils  direct  auf  den 
kranken  Nerven  einwirkend;  das  letztere  besonders  bei  Anwendung 
des  galvanischen  Stroms,  der  nach  den  früher  aufgestellten  Grund- 
sätzen applicirt  wird  (am  besten  Anode  auf  die  Wirbelsäule,  Kathode 
auf  den  seitlichen  und  vorderen  Schmerzpunkt,  stabiler  kräftiger 
Strom).  —  Für  die  Anwendung  der  Specifica  und  sonstiger  Heil- 
metboden gelten  die  allgemeinen  Regeln.  Zu  operativer  Behandlung 
wird  man  nur  in  ganz  bestimmten  Fällen  schreiten. 

Für  die  Behandlung  des  manchmal  die  Neuralgie  begleitenden 
Zoster  gelten  einfache  Vorschriften :  neben  der  Behandlung  der  Neur- 
algie ist  eine  Bedeckung  mit  indifferenten,  schützenden  Salben  oder 
Pflastern  angezeigt,  welchen  man  irgend  ein  narkotisches  Präparat 
beiftigen  kann.  Eine  Cauterisation  der  Bläschen  mit  Höllenstein  ist 
entschieden  überflüssig  und  von  der  Application  von  Vesicantien  ist 
bei  Zoster  abzurathen.  Höchstens  könnte  man  dieselben  zur  Seite 
der  Wirbelsäule  appliciren,  wenn  daselbst  keine  Bläschengruppen 
stehen,  weil  nach  Anstiegs  Ansicht  gerade  die  Vesication  im  Grebiete 
der  hinteren  Nervenzweige  auf  die  Neuralgien  der  vorderen  Aeste 
von  dem  günstigsten  Einfluss  sein  soll.  A  n  s  t  i  e  will  auf  diese  Weise 
die  weitere  Entwickelung  des  Herpes  unterbrochen  haben. 


Anhang. 

Neuralgie  der  Brustdrüse.    Mastodynie. 

Die  Brustdrüse  erhält  ihre  Nerven  zum  grössten  Theil  von  den 
Intercostalnerven  und  zwar  wird  die  Haut  über  derselben  versorgt 

10* 


148  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

von  den  Rami  perfor.  lat.  und  anter.  des  2. — 6.  Intercostalnerven  (zum  j 
kleineren  Theil  von  Aesten  der  Nn.  supraclaviculares),  während  die  1 
Drüsensubstanz  selbst  vom  4. — 6.  Perfor.  later.  versorgt  wird.  j 

Die  Brustdrüse  kann  gelegentlich  isolirt  ?on  exquisit  neuralgischen 
Schmerzen  und  Anfällen  befallen  werden  und  dies  hat  zur  Aufstellung  , 
dieser  Unterart  der  Intercostalneuralgie  geführt,  welche  vonCooper  j 
zuerst  unter  dem  Namen  „Irritable  breast"  genauer  beschrieben  wurde.  . 
Die  dabei  auftretenden  Schmerzen  haben  ganz  den  neuralgischen  ! 
Charakter,  sie  können  furchtbar  quälend  sein  und  sich  an  Heftigkeit 
den  Anfällen  des  Tic  douloureux  nähern.  Der  Schmerz  ist  reissend, 
schneidend,  bohrend,  stechend,  wie  wenn  Messer  eingestossen  würden,  ! 
erscheint  in  Paroxysmen,  welche  meist  kurzdauernd  sind,  sich  aber 
auch  über  mehrere  Stunden  erstrecken  können.  Die  Brust  scheint 
dabei  viel  schwerer^  die  Frauen  können  nicht  auf  der  kranken  Seite  | 
liegen,  der  Druck  der  Kleidungsstücke  und  die  leiseste  Bertthrang 
werden  unerträglich.  Schmerzpunkte  sind  dabei  meist  nur  in 
ganz  unbestimmter  Weise,  an  der  Brustwarze,  am  oberen  oder  seit- 
lich-unteren Rand  der  Drüse  nachzuweisen;  in  der  Regel  jedoch 
sind  die  entsprechenden.  Dornfortsätze  bei  Druck  empfindlich  (2.-6. 
Brustwirbel).  ~  Nicht  selten  werden  die  einzelnen  Paroxysmen  von 
Erbrechen  begleitet;  hochgradige  cutane  Hyperästhesie  besteht  fast 
immer;  auf  der  Höhe  der  Anfälle  treten  Irradiationen  des  Schmerzes 
in  verschiedene  Nervengebiete:  Brustwand  und  Rücken,  Arm  und 
Nacken,  auf.  —  Während  der  Menses  tritt  meist  eine  Steigerung 
der  Erscheinungen  auf  Ueber  die  Milchsecretion  finden  sich  nur 
spärliche  Angaben;  der  von  F.  Schnitze  beobachtete,  von  mir 
längere  Zeit  behandelte  Fall  zeigte  eine  deutliche  aber  spärliche 
Secretion  einer  milchähnlichen  Flüssigkeit,  die  sich  bei  mikroskopischer 
Untersuchung  mehr  als  Colostrum  erwies.  —  Alfter  sah  in  einem 
Falle  Zoster  auf  die  Neuralgie  folgen.  —  Rufz  hat  die  Krankheit 
bei  einem  Manne  gesehen.  Hasse  fand  bei  einem  Knaben  die 
Mammilla  geschwollen  und  schmerzhaft,  es  hat  sich  also  wohl  um 
Entzündung  derselben  gehandelt,  die  bei  Knaben  gar  nicht  selten 
vorkommt.  Das  Leiden  dauert  meist  Jahre  lang  und  trotzt  oft  hart- 
näckig jeder  Behandlung.  Die  Kranken  werden  dadurch  in  hohem 
Grade  gepeinigt. 

Die  Aetiologie  der  Krankheit  ist  noch  ziemlich  dunkel.  In 
manchen  Fällen  lässt  sich  ein  Zusammenhang  mit  der  Lactation, 
wohl  auch  mit  Schwangerschaft  nachweisen.  Auf  Schrunden  der 
Brustwarze  sieht  man  manchmal  die  Neuralgie  folgen.  —  Anämie, 
Chlorose,  Hysterie  spielen  jedenfalls  bei  der  Entstehung  eine  grosse 


NeoralgieD.    Mastod jnie.    Neuralgie  der  Lumbalnerven.  149 

• 

Rolle.  —  Unter  den  örtlichen  Veranlassungen  sind  mit  Sicherheit 
tranmatische  Einwirkungen  auf  die  Brustdrüse  bekannt.  In  einzelnen 
Fällen  scheinen  kleine  Neurome  oder  Tubercula  dolorosa  der  Brust- 
drtisenneryen  den  Ausgangspunkt  Air  die  Neuralgie  zu  bilden:  man 
findet  in  diesen  Fällen  kleine,  harte,  sehr  empfindliche  Knötchen  im 
Drüsengewebe,  die  sich  selbst  bei  jahrelangem  Bestehen  nicht  ver- 
ändern, bald  sehr  schmerzhaft,  bald  wieder  schmerzlos  sind  und  auch 
ohne  besondere  Veranlassung  wieder  verschwinden  können.  Nach 
den  bisherigen  dürftigen  Untersuchungen  scheinen  dies  kleine  Fibrome 
oder  auch  wahre  Neurome  zu  sein. 

Die  Diagnose  begegnet  bloss  Schwierigkeiten  bei  der  Unter- 
scheidung beginnender  maligner  Tumoren,  welche  nicht  selten  eben- 
falls von  lebhaften,  landnirenden  Schmerzen  in  der  Drüse  begleitet 
sind.  Die  Wachsthumsverhältnisse  dieser  Tumoren,  ihre  geringere 
Empfindlichkeit,  der  Grad  der  Schmerzen  etc.  werden  im  weiteren 
Verlauf  bald  über  die  Natur  des  Leidens  Aufechluss  geben.  Vor 
Verwechselungen  mit  Mastitis,  mit  circumscripten  Abscessen  u.  dgl. 
wird  eine  genaue  Untersuchung  schützen. 

Die  Therapie  ist  häufig  nicht  sehr  trostreich.  Vor  allen  Dingen 
wird  der  Causalindication  zu  genügen,  und  werden  hier  besonders  die 
anämischen  Zustände,  sowie  Störungen  und  Erkrankungen  der  (reni- 
ialoTganQ  zu  berücksichtigen  sein. 

Die  directe  Behandlung  erfordert  die  gewöhnlichen  gegen  Neur- 
algie gebiäuchlichen  Mittel:  Narcotica,  Elektricität  (von  welcher  ich 
in  einem  Falle  entschiedenen  Nutzen  sah)  und  specifische  Mittel. 
Gooper  empfahl  besonders  ein  narkotisches  Pflaster  mit  Belladonna. 
—  Blntentziehungen  waren  in  manchen  Fällen  nützlich.  —  Warme 
Bedeckung  der  Drüse,  besonders  mit  Pelzwerk,  wird  von  den  Kranken 
meist  wohlthätig  empfunden.  Zu  operativen  Eingriffen  (Exstirpation 
der  schmerzhaften  Knötchen,  Amputation  der  Brustdrüse)  wird  man 
sich  nur  bei  sehr  dringender  Indication  entschliessen. 


e.    Neuralgie    im    Bereich    der   Lumbalnerven    (Plexus 
lumbalis).  —  Neuralgia  lumbo-abdominalis,  cruralis  et 

obturatoria. 

Valleix  1.  c.  p.  349—388.  —  Bretschneider,  Romberg,  Eulenburg 
1.  c.  —  Neucourt,  De  la  N^vralgie  lombaire  Arch.  g^ner.  1858.  —  Boub- 
seau,  Deox  observ.  de  n^vr.  da  nerf  saph^ne  externe.  Gaz.  des  h6p.  1869  No.  7. 
—  Liegev,  Intercostal-  und  Hodenneuralgie  mit  nenralg.  Priapismus.  Presse 
m6d.  1855  No.  37.  —  d*Axthrey,  Consid^rat.  sur  quelques  formes  de  la  n^vralg. 
iombo-abdomin.  —  Tb^se   de  Strasb.    1867.   —   Köser  und  Rotteck,  üeber 


150  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospioalen  Nerven. 

Hemia  obturator.   Arch.  f.  phys.  Heilk.  1851.  —  Die  Literatur  über  Ischias  ent- 
hält ebenfalls  vieles  Hierhergenörige. 

Begriffsbestimmung.  Alle  Neuralgien,  welche  in  der  sen- 
siblen Faserung  der  4  ersten  Lumbalnerrenpaare  ihren  Sitz  haben, 
fassen  wir  hier  in  gemeinschaftlicher  Betrachtung  zusammen^  da  eine 
scharfe  Abgrenzung  der  Neuralgien  der  verschiedenen  hier  Concor- 
rirenden  Nerven  in  anatomischer  Beziehung  nicht  wohl  thunlich  ist. 
Es  bestehen  so  zahlreiche  Anastomosen  und  Varietäten  des  Ursprungs 
sowohl,  wie  der  Verbreitung  dieser  Nerven,  dass  eine  genauere  Ana- 
lyse der  einzelnen  möglichen  Formen  zu  Weitschweifigkeiten  führen 
wflrde,  die  durch  die  praktische  Bedeutung  dieser  Neuralgien  in  keiner 
Weise  gerechtfertigt  sind. 

Die  Hautbezirke,  welche  in  der  Regel  von  den  Lendennerven 
versorgt  werden,  sind  etwa  folgende:  Lendengegend  (hintere  Aeste 
der  Lumbalnerven),  Gesässgegend,  Leistengegend,  Hypogastrium  und 
Mons  Veneris  und  ein  Theil  des  Scrotum  (der  Labia  majora);  femer 
die  vordere,  laterale  und  mediale  Fläche  des  Oberschenkels,  die 
vordere  Kniegelenksgegend,  die  mediale  Fläche  des  Unterschenkels 
und  der  innere  Fussrand  bis  zur  grossen  Zehe.  Dieser  ^osse  Bezirk 
kann  in  einzelnen  Fällen  Einschränkungen  oder  Erweiterungen  er- 
fahren, je  nachdem  einzelne  Nervenzweige  von  oberhalb  oder  unter- 
halb gelegenen  Ursprungsgebieten  abgegeben  werden;  diese  Ver- 
schiedenheiten sind  jedoch  ohne  jede  praktische  Wichtigkeit. 

Wohl  nie  werden  sämmtliche  sensible  Faserungen  des  Plexus 
lumbalis  gleichzeitig  von  Neuralgie  befallen ;  meist  nur  einzelne,  häufig 
mehrere  Zweige  desselben  und  man  kann  hier  der  praktischen  Be- 
quemlichkeit halber  ftlglich  zwei  Hauptgruppen  unterscheiden,  von 
welchen  die  erste  die  Neuralgien  der  von  Henle  sog.  „kurzen" 
Nerven  des  Lendengeflechts  umfasst,  welche  wir  unter  dem  gemein- 
samen Namen  der  Lumbo-abdominalneuralgie  zusammen- 
fassen wollen;  die  zweite  Gruppe  enthält  die  Neuralgien  der  sog. 
„langen^  Nerven  des  Schenkelgeflechts  und  mag  mit  dem  gemein- 
samen Namen  Schenkel-  oder  Gruralneuralgie  bezeichnet 
werden.  —  Die  hinteren  Aeste  der  Lumbalnerven  können  sich  in 
beiden  Gruppen  betheiligt  finden,  thun  dies  jedoch  meist  nur  in  mehr 
untergeordneter  Weise. 

Die  Lumbo-abdominalneuralgie  umfasst  die  Neuralgien 
im  N.  ileohypogastricus  (Haut  der  Hüfte  und  oberer  Theil  des  Hypo- 
gastriums), im  N.  ileoinguinalis  (Haut  über  dem  Tensor  fasciae  und 
am  Mons  veneris),  im  N.  lumbo-inguinalis  (medialer  Theil  der  Leisten- 
gegend bis  gegen  die  Mitte  des  Oberschenkels)  und  im  N.  sperma- 


Neuralgien.    Neuralgie  der  Lumbalnerven.    Aetiologie.  151 

ticus  extern.  (Scrotam  oder  Labium  maj.  und  angrenzende  Haut  der 
inneren  Schenkelfläche).  Es  wäre  Uberfltlssig,  die  Neuralgie  in  jedem 
einzelnen  dieser  Nervengebiete  mit  einem  besonderen  Namen  zu 
unterscheiden. 

Von  der  Schenkelneuralgie  sind,  je  nach  dem  vorzugs- 
weise oder  ausschliesslish  befallenen  Nerven,  drei  Varietäten  mög- 
lich: es  kann  der  N.  cutaneus  fem.  lateral,  (laterale  und  ein  Theil 
der  Rfickenfläche  des  Oberschenkels  bis  gegen  das  Knie  hin)  der 
Sitz  der  Schmerzen  sein,  oder  der  N.  cruralis  mit  Einschluss  des 
N.  saphenus  (Haut  der  vorderen  und  inneren  Schenkelfläche,  des 
Knies,  der  inneren  Unterschenkelfläche  und  des  inneren  Fussrandes), 
oder  endlich  der  N.  obturatorius  (innere  Oberschenkelfläche  gegen 
das  Knie  zu).  Da  diese  Nervengebiete  meist  ziemlich  scharf  von 
einander  getrennt  sind,  kann  man  ihre  Neuralgien  wohl  mit  beson- 
deren Namen  bezeichnen. 

Alle  diese  Neuralgien  sind  verhältnissmässig  sehr  selten;  die 
Lnmbo-abdominalneuralgie  schliesst  sich  noch  am  meisten  an  die 
Intercostalneuralgie  an,  kommt  wie  diese  meistens  links  und  vor- 
wiegend bei  Weibern  vor,  während  die  Schenkelneuralgie  häufiger 
bei  Männern  erscheint.  Unter  den  einzelnen  Formen  ist  wohl  die 
Neuralgie  des  N.  cruralis  selbt  die  häufigste. 

Aetiologie. 

Ist  im  Ganzen  noch  wenig  bekannt.  Speciell  über  die  Prädispo- 
sition zu  diesen  Neuralgien  wissen  wir  nichts  Genaueres  und  nichts, 
was  sich  nicht  schon  aus  der  allgemeinen  Darstellung  ergäbe. 

Von  directen  Veranlassungen  ist  Erkältung  eine  der  häufigsten; 
dann  Ueberanstrengung,  welche  besonders  bei  der  arbeitenden  Classe 
manchmal  das  Entstehen  von  Schenkelneuralgie  im  Gefolge  hat.  — 
Traumatische  Einwirkungen  (Schussverletzungen  etc.),  Fremdkörper 
(Schrotkom  u.  dgl),  Neurome  und  andere  Geschwülste  hat  man  als 
Ursachen  gefunden.  —  Compression  durch  Hernien  (Schenkelhernie 
und  Hernia  obturatoria),  durch  Stuhl  Verstopfung  und  Kothstauung 
sind  praktisch  sehr  wichtige  und  bemerkenswerthe  Ursachen.  — 
Garcinome  des  Beckens  und  der  Wirbelsäule,  Wirbelerkrankungen, 
Psoasabscesse ,  Uterin-  und  Vaginalerkrankungen  haben  sich  als 
Ursachen  nachweisen  lassen.  Der  heftige  Knieschmerz  bei  Coxitis 
moss  wohl  auch  als  neuralgischer  gedeutet  werden,  wenn  wir  auch 
über  sein  Zustandekommen  noch  nicht  recht  im  Klaren  sind;  viel- 
leicht ist  derselbe  Irradiationserscheinung  (ßeflexneuralgie)  oder  durch 
mechanischen  Druck  von  Seiten  des  geschwollenen  Hüftgelenkes  oder 


152  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

des  in  Reflexcontractur  befindlichen  H.  psoas  bedingt.  Auch  Orchitis 
und  Epididymitis  blennorrhag.  sollen  nach  Mauriac  eine  nicht  seltene 
Veranlassung  von  Lnmbo  -  abdominalneuralgie  sein.  Endlich  sind 
spinaJe  Erkrankungen  (Meningitis  und  Myelitis  spin.  und  besonders 
die  Tabes)  sehr  häufig  von  excentrischen  Neuralgien  auch  in  diesen 
Nervengebieten  begleitet. 

Symptome. 

Mit  Rücksicht  auf  die  Seltenheit  und  geringere  praktische  Wichtig- 
keit dieser  Neuralgien  müssen  wir  uns  auf  die  Angabe  der  wichtigsten 
Punkte  beschränken. 

a.  Lumbo-abdominalneuralgie.  Charakteristisch  flir  die 
zu  dieser  Gruppe  gehörigen  Formen  der  Neuralgie  ist  besonders  die 
Combination  von  Schmerz  in  der  Lendengegend ,  der  sich  über  die 
Crista  ilei  bis  gegen  das  Gesäss  hinab  erstrecken  kann,  mit  Schmerz 
am  Hypogastrium,  Mons  veneris,  im  Scrotum  oder  den  Labia  majora. 
Seltener  ist  die  Inguinalgegend  gleichzeitig  befallen;  doch  kommt 
auch  das  vor  und  man  wird  sich  aus  den  obigen  Angaben  über  die 
Verbreitung  der  einzelnen  Nerven  leicht  den  Sitz  und  die  AusbreituDg 
des  Schmerzes  in  den  einzelnen  Fällen  ableiten  können. 

Die  Art  des  Schmerzes  ist  die  bei  Neuralgien  gewöhnliche: 
dumpfe,  drückende,  continuirliche  Schmerzen,  häufig  und  paroxys- 
menweise  unterbrochen  von  reissenden,  bohrenden,  lancinirendeo 
Sensationen,  die  oft  blitzähnlich  von  der  Lende  nach  vom  zu  den 
besonders  afficirten  Theilen  hindurchschiessen.  Die  Heftigkeit  des 
Schmerzes  ist  nur  in  einzelnen  Fällen  eine  sehr  grosse;  meist  ist 
sie  erträglich. 

Schmerzpunkte  werden  bei  dieser  Gruppe  sehr  gewöhnlich 
gefanden:  einer  oder  mehrere  in  der  Lendengegend  neben  der  Wirbel- 
säule (Lnmbarpunkt),  einer  etwa  in  der  Mitte  der  Crista  ilei  (Iliaeal- 
punkt),  einer  oder  mehrere  oberhalb  der  Symphyse  zur  Seite  der 
Linea  alba  (Abdominalpnnkt),  nicht  selten  einer  am  Scrotum  oder 
am  Labinm  majus;  endlich  weniger  constant  solche  in  der  Leisten- 
gegend, auch  an  der  Portio  vaginalis  uteri  der  entsprechenden  Seite 
des  Scheidengewölbes. 

Irradiirte  Schmerzen  nach  den  benachbarten  Nervengebieten,  be- 
sonders den  Crural-  und  Intercostalnerven  werden  häufig  beobachtet ; 
wahrscheinlich  werden  auch  die  sympathischen  Geflechte  der  Becken- 
organe  nicht  selten  in  Mitleidenschaft  gezogen. 

Von  motorischen  Störungen  finde  ich  nur  eine  durch  die  Schmera- 
haftigkeit  bewirkte  Erschwerung  des  Gehens  und  in  einzelnen  Fällen 


Neuralgien.  Nenr.  d.  Lnmbalnerven   Lumbo-abdomiDal- u.  Schenkelneuralg.    153 

Krampf  des  Cremaster  erwähnt.  lieber  sonstige  Begleiterscheinungen 
ist  in  der  Literatur  wenig  zu  finden:  Erbrechen  tritt  während  der 
Paroxysmen  nicht  selten  ein ;  Zoster  habe  ich  in  einem  meiner  Fälle 
gesehen;  Notta  erwähnt  von  Seiten  der  Harn-  und  Gkschlechts- 
oTgBne:  gesteigerten  Geschlechtstrieb  mit  Priapismus  und  Ejacnla- 
tioDen ;  yermehrten  und  schmerzhaften  Harndrang ;  fluor  albus,  lieber 
den  genaueren  Zusammenhang  dieser  Erscheinungen  mit  der  Neuralgie 
fehlen  noch  die  nöthigen  Untersuchungen. 

Es  kann  hier  nicht  unerwähnt  bleiben^  dass  Va  1 1  e  i  x  ^  d'A  x  t  h  r  e  y 
u.  A.  die  von  A.  Cooper  beschriebene  Neuralg.  spermatica 
(britable  testis)  als  eine  Unterart  der  Lumbo-abdominalneuralgie  (Ileo* 
scrotalneuralgie)  betrachten,  während  Romberg,  A.  Eulenburg 
u.  A.  dieselbe  in  den  Plex.  spermatic.  sympathici  verlegen.  Die 
mannichfachen  Anastomosen  der  spinalen  und  sympathischen  Bahnen 
in  diesen  Regionen  machen  eine  anatomische  Entscheidung  dieser 
Streitfrage  unmöglich  und  erklären  auch  die  Möglichkeit  mannichfacher 
Combinationen  und  Modificationen  der  klinischen  Erankheitsbilder. 
Wir  werden  unten  im  Zusammenhang  noch  einmal  die  Neuralgien  im 
Bereich  der  äusseren  Genitalien  kurz  berühren. 

b.  Schenkelneuralgie.  Hier  unterscheiden  wir :  1 )  N  e  u  r  a  1  g. 
n.  cutanei  fem.  later.  Verbreitung  des  Schmerzes  auf  der  äusseren 
und  dem  angrenzenden  Theil  der  hinteren  Schenkelfläche  bis  gegen 
das  Em*e  herab.  Da  die  Zweige  dieses  Nerven  vorwiegend  nach 
hinten  hin  abgehen,  hat  man  sich  vor  Verwechselung  mit  der  Neur- 
algie des  N.  cutan.  femor.  poster.  zu  hüten,  welcher  dem  Gebiet 
des  Ischiadicus  angehört.  —  Schmerzpunkte:  constant  einer  an  der 
^ina  ilei  anter.  sup.,  wo  der  Nerv  aus  dem  Becken  heraustritt; 
raeonstant  einzelne  an  der  äusseren  Schenkelfläche.  —  Art  des 
Schmerzes  und  Begleiterscheinungen  ähnlich  wie  bei  der  folgenden 
Form. 

2)  Neuralgia  n.  cruralis.  Verbreitnngsbezirk  dieser  Neur- 
algie ist  die  mittlere  und  innere  Partie  der  vorderen  Schenkelfläche, 
die  vordere  Kniegelenksgegend,  die  innere  Fläche  des  Unterschenkels 
und  der  innere  Fussrand  bis  zur  grossen  Zehe.  Besonders  die  Aus- 
brdtnng  auf  den  Unterschenkel  und  den  inneren  Fussrand  ist  in 
hohem  Haasse  charakteristisch  und  auf  Betheiligung  des  N.  saphenus 
zurückzuführen.  —  Der  Schmerz  ist  reissend,  bohrend,  lancinirend, 
von  einem  Punkt  auf  den  anderen  überspringend  und  macht  seine 
Exacerbationen  und  Paroxysmen  vorwiegend  des  Nachts;  in  den 
Intervallen  besteht  meist  nur  dumpfes  Schmerzgeftlhl.  Bewegungen 
des  Beines,  besonders  Gehen  und  Laufen  steigern  den  Schmerz  er- 
heblich; in  manchen  Fällen  auch  passive  Bewegung.    Schmerz- 


154  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

punkte:  sehr  häufig  ein  Punkt  in  der  Leistengegend,  da  wo  der 
Nerv  aus  dem  Beeken  hervortritt;  ein  Punkt  an  der  inneren  Seite 
der  Kniescheibe,  wo  der  N.  saphen.  unter  die  Haut  tritt;  einer  nach 
vorn  vom  inneren  Knöchel  und  einer  an  der  Basis  der  grossen  Zehe. 
Inconstante  Punkte  am  Oberschenkel,  wo  die  kleineren  Hantäste  ab- 
gehen ;  sie  sind  meist  schwer  zu  finden  und  sehr  flüchtiger  Natur.  — 
Irradiation  des  Schmerzes  kommt  vor  nach  den  übrigen  Zweigen 
des  Lendengeflechtes,  den  hinteren  Aesten  der  Lumbalnerven  u.  s.  w. 
—  Hyperästhesie  der  Haut,  besonders  in  der  Kniegelenksgegend,  ist 
sehr  häufig. 

Auf  der  anderen  Seite  kommen  auch  partielle  Anästhesien  höheren 
oder  geringeren  Grades  vor.  Sehr  gewöhnlich  ist  Formication  im  Ge- 
biet des  Saphenus;  seltener  Gefühl  von  Taubsein.  —  Sehr  erheblich 
sind  meist  die  Störungen  der  Bewegung:  Erschwerung  und  grosse 
Schmerzhaftigkeit  des  Gehens,  Schwäche  und  paretische  Zustände 
der  Oberschenkelmusculatur  u.  s.  w.  —  Bousseau  sah  Röthe,  An- 
schwellung und  gesteigerte  Schweisssecretion  am  inneren  Fnssrand 
bei  Neuralgie  des  Saphenus;  ich  fand  in  einem  Falle  hochgradige 
Atrophie  der  vorderen  Oberschenkelmuskeln.  —  Ob  die  von  Brodie 
zuerst  beschriebenen  sog.  hysterischen  Neurosen  des  Kniegelenkes 
mit  ihren  Erscheinungen  von  Hautröthe,  Schwellung  und  gesteigerter 
Temperatur  in  das  Gebiet  der  Cruralneuralgie  fallen,  dürite  wohl 
z.  Z.  noch  eine  oflFene  Frage  sein  (s.  u.  „Gelenkneuralgie"). 

3)  Neuralgia  obturatoria.  Bei  ihr  sitzt  der  Schmerz  ganz 
am  inneren  Rand  des  Oberschenkels  und  zieht  sich  bis  gegen  das 
Kniegelenk  hinab.  Ist  eine  ungemein  seltene  Affection  und  hat 
eigentlich  nur  dadurch  eine  gewisse  praktische  Bedeutung,  dass  sie 
gelegentlich  fllr  die  Diagnose  der  schwer  zu  erkennenden  Hemia 
obturatoria  und  ihrer  Incarceration  verwerthet  werden  kann.  Bom- 
berg hat  zuerst  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass  Erscheinungen 
von  Incarceration  in  Verbindung  mit  neuralgischen  Beschwerden  im 
N.  obturatorius  die  Diagnose  in  solchen  schwierigen  Fällen  sicher 
stellen  können.  Gewöhnlich  ist  dabei  Formication  an  der  mneren 
Schenkelfläche,  ein  Cteftlhl  von  Erstarrung  und  Schwerbeweglichkeit 
der  Adductoren  des  Schenkels  vorhanden.  —  Im  üebrigen  zeigt  diese 
Form  der  Neuralgie  keine  Besonderheiten. 

Verlauf  und  Dauer  aller  dieser  Neuralgien  können  natürlich 
ungemein  wechselnd  sein  und  werden  vorwiegend  durch  die  zu  Grunde 
liegenden  Ursachen  bestimmt.  Im  Allgemeinen  lehrt  die  Erfahrung, 
dass  der  Verlauf  ein  leichter  und  milder,  die  Dauer  der  Krankheit 
meist  eine  verhältnissmässig  kurze  ist;   doch  gilt  dies  nur  fllr  die 


Neoralgien.    Lumbo-abdominal-  und  Schenkelneuralgie.    Ischias.         155 

em&chen  Formen  ohne  schwere  organische  Grundkrankbeiten.  Von 
diesen  vor  allen  Dingen  hängen  auch  die  Ausgänge  der  Krankheit 
ab.  Natürlich  wird  auch  dadurch  die  Prognose  bestimmt,  welche 
ftlr  die  einfachen  Formen  jedoch  eine  ziemlich  gttnstige  ist ;  dieselben 
heilen  meist  leicht  und  rasch. 

Die  Diagnose  kann  in  manchen  Fällen  ihre  sehr  erheblichen 
Schwierigkeiten  haben;  für  die  erste  Gruppe  kann  besonders  Lum- 
bago zu  Verwechselungen  Anlass  geben:  wenn  man  berücksichtigt, 
dass  bei  der  letzteren  Krankheit  der  Schmerz  gewöhnlich  auf  einen 
scharf  umschriebenen  Punkt  localisirt  ist,  dass  er  nicht  nach  vorn 
ausstrahlt,  dass  Beugung  oder  Streckung  des  Rumpfes  oder  das  Heben 
einer  Last  besonders  schmerzh^^ft  sind,  dass  die  Schmerzen  bei  ab- 
soluter Ruhe  verschwinden  —  wird  man  vor  Irrthümem  ziemlich  ge- 
schützt sein.  —  Die  Schmerzen  bei  der  Nierensteinkolik  sind  häufig 
nicht  von  den  neuralgischen  zu  unterscheiden  und  entstehen  wohl 
auch  durch  Irradiation  auf  die  spinalen  Nerven.  —  Für  die  zweite 
Gruppe  kann  die  Unterscheidung  von  Hüftgelenks-  und  Kniegelenks- 
leiden manchmal  schwierig  sein;  eine  genaue  Untersuchung  kann 
hier  meist  Au&chlnss  geben  und  verdient  besonders  das  Symptom 
Berücksichtigung,  dass  die  Haut  bei  Neuralgien  empfindlicher  als 
das  Gelenk  selbst  bei  Druck  und  Bewegung  ist. 

üeber  die  Therapie  ist  nicht  viel  Besonderes  zu  sagen.  Nach 
EriÜllung  der  Gausalindication  wird  man  zu  den  gewöhnlichen 
Mitteln  schreiten;  fliegende  Vesicantien  sind  für  die  leichteren  Fälle 
empfehlenswerth ;  Morphiuminjectionen  und  Elektricität  fttr  die  hart- 
näckigeren; ich  habe  in  3  Fällen  von  Cruralneuralgie  vom  galva- 
nischen Strom  raschen  und  glänzenden  Erfolg  gesehen  (absteigender 
stabiler  Strom  von  der  Lendenwirbelsäule  zu  dem  Nerven  und  in 
diesem  selbst).  Bousseau  sah  Erfolg  von  Atropininjectionen,  nach- 
dem Morphium  versagt  hatte.  —  Selten  wird  man  zu  energischeren 
Mitteln  greifen  müssen  und  es  kann  für  die  Details  der  Behandlung 
in  hartnäckigen  und  schweren  Fällen  auf  die  Therapie  der  Ischias 
verwiesen  werden. 


f.  Neuralgie   im   Gebiete  der  Sacralnerven   (Plexus  sa- 

cralis).  —  Neuralgia  ischiadica.    Ischias.    Malum  Gotun- 

nii.    Hüftweh.    (Neuralg.  pudendo-haemorrhoidalis.) 

Dom  Cotugno,  Comment.  de  ischiade  nervosa.  Neapol.  1764.  —  Petrini, 
Nuoyo  methodo  di  curare  la  sciat.  nervös.  Roma  1781.  —  L entin,  Hufeland's 
Joom.  L  1795.  —  Martinet,  Temploi  de  Phuile  de  t^r^binth.  dans  la  sciatique. 


156  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

t824.  —  Fiorayante,  Annal.  univers.  1843.  —  Baruch,  Natur  und  Beband- 
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1859.  No.  77.  —  M.  Rosenthal,  Wien.  allg.  med.  Zeitung.  1864.  No.  11—14 
—  Füller,  Clinic.  lectnres  on  Sciatica.  Lancet  1864.  —  Betz,  Zur  Patbol.  und 
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th^rap.  de  la  Sciatique.  Th^se.  Paris  1869.  —  Patruban,  Blosslegung  und  Deh- 
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femer  Romberg,  Hasse,  Eulenburg,  und  die  Lehrbücher  d  EUektrotherapie. 
D'Axthrey,  Consid^r.  sur  quelques  formes  de  la  n^yralgies  lombo-abdom. 
Th^se.  1867.  —  Liege y,  Intercostal-  und  Hodenneuralgie.  Presse  m^.  1855. 
No.  37.  —  Dardel,  Deux  observat.  de  n^vrose  ano-v^sicale  opini&tre,  sanscansö 
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perineal  Neuralgie.  Philad.  med.  Tim.  1873. 

Begriffsbestimmung.  Die  in  den  sensiblen  Verzweigungen 
des  Plexus  sacralis  (5.  Lumbar-  und  1.— 5.  Sacralnerv)  bausenden 
Neuralgien  können  ungezwungen  ihrem  Sitze  und  ihrer  Verbreitung 
naeh  in  2  Gruppen  gebracht  werden:  die  erste  Gruppe  enthält  die 
Neuralgien,  welche  in  der  Aftergegend;  am  Damm  und  den  äusseren 
Genitalien  vorkommen  und  vorwiegend  in  den  Verästelungen  des 
N.  pudendohaemorrhoidalis  zu  suchen  sind;  wir  werden  sie  unten 
in  gedrängter  Darstellung  zusammen  mit  den  übrigen  Neuralgien  der 
äussern  Genitalien  abhandeln.  Die  andre  Gruppe  enthält  die  dem 
N.  cutan.  fem.  post.  und  dem  N.  ischiadicus  angehörigen  Neuralgien, 
welche  an  der  hintern  Fläche  des  Oberschenkels;  an  dem  ganzen 
Unterschenkel  und  Fuss  (mit  Ausnahme  der  vom  N.  saphenus  ver- 
sorgten Partien)  localisirt  sein  können.  Sie  sind  weitaus  die  wich- 
tigsten und  häufigsten  unter  den  Neuralgien  des  Plexus  sacralis  und 
werden  gewöhnlich  unter  dem  gemeinsamen  Namen  der  Ischias 
zusammengefasst.  Die  Ischias  ist  mit  der  Trigeminusneuralgie  die 
häufigste  und  praktisch  wichtigste  Neuralgie;  sie  kann  mit  grosser 
Heftigkeit  und  Hartnäckigkeit  auftreten  und  der  Behandlung  grosse 
Schwierigkeiten  bereiten.  Sie  verdient  deshalb  eine  etwas  eingehen- 
dere Würdigung. 

Neuralgia  ischiadica.    Ischias.    Malum  Gotunnii. 

Hüftweh. 

Sitz  dieser  Neuralgie  kann  sein:  der  grösste  Theil  der  hintern 
Oberschenkelfläche  und  ein  Theil  des  Gesässes  (N.  cutan.  fem.  poster.), 
die  Kniekehle  und  das  Kniegelenk  (Nu.  articul.  gen.  super,  und  infer.), 
die  hintere,  vordere  und  laterale  Fläche  des  Unterschenkels  und  der 
ganze  Fuss  mit  Ausnahme  des  inneren  Fussrandes  (N.  cutan.  cror. 


Neuralgien.    Ischias.    Aetiologie.         %  157 

poster.  med.,  die  Nn.  communic.  peron.  et  tibial.,  die  Nn.  peron. 
saperfic.  et  profund.,  der  N.  tibialis  mit  seinen  plantaren  Endästen). 
Nicht  immer  sind  alle  diese  Nerven  gleichzeitig  befallen^  meist  jedoch 
mehrere  nnd  nur  selten  einer  allein;  am  häufigsten  ist  die  hintere 
Oberschenkelfläche  bis  zur  Mitte  der  Wade  der  Sitz  des  Schmerzes ; 
demnächst  die  äussere  Fläche  des  Unterschenkels  und  Fusses,  selten 
die  Sohle  allein.  Fast  immer  ist,  wie  bei  allen  Neuralgien,  nur  eine 
Seite  be&llen  und  zwar  die  rechte  so  häufig  wie  die  linke;  in  ein- 
leben Fällen  sind  aber  auch  beide  Seiten  ergriffen,  dann  aber  meist 
eine  Seite  stärker  wie  die  andere. 

Aetiologrie. 

Nicht  in  dem  Maasse,  wie  bei  vielen  andern  Neuralgien,  beson- 
ders des  Trigeminus,  spielt  hier  die  Prädisposition  eine  Rolle; 
die  meisten  Fälle  von  Ischias  werden  durch  accidentelle ,  mehr 
äusserliche  und  locale  Schädlichkeiten  hervorgerufen.  Doch  hebt 
Anstie  auch  f&r  diese  Neuralgie  den  schlimmen  Einfluss  frühzei- 
tiger Senescenz  und  beginnender  Körperschwäche  hervor  und  betont, 
dass  selbst  bei  anscheinend  robusten  Individuen  sich  häufig  schon 
die  leisen  Zeichen  davon  nachweisen  lassen,  wenn  sie  von  Ischias 
befiilien  werden.  Immerhin  bilden  aber  diese  Fälle  die  Minderzahl 
und  schon  die  Natur  der  meisten  notorischen  Gelegenheitsnrsachen 
der  Ischias  erklärt  es,  warum  dieselbe  besonders  häufig  gerade  bei 
robusten,  kräftigen,  schwer  arbeitenden,  sich  allen  äussern  Schädlich- 
keiten ohne  Scheu  aussetzenden  Personen  so  häufig  ist.  Es  lässt 
sich  darauf  vielleicht  auch  —  zum  Theil  wenigstens  —  die  entschie- 
den grössere  Disposition  des  männlichen  Geschlechts  gegenüber  dem 
weiblichen  zurückführen.  (Valleix:  72  Männer,  52  Weiber;  Eulen - 
bürg:  25  M.,  7  Weiber;  Erb:  40  M.,  10  Weiber.)  Ebenso  das 
häufigere  Befallen  werden  im  mittleren  Lebensalter,  wo  der  Kampf 
oms  Dasein  zu  den  grössten  Anstrengungen  veranlasst  nnd  den  man- 
nichfachsten  äusseren  Schädlichkeiten  gegenüber  geführt  v^ird.  —  Auch 
der  begtinstigende  Einfluss  der  kalten  Jahreszeit,  sowie  verschiedener 
Klimate  lässt  sich  ohne  Zweifel  grösstentheils  auf  die  Häufung 
atmosphärischer  Schädlichkeiten  zurückführen,  ebenso  wie  die  grosse 
Häufigkeit  der  ischiadischen  Erkrankungen  überhaupt  wohl  darauf 
zurückzuführen  ist,  dass  der  Ischiadicus  theils  durch  seme  grosse 
Länge  und  oberflächliche  Lage,  theils  durch  seine  Beziehungen  zum 
Becken  und  den  Beckenorganen  äusseren  Schädlichkeiten  in  ganz 
besonderem  Maasse  ausgesetzt  ist  —  Dass  endlich  nervöse  Diathese, 


158  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinaleii  Nerven. 

Hysterie,  MenstmationsBtömngen  ebenfalls  prädisponirende  Momente 
sind,  kann  nicht  befremden. 

Weit  wichtiger  sind  aber  jedenfalls  die  Gelegenheitsar- 
Sachen.  Unter  ihnen  steht  obenan  die  Erkältung.  Znglnft  bei 
erhitztem  Körper,  Durchnässung,  Schlafen  auf  feuchter  Erde  oder  in 
der  Nähe  einer  feuchten  Wand  u.  dgl.  sind  so  häufig  mit  aller  Be- 
stimmtheit als  Ursachen  der  Ischias  nachzuweisen,  dass  an  ihrer 
Wirksamkeit  gar  kein  Zweifel  sein  kann.  —  Ferner  sind  trauma- 
tische Einwirkungen  auf  den  Nerven  selbst  zu  erwähnen:  im 
letzten  Krieg  habe  ich  auf  Schussverletzungen  des  Ischiadicus  die 
scheusslichsten  Formen  der  Neuralgie  folgen  sehen :  Aderlasswunden, 
Knochenbrüche,  Fall  aufs  Gesäss,  schwere  und  lange  Entbindungen, 
besonders  mit  Hülfe  der  Zange,  wobei  der  Plexus  sacralis  gequetscht 
wird  —  sind  nicht  seltene  Veranlassungen.  —  Starke  Anstren- 
gungen der  Beine,  viel  Bewegung  werden  von  Anstie  als  hänfige 
Ursache,  besonders  bei  pi^disponirten  Individuen  beschuldigt.  Nähen 
an  der  Nähmaschine  hat  Seeligmüller  in  einem  Fall  als  Ursache 
gefunden.  —  Eine  sehr  wichtige  Rolle  spielen  Störungen  der 
venösen  Circulation,  die  wahrscheinlich  in  mechanischer  Weise 
den  Plexus  sacralis  irritiren :  besonders  sind  es  venöse  Stauungen  in 
den  Venenplexus  des  Beckens,  bedingt  durch  Hämorrhoiden,  anhal- 
tend sitzende  Lebensweise,  habituelle  Obstipation,  Pfortaderstockun- 
gen u.  dgl.,  welche  nicht  selten  Ischias  im  Gefolge  haben.  Mecha- 
nischerDruck  kann  in  der  mannichfachsten  Weise  Ischia»  erzeugen : 
vieles  Sitzen  auf  harten,  unbequemen  Stühlen,  Stuhlverstopfung  nnd 
Anhäufung  von  Kothmassen  im  S  romanum ;  Schwellungen  und  Lage- 
veränderungen des  Uterus;  Uterus  gravidus;  Tumoren  des  Beckens 
und  der  Beckenorgane,  besonders  Carcinome,  Medullarsarkome  und 
Eierstockstumoren ;  Aneurysmen ;  Hemia  ischiadica  u.  s.  w.  —  Manche 
Fälle  endlich  scheinen  syphilitischen  Ursprungs  zu  sein. 

Anatomische  Veränderungen. 

Am  Nerven  selbst  ist  zwar  mancherlei  bekannt,  aber  nichts,  was 
regelmässig  die  Neuralgie  begleitete >  so  dass  man  auch  hier  die 
anatomischen  Veränderungen  bis  auf  weiteres  als  accidentelle  Krank- 
heitsursachen betrachten  muss.  Man  hat  gefhnden :  Neuritis  (ich  habe 
jüngst  eine  von  hartnäckiger  Sehnenscheidenentzündung  am  Unter- 
schenkel her  fortgeleitete  Neuritis  als  Ursache  einer  ganz  colossalen 
Ischias  beobachtet)  Hyperämie,  Oedem  und  Exsudation  im  Neurilemm ; 
Tuberkelablagerung  und  Verknöcherung  in  demselben;  Ektasie  der 
Venen;  Geschwülste,  cicatricielle  Neurome  etc. 


Neuralgien.    Ischias.    Anatomische  Veränderungen.    Symptome.        159 

ErkrankungenderWirbel  (Spondylitis,  Caries,  Garcinom  etc.) 
siod  häufig  von  heftigen  ischiadischen  Besehwerden  begleitet  —  Femer 
Erkrankungen  des  Centraineryensystems,  besonders  des 
fifickenmarks,  seltner  oder  yielleicht  niemals  des  Gehirns ;  Meningitis 
spinalis,  Myelitis  und  ganz  besonders  die  Tabes  dorsalis  gehen  sehr 
gewöhnlich  mit  excentrisch  neuralgischen  Schmerzen  im  Ischiadicus 
(gewöhnlich  doppelseitig)  einher.  —  Als  Nachkrankheit  von  Typhus, 
ab  Folge  von  Syphilis  hat  man  Ichias  beobachtet.  Ob  Malariain- 
fection  dieselbe  hervorrufen  kann,  wird  von  allen  Autoren  als  zweifel- 
haft hingestellt ;  eine  typische  Ischias  gehört  zu  den  grossen  Selten- 
heiten. —  Bei  Diabetes  soll  Ischias,  wie  ich  von  befreundeter  er- 
ÜEÜimer  Seite  weiss,  nicht  selten  vorkommen  (während  umgekehrt 
Braun  in  seiner  Balneotherapie  [3.  Aufl.  S.  411]  angibt,  dass  er 
öfter  Diabetes  als  Symptom  von  Ischias  beobachtet  habe).  —  Es  gibt 
endlich  noch  eine  Reihe  von  Dingen,  die  als  Ursachen  der  Ischias 
cursiren,  ohne  jedoch  in  der  Regel  für  vollwerthig  anerkannt  zu 
werden:  z.  B.  unterdrllckte  Fussschweisse ,  geheilte  Hautausschläge, 
Bleiintoxication ,  Reflexe  von  den  Verdauungsorganen  u.  s.  w.  Ihre 
Berechtigung  muss  erst  noch  genauer  festgestellt  werden. 

Symptome. 

Die  Krankheit  beginnt  gewöhnlich  mit  Vorboten,  welche  sich 
als  dumpfes,  schmerzhaftes  Ziehen,  als  Steifheit,  als  Gefühl  von 
Formication,  von  Ueberrieseb ,  Kälte  oder  Hitze  in  der  kranken 
Extremität  darstellen.  Rascher  oder  langsamer  in  den  verschiedenen 
Fällen  steigern  sich  die  Erscheinungen;  einzelne  schmerzhafte  Blitze 
treten  auf,  die  sich  aUmälig  häufen  und  stärker  werden  und  endlich 
zmn  Ausbruch  eines  heftigen  Schmerzparoxysmus  führen.  Selten 
tritt  ein  solcher  Paroxysmus  ganz  plötzlich  und  ohne  Vorläufer  auf. 
Während  desselben  sind  es  besonders  heftige,  reissende,  laneinirende 
Schmerzen,  welche  in  steigender  Heftigkeit  und  Häufigkeit  das  Bein 
meist  in  der  Richtung  der  Nervenstämme  durchziehen :  diese  Schmer- 
zen gehen  meist  von  einem  oder  mehreren  bestimmten  Punkten  aus 
und  verbreiten  sich  gewöhnlich  in  absteigender,  viel  seltner  in  auf- 
steigender Richtung,  manchmal  nach  mehreren  Richtungen;  oft 
wfithet  der  Schmerz  an  einer  bestimmten  Stelle  mit  häufigen,  blitz- 
ähnfa'chen  Stössen,  wechselt  dann  seinen  Sitz,  tobt  an  einer  andern 
Stelle,  um  dann  wieder  an  die  erste  zurückzukehren  u.  s.  w.  Die 
gewöhnlichste  Localisation  ist  in  der  Haut,  oft  aber  auch  in  der 
Tiefe,  in  und  zwischen  den  Muskeln,  nicht  selten  auch  in  den  Knochen. 
Auffallend  genau  vermögen  die  Kranken  oft  aus  der  Localisation  des 


160  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Schmerzes  die  anatomische  Lagerang  des  schmerzenden  Nerven  an- 
zugeben; sie  bezeichnen  mit  dem  Finger  auf  der  Haut  die  Bahnen, 
welchen  der  Schmerz  vorwiegend  folgt  und  dieselben  entspredien 
den  Haaptnervenstämmen;  auch  die  Linien ,  welche  die  schmerz- 
haftesten Pankte  mit  einander  verbinden,  entsprechen  häufig  genaa 
diesen  Nerven. 

Die  Pausen  zwischen  den  lancinirenden  Schmerzen  sind  in  der 
Regel  durchaus  nicht  schmerzfrei;  ein  dumpfes  drückendes  Wehge- 
tUhl  macht  sich  in  den  befallenen  Theilen  bemerkbar,  welches  nor 
selten  ganz  verschwindet.  Es  kommen  demnach  gewöhnlich  nnr 
Remissionen  des  Schmerzes  vor.  Die  Exacerbaticmen  und  die  Rli- 
figkeit  der  Anfälle  fallen  gewöhnlich  auf  den  Abend  und  die  Nacht, 
und  die  heftigen  Schmerzen  verscheuchen  nicht  selten  den  Schlaf  fllr 
viele  Stunden;  doch  kommen  auch  Fälle  vor,  wo  der  Tag  die 
Schmerzen  bringt  und  die  Nächte  ruhig  sind.  Eine  Menge  von  Din- 
gen ist  im  Stande,  den  Schmerz  zu  steigern  und  Paroxysmen  her- 
vorzurufen; am  entschiedensten  thut  dies  gewöhnlich  Bewegung  des 
kranken  Beins ;  schon  die  einfache  Lagevei^nderung  im  Bett  kann 
dazu  genügen,  fast  sicher  thut  es  jede  stärkere  und  anhaltende  Be- 
wegung; doch  gibt  es  auch  Kranke,  welche  im  Herumgehen  Er- 
leichterung ihrer  Schmerzen  finden  und  es  nicht  im  Bett  aushalten 
können.  Einfache  Berührung  der  Haut,  kalte  Luft,  Waschen  des 
Beins,  Husten,  Niesen,  rasches  Bücken,  Drängen  beim  Stuhlgang  a.dgl. 
sind  häufige  Veranlassungen  für  die  Schmerzausbrüohe.  Alles  dieses 
zwingt  die  meisten  Kranken  zu  grosser  Vorsicht  beim  Gebranch  des 
Beins  und  bei  allen  Verrichtungen :  daher  die  oft  sehr  charakteristiscbe 
Haltung  des  Beins,  das  in  allen  Gelenken  leicht  gebengt  und  mög- 
lichst unbeweglich  gehalten  wird,  um  jede  Zerrung  und  jeden  Dmck 
des  Ischiadicus  zu  vermeiden. 

Die  Verbreitung  des  Schmerzes  ist  in  den  einzelnen  Fällen  eine 
äusserst  verschiedene;  es  kommen  eben  hier  alle  nur  denkbaren 
Combinationen  vor;  es  hängt  das  von  den  vorwiegend  befallenen 
Nervengebieten  ab.  Am  häufigsten  klagen  die  Kranken  über  Schmerz 
an  der  hintern  Schenkelfläche,  der  in  der  Gegend  des  Foram.  isch. 
beginnt  und  sich  bis  zur  Kniekehle  und  der  Wade  hinzieht;  dem- 
nächst ist  es  besonders  das  Gebiet  des  Peroneus  (vordere  und  äussere 
Unterschenkelfläche  und  Fussrttcken),  welches  der  Sitz  der  Schmerzen 
ist;  weit  seltner  ist  das  Tibialisgebiet  betroffen,  doch  hat  man  aof 
die  Sohle  allein  beschiünkte  Formen  (Neur.  plantaris)  gesehen.  Nicht 
selten  ist  das  ganze  Verbreitungsgebiet  gleichzeitig  befallen  und  der 
Schmerz  tritt  nur  bald  in  dem  einen,  bald  in  dem  anderen  Nerv^- 


Neuralgien.    Ischias.    Symptome.  161 

gebiet  mit  besonderer  Heftigkeit  auf.  Dann  sind  in  der  Regel  auch 
die  hintern  Aeste  der  Sacralnerven  betheiligt  und  die  Kranken  klagen 
Aber  heftigen  Sehmerz  im  Kreuz  und  in  der  Lende. 

Schmerzpunkte  fehlen  bei  der  Ischias  selten;  doch  gibt  es 
unzweifelhaft  Fälle ,  in  welchen  selbst  die  genaueste  Untersuchung 
keine  solchen  Punkte  nachweisen  kann.  Von  Valleix  wird  ein 
Punkt  neben  dem  Kreuzbein,  etwa  in  der  Gegend  der  Spina  iL  poster. 
super.,  für  den  constantesten  erklärt;  ich  selbst  finde  den  der  Aus- 
trittstelle des  N.  ischiad.  aus  dem  Becken  entsprechenden  Punkt  am 
häufigsten  schmerzhaft  bei  Druck;  femer  einen  solchen  am  untern 
Ibmd  des  Glutaeus,  wo  der  Cutan.  poster.  hervortritt;  in  der  Knie- 
kehle eine  schmerzhafte  Linie  längs  des  N.  tibialis,  einen  schmerzhaften 
Punkt  am  Capitulum  fibulae;  einen  Punkt  hinter  dem  äussern  und 
einen  hinter  dem  innem  Knöchel;  einzelne  Punkte  am  Fussrücken; 
nicht  selten  auch  einige  inconstante  auf  der  hintern  Schenkelfläche 
und  der  Wade,  da,  wo  die  Hautäste  sich  theilen  oder  die  Fascie 
durchbohren  u.  s.  w.  Nicht  selten  kann  man  auch  per  yaginam  oder 
selbst  per  rectum  den  Plexus  sacralis  selbst  erreichen  und  ihn  bei 
Druck  schmerzhaft  finden. 

Nächst  der  Trigeminusneuralgie  sind  besonders  bei  der  Ischias 
die  Begleiterscheinungen  am  häufigsten  und  eingehendsten 
beobachtet  worden. 

Irradiation  des  Schmerzes  kommt  besonders  häufig  vor  nach 
dem  Ischiadicus  der  andern  Seite,  der  auf  der  Höhe  der  Paroxysmen 
in  Mitleidenschaft  gezogen  wird;  seltener  sind  es  die  Lumbarnerven 
nnd  ihre  Verästelungen,  oder  noch  entferntere  Nervengebiete ,  in 
welche  der  Schmerz  irradiirt.  —  Sehr  gewöhnlich  sind  abnorme 
Sensationen  in  der  leidenden  Extremität:  Formication,  Geftlhl  von 
Taubsein,  Pelzigsein,  Kälte  u.  s.  w.;  häufig  lassen  sich  auch  die 
massigen  Grade  von  Hypei^thesie  oder  Anästhesie  in  dem  befallenen 
Haatgebiet  und  darüber  hinaus  nachweisen,  welche  Nothnagel 
jtbigst  eingehender  gewürdigt  hat  (s.  o.).  Ausgesprochene  partielle 
Anästhesie,  auf  verschiedene  Hautstellen  localisirt,  kommt  ebenfalls 
nicht  selten  vor. 

Unter  den  motorischen  Erscheinungen  ist  zunächst  der 
yeränderte  hinkende  Gang  und  die  eigenthttmliche  Haltung  des  Beins 
aufiTällig,  welche  oben  schon  erwähnt  wurden.  —  Krampfhafte  Er- 
scheinungen des  verschiedensten  Grades  sind  nicht  selten:  von  leichten 
fibrillären  Contractionen,  und  von  massiger,  schmerzhafter  Spannung 
der  Muskeln  an  werden  alle  möglichen  Abstuftmgen  des  Krampfs  bis 
zu  starkem  Tremor  und  den  fürchterlichsten  convulsivischen  Zuckun- 

Haadbueh  d.  spec.  Pathologie  a.  Therapie.  XII.  Bd.  1.  2.  Aufl.  11 


162  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

gen  beobachtet,  welche  auf  der  Höhe  der  Paroxysmen  die  Qnalen 
der  Kranken  ins  Unglaubliche  steigern  können.  Diese  Erscheinungen 
sind  Folge  directer  oder  reflectorischer  Reizung.  Von  ernsterer  Be- 
deutung sind  meist  die  paretischen  und  paralytischen  Zust&nde,  welche 
sich  nicht  selten  hinzugesellen ;  leichte  Parese,  Schwäche,  Steifigkeit 
finden  sich  fast  in  jedem  Falle ;  kommt  es  jedoch  zu  stärkerer  Parese 
oder  zu  wirklicher  Paralyse  in  einzelnen  Muskelgmppen ,  so  deutet 
das  immer  auf  eine  schwerere  Läsion  des  Nerven  hin. 

Die  vasomotorisch-trophisohen  Störungen  bei  Ischias 
haben  wir  im  allgemeinen  Theil  (s.  o.  S.  50  £)  bereits  erörtert. 
Blässe  und  Kälte  der  Haut  mit  lebhaftem  subjectiven  Kälte-  und 
Vertaubungsgefhhl  sind  nicht  selten;  Röthe  und  Hitze  der  Haut  mit 
gesteigerter  Schweissbildung  kommen  in  andern  Fällen  vor  oder 
wechseln  mit  den  erstgenannten  Erscheinungen  ab.  Von  den  tropbi- 
sehen  Störungen  ist  einfache  massige  Atrophie  der  Muskeln  die  bfto- 
figste;  sie  ist  in  neuester  2ieit  von  M.  Landouzy  zum  Gtegenstand 
einer  sehr  eingehenden  Besprechung  gemacht  worden ;  sie  soll  unab- 
hängig von  der  Dauer  und  Intensität  der  Erkrankung  überall  da  sich 
einstellen,  wo  der  Ischias  eine  materielle  Läsion  des  Nerven  —  am 
häufigsten  Neuritis  —  zu  Grunde  liegt;  sie  soll  im  Zusammenhalt 
mit  dem  Charakter  des  Schmerzes  und  den  Ergebnissen  der  objectiven 
Untersuchung  die  klinische  Unterscheidung  einer  neuritischen  und 
einer  rein  neuralgischen  Form  der  Ischias  ermöglichen ;  hochgradige 
Atrophie  kommt  nur  bei  gleichzeitiger  schwerer  Lähmung  vor;  Muskel- 
hypertrophie  erwähnt  Graves;  gesteigerten  Haarwuchs  Anstie; 
Zoster  wird  selten  beobachtet;  Flies  beobachtete  einmal  Emplaon 
zahlreicher  Furunkel;  Auftreten  von  Zucker  im  Harn  will  Braan 
(Balneotherapie)  als  Symptom  der  Ischias  in  mehreren  Fällen  beob- 
achtet haben. 

Allgemeinstörungen,  Fieber  oder  dergleichen  kommen  bd- 

nahe  niemals  bei  Ischias  vor;  doch  kann  auch  hier  die  grosse  Heftig- 
keit des  Schmerzes  durch  Störung  des  Appetits  und  der  Verdauung^ 
durch  Schlaflosigkeit  u.  s.  w.  allmälig  eine  völlige  Erschöpfimg  der 
Kräfte  herbeiführen;  natttrlich  kann  aber  auch  das  der  Ischias  tu 
Grunde  liegende  Leiden  (z.  B.  Carcinom,  Wirbelcaries,  Tabes  etc.) 
Allgemeinstörungen  der  schwersten  Art  bedingen^  die  aber  nicht  der 
Ischias  als  solcher  angehören. 

Ueber  die  elektrische  Erregbarkeit  des  N.  ischiadicos bei 
der  Ischias  hat  A.  Eulen  bürg  (1.  c.  S.  154)  merkwürdige  Angaben 
—  wenigstens  in  Bezug  auf  die  motorischen  Fasern  —  gemacht:  er 
fand  wiederholt  qualitative  Veränderungen  des  normalen  Zuckungs- 


Nennügieii.    Ischias.    Verlauf.    Dauer.    Ausgänge.  163 

gesetzes,  die  bis  zur  Umkehr  desselben  gehen  konnten,  neben  quan- 
titativer Steigerung  oder  Verminderung  der  galvanischen  Erregbarkeit. 
Mir  ist  etwas  Aehnliches  bisher  —  ausser  bei  gleichzeitiger  schwerer 
Lähmung  und  Muskelatrophie ;  wo  diese  Reaction  aber  eine  ganz 
andere  Bedeutung  hat  —  noch  nicht  vorgekommen.  —  Die  faradische 
Sensibilität  der  Haut  ist  häufig,  entsprechend  dem  Grade  der  etwa 
vorhandenen  Anästhesie ,  etwas  herabgesetzt.  Jedenfalls  wäre  eine 
genaue  Untersuchung  dieser  Verhältnisse  und  ausführliche  Mittheilung 
der  betreffenden  Beobachtungen  sehr  wünschenswerth. 

Verlauf,  Dauer,  Ausgänge. 

Nachdem  die  Krankheit,  wie  oben  gesagt,  meist  allmälig  be- 
gonnen und  sich  bis  zu  einem  gewissen  Grade  gesteigert  hat,  erhält 
sie  sich  mit  grösseren  oder  geringeren  Schwankungen  auf  einem  ge- 
wissen Intensitätsgrade  kürzere  oder  längere  Zeit.  In  der  Regel  ist 
die  Ischias  eine  Ejrankheit  von  mehreren  Wochen,  selten  nur  gelingt 
es,  sie  in  wenigen  Tagen  zur  Heilung  zu  bringen;  weit  häufiger 
rieht  sie  sich  Monate  lang  hin.  Die  Anfälle  kommen  dabei  meist 
in  ziemlich  unregelmässiger  Weise  und  ein  streng  typischer  Verlauf 
wird  beinahe  niemals  beobachtet.  Grosse  Schwankungen  in  der 
Intensität  der  Erscheinungen  bilden  die  Regel:  Gemüthsbewegnngen, 
körperliche  Anstrengungen,  Witterungswechsel,  niederer  Barometer- 
stand etc.  sind  die  Momente,  an  welche  die  Verschlimmerungen  zu- 
meist anknüpfen.  —  Die  Besserung  erfolgt  gleichfalls  ganz  alUnälig 
und  meist  mit  vielen  Schwankungen.  Auch  nach  erfolgter  Heilung 
bebalten  die  Kranken  meist  noch  lange  das  Gefühl  einer  erkrankten 
und  sehwachen  Extremität:  dieselbe  ist  steif,  schwerfällig,  ermtidet 
leicht  und  wird  bei  der  geringsten  Veranlassung  der  Sitz  erneuerter 
Schmerzen.    Recidive  sind  ungemein  häufig. 

Die  Dauer  der  Krankheit  schwankt  von  wenig  Tagen  bis  zu 
30  Jahren;  am  häufigsten  ist  bei  sog.  idiopathischen  Fällen  eine 
Dauer  von  einigen  (2 — 8)  Wochen. 

Genesung  ist  der  häufigste  Ausgang;  leider  ist  dieselbe  oft  un- 
vollständig: wenn  auch  die  Neuralgie  verschwunden  ist,  so  bleiben 
oft  Steifheit  und  Schwäche  des  Beins,  Atrophie  desselben,  Sensibili- 
tälsstörungen,  Neigung  zu  Recidiven  zurück ;  die  Spuren  des  Leidens 
sind  oft  Jahrelang  noch  wahrzunehmen.  —  Schlimmere  Ausgänge 
hängen  zumeist  von  der  Natur  des  Grundleidens  ab  und  sind  nicht 

der  Neuralgie  zuzuschreiben.    Die 

11* 


164  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Diagnose 

der  Ischias  begegnet  nicht  selten  grossen ,  manchmal  selbst  onttber- 
windlichen  Schwierigkeiten ;  besonders  bei  sehr  fettleibigen  Personen, 
bei  Frauen,  bei  ungebildeten  Leuten,  die  über  ihre  Sensationen  nicht 
gut  Rechenschaft  ablegen  können,  bei  welchen  denmach  die  Unter- 
suchungsergebnisse unsicher  und  zweideutig  sind,  wird  man  nicht 
selten  nur  eine  zweifelhafte  Diagnose  stellen  kOnnen.  Am  häufigsten 
wird  eine  Verwechselung  mit  Muskelrheumatismus  im  Ober- 
oder Unterschenkel  nahe  liegen.  Wenn  auch  das  charakteristische 
Unterscheidungsmerkmal  von  Valleix,  dass  die  Kranken  beim  Bhea- 
matismus  den  Sitz  des  Schmerzes  mit  der  ganzen  Hand  bezeichnen, 
während  sie  bei  der  Neuralgie  das  mit  der  Fingerspitze  thun,  gewiss 
nicht  für  alle  Fälle  zutrifft,  so  wird  man  doch  aus  den  schon  mehr- 
fach angezahlten  Merkmalen  des  Muskelrheumatismus  (Localisation, 
Schmerz  bei  bestimmten  Bewegungen,  leichte  Heilbarkeit  u.  s.  w.) 
meist  leicht  die  richtige  Unterscheidung  treffen. 

Am  schwierigsten  und  wichtigsten  ist  jedenMls  die  Unterscheidung 
von  Hüft  gelenkleiden;  besonders  die  schleichend  und  chromsch 
sich  entwickelnden  Formen  der  Coxitis  und  Coxarthrocace,  die  euie 
Zeit  lang  ohne  Fieber  und  ohne  erhebliche  Difformität  des  Beckens, 
ohne  grosse  locale  Empfindlichkeit  verlaufen,  kOnnen  Irrthttmer  her- 
beiführen und  lange  Zeit  ftlr  Ischias  angesprochen  werden.  Nur  eine 
sehr  genaue  locale  Untersuchung  kann  hier  Aufklärung  verschaffen: 
man  muss  die  Haltung  des  Beins,  die  Lage  der  bei  Druck  schmerz- 
haften Stellen,  den  Schmerz  beim  Einstossen  des  Gelenkkopüs  in  die 
Pfanne,  die  Verlängerung  oder  VerkOrzung  des  Beins,  die  Configu- 
ration  der  Hinterbacke,  das  andauernde  oder  paroxysmenweise  Auf- 
treten des  Schmerzes,  die  Verbreitung  desselben,  die  etwaigen  All- 
gemeinerscheinungen berücksichtigen,  um  zur  Entscheidung  zu  ge- 
langen. —  Noch  viel  schwieriger  wird  die  Unterscheidung  von  der  ner- 
vösen Coxalgie  sein  (hysterische  Gelenkneurose),  welche  von  Brodie, 
Esmarch,  Wernher,  Stromeyer  u.  A.  beschrieben  worden  ist 
Die  strenge  Localisation  des  Schmerzes  auf  das  Hüftgelenk,  während 
im  Uebrigen  das  Fehlen  entzündlicher  Störungen  constatirt  werden 
kann,  mtlssen  die  Hauptanhaltspunkte  ftir  die  Diagnose  geben. 

Mit  Psoitis  kann  wohl  die  Ischias  nur  bei  grosser  Unaufmerk- 
samkeit verwechselt  werden. 

Von  grosser  Wichtigkeit  ist  immer  die  Diagnose  des  Sitzes 
der  Neuralgie  in  Bezug  auf  die  Höhe  der  Faserung  (peripher,  Plexus, 
Wurzeln,  central).  Eine  genaue  Berücksichtigung  aller  einzelnen 
Umstände  wird  die  Diagnose  in  manchen  Fällen  ermöglichen:  tta 


Neuralgien.    Ischias.    Diagnose.    Prognose.    Therapie.  165 

den  peripheren  Sitz  spricht  die  Localisation  auf  einzelne  Aeste^  das 
gleichzeitige  Vorhandensein  erheblicher  motorischer  nnd  vasomoto- 
rischer Störungen;  fttr  den  Plexus  können  nur  die  Ausbreitung  des 
Schmerzes,  nnd  die  etwaigen  Ergebnisse  der  Untersuchung  per  vaginam 
oder  rectum  entscheidend  sein;  fttr  Wurzel-  oder  centrale  Erkran- 
kung spricht  die  Ausbreitung  der  Schmerzen  auf  die  hintern  Aeste 
der  Sacralnerven,  der  ausgesprochen  lancinirende  Charakter  derselben, 
ihre  vorwiegende  Localisation  in  den  Knochen  und  der  Nachweis 
smderweitiger  centraler  Symptome.  Für  alle  diese  Unterscheidungen 
wird  der  Nachweis  einer  bestimmten,  local  einwirkenden  Ursache 
sehr  werthvoU  sein.  —  Die  Diagnose  der  der  Ischias  zu  Grunde 
liegenden  Ursach  e  geschieht  nach  allgemeinen  Grundsätzen  und  ist 
natürlich  von  grösster  Wichtigkeit  für  die  Therapie. 

Prognose. 

Sie  ist  bei  der  Ischias  weniger  günstig  als  bei  der  Cruralneur- 
algie,  aber  immerhin  noch  besser,  als  bei  den  meisten  anderen  Neur- 
algien von  ähnlicher  Intensität  der  Erscheinungen.  Beeinflusst  wird 
sie  natürlich  zunächst  von  der  Krankheitsursache:  liegen  schwere, 
unheilbare  Leiden  der  Neuralgie  zu  Grunde,  so  ist  die  Prognose 
natürlich  sehr  schlecht.  Frische,  rheumatische  und  idiopathische 
Fälle  erlauben  fast  immer  eine  sehr  günstige  Prognose:  auf  ihre 
Heilung  in  wenig  Wochen  kann  mit  Sicherheit  gerechnet  werden.  — 
Langsam  entstandene  Fälle,  zu  welchen  sich  Anästhesien,  Lähmung 
und  Atrophie  hinzugesellen,  sind  meist  sehr  hartnäckig.  Mit  zu- 
nehmender Dauer  des  Leidens  wird  die  Prognose  schlimmer,  ebenso 
mit  zunehmendem  Alter  der  Kranken.  Immerhin  berücksichtige  man 
auch  die  Neigung  zu  Recidiven. 

Therapie« 

Hier  wie  überall  ist  zunächst  der  Gausalindication  zu  ge- 
nügen; das  kann  in  manchen  Fällen  durch  operative  Eingriffe  ge- 
schehen (Entfernung  von  Geschwülsten,  Einrichtung  von  Fracturen, 
Aussehneidung  von  Narben  und  Fremdkörpern) ;  wo  venöse  Stauungen, 
Unterleibsstockungen  u.  dgl.  anzunehmen  sind,  wird  man  von  Abführ- 
mitteln, von  salinischen  Bmnnencuren  (Kissingen,  Homburg,  Marien- 
bad, Tarasp  etc.),  auch  von  Blutentziehungen  am  After  oder  Perineum 
oft  auffallenden  Erfolg  sehen;  bei  traumatischen  Einwirkungen  auf 
dass  Gesäss  wird  man  antiphlogistische  Mittel :  ELälte,  Blutentziehungen, 
Ruhe,  comprimirende  Verbände  u.  dgl.  anwenden ;  P 1  o  u  v  i  e  z  empfiehlt 
bei  traumatischer  Neuritis  einen  Druckverband  über  die  ganze  Extre- 


166  £&B,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

mität,  ebenso  bei  Ischias  durch  cicatricielle  Neurome;  bei  centralen 
Leiden  mnss  die  entsprechende  centrale  Behandlung  eingeleitet  werden 
u.  s.  w.  Weitaus  am  häufigsten  wird  man  es  mit  Msch  entstandenen, 
rheumatischen  Formen  bei  robusten  Individuen  zu  thun  haben:  hier 
ist  eine  energische  Diaphorese  und  Ableitung  auf  die  Haut  am  meisten 
angezeigt,  und  durch  ein  ttlchtiges  Schwitzbad  (Dampf-  oder  tfirici- 
sches  Bad)  in  Verbindung  mit  blutigen  Schröpf  köpfen  oder  starken 
Hautreizen  —  am  besten  Vesicantien  —  bei  absoluter  Ruhe  gelingt 
es  nicht  selten,  frisch  entstandene  Fälle  in  wenig  Tagen  zur  Heilung 
zu  bringen.  In  veralteten  rheumatischen  Fällen  dttrften  besondere 
Jodkalium  und  die  indifferenten  Thermen  Anwendung  verdienen; 
bei  vorausgegangener  Syphilis  grosse  Dosen  Jodkalium. 

Die  Zahl  der  direct  gegen  die  Ischias  gerichteten  Mittel  ist 
eine  ganz  enorme;  wir  können  hier  nur  die  wichtigsten  erwähnen. 

In  leichteren  Fällen  kann  man  sich  mit  der  Anwendung  der 
Hautreize  begnügen;  die  jedenfalls  eine  hervorragende  Stelle  in 
der  Therapie  der  Ischias  einnehmen.  Nichts  ist  hier  wirksamer,  als 
die  schon  von  Gotugno  eingeführten  und  von  Valleiz  besondere 
empfohlenen  fliegenden  Vesicantien :  etwa  kartenblatt-  oder  handgrosse 
Vesicantien  werden  nacheinander  (in  Pausen  von  2 — 3  Tagen)  anf 
die  besonders  schmerzhaften  Stellen  gelegt  und  nach  vollendeter 
Vesication  unter  einfachem  Verband  wieder  zur  Heilung  gebracht. 
Der  Erfolg  ist  meist  glänzend ;  manchmal  verschwindet  der  Schmerz 
nur  so  weit,  als  die  Vesicantien  gereicht  haben;  Anstie  empfiehlt 
ihre  Application  aufs  Kreuz  (blistering  of  the  posterior  branches) 
als  ganz  besonders  wirksam,  gibt  jedoch  zu,  dass  sie  manchmal  eret 
bei  AppUcation  über  dem  Nerven  selbst  wirksam  sind.  —  Weniger 
zu  empfehlen  ist  das  Offenerhalten  der  Vesicatorstellen  durch  reizende 
Salben;  nach  kurzer  Zeit  pflegen  dann  die  Schmerzen  sich  wieder 
zu  steigern.  —  Von  anderen  leichteren  Hautreizen  ist  in  der  Regel 
weniger  zu  erwarten  als  von  den  Vesicantien;  will  man  sie  den- 
noch anwenden,  so  hat  man  die  Wahl  zwischen  Sinapismen,  Linim. 
camphorat.,  Pustelsalbe,  OL  terebinth.  allein,  oder  in  Verbindung  mit 
Ol.  crotonis.,  Daphne  mezereum,  den  frischgestossenen  Blättern  von 
Ranuncul.  acris  (ein  altes,  in  neuerer  Zeit  wieder  aufgewärmtes  Volks- 
mittel)  und  ähnlichen  Dingen.  Betz  empfiehlt  als  sehr  wirksam  das 
Auflegen  eines  Pflasters  aus:  Empl.  oxycroc.  15.0,  Arg.  nitr.  polv. 
1,0 — 1,50 —  auf  die  besonders  schmerzhaften  Stellen;  es  bleibt  liegen, 
bis  es  von  selbst  abfällt,  ruft  starkes  Brennen  und  Ekzem  hervor 
und  soll  dabei  der  Schmerz  nach  1 — 2  Tagen  aufhören. 

Für  alle  schwereren  Fälle,  wo  man  energischer  einwirken  will, 


Keoralgien.    Ischias.    Therapie.  167 

ist  das  Glttheisen  das  souveräne  Mittel;  es  hat  oft  auffallende 
Resultate.  Am  meisten  wird  die  Application  des  Striebfeuers  em- 
pfohlen (Caut^risation  transcurrente.  Valleix,  Jobert);  weniger 
die  tiefe  Cauterisation  mit  nachfolgender  Eiterung.  (Abbrennen  von 
Moxen  und  Anlegen  von  Fontanellen  gehören  ebenfalls  hierher.)  Am 
zweckmässigsten  macht  man  wohl  das  Brennen  direc)  tiber  den  er- 
krankten Nervenpartien:  man  hat  es  aber  auch  an  ganz  entfernten 
ITerven  mit  Erfolg  versucht,  zwischen  den  Zehen  und  am  Fnssrticken ; 
am  merkwürdigsten  ist  unstreitig  der  palliative  Erfolg,  welchen  nicht 
selten  die  Cauterisation  des  äusseren  Ohres  mit  einem  dttnnen  ab- 
gestumpften Glttheisen  hat ;  die  Thatsache  besteht  jedenfalls  und  ist 
von  den  besten  Beobachtern  constatirt ;  wenn  wir  sie  nicht  verstehen 
und  nicht  erklären  können,  so  ist  das  kein  Grund,  mit  spöttischen 
Bemerkungen  darttber  wegzugehen. 

In  den  meisten  Fällen  —  und  ganz  besonders  auch  da,  wo  die 
Natur  der  Grundkrankheit  keine  HeUnng  erwarten  lässt  — :  wird  man 
die  Narcotica  nicht  entbehren  können;  man  wird  sie  häufig  mit 
Nutzen  als  Unterstützungsmittel  gleichzeitig  mit  der  ableitenden 
Methode  anwenden ;  in  vielen  Fällen  werden  sie  das  einzig  befriedi- 
gende PalUativmittel  bilden.  Es  ist  dem  im  allgemeinen  Theil 
(a.  0.  S.  78)  über  die  Anwendung  der  Narcotica  Gesagten  hier  nicht 
viel  hinzuzufügen.  Selbstverständlich  stehen  die  subcutanen  Injec- 
tionen  von  Morphium  (0,01—0,06)  in  erster  Linie;  am  besten  macht 
man  sie  in  der  Nähe  des  Foramen  ischiadicum  oder  über  den  übri- 
gen schmerzhaften  Punkten;  häufig  ist  es  nöthig,  den  einzelnen 
Nervenzweigen  mit  der  Injection  zu  folgen,  um  den  Schmerz  überall 
zu  tilgen;  deshalb  manchmal  zweckmässig,  mehrere  kleinere  Injec- 
tionen  an  verschiedenen  Stellen  gleichzeitig  zu  machen;  bei  Ischias 
duplex  an  beiden  Beinen.  Genügt  Morphium  nicht,  so  kann  man 
Atropin  versuchen;  die  übrigen  Narcotica  sind  für  gewöhnlich  ent- 
behrlich. Aeusserliche  Anwendungen  derselben  (Salben  mit  Veratrin 
und  Opium,  oder  mit  Aconitin,  Extr.  belladonn.,  Ol.  hyoscyam.  u.  s.  w.) 
verdienen  weniger  Vertrauen.  Erwähnung  verdient  eine  von  Troussean 
Yielempfohlene  Methode:  in  eine  am  Gesäss  angelegte  Fontanelle 
werden  täglich  2 — 3  Ktlgelchen  eingelegt,  von  welchen  jedes  0,05  Extr. 
opii  und  ebensoviel  Extr.  belladonn.  enthält,  durch  Traganthgummi  zu- 
sammengehalten. Die  Anaesthetica  (Ghlorof.,  Aether  etc.)  können 
bei  Ischias  als  Linimente  und  besonders  in  Form  von  Elystieren  An- 
wendung finden;  gerade  die  letztere  Application  wirkt  palliativ 
recht  gut. 

Die  neuere  Zeit  hat  in  der  Elektricität  das  hervorragendste 


168  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

Heilmittel  der  Ischias  kennen  gelernt  und  cultivirt.  Dieselbe  ver- 
dient in  allen  schweren  Fällen  und  —  wo  dies  leicht  thunlich  ist  — 
auch  besonders  in  leichten  und  frischen  Fällen  Anwendung  und  be- 
lohnt meist  durch  ausgezeichnete  Heilresultate.  Es  gilt  dies  aller- 
dings  weniger  von  dem  faradischen  Strom,  der  nur  in  wenigen  Fällen 
günstig  wirkt;  er  mag  in  der  bekannten  Weise  als  elektrische  Geissei 
oder  Moxe  oder  mit  feuchten  Elektroden,  die  einen  starken  secun-« 
dären  Strom  in  den  Nervenstamm  einführen;  angewendet  werden. 
Viel  wichtiger  und  umfassender  jedoch  ist  die  Wirksamkeit  des  gal- 
vanischen Stroms  bei  Ischias,  und  die  ttbereinstimmenden  Angaben 
der  Elektrotherapeuten  melden  äusserst  befriedigende  Resultate  so- 
wohl in  frischen  wie  in  veralteten  Fällen  —  vorausgesetzt  natürlich, 
dass  sie  nicht  auf  unheilbarer  organischer  Grundlage  beruhen.  (Man 
vgl.  darüber  die  verschiedenen  Lehrbücher  der  Elektrotherapie.)  Ich 
habe  in  einer  Reihe  von  Fällen  (s.  auch  Deutsch.  Arch.  f.  klin.  Med.  III 
S.  342)  in  wenigen  Sitzungen  Heilung  selbst  veralteter  Formen  er- 
zielt, andere  Male  jedoch  auch  eine  länger  fortgesetzte  Behandlung 
zur  Beseitigung  der  Schmerzen  nOthig  gehabt.  Die  gebräuchlichste 
Methode  ist  die  Anwendung  absteigender  stabiler  StrOme,  wobei  die 
Anode  auf  das  Foram.  isch.  oder  besser  noch  aufs  Kreuz  und  die 
Kathode  auf  die  besonders  schmerzhaften  Punkte  applicirt  wird; 
zweckmässig  ist  es  oft,  nach  Remak's  Vorgang  einzelne  Abschnitte 
des  Nerven  von  6 — 8  Zoll  Länge  nacheinander  unter  die  Einwirkung 
des  Stroms  zu  bringen  und  damit  am  Kreuz  zu  beginnen  und  bis 
zum  Fuss  hinabzugehen ;  den  Schluss  bilden  dann  einige  durch  Strom- 
schliessungen erzeugte  Muskelzuckungen,  welche  das  Steifigkeitsge- 
ftthl  und  die  Schwere  im  Bein  leicht  beseitigen.  —  Eine  andere  Me- 
thode ist  die  stabile  Einwirkung  der  Anode  auf  den  Stamm  des  Nerven 
und  die  Schmerzpunkte  (von  Remak  schon  unter  dem  Namen  der 
Zirkelströme  angewendet).  Immer  müssen  starke  Ströme  mit  breiten 
Elektroden  (wegen  der  tiefen  Lage  der  Nerven)  angewendet  werden ; 
die  Dauer  der  Einwirkung  sei  5—10  Minuten,  täglich  oder  alle 
2—3  Tage.  Natürlich  muss  die  Regel:  Behandlung  in  loco  morbi! 
eingehalten  werden  und  ist  demgemäss  in  bestimmten  Fällen  die 
Kreuzgegend  und  die  Wirbelsäule  in  die  Behandlung  mit  einzube- 
ziehen ;  nicht  selten  ist  es  auch  nothwendig,  den  Schmerz  bis  in  die 
einzelnen  Nervenzweige  mit  dem  Strom  zu  verfolgen.  —  Besondere 
Symptome  (Anästhesie,  Paralyse  u.  s.  w.)  müssen  natürlich  besonders 
behandelt  werden.  Benedict  hat  für  besonders  hartnäckige  Fälle 
vorgeschlagen,  die  eine  Elektrode  in  den  Mastdarm  einzuführen,  die 
andere  auf  das  Kreuzbein  aufzusetzen,  um  so  den  Sitz  des  Leidens 


Neuralgien.    Ischias.    Therapie.  169 

m()glich8t  direct  zu  erreichen.  Der  Erfolg  war  in  einem  solchen 
Falle  sehr  gut.  —  Berücksichtigung  verdient  wohl  auch  die  von 
Ciniselli  (vgl.  Virchow-Hirsch,  Jahresbericht.  Ber.  üb.  Elektrother. 
1867  u.  1872)  wiederholt  empfohlene  continuirliche  Application  eines 
einfachen  galvanischen  Elements  —  eine  Zink-  und  eine  Kupfer- 
platte,  durch  einen  Draht  verbunden  —  an  die  leidende  Extremität: 
diese  Platten  können  jeder  beliebigen  Hautstelle  adaptirt  werden  und 
werden  stunden-  und  tagelang  getragen ;  die  Erfolge  sind  in  manchen 
FUlen  recht  bemerkenswerth. 

Erst  wenn  die  bisher  erwähnten  Mittel  im  Stiche  lassen ,  mag 
man  zu  specifischen  Mitteln  übergehen.  Aus  der  grossen  Zahl 
derselben  lässt  sich  unschwer  eine  Reihe  von  solchen  zusammen- 
stellen, die  wenigstens  den  Nachweis  zahlreicher  Erfolge  für  sich 
haben.  Den  ersten  Rang  nimmt  hier  ohne  Zweifel  das  Ol.  tere- 
binth.  rectif.  ein.  Schon  seit  150  Jahren  im  Gebrauch  hat  sich 
dies  Mittel  von  den  verschiedensten  Seiten  her  Anerkennung  zu  ver- 
schaffen gewusst,  ohne  dass  es  bis  jetzt  gelungen  wäre,  die  Indica- 
tionen  ftir  dasselbe  genauer  zu  präcisiren.  Soviel  ist  nur  sicher,  dass 
es  in  vielen  Fällen  hilft,  in  anderen  im  Stich  lässt  Es  ist  besonders 
von  Martinet,  Recamier  u.  A.  empfohlen  und  kann  in  den  ver- 
schiedensten Formen  gereicht  werden  (z.  B,  Rp.  Ol.  tereb.  4,0,  Meli, 
despum.  60,0:  2—3  Essl.  täglich.  —  Sehr  zweckmässig  in  Gallert- 
kaspeln,  welche  je  1,0  enthalten  und  von  welchen  3—12  täglich  ge- 
nommen werden,  am  besten  zu  den  Mahlzeiten).  Es  soll  seine  günstige 
Wirkung  meist  nach  wenig  Tagen  schon  entfalten.  —  Nächstdem  wird 
der  Arsenik  gerühmt.  Von  Chinin  ist  in  der  Regel  nichts  zu  er- 
warten, selbst  bei  typischen  Formen  hat  man  es  ohne  Erfolg  gegeben. 
—  Kai.  jodat.  ist  in  vielen  Fällen  nützlich.  —  Die  Mercurialien, 
besonders  Sublimat,  das  Seeale  comutum,  Kai.  bromat.,  Ol.  jecoris, 
Colchicum  u.  s.  w.  können  nur  genannt  werden ;  es  mag  beigefügt 
werden,  dass  die  Alten  die  Musik  als  ein  Heilmittel  der  Ischias  be- 
trachteten —  gewiss  ohne  Ahnung  von  den  Leistungen  der  modernsten 
Musik. 

Kehren  wir  von  diesen  wenig  tröstlichen  Dingen  zurück,  so  be- 
sitzen wir  in  den  Bädern  aller  Art  noch  sehr  mächtige  Hilfsmittel 
gegen  Ischias.  —  Es  mag  vorher  erwähnt  werden,  dass  man  auch 
anhaltende  örtUche  Einwirkung  der  Wärme  nützlich  gefunden  hat: 
Plouviez  empfiehlt  Application  von  Kataplasmen  von  40—50^  C. 
auf  das  leidende  Bein.  —  Unter  den  Bädern  erfreuen  sich  die  in- 
differenten Thermen  des  grössten  Rufes  und  es  ist  kein  Zweifel,  dass 
schon  viele  schwere  und  hartnäckige  Formen  von  Ischias  in  Teplitz, 


170  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Gastein,  Wildbad,  Ragatz,  aach  in  Wiesbaden  and  Baden-Baden  ge- 
beilt worden  sind.  Genauere  Indicationen  fehlen;  am  günstigsten 
sind  wahrscheinlich  veraltete  rheumatische  Formen.  Auch  von  Moor- 
bädern hat  man  gute  Erfolge  gesehen.  Ganz  zweifellos  ist  in  vielen 
Fällen  der  günstige  Einfluss  von  energischen  Kaltwassercuren,  selbst 
in  sehr  schweren  und  hartnäckigen  Fällen;  die  Warnung  Bomberg'fl 
vor  solchen  Curen  ist  jedenfalls  eine  unbegründete  gewesen.  Ancli 
Seebäder  haben  sich  manchmal  nützlich  erwiesen.  —  Alle  diese 
Bäder  wird  man  nach  bestimmten  individuellen  Verhältnissen  aos- 
wählen  müssen. 

Nur  in  ganz  verzweifelten  Fällen  wird  man  sich  zur  Operation 
—  wenigstens  an  den  Hauptnervenstämmen  —  entschliessen.  Fttr 
kleinere  sensible  Zweige  ist  dieselbe  ohne  Weiteres  erlaubt;  allein 
zur  Resection  des  Ischiadicus  selbst  oder  seiner  beiden  Endzweige 
wird  man  sich,  der  darauf  folgenden  meist  unheilbaren  Lähmung 
wegen,  nur  schwer  entschliessen.  Inmierhin  können  genügende  Indi- 
cationen dazu  vorhanden  sein  und  man  hat  auch  in  solchen  Fällen 
die  Operation  schon  mit  Erfolg  gemacht.  Die  allgemeinen  Grund- 
sätze müssen  hier  für  den  Entschluss  maassgebend  sein.  —  Patrnban 
hat  jüngst  einen  Fall  veröffentlicht,  in  welchem  er  nach  dem  Vor- 
gang Nussbaum's  die  Blosslegung  und  Dehnung  des  Hüftnerven 
wegen  einer  hartnäckigen  Ischias  machte  und  zwar  mit  Erfolg;  auch 
die  Beweglichkeit  des  Beines  blieb  erhalten.  Weitere  Erfahrungen 
müssen  erst  über  die  Anwendbarkeit  dieser  kühnen  Operation  ent- 
scheiden. 

lieber  das  diätetische  Verhalten  der  an  Ischias  Leidenden 
ist  nicht  viel  zu  sagen;  dasselbe  ergibt  sich  leicht  aus  der  Beur- 
theilung  des  Einzelfalls.  Für  alle  Fälle  aber  empfiehlt  sich  als  wich- 
tiges Unterstützungsmittel  fllr  die  Heilung  möglichste  Ruhe  des  er- 
krankten Gliedes;  am  besten  Bettlage  fUr  einige  Zeit.  Ausserdem 
dürfte  die  Sorge  fttr  regelmässige  Stuhlentleerung  nicht  zu  vernach- 
lässigen sein. 

Neuralgia  pudendo-haemorrhoidalis  (und  Neuralgien 
der  äussern  Genitalien  überhaupt). 

Die  Seltenheit  und  Unwichtigkeit  der  dem  N.  pudendo-haemorrh. 
selbst  angehörigen  Neuralgien  lassen  ein  genaueres  Eingehen  auf 
dieselben  überflüssig  erscheinen.  Der  Hauptverbreitungsbezirk  dieses 
Nerven  ist  in  den  äusseren  Genitalien ;  dieselben  erhalten  jedoch  noch 
von  so  verschiedenen  Seiten  her  sensible  Fasern,  dass  es  durchaus 
unthunlich  ist,  die  Neuralgien  der  einzelnen  Nervengebiete  hier  ge- 


Neuralgien.    Neuralgia  pudendo-haemorrhoidaliB  etc.  171 

sondert  zu  betrachten.  Ansserdem  betheiligen  sich  anch  noch  die 
Plexus  des  Sympathicns  in  wesentlicher,  aber  nicht  genau  anatomisch 
abzngrenzender  Weise  an  der  Innervation  der  äusseren  Genitalien, 
und  es  wird  dadurch  die  Schwierigkeit  einer  systematischen  Betrach- 
tung noch  mehr  gesteigert.  Es  mag  deshalb  gestattet  sein,  nur  einen 
kurzen  Blick  auf  die  hier  vorkommenden,  in  unser  Gebiet  gehörigen 
Affectionen  zu  werfen,  um  dem  Arzte  ftlr  die  immerhin  sehr  seltenen 
Fälle  einige  Anhaltspunkte  zu  gewähren.  Die  Pathologie  und  Therapie 
dieser  Neuralgien  ist  noch  eine  äusserst  mangelhafte  und  bedarf  sehr 
der  weiteren  Ausbildung. 

Die  sensible  Innervation  der  äusseren  Genitalien  und  der  zunächst 
benachbarten  Hautpartien  geschieht  m  folgender  Weise:  zum  Mons 
veneris  kommen  Zweige  von  den  Nn.  ileo-inguinalis  und  spermaticus 
ext;  das  Scrotum  und  die  Labia  majora  werden  versorgt  vom 
N.  spermat.  extern.,  von  den  Nn.  scrotales^  poster.  (e  Pudendo-hae- 
morrhoid.)  und  vom  N.  pudend.  long,  infer.  (e  Cutaoeo  femor.  poster.) ; 
Penis  und  Clitoris  erhalten  ihre  Zweige  vom  N.  dorsalis  penis 
et  clitor.  (e  Pudendo-haemorrh.)  und  vom  Plexus  cavemos.  sym- 
pathici;  die  Urethra  vom  N.  dorsal,  pen.  und  den  Scrotales  poster.; 
Samenstrang  und  Hoden  werden,  wie  es  scheiot,  vorwiegend 
vom  Sympathicus  aus  versorgt,  ans  dem  Plez.  deferentialis  und  dem 
Plex.  spermaticus;  das  Perineum  und  die  Aftergegend  end- 
Heh  werden  vom  N.  haemorrhoidal.  extern,  und  vom  N.  perineus  mit 
sensiblen  Zweigen  versehen. 

Aus  dieser  Uebersicht  geht  zunächst  hervor,  dass  die  äussern 
Genitalien  bei  verschiedenen  Neuralgien  mitbetheiligt  sein  können: 
so  bei  der  Lumbo-abdominalneuralgie ,  bei  der  Ischias  und  bei  der 
Neuralgie  des  N.  pudendo-haemorrhoidalis ;  doch  ist  Aber  diese  Be- 
tiieiligung  verhältnissmässig  wenig  bekannt;  nur  bei  der  Lumbo- 
abdominalneuralgie  wird  sie  häufiger  erwähnt  und  kann  hier  in  den 
Vordergrund  der  Erscheinungen  treten.  Jedenfalls  dürfte  diese  Sache 
weitere  Beachtung  verdienen. 

Es  kommen  jedoch  auch  isolirte  Neuralgien  an  den  Genitalien 
vor  (analog  der  Mastodynie  in  ihrem  Verhältniss  zu  den  Intercostal- 
neuralgien);  meist  sind  dann  wohl  mehrere  Nervengebiete  befallen, 
und  die  Betheiligung  der  einzelnen  schwer  auszuscheiden.  Man  kann 
etwa  folgende  Formen  unterscheiden,  ftlr  welche  sich  auch  casuistische 
Belege  in  der  Literatur  finden: 

Neuralgia  penis  et  glandis  penis:  hat  ihren  Sitz  in  der 
Eichel  und  längs  des  Gliedes  bis  zur* Wurzel  hin;  die  Schmerzen 
können  sehr  heftig  sein,  sind  meist  periodisch,   lancinirend  oder 


172  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

brennend,  werden  durch  Urinentleerang  und  Coitus  häufig  gesteigert, 
gehen  manchmal  mit  Priapismus  und  frequenten  Ejaculationen  einher, 
sind  manchmal  vorwiegend  einseitig.  Hierher  ist  z.  B.  ein  Fall  von 
Liegey  (I.  c.)  gehörig.  Manchmal  erscheint  die  Neuralgie  auch  in 
Form  einer  unangenehmen  Wollustempfindung  mit  lebhaftem  Hitzege- 
fühl im  Penis,  so  in  einem  Fall  von  Mor.  Hey  er.  Auch  ich  habe 
einen  solchen  Fall  gesehen,  der  während  mehrjährigen  Bestehens 
allen  Heilversuchen  trotzte. 

Neuralgia  scrotalis  (labialis):  ist  wohl  am  häufigsten  Tbeil- 
erscheinung  einer  Lumbo-abdominalneuralgie  (von  Chaussier  als 
Neur.  ileo-scrotalis  bezeichnet)  und  hat  dieselben  cbarakteristiscben 
Erscheinungen  wie  diese.  Scrotum  oder  Labium  majus  zeigen  dabei 
gegen  Druck  oft  eine  hochgradige  Empfindlichkeit. 

Neur.  urethralis:  zeigt  sich  als  ein  glühender,  brennender 
Schmerz  in  der  Harnröhre,  der  besonders  beim  tropfenweisen  Abgang 
des  Harns  eintritt  und  gewöhnlich  von  gesteigertem  Harndrang  be- 
gleitet wird.  Die  Einführung  des  Katheters  ist  erschwert  und  in 
hohem  Grade  schmerzhaft.  Erscheint  manchmal  im  Beginn  der 
Tabes  dorsalis;  kann  aber  auch  durch  Erkältung  (Eisenmann) 
oder  durch  krankhafte  Beschaffenheit  des  Harns  entstehen. 

Neur.  spermatica:  sie  zeigt  sich  als  ein  heftiger  intermitti- 
render  Schmerz  im  Hoden  und  Nebenbod^,  der  längs  des  Verlaufes 
des  Samenstranges  oft  bis  zur  Lende  hin  ausstrahlt  Dabei  besteht 
hochgradigste  Druckempfindlichkeit  in  den  genannten  Gebilden  (A. 
Cooper's  „irritable  testis"),  häufig  auch  deutliche  periodische  An- 
schwellung derselben.  Uebligkeit  und  Erbrechen  begleiten  nicht  selten 
die  einzelnen  Anfälle;  das  Leiden  ist  meist  einseitig  und  kommt 
vorwiegend  bei  jugendlichen  Individuen  vor.  lieber  den  eigentlichen 
Sitz  dieser  Neuralgie  sind  die  Meinungen  getheilt:  Valleix  aod 
d'Axthrey  halten  sie  fttr  eine  Art  der  Lumbo-abdominalneuralgie, 
während  sie  von  den  meisten  deutschen  Autoren  (Romberg,  Hasse, 
A.  Eulen  bürg)  für  eme  sympathische  Neuralgie  erklärt  wird.  Da 
der  Hoden  fast  ausschliesslich  vom  Sympathicus  her  seine  Nerven 
erhält  und  dieselben  auch  seiner  Entwickelung  im  Foetus  nach  nicht 
wohl  von  den  Nerven  des  Hodensackes  erhalten  kann,  dürfte  wohl 
die  letztere  Meinung  die  richtige  sein  (s.  die  Krankheiten  der  sym- 
pathischen Nerven), 

Als  Neur.  ano-vesicalis  hat  Dardel  abnorme  Sensationen 
in  der  Steissbeingegend  beschrieben,  welche  mit  Hyperästhesie  (oder 
wohl  auch  Anästhesie)  in  der  Haut  des  Perineum  einheigehen  nnd 
von  krampfhafter  Contraction  des  Sphincter  ani,  von  Blasenkrampf 


Neuralgien.    Coccygodynie.  173 

UBd  erschwerter  Hamentleerong  begleitet  sind.  —  Eine  ähnliche 
Affection  hat  anter  dem  Namen  „Anal  and  Perineal  Neoralgia*' 
Weir  Mitchell  (Philad.  Medic.  Times  1873)  beschrieben.  Sie 
soll  besonders  bei  Tabetikem  nnd  Onanisten,  manchmal  nach  dem 
Cottos,  vorkommen. 

Die  Therapie  aller  dieser  Affectionen  moss  nach  allgemeinen 
Gnmdsätzen  geleitet  werden.  Die  leichteren  Formen  werden  meist 
rasch  dem  gewöhnlichen  antineoralgischen  Correrfahren  weichen, 
während  die  schwereren  Formen  oft  hartnäckig  allen  Heilversnchen 
Trotz  bieten.  Die  Narcotica  hat  man  am  meisten  in  Oebranch  ge- 
zogen^  innerlich  nnd  äosserlich,  am  besten  hypodermatisch.  —  Spe- 
eifica  (Arsenik,  Chinin,  Eal.  bromat.,  OL  terebinth.  etc.)  wird  man 
meist  nicht  entbehren  können.  —  lieber  Werth  nnd  Erfolge  der 
elektrischen  Behandlung  liegen  noch  nicht  genügende  Thatsachen 
Yor.  Ich  habe  jüngst  einen  Fall  von  bereits  mehrjähriger  Urethral- 
nenralgie  dorch  Faradisation  vom  Kreuz  zum  Perineum  in  wenig 
Sitzungen  zur  Heilung  gebracht.  —  Operative  Eingriffe  (selbst  bis 
zur  Gastration  gehend)  hat  man  besonders  bei  der  Neur.  spermatica 
hie  und  da  mit  Erfolg  gemacht. 

g.  Neuralgie  des  Plexus  coccygeus.    Coccygodynie. 

Die  Nu.  coccygei  verbreiten  sich  in  der  Haut  über  dem  Steiss- 
bein  und  in  den  dasselbe  umgebenden  Weichtheilen.  Ob  dieselben 
der  Sitz  emer  wirklichen  Neuralgie  werden  können,  erscheint  noch 
iouner  zweifelhaft,  wiewohl  ein  Theil  der  von  Simpson  (Med. 
Tim.  and  6az.  July  1859)  unter  dem  Namen  „  Coccyodynia  **  be- 
schriebenen Krankheitsfälle  wohl  neuralgischen  Ursprungs  sein  dürfte. 

Das  Hauptsymptom  dieser  Coccygodynie  ist  Schmerz  in  der 
Gegend  des  Steissbeines  beim  Sitzen  und  Oehen,  manchmal  auch 
beim  Uriniren  und  der  Defäcation^  wenn  dabei  stark  gepresst  wird. 
Druck  auf  das  Steissbein  und  Bewegung  desselben  mit  dem  Finger 
bringen  ebenfalls  Schmerz  hervor.  Die  Affection  kann  viele  Jahre 
dauern  und  kommt  &st  nur  bei  Frauen  vor,  entweder  in  Folge  von 
traumatischen  Einwirkungen  auf  das  Steissbein  (Fall,  schwere  Ge- 
bart) oder  nach  Erkältungen,  manchmal  auch  anscheinend  spontan. 
Die  wahrscheinliche  Ursache  des  Schmerzes  ist  der  Zug  der  am 
Steissbein  sich  inserirenden  Muskeln,  wenn  das  Steissbein  oder  seine 
fibröse  Umgebung  der  Sitz  einer  entzündlichen  Reizung  ist  (oder 
wenn  der  N.  coccygeus  neuralgisch  afificirt  ist?). 

In  Fällen,  wo  der  neuralgische  Charakter  des  Leidens  deutlich 
ist,  kann  die  antineuralgische  Behandlung  von  Erfolg  sein;  so  hat 


174  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Seeligmüller  (Nenropath.  Beobachtangen.  Halle  1873.  S.  25)  einen 
viele  Jahre  bestehenden  Fall  rasch  durch  die  Faradisation  gehdlt; 
meist  aber  lässt  sie  völlig  im  Stich  und  es  ist  nur  von  einer  opera- 
tiven Behandlung  Heilung  zu  erwarten.  Dieselbe  besteht  in  voll- 
ständiger Trennung  des  Steissbeines  von  allen  fibrösen  und  musculösen 
Fasern,  die  mit  ihm  in  Verbindung  stehen;  sie  kann  subcutan  mit 
dem  Tenotom  ohne  grossen  Schmerz  und  Blutung  bewirkt  werden 
und  hat  sich  in  vielen  Fällen  erfolgreich  bewiesen.  Genügt  sie  nicht 
zur  Heilung,  dann  muss  man  das  ganze  Steissbein  exstirpiren. 


Anhang: 

Heuralgie  der  Gelenke.    Hysterisches  Oelenkleiden.    Gelenknenrosen. 

B.  Brodle,  Diseases  of  the  joints.  II ed.  London  1822.  —  Brodle,  Lectores 
lUustr.  of  certain  local  nervous  fäTectlons.  1837.  Deutsch  von  Kürschner.  Mari)arg 
1838.  —  Stromeyer,  Handb.  der  Chirurgie.  Freiburg  1844.  --  Volkmann,  in 
Pitha  u.  BilLroth's  Chirurde.  n.  2.  S.  678.  1872.  —  Esmarch,  üeber  Gelenk- 
neurosen. 1872.  —  Wernher,  üeber  nervöse  Coxalgie.  Dtsche  Zeitschr.  t  Chir. 
I.  1872.  —  Stromeyer,  Erfahrungen  über  Locahieurosen.  Hannover  1873.  — 
0.  Berg  er,  Zur  Lehre  v.  d.  Gelenkneuralgien.  Berl.klin.Woch.  1873.  No.  22—24. 
u.:  Zur  Casuistik  der  Gelenkneuralgien.  Deutsch.  Zeitschr.  f.  prakt.  Medidn. 
1874.  —  Mor.  Meyer,  Ueber  Gelenkneurosen.  Berl.  klin.  Woch.  1874  No.  26. — 
Fr.  Richter,  Zur  Casuistik  der  Gelenkneurosen.  Corresp.-Bl.  d.  ärzt.  Yer.  v. 
Thüring.  1875  No.  6.  —  C.  Lerche,  Zur  Casuistik  der  Gelenkneuralgien.  Dias. 
Breslau.  1875.  Casuistik s.  bei  Hirsch,  Spinahieurosen.  1843;  Barwell,  Diseases 
of  the  joints  1865:  Marion  Sims,  Gebärmutterchirurgie.  1866;  Skey,  On 
Hysteria.  1867.  —  Benedict,  Elektrotherapie.  1868. 

Brodie  war  der  Erste,  welcher  die  Aufmerksamkeit  der  Aer^ 
anf  gewisse  schmerzhafte,  in  ihrem  Auftreten  -den  Neuralgien  im 
höchsten  Grade  analoge  Affectionen  der  Oelenke  gerichtet  hat,  bei 
welchen  die  genaueste  objective  Untersuchung,  sowie  der  Verlauf 
des  Leidens  die  Annahme  organischer  Veränderungen  in  dem  Grelenke 
mit  aller  Sicherheit  auszuschliessen  gestatteten.  Der  bertthmte  eng- 
lische Chirurg  that  den  Ausspruch,  dass  mindestens  vier  Ftinftel 
aller  in  den  höheren  6esellschafl»classen  bei  Frauen  auftretenden 
Gelenkleiden  hierher  gehören,  ein  Ausspruch,  der  von  Esmarch  in 
neuester  Zeit  bestätigt  wurde.  Da  dieses  Leiden  vorwiegend  in 
Begleitung  ausgesprochener  hysterischer  Erscheinungen  auftritt,  hat 
man  sich  gewöhnt,  dasselbe  als  „hysterisches  Gelenkleiden'  zu  be- 
zeichnen; weil  diese  Bezeichnung  jedoch  durchaus  nicht  auf  alle 
Fälle  passt,  hat  Esmarch  den  unbestimmteren  Namen  „Gelenk- 
neurose*' YOigeschlagen,  während  Berger  sich  ftir  die  Bezeichnung 
n  Gelenkneuralgie ",  als  das  Wesen  der  Krankheit  am  schärfeten  ans- 
drtlckend,  entschieden  hat. 


Neuralgien.    Neuralgie  der  Gelenke.    Aetiologie  175 

Es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  dieses  Leiden  die  entschiedensten 
Analogien  mit  wirklicher  Neuralgie  hat  und  es  wird  dasselbe  auch 
Ton  den  meisten  Sehriftstellem  einfach  fUr  neuralgisch  erklärt ,  so 
neuestens  von  Esmarch;  und  0.  Berger  hat  in  überzeugender  Weise 
dargethau;  dass  es  sich  dabei  um  wirkliche  Neuralgie  handle.  Immer- 
hin fehlt  das  fUr  die  tibrigen  Neuralgien  meist  so  charakteristische 
Beschränktsein  aui  einzelne  bestimmte  Nervenbahnen;  da  die  meisten 
Gelenke  von  verschiedenen  Seiten  her  ihre  Nerven  erhalten  (so  z.  B. 
das  Httflgelenk  vom  N.  cruralis,  obturatorius  und  ischiadicus;  das 
Kniegelenk  vom  Cruralis,  Obturat.,  Peroneus  und  Tibialis);  immer- 
hin mag  die  fnnctionelle  Einheit  der'  betreffenden  sensiblen  Nerven- 
bahnen die  gleichzeitige  Erkrankung ,  besonders  bei  prädisponirten 
Individuen  bedingen;  ausserdem  ist  ja  keineswegs  erwiesen ,  dass 
bei  Gelenkneuralgien  immer  sämmtliche  zu  einem  Gelenke  gehören- 
den Nervenbahnen  afficirt  sind. 

Die  Gelenkneuralgien  haben  in  Deutschland  wenig  Beachtung 
gefunden  und  man  würde  versucht  sein,  die  Richtigkeit  des  Aus- 
spruchs, dass  sie  nur  in  England  häufig,  m  Deutschland  aber  selten 
seien,  anzuerkennen,  hätten  nicht  Esmarch  und  Stromeyer  zahl- 
reiche Beispiele  aus  ihrer  Erfahrung  vorgeführt  und  die  Aussprüche 
Brodle 's  über  dieses  Leiden  bestätigt.  Auch  zeigen  die  neuesten 
Fabiicationen  über  diesen  Gegenstand,  dass  es  nur  grösserer  Auf- 
merksamkeit bedurfte,  um  auch  bei  uns  das  Leiden  als  nicht  selten 
zn  erkennen.  So  mag  die  hohe  praktische  Bedeutung  des  Gegen- 
standes —  denn  eine  Verkennung  des  Leidens  kann  für  die  Kran- 
ken von  den  betrübendsten  Folgen  sein  —  eine  kurze  Schilderung 
der  Gelenkneuralgien  an  dieser  Stelle  rechtfertigen. 

Aetiologie. 

Eine  entschiedene  Prädisposition  zu  den  Gelenkneuralgien 
besteht  bei  dem  weiblichen  Geschlecht;  und  zwar  stellen  das  grösste 
Contingent  zu  demselben  jene  jungen  Damai  der  höheren  Gesell- 
schaftschissen ,  welche  durch  ihre  unvernünftige  Lebensweise,  viel 
gesellige  Vergnügungen,  Nachtschwärmereien,  falsche  Ernährungs- 
weise, ungenügende  körperliche  Bewegung,  Verzärtelung  und  Ver- 
wöhnung aller  Art,  ihr  Nervensystem  in  jenen  Zustand  reizbarer 
Schwäche  versetzen,  welche  die  fruchtbarste  Quelle  der  verschie- 
densten hysterischen  Erscheinungen  ist  Ueberhaupt  bedingt  Hysterie, 
nsag  sie  entstanden  sein,  wie  sie  wolle,  einen  hohen  Grad  der  Pj^- 
disposition  fUr  Gelenkneursdgien.  In  ähnlicher  Weise  scheinen  de- 
primirende  und  angreifende  Gemüthsbewegungen ,  auch  starke  oder 


176  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

öfter  wiederholte  Blutverlaste  zu  wirken.  Doch  kann  dabei  nicht 
yei*schwiegen  werden ,  dass  auch  ganz  gesunde,  robuste  Individuell, 
Dienstmädchen  u.  s.  w.,  ja  dass  auch  Männer  gelegentlich  von  dem 
Leiden  befallen  werden  —  ebenso  gut,  wie  von  anderen  Neuralgien. 

Berger  fand  unter  13  Fällen  6  bei  vorher  ganz  gesunden  und 
nicht  hysterischen  Individuen  und  warnt  überhaupt  vor  einer  allzn- 
starken  Betonung  des  hysterischen  Charakters  der  Krankheit. 

Unter  den  Gelegenheitsursachen  sind  in  erster  Linie  me- 
chanische, traumatische  Einwirkungen  auf  die  Gelenke  zu  nennen: 
leichte  Contusionen  und  Distorsionen  der  Gelenke,  wie  sie  durob 
Fall  und  Stoss  beim  Tanzen,  'beim  Schlittschuhlaufen,  Bergsteigen 
so  häufig  entstehen,  können  nach  Ablauf  der  durch  das  Trauma  un- 
mittelbar gesetzten  Störungen  Gelenkneuralgien  hinterlassen,  beson- 
ders wenn  eine  inconsequente ,  schwankende,  allzusehr  entki^ftende 
Behandlung  dabei  eingeleitet  wurde.  —  Demnächst  rufen  gar  nicht 
selten  heftige  Gemüthsbewegungen ,  Schreck,  Furcht  u.  dgl.  die  Ge- 
lenkneuralgie hervor ;  die  Sorge  um  Angehörige,  die  schwere  Gelenk- 
leiden haben,  die  Furcht,  selbst  daran  zu  erkranken,  kann  die  Ursache 
von  Gelenkneuralgien  werden.  —  Erkältung  ist  ebenfalls  in  einzehen 
Fällen  beschuldigt  worden.  —  Reizungen  der  Unterleibsorgane  dorch 
Ingesta  oder  die  verschiedensten  pathologischen  Dinge  hat  man  als 
Ursachen  gefunden ;  besonders  die  Harn-  und  Geschlechtsorgane  sind 
in  dieser  Beziehung  eine  ergiebige  Quelle  (s.  Fälle  bei  Es  mar  eh; 
Stromeyer,  Sims  u.  A.).  Vielleicht  liefern  die  zahlreichen  Ver- 
bindungen, welche  die  sympathischen  Beckengeflechte  mit  dem 
Lumbal-  und  Sacralplexus  eingehen,  den  Schlttssel  dafttr.  —  Directe 
mechanische  Reize  auf  die  zu  dem  Gelenk  gehenden  Nerven  hat 
man  ebenfalls  gefunden,  so  ein  Aneurysma  als  Ursache  einer  Knie- 
gelenkneuralgie.  Endlich  treten  Gelenkneuralgien  manchmal  nach 
acuten  Krankheiten  auf  und  Berger  hat  betont,  dass  dieselben  Theil- 
erscheinungen  gewisser  Krankheiten  des  centralen  Nervensystems  sein 
können  (Hemiplegie,  Tabes  etc.). 

Symptome. 

Die  Krankheit  tritt  meist  ohne  Vorläufer  auf,  kann  ganz  plötz- 
lich eintreten,  häufig  aber  entwickelt  sie  sich  von  leisen  Anfängen 
zu  immer  höheren  Graden. 

Das  Hauptsymptom  ist  ein  mehr  oder  weniger  lebhafter  SchmerZ; 
welcher  als  ziehend,  reissend,  stechend  u.  dgl.  bezeichnet  wird  und 
sich  nicht  immer  auf  das  befallene  Gelenk  beschränkt,  sondern  nach 
verschiedenen  Richtungen  hin  ausstrahlt;  so  bei  HUftgelenkneuralgie 


Nearalgien.    Neuralgie  der  Gelenke.    Symptome.  177 

nach  abwärts  bis  zum  Knie^  bei  Neuralgie  des  Euiegelenks  nach 
auf-  und  abwärts  längs  der  verschiedenen  betheiligten  Nervenbahnen. 
Der  Schmerz  tritt  vorwiegend  in  Anfällen  auf,  macht  sehr  deutliche 
Exacerbationen  und  Remissionen,  ist  meist  gegen  Abend  heftiger,  am 
Morgen  gelinder;  in  der  Regel  stört  er  den  Schlaf  nicht  ~  ganz  im 
Gegensatz  zum  Schmerz  bei  Gelenkentzündungen;  sind  die  Kranken 
einmal  eingeschlafen,  so  schlafen  sie  meist  ruhig  die  ganze  Nacht. 
Ablenkung  der  Aufmerksamkeit  und  in  einzelnen  Fällen  Herumgehen, 
vermögen  den  Schmerz  zu  vermindern.  Während  der  Menses  ist  er 
manchmal  stärker,  manchmal  verschwindet  er  aber  auch  während 
ihrer  Dauer. 

Die  objective  Untersuchung  des  kranken  Gelenks  ergibt  dabei 
auffallend  magern  Befund.  Das  Gelenk  ist  nicht  geschwollen,  manch- 
mal sogar  weniger  umfangreich  als  das  gesunde,  es  fUhlt  sich  nicht 
sehr  heiss  an,  Verkürzung  des  Gliedes  fehlt.  Dagegen  findet  sich 
eine  Reihe  von  Erscheinungen,  wie  wir  sie  bei  Neuralgien  regel- 
mässig wahrzunehmen  pflegen.  Zunächst  besteht  eine  grosse  Em- 
pfindlichkeit des  Gelenks  bei  Druck  und  Berührung;  dieselbe  äussert 
sich  an  einzelnen  bestimmten  Stellen  ganz  besonders  intensiv —  das 
sind  die  Schmerzpunkte.  Solche  finden  sich  am  Hüftgelenk: 
zwischen  Trochanter  major  und  Sitzknorren,  neben  der  Spina  iL  anter. 
snperior ;  am  Kniegelenk :  am  innem  Rand  der  Patella  auf  dem  Condyl. 
intern.,  in  der  Ejiiekehle  über  dem  Capitul.  fibulae;  am  Fussgelenk: 
hinter  dem  äussern  und  innem  Knöchel ;  am  Schultergelenk :  am  Plex. 
brach,  oberhalb  und  unterhalb  des  Schlüsselbeins  und  in  der  Achsel- 
höhle; am  Ellbogengelenk:  Condyl.  extern,  und  Capit.  radii;  am 
Handgelenk:  auf  dem  Proc.  styloid.  ulnae;  an  den  Wirbelgelenken: 
auf  den  Domfortsätzen  (es  ist  wahrscheinlich,  wenn  auch  nicht  leicht 
sicher  zu  entscheiden,  dass  ein  Theil  der  unter  dem  Najnen  „Spinalirri- 
tation^  beschriebenen  Fälle  der  Grappe  der  Gelenkneuralgien  angehört). 

Ausser  den  Schmerzpunkten  besteht  aber  gewöhnlich  auch  noch 
eine  sehr  ausgesprochene  diffuse  Hyperalgesie  der  das  Gelenk 
bedeckenden  Haut,  und  es  ist  besonders  charakteristisch  und  dia- 
gnostisch wichtig,  dass  bei  solchen  Kranken  eine  leise  Berühmng  der 
Haut  oder  die  Erhebung  einer  Hautfalte  meist  viel  schmerzhafter 
empfunden  wird,  als  tiefer  Dmck  auf  das  Gelenk  selbst;  dem  ent- 
sprechend findet  man  auch  in  der  Regel,  dass  das  Gegeneinander- 
driUigen  der  Gelenkenden  verhältnissmässig  wenig  schmerzhaft  ist. 
—  Auch  Anästhesie  der  umgebenden  Haut  scheint,  wenn  auch 
selten,  vorzukommen  (Boddaert;  Berger).  Ebenso  hat  Berger 
Parästhesien  (Ardor,  Formication)  beobachtet. 

Hftndbnch  d.  ipec,  Pathologie  n.  Therapie.    Xu.  Bd.  1.    2.  Aufl.  12 


178  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Von  motorischen  Begleiterscheinungen  sind  am  ge- 
wöhnlichsten verschiedenartige  Erampi^astände  vorhanden:  krampf- 
hafte Znsammenziehnngen,  welche  zu  falschen  Stellungen  der  Glieder 
fuhren  und  sich  bis  zu  dauernden  Gontracturen  steigern  können  (kom- 
men besonders  häufig  bei  Neuralgie  des  Hüftgelenks  vor).  In  andern 
Fällen  Zittern  und  tremorartige  Krämpfe,  auch  convulsive  Zustände. 
—  Meist  wird  hochgradiges  Schwächegefähl  angegeben,  selten  wirk- 
liche Lähmung.  Doch  schildert  Wernher  bei  nervöser  Goxalgie 
eine  Beihe  sehr  ausgesprochner  Lähmungszustände  (und  ebensolcher 
Krampf^),  es  scheint  sich  jedoch  in  einem  Theil  seiner  Fälle  um 
leichtere  Formen  wirklich  entzündlicher  Krankheiten  des  Hüftgelenks 
gehandelt  zu  haben. 

Vasomotorische  Störungen  sind  sehr  gewöhnlich  mA 
können  gelegentlich  zu  diagnostischen  Irrthümem  verleiten.  Sehr 
charakteristisch  ist  oft  der  rasche  und  nicht  selten  regelmässige 
Wechsel  zwischen  GefässfllUe,  Böthe,  Hitze,  und  GefUssleere,  BUlsse, 
Kälte  der  Gelenkgegend.  Es  kann  zu  erheblicher  Tnrgeseenz  der 
Haut,  zu  teigiger  Anschwellung  derselben  konmien,  und  Brodle 
beschreibt  das  zeitweilige  Auftareten  einer  Urtlcaria-ähnlichen  grossen 
Quaddel  über  dem  ganzen  Gelenk,  in  welcher  er  vergeblich  nach 
Eiter  suchte. 

Von  trophischen  Störungen  wird  nur  Abmagerung  der  be- 
treffenden Extremität,  Atrophie  der  das  Gelenk  bewegenden  Hoskehi 
erwähnt;  von  Wernher  wird  ein  Zurückbleiben  des  Waohsthums 
ganzer  Extremitäten  bei  jugendlichen  Individuen  geschildert  und  auf 
die  Betheiligung  trophischer  Nerven  bezogen. 

Sehr  auffallend  sind  immer  die  Functionsstörungen  4er  be- 
treffenden Gelenke.  Unbeweglichkeit  und  Schwäche  derselben  sind 
die  hervortretendsten  Erscheinungen:  die  Kranken  vermeiden  jede 
Bewegung  damit,  als  schmerzhaft ;  sie  halten  das  Gelenk  steif  und 
meist  m  der  Extensionsstellung  fixirt  (zum  Unterschied  von  Entzün- 
dungen). Auch  passive  Bewegungen  sind  oft  ganz  unmöglidi  wegen 
der  Muskelspannung,  und  es  können  so  Ankylosen  voigetänscbt 
werden.  Die  Ghloroformnarkose  ist  dann  in  der  Regel  im  Stande, 
das  Wesen  dieser  Ankylose  und  die  volle  Beweglichkeit  des  Gelenks 
zu  enthüllen.  Esmarch  berichtet,  dass  manchmal  knarrende  Ge- 
räusche in  den  Gelenken  wahrgenommen  werden. 

Es  bedarf  wohl  nach  der  vorstehenden  Schilderung  keiner  weiteren 
Rechtfertigung,  dass  wir  diese  Gelenkaffection  zu  den  Neuralgien 
gestellt  haben:  alle  für  Neuralgien  charakteristischen  Erscheinnogeo 
haben  sich  nachweisen  lassen.    In  der  That  sprechen  sich  auch  üst 


Neuralgien.    Neuralgie  der  Gelenke.    Verlauf.    Diagnose.  179 

alle  Autoren  von  Brodie  an  in  diesem  Sinne  ans,  am  entschieden- 
sten Esmareh  and  0.  Berger.  Etwas reservirter  ist  Volkmann 
in  seiner  Meinung. 

Gelenkneuralgien  können  gelegentlich  in  allen  Gelenken  des 
Körpers  yorkommen;  jedoch  sind  sie  weitaus  am  häufigsten  im  Knie- 
und  Hüftgelenk;  im  ersteren  nach  Esmareh' s  Znsammenstellung 
etwa  doppelt  so  häufig  als  im  letzteren.  Jedoch  werden  auch  Hand-, 
Fuss-  und  Schultergelenk  nicht  selten  befallen ;  ja  selbst  die  kleinen 
Gelenke  der  Finger  und  des  Metacarpus  können  Sitz  der  Neuralgie 
werden  und  es  geht  diese  mit  heftigen  Schmerzen  längs  der  Digital- 
nerven  einher.  Meist  ist  nur  ein  Gelenk  befallen;  selten  zwei  oder 
mehrere;  doch  hat  man  auch  dies  beobachtet. 

Verlauf. 

Der  Verlauf  der  Krankheit  ist  meist  ein  sehr  unbestimmter  und 
wechselnder  und  spottet  besonders  bei  Hysterischen  oft  jeder  Be- 
rechnung. Grosse  Schwankungen  kommen  vor,  die  verschiedensten 
äusseren  Eindrücke  vermögen  dieselben  hervorzurufen ;  oft  tritt  plötz- 
liche Heilung  durch  irgend  eine  mächtige  psychische  Einwirkung 
(Sturz  vom  Pferde ,  Theilnahme  an  einem  Ball,  an  einer  Hochzeit 
oder  dgl.)  ein,  oder  mit  dem  Auftreten  irgend  eines  anderen  Schmerzes 
im  Körper  oder  einer  andern  Krankheit  verschwindet  die  Gelenk- 
nenralgie.  Es  kann  aber  auch  der  Verlauf  ein  äusserst  hartnäckiger 
and  langwieriger  sein;  die  Kranken  sind  zu  jahrelangem  BettUegen 
yemrtheilt,  sich  und  Anderen  zur  Qual ;  es  treten  Contracturen,  Läh- 
mungen u.  dgl.  ein,  und  ein  vorzeitiger  Marasmus  kann  sich  an- 
schliessen.  —  Bei  sonst  gesundem  Nervensystem  ist  der  Verlauf 
meist  einfacher y  wie  bei  den  gewöhnlichen  Neuralgien:  nach  ver- 
schieden langer  Dauer  des  Leidens  tritt  allmälig  Heilung  ein. 

Diagnose. 

Die  Diagnose  hat  oft  mit  nicht  geringen  Schwierigkeiten  zu 
kämpfen,  weil  die  Entscheidung,  ob  man  es  mit  Neuralgie  oder  mit 
den  frühesten  Stadien  entzündlicher  oder  cariöser  Zustände  zu  ftiun 
hat,  häufig  fast  unmöglich  ist.  Esmareh  gesteht,  mehrfach  die 
beginnende  Garies  sicca  der  Gelenke  eine  Zeit  lang  ftlr  Gelenkneur- 
algie gehalten  zu  haben.  Dies  ist  natürlich  ftir  die  Behandlung  von 
der  enormsten  Wichtigkeit.  Die  Entscheidung  kann  um  so  schwieriger 
sein,  wenn  die  neuralgischen  Symptome  sich  aus  notorisch  entzünd- 
lichen Zuständen  heraus  entwickelt  haben. 

Hat  man  es  mit  ausgesprochen  hysterischen  Individuen  zu  thun, 

12* 


180  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sind  alle  Zeichen  einer  hochgradigen  nervösen  Reizbarkeit  Vorhanden, 
so  erleichtert  das  die  Diagnose  sehr  wesentlich.  Ist  dies  nicht  der 
Fall,  dann  wird,  wie  überhaupt  in  allen  Fällen,  flir  die  Diagnose 
zumeist  entscheidend  sein:  das  auffallende  Missverhältniss 
zwischen  der  Heftigkeit  und  Dauer  des  Leidens  und  der 
Geringfügigkeitderörtlichen  Veränderungen(E8march). 
Man  muss  natttrlich  in  solchen  Fällen  sehr  genau  und  sorgfältig  unter- 
suchen und  man  wird  sich  fUr  Neuralgie  entscheiden:  wenn  der 
Schmerz  in  Paroxysmen  auftritt,  des  Nachts  meist  Ruhe  lässt,  durch 
Ablenkung  der  Aufinerksamkeit  yerschwindet,  beim  Zusammenstossen 
der  Gelenkenden  nicht  grösser  wird ;  wenn  Schmerzpunkte  und  Haut- 
hyperästhesie,  oder  in  späteren  Stadien  leichte  Anästhesie,  oder  wenn 
Parästhesien  in  bestimmten  sensiblen  Nervengebieten  vorhanden  sind, 
wenn  vasomotorische  Erscheinungen  nicht  fehlen,  wenn  Ruhe,  Blut- 
entziehungen, Immobilisirung  des  Gelenks  eher  schaden  als  nützen; 
ftlrGelenkentzündung  dagegen :  wenn  deutliche  bleibende  Schwel- 
lung, wenn  Schmerz  bei  Druck  auf  die  Gelenkenden,  wenn  Fixation 
in  Beugestellung,  wenn  Fieber  vorhanden  ist,  wenn  die  Kälte,  Blut- 
entziehungen,  Gipsverbände  entschieden  günstig  wirken  u.  s.  w. — 
In  vielen  Fällen  wird  man  mit  Nutzen  die  Ghloroformnarkose  zur 
Sicherstellung  der  Diagnose  verwerthen ;  dieselbe  bewirkt  ausserdem 
bei  Neuralgie  nicht  selten  Verschwinden  des  Schmerzes  für  einige 
Zeit;  dasselbe  gilt  von  subcutanen  Morphiumiojectionen. 

Prognose. 

Die  Prognose  hat  mehr  als  das  örtliche  Leiden  den  Allgemein- 
zustand und  die  Lebensverhältnisse  der  Kranken  zu  berücksichtigen. 
Hat  man  es  mit  jugendlichen,  robusten,  nicht  nervösen  Individuen  zu 
thun,  so  ist  die  Prognose  günstig.  Besteht  dagegen  ausgesprochne 
Nervosität  und  Hysterie,  so  ist  die  Prognose  zweifelhaft  und  wird 
um  so  ungtlnstiger,  je  schwerer  die  zu  Grunde  liegenden  Veranlas- 
sungen zu  beseitigen,  je  schwerer  die  Kranken  aus  hemmender  oder 
direct  verschlimmernder  Umgebung  zu  entfernen  sind,  je  weniger  sie 
Einsicht,  Willensstärke  und  Energie  zur  Durchführung  einer  conse- 
quenten  Behandlung  besitzen.  Diese  allgemeinen  Andeutungen  müssen 
als  Richtschnur  bei  der  prognostischen  Beurtheilung  der  einzelnen 
Fälle  dienen. 

Therapie. 

Nach  dem,  was  wir  über  die  Auffassung  und  Pathogenese  des 
Leidens  gesagt  haben,  ergibt  es  sich  von  selbst,  dass  man  in  der 


Neuralgien.    Neuralgie  der  Gelenke.    Therapie.  Igl 

Mehrzahl  der  Fälle  sein  Hauptaugenmerk  auf  die  AUgemeinbehand^ 
long  zu  richten  haben  wird;  erst  wenn  die  causale  Indication  erfüllt 
ist,  ist  eine  dauernde  Beseitigung  des  Uebels  zu  erwarten.  Man  wird 
in  der  Regel  eine  allgemein  tonisirende  Behandlung  einzuleiten  und 
spedell  gegen  die  Hysterie  und  verwandte  nerrüse  Zustände  einzu- 
schreiten haben.  In  diesem  Sinne  ist  es  zu  verstehen,  wenn  Eisen 
and  Chinin,  wenn  Luftcuren,  besonders  im  Gebirge,  wenn  Ealtwasser- 
euren,  Stahl-  und  Soolbäder  und  ganz  besonders  die  Seebäder  sich 
oft  in  eminentem  Maasse  nützlich  erweisen;  warum  Zerstreuung  und 
Ablenkung  der  Aufmerksamkeit,  Vergnügungen,  Reisen  und  besonders 
die  Entfernung  von  Hause  aus  drückenden  oder  irritirenden  Ver- 
hältnissen häufig  so  günstig  wirken.  Tact  und  Umsicht  des  Arztes 
werden  bei  der  Stellung  dieser  Indicationen  in  besonderem  Maasse 
erfordert  and  oft  genügen  solche  Maassnahmen,  um  mit  einem  Schlage 
das  Leiden  zu  bessern  und  zu  heben.  Davon  sind  sehr  belehrende 
Beispiele  bei  Brodie,  Esmarch  und  Stromeyer  zu  lesen.  Natür- 
lich sind  auch  etwa  zu  Grande  liegende  Ortliche  Organstörungen  sorg- 
fältig zu  behandeln,  besonders  Erkrankungen  des  Genitalapparats, 
Dyspepsien,  Obstipation,  Leberleiden  u.  dgl. 

In  Bezug  auf  die  directe  Behandlung  wird  von  den  Autoren 
übereinstimmend  angegeben,  dass  die  gewöhnlichen  antiphlogistischen 
Mittel:  Blutentziehungen,  Kälte,  starke  Ableitungsmittel,  besonders 
die  längere  Zeit  in  Eiterung  erhaltenen  Vesicatore  and  Fontanellen 
eher  schaden  als  nützen.  Auch  die  absolute  Ruhe  des  Gelenks  ist 
natzlos  und  man  kann  sich  deshalb  die  Anlegung  von  Gipsverbän- 
den ersparen.  —  Dagegen  ist  vor  allen  Dingen  eine  psychische 
Behandlung  an)  Platze;  energische  psychische  Einwirkung  ftlhrt 
oft  am  raschesten  zum  Ziel  und  es  erklärt  sich  daraus,  warum  manche 
von  diesen  Fällen  darch  Sympathie,  durch  Mesmerismus,  durch 
wonderthätige  Heilige  und  Reliquien,  durch  das  Wasser  von  Lourdes 
u.  dgl.  geheilt  werden ;  dazu  gehört  nur  ein  recht  brünstiger  Glaube 
and  etwas  Hocuspocus.  Esmarch  erklärt  es  mit  Recht  filr  er- 
laubt, dass  auch  der  Arzt  diesen  Einfluss  psychischer  Bewegungen 
gebrauche;  es  braucht  ja  dabei  kein  Schwindel  mit  unterzulaufen. 
Vor  Allem  ist  es  nöthig,  dass  man  sich  das  unbedingte  Vertrauen 
solcher  Kranken  (darch  sorgfältige  Untersuchung  und  sicheres  Auf- 
treten) erwirbt,  dass  man  sie  dann  versichert,  ihr  Leiden  sei  be- 
deutungslos und  sie  sollten  nur  das  kranke  Gelenk  gebrauchen;  dass 
dies  gehe,  davon  kann  man  sie  durch  passive  und  noch  besser  durch 
active  Bewegungen  —  z.  B.  durch  einen  kleinen  Spaziergang  im 
Zimmer   während  lebhafter  Conversation    oder  eindringender    ana- 


182  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

mnestischer  Fragen  —  überzeugen.  Ist  so  der  erste  Schritt  geschehen, 
so  schreitet  bei  einigem  guten  Willen  und  etwas  Energie  der  Kranken 
die  Heilung  meistens  rasch  vorwärts.  Mächtige  psychische  Eindrücke, 
welche  die  Kranken  gelegentlich  treffen,  können  ebenfalls  in  dieser 
Weise  gtlnstig  wirken  (s.  bei  Esmarch  und  Stromeyer).  Meist 
wird  aber  eine  geeignete  locale  Behandlung  diese  Einwirkungen 
noch  unterstützen  müssen.  Diese  soll  nach  Esmarch  eine  möglichst 
negative  sein,  da  Alles,  was  die  Aufinerksamkeit  sehr  auf  den  kranken 
Theil  lenkt,  das  Leiden  verschlimmern  kann.  Das  Wichtigste  von 
Allem  ist  der  Gebrauch  des  Gliedes;  häufig  beginnt  die  Hei- 
lung unmittelbar  nach  den  ersten  Versuchen,  das  Gelenk  wieder  zu 
gebrauchen.  Man  beginne  mit  passiven  Bewegungen  und  gehe  bald 
zu  activen  über,  auch  wenn  dieselben  anfangs  Schmerzen  machen. 

—  In  einzelnen  Fällen  sah  man  von  energischem  Massiren,  was  ja 
gewöhnlich  nicht  ohne  passive  Bewegungen  abgeht,  Erfolg.  Sdir 
günstig  wirken  gewöhnlich  kalte  Begiessungen,  Abreibungen,  Douchen, 
während  die  permanente  Einwirkung  der  Kälte  eher  schadet  Sehr 
gerühmt  werden  von  Esmarch  die  bis  in  den  Spätherbst  hinein 
fortgesetzten  kurzen  kalten  Seebäder.  —  Wernher  empfiehlt  sehr  die 
permanente  Extension  bei  nervöser  Coxalgie ;  er  hängt  Gtemchte  von 
5—6  Pfd.  an  die  Knöchel,  meist  ohne  Gegenextension,  lässt  nur  das 
Fussende  des  Bettes  etwas  höher  stellen  als  das  Kopfende;  die 
Wirkung  war  in  vielen  seiner  Fälle  eine  zauberhafte. 

Hat  man  es  mit  sonst  gesunden  Individuen  zu  thun,  so  tritt  die 
gewöhnliche  Behandlung  der  Neuralgie  in  ihre  Rechte.  Subcutane 
InjectioneB  von  Morphium  oder  Atropin  sind  oft  von  glänzender 
Wirkung ;  auch  fliegende  Vesicantien  können  in  solchen  Fällen  nützen. 
Ebenso  die  Anwendung  der  Elektricität  (entweder  faradischer 
Pinsel  oder  starke  galvanische  oder  faradische  Ströme  quer  durch 
das  Gelenk  geleitet,  mit  Berücksichtigung  der  Hauptnervenstämme. 
0.  Berg  er  erzählt  überaus  glückliche  Erfolge  von  der  elektrischen 
Behandlung:  in  zwei  Fällen  traten  frappante  Erfolge  ein,  beim  energi- 
schen Gebrauch  des  faradischen  Pinsels,  in  einem  andern  Falle  bei 
der  Einwirkung  eines  massigen  galvanischen  Stroms.  Auch  Mor. 
Meyer  empfiehlt  einen  starken  faradischen  Strom  quer  durch  das 
Gelenk.  Von  innem  Mitteln,  die  nicht  gerade  durch  die  Cansalindi- 
cation  gefordert  sind,  wären  vor  allen  Chinin  und  Arsenik  zu  nennen. 

—  Einzelne  symptomatische  Indicationen  (Muskelatrophie,  secundäre 
Lähmungen  etc.)  ergeben  sich  von  selbst. 


Anästhesie.    Begriflfsbestimmang.  1 83 


3.  Anästhesie. 

Lehrbücher  von  Romberg,  Hasse,  A.  Eulenburg.  —  Lehrbücher  d. 
Physiologie;  bes.E. H.Weber,  Tastsinn  u.  Gemeingefühl  in  Wagner*s  Handwört. 
d.  Fhys.  1849.  —  Puchelt,  üeber  partielle  Empfindungslfthmung.  Heidelb.  med. 
Annal.  X.  1845.  —  Meissner,  Beltr.  zur  Anat.  u.  Physiol.  d.  Haut  1853.  — 
Eigenbrodt,  Ueber  die  Diagnose  der  part.  Em^findungsl&hmung.  Yirch.  Arch. 
XmH.  1862.  —  Smoler,  Cntane  Analgesie  u.  ihr  symptomat.  Vorkommen  in 
yerschied.  Krankheiten.  Prwj.  Vierteljahrschr.  1865.  Bd.  HI  u.  IV.  —  Goltz, 
Neues  Verfahren,  die  Schärte  des  Drucksinns  in  der  Haut  zu  prüfen.  Gentralbl. 

1863.  No.  18.  —  Mo 8 1er,   Der  Sieveking*sche  Aestbesiometer.  Arch.  d.  Heük. 

1864.  —  E.  Levden,  Unters,  über  d.  Sensibilität  im  gesund,  u.  krank.  Zustande. 
Virch.  Arch.  Bd.  31.  1864.  —  A.  Eulenburg,  Thermästhesiometer.  Berl.  klin. 
Woch.  1866.  No.  46.  —  Verfahren  zur  Drucksinnmessung,  ibid.  1869.  No.  44.  — 
Nothnagel,  Zur  Physiol.  u.  Pathol.  d.  l'emperatursinns.  Arch.  f.  klin.  Med.  H. 
1867.  u.  Zur  Lehre  von  d.  vasomotor.  Neurosen,  ibid.  1867.  —  Salomon,  Ueb. 
CentraUähmongen.  Deutsch.  Klin.  1863.  No. 36.  —  Landois  u.  Mosler,  Neuro- 
pathol.   Studien.    (Partielle  Empfindungslähmung.)    Berl.  klin.  Woch.   1868.  ~ 

0.  Berger,  Drei  Fälle  von  partieUer  Empfindungslähmung.  Wien.  med.  Woch. 
1872.  No.  27  bis  32.  —  Schüppel,  Ein  Fall  von  allgem.  Anästhesie.  Arch.  d. 
Heilk.  XV.  1873.  —  Gust.  Busch,  Zur  Physiol.  d.  sens.  Hautnerven  imAnschl. 
an  einen  Fall  von  partiell.  Empfindungslähmung.  Dissert.  Halle.  1872.  —  Vul- 
pian,  De  llnfluence  qu*exerce  la  faradisat.  de  la  peau  dans  certains  cas  d'anesth^sie 
cutan^e.  Arch.  d.  Physiol.  1875.  p.  877. 

Anästhesie  d.  Trigeminus:  Kocher,  Hirschberg,  Guttmann,  Fälle 
von  Trigeminuslähmung.  Berl.  klin.  Woch.  1868.  No.  10  u.  11;  48  u.  49:  51.  — 
Dixon,  Med.  chir.  Transact.  2.  Ser.  Vol.  X.  —  Snellen,  Arch.  f.  d.  Holland. 
Beitr.  z.  Natur-  u.  Heilk.  L  1858.  —  Büttner,  Ernährungsstörung  nach  Durch- 
schnddnng  des  Trigeminus  etc.  Zeitschr.  f.  rat.  Med.  3.  Reihe.  XV.  1862.  — 
J.  Hutchinson,  Lond.  Ophthalm.  Hosp. Rep.  IV.  p.  189.  1863—65.  —  Hippel, 
Emährongsstörungen  des  Auges  bei  Anästh.  d.  Trigem.  Arch.  f.  Ophthalm.  XIU. 

1.  8.  49,  —  Meissner,  Zeitschr.  f.  rat.  Med.  3.  Reihe.  XXIX.  1867.  —  Senft- 
leben,  Ueber  Ursachen  u.  Wesen  der  nach  der  Durchschneidung  des  Trigem. 
auftretenden  Homhautaffection.  Virch.  Arch.  Bd.  65.  S.  69.  1875. 

Unter  Anästhesie  (Empfindungslähmung)  begreift  man  die  Ver- 
minderung oder  völlige  Anfhebang  der  durch  die  centripetalen  (sen- 
sorischen) Nerven  zum  Bewusstsein  gebrachten  Einwirkungen. 

In  diesem  weitesten  Sinne  gehören  also  in  das  Bereich  der 
Anästhesie  einmal  die  Empfindungslähmungen  im  Gebiete  der  sen- 
siblen Hautnerven  (cutane  Anästhesien);  femer  diejenigen  der 
sensiblen  Muskelnerven  und  aller  zum  Bewegungsapparat  gehören- 
den sensiblen  Bahnen  (musculäre  Anästhesien);  femer  die 
Empfindungslähmungen  der  verschiedenen  inneren  vegetativen  Organe 
(viscerale  Anästhesien)  und  endlich  jene  der  specifischen 
Sinnesnerven  (sensuale  Anästhesien).  Diese  verschiedenen 
Formen  sind  von  sehr  verschiedener  praktischer  Wichtigkeit ;  weitaus 
die  häufigsten  und  wichtigsten  sind  die  Empfindungslähmungen  im 
Gebiet  der  sensiblen  Hautnerven.  Diese  haben  wir  zunächst  zu  be- 
trachten. 


184  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Cutane  Anästhesien, 

Sie  kommen  ungemein  häufig  theils  selbstständig^  theils  —  und 
das  ist  der  gewöhnlichere  Fall  —  als  Theilerscheinnng  der  Ter- 
schiedensten  Krankheiten  des  Nervensystems  vor.  Man  findet  meist 
nur  eine  Verminderung  (Geftlhlsparese) ,  seltner  eine  völlige 
Aufhebung  der  Hautsensibilität  (Gefühlsparalyse). 

An  Stelle  der  entfallenden,  durch  die  Haut  vermittelten  Sensa- 
tionen nehmen  die  Kranken  oft  eigenthümUche  krankhafte  Empfin- 
dungen wahr,  die  in  der  Regel  nicht  genau  beschrieben  werden 
können  und  als  „ Taubsein ''y  „Pelzigsein",  „Kriebeln*',  „Eingeschla- 
fensein", „  Formication  *  u.  dgl.  bezeichnet  werden.  Dieselben  sind 
zurückzuführen  theils  auf  eine  Abstumpfung  und  Vermindemng  der 
normalen  Sensationen  und  treten  nur  auf,  wenn  solche  Sensationen 
durch  äussere  Reize  entstehen  sollen,  theils  auf  neuentstandene, 
pathologische  Empfindungen  und  stellen  im  letzteren  Fall  wirkliche 
Parästhesien  dar. 

Bekanntlich  vermittelt  die  Haut  sehr  verschiedene  Qualitäten 
der  Empfindung,  die  man  gewöhnlich  in  zwei  grosse  Gruppen  — 
Tastempfindungen  und  Gemeingefühle — scheidet.  In  jeder 
dieser  Gruppen  sind  es  wieder  mehrfache  Empfindungsqualitäten,  die 
wir  unterscheiden  können.  In  der  ersten  Gruppe  spricht  man  von 
Druckempfindungen  und  von  Temperaturempfindungen; 
unter  jenen  versteht  man  sowohl  die  durch  einfache  Berührungen 
der  Haut  (Druckminima) ,  sowie  durch  die  Berührung  verschieden- 
artiger Körper  hervorgerufenen  qualitativ  verschiedenen  Empfindun- 
gen, als  auch  die  durch  verschiedene  Druckgrössen  hervorgerufenen 
und  abschätzbaren  eigentlichen  Druckempfindungen  0 ;  unter  diesen 


1)  Es  dürfte  vielleicht  praktisch  zweckmässig  sein,   diejenigen  EmpfindoDgs- 
qualitäten,  welche  durch  leise  Berührung,  durch  Streichen,  durch  Berührung  mit 
glatten  oder  rauhen,  mit  trockenen,  feuchten,  wolligen  u.  dgl.  Körpern,  welche 
durch  Auflegen  verschiedenartig  geformter  Körper  (z.  B.  Geldstücke,   Hinge, 
Schlüssel  u.  dgl.,   deren  Form  und  Qualität  man  erkennt,  auch  ohne  den  durch 
sie  hervorgehrachten  Druck  abzuschätzen)  hervorgerufen  werden,  als  eigentliche 
Tastgefühle  oder  als  Berührungsgefühle  (Meissner's  einfache  Tast- 
empfindung) von  den  wirklichen  Druckempfindungen,  die  sich  auf  die  Grösse 
und  Differenz  des  einwirkenden  Druckes  beziehen,  zu  trennen.    Es  soll  damit 
nicht  geleugnet  werden,  dass  sich,  streng  genommen,  alle  diese  Tastempfindungen 
auf  Modificationen  des  Druckes  und  der  Temperatur  (mit  Zuhülfenahme  des 
Ortssinns)  zurückführen  lassen,  allein  für  die  praktische  Verwerthung  und  be- 
sonders für  die  diagnostische  Untersuchung  dürfte  es  zweckmässiger  sein,  die 
obige  Unterscheidung  zu  machen. 


AnSsthesie.    Catane  Anästhesien.  185 

die  durch  Körper  von  verschiedener  Temperatur  hervorgerufenen 
Empfindungen. 

In  der  zweiten  Gruppe  —  Gemeingefbhle  —  sind  sehr  ver- 
schiedene Empfindungsqualitäten  untergebracht,  von  welchen  die  be- 
kanntesten Schmerz y  Jucken,  Kitzel,  Wollust,  elektrische  Empfin- 
dungen sind. 

Die  Haut  vermittelt  aber  nicht  allein  diese  qualitativ  verschie- 
denen Empfindungen  an  sich,  sondern  wir  erhalten  zugleich  auch 
Ao&chluBS  über  den  Ort,  an  welchem  die  betreffenden  äusseren 
Reize  auf  die  Haut  eingewirkt  haben,  und  wir  vermögen  durch  den 
Ort  sinn  auch  mehrere  gleichzeitig  einwirkende,  qualitativ  gleiche 
Empfindnngsreize  als  getrennte  zu  erkennen. 

Es  werden  dadurch  die  Verhältnisse  der  Hautsensibilität  ziemlich 
verwickelte  und  schwierige,  und  man  muss  in  pathologischen  Fällen 
sein  Augenmerk  auf  alle  die  verschiedenen  Empfindungsqualitäten 
richten  (also  auf  das  Tast-  oder  Bertlhrungsgeftthl,  den  Drucksinn, 
Temperatursinn,  Ortsinn,  endlich  unter  den  GemeingefUhlen  beson- 
ders auf  das  Schmerzgefühl,  Kitzelgeftthl  und  die  elektrische  Empfin- 
dung). 

Es  Bind  nämlich  unter  pathologischen  Verhältnissen  nicht  immer 
alle  Empfindungsqualitäten  gleichzeitig  und  gleichmässig  gelähmt. 
Ist  dies  dennoch  der  Fall,  ist  alle  und  jede  Empfindung  erloschen, 
80  spricht  man  von  einer  totalen  Empfindungslähmung. 
Häufig  jedoch  sind  nur  einzelne  Qualitäten  vermindert  oder  erloschen, 
die  übrigen  mehr  oder  weniger  erhalten:  es  können  z.  B.  die  Tast- 
empfindungen erloschen,  die  GemeingefUhle  erhalten  sein  oder  um- 
gekehrt; dann  hat  man  die  partielle  Empfindungslähmung. 
—  Es  können  aber  femer  auch  einzelne  Tastempfindungen  oder 
ebenso  einzelne  GemeingefÜhle  verloren  oder  erhalten  sein  und  man 
kann  deshalb  wieder  partielle  Tastsinnslähmungen  und  par- 
tielle Gemeingeftlhlslähmungen  unterscheiden.  Es  können 
hier  alle  möglichen  Combinationen  vorkommen  und  sind  auch  zum 
grössten  Theil  schon  beobachtet  worden.  So  kann  der  Drucksinn 
isolirt  gelähmt  sein,  während  die  übrigen  Qualitäten  erhalten  sind; 
dasselbe  gilt  ftir  den  Temperatursinn  und  Ortsinn;  oder  es  können 
zwei  von  diesen  Qualitäten  gelähmt,  die  dritte  unversehrt  sein;  bei 
alledem  kann  gleichzeitig  Lähmung  des  Gemeingeftlhls  vorhanden 
Bein  oder  nicht.  Unter  den  partiellen  Gemeingeftthlslähmungen  ist 
die  häufigste  der  Verlust  der  Schmerzempfindung  —  Analgesie  — ; 
sie  kann  mit  oder  ohne  partielle  Tastsinnslähmung  erscheinen.  Man 
sieht,    dass  die  Zahl  der  möglichen  Combinationen  eine   ziemlich 


18t>  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

grosse  ist,  und  dass  nur  eme  sehr  soi^fältige  Untersachnng  dieselben 
genauer  ermitteln  kann.  Sehr  gewöhnlich  gehen  die  einzelnen  Com- 
binationen  in  einander  über,  und  man  sieht  mit  dem  Fortschreiten 
der  pathologischen  Processe  auch  die  Empfindungslähmung  sich  aof 
immer  weitere  Gebiete  verbreiten ;  es  kann  so  eine  partielle  Empfin- 
dungslähmung durch  verschiedene  Mittelstufen  allmälig  in  die  totale 
übergehen. 

In  Bezug  auf  die  räumliche  Ausbreitung  der  Anästhesie  auf  der 
Hautoberfläche  unterscheidet  man  circumscripta  (locale)  und 
diffuse  oder  allgemeine  Anästhesie;  man  spricht  von  einseitig^; 
doppelseitiger,  hemiplegischer,  paraplegischer  Empfindungslähmung, 
welche  Bezeichnungen  keiner  weiteren  Erklärung  bedürfen. 

In  Bezug  auf  die  Intensität  der  Störung  nennt  man  complete 
Anästhesie  jene,  bei  welcher  die  betreffende  EmpfindungsqnalitiU 
vollständig  erloschen,  in  complete  jene,  bei  welcher  dieselbe  nur 
mehr  oder  weniger  herabgesetzt  ist. 

Pathogenese  und  Aetiologie. 

Zum  Verständniss  der  Pathogenese  der  Anästhesien  ist  es  zweck- 
mässig, einen  kurzen  Blick  auf  die  den  Empfindungen  zu  Grunde 
liegenden  physiologischen  Vorgänge  zu  werfen. 

Alle  Empfindungen  in  der  Haut  entstehen  durch  Verändenuig 
peripherischer  Endapparate  der  sensiblen  Hautnerven,  die  uns  wohl 
nur  zum  Theil  bekannt  sind  (Vater 'sehe  oder  Pacini'sche  Kör- 
p^chen ,  Meissner' sehe  Tastkörperchen ,  kolbenförmige  An- 
schwellungen von  Langerhans).  Ob  es  verschiedene  solcher  End- 
apparate für  die  verschiedenen  Empfindungsqualitäten  gibt,  ist  unbe- 
kannt. 

Jede  äussere  Einwirkung  auf  diese  Endapparate  ruft  eine  Bei- 
zung derselben  hervor;  diese  Reizung  pflanzt  sich  durch  die  empfin- 
dungsleitenden (sensiblen)  Nervenfasern  in  centripetaler  Richtung 
fort.  Auch  hier  ist  die  Frage  noch  unentschieden,  ob  für  die  ein- 
zelnen Empfindungsqualitäten  verschiedene  leitende  Bahnen  existiren; 
oder  nicht.  Weder  die  von  Seite  mancher  Physiologen  beigebrachten 
Gründe,  noch  die  von  manchen  Beobachtern  (Nothnagel,  Berger) 
beigebrachten  pathologischen  Fälle,  welche  für  die  Existenz  diffe- 
renter  Leitungsbahnen  zu  sprechen  scheinen,  konnten  die  Frage  bis- 
her nach  einer  oder  der  andern  Richtung  hm  positiv  entscheiden. 
Es  ist  selbst  wieder  zweifelhaft  geworden,  ob  von  den  peripheren 
Endapparaten  aus  in  den  vorhandenen  centripetalen  Leitungsbahnen 
eine  ganz  isolirte  Leitung  bis  zum  Centralorgan  stattfinde  oder  nicht. 


Anästhesie.    Cutane  Anästhesien.    Aetiologie  und  Pathogenese.         187 

Es  ist  wenigstens  für  die  sensiblen  Endyerzweignngen  an  der  oberen 
Extremist  durch  patiiologische  Fälle  und  physiologische  Experimente 
(Arloing  nnd  Tripier)  wahrscheinlich  gemacht ^  dass  nach  Aus- 
sehaltong  einer  sensiblen  Leitungsbahn  die  dieselbe  gewöhnlich  be- 
nfitzenden sensiblen  Eindrtlcke  durch  benachbarte  Leitnngsbahnen 
zum  Gentralorgan  hingeführt  werden,  so  dass  in  dem  Verbreitnngs- 
bezirke  eines  durchschnittenen  sensiblen  Zweiges  die  Anästhesie 
fehlen  kann,  und  man  zur  Annahme  ausgiebiger  peripherischer 
Anastomosen  unter  den  einzelnen  sensiblen  Zweigen  gezwungen  ist 

Die  peripheren  Leitungsbahnen  gehen  durch  die  hintern  Wurzeln 
m  Rückenmark  hinein.  Ueber  ihren  weiteren  Verlauf  in  diesem 
schwebt  noch  immer  ein  schwer  zu  lichtendes  Dunkel.  Die  weissen 
Hinterstränge  (und  yielleicht  die  angrenzenden  Theile  der  Seiten- 
strftnge)  und  die  graue  Substanz  sind  hier  jedenfalls  die  Hauptlei- 
tODgswege.  Wie  sieh  dieselben  aber  auf  die  efaizelnen  Empfindungen 
yertheilen^  ob  getrennte  Bahnen  ftlr  dieselben  existiren  oder  nicht, 
ist  auch  hier  nicht  definitiv  entschieden.  Schiff  fand  zuerst  die 
Thatsache^  dass  die  Leitung  der  Schmerzempfindungen  an  die  An- 
wesenheit der  grauen  Substanz  geknüpft  sei,  während  die  isolirten 
HinterstiUnge  noch  Tastempfindungen  vermittelten ;  er  nahm  getrennte 
Leitangsbahnen  an.  Brown-S6quard  nimmt  sogar  ftlr  alle  ein- 
zehien  Empfindungsqualitäten  getrennte  Leitungsbahnen  au.  Eine 
neuerdings  mehr  vertretene  Ansicht  ist  die,  dass  in  der  weissen 
Substanz  und  deren  unmittelbarer  Nähe  die  Hauptleitungen,  in  der 
grauen  Substanz  die  Nebenleitungen  verlaufen;  dass  diese  letzteren 
erst  bei  stärkeren  Reizen  betreten  werden,  dann  aber  zu  einer  stär- 
keren Erregung  (Schmerz)  Veranlassung  geben  können.  —  Für  den 
grössten  Theil  der  sensiblen  Leitungsbahnen  findet  bereits  im  Bücken- 
mark in  verschiedener  Höhe  desselben  eine  Kreuzung  statt. 

In  der  MeduUa  oblongata  nehmen  die  sensiblen  Bahnen  eine 
mehr  seitliche  Lage  ein ;  sie  ziehen  durch  die  Brücke  und  den  Him- 
sehenkel,  treten  dann  in  noch  nicht  vollständig  genau  ermittelte  Be- 
gehungen zu  den  grossen  Grchimganglien ,  besonders  zum  Sehhügel 
und  ziehen  dann  durch  die  Stabkranzfäsernng  weiter  zur  Hirnrinde. 
Es  scheinen  besonders  die  hinter  der  Syl  vi' sehen  Spalte  gelegenen 
Bindengebiete  zu  sein,  in  welchen  die  sensible  Faserung  endet  und 
iu  welchen  wir  also  die  centralen  Endapparate  fllr  die  Au&ahme 
der  Empfindungen  zu  suchen  hätten.  Ob  es  auch  im  Gehirn  ver- 
Bchiedene  Leitungsbahnen  und  verschiedene  Gentralorgane  für  die 
eiuzebnen  Empfindungsqualitäten  gibt,  ist  noch  nicht  mit  hinreichen- 
der Sicherheit  entschieden,  aber  nach  einzelnen  pathologischen  Be- 


188  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

obachtungen  (Mosler,  Berg  er  u.  A.)  wenigstens  wahrscheinlich. 
Dagegen  sucht  G.  Busch  auf  Grund  eines  Falles  von  partieller 
Emp&idungslähmung  aus  centraler  Ursache  mit  vielem  Schar&iim 
wahrscheinlich  zu  machen,  dass  sämmtliche  Empfindungen  durch  die 
gleichen  Nervenbahnen  geleitet  werden  und  ihre  Verschiedenheit  nar 
aus  der  Verschiedenheit  der  Beizeinwirkung  zu  erklären  sei. 

Ein  Blick  auf  die  hier  kurz  skizzirten  Verhältnisse  lehrt  sofort, 
dass  Anästhesie  durch  Veränderungen  an  sehr  verschiedenen  Stellen 
der  sensiblen  Nervenapparate  entstehen  kann  und  zwar:  1.  durch 
Veränderung  (Unevregbarkeit)  der  peripheren  Endapparate,  2)  durch 
Hemmung  oder  Unterbrechung  der  sensiblen  Leitung  und  zwar:  a)  der 
peripheren,  b)  der  spinalen,  c)  der  cerebralen  Leitung ;  endlich  3.  durch 
Veränderung  (Unerregbarkeit)  der  centralen  Aufhahmsorgane.  Nach 
diesen  Möglichkeiten  lassen  sich  am  einfachsten  die  Ursachen  der 
Anästhesien  gruppiren. 

1.  Ursachen,  welche  die  Erregbarkeit  der  peripheren 
sensiblen  Endorgane  herabsetzen  oder  vernichten. 
(Eigentliche  periphere  Anästhesien.) 

Eine  der  greifbarsten  hierhergehörigen  Ursachen,  deren  anästhe- 
sirende  Wirkung  jeden  Augenblick  demonstrirt  werden  kann,  ist  ohne 
Zweifel  die  Kälte /örtliche  Wärmeentziehung).  Als  Prototyp  ihrer 
Einwirkung  kann  man  die  locale  Anästhesie  durch  Zerstäubung  von 
Aether  (oder  ähnlichen  Flüssigkeiten)  auf  der  Haut  anführen;  durch 
die  dabei  stattfindende  mächtige  Eälteentwickelung  wird  [die  Haut 
in  kurzer  Zeit  so  empfindungslos,  dass  man  chirurgische  Operationen 
an  derselben  ohne  Schmerz  ausführen  kann.  Diese  Methode  hat  sich 
bekanntlich  fllr  kleinere  Operationen  bei  manchen  Chirurgen  einer 
gewissen  Beliebtheit  zu  erfreuen.  —  Ganz  ähnlich  wirkt  das  Auf- 
legen von  Eis  oder  von  Eältemischungen,  oder  wohl  auch  die  Vkogere 
Einwirkung  einer  sehr  kalten  Luft. 

Es  wird  dadurch  oflFenbar  die  Erregbarkeit  der  peripheren  End- 
apparate (vielleicht  auch  der  zunächst  gelegenen  sensiblen  Leitungs- 
bahnen) herabgesetzt  oder  völlig  aufgehoben.  Physiologische  Ver- 
suche (Weber,  A.  Eulenburg,  Nothnagel  u.  A.)  haben  gelehrt, 
dass  dabei  Druck-,  Temperatur-  und  Raumsinn,  Schmerzempfindung 
und  elektrocutane  Sensibilität  in  nahezu  gleicherweise  herabgesetzt 
werden.  —  Beim  eigentlichen  Erfrieren  entsteht  Gefühllosigkeit  durch 
brandige  Zerstörung  der  Haut;  die  sogenannten  „rheumatischen" 
Anästhesien  sind  wohl  auf  andere  Momente,  als  auf  du-ecte  Kälte- 
wirkung zurttckzuflihren.  —  Auch  die  Einwirkung  höherer  Wärme- 
grade kann  zu  einer  Abstumpfung  der  verschiedenen  Empfiodungs- 


Anästhesie.    Cutane  Anästhesien.    Aetiologie  und  Pathogenese.        1S9 

qaalitäten  fUhren,  wie  Versuche  von  Weber  und  Nothnagel  ge- 
zeigt haben. 

Häufig  beobachtet  man,  dass  die  längere  Einwirkung  gewisser 
Aetzmittel  auf  die  Haut  die  Sensibilität  derselben  herabsetzt;  am 
bekanntesten  ist  die  durch  Laugeeinwirkung  bei  Wäscherinnen  her- 
Torgerufene  Anästhesie  (Romberg),  bei  deren  Entstehung  aber  wohl 
die  gleichzeitige  Kälte  oder  Wärme  des  Wassers  mehr  oder  weniger 
mitwirkt.  Auch  von  ätzenden  Säuren  (Essigsäure,  Scheidewasser  etc.) 
ist  eine  ähnliche  Wirkung  beobachtet  worden;  dass  dieselbe  durch 
Einwirkung  dieser  Aetzmittel  auf  die  peripheren  Endapparate  zu  er- 
klären ist,  kann  wohl  keinem  Zweifel  unterliegen,  wenn  wir  auch 
die  feinere  Art  und  Weise  dieses  Einwirkens  nicht  genauer  kennen. 

Die  Einwirkung  elektrischer  Ströme  kann  ebenfalls  die 
Sensibilität  der  Haut  etwas  herabsetzen.  Nadedja  Suslowa  fand 
eine  Verminderung  des  Tast-,  Raum-  und  Temperatursinns  beim  Durch- 
leiten eines  schwachen  faradischen  Stroms  durch  die  Haut  und  in  der 
Umgebung  der  Anode  des  galvanischen  Stroms ;  dagegen  keine  Ver- 
änderung des  Gemeingefbhls. 

Dass  gewisse  Narcotica  die  Sensibilität  der  Haut  direct  her- 
absetzen, ist  durch  A.  Eulenburg's  Versuche  mit  subcutanen 
Morphiuminjectionen  nachgewiesen.  Auch  die  energische  Einwirkung 
Ton  Linimenten  oder  Salben  mit  Atropin,  Aconitin  u.  dgl.  vermag 
die  Sensibilität  der  Haut  —  offenbar  durch  Einwirkung  auf  die 
peripheren  Endapparate  —  herabzusetzen. 

Von  nicht  geringer  Wichtigkeit  fttr  das  Zustandekommen  der 
Anästhesie  sind  Girculationsstörungen;  besonders  Ischämie 
der  Haut  ist  eine  häufige  und  wichtige  Ursache  der  cutanen  Anästhe- 
sie; mechanische  sowohl  wie  spastische  Ischämie  kann  die  Erregbar- 
keit der  peripheren  Endapparate  herabsetzen  und  auf  diesem  Wege 
wirken  manche  vasomotorische  Neurosen  (Arterienkrampf),  welche 
mit  Anästhesie  einhergehen  (Nothnagel).  Auch  Stauungshyper- 
ämie soll  die  Feinheit  der  Tastempfindungen  herabsetzen  (Ais- 
berg). In  welcher  Weise  die  bei  manchen  Hautaffectionen  (z.  B. 
der  von  Ve  i  e  1  beschriebenen  Paralysis  cutis  circumscripta  multiplex 
Qttd  beim  Herpes  Zoster)  beobachteten  localen  Anästhesien  zu  Stande 
kommen,  ist  noch  dunkel;  doch  darf  man  wohl  beim  Zoster  mit 
rimger  Sicherheit  auf  neuritische  Leitungshemmung  in  den  peripheren 
Nervenbahnen  recurriren.  —  Endlich  wird  eine  totale  Zerstörung 
der  Haut  (durch  Verbrennung,  ErMerung,  Ulceration  etc.),  indem 
sie  die  peripheren  Tastorgane  zerstört,  auch  die  durch  diese  ver- 
mittelten Empfindungsqualitäten  vernichten. 


190  Ebb,  Krankheiten  der  peripfaeren-cerebrospinalen  Nerven. 

2.  Ursachen,  welche  die  Leitung  in  den  peripheren  Ner- 
venbahnen hemmen  oder  unterbrechen.  (Erste  Gruppe  der 
Leitungsanästhesien.)  Auch  hier  kann  die  Kälte  ihre  Wirk- 
samkeit entfalten;  die  Einwirkung  derselben  auf  periphere  Nerven- 
stämme  setzt  die  Sensibilität  im  Yerbreitungsbezirk  herab.  Die  Er- 
kältung ruft  wohl  meist  durch  Beeinflussung  der  peripheren  Nerven- 
stämme  Anästhesie  hervor;  es  mag  sich  dabei  meist  um  eine  Idcbte 
(„rheumatische")  Neuritis  derselben  handeln.  —  Demnächst  sind 
Traumata  (aller  Art  und  im  weitesten  Sinne)  häufige  Ursachen 
peripherer  Anästhesie;  sie  au&uzählen,  würde  zu  weit  ftthren.  Viel- 
fach handelt  es  sich  dabei  um  einfache  Compression,  wie  sie  durch 
Hernien y  Tumoren  aller  Art,  durch  Neurome,  durch  Lepraknoten 
(Lepra  anaesthetica)  u.  dgl.  herbeigeführt  wird.  Die  einfache  Neu- 
ritis, wenn  dadurch  die  Nervenfasern  hinreichend  comprimirt  werden, 
kann  zur  Anästhesie  führen ,  so  bei  Zoster;  ein  von  Bemak  er- 
zählter Fall)  wo  nach  peripherer  Nervenverletzung  am  Nagelglied 
des  Daumens  sich  allmälig  eine  centripetal  fortschreitende  Anästhesie 
im  Radialis-  und  Medianusgebiet  ausbildete ,  darf  wohl  durch  fort- 
geleitete  Neuritis  erklärt  werden ;  der  von  R  e  m  a  k  daflir  eingefllhrte 
Begriff  der  Reflexanästhesie  dürfte  unserem  Verständniss  viel  femer 
liegen.  Hierher  gehOrt  wohl  auch  ein  Theil  der  Anästhesie  die  man 
bei  Neuralgien  findet,  während  ein  anderer  Theil  sich  wohl  durch 
Einwirkung  auf  das  Centralorgan  erklärt  (s.  o.). 

3.  Ursachen,  welche  Hemmung  oder  Unterbrechung 
der  spinalen  Leitung  bewirken.  (Zweite  Gruppe  der  Leitungs- 
anästhesien.) 

Die  Zurflckftthrung  der  spinalen  Anästhesien  auf  bestimmte  locale 
Veränderungen  im  Rückenmark  hat  ihre  sehr  erheblichen  Schwierig- 
keiten, theils  wegen  der  Unsicherheit  unserer  Kenntnisse  über  die 
physiologischen  Leitungsbahnen,  theils  wegen  der  Mangelhaftigkeit 
der  pathologischen  Anatomie  des  Rückenmarks.  Hier  im  Central- 
organ beginnt  eigentlich  erst  das  Hauptgebiet  der  partiellen  Empfin- 
dungslähmungen,  denn  weitaus  die  Mehrzahl  der  in  diese  Rubrik 
gehörigen  Fälle  beruht  auf  Erkrankungen  des  centralen  Nerven- 
systems; an  reinen  und  zweifellosen  Beobachtungen  von  partieller 
Empfindungslähmung  bei  Erkrankungen  peripherer  Nervenstämme 
fehlt  es  noch  fast  vollständig  (ausgenommen  wohl  der  Fall  von 
Nothnagel  1.  c,  der  aber  erst  2  Jahre  nach  Einwirkung  des 
Trauma  untersucht  wurde).  Für  alle  Detailfragen  müssen  wir  auf 
die  Schilderung  der  Rückenmarkskrankheiten  (Band  XI  dieses  Wer- 
kes) verweisen:  hier  mögen  einige  kurze  Andeutungen  genügen. 


Anästhesie.    Cutane  Anästhesien.    Pathogenese  und  Aetiologie.        191 

Sehr  einfach  sind  nattlrlich  die  Verhältnisse  bei  vollständiger 
qaerer  Trennang  oder  Compression  des  Rückenmarkes  —  da  findet 
sich  totale  Empfindungslähmui^  aller  Hautbezirke,  welche  ihre  Nerven 
Ton  unterhalb  der  Stelle  der  Läsion  erhalten;  das  ist  der  Fall  bei 
Wirbelsänlenbrüchen ,  bei  Zertrümmerung  des  Rückenmarks  durch 
Kutextrayasate,  bei  Compression  desselben  durch  Tumoren,  ^^yphosen, 
Congestionsabscesse  n.  dgl.,  bei  Durchschneidung  oder  Zerreissang 
des  Rückenmarks  u.  s.  w.  —  Für  die  partiellen  Empfindungslähmungen 
di^^n  müssen  wohl  immer  Erkrankungen  der  Hinterstränge  (nnd 
der  Seiteaistränge  zum  Theil)  oder  der  grauen  Substanz  oder  beider 
sogleich  yerantwortlich  gemacht  werden.  Da  es  nach  Schiffs 
neuesten  Angaben  (Centralbl.  f.  d.  med.  Wiss.  1872  No.  49)  scheint, 
als  ob  nicht  bloss  die  Ausbreitung  der  Erkrankung  im  Querschnitt 
des  Rückenmarks  für  die  Grösse  und  Art  der  SensibilitätsstOmng 
maassgebend  sei,  sondern  auch  der  Sitz  des  Krankheitsherdes  in 
T^schiedener  Höhe  des  Rückenmarks,  indem  die  empfindungsleiten- 
den Bahnen  ihre  Lage  im  Rückenmarksquerschnitt  allmäh'g  ändern 
(z.  B.  Ton  den  SeitenstiiUigen  in  die  Hinterstränge  oder  die  graue 
Substanz  überführen),  so  werden  dadurch  die  Verhältnisse  nur  Ver- 
wickelter. So  viel  scheint  jedoch  mit  einer  gewissen  Wahrschein- 
lichkeit festzustehen,  dass  bei  Erkrankungen  der  grauen  Substanz 
Yorwiegend  das  QemeingeAlhl ,  bei  Erkrankungen  der  Hinterstränge 
ond  des  Lendentheils  der  Seitenstränge  dagegen  vorwiegend  die 
Tastempfindung  beeinträchtigt  wird;  femer  dass  bei  einseitiger  spi- 
naler ^ästhesie  eine  Läsion  der  entgegengesetzten  Markhälfte  an- 
genommen werden  darf  (wegen  der  Kreuzung  der  sensiblen  Fasern 
im  Rückenmark).  Auf  welche  anatomischen  Localisationen  jedoch 
die  so  häufig  bei  Rückenmarkskrankheiten  zu  beobachtenden  par- 
tiellen Tastsinns -Lähmungen  zurückzubeziehen  sind,  ist  uns  noch 
TöUig  unbekannt  und  es  existiren  darüber  bis  jetzt  nur  mehr  oder 
weniger  wahrscheinliche  Yennuthungen. 

Es  ist  von  diesen  Gesichtspunkten  aus  leicht  verständlich,  dass 
bei  verschiedenen  Erkrankungen  des  Rückenmarks  Sensibilitäts- 
sKbruDgen  zu  den  gewöhnlichsten  Symptomen  gehören,  dass  aber 
aneh,  bedingt  durch  Sitz  und  i^mliche  Ausbreitung  der  krankhaften 
Prooesse  im  Rückenmark,  die  mannichfachsten  Abstufungen  und 
Combinationen  der  Sensibilitätsstörung  beobachtet  werden,  dass  in 
Wirklichkeit  alle  möglichen  Formen  der  partiellen  Empfindungsläh- 
mnngen  vorkommen.  Vor  Allem  sind  es  die  Tabes  dorsalis,  die 
Myelitis  chronica,  die  Rückenmarksklerose  und  -Erweichung  u.  s.  w., 
welche  mit  solchen  Anästhesien  einhergehen  und  verweisen  wir  ftlr 


192  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

alles  Nähere  auf  die  aasftibrliche  Beschreibung  dieser  Krankheiten 
im  XI.  Band. 

4.  Ursachen,  welche  Hemmung  oder  Unterbrechung  der 
cerebralen  Leitung  bewirken.  (Dritte  Gruppe  der  Leitungs- 
anästhesien.) 

Hier  sind  die  Verbältnisse  mindestens  ebenso  schwierig  and 
dunkel  wie  am  Rückenmark.  Das  Postulat  getrennter  Leitungsbahnen 
ftlr  die  verschiedenen  Empfindungsqualitäten  scheint  aus  zahlreichen 
pathologischen  Beobachtungen  hervorzugehen;  doch  haben  dieselben 
bisher  nichts  Sicheres  über  die  Lage  und  den  Verlauf  dieser  Bahnen 
im  Gehirn  ergeben;  erst  zukünftige,  durch  den  Zufall  begünstigte 
zahlreiche  und  exacte  Einzelbeobachtungen  können  hier  aUmUig 
Klarheit  bringen.  Bis  jetzt  können  wir  nur  soviel  sagen,  dass  die 
sensiblen  Leitungsbahnen  auf  ihrem  Wege  vom  verlängerten  Mark 
durch  die  Hirnschenkel  längs  der  Gentralganglien  und  durch  die 
Stabkranzfaserung  bis  zur  Hirnrinde  hin  an  allen  möglichen  Stellen 
und  durch  eine  grosse  Zahl  von  Erkrankungen  lädirt  werden  können^ 
so  dass  Anästhesie  entsteht.  Wegen  der  bereits  vollendeten  Kreuzung 
aller  sensiblen  Leitungsbahnen  wird  die  Anästhesie  sich  auf  der  dem 
Sitze  der  Hirnläsion  entgegengesetzten  Körperseite  befinden;  sie  wird 
meist  in  hemiplegischer  Form  auftreten,  wenn  auch  allerdings  bei 
doppelseitiger  Erkrankung  auch  doppelseitige  Anästhesie  vorkommt 
und  andererseits  ein  sehr  kleiner  Erkrankungsherd  auch  eine  ganz 
locale  Anästhesie  bewirken  kann.  Fast  immer  sind  motorische  Läh- 
mungen (Hemiplegie)  und  mancherlei  Herdsymptome  von  Seiten  des 
Gehirns  gleichzeitig  vorhanden.  Für  alle  Details  in  dieser  Beziehung 
muss  jedoch  auf  Band  XI  verwiesen  werden. 

Hier  sei  nur  erwähnt,  dass  Gehirnblutungen  wohl  die  häufigste 
Ursache  cerebraler  Leitungsanästhesien  darstellen ;  besonders  sind  es 
Blutungen  in  den  Pons,  die  Himschenkel,  die  äusseren  Theile  des 
Sehhügels  und  die  benachbarte  Stabkranzfaserung,  welche  regelmässig 
von  Anästhesie  begleitet  sind,  wenn  dieselbe  auch  meist  verhältniss- 
mässig  rasch  wieder  verschwindet.  —  In  ähnlicher  Weise  wirken 
hochgradige  Gehimanämie  (z.  B.  durch  Embolie),  femer  Gehirner- 
weichung, Encephalitis,  Sklerose,  Tumoren,  Verletzungen  n.  s.  w., 
kurz  alle  Momente,  welche  die  sensible  Faserleitung  im  Gehirn  zu 
stören  oder  zu  unterbrechen  im  Stande  sind. 

5.  Ursachen,  welche  die  Erregbarkeit  der  centralen 
Aufnahmsapparate  herabsetzen  oder  vernichten.  (Eigent- 
liche centrale  Anästhesien.) 

Hier  handelt  es  sich  also  um  Erkrankungen  derjenigen  Hirn- 


An&sthesie.    Gutane  Anästhesien.    Pathogenese  and  Aetiologie.         193 

theile,  in  welchen  die  den  Uebergang  der  Empfindung  ins  Bewusst- 
sein  vermittelnden  Nervenapparate  liegen;  wahrscheinlich  also  vor- 
wiegend um  Erkrankungen  der  grauen  Hirnrinde,  besonders  der  mehr 
Dach  hinten  gelegenen  Abschnitte  derselben.  Alle  möglichen  ana- 
tomischen Veränderungen  in  diesen  Theilen  können  so  die  Ursachen 
Yon  Anästhesien  werden,  besonders  sind  es  auch  Meningealerkran- 
kungen,  welche  durch  gleichzeitige  Beeinträchtigung  der  grauen  Hirn- 
rinde Anästhesien  hervorrufen  können;  endlich  erklärt  sich  daraus 
das  überaus  häufige  Vorkommen  der  Anästhesie  bei  vielen  Geistes- 
krankheiten, deren  Sitz  wir  ja  hauptsächlich  in  die  Bindengebilde 
zu  verlegen  gewohnt  sind. 

Von  Himkrankheiten  sind  es  besonders  die  chronische  Encepha- 
litis mit  ihren  verschiedenen  Ausgängen  in  Sklerose  oder  in  Er- 
weichung, Embolien,  Meningealapoplexien ,  MeningealentzUndungen 
a.  dgl.,  welche  mit  centraler  Anästhesie  einhergehen;  die  Anästhesie 
während  epileptischer  Anfälle,  in  der  Katalepsie,  im  Sopor,  im  urä- 
mischen Coma  u.  8.  w.  ist  wohl  ebenfalls  auf  Functionsstörnng  der 
Hunrinde  zurttckzuftlhren.  Unter  den  eigentlichen  Psychosen  tritt 
Anästhesie  (und  besonders  auch  Analgesie)  am  häufigsten  bei  Melan- 
cholia  attonita  und  beim  paralytischen  Blödsinn  auf  —  bei  dem 
letzteren  jedoch  zum  Theil  wohl  bedingt  durch  die  gleichzeitige 
Ettckenmarkserkrankung ;  auch  bei  einfacher  Melancholie,  beim 
Wahnsinn  und  den  verschiedenen  Blödsinnsformen  sind  Anästhesien 
nicht  gerade  selten.  Es  erklärt  sich  daraus,  warum  Geisteskranke 
oft  die  schmerzhaftesten  Operationen  mit  grosser  Seelenruhe  ertragen 
mä.  hier  und  da  die  scheusslichsten  Selbstverstümmelungen  mit  sich 
Yomehmen.  Für  die  Details  mögen  die  betreffenden  Specialwerke 
nachgelesen  werden. 

Es  gibt  nun  aber  noch  eine  Beihe  von  Anästhesien,  über  deren 
Pathogenese  und  deren  Sitz  wir  noch  ziemlich  im  Unklaren  sind, 
welche  deshalb  unter  den  vorstehenden  Rubriken  keine  Erwähnung 
finden  konnten.  Vor  Allem  sind  da  zu  erwähnen  die  Anästhesien 
bei  der  Hysterie.  Sie  bilden  eine  der  gewöhnlichsten  Erschei- 
nungen der  Hysterie,  kommen  bald  local,  bald  über  eine  ganze 
Körperhälfte  oder  selbst  auf  die  ganze  Hautoberfläche  verbreitet  vor, 
meist  als  totale,  seltener  als  partielle  Empfindungslähmung,  besonders 
häufig  Analgesie.  Ueber  den  eigentlichen  Sitz  dieser  hysterischen 
Anästhesien  sind  wir  noch  ganz  im  Dunkeln ;  wahrscheinlich  ist,  dass 
in  der  Mehrzahl  der  Fälle  das  Centralnervensystem  dabei  afficirt  ist ; 
doch  sind  gewiss  die  verschiedensten  Localisationen  möglich.  Die 
bei  Epilepsie,  Katalepsie,  Chorea,  Hypochondrie  u.  a.  Neurosen  manch- 

Handbuch  d.  spec.  Pathologie  a.  Tbempie.  Bd.  XII.  1.  2.  Anfl.  13 


194  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

mal  beobachteten  Anästhesieii  sind  in  der  gleichen  Weise   unklar 
in  Bezug  aaf  ihren  Sitz. 

.Die  sog.  toxischen  Anästhesien  entstehen  wohl  meist  daroh 
Veränderung  des  centralen  Nervensystems;  wenigstens  gilt  dies  zu- 
nächst von  den  durch  die  sog.  Anaesthetica  (Chloroform,  Aether^ 
Liquor  hoUandicus  u.  s.  w.)  hervorgebrachten  fimpfindungslähmungen ; 
es  scheint  ziemlich  sicher,  dass  dieselben  zuerst  die  Erregbarkeit  der 
sensiblen  Centren ,  dann  aber  auch  die  der  motorischen  und  der 
Reflexcentren  herabsetzen;  wahrscheinlich  bleiben  schliesslich  aber 
auch  die  peripherischen  Leitungbahnen  und  Endapparate  nicht  un- 
beeinflusst.  Die  Anaesthetica  wirken  besonders  durch  Vertodenmg 
der  grauen  Substanz,  während  die  Nervenfasern,  wie  es  scheint^ 
schwieriger  von  denselben  angegriffen  werden;  daraus  ist  vielleicht 
die  Thatsache  zu  erklären,  dass  in  einem  gewissen  Stadium  der 
Narkose  Tastempfindungen  noch  vermittelt  werden,  während  das 
Bchmerzgeitihl  bereits  erloschen  ist. 

Viel  weniger  intensiv  ist  die  anästhesirende  Wirkung  der  Nar- 
cotica  (Morphium,  Atropin  u.  s.  w.).  Doch  bewirken  auch  sie 
schon  in  kleinen  Dosen  Abstumpfung  der  Sensibilität  und  in  grossen 
Dosen  einen  mit  völliger  Anästhesie  einhergehenden  Sopor.  Ihre  Wir- 
kungsweise ist  wohl  eine  ähnliche  wie  die  der  Anaesthetica.  —  In 
welcher  Weise  verschiedene  andere  toxische  Substanzen:  Alkohol, 
Blei,  Kupfer,  Arsenik,  Ergotin,  Saponin,  Kai.  bromat.  u.  a.  Anästhesie 
bewirken,  ist  bis  jetzt  bloss  Gegenstand  der  Vermuthngen  und  ist 
hier  noch  ein  weites  Feld  fttr  Beobachtungen  und  Untersuchungen. 

Es  kommen  femer  auch  nach  acuten  Krankheiten  nicht 
selten  Anästhesien,  theils  locale,  theils  mehr  oder  weniger  verbreitete 
vor,  über  deren  Localisation  die  Acten  noch  nicht  geschlossen  sind. 
Am  häufigsten  sind  es  Typhus  und  Diphtheritis,  welche  solche  Zu- 
fälle bedingen,  doch  hat  man  audi  nach  andern  Infectionskrank- 
beiten  (Cholera,  Dysenterie,  Scarlatina  u.  s.  w.)  und  selbst  nach  ei&- 
fachen  fieberhaften  Entzündungen  solche  Anästhesien  auftreten  seh». 
Ihre  Localisation  ist  wahrscheinlich  eine  verschiedene,  und  kann  so- 
wohl das  centrale,  wie  das  peripherische  Nervensystem  betreffen. 
Meist  sind  damit  ^eichzeitig  motorische  Lähmungen  verbunden. 

Endlich  haben  wir  in  neuester  Zeit  durch  Fournier  (Le^  s.  1. 
Syphilis,  Paris  1873,  p.  783  ff.)  höchst  merkwürdige  Aufechlüsse  über 
die  bei  der  Syphilis  —  im  secundären  Stadium  —  ungemein  häufig 
vorkommende  Amügesie  erhalten.  Sie  ist  wenigstens  bei  Frauen 
eine  sehr  gewöhnliche  Theilerscheinung  der  secundär  syphilitischen 
Affectionen,  kann  diffus  über  den  ganzen  Körper  verbreitet  sein,  ist 


Anästhesie.    Cutane  Anftsthesieii     Symptome.    Prüfangsmethoden.       195 

aber  häufiger  ganz  local,  inselfönnig  an  verschiedenen  Hantstellen 
zn  finden.  Ihre  Prädilectionsstellen  smd  der  Handrücken  und  die 
Brüste.  Sie  ist  selten  mit  Abstumpfung  des  Tastsinns,  noch  seltner 
mit  gleichzeitiger  Verminderung  des  Temperatursinns  verbunden.  Ihre 
Abhängigkeit  von  der  syphilitischen  Ini'ection  wird  von  Fournier 
nit  aller  Entschiedenheit  behauptet  und  die  unterscheidenden  Merk- 
male von  der  hysterischen  Analgesie  werden  von  ihm  ziemlich  scharf 
hervorgehoben.  Ihre  anatomische  Localisation  ist  noch  vollkommen 
unklar. 

Symptome. 

Anästhesien  können  sich  durch  subjective  wie  durch  objective 
Symptome  bemerkbar  machen;  die  ersteren  sind  häufig  sehr  unbe- 
gtinunt  und  mehrdeutig;  zur  genaueren  Constatirung  der  Krankheit^ 
ihrer  Art  und  Ausbreitung,  sowie  ihres  Sitzes,  sind  die  objectiven 
Symptome  bei  Weitem  werthvoller.  Man  ermittelt  dieselben  durch 
eine  sorgfältige  objective  Untersuchung.  Dieselbe  ist  Idder 
sehr  schwierig  und  mühevoll,  im  höchsten  Grade  zeitraubend  und 
noch  dazu  bei  vielen,  besonders  ungebildeten  Kranken,  in  ihren  Re- 
sultaten ziemlich  unsicher.  In  vielen  Fällen  allerdings  sind  die  Re- 
sultate sehr  klar  und  schlagend:  allein  wenn  man  bedenkt,  wie  sehr 
wir  trotz  vielfältiger  Untersuchungen  noch  über  die  wichtigsten  Punkte 
in  der  Physiologie  und  Pathologie  der  Empfindungsapparate  im  Un- 
klaren sind,  wird  man  gestehen  müssen,  dass  bereits  viel  kostbare 
Zeit  und  Mühe  auf  diese  Beobachtungen  vergebens  verwendet  wor- 
den ist 

Eine  kurze  Aufzählung  der  Prüfungsmethoden  der  Sensi- 
bilität kann  hier  nicht  umgangen  werden.  Es  mag  einleitend  die 
von  Türck  zuerst  gefundene  Thatsache  erwähnt  werden,  dass  das 
Gebiet  der  Anästhesie  grösser  erscheint,  wenn  man  mit  der  Unter- 
suehung  von  dem  anästhetischen  Hautgebiete  aus  gegen  das  gesunde 
yorschreitet  und  umgekehrt;  es  lässt  sich  also  die  Grenze  zwischen 
gesunden  und  kranken  Gebieten  in  der  Richtung  des  Fortschreitens 
der  Untersuchung  verschieben.  Das  mag  man  in  den  einzelnen 
Fällen  beachten. 

Die  Untersuchung  des  eigentlichen  Tast-  oder  Berührungs- 
gefühls (s.o.  S.  Ib4  Anmerk.)  geschieht  am  einfachsten  durch  zarte 
und  oberflächliche  Berührung  mit  der  Fingerspitze  oder  einem  Nadel- 
kopf, durch  leichtes  Streichen  über  die  Haut,  Berühren  der  Haare; 
dadurch,  dass  man  die  Kranken  Kopf  und  Spitze  der  Nadel  bei  leiser 
Berührung   unterscheiden   lässt;    dass   man   sie    mit  glatten,   rauhen^ 

13* 


196  Erb,  Kraukheiten  der  periphereu-cerebrospinalen  Nerven. 

wolligen  Gegenständen  berührt,  deren  Natur  aie  angeben  müssen;  end- 
lich an  Theilen,  welche  an  besonders  feine  Unterscheidungen  gewöhnt 
sind  (Handflächen)  dadurch,  dass  man  verschiedene  Körper  z.  B.  Oeld- 
stücke,  kleine  Schlüssel,  Knöpfe,  Ringe  u.  dgl.  auflegt  und  dieselben 
bei  geschlossenen  Augen  bezeichnen  lässt.  Durch  Paralellversnche  an 
Gesunden  (am  besten  an  sich  selbst)  muss  man  sich  ein  Urtheil  über 
die  möglichen  Leistungen  des  Tastsinns  auf  diesem  Gebiet  verschafft 
haben,  um  pathologische  Fälle  richtig  beurtheilen  zu  können.  Bei 
einseitiger  Erkrankung  hat  man  natürlich  an  der  gesunden  Seite  das 
bequemste  und  sicherste  Vergleichsobject. 

Die  Prüfung  des  Drucksinns  geschieht  am  Besten  durch  Auf- 
legen von  Gewichten  zur  Bestimmung  des  Differenzminimums,  welches 
noch  wahrgenommen  wird  (Methode  von  E.  H.  We  b  e  r).  Diese  Methode 
ist  so  bekannt,  dass  darüber  nichts  weiter  gesagt  zu  werden  braucht. 
—  Für  gewöhnlich  kann  man  die  Prüfung  sehr  bequem  mit  verschie- 
denen Geldmünzen  (Eigenbrodt)  ausführen,  mit  Gulden-  oder  Thaler- 
stücken  u.  dgl.,  deren  man  eine  verschieden  grosse  Zahl  auflegt.  Die 
dabei  nöthigen  Cautelen  sind:  Ausschluss  des  Muskelgefühls  durch 
Fixirung  des  zu  untersuchenden  Körpertheiles  auf  einer  festen  Unter- 
lage; Ausschluss  der  Temperaturempfindung  durch  Einschaltung  eines 
schlechten  Wärmeleiters  (z.  B.  Holzplättchen) ;  Aufsetzen  der  Gewichte 
in  regelmässigen  Zeiträumen.  —  Eulenburg  hat  die  Drucksinns- 
prüfung wesentlich  erleichtert  durch  die  Angabe  des  ,,Baraesthesio- 
meters"  (Drucksinnmesser),  an  welchem  durch  wechselnden  Druck 
auf  eine  Feder  variable  und  an  einem  Zifferblatt  ablesbare  Druck- 
grössen  (also  auch  Druckdifferenzen)  in  Wirksamkeit  gebracht  werden 
können.  Das  Instrument  ist  handlich  und  kann  an  jeder  beljebig^i 
Hautstelle  applicirt  werden;  auch  hierbei  muss  das  Muskelgefatil  aus- 
geschlossen werden.  Eulenburg  fand  mit  diesem  Instrument,  dass 
im  Gesicht  noch  730  -  V^o  Druckdifferenz  unterschieden  wird;  an  Hand 
und  Arm  ca.  Vau — ^lo;  ebensoviel  etwa  an  der  Vorderseite  des  Ober- 
und  Unterschenkels  und  am  Fussrücken;  erst  grössere  Differenzen  da- 
gegen an  der  Sohle  und  der  Hinterfläche  des  Beines.  Diese  Zahlen 
können  als  ungefährer  Maassstab  bei  pathologischen  Untersuchungen 
dienen.  Diese  geben  nur  bei  einseitigen  Erkrankungen  rasche  und 
sichere  Resultate,  wo  die  beiden  Körperhälften  miteinander  verglichen 
werden  können;  ist  dies  nicht  der  Fall,  so  können  geringe  Anomalien 
des  Drucksinns  nur  bei  der  grössten  Sorgfalt  und  Genauigkeit  ent- 
deckt werden.  Im  Ganzen  jedoch  finde  ich  die  Resultate  mit  diesem 
Instrumente  ziemlich  unsicher;  es  kommt  zu  viel  darauf  an,  mit  wei- 
cher Schnelligkeit  man  die  verschiedenen  Grade  des  Druckes  mit  dem- 
selben eintreten  lässt.  —  Die  von  Goltz  ersonnene  Prüfung  des 
Drucksinns  durch  Pulswellen  von  variabler  Stärke,  die  in  einem  mit 
Flüssigkeit  gefüllten  Kautschukschlauch  erzeugt  werden,  wird  sich 
wohl  keinen  Eingang  in  die  Praxis  verschaffen. 

Der  Temperatursinn  kann  im  Groben  geprüft  werden  durch 
Berührung  nut  kalten  und  heissen  Gegenständen  (kalte  und  heisse 
Metallstäbe,  Reagenzgläser  mit  kaltem  und  heissem  Wasser  gefüllt); 
feiner  ist  schon  die  Prüfung,  ob  die  Kranken  die  Temperatur^fferenz 


Anästhesie.    Gutane  Anästhesien.    Symptome.    Prüfungsmethoden.      197 

zwifichem  kühlem  Anblasen  (ans  einiger  Entfernnng)  nnd  warmem  An- 
hauchen (ans  nächster  Nähe)  mit  Sicherheit  unterscheiden  können. 

Für  feinere  Untersnchnngen  mnss  man  sich  solcher  Instrumente 
bedienen;  welche  die  Einwirkung  sehr  nahe  bei  einander  liegender 
Temperaturen  gestatten,  um  die  kleinste  noch  wahrnehmbare  Tempera- 
turdifferenz zu  ermitteln  (Nothnagel:  zwei  mit  verschieden  er- 
wärmtem Wasser  gefällte  Cylinder  mit  Metallboden.  Eulenburg: 
zwei  mit  grossen  flachen,  zum  Aufsetzen  auf  die  Haut  passenden  Queck- 
flübergefässen  versehene  Thermometer,  an  einem  Stativ  verschiebbar 
befestigt  —  Thermaesthesiometer).  Temperaturen  zwischen  27 
nnd  33  0  G.  werden  am  feinsten  unterschieden  und  zwar  fast  tiberall 
Differenzen  von  einem  halben  Grad  und  weniger;  an  der  Wange  sogar 
nur  0,2  '^  C. ;  am  Rttcken  etwa  \^.  —  Stärkere  Abweichungen  von 
diesen  Zahlen  mtissen  als  pathologisch  angesehen  werden.  —  Ab- 
wechselndes fUntauchen  der  Finger,  Hände  oder  FUsse  in  verschieden 
erwärmtes  Wasser  kann  diese  feineren  Untersuchungsmethoden  einiger- 
massen  ersetzen. 

Die  Prüfung  des  Ortsinns  (Raumsinns)  geschieht  am  einfachsten 
so,  dass  man  eine  beliebige  Hantstelle  mit  dem  Finger  oder  der  Nadel- 
spitze bertthrt,  während  der  Kranke  die  Augen  geschlossen  hält,  und 
ihn  dann  die  bertthrte  Stelle  angeben  lässt;  die  in  die  Breite  der  Ge- 
sundheit fallenden  Fehler  in  der  Genauigkeit  dieser  Angaben  ent- 
sprechen ungefähr  der  Grösse  der  nöthigen  Distanz  der  Zirkelspitzen 
an  den  verschiedenen  Hautstellen  nach  der  Methode  von  E.  H.  Weber. 

—  Diese  letztere  Methode  mit  dem  Web  er 'sehen  Tasterzirkel  (oder 
dem  analogen  Sievek Inguschen  Aesthesiometer)  gibt  exactere  und  in 
ZaliJen  ausdrttckbare  Resultate.  Man  sucht  dabei  die  geringste  Distanz 
zu  ermitteln,  bei  welcher  zwei  räumlich  von  einander  getrennte  Tast- 
eindrücke noch  als  gesonderte,  als  zwei,  empfunden  werden.  Diese 
Distanz  ist  an  verschiedenen  Stellen  sehr  verschieden  und  kann  un- 
mittelbar an  dem  Zirkel  abgelesen  werden ;  jede  tiber  die  Norm  gehende 
Vergrösserung  dieser  Distanz  bedeutet  eine  Abnahme  des  Ortsinns. 
Die  Normaldistanzen  sind  von  Weber  mit  grosser  Sorgfalt  ermittelt 
worden;  es  seien  davon  etwa  folgende  erwähnt:  Zungenspitze  — 
1,2  Mm.,  Fingerspitze  —  2,25  Mm.,  Dorsalseite  der  i.  Fingerphalanx 

—  16  Mm.,  Handrücken  —  31- Mm.,  Vorderarm  und  Unterschenkel 
ca.  40  Mm.,  Rttcken  40—70  Mm.,  Oberarm  und  Oberschenkel  — 
77  Mm.  —  Natürlich  dürfen  nur  erhebliche  Abweichungen  von  diesen 
ungefähren  Normalzahlen  als  pathologisch  bezeichnet  werden;  denn 
die  individuellen  Differenzen  sind  bei  verschiedenen  Individuen  sehr 
gross  und  durch  Uebung  in  diesen  Untersuchungen  können  auch  be- 
trächtliche temporäre  Schwankungen  herbeigeführt  werden.  Ueber  die 
Details  und  die  Cautelen  dieser  ziemlich  zeitraubenden  Methode  s.  die 
Lehrbücher  der  Physiologie. 

Unter  den  Prüfungen  des  Gemeingefühls  steht  diejenige  der 
Schmerzempfindung  obenan.  Dieselbe  kann  leicht  geprüft  wer- 
den durch  Nadelstiche,  Brennen,  Kneipen,  starken  Druck,  auch  durch 
Anwendung  starker  faradischer  Ströme.  —  Das  Kitzelgefühl  wird 
in  bekannter  Weise  untersucht.  —  Eine  auf  den  ersten  Blick  sehr  an- 


198  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sprechende  Methode  ist  die  von  Leyden  angegebene  Prüfung  der 
elektrocutanen  Sensibilität  mittelst  des  faradischen  Stromes. 
Mittelst  einer  Art  elektrischen  Tasterzirkels  sncht  man  die  Stromstärke 
zu  bestimmen,  bei  welcher  noch  eine  elektrische  Minimalempfindung 
entsteht;  der  in  Mm.  ablesbare  Rollenabstand  der  Inductionsspiralen 
gibt  dafür  die  vergleichbaren  Zahlenwerthe.  Leider  ist  diese  Methode 
sehr  unsicher,  vorwiegend  wegen  der  verschiedenen  Dicke  und  Lei- 
tungfähigkeit der  Epidermis,  welche  einen  geradezu  unberechenbaren 
Factor  in  den  Versuch  einilihrt.  Nach  meinen  Versuchen  muss  ich 
diese  Methode  als  zur  gewöhnlichen  praktischen  Verwerthung  nicht 
geeignet  bezeichnen ;  sie  ist  ebenfalls  sehr  zeitraubend.  Für  die  meisten 
Fälle  ist  jedenfalls  eine  einfache  faradische  Prüfung  mit  den  gewöhn- 
lichen Elektroden  ausreichend. 

In  einzelnen  Fällen  kann  endlich  die  Untersuchung  der  Haut- 
sensibilität  noch  dahin  vervollständigt  werden,  dass  m^n  die  Zeit- 
dauer der  Empfindungsleitung  zu  bestimmen  sncht;  es  kom- 
men nämlich  Fälle  von  verlangsamter  Empfindungsleitung  nicht  gar 
zu  selten  vor.  Handelt  es  sich  um  erhebliche  Verlangsamung,  so 
wird  man  dieselbe  schon  daran  erkennen  können,  dass  die  Kranken 
einen  Geflihlseindruck  durch  Ausruf  oder  Fingerheben  (bei  geschlosse- 
nen Augen)  viel  später  markiren,  als  normal.  Für  feinere  Differemsen 
bedient  man  sich  zweckmässiger  der  exacten  physiologischen  Measungs- 
methoden. 

Mit  allen  diesen  verschiedenen  Methoden  bekommt  man  ein 
vollkommenes  objectives  Bild  der  Art,  des  Grades,  der  Ausbreitung 
der  Anästhesie  und  kann  mit  grosser  Genauigkeit  bestimmen,  inwie- 
weit die  einzelnen  Empfindungsqualitäten  an  derselben  betheiligt  sind. 
Dass  hier  die  allerverschiedensten  Combinationen  und  Abstufungen 
der  Störung  vorkommen,  versteht  sich  von  selbst  und  braucht  hier 
nicht  des  Weiteren  ausgeflihrt  zu  werden.  Es  würde  auch  unge- 
mein schwer  halten,  allgemeine  Krankheitsbilder  der  verschiedenen 
objectiv  nachweisbaren  Formen  von  Anästhesie  zu  entwerfen;  die- 
selben sind  in  jedem  einzelnen  Falle  verschieden  und  ergeben  sich 
aus  der  objectiven  Untersuchung  von  selbst. 

Die  subjectiven  Symptome  der  Anästhesie  sind  meist  nega- 
tiver Art,  auf  das  Wegfallen  der  normalen  Empfindungen  begründet, 
oder  sie  sind  mehr  accidentelle,  d.  h.  sie  gehören  nicht  der  Anästhesie 
als  solcher,  sondern  begleitenden  Störungen  an,  werden  durch  die 
gleichen  Ursachen  hervorgerufen. 

Am  häufigsten  klagen  die  Kranken  über  ein  Geftlhl  von  „Taub- 
sein " ,  „  Pelzigsein " ,  als  ob  etwas  zwischen  der  Haut  und  den  sie 
berührenden  Gregenstäuden  sich  befände;  an  den  Fingern  ist  es  so, 
als  wenn  dieselben  in  Handschuhen  oder  dergl.  steckten,  an  den 
Füssen  so,  als  wenn  die  Kranken  auf  Wolle,  Teppich,  auf  einer  mit 


Anästhesie.    SensibUit&ts-PrOfung.    Sabjective  Symptome.    Parftsthesien.    199 

Wasser  gefbUten  Blase  n.  dgl.  gingen.  In  den  Fingerspitzen  werden 
die  leichteren  Grade  dieses  Gefühls  besonders  beim  Reiben  der  Pinger 
aneinander  dentlich.  In  den  höheren  Graden  geben  die  Kranken 
an,  dass  es  ihnen  vorkomme,  als  fehlten  ihre  Glieder,  als  träten  sie 
beim  Gehen  in  die  Laft;  sie  haben  die  Controle  der  Aagen  dazn 
nöthig.  Das  gewöhnliche  Berühningsgeftthl,  das  Kleider  und  Schuhe 
vermitteln,  ist  erloschen ;  bei  den  verschiedensten  Hantierungen  fehlen 
die  dabei  gewöhnlichen  Empfindungen;  die  Feder,  die  Nadel  fallen 
aus  der  Hand,  wenn  sie  der  Kranke  nicht  beständig  mit  den  Augen 
öberwacht;  die  feineren  Beschäftigungen  sind  dadurch  erheblich  er- 
schwert oder  unmöglich.  —  Von  den  tieferen  Theilen,  Muskeln,  Ge- 
lenken ,  Knochen  können  auch  bei  völliger  Anästhesie  noch  dumpfe, 
den  Kranken  sonst  unbekannte  Empfindungen  ausgehen,  welche  dann 
anter  den  subjectiven  Symptomen  angegeben  werden.  Meist  besteht 
in  den  anästhetischen  Theilen  ein  Gefühl  dumpfer  Schwere. 

Ausserdem  ist  eine  der  gewöhnlichsten  Klagen  der  Kranken  die 
über  Kriebeln,  Ameisenlaufen  (Formication)  in  den  erkrankten  Theilen. 
Diese  Sensationen  gehören  aber  nicht  der  Anästhesie  als  solcher  an 
(was  schon  daraus  hervorgeht,  dass  sie  ganz  selbstständig  fllr  sich, 
oder  in  Begleitung  anderer  Affectionen,  z.  B.  Neuralgien,  vorkommen 
können),  sondern  müssen  schon  zu  den  Begleiterscheinungen 
der  Anästhesie  gerechnet  werden.  Diese  Begleiterscheinungen  kön- 
nen ^hr  mannichfaltiger  Art  sein ;  sie  beruhen  zum  grössten  Theil 
auf  Betheiligung  anderer  Nervenbahnen  an  den  krankhaften  Vor- 
gängen, zum  Theil  wohl  auch  auf  dem  Wegfall  der  physiologischen 
Functionen  der  befallenen  Nerven. 

Im  Gebiete  der  sensiblen  Nerven  werden  zunächst  die  so- 
eben erwähnten  Parästhesien  (Kriebeln,  Formication,  seltener 
Oefbbl  von  Hitze  oder  Kälte,  Brennen  u.  s.  w.)  wahrgenommen; 
Diese  Sensationen  fallen  meist  in  das  Bereich  der  anästhetisohen 
Bezirke,  ohne  jedoch  dieselbe  Grenzen,  wie  diese  inne  zu  halten; 
es  kommen  hier  grosse  Verschiedenheiten  vor.  Worauf  diese  Sensa- 
tionen eigentlich  beruhen,  ist  nicht  genau  bekannt ;  wir  wissen  nicht, 
welche  Form  der  NerveHerregung  vorhanden  sein  muss,  um  jenes 
eigenthtimliche  Gefllhl  hervorzurufen,  das  wir  als  Formication,  Ein- 
geschlafensein bezeichnen;  wir  nehmen  aber  an,  dass  es  sich  meist 
um  Erregungszustände  der  leitenden  Bahnen  handelt,  welche  nach 
dem  Gesetz  der  excentrischen  Projection  in  die  Peripherie  verlegt 
werden,  ähnlich  wie  die  sogleich  zu  erwähnenden  excentrischen 
Schmerzen.  Das  Gefühl  von  Hitze  oder  Kälte  mag  durch  begleitende 
Vei^derungen  des  Blutgehalts  der  Theile  bedingt  sem. 


200  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

Nach  Schiff  sind  pathologische  Erregungen  der  Leitungsbahnen 
in  den  Hintersträngen  des  Rückenmarks  die  häufigsten  Ursachen  der 
subjectiven  Tastempfindungen  bei  spinalen  Affectionen.  Brown- 
Söquard  erklärt  das  subjective  HitzegefUhl,  Brennen  u.  dgl.  durch 
pathologische  Erregung  der  Fasern  fttr  die  Temperaturempfindung  im 
Rttckenmark. 

Unter  den  sensiblen  Begleiterscheinungen  sind  femer  Schmerzen 
sehr  gewöhnlich ;  sie  entstehen  bei  Leitungsanästhesien  dadurch,  dass 
an  dem  central  von  der  Leitungshemmung  gelegenen  Theile  der 
Faserung  Reizungszustände  vorhanden  sind,  welche  nach  dem  Gesetze 
der  excentrischen  Projection  als  Schmerzen  an  die  Peripherie  ver- 
legt werden  und  hier  selbst  sehr  heftige  Grade  erreichen  können. 
Der  eigenthümliche  Gegensatz  in  der  Thatsache,  dass  Theile,  welchen 
oft  durch  kein  Reizmittel  eine  Schmerz-  oder  selbst  nur  Berühmngs- 
empfindung  entlockt  werden  kann,  der  Sitz  der  wüthendsten  Schmer- 
zen werden  können,  hat  zur  Aufstellung  einer  besonderen  Kategorie 
der  Anästhesie,  der  Anaesth.  dolorosa  geftihrt ;  diese  Aufstellung 
hat  jedoch  keinen  weiteren  Zweck. 

Es  ist  klar,  dass  solche  excentrische  Schmerzen  nur  bei  Leitnngs- 
anästhesien  vorkommen  können ;  bei  eigentlich  centralen  Anästhesien 
können  sie  einfach  nicht  vorkommen,  weil  hier  die  empfindenden 
Endapparate  selbst  unerregbar  geworden  sind  und  also  keinerlei 
Empfindungen  vermitteln  können.  In  der  That  sieht  man  solche 
Schmerzen  auch  häufig  bei  allen  möglichen  Formen  der  Leitungs- 
anästhesien, am  häufigsten  wohl  bei  traumatischen  Einwirkungen 
auf  die  peripheren  Nervenstämme  (Schussverletzungen,  Contusionen, 
Neuritis  u.  s..  w.),  und  es  hängt  mehr  oder  weniger  von  der  zu- 
fälligen Gruppirung  der  Symptome  ab,  ob  man  solche  Fälle  zu  den 
Neuralgien,  oder  zu  den  Anästhesien  oder  zu  den  Lähmungen 
stellen  wird;  die  Zusammenlagerung  verschiedenartiger  Leitungs- 
bahnen in  demselben  Nervenstamm  bedingt  diese  Mannichfaltigkeit 
der  Symptome. 

Die  Sinnesempfindungen  sind  in  manchen  Fällen  zum  Theil 
alterirt,  besonders  wie  es  scheint  bei  central  bedingten  Anästhesien 
oder  bei  Läsionen  solcher  Nerven,  in  deren  Bahnen  Sinnesnerven 
verlaufen  (Lingualis).  Am  häufigsten  wird  vom  Verlust  des  Ge- 
schmacks und  Geruchs  berichtet  (z.  B.  Fälle  von  Binz,  Guttmann}, 
viel  seltener  des  Gehörs  und  noch  seltener  des  Gesichts.  Es  wird 
das  einzig  und  allem  von  dem  Sitze  des  Krankheitsherdes  ab- 
hängen. 

Unter  den  motorischen  Begleiterscheinungen  ist  Lähmang 


Anftsihesie.    SinnesempfindangeD.    Motor.  BegleiterscheinuDgen.        201 

sehr  häufig  mit  der  Anästhesie  vergesellschaftet;  sie  entsteht  meist 
durch  dieselbe  Ursache  wie  die  Anästhesie ,  z.  B.  bei  gemischten 
peripheren  Nerven ;  bei  spinalen  Erkrankungen  beobachet  man  gleich- 
zeitige Paraplegie  oder  die  als  Ataxie  bezeichnete  Coordinations- 
8t($rnng;  bei  cerebralen  Erkrankungen  ist  neben  der  sensiblen  auch 
meist  motorische  Hemiplegie  vorhanden.  —  Krämpfe  werden  seltener 
beobachtet,  können  jedoch  durch  das  Orundleiden  ebenfalls  veran- 
lasst werden :  so  Muskelspannungen,  Tremor,  fibrilläre  Contractionen, 
Spasmen,  Contracturen  u.  s.  w.  vorwiegend  bei  spinalen  und  cerebralen 
Anästhesien.  Bei  peripheren  Anästhesien  gemischter  Nerven  können 
sich  ebenfalls  in  Folge  der  gleichzeitigen  Lähmung  Muskelcontrac- 
tnren  herausbilden. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  das  Verhalten  der  motorischen 
Beflexe.  Bei  peripheren  Anästhesien  sind  alle  Reflexe  ohne  Aus- 
nahme aufgehoben;  bei  spinalen  Anästhesien  hängt  alles  von  dem 
Sitz  und  der  Ausbreitung  der  Orundkrankheiten  ab :  liegt  der  Reflex- 
bogen intact  unterhalb  der  Erkrankungstelle,  so  können  die  Reflexe 
erhalten  und  selbst  gesteigert  sein ;  liegt  er  oberhalb  derselben  oder 
hat  die  Erkrankung  ihn  selbst  mitergriffen,  dann  sind  die  Reflexe 
aufgehoben.  —  Bei  cerebralen  Anästhesien  sind  sämmtliche  spinalen 
Reflexe  erhalten  und  häufig  gesteigert ;  die  im  Gehirn  selbst  vermittel- 
ten können  sich  verschieden  verhalten,  analog  den  Reflexen  bei 
spinalen  Erkrankungen.  Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  in  Details  über 
alle  diese  Dinge  einzugehen,  welche  bei  den  Gehirn-  und  Rücken- 
markskrankheiten abzuhandeln  sind. 

In  vielen  Fällen  sieht  man  ausgesprochene  vasomotorische 
Begleiterscheinungen  —  bald  Röthe  und  gesteigerte  Temperatur  der 
Haut,  manchmal  mit  vermehrter  Seh  weiss  bildnng,  bald  Blässe  und 
Kälte  mit  abnormer  Trockenheit  der  Haut  Es  hängt  das  ebenso 
wie  bei  Neuralgien  von  der  gleichzeitigen  Betheiligung  der  vasomoto- 
rischen Nervenbahnen  an  der  Krankheit  ab,  die  natürlich  bei  den 
einzelnen  Krankheitsformen  in  sehr  verschiedener  Weise  afficirt  wer- 
den können.  Es  ist  dabei  zu  betonen,  dass  die  Anästhesie  an  sich 
d.  h.  der  Wegfall  der  gewöhnlichen  centripetalen  Erregungen  keiner- 
lei Einfluss  auf  die  periphere  Circulation  hat,  sondern  dass  dieselbe 
nur  durch  directe  Beeinflussung  der  vasomotorischen  Bahnen  alterirt 
werden  kann,  oder  reflectorisch  nur  von  jenen  Reizungszuständen 
aus,  welche  bei  Anästhesien  die  excentrischen  Schmerzen  und  Par- 
ästhesien  hervorrufen. 

Ein  Aehnliches  gilt  von  den  trophischen  Störungen,  die 
als  nicht  seltene  Begleiterscheinungen  bei  Anästhesien  auftreten.   Da 


202  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

beobachtet  man  Atrophie  der  Mnskeln  und  anderer  Gewebe,  Ab- 
schilferung  der  Epidermis,  Verkrüppelung  und  abnormes  Wachstham 
der  Nägel,   Anschwellnng  und   Glänzendwerden   der  Haut  (Glossy 
fingers),  Eruption  von  Herpes,  Pemphigus,  von  Geschwüren;  leichte 
und  schwere  Grade   des  Decubitus;  geringe  Resistenz    gegen   alle 
möglichen  äusseren  Schädlichkeiten,   welche   sofort  von   bösartigen 
Entzündungen,  Ecchymosen,  Brand  gefolgt  sein  können.     Die  ein- 
fache Thatsache,    dass  manche  vollständige  und   hochgradige  An- 
ästhesien, z.  B.  die  meisten  cerebralen,  ein  Theil  der  spinalen,  die 
hysterischen  u.  a.,   durchaus  ohne  solche  trophische  Störungen  ver- 
laufen, beweist  zur  Genüge,  dass  nicht  die  Anästhesie  an  sich  die 
Ursache  dieser  Störungen  ist.  Höchstens  kann  die  durch  die  Anästhesie 
häufig  gesetzte  Unmöglichkeit,  einwirkende  äussere  Schädlichkeiten 
rechtzeitig  zu  erkennen  und  zu  entfernen,  eine  der  Bedingungen  zum 
Zustandekommen  der  Ernährungsstörungen  sein.    Diese  selbst  jedoch 
beruhen  zweifellos  auf  der  Mitbetheiligung  trophischer  und  vasomoto- 
rischer Nervenbahnen  an  der  Erkrankung.    Ist  die  Erkrankungsstelle 
da,  wo  sensible,  vasomotorische  (und  trophische)  Bahnen  dicht  bei- 
sammen liegen,  so  ist  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  alle  Nervenfasern 
gleichmässig  affidrt  sind,  am  grössten:  daher  sehen  wir  solche  Er- 
nährungsstörungen am  gewöhnlichsten  bei  schweren  Läsionen  peri- 
pherer gemischter  Nervenstämme.    Im  Rückenmark,  wo  sensible  und 
vasomotorisch-trophische  Bahnen  nicht  so  nahe  beisammen  liegeu, 
können  sie  auch  isolirt  erkranken;  deshalb  fehlen   die  trophischen 
Störungen  bei  manchen  spinalen  Anästhesien,  während  sie  bei  andern 
vorhanden  sind;  wo  der  ganze  Querschnitt  des  Markes  in  ij^nd 
erheblicher  Ausdehnung  zerstört  ist,  kann  man  sicher  auf  sie  rechnen. 
Auf  der  andern  Seite   liegen  im  Gehirn  die  betreffenden  Nerven- 
bahnen so  weit  auseinander,  dass  ein  gleichzeitiges  Erkranken  der- 
selben zu   den   Seltenheiten    gehört:    daher   fehlen   bei   cerebralen 
Anästhesien  trophische  Störungen  in  der  Regel  durchaus. 

Eine  der  interessantesten  trophischen  Störungen  ist  die  im  Ge- 
folge der  Trigeminusanästhesie  nicht  selten  auftretende  sog.  „neu- 
roparalytische  Ophthalmie":  wachsende  Hyperämie  der  Con- 
junctiva,  Trübung  und  Ulceration  der  Cornea,  schliesslich  Perforation 
derselben  und  Zerstörung  des  Auges  durch  Panophthalmie  —  das 
ist  der  gewöhnliche  Verlauf  in  den  schweren  Fällen  dieser  Art 

Bekanntlich  ist  diese  —  nach  Durchschneidung  des  Trigeminus 
in  der  Schädelhöhle  so  regelmässig  auftretende  —  trophische  Stö- 
rung von  den  Physiologen  (Magendie,  Büttner,  Meissner, 
Snellen,  Schiff,  Hippel  u.  a.)  in  eingehendster  Weise  unter- 


An&stbesie.    Trophische  Störungen.    NeuroparaljtiBche  Ophthalmie.     203 

gacht  worden;  gerade  anf  diesem  Gebiete  sollte  der  Streit  ftir  oder 
wider  die  Existenz  trophischer  Nerven  entschieden  werden.  Die 
Ansicht,  dass  die  sensiblen  Fasern  selbst  einen  direct  trophischen 
Einfloss  hätten,  ist  widerlegt ;  ebenso  ist  die  von  S  n  e  1 1  e  n  mit  vieler 
Ausdauer  vertretene  Meinung,  dass  der  Wegfall  des  von  den  sen^blen 
Nerven  dem  Aoge  gewährten  Schatzes  die  einzige  Ursache  der  neu- 
roparalytischen  Ophthalmie  sei,  wohl  nicht  haltbar;  am  wahrschein- 
lichsten schien  bisher  die  von  Meissner  zuerst  begründete  Ansicht, 
dass  eigentliche  trophische  Fasern  innerhalb  des  ersten  Astes  des 
Trigeminus  liegen  und  zwar  zu  einem  Bündel  vereinigt,  und  dass 
von  ihrer  eventuellen  Mitbetheiligung  an  der  Läsion,  welche  die 
Anästhesie  bedingt,  das  Auftreten  oder  Fehlen  der  trophischen  Stö- 
rungen abhänge.  Wir  müssen  diese  Frage  der  experimentirenden 
Physiologie  und  Pathologie  zur  definitiven  Entscheidung  überlassen 
und  wollen  hier  nur  noch  beifttgen,  dass  nur  eine  Läsion  der  peri- 
pheren Trigeminusbahn  diese  trophische  Störung  zu  bedingen  pflegt, 
während  dieselbe  bei  central  bedingten  Anästhesien  des  Trigeminus 
fehlt. 

Auch  die  neuesten  Arbeiten  über  diesen  Gegenstand  haben  die 
schwierige  Frage  noch  nicht  zur  Entscheidung  zu  bringen  vermocht. 
Merkel  (Die  trophische  Wurzel  des  Trigeminus.  Centralbl.  f.  d.  med. 
Wiss.  1874  No.  57)  glaubte  in  der  vom  vorderen  Vierhtigelganglion 
stammenden^  mit  grossen  blasigen  Ganglienzellen  versehenen,  sog.  vor- 
deren sensiblen  Wurzel  des  Trigeminus  (Meynert)  die  trophische 
Wurzel  desselben  erkennen  zu  dürfen  und  leitet  von  ihrer  Läsion  die 
trophischen  Stönmgen  am  Auge  ab.  Eckhard  (Bericht  üb.  d.  8.  Wan- 
derversamml.  südwestdeutsch.  Irrenärzte  in  Heppenheim.  Zeitschr.  f. 
Psych.  Band  32.  1875)  tritt  aber  dieser  Auffassung  entschieden  ent- 
gegen und  betrachtet  die  trophischen  Störungen  nur  als  Resultate  der 
paralytischen  Gefässerweitenmg.  Auch  Claude  Bernard  (Gaz. 
m6d.  d.  Paris  1874  No.  13)  betrachtet  dieselben  als  Resultate  cir- 
culatorischer  Störungen.  Senft leben  dagegen  (Virch.  Arch.  Bd.  65 
S.  69)  hält  eine  traumatische  (durch  die  Anästhesie  erleichterte) 
Nekrose  der  Cornea  für  das  Primäre  und  will  von  trophischen  Wir- 
kungen gar  nichts  wissen.  Durch  diese  Nekrose  werde  erst  eine 
secnndäre  eitrige  fhitzündung  erregt.  Die  von  Senftleben  mit 
Unterstützung  Cohnheim's  angestellten  sehr  umsichtigen  und  sorg- 
fältigen Versuche  sprechen  allerdings  mit  grosser  Entschiedenheit 
gegen  den  Einfluss  trophischer  Nervenfasern  bei  diesem  Process;  sie 
gestatten  nicht  einmal  die  Annahme  einer  durch  die  Trigeminusdurch- 
schneidung  gesetzten  erhöhten  Vulnerabilität  des  Comealgewebes. 
Immerhin  aber  dürfte  bei  den  vielen  Schwankungen,  welche  diese 
Frage  schon  erlitten  hat,  Vorsicht  in  der  Annahme  der  von  Senft- 
leben gezogenen,  allerdings  sehr  verführerischen  Schlüsse  geboten  sein. 


204  Erb»  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Es  haben  nach  Allem  die  bei  Anästhesien  Yorkommenden  Be- 
gleiterscheinungen mehr  noch  als  bei  den  Neuralgien  eine  vor- 
wiegend accidentelle  Bedeutung;  sie  stehen  meist  nicht  in  einer  direo- 
ten  Abhängigkeit  zur  Anästhesie;  wohl  aber  kann  ihr  Vorhanden- 
sein und  ihre  Gruppirung  zur  Aufklärung  der  Localisation  und  Art 
der  die  Anästhesie  bedingenden  krankhaften  Processe  viel  beitragen. 
Ihre  Erforschung  ist  daher  in  den  einzelnen  praktischen  Fällen  oft 
von  nicht  geringer  Wichtigkeit. 

Symptomatologie  einzelner  Formen  der  Anästhesie. 

Zur  genaueren  Orientierung  wollen  wir  hier  einzelne  häufiger 
vorkommende  Formen  der  Anästhesie  kurz  charakterisiren^  soweit 
sie  nicht  an  anderen  Stellen  dieses  Werkes  zur  ausftlhrlicheren  Er- 
wähnung kommen. 

Traumatische  Anästhesien,  Bei  ihnen  ist  zunächst  ein  Trauma 
(Schussverletzung,  Quetschung,  Luxation  etc.)  oder  eine  mechanische 
Compression  (durch  Geschwülste,  Narben  u.  s.  w.)  als  Ursache  nach- 
weisbar. Die  Anästhesie  gewöhnlich  eine  totale;  ausgeprochene  mo- 
torische, vasomotorische  und  trophische  Störungen  fehlen  nie;  meist 
sind  mehr  oder  weniger  lebhafte  excentrische  Schmerzen  vorhanden. 
Der  Verlauf  meist  ein  sehr  langsamer;  Zusammenheilung  tritt  ge- 
wöhnlich spät  ein,  jedoch  in  der  Regel  ftir  die  sensiblen  Bahnen 
früher  als  für  die  motorischen.  An  manchen  Nervengebieten  (z.  B. 
Medianus,  Rami  digitales)  kann  jedoch  —  wahrscheinlich  durch 
Anastomosen  —  die  Sensibilität  sehr  bald  nach  der  Verletzung  zu- 
rückkehren. 

Rheumatische  Anästhesien.  Erkältung,  Durchnässung  oder  dgl. 
ist  als  .Ursache  nachzuweisen.  Gewöhnlich  gehen  rheumatoide,  nenr-  * 
algiforme  oder  wirklich  neuralgische  Schmerzen  einige  Zeit  der 
Anästhesie  voraus.  Diese  ist  meist  nicht  sehr  hochgradig ;  Schmerz- 
empfindung für  sehr  lebhafte  Reize  meist  erhalten.  In  gemischten 
Nerven  manchmal  leichte  Motilitätsstörung;  seltner  vasomotorische 
und  trophische  Erscheinungen,  doch  kann  Herpes  vorkommen.  Ver- 
lauf meist  rasch  und  günstig. 

Anästhesie  der  Wäscheriniien,  Die  Kranken  klagen  über  ein  6e- 
flihl  von  Taubsein,  von  Formication,  von  eigenthümlicher  Erstarrung 
in  beiden  Händen  und  Vorderarmen ;  seltner  über  heftige  Schmerzen 
darin.  Gleichzeitig  gewöhnlich  vasomotorischer  Krampf,  Hände  blass 
und  kalt.  Die  Anästhesie  erstreckt  sich  meist  auf  alle  Empfindungs- 
qualitäten und  ist  meist  unvollständig,  so  dass  lebhafte  Reize  aller 
Art  noch  empftmden  werden.    Motorische  Störungen  fehlen  oder  sind 


An&sthesie.    Verschiedene  Formen  derselben.  205 

unbedeutend.  Die  Affeetion  ist  hartnäckig  und  besteht  selbst  nach 
Aufgeben  der  Beschäftigung  oft  lange  fort.  (Fällt  wohl  zum  Theil 
mit  der  Yorigen,  zum  Theil  mit  der  folgenden  Form  zusammen.) 

Vasomotorische  (ischämische)  Anästhesie.  Ist  meist  eine  incom- 
plete,  aber  totale  Anästhesie,  deren  Intensität  erhebliche  Schwan- 
kungen nachweist.  Entscheidend  ist  der  Nachweis,  dass  diese  Schwan- 
kungen zusammenfallen  mit  Schwankungen  vasomotorischen  Krämpfe 
der  kleinen  Ebtutgef  ässe :  dass  Kälte,  Blässe,  oft  auch  Gyanose  der 
Haut,  Kleinheit  des  Pulses  die  Anästhesie  einleiten  und  begleiten, 
dass  äussere  Wärme  sie  vermindert.  Kälte  sie  vermehrt.  Verlauf 
wechselnd,  meist  rasch  und  günstig. 

Neuritische  Anästhesie,  Sie  bietet  in  ihrer  Erscheinungsweise 
nichts  Charakteristisches;  sie  ist  meist  incomplet,  gewöhnlich  von 
ausgesprochenen  neuralgischen  Beschwerden,  seltner  von  motorischen 
Störungen  begleitet.  Herpes  dagegen  tritt  häufiger  auf.  Emzig  be- 
stimmend ftir  die  Unterscheidung  ist  der  Nachweis  eines  neuritischen 
Herdes  am  Nerven.  Dasselbe  gilt  für  die  durch  Lepra,  Neurome 
und  andre  Tumoren  hervorgerufenen  Anästhesien:  nur  der  Nachweis 
dieser  pathologischen  Gebilde  kann  die  Diagnose  ermöglichen. 

Ebenso  ist  für  die  toxischen  Anästhesien  vorwiegend  der  Nach- 
weis einer  vorhandenen  In  toxication  entscheidend;  am  leichtesten  pflegt 
dieser  bei  der  chronischen  Bleivergiftung  zu  gelingen,  bei  welcher 
tlbrigens  die  Anästhesie  selten  hochgradig  ist.  Die  Anästhesie  durch 
Eigotinvergiftung  befällt  meist  Finger  und  Zehen  gleichzeitig  und 
geht  mit  erheblichen  vasomotorischen  Störungen  einher ;  in  schwereren 
Fällen  kommt  es  zu  brandigem  Absterben  der  Glieder. 

Anästhesien  nach  acuten  Krankheiten  können  von  der  mannich- 
fachsten  Art  sein.  Häufig  sind  sie  nach  Typhus,  beschränkt  auf  das 
Gebiet  eines  einzelnen  Hautnerven,  oder  auf  das  Gebiet  grösserer 
gemischter  Nervenstämme  verbreitet  und  dann  meist  mit  motorischen 
Störungen  verbunden ;  oder  sie  sind  spinalen,  manchmal  selbst  cere- 
bralen Ursprungs.  Nach  Diphtheritis  tritt  am  häufigsten  Anästhesie 
der  Rachengebilde  auf,  eine  Erscheinung,  die  selbst  nach  einfacher 
entzündlicher  Angina  gar  nicht  ungewöhnlich  ist.  Weiterhin  kommen 
aber  auch  sehr  verbreitete  Anästhesien  vor,  die  jedoch  meist  centralen 
Ursprungs  zu  sein  scheinen. 

Die  hysterischen  Anästhesien  können  in  der  allermannichfachsten 
Weise  erscheinen:  local,  oder  diffus  über  den  ganzen  Körper  ver- 
breitet, auf  eine  Extremität  beschränkt,  oder  in  hemiplegischer  oder 
paraplegischer  Form;  sie  können  partiell  (am  häufigsten  Analgesie) 
oder  total  sein,  können  die  Schleimhäute  (Rachen-  und  Kehlkopf- 


206  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospüuüen  Nerven. 

Bchleimfaaat,  Vagina  und  Vnlya)  ebensowohl  befallen,  wie  die  äussere 
Haut.  Ihre  eigentliche  Bedeatnng  wird  in  der  Regel  nur  durch  den 
Nachweis  der  Hysterie  tlberhaupt  festgestellt  (s.  das  betr.  Capitd). 

Die  syphilitische  Anästhesie  (Fournier),  die  sieh  vorwiegend 
als  Analgesie,  nnd  zwar  an  bestimmten  Körperstellen  (Handrücken, 
Mamma  etc.)  äussert,  haben  wir  schon  oben  kurz  charakterisirt 

Spinale  Anästhesien  gehören  zu  den  häufigsten  und  werden  meist 
zunächst  an  ihrem  doppelseitigen  Auftreten  in  den  untern  Extremi- 
täten erkannt;  doch  kommen  sie  auch  isolirt  an  andern  Körperstellra 
vor  (z.  B.  im  Ulnarisgebiet  bei  Tabes,  am  Trigeminus,  am  Rumpf). 
Sie  können  als  partielle  und  als  totale,  als  complete  und  inoomplete 
Empfindungslähmung  erscheinen.  Charakteristisch  für  den  Krank- 
heitssitz sind  nur  die  begleitenden  Erscheinungen  gestörter  Rflck^i- 
marksfunction  (Paresen  und  Paralysen,  meist  in  paraplegischer  Form, 
Ataxie,  Gürtelgeftthl ,  Blasen-  und  Geschlechtsschwäche  n.  s.  w.), 
wortlber  das  Nähere  bei  den  Rtlckenmarkskrankheiten  (Band  XI). 

Die  cerebralen  Anästhesien  sind  nur  dann  leicht  als  solche  zo 
erkennen,  wenn  sie.  eine  Seite  des  Körpers  betreffen;   häufig  aber 
kommen  sie  auch  ganz  local  beschränkt  auf  einzelne  Hantstellen, 
Nerrengebiete  oder  Extremitäten  vor  und  dann  ist  die  Entscheidung 
nur  durch  die  begleitenden  cerebralen  Symptome  (motorische  Läh- 
mungen, Sinnesstörungen,  Betheiligung  der  Oehimnerven,  Schwindel, 
Abnahme  der  Intelligenz  und  des  Gedächtnisses  u.  s.  w.)  möglieb, 
aber  in  den  meisten  Fällen  auch  leicht.    Anästhesien  können  bei 
Herderkrankungen  und  bei  diffusen  Erkrankungen  des  Gehirns  Yor- 
kommen;  sie  sind  meist  nicht  sehr  hochgradig  und  zeigen  eine  ent- 
schiedene Neigung  zum  Besserwerden ;  partielle  Empfindungslähmun- 
gen kommen  vor,  wiewohl  selten.    Die  grosse  Mimnichfaltigkeit  in 
dem  Auftreten  der  cerebralen  Anästhesien  erklärt  sich  einfisusb  aus 
der  räumliehen  Trennung  der  sensiblen,  motorischen  und  vasomoto- 
rischen Bahnen  im  Gehirn  und  den  zahlreichen  ErkrankungsmögU^- 
keiten  desselben.   —   Bei   den  Psychosen  kommt  aufhUend  häufig 
Analgesie  vor,  doch  auch  einfache  locale  Anästhesie.    Für  alle  De- 
tails müssen  wir  auf  die  betreffenden  Specialabschnitte  verweisen. 

Von  den  Anästhesien  einzelner  peripherer  Nerven  verdient  eine 
ausfuhrlichere  Erwähnung  wohl  nur  die  Anästhesie  des  Trige« 
minus. 

Dieselbe  wird  verhältnissmässig  häufig  isolirt  beobachtet  nnd 
stellt  eine  meistentheils  ernste  Erkrankung  dar,  die  neben  ihrer  pnÜL- 
tischen  Bedeutung  auch  noch  sehr  erhebliches  physiologisches  und 
pathologisches  Interesse  bietet. 


Anästhesie.  Yerschiedene  Formen  derselben.  Anästhesie  des  Trigeminus.    207 

Sehr  häufig  sind  es  Entzttndangeii ,  Erweichungen,  Degenera- 
tionen, Oeschwulstbildungen  u.  dgl.  in  dem  intracraniellen  Theil  des 
Trigeminus  und  besonders  im  Ganglion  Gasseri,  welche  diese  Anä- 
sthesie bedingen.  Oder  es  pflanzen  sich  pathologische  Processe  von 
den  benachbarten  Theilen,  ELnochen,  Oefässen,  Hirnhäuten  etc.  auf 
den  Trigeminus  fort,  oder  derselbe  wird  bei  Schädelbrüchen,  Kopf- 
verletzungen, Operationen  etc.  mit  verletzt  Solche  und  ähnliche 
Ursachen  haben  die  peripheren  Anästhesien  des  Trigeminus;  doch 
auch  die  centrale  Faserung  desselben  kann  bei  Apoplexien,  Tumoren, 
Erweichung,  Sklerose  des  Gehirns  in  Mitleidenschaft  gezogen  werden, 
welche  sich  als  Anästhesie  manifestirt. 

Je  nach  dem  Sitze  der  Erkrankung  ist  natttrlich  die  Ausbreitung 
der  Anästhesie  eine  verschiedene,  entweder  eme  locale,  auf  einzelne 
Aeste  oder  Hauptstämme  beschränkte,  oder  eine  über  den  ganzen 
Verbreitungsbezirk  des  Trigeminus  ausgedehnte.  Im  letzteren  Fall 
ist  die  ganze  betreffende  Gesichtshälfte,  ein  Theil  des  Ohres,  die 
Haut  der  Schläfe  und  des  Vorderkopfs,  empfindungslos.  Die  Gon- 
junctiva  und  Cornea,  die  betreffende  Seite  der  Nasenschleimhaut,  der 
Mundhöhle,  Zunge,  des  Zahnfleischs  und  eines  Theils  des  Rachens 
sind  mehr  oder  minder  vollständig  anästhetisch.  Ob  partielle  'Em- 
pfindungslähmungen  im  Gesicht  vorkommen,  ist  mir  nicht  bekannt. 
Wenn  die  Kranken  ein  Glas  an  den  Mund  setzen,  scheint  es  ihnen 
zerbrochen,  sie  ftihlen  nicht,  wenn  sie  auf  der  anästhetischen  Seite 
etwas  im  Munde  haben,  nicht  wenn  ihnen  ein  Fremdkörper  ins  Auge 
kommt  u.  dgl.  —  Von  Begleiterscheinungen  sind  excentrische  Schmer- 
zen, oft  in  Form  eines  heftigen  Tic  douloureux  nicht  selten.  —  Die 
ELanbewegungen  können  gestört  oder  unversehrt  sein,  das  hängt  von 
der  Mitbetheiligung  der  Portio  minor  trig.  ab,  ebenso  wie  die  vor- 
handene oder  fehlende  Atrophie  der  Kaumuskeln.  Die  vom  Facialis 
innervirten  Gesichtsmuskeln  sind  der  willkürlichen  Bewegung  in  voll- 
kommener Weise  fähig;  doch  erscheinen  die  Bewegungen  der  anä- 
sthetischen  Gesichtshälfte  nicht  selten  gehemmt  und  mehr  träge. 
Reflexe  fehlen  bei  peripherer  Anästhesie  ;rollkommen.  —  Die  Haut 
des  Gesichts  erscheint  gedunsen,  oft  bläulich  geröthet  und  kühl; 
Auflockerung  des  Zahnfleisches,  Caries  der  Zähne,  Geschwürsbildung 
auf  Mund-  und  Nasenschleimhaut,  Blutungen  aus  denselben  hat  man 
beobachtet;  Verletzungen,  welche  häufig  durch  Beissen  auf  die  anä- 
sthetische Wangenschleimhaut  entstehen,  heilen  schwer  und  werden 
zu  schlecht  aussehenden  Geschwüren.  —  Auffallend  sind  meist  die 
Erscheinungen  an  den  Augen :  die  Sehschärfe  nimmt  ab  wegen  man- 
gelnder Thränensecretion  und  secundärer  Ernährungsstörungen  und 


208  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Hyperämie;  die  Cornea  trübt  sich,  ulcerirt,  perforirt,  und  das  Auge 
geht  atrophisch   zu   Grunde;   darüber   haben   wir  oben  schon  ge- 
sprochen.*) —  Die  Geruchsempfindnng  leidet  nur  durch  die  vorhan- 
dene Trockenheit  der  Nasenschleimhant,  von  welcher  jedoch  durch 
einfach  sensible  Reize  (Ammoniak,  Schnupftabak)  keine  Reflexe  mehr 
ausgelöst  werden  können.    Das  Gehör  bleibt  meist  intaet,  wenn  nicht 
der  Tensor  tympani  durch  die  Affection  gelähmt  wird;   in  diesem 
Falle  können  geringe  Gehörstörungen  vorkommen.    Neuerdings  hat 
aber  Moos^)  über  eigenthümliche  Fälle  berichtet,  in  welchen  neben 
meist  doppelseitiger  Anästhesie  des  Trigeminus,  welcher  zuweilen 
lebhafte  Reizerscheinungen  voraufgehen,  sich  eine,  manchmal  mit 
subjectiven  Gehörsempfindungen  eingeleitete,  progressive  Lähmaug 
des  Acusticus,  totale  Taubheit,  einstellt.    Die  motorische  Portion  des 
Quintns  bleibt  dabei  frei.    Der  Sitz  dieser,  gewöhnlich  ziemlich  acut 
auftretenden  Affection  muss  wohl  in  der  Medulla  oblongata  gesucht 
werden.  —  Dagegen  pflegt  sehr  gewöhnlich  die  Geschmacksempfin- 
dung erheblich  beeinträchtigt  zu  sein.    Es  fehlt  dieselbe  auf  den 
zwei  vordem  Dritteln  der  der  anästhetischen  Seite  angehörigen  Zan- 
genhälfte.   Bekanntlich  vermittelt  der  N.  lingualis  die  Geschmacks- 
empfindung in  diesen  Theilen  der  Zunge ;  die  Geschmacksfasem  wer- 
den ihm  aber  zum  grössten  Theil  durch  die  Chorda  tympani  von  der 
Bahn  des  Facialis  her  zugeftihrt.    Da  jedoch  eine  Reihe  wohlcon- 
statirter  Fälle  vorhanden  ist,  in  welchen  völlige  Anästhesie  des  Tri- 
geminus  ohne  Betheiligung  des  Facialis  mit  Verlust  des  Geschmacks 
auf  der  vordem  Zungenhälfte  einherging  (z.  B.  Hirschberg,  Gatt- 
mann, Kocher,  Hippel  U.A.),  so  ist  es  wahrscheinlich,  dass  die 
Geschmacksfasem  der  Chorda  doch  aus  der  Trigeminusbahn  stammen. 
Sobald  dieselbe  also  da  lädirt  wird,  wo  sie  diese  Geschmacksfasem 
noch  enthält  —  was  nach  den  vorliegenden  Beobachtungen  an  der 
Schädelbasis  der  Fall  zu  sein  scheint  <—  tritt  gleichzeitig  Geschmacks- 
lähmung ein.    (Wir  werden  auf  diese  in  vieler  Beziehung  wichtige 
Frage  bei  den  Neurosen  der  Geschmacksnerven  und  bei  der  Lähmung 
des  Facialis  noch  ausführlich  zurückkommen ;  s.  die  betreffenden  Ca- 
pitel.)  —  Ueber  das  Verhalten  der  Speichelsecretion  bei  TrigeminuS' 
anästhesie  liegen  noch  keine  Angaben  vor. 

Das  ist  in  Kürze  das  Krankheitsbild  der  Anästhesie  des  Trige- 


1)  Dass  bei  Anästhesie  des  Trigeminus  der  Augendruck  sinke,  geht  aus  dem 
yon  Hirsch  her  g  (Centralbl.  1875  No.  6)  publicirten  Falle  keineswegs  hervor, 
da  in  diesem  Falle  gleidueeitig  fast  alle  Augenmuskeln  gelähmt  waren. 

2)  Bericht  üb.  d.  I.  Yersamml.  südwestd.  Nenrolog.  u.  Irrenärzte  in  Baden- 
Bad^n.    Arch.  f.  Psych  u  Nenrenkrankh.  VI.  3.  1876. 


Anästhesie.    Anästhesie  d.  Trigeminus.    Verlauf.    Dauer.    Ausgänge.     209 

minoSy  wie  dieselbe  tbeils  isolirt  ftlr  sich,  theils  als  Theilerscbeinang 
Terscbiedener  cerebraler  und  basaler  Erkrankungen  vorkommt,  lieber 
den  Sitz  des  Leidens,  seine  peripbere  oder  centrale  Entstehung  wird 
man  aus  der  Verbreitung  der  Anästhesie,  aas  der  Anwesenheit  moto- 
rischer, trophischer  mid  sensorieller  Störungen,  aus  dem  Vorhanden- 
sein oder  Fehlen  von  Störungen  der  Nerven  an  der  Himbasis  oder 
dee  Gehirns  bei  einiger  Aufmerksamkeit  leicht  ins  Klare  kommen. 
Die  betreffenden  diagnostischen  Sätze  s.  bei  Bomb  erg. 

Die  Anästhesie  der  einzelnen  spinalen  Nerven  bedarf  keiner  be- 
sonderen Beschreibung;  ihr  Sitz  und  ihre  Ausbreitung  ergeben  sich 
aas  der  Anatomie;  ihre  Aetiologie . und  Symptomatologie  aus  den 
vorstehenden  Auseinandersetzungen. 

Verlauf,  Dauer  und  Ausgänge. 

Was  ttber  Verlauf,  Dauer  und  Ausgänge  der  Anästhesie 
zu  sagen  wäre,  lässt  sich  in  wenige  Worte  zusanamenfassen ;  es  hängt 
das  fast  ausschliesslich  von  der  Orundkrankheit  und  ihrer  Heilbar- 
keit ab.  Der  Beginn  der  Anästhesie  kann  ein  ganz  plötzlicher  oder 
kann  ein  ganz  allmäliger  sein;  dazwischen  kommen  alle  möglichen 
Abstufungen  zur  Beobachtung.  In  günstigen  Fällen  tritt,  nachdem 
die  Störung  ihren  jeweiligen  Höhepunkt  erreicht  hat,  allmälige 
Besserung  und  endlich  Heilung  ein  (so  z.  B.  bei  vielen  cerebralen 
Anästhesien,  bei  den  rheumatischen,  ischämischen,  traumatischen 
Formen).  In  ungünstigen  Fällen  ist  die  Verschlimmerung  eine  con- 
tinuirlich  oder  sprungweise  zunehmende:  von  der  partiellen  zur  to- 
talen, von  der  drcumscripten  zu  der  diffusen  Anästhesie  fortschrei- 
tend; weiterhin  gesellen  sich  schwere  Ernährungsstörungen  dazu, 
ausgebreiteter  Decubitus,  der  durch  Erschöpfung  der  Kräfte  oder 
Pyämie  den  Tod  herbeiftlhren  kann.  Doch  ist  selbst  bei  vorge- 
schrittenen anästhetischen  Zuständen  immerhin  noch  Besserung  mög- 
lich —  es  hängt  das  eben  alles  vom  Grundleiden  ab  und  es  hiesse 
fast  die  ganze  Pathologie  des  centralen  Nervensystems  recapituliren, 
wenn  wir  näher  auf  die  verschiedenen  Verlau&weisen  eingehen  wollten. 
—  Häufig  bleibt  auch  nach  eingetretener  Besserung  noch  ein  oder 
das  andere  Residuum  der  Krankheit  zurück:  die  Sensibilität  bleibt 
längere  Zeit  etwas  stumpf,  wird  besonders  durch  die  Kälte  deutlicher 
vermindert,  als  an  gesunden  Hautstellen ;  manchmal  bleiben  einzelne 
Empfindungsqualitäten  ftlr  längere  Zeit  als  die  andern,  oder  dauernd 
erloschen  und  es  kann  so  eine  Art  unvollständiger  Heilung  zu  Stande 
kommen. 

Handbaeh  d.  spec.  Pathologie  ü.  Therapie.  Bd.  XII.  1.   2.  AoA.  14 


210  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Diagnose. 

Die  Diagnose  der  Empfindungslähmüng  hat  verschiedene  Punkte 
zu  berücksichtigen.  Zunächst  den  Grad  und  die  Ausbreitung  des  Lei- 
dens: mit  Hülfe  der  sämmtlichen  oben  angegebenen  Untersuchungs- 
methoden wird  man  sich  darüber  Klarheit  verschaffen  können. 

Demnächst  hat  man  den  Sitz  des  Krankheitsherdes  zu  er- 
mitteln und  hier  ist  die  wichtigste  Unterscheidung  die,  ob  periphere 
oder  centrale  Erkrankungen  die  Anästhesie  bedingen.  Die  Hanpt- 
anhaltspunkte  ergeben  sich  aus  der  im  Vorstehenden  gegebenen  Dar- 
stellung schon  von  selbst;  män.muss  zur  Entscheidung  herbeiziehen: 
die  Ausbreitung  und  den  Orad  der  Anästhesie  (partielle  Empfindungs- 
lähmung kommt  fast  nur  bei  centralen  Erkrankungen,  bei  peripheren 
beinahe  nie  vor),  die  begleitenden  motorischen,  vasomotorischen  und 
trophischen  Störungen,  das  Verhalten  der  Reflexe,  das  Fehlen  oder 
Vorhandensein  spinaler  und  cerebraler  Symptome,  den  Nachweis 
etwaiger  Ursachen  u.  s.  w.  —  Die  Unterscheidung,  ob  es  sich  um 
eine  eigentlich  periphere  Anästhesie  oder  um  eine  periphere  Lei- 
tungsanästhesie, und  andrerseits,  ob  es  sich  um  eine  eigentlich 
centrale  oder  um  eine  cerebrale  Leitungsanästhesie  handelt,  wird 
sich  in  den  meisten  Fällen  aus  den  Details  des  Krankheitsbildes  er- 
geben.   Oft  ist  diese  Entscheidung  aber  nicht  sicher  möglich. 

Endlich  hat  die  Diagnose  sich  auch  noch  zu  erstrecken  auf  die 
eigentliche  Ursache  der  Anästhesie,  auf  die  zu  Grunde  liegende 
pathologisch-anatomische  Veränderung.  Hier  können  detaillirte  An- 
gaben nicht  gemacht  werden :  eine  sorgfältige  Erwägung  der  einzelnen 
Erscheinungen,  wie  sie  zum  grossen  Theil  die  specielle  Pathologie 
ftlr  die  verschiedenen  zu  Orunde  liegenden  Erkrankungen  angibt, 
muss  die  nöthigen  Anhaltspunkte  liefern.  Häufig  wird  so  eine  exacte 
Diagnose  möglich  sein;  nicht  selten  aber  auch  nicht  und  bei  einer 
grossen  Gruppe  von  Anästhesien,  die  auf  sog.  impalpablen  Emährongs- 
störungen  beruhen  (Hysterie,  Intoxicationen,  Rheumatismen  u.  s.  w.), 
werden  wir  uns  auf  vage  Vermuthungen  in  Bezug  auf  Sitz  und  pa- 
thologische Anatomie  des  Leidens  beschränken  müssen. 

'  Prognose. 

Die  Prognose  der  Anästhesien  richtet  sich  fast  ausschliesslich 
nach  der  Ursache,  resp.  nach  dem  Sitze  des  Leidens.  Günstigen 
Ausgang  darf  man  erwarten  bei  den  rheumatischen,  ischämischen, 
hysterischen  und  syphilitischen  Anästhesien,  bei  den  durch  periphere 
Eälteeinwirkung  oder  Aetzmittel  hervorgerufenen  Formen.    Ebenso 


Anästhesie.    Diagnose.    Prognose.    Therapie.  211 

gibt  massige  Compression  meist  eine  günstige  Prognose,  wenn  das 
comprimirende  Moment  beseitigt  werden  kann ;  ist  dagegen  die  Com- 
pression so  stark  gewesen,  dass  Degeneration  des  Nerven  eingetreten 
ist,  dann  ist  die  Prognose  ungünstiger,  jedenfalls  die  Heilungsdauer 
eine  sehr  lange.  Noch  mehr  gilt  dies  für  völlige  Continuitätstren- 
nangen :  hier  tritt  immer  Degeneration  ein  und  es  kommt  alles  darauf 
an,  ob  die  getrennten  Nervenenden  sich  in  einer  für  die  Zusammen- 
heilung und  Begeneration  günstigen  oder  ungünstigen  Situation  be- 
finden; im  ersteren  Fall  wird  nach  einiger  Zeit  (meist  mehrere 
Monate)  Heilung  eintreten,  im  letzteren  Fall  wird  dieselbe  Monate 
und  Jahre  erfordern  oder  ganz  ausbleiben.  —  Die  Anästhesien  nach 
acuten  Krankheiten  verlaufen  meist  günstig;  ebenso  die  toxischen. — 
Die  Prognose  der  spinalen  und  cerebralen  Anästhesien  fällt  meist 
mit  der  Prognose  des  Grundleidens  zusammen,  jedoch  nicht  immer; 
speciell  bei  cerebralen  Formen  (z.  B.  durch  Apoplexie,  Embolie  be- 
dingten) beobachtet  man  nicht  selten,  dass  die  sensible  Lähmung 
bald  verschwindet,  während  die  übrigen  Erscheinungen  fortbestehen. 
Im  Allgemeinen  auch  sind  cerebrale  Anästhesien  prognostisch 
günstiger  zu  beurtheilen  als  spinale.  Sind  die  letzteren  sehr  voll- 
ständig und  hochgradig,  sind  sie  von  schweren  Ernährungsstörungen 
begleitet,  dann  ist  die  Prognose  meist  schlecht.  (Alles  Nähere  s. 
Band  XL) 

Therapie. 

Vor  Allem  muss  die  causale  Indication  erftlllt  werden;  in  der 
grossen  Mehrzahl  der  Fälle  ist  die  directe,  die  symptomatische  Be- 
handlung erfolglos,  wenn  nicht  die  Ursache  der  Anästhesie  beseitigt 
ist,  und  häufig  genügt  allein  die  Erfüllung  der  Gausalindication,  die 
Heilung  der  Grundkrankheit,  um  die  Anästhesie  von  selbst  ver- 
schwinden zu  machen.  Es  würde  viel  zu  weit  tlQhren,  hier  auch  nur 
annähernd  die  von  der  Gausalindication  möglicherweise  geforderten 
therapeutischen  Maassnahmen  anzudeuten:  es  ist  klar,  dass  die  ver- 
schiedensten chirurgischen  Eingriffe,  dass  zahlreiche  innere  und  äussere 
Heilmittel,  dass  besonders  auch  die  Elektrotherapie,  die  Hydro-  und 
Balneotherapie  eine  ausgedehnte  und  wichtige  Anwendung  finden 
können.  Besonderes  Augenmerk  wird  man  in  häufigen  Fällen  auf 
die  zu  Grunde  liegenden  Erkrankungen  des  Gentralnervensystems  zu 
richten  haben. 

Ist  jedoch  keine  Ursache  nachweisbar,  oder  ist  nach  Beseitigung 
der  Ursache  die  Anästhesie  noch  mehr  oder  weniger  vollständig  vor- 
handen, oder  wenn  man  neben  der  causalen  Behandlung  gleichzeitig 

14* 


212  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

das  störeDde  Symptom  der  Anästhesie  in  Angriff  zn  nehmen  Grund 
hat,  dann  tritt  die  direete  Behandlung  der  Anästhesie  ein^  es 
wird  dies  Symptom  selbst  Object  geeigneter  therapeutischer  Maass- 
nahmen.  Es  scheint,  als  ob  in  vielen  Fällen  eine  solche  direete  Be- 
handlung zur  völligen  Heilung  unumgänglich  wäre,  denn  gar  oft 
sieht  man  auch  nach  der  Entfernung  der  Ursache  und  der  Heilang 
des  Grundleidens  die  Anästhesie  erst  einer  directen  Behandlung  rasch 
weichen.  —  Wo  jedoch  eine  durch  unsere  Mittel  nicht  zu  beseitigende 
Ursache  vorhanden  ist,  wird  man  natürlich  von  der  directen  Behand- 
lung der  Anästhesie  nichts  zu  erwarten  und  dieselbe  als  überflüssig 
zu  unterlassen  haben. 

Der  Hauptzweck  dieser  directen  Behandlung  ist  die  Wieder- 
herstellung der  gesunkenen  oder  aufgehobenen  Erreg- 
barkeit und  Leitungsfähigkeit  der  sensiblen  Apparate. 
Dieser  Zweck  wird  am  besten  erreicht  durch  die  periphere  Einwirkung 
geeignet  abgestufter  Reize,  weiche  einerseits  die  verminderte  Erreg- 
barkeit zu  steigerui  andrerseits  in  der  Faserleitung  vorhandene  Hinder- 
nisse zu  überwinden  im  Stande  sind. 

Weitaus  das  vorzüglichste  von  allen  hierzu  brauchbaren  Mittein 
ist  unbestritten  die  Elektricität,  ein  Reizmittel,  welches  in  der 
feinsten  und  verschiedenartigsten  Weise  abgestuft  und  mit  der  grössten 
Leichtigkeit  und  ohne  üble  Nebenwirkungen  im  Gefolge  zu  haben, 
überall  angewendet  werden  kann.  Die  zweckmässigsten  hierher  ge- 
hörigen Methoden  (von  den  überaus  zahlreichen  und  wichtigen  Modis 
der  Anwendung  der  Elektricität  gegen  das  Grundleiden,  spinale, 
cerebrale  Erkrankungen,  Neuritis,  vasomotorischen  Ej*ampf  u.  s.  w. 
haben  wir  hier  nicht  zu  sprechen  und  verweisen  flir  dieselben  auf 
die  betreffenden  Abschnitte  dieses  Werkes  und  die  Lehrbücher  der 
Elektrotherapie)  sind: 

a.  Faradisa tion  der  Haut,  mittelst  des  elektrischen  Pinsels 
oder  der  elektrischen  Bürste,  oder  wenn  die  Reizung  nicht  so  stark 
zu  sein  braucht,  mittelst  feuchter  Elektroden.  Am  besten  nimmt  man 
die  Inductionsströme  von  der  secundären  Spirale  und  benutzt  die 
Kathode  (des  Oeffnungsstroms)  zur  Hautreizung,  während  die  Anode 
an  irgend  einer  indifferenten  Stelle  angesetzt  wird;  die  Ströme  müssen 
meist  sehr  stark  sein,  die  Reizung  soll  ein  paar  Minuten  andauern. 

Die  anfangs  unfühlbaren  Ströme  werden  in  günstigen  Fällen  im 
Laufe  der  Sitzung  alimälig  fühlbar  und  können  schliesslich  selbst 
schmerzhaft  werden.  Dann  zeigt  sich  in  dem  faradislrten  Theil  eine 
mehr  oder  weniger  vollständige  Wiederherstellung  der  Sensibilität 
auch  für  andere  Reize,  Tast-,  Schmerzempfindnng  etc.    Diese  Besserung 


Anästhesie.    Therapie.  213 

kann  Stunden  und  Tage  lang  anhalten  cind  endlich  dauernd  werden. 
Sie  beschränkt  sich  bei  cerebralen  Anästhesien  manchmal  nicht  bloss 
auf  die  direct  gereizten  Stellen ;  sondern  man  sieht  manchmal  auch 
die  nicht  direct  behandelten  anästhetischen  Stellen  wieder  empfindlich 
werden  y  so  z.  B.  bei  Faradisation  des  Armes  Wiederkehr  der  Sensi- 
bilität im  Bein  (Vulpian).  Die  Erklärung  aller  dieser  Wirkungen 
ist  aber  noch  in  hohem  Grade  hypothetisch. 

b.  Galvanisation  der  Haut,  am  besten  durch  labile  Ein- 
wirkung (Hin-  und  Herstreichen)  der  Kathode  auf  der  wohldurch- 
feuchteten  Haut  und  bei  starkem  Strom.  Die  Anode  wird  dabei  auf 
den  Krankheitsherd  oder  an  einer  indifferenten  Stelle  aufgesetzt.  In 
vielen  Fällen  ist  auch  gleichzeitige  energische  Beizung  der  Nerven- 
Stämme  von  Nutzen.  —  Weniger  zweckmässig  ist  die  Anwendung 
des  elektrischen  Pinsels  in  Verbindung  mit  der  Kathode  des  galva- 
nischen Stroms;  es  gehören  dazu  enorme  Stromstärken  und  dann 
entstehen  leicht  Anätzungen  der  Haut.  Dauer  der  Einwirkung  wie 
beim  faradischen  Strom;  Häufigkeit  der  Wiederholung  derselben  nach 
allgemeinen  Grundsätzen.  In  heilbaren  Fällen  sieht  man'  meist  nach 
jeder  Sitzung  Besserung  eintreten;  die  verschieden  lange  Zeit  anhält 
and  endlich  dauernd  wird. 

In  ähnlicher  Weise  wie  die  Eiektricität  wirken  zahlreiche  andere 
Hautreize,  besonders  die  so  sehr  beliebten  Spirituosen,  ätherischen 
und  andere  reizende  Einreibungen  (Opodeldoc,  Kampherspiritus,  Ol. 
terebinthin.,  Ol.  sinapeoS;  Spir.  formicar.,  Spir.  serpylli,  Tinct.  can- 
tharidum,  Ungt.  veratrini  u.  s.  w.).  Intensivere  Wirkungen  kann  man 
durch  Urtication,  abwechselnd  kalte  und  heisse  Douchen,  trockne 
Kohlensäurebäder  u.  s.  w.  erreichen.  In  gelinderer  Weise  wirken 
warme  Bäder,  Thermen  und  einfache  Frictionen.  T  ü  r  c  k  hat  schon 
nachgewiesen,  dass  man  durch  Reiben  allein  geringe  Grade  von 
Anästhesie  beseitigen  kann  und  so  mag  der  mechanische  Beiz  des 
Beibens  einen  gewissen  Antheil  an  dem  vielgerfthmten  Erfolge  vieler 
Einreibungen  haben. 

Die  energischeren  Gegenreize  (Vesicantien,  Pnstelsalben,  Moxen, 
Glttheisen)  dürfen  nur  nach  ganz  bestimmten  Indieationen  (meist 
causalen)  Anwendung  finden;  vor  ihrer  Anwendung  an  anästhetischen 
Theilen,  welche  zu  ernsteren  Ernährungsstörungen  geneigt  sind,  ist 
entschieden  zu  warnen. 

Innere  Mittel  werden  meist  nur  nach  Maassgabe  der  Causalindi- 
cation  Anwendung  finden.  Direct  gegen  die  Anästhesie  hat  man  das 
Strychnin  empfohlen;  ausserdem  manche  andere  Nervina  (Moschus, 
Castoreum,  Valeriana,  Amica  u.  s.  w.),  deren  Wirkung  aber  im 
höchsten  Grade  zweifelhaft  ist. 


214  Ebb,  Kraiikheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Die  Anästhesie  des  Trigeminas  wird  vor  Allem  die  dareh  das 
anzunehmende  Grnndleiden  geforderte  Behandlung  erfahren  mtlssen; 
bei  ihr  spielt  die  Anwendung  des  galvanischen  Stroms  eine  hervor- 
ragende Rolle,  erheischt  jedoch  Vorsicht  wegen  der  Nähe  des  Ge- 
hirns. Gegen  die  neuroparaljtische  Ophthalmie  ist  ein  Schutzverband 
des  Auges  das  beste  Mittel.  —  Die  Emährungstörungen  der  Haut 
werden  nach  bekannten  chirurgischen  Grundsätzen  behandelt. 

Das  diätetische  Verhalten(Lebensweise,  Ernährung  u. s,  w.) 
richtet  sich  einfach  nach  den  causalen  Indicationen.  Eine  besondere 
Berücksichtigung  verdient  der  prophylaktische  Schutz  anästhetischer 
Theile  gegen  schwerere  Ernährungsstörungen.  Die  geeigneten  Mittel 
dazu  sind:  passende  Lagerung  und  Unterstützung  der  Theile,  Ver- 
meidung jedes  länger  anhaltenden  Drucks,  scrupulöseste  Reinlichkeit, 
kalte  und  spirituöse  Waschungen.  Dennoch  wird  es  nicht  immer 
gelingen,  das  Auftreten  solcher  Ernährungsstörungen  dauernd  hintan- 
zuhalten. 

Musculäre  Anästhesien. 

Nasse,  Zeitschr.  fOr  psych.  Aerzte.  t822.  Heft  II.  —  Ch.  Bell,  Physiol.  a. 
pathol.  Unters,  d.  Nervensyst  Deutsch  v.  Romberg.  18.H2.  S.  185.  —  0.  Landry, 
Snr  la  paralysie  du  sentim.  d'actlYit^  muscul.  Aren,  g^n^r.  1852.  —  Gaz.  d.  höp. 
1855.  —  Duchenne,  Electrisat  locaUs^e.  IL  edit  p.  389  u.  424.  1861.  — 
£.  Leyden,  Ueber  Muskelsinn  u.  Ataxie.  Yirch.  Arch.  Bd.  47.  1867.  —  Bern- 
hardt, Zur  Lehre  vom  Muskelsinn.  Arch.  f.  Psych,  u.  Neryenkrankh.  Bd.  III. 
1872.  —  C.  Sachs,  PbvsioL  u.  anatom.  Untersuchungea  über  die  sensiblen  Ner- 
ven der  Muskeln.  Keichert  u.  Dubois'  Arch.  1874  u.  Dissert.  Berlin.  1875.  — 
C.  Sachs,  Die  Nerven  d.  Sehnen.  Reich,  u.  Dubois*  Arch.  1875  S.  402. 

Vgl  auch  die  Lehrbücher  von  Romberg,  A.  Eulenburg  u.  A.  und  die 
Handbücher  der  Physiologie. 

Wir  können  hier  die  sog.  musculären  Anästhesien  (und  verwandte 
Erseheinungen)  nur  ganz  flüchtig  berühren,  entsprechend  der  verhält- 
nissmässig  geringen  praktischen  Wichtigkeit,  welche  diese  Dinge  zur 
Zeit  noch  besitzen.  Es  mag  geradezu  gewagt  erscheinen,  diese  Krank- 
heitserscheinungen in  dem  Abschnitt  über  Krankheiten  des  peripheren 
Nervensystems  abzuhandeln,  da  ja  peripherische  Bahnen,  welche  die 
Muskelsensibilität  vermitteln  könnten,  erst  in  allemeuster  Zeit  nach- 
gewiesen werden  konnten.  Ueberdies  sind  die  musculären  Anästhe- 
sien so  vorwiegend  Symptome  von  centralen,  besonders  spinalen 
Nervenleiden,  dass  ihre  eingehendere  Würdigung  den  Gapiteln  über 
diese  centralen  Erkrankungsformen  vorbehalten  bleiben  muss.  Immer- 
hin kann  eine  kurze  Erwähnung  derselben  auch  an  dieser  Stelle 
nicht  wohl  umgangen  werden. 

Die  Exist^iz  anatomischer  Bahnen  für  von  den  Muskeln  her- 
kommende centripetale  Erregungen  wird  von  manchen  Beobachtern 


MuBculäre  Anästhesien.    MuskelgefOhl.  215 

TollstäDdig  geleugnet  und  es  werden  von  diesen  nur  durch  die  Mus- 
keln hindurchtretende  und  zu  ihren  Nachbargebilden  (Fascien  etc.) 
gehende  sensible  Nervenbahnen  zugegeben.  Soviel  schien  bislang 
nur  sicher  y  dass  die  etwa  vorhandenen  sensiblen  Muskelnerven  mit 
den  hintern  Wurzeln  das  Rückenmark  verlassen,  sich  aber  im  weitem 
Verlauf  den  motorischen  Nerven  beimischen  und  mit  diesen  zu  den 
Muskeln  gelangen.  Erst  in  allerneuster  Zeit  hat  Arndt  (Arch.  i 
mikrosc.  Anat.  IX.  S.  481)  in  den  Muskeln  feine  Nervenfasern  ge- 
funden (bei  allen  Thierclassen) ,  welche  das  Sarcolemma  umspinnen 
und  in  diesem  zu  endigen  scheinen,  und  welche  er  fUr  die  sensiblen 
Muskelnerven  hält.  Weit  genauer  und  umfassender  sind  aber  die 
Untersuchungen  von  G.  Sachs,  welcher  mit  Httlfe  verschiedener 
Methoden  die  Existenz  und  anatomische  Beschaffenheit  sensibler 
Muskelnerven  wohl  über  jeden  Zweifel  festgestellt  hat.  Auch  von 
Odenius  (citirt  bei  Sachs)  wurden  die  sensiblen  Muskelnerven  ge- 
sehen. Raub  er  nimmt  an,  dass  den  Vater'schen  Körpern,  die  sich 
in  den  Muskelscheiden,  am  Periost,  in  der  Nähe  der  Gelenke  finden, 
ein  Theil  der  Functionen  zukommt,  die  man  gewöhnlich  dem  sog. 
Muskelsinn  zuschreibt.  Nicht  minder  wird  den  von  C.  Sachs  ge- 
fundenen und  beschriebenen  Nerven  der  Sehnen  ein  Theil  derjenigen 
sensiblen  Functionen  zukommen,  welche  beim  Zustandekommen  der 
sog.  Muskelsensibilität  concurriren. 

Auch  die  physiologischen  Forschungen  ttber  die  Sensibilität 
der  Muskeln  haben  noch  manche  Lücken  und  Unklarheiten  gelassen 
und  eine  definitive  Einigung  gerade  ttber  die  Hauptpunkte  ist  durch- 
aus noch  nicht  erzielt 

Es  lässt  sich  —  auch  ganz  abgesehen  von  der  Existenz  anato- 
misch getrennter  Bahnen  und  ihrer  Endigung  im  Muskel  selbst  oder 
in  seinen  nächsten  Nachbartheilen  —  wohl  nicht  leugnen,  dass  von 
den  Muskeln  ausgehend  und  mit  ihrer  Function  im  innigsten  Zu- 
sammenhang stehend  gewisse  Empfindungen  vorkommen,  die  ganz 
unabhängig  von  den  durch  die  Haut  vermittelten  Empfindungen  sind, 
mit  denselben  jedoch  eine  gewisse  Aehnlichkeit  haben.  Diese  Em- 
pfindungen sind  theils  solche,  die  wir  den  Gemeingeftlhlen  zurechnen 
müssen  —  wir  fassen  sie  zusammen  unter  dem  Namen:  Muskel- 
geftthl;  theils  solche,  die  den  Tastempfindungen  analog  sind,  wie 
diese  eine  Abschätzung  von  Gewichten,  von  differenten  Widerständen 
und  Contractionszuständen  ermöglichen  —  wir  bezeichnen  diese  mit 
dem  Namen:  Muskelsinn  oder  Eraftsinn. 

Unter  dem  Muskelgefühl  versteht  man  die  dumpfe  und  un- 
bestimmte Empfindung,  welche  bei  energischer  Gontraction  in  den 


216  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Muskeln  selbst  entsteht  und  sich  bis  zu  förmlichem  Schmerz  steigern 
kann  (bei  gewissen  Krämpfen) ;  femer  die  ganz  analoge  Empfindung, 
welche  bei  faradischer  Reizung  der  Muskeln  entsteht,  in  ihrer  Inten- 
sität der  angewendeten  Stromstärke  parallel  geht,  sich  bis  zu  heftigem 
Schmerz  steigern  und  leicht  von  dem  gleichzeitig  durch  die  Faradi- 
sation  erzeugten  Hautschmerz  unterschieden  werden  kann  (elektro- 
musculäre  Sensibilität).  Ferner  gehört  hierher  das  Ermtidungs- 
geflihl,  welches  sich  in  den  Muskeln  nach  anhaltendem  Gebrauche 
derselben  etablirt;  endlich  die  Empfindlichkeit  gegen  tiefen  Druck, 
welche  gesunde  Muskeln  zeigen,  wenn  man  sie  mit  den  Fingern 
quetscht  oder  einen  Stoss  geden  dieselben  ftlhrt,  eine  Empfindung, 
die  von  der  gleichzeitigen  Hautempfindung  leicht  getrennt  werden 
kann.  So  kenne  ich  es  als  eme  bei  Knaben  nicht  unbeliebte  Quälerei, 
durch  starkes  Quetschen  des  M.  biceps  brachii  mit  den  Fingern  leb- 
haften Schmerz  zu  erzeugen,  eine  Procedur,  welcher  man  durch 
energische  Contraction  des  Biceps  die  Spitze  abbrechen  kann ;  dabei 
erhellt  die  Nichtbetheiligung  der  Haut  an  dem  Schmerze  zur  Evidenz. 
Das  Muskelgeflihl  wird  geprüft  entweder  durch  äusseren  Druck  oder 
weit  besser  durch  Faradisation  der  Muskeln.  Dabei  tritt  bei  ge- 
nügender Stromstärke  das  charakteristische  dumpfe  Gontractionsge- 
ftihl  sehr  deutlich  hervor,  und  man  kann  selbst  durch  Messung  des 
dazu  erforderlichen  Rollenabstandes  einen  vergleichbaren  Maassstab 
für  die  Intensität  desselben  gewinnen. 

Der  Muskelsinn  ermöglicht  uns  zunächst  die  Abschätzung  von 
Gewichts-  und  Druckunterschieden  und  zwar  in  noch  feinerem  Maasse, 
als  dies  durch  den  Druckshm  der  Haut  möglich  ist  (nach  E.  H. 
Weber  werden  noch  Gewichtsdifferenzen  von  39:40  durch  den 
Muskelsinn  unterschieden).  Er  gibt  uns  Aufechluss  über  die  Grösse 
und  Ausgiebigkeit  der  Muskelcontraction  und  über  die  derselben  ent- 
gegenstehenden Widerstände,  resp.  über  die  zur  Ueberwindung  der- 
selben aufgewendete  Kraft  (Kraft sinn).  Wahrscheinlich  hat  dieser 
Muskelsinn  auch  einen  gewissen  Antheil  an  unserer  Fähigkeit,  jeder- 
zeit —  auch  im  Dunkeln  oder  mit  geschlossenen  Augen  —  über 
die  Haltung  und  Stellung  unserer  Glieder  genau  orientirt  zu  sein  und 
dieselbe  auch  bei  geschlossenen  Augen  in  genau  bestimmbarer  Weise 
ändern  zu  können ;  femer  an  der  Fähigkeit ,  das  Gleichgewicht  des 
Körpers  zu  erhalten.  Höchst  wahrscheinlich  wirken  aber  bei  dieser 
Fähigkeit  noch  zahlreiche  andre  sensible  Eindrücke  mit,  die  von  den 
Gelenkenden,  Bändern,  Sehnen,  Fascien,  der  äussern  Haut  u.  s.  w. 
ausgehen.  Da  jedoch  diese  einzelnen  Factoren  durchaus  nicht  wohl 
von  einander  getrennt  werden  können  und  da  ihre  Störungen  durch 


Maskelgefühl  und  Muskelsmn.  217 

dieselben  UntersncIiungsmethodeD  ermittelt  werden ,  betrachten  ^  wir 
sie  ab  zu  dem  Muskelsinn  gehörig. 

Die  Prüfung  des  Moskelsinns  geschieht  durch  Hebung  von  ver- 
selüedenen  Gewichten  und  Abschätzung  ihrer  Differenz  (jedoch  mit 
sorgfältiger  Ausschliessung  des  Drucksinns  der  Haut).  Am  besten 
hängt  man  die  Gewichte  in  ein  um  das  zu  untersuchende  Glied  ge- 
schlungenes Tuch,  oder  l'ässt  dieses  so  zwischen  den  Fingern  halten, 
dass  es  mehr  durch  Reibung  als  durch  Druck  festgehalten  wird. 
Man  kann  so  die  kleinsten,  überhaupt  noch  fühlbaren  Gewichts- 
grOssen,  wie  auch  die  kleinsten  wahrnehmbaren  Gewichtsdifferenzen 
bestimmen  und  durch  Vergleich  mit  Gesunden  etwaiges  pathologische 
Verhalten  des  Muskelsinns  feststellen.  —  Auch  mittelst  des  Dynamo- 
meters kann  man  solche  Prüfungen  des  Erafteinns  anstellen.  — 
Weiterhin  lässt  man  die  Versuchspersonen  mit  geschlossenen  Augen 
ihre  Glieder  in  bestimmte  vorgeschriebene  Stellungen  bringen,  zu 
bestimmter  Höhe  erheben,  in  gleiche  Lage  mit  dem  passiv  beweg- 
ten Glied  der  andern  Seite  bringen;  man  lässt  sie  nach  berührten 
Punkten  ihrer  Eörperoberfläche  greifen,  eine  vorgehaltene  tickende 
Uhr  oder  Glocke  erfassen  —  alles  mit  geschlossenen  Augen.  Ge- 
sünde  flihren  dies  alles  mit  merkwürdiger  Präcision  aus,  bei  Kran- 
ken wird  man  dagegen  oft  über  die  grosse  Unsicherheit  zu  erstaunen 
haben. 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  in  die  noch  heute  fortgeführte  phy- 
siologische Discussion  über  die  wirkliche  Existenz  des  Muskelgeftthls 
tmd  Muskelsinns  —  als  von  den  Leistungen  sensibler  Muskelnerven 
abhängiger  Functionen  —  einzutreten.  Die  vorliegenden  Fragen  sind 
im  höchsten  Grade  schwierig  und  die  Erledigung  der  Differenzen  in 
dem  einen  oder  andern  Sinne  auch  für  die  Praxis  jetzt  noch  be- 
deatungslos.  Gewichtige  Namen  sind  —  wenn  auch  mit  mancherlei 
BeschiHnkungen  und  Differenzen  —  für  die  Existenz  der  Muskel- 
sensibilität eingetreten:  so  Gh.  Bell,  Romberg,  Bernard, 
Landry,  Duchenne,  E.  H.  Weber,  Leyden  u.  A.,  während 
Andere  dieselbe  in  der  einen  oder  andern  Form  leugnen,  so  S  p  i  e  s  s , 
Lotze,  Remak,  Schiff  u.  A.  Erst  Sachs  hat  neuerdings  positive 
experimentelle  Beweise  für  die  Existenz  der  Muskelseusibilität  beige- 
bracht. —  Noch  in  jüngster  Zeit  hat  Bernhardt  (1.  c.)  das  sog.  Mus- 
kelgeftlhl  in  die  den  Muskel  umgebenden  Theile  verlegt  und  den  sog. 
Kraftsinn  als  eine  Function  der  Seele  dargestellt,  welche  ganz  unab- 
hängig von  aus  dem  Muskel  selbst  stammenden  centripetalen  Ein- 
drücken sei;  Sachs  hat  diese  Ansichten  mit  Schärfe  zurückgewiesen. 
—  Von  allerhöchstem  Interesse  fllr  diese  Fragen  sind  die  merkwür- 


2 IS  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

digen  Beobachtungen^  welche  We  irMitchellan  Amputationsstflmpfen 
machte  (Injaries  of  nerves  Pbilad.  1872.  p.  353  ff.).  Er  fand,  dass 
z.  B.  nach  Oberarmamputationen  die  Kranken  doch  ein  deutliches 
Geftthl  von  der  Stellung  und  Bewegung  der  entfernten  Hand  behal- 
ten —  was  für  den  centralen  Ursprung  dieser  Empfindungen  sprechen 
wttrde.  Er  fand  aber  auch,  und  das  ist  noch  wunderbarer!  dass 
Faradisation  gewisser  Nervenstämme  an  amputirten  Gliedern  das 
Gefühl  der  Bewegung  und  Stellungsänderung  in  den  gar  nicht  mehr 
vorhandenen  Theilen  auslöste ,  wie  wenn  dieselben  noch  da  wären 
—  und  das  spricht  wieder  ftlr  centripetal  forlgeleitete  Erregungen. 
Diese  Thatsachen  verdienen  genaues  Studium.  —  Wir  haben  die 
hier  obschwebenden  physiologischen  Fragen  nicht  zu  entscheiden; 
für  uns  ist  nur  die  praktische  Erfahrung  maassgebend,  dass  unter 
pathologischen  Verhältnissen  sowohl  das,  was  wir  als  Muskelgeftthl, 
wie  das,  was  wir  als  Muskelsinn  bezeichnen ,  nach  einer  oder  der 
anderen  Sichtung  alterirt  werden  kann  und  zwar  unabhängig  von 
der  Hautsensibilität !  und  es  kommt  für  die  praktische  Verwerthnng  * 
dieser  Thatsachen  vorläufig  nicht  viel  darauf  an,  ob  wir  die  Art  und 
Weiset  wie  diese  Sensationen  zu  Stande  kommen  und  dem  Bevnisst- 
sein  mitgetheilt  werden,  ganz  genau  kennen  oder  nicht.  Nur  ge- 
häufte und  genau  angestellte  pathologische  Beobachtungen  können 
mit  der  Zeit  darüber  Licht  verbreiten. 

Anästhesie  des  Muskelgejuhls.  Sie  wird  am  leichtesten  bei  der 
elektrischen  Untersuchung  erkannt ;  es  fehlt  dann  das  eigenthttmliche 
dumpfe  Contractionsgeftlhl ,  welches  bei  der  Faradisation  gesunder 
Muskeln  wahrgenommen  wird;  es  fehlt  ausserdem  die  Empfindlich- 
keit des  Muskels  gegen  starken  Druck.  Diese  Anästhesie  kann  mit 
oder  ohne  gleichzeitige  cutane  Anästhesie  vorkommen ;  meist  besteht 
gleichzeitig  Muskellähmung;  der  eigentliche  Muskelsinn  kann  dabei 
intact  sein.  —  Diese  Anomalie  kommt  am  häufigsten  bei  hysterischen 
Lähmungen  vor  und  hat  es  Duchenne  als  charakteristisch  fttr  diese 
Lähmungen  bezeichnet,  dass  bei  ihnen  die  elektromusc.  Gontractilittt 
erhalten,  dagegen  die  elektromusc.  Sensibilität  erloschen  sei.  Dies 
ist  jedoch  nicht  für  alle  Fälle  richtig.  —  Bei  genauerer  Untersuchung 
wird  man  auch  bei  manchen  andern  Lähmungsformen  diese  Anästhesie 
des  Muskelgefühls  nachweisen  können. 

Anästhesie  des  Muskelsinns.  Sie  äussert  sich  durch  Abnahme 
oder  Verlust  der  Fähigkeit,  Gewichtsdifferenzen  wahrzunehmen  oder 
kleine  Gewichte  überhaupt  durch  Muskelcontraction  zu  erkennen ;  es 
wird  also  das  noch  wahrnehmbare  Widerstandsminimum  grösser 
werden  und  andererseits  werden  die  wahrnehmbaren  Differenzen  ver- 


Anästhesie  des  Moskelgefühls  tu  Muskelsinns.    Neurosen  d.  Sinoesnerven.     219 

schiedener  Gewichte  an  Grösse  wachsen.  Es  ist  klar^  dass  dies  nur 
constatirt  werden  kann  bei  einigermassen  erhaltener  Motilität;  in 
ganz  gelähmten  Muskeln  kann  von  einer  Prüfung  des  Muskelsinns 
gar  nicht  die  Rede  sein.  —  Diese  Anästhesie  äussert  sich  aber  femer 
auch  noch  durch  Verlust  des  Geftihls  für  das  Gleichgewicht  des 
Körpers I  durch  die  Unfähigkeit,  mit  geschlossenen  Augen  über  die 
Lage  und  Stellung  der  Glieder ,  über  die  Grösse  etwa  ausgeführter 
Bewegungen  u.  dgl.  sich  Rechenschaft  zu  geben;  doch  gehört  dazu 
wohl  noch  mehr  als  der  Verlust  des  eigentlichen  Muskelsums,  indem 
an  den  genannten  Leistungen  wohl  andere  sensible  Theile  einen  ge- 
wissen Antheil  haben.  Auch  der  Verlust  des  Muskelsinns  kann  bei 
Hysterischen  vorkommen  und  zwar  ist  dann  meist  gleichzeitig  die 
Etoutsensibilität  und  das  Muskelgeftlhl  gelähmt  Am  häufigsten  aber 
beobachtet  man  Anästhesie  des  eigentlichen  Muskelsinns  bei  der 
grauen  Degeneration  der  Hinterstränge  des  Rückenmarks  (Tabes  dor- 
salis)  und  es  ist  hierbei  das  vielbesprochene  Symptom  des  Schwan- 
kens und  Hinstürzens  beim  Schliessen  der  Augen  zum  Theil  durch 
Anästhesie  des  Muskelsinns  herbeigeführt;  doch  scheint  hier  eine 
grosse  Mannichfaltigkeit  der  Erscheinungsweise  möglich  zu  sein:  in 
manchen  Fällen  können  die  Kranken  noch  Gewichtsdifferenzen  richtig 
erkennen,  während  das  Widerstandsminimum  bedeutend  heraufgerückt 
ist;  am  häufigsten  ist  das  Gleichgewichtsgefühl  und  das  Geflihi  ftlr 
die  Lage  und  Stellung  der  Glieder  alterirt;  dabei  ist  meist  die 
elektromusc.  Sensibilität  erhalten;  die  Hautsensibilität  kann  in  ver- 
schiedener Weise  alterirt  sein.  Das  Nähere  s.  Band  XL  2.  S.  90  ff. 
lieber  die  Therapie  der  musculären  Anästhesien  ist  nicht  viel 
zu  sagen ;  sie  fällt  in  der  Regel  mit  der  des  Grundleidens  zusammen. 
Meist  bedürfen  dieselben  gar  keiner  besonderen  Behandlung.  Will 
man  eine  solche  instituiren,  so  ist  nichts  anderes  zu  rathen,  als  die 
directe  oder  indirecte  Faradisation,  resp.  Galvanisation  der  Muskeln. 


der 

Sie  stellen  ein  noch  ziemlich  dunkles  und  schwer  abzugrenzen- 
des Gebiet  dar.  Das,  was  früher  in  dieser  Kategorie  zusammenge- 
&sst  wurde,  wird  allmälig  aufgehellt ,  und  die  fortschreitende  Er- 
kenntniss  der  übrigen  Erkrankungen  der  Sinnesapparate  verengert 
das  Gebiet  der  sog.  Sinnesneurosen  immer  mehr.  Die  grössten  Fort- 
schritte hat  in  dieser  Richtung  die  Pathologie  der  beiden  höheren 
Sinnesnerven,  des  Opticus  und  des  Acusticus  gemacht  Da  die  Neu- 


220  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

rosen  derselben  jedoch  Specialdisciplinen  angehören,  die  durch  eine 
eigene  reiche  Literatur  vertreten  sind,  verweisen  wir  den  Leser  in 
dieser  Beziehung  auf  die  Lehrbücher  der  Augen-  und  Ohrenheilkunde. 
An  dieser  Stelle  wollen  wir  nur  die  Neurosen  der  Geschmacks-  und 
Geruchsnerven  abhandeln. 


1.  Neurosen  der  Geschmaoksnerven. 

Henle,  Lehrbuch  der  Anatomie.  Bd.  in.  2.  Nervenlehre.  1873.  —  Romberg, 
Nervenkrankheiten.  3.  Aufl.  Bd.  I.  S.  t48  u.  301.  1853.  —  A.  Eulenburg, 
Funct.  Nervenkr.  S.  292.  —  Stich,  Beitr.  z.  Eenntn.  d.  Chorda  tymp.  Annal.  d. 
Charit^,  ym.  1857.  —  Lotzbeck,  Deutsch.  Klin.  1858.  No.  12.  ~  Ziemssen, 
Yirch.  Arch.  XUL  S.  376.  1858.  —  B.  Schirmer,  Einiges  zur  PhysioL  des  Ge- 
schmacks. Deutsch. Klin.  1859.  No.  13,  15  u.  18.  —  Neumann,  Elektr.  als  Mittel 
z.  Unters,  des  Geschmacksinns  u.  über  Geschmacksfunct.  d.  Chorda.  EOnigsb. 
med.  Jahrb.  IV.  1864.  —  Hutchinson,  Lond.  Ophth.  Hosp.  Rep.  lY.  p.  189. 
1863—65.  —  Moos,  Störung  des  Geschmacksinns  durch  Druck  auf  die  Chorda 

rp.  Centralb.  1867.  No.  46.  Arch.  f.  Augen-  u.  Ohrenheilk.  Bd.  L  1.  S.  207.  — 
Schiff,  Neue  Unters,  über  d.  Geschmacksnerven  d.  vord.  Theils  der  Zange. 
Molesch.  Untersuchungen.  Bd.  X.  S.  406.  IS67.  ~  Schiff^  Intomo  ai  nervi  Sei 
gusto  etc.  Morgagni.  1870.  —  Llmparziale.  XI.  1S71.  No.  15  u.  XII.  1872.  No.  14. 

—  Lussana,  Ilecherches experim. et observ.  pathol.  sur  les  nerfs  du  gout  Arch. 
de  phvsiol.  norm,  et  path.  1869.  —  Lussana,  Sui  nervi  del  gusto.  Gaz.  med, 
Ital.  Frov.  Yenet.  XIII.  No.  42—46.  1871.  —  Lussana,  Sur  les  nerfs  du  gout 
Arch.  de  physiol.  norm,  et  path.  1872.  —  Prövost,  Note  r^lat  aux fonct gustat. 
du  nerf  lingual.  Gaz.  m^d.  d.  Par.  1869.  No.  37  u.  38  u.  Arch.  de  Physiol.  1873. 

—  Kocher,  Hirschberg^  Guttmann,  Fälle  von  Tngeminusl&hmung.  Berlin, 
klin.  Wech.  1868.  No.  10  u.  11;  48  u.  49;  51.  —  A.  wernich,  Beär.  z.  d. 
Par&sthes.  des  Geschmacks.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nervenkr.  II.  1869.  —  Erb,  Zwei 
F&lle  von  traumat.  Facialparal^^e.  Arch.  f.  klin.  Med.  VII.  S.  246.  1870.  — 
Steiner,  Rüekenmarkshyperämie ;  Unters,  über  d.  Chorda  tymp.  bei  doppels^t 
central.  Facialparalyse.  Arch.  d.  Heilk.  XI.  1870.  —  Guttmann,  Seltener  Fall 
von  Hysterie  etc.  Berl.  klin.  Woch.  1869.  No.  28  u.  29.  —  Tillmannä,  Ueber 
Faciall&hmung  bei Ohrkrankh.  Diss.  Halle.  1869.  —  Althaus,  Zur Phys. a. Path. 
d.Trigem.  Arch.  f.  klin.  Med.  VE.  S.  563.  1870.  ~  Seeligmüller,  NeuropathoL 
Beobachtung.  Halle.  1873.  4.  Beob.  —  Noyes,  A  case  of  irritat  of  the  chorda 
^mp.  Transact.  Amer.  otol.  Soc.  Boston  1874.  —  Erb,  Ueber  rheumatische 
Fadalislähmung.  Arch.  f.  klin.  Med.  XV.  S.  6.  1874.  —  C.  A.  Carl,  Enthält  die 
Chorda  tymp.  Geschmacksfasem?  Arch.  f.  Ohrenheilk.  1875.  —  Bärwinkel, 
Kritisches  üh.  Facialis!,  u.  Klinisches  üb.  d.  Chorda  tymp.  Arch.  f.  kUn.  Med. 
XVI.  S.  122.  1875.  —  Bernhardt,  Ueber  die  Function  d.  Trigeminus  als  Ge- 
schmacksnerv. Arch.  f.  Psych,  u. Nervenkr.  VL  S.  561. 1876.  —  Urbantschitsch, 
Ueber  Anomal,  d.  Geschmacksempfindung  etc.  in  Folge  eitriger  Erkrankungen  d. 
Paukenhöhle.  Anz.  d.  k.  k.  Ges.  d.  Aerzte  in  Wien.  1876.  No.  25.  — 

Die  Anatomie  und  Physiologie  der  Geschmacksnerven  ist  noch 
immer  ein  streitiges  Gebiet;  es  bestehen  wenigstens  in  einigen  we- 
sentlichen Punkten  unter  den  Hauptforschem  noch  erhebliche  Diffe- 
renzen. Die  folgende  Darstellung  des  heutigen  Standes  dieser  Lehre 
sucht  möglichst  nur  das  zu  geben,  was  heutzutage  als  feststehend 
oder  im  höchsten  Grade  wahrscheinlich  betrachtet  werden  kann ;  sie 
mag  als  Ergänzung  dessen  dienen,  was  wir  bei  der  Trigeminus- 
anästhesie  über  die  Störung  der  Geschmacksfunction  gesagt  haben. 


Neurosen  der  Geschmacksnerven.    Physiologie.  221 

und  wir  werden  uns  später  bei  der  Facialislähmnng  nochmals  aus- 
führlich darauf  zu  beziehen  haben. 

Das  Hauptorgan  ftlr  die  Vermittelung  der  Qeschmacksfunction 
ist  jedenfalls  die  Zunge;  ausserdem  werden  aber  auch  Geschmacks- 
empfindungen rermittelt  von  einem  Theil  des  weichen  Gaumens,  den 
Craumenbögen  und  wohl  auch  von  den  Rachenwandungen.  Soviel 
ist  sicher  y  dass  die  Zungenwurzel  und  die  Bachengebilde  einerseits, 
und  die  vordere  Zungenhälfte  andrerseits  ihre  Geschmacksfasern  von 
verschiedenen  Nervenbahnen  her  erhalten. 

Die  Geschmacksfasem  fOr  den  hinteren  Theil  der  Zunge,  den 
Gaumen,  die  Rachenwand  liegen  im  N.  glossopharjmgeus ;  das  ist 
über  jeden  Zweifel  durch  zahllose  Versuche  an  Thieren  (Schiff, 
L  US  Sana  und  Inzani  u.  A.)  festgestellt  und  gilt  jedenfalls  auch 
fUr  den  Menschen. 

Die  vorderen  zwei  Drittel  der  Zunge  und  die  Zungenspitze  er- 
halten ihre  Geschmacksfasern  zunächst  aus  dem  N.  lingualis: 
Dnrchschneidung  desselben  in  der  Nähe  seines  Eintritts  in  die  Zunge 
hebt  den  Geschmack  in  den  genannten  Theilen  vollständig  auf;  das 
ist  durch  das  Thierexperiment  und  ebenso  durch  gleichwerthige 
Experimente  am  Menschen  (Resection  des  Lingualis  wegen  Neuralgie 
Busch,  Inzani,  v.  Gräfe,  Yanzetti)  erwiesen. 

Weiterhin  hat  man  aber  auch  gefunden,  dass  Durchschneidung 
der  Chorda  tympani  (oder  Lähmung  des  Facialis  an  einer  Stelk, 
wo  er  die  Chordafasem  noch  enthält)  ebenfalls  im  vordem  Abschnitt 
der  Zunge  Geschmackslähmung  oder  doch  Geschmacksverlangsamung 
erzeugt  (Bernard,  Schiff,  Lussana,  Neumann,  Stich,  Till- 
manns u.  A.).  Und  andrerseits  geht  aus  manchen  Beobachtungen 
der  Ohrenärzte  hervor,  dass  bei  zufälliger  Reizung  der  Chorda  Ott- 
schmacksempfindungen  in  der  Zungenspitze  (neben  prickelnder  oder 
stechender  Sensation  und  vermehrter  Speichelabsonderung)  hervor- 
treten (Noyes).  Damit  war  festgestellt,  dass  die  Chorda  tympani 
ebenfalls  Geschmacksfasem  ftthrt,  und  es  musste  nun  nothwendig  die 
Frage  entstehen,  ob  alle  Geschmacksfasem  aus  dem  Lingualis  in 
die  Chorda  übertreten,  oder  ob  ein  Theil  derselben  im  Lingualis 
bleibt.  Schiff  ist  nach  seinen  Versuchen  fOr  die  letztere  Meinung 
eingetreten,  da  er  bei  isolirter  Durchschneidung  der  Chorda  ebenso 
wie  bei  isolirter  Durchschneidung  des  Lingualis  (oberhalb  der  Ver- 
bindung mit  der  Chorda)  jedesmal  nur  Abstumpfung  des  Geschmacks, 
keine  völlige  Lähmung  desselben  eintreten  sah.  Andere  dagegen 
(Neumann,  Lussana)  sehen  die  Chorda  tympani  als  den  alleinigen 
Geschmacksnerv  fbr  die  vordere  Zungenhälfte  an.    Jedenfalls  ist  so 


222  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

viel  sicher,  dass  die  Chorda  einen  sehr  erheblichen  Theil,  wenn  nicht 
alle  Geschmacksfasem  flir  die  vordere  Zangenhälfte  enthält;  wahr- 
scheinlich kommen  hier  grosse  individuelle  Verschiedenheiten  vor. 

Es  besteht  nun  aber  auch  noch  Streit  über  den  weiteren  Veriauf 
der  Chordafasem  zum  Gehirn.  Einige  Experimentatoren  (Bernard, 
Lussana,  Inzani)  behaupten,  dass  sie  im  Facialis  zum  Gehirn 
gelangen  und  dass  die  Portio  intermedia  dieselben  enthält  Die  Be- 
weise daftir  sind  mangelhaft:  die  Durchschneidung  des  N.  facialis 
an  der  Schädelbasis  gibt  keine  unzweideutigen  Resultate;  bei  Läh- 
mungen des  Facialis,  die  ihre  Ursache  an  der  Schädelbasis  haben, 
ist  Geschmackslähmung  bisher  mit  Sicherheit  noch  nicht  constatirt 
worden  (Stich).  In  einem  flir  diese  Frage  wichtigen  Falle  von 
Ziemssen  fehlt  leider  die  Section;  auch  bestand  Anästhesie  der- 
selben Zungenhälfte. 

Andre  (besonders  Schiff)  behaupten,  dass  die  Geschmacksfasem 
der  Chorda  aus  der  Bahn  des  Facialis  wieder  ttbertreten  in  die  Bahn 
des  Trigeminus  und  zwar  in  den  zweiten  Ast  desselben  durch  Ver- 
mittlung des  N.  petrosus  superfic.  major  oder  anderer  hier  vorhan- 
dener Anastomosen.  (Ebenso  sollen  die  etwa  im  Lingualis  verblie- 
benen Geschmacksfasem  in  der  Höhe  des  Gangl.  oticum  aus  dem 
dritten  Ast  durch  verschiedene  inconstante  Anastomosen  in  den  zweiten 
Ast  und  so  zum  gemeinschaftlichen  Stamm  des  Trigeminus  gelangen.) 
Schiffs  zahlreiche  und  mannichfach  modificirte  Experimente,  die 
an  Exactheit  der  Ausftihrung  und  Klarheit  der  Besultate  die  der 
übrigen  Beobachter  zu  ttbertreffen  scheinen,  stützen  diese  Ansicht 
sehr:  Durchschneidung  des  Trigeminus  an  der  Schädelbasis  hebt 
allemal  den  Geschmack  in  der  vorderen  Zungenhälfte  vollständig 
auf;  dasselbe  wird  bewirkt  durch  Trennung  des  N.  petros.  superf. 
major.,  durch  Loslösung  des  Gangl.  sphenopalatin.  aus  allen  seinen 
Verbindungen  und  endlich  durch  Exstirpation  dieses  Ganglion.  — 
Pr6vost  hat  sich  auf  Grand  seiner  Versuche  gegen  diese  Annahme 
ausgesprochen:  er  sah  nach  Exstirpation  des  Gangl.  sphenopalat. 
keine  Geschmacksstörung  eintreten.  S  c  h  i  f  f  hat  in  einer  eingehenden 
Kritik  dieser  Versuche  nachgewiesen,  dass  denselben  die  Beweiskraft 
mangelt  und  hat  in  neuen  fehlerfreien  Versuchen  wiederholt  consta- 
tirt, dass  Exstirpation  des  Ganglion  in  der  That  den  Geschmack  auf 
der  vorderen  Zungenhälflie  aufhebt.    (Morgagni  1870.) 

Es  ist  klar,  dass  alle  diese  Versuche  an  Thieren  mit  den  grössten 
Schwierigkeiten  zu  kämpfen  haben ,  weil  es  sich  dabei  um  Fest- 
stellung subjectiver  Empfindungen  derselben  handelt.  Viel  wichtiger 
und  beweiskräftiger  sind  deshalb  ftir  die  vorliegenden  Fragen  patho- 


Aafschluss  über  die  Geschmacksfanctioii  durch  pathoL  Fälle.  223 

logische  BeobachtuDgen  am  MeDschen,  weil  hier  die  Aasbreitang  and 
der  Grad  der  Geschmacksstörang  viel  leichter  festznstellen  sind. 
Natürlich  ist  aber  nar  einer  sehr  sorgfältigen  kritischen  Auswahl  der 
vorliegenden  Beobachtungen  Beweiskraft  zuzuschreiben.  *)  Unter  pa- 
thologischen Verhältnissen  kommen  vor: 

1.  Fälle  von  isolirter,  vollständiger  Anästhesie  des 
Trigeminus  (durch  Erkrankung  seines  an  der  Schädelbasis  liegen- 
den Abschnittes)  mit  gleichzeitiger  Aufhebung  des  Ge- 
schmacks an  der  vorderen  Zungenhälfte.  (Gh.  Bell, 
Untersuchungen  etc.  S.  301  und  312;  Dixon,  Medice- chir.  Transact. 
X.  1845.  p.  378  und  389;  Romberg,  Fall  3.  S.  302;  v,  Meyer 
bei  Romberg  S.  306;  Rigler  bei  Romberg  S.  262;  Hutchinson, 
Anstie,  Hirschberg,  Kocher,  Guttmann,  Seeligmttller, 
Bernhardt  u.  s.  w.)  —  Die  entgegenstehenden  Fälle,  wo  bei  völliger 
Anästhesie  des  Quintus  der  Geschmack  auf  der  vorderen  Zungen- 
hälfte erhalten  geblieben  sein  soll,  sind  alle  nicht  ttberzeugend.  Der 
Fall  von  Stamm  (bei  Romberg  S.  308)  beweist  gar  nichts,  da 
ein  Theil  der  Fasern  erhalten  und  ausserdem  die  Geschmacksempfin- 
dung deutlich  verlangsamt  war;  der  ebendaselbst  citirte  Fall  von 
B^rard  ist  ganz  dunkel,  weil  Trigeminus  und  Facialis  zerstört  ge- 
wesen sein  sollen  y  und  doch  der  Geschmack  (wahrscheinlich  aber 
nur  im  Glossopharyngeusgebiet)  erhalten  blieb.  Der  von  Romberg 
selbst  auf  S.  312  aufgeführte  Fall  beweist  genau  das  Gegentheii  von 
dem,  was  Romberg  daraus  folgert.  Der  Geschmack  im  hintern 
TheU  der  Zunge  war  hier  erhalten,  im  vordem  und  mittleren  Theil 
dagegen  erloschen.  Der  vielcitirte  Fall  von  Renzi,  der  Lussana's 
Hauptbeweismittel  bildet,  beweist  nichts,  weil  nicht  nachgewiesen 
ist,  dass  alle  Fasern  des  Quintus  zerstört  waren ;  es  ist  nicht  einmal 
eine  mikroskopische  Untersuchung  angestellt!  Ein  ebenfalls  von 
L US  Sana  (1872)  citirter  Fall  von  Vizioii  kann  nichts  Sicheres 
beweisen,  da  aber  den  eigentlichen  Sitz  der  Läsion  Dunkelheit 
herrscht  und  die  Section  fehlt ;  derselbe  Vorwurf  trifft  den  Fall  von 
Althaus;  ausserdem  war  in  diesem  der  Geschmack  deutlich  ver- 
langsamt, und  er  wurde  erst  2  Jahre  nach  Beginn  der  Affection 
untersucht,  wo  in  andern  Fasern  des  Quintus  schon  deutliche  Besse- 
rung eingetreten  war,  und  vielleicht  eine  vicariirende  Thätigkeit  des 
Glossopharyngens  sich  eingestellt  hatte.  Es  ist  klar,  dass  die  Fälle 
von  Trigeminuserkranknng  mit  negativem  Befund  in  Bezug  auf 


1)  Vgl.  darüber  meine  ausführliche  Zosammenstellang  zahlreicher  Fälle  im 
Deutsch.  Arcb.  f.  klin.  Medic.  XY.  S.  29  u.  ff. 


224  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

die  Gescbmacksstörung  nur  dann  eine  entschiedene  Beweiskraft  be- 
sitzen würden,  wenn  nachgewiesen  wäre,  dass  alle  im  TrigeminuB- 
stamm  liegenden  Fasern  zerstört  sind,  und  dass  es  sich  nicht  um  eine 
centrale  Erkrankung  handelt  Dieser  Nachweis  ist  aber  in  keinem 
der  bisher  bekannten  Fälle  geliefert.  Den  Trigeminusanästhesien  mit 
positiver  Geschmacksstömng  kommt  eine  grössere  Beweiskraft  za, 
weil  beim  Nachweis  einer,  auf  den  in  der  Schädelhöhie  liegenden 
Theil  des  Trigeminus  beschränkten,  Erkrankung  und  gleichzeitiger 
Geschmacksstörung  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  dieser  Theil  die 
Geschmacksfasem  enthält,  eine  sehr  grosse  ist 

2.  Fälle  von  isolirter,  vollständiger,  peripherer 
Facialislähmung  mit  Aufhebung  des  Geschmacks  auf 
der  vorderen  Zungenhälfte  (Neumann,  Roux,  Cohn,  Vi- 
zioli,  Lussana,  M.  Meyer,  Erb  Fall  1,  Tillmanns,  Lan- 
douzy, Bazire,  Hitzig  U.A.).  Hier  anzuschliessen  analoge  Fälle 
von  Vereiterung  des  mittleren  Ohres  oder  Caries  des  Felsenbeines 
mit  Lähmung  des  Facialis,  Zerstörung  der  Chorda  tympani.  Endlich 

3.  Fälle  von  Lähmung  des  Facialis  an  der  Schädel- 
basis, oberhalb  des  Gangl.  geniculi,  ohne  Beeinträch- 
tigung des  Geschmacks.  Stich  fand  weder  in  der  Literatur 
noch  „unter  einem  nicht  geringen  eigenen  Material^  einen  Fall  von 
Basallähmung  des  Facialis,  in  welchem  der  Geschmack  beeinträchtigt 
gewesen  wäre;  ebenso  Erb,  Fall  2.  Einen  hierhergehörigen,  sehr 
beachtenswerthen  Fall  findet  man  bei  Wachsmuth  (Bulbärpara- 
lyse  S.  21);  beide  Faciales  an  der  Schädelbasis  total  fettig  dege- 
nerirt,  Geschmack  auf  der  vorderen  Zungenhälfte  erhalten;  im  Petros. 
superfic.  maj.  normale  Fasern.  Noch  schlagender  2  Fälle,  die 
Ziemssen  in  Virch.  Arch.  XIII.  S.  2^3  flf.  ausftlhrlich  mittheilt; 
endlich  ein  neuerer,  jedoch  vielleicht  nicht  ganz  sicherer  Fall  von 
Bärwinkel. 

Die  gegentheiligen  Beobachtungen  von  angeblicher  Basallähmung 
des  Facialis  mit  Beeinträchtigung  des  Geschmacks  habe  ich  1.  c.  S.  39 
citirt  und  kritisirt  (Ziemssen,  Steiner,  Davaine  etc.);  sie  sind 
mehr  als  zweifelhaft.  Ein  in  neuester  Zeit  von  competenter  Seite 
mitgetheilter  und  mit  Rücksicht  auf  die  vorliegende  Frage  untersuch- 
ter Fall  verdient  noch  Erwähnung.  Charcot  u.  Gombault  (Arch. 
de  Physiol.  Y.  p.  143)  schliessen  aus  einem  Fall,  in  welchem  völlige 
Facialislähmung  mit  Einschluss  des  Gaumensegels  nebst  Geschmacks* 
lähmung  bestand,  während  die  Sensibilität  des  Gesichts  intact,  aber 
Neuralgie  des  Trigeminus  vorhanden  war,  dass  die  Geschmacksfasem 
im  Stamm  des  Facialis  liegen.  Auch  dieser  Fall  ist  durchaus  nicht 
beweiskräftig,  weil  mehrfache  anatomische  Läsionen  gefunden  wurden. 


Bahnen  der  Geschmacksnerven.  225 

besonders  ein  grösserer  Herd  im  Pods  ganz  in  der  Nähe  des  Trige- 
minus;  femer  heisst  es:  „Facialis  und  Trigeminus  erscheinen  in 
gleicher  Weise  grau.^  Möglich  auch^  dass  der  Felsentheil  des 
Facialis  zuerst  erkrankte  ^  da  das  Velum  palatinum  anfangs  nicht 
gelähmt  war. 

Angesichts  dieser  Thatsachen,  die  jedenfalls  die  Regel  für  weit- 
aus die  Mehrzahl  der  Fälle  bilden,  ist  nur  der  Schluss  erlaubt,  dass 
die  Geschmacksfasern  zum  grössten  Theil  aus  dem  N. 
lingualis  in  die  Chorda  und  mit  dieser  in  den  Facialis 
übergehen,  von  diesem  aber  dann  zum  Trigeminus  zu- 
rückkehren. Die  dieser  Rückkehr  dienenden  Bahnen  sind  aller- 
dings noch  nicht  genau  bekannt;  es  können  folgende  sein:  1)  vom 
Gangl.  geniculi  durch  den  Petrosus  superf.  major  und  N.  vidianus 
zum  Gangl.  sphenopalatin.  und  damit  zum  2.  Ast  des  Trigeminus 
(diese  Verbindung  ist  auch  von  anatomischer  Seite  schon  als  directe 
Fortsetzung  der  Chorda  in  Anspruch  genommen  worden  so  yon 
Cloquet,  Hirzel,  Hirschfeld  und  Leveill^).  2)  Im  Facialis 
peripher  yerlauiende  Fasern  der  Chorda,  die  durch  den  Ram.  com- 
munic.  zum  Auriculotemporalis,  aus  diesem- zum  Gangl.  oticum  und 
von  hier  zum  Gangl.  sphenopalatin.  oder  Gassen  gelangen  (hierdurch 
wtlrden  die  Fälle  erklärt,  wo  Trennung  des  Facialis  unterhalb  des 
Foram.  stylomastoid.  die  Geschmacksverlangsamung  bewirkte:  Stich , 
Lotzbeck,  Vizioli,  ein  Vorkommniss,  welches  übrigens  durch- 
aus nicht  die  Regel  ist,  wie  ich  mich  jüngst  in  einem  Falle  von 
Parotisexstirpation  überzeugte).  3)  Directe  Verbindungsfäden  der 
Chorda  mit  dem  Gangl.  oticum  etc.  4)  Vom  Gangl.  geniculi  durch 
den  Plex.  tympan.  zum  Petros.  superiSc.  minor,  zum  Gangl.  otic. 
u.  ß.  f.  Es  sind  wohl  noch  mehrere  Verbindungswege  vorhanden, 
ebenso  für  die  etwa  im  Lingualis  verbleibenden  Geschmacksfasem^ 
und  es  ist  möglich,  dass  dieselben  bei  einzelnen  Individuen  in  sehr 
verschiedener  Weise  benutzt  werden ;  darauf  kommt  am  Ende  wenig 
an;  wesentlich  ist  nur  die  Thatsache,  dass  die  Hauptmasse  der  Ge- 
schmacksfasem  der  vorderen  Zungenhälfte  zunächst  im  Lingualis, 
dann  in  der  Chorda  und  eine  Strecke  in  der  Bahn  des  Facialis  ver- 
läuft, um  endlich  wieder  in  die  Bahn  des  Trigeminus  zurückzukehren 
and  mit  diesem  in  das  Gehirn  einzutreten. 

Noch  eine  Möglichkeit  wäre  hier  zu  erwähnen,  nämlich  die^ 
dass  Chordafasem  auch  durch  das  Gangl.  oticum  und  den  N.  tym- 
panicus  zum  Glossopharyngeus  und  mit  diesem  ins  Gehirn  gelangen 
könnten.  Diese  Möglichkeit  ist  aber  Angesichts  der  Experimente 
und  pathologischen  Beobachtungen  am  Trigeminus  gar  nicht  wahr- 

Handbach  d.  spec.  Pathologie  o.  Therapie.  Bd.  XII.  1.  3.  Aaa.  15 


226  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

scheinlich;  immerhin  könnte  sie  Torkommen  and  so  das  scheinbar 
paradoxe  Verhalten  einzelner  Fälle  erklären. 

Dass  solche  Fälle  vorkommen  nnd  vorgekommen  sind,  soll  nicht 
geleugnet  werden;  es  mag  immerhin  richtig  sein,  dass  Facialisläb- 
mnngen  nnd  Trigeminusanästhesien  an  den  betreffenden  Stellen  vor- 
kommen können,  ohne  dass  der  Geschmack  beeinträchtigt  wäre;  in- 
soweit solche  Fälle  sich  nicht  ans  einer  unvollständigen  Zerstörung 
der  betreffenden  Nervenbahnen  erklären,  sind  sie  wahrscheinlich 
zurUckzuflihren  auf  Varietäten  und  Abnormitäten  der  Leitungsbahnen, 
welchen  die  Geschmacksfasern  auf  ihrem  Wege  zum  Gehirn  bei  ein- 
zelnen Individuen  folgen.  Endlich  können  auch  Anastomosen  des 
Lingualis  mit  dem  Glossopharyngeus  innerhalb  der  Zunge  die  Rein- 
heit der  klinischen  Erscheinungen  erheblich  beeinträchtigen. 

Resumiren  wir  den  Stand  unserer  heutigen  Anschauungen  über 
die  Geschmacksnerven,  so  ergibt  sich  folgendes:  Zungengrund, 
Gaumen  und  Rachenwandungen  werden  vom  Glossopharyngeus  ver- 
sorgt; die  vorderen  zwei  Drittel  der  Zunge  dagegen  vom  Lingualis; 
die  Geschmacksfasem  dieses  Nerven  treten  aber  zum  grössten  Theil 
(alle?)  in  die  Chorda  tympani  über,  verlaufen  dann  innerhalb  der 
Facialisbahn  bis  höchstens  zum  Gangl.  geniculi  und  treten  endlich 
auf  verschiedenen,  füt  den  Menschen  noch  nicht  genauer  bekannten 
Bahnen,  wieder  zum  Trigeminus  (2.  und  3.  Ast)  über  und  verlaufen 
in  dem  Stamme  dieses  Nerven  zum  Gehirn. 

Ueber  die  intracerebralen  Bahnen  der  Geschmacksfasem,  sowie 
über  den  eigentlichen  centralen  Herd  der  Geschmacksempfindung  ist 
nichts  Genaueres  bekannt. 

Die  Physiologie  lehrt,  dass  besonders  die  Zungenränder,  die 
Spitze  und  vor  allem  die  Zungenwurzel  mit  dem  feinsten  Geschmacks- 
vermögen  ausgestattet  sind,  dass  aber  auch  einzelne  Theile  des  Gau- 
mens, die  vorderen  Gaumenbögen  und  ein  Theil  der  Rachenwand 
zu  schmecken  befähigt  sind;  dass  durch  gegenseitige  Berührung  der 
genannten  Theile  die  Geschmacksempfindungen  an  Intensität  nnd 
Deutlichkeit  gewinnen.  Ueber  das  eigentliche  Wesen  der  Geschmacks- 
empfindungen ist  man  ganz  im  Unklaren,  und  es  beruht  nur  auf 
conventioneller  Uebung,  wenn  man  die  Geschmacksempfindungen  in 
einzelne  verschiedene  Kategorien  bringt,  von  welchen  die  des  Bittem^ 
Süssen,  Sauren  und  Salzigen  die  hauptsächlichen  sind;  jedoch  ist 
damit  der  vielseitige  Inhalt  der  Geschmacksempfindungen  keines- 
wegs erschöpft. 

NachLussana  empfindet  der  vordere  Theil  der  Zunge  manche 
schmeckende  Stoffe  anders  als  der  hintere;  mit  dem  vorderen  Theil 


Ort  der  Gesclimackbempfindmig.    Prüfuog  des  GeschmackBinnes.         227 

BoUen  besonders  gut  die  Nahnmgs-  und  Genussmittel  geschmeckt 
werden,  während  die  Zongenwarzel  vorwiegend  der  Sitz  der  ein- 
gehen specifischen  Geschmäcke  (bitter,  scharf,  alkalisch  etc.)  sein 
soll.  Nor  lösliche  Stoffe  können  geschmeckt  werden,  and  es  sind 
die  meisten  Geschmacksempfindungen  sehr  deutlich  von  dem  Geftlhl 
der  Lust  oder  Unlust,  des  Angenehmen  oder  Unangenehmen,  Widrigen 
begleitet 

Für  die  pathologische  Untersuchung  genügt  es  vollständig,  sich 
auf  die  genannten  Hauptkategorien  der  Geschmacksempfindungen  zu 
beschränken  und  ihre  Störungen  genauer  festzustellen.  Bei  diesen 
Untersuchungen  sind  gewisse  Cautelen  zu  berücksichtigen :  Am  besten 
ist  es,  bei  weit  geöffnetem  Munde  und  geschlossenen  Augen  die  Zunge 
herausstrecken  zu  lassen  und  auf  die  zu  untersuchenden  Stellen  die 
schmeckbaren  Stoffe  in  möglichst  kleinen  Portionen  und  hinreichend 
concentrirter  Lösung  mittelst  eines  Glasstabs  oder  feinen  Pinsels  auf- 
zutragen; ehe  sie  die  Zunge  zurückziehen,  müssen  die  Kranken  durch 
ein  Zeichen  mit  der  Hand  oder  dem  Kopfe  zu  erkennen  geben,  dass 
sie  etwas  geschmeckt  haben,  und  dann  erst  sollen  sie  angeben,  flir 
was  sie  es  gehalten  haben.  Hauptsache  ist  die  genaue  Localisation 
des  Geschmacksreizes  und  die  Verhütung  der  Diffusion  desselben 
nach  benachbarten  oder  entfernten  Zungenpartien.  Nach  jedem  Ein- 
zelversuch muss  die  Zunge  durch  Ausspülen  und  Ausspucken  für  den 
folgenden  vorbereitet  werden. 

Zur  Prüfung  des  bitteren  Geschmacks  benutzt  man:  Ghinin- 
lösung,  Coloquinthen-  oder  Quassiadecoct,  Lösung  von  Pikrinsäure 
u.  s.  w.;  bittere  Stoffe  werden  vorwiegend  an  der  Zungenwurzel 
deutlich  geschmeckt.  —  Die  Qualität  des  Süssen  wird  mittelst 
Zuckerlösung,  Syrup,  Honig  u.  dgl.  geprüft  und  tritt  besonders  an 
der  Zungenspitze  deutlich  hervor.  —  Zur  Prüfung  des  Sauren 
wählt  man  I^sig,  verdünnte  Säuren,  Wein  etc.;  vorwiegend  an  den 
Bändern  deutlich.  —  Das  Salzige  wird  mit  Lösungen  von  Koch- 
salz, Brom-  oder  Jodkalium,  Natr.  bicarbon.  u.  s.  w.  untersucht. 
Zum  Ueberfluss  kann  man  auch  manche  Erzeugnisse  der  Küche, 
Saucen  u.  dgl.  zur  Prüfung  herbeiziehen.  —  Die  Prüfung  der  zur 
Geschmackserregung  nothwendigen  Concentrationsminima,  sowie  die 
Prüfung  der  Empfindlichkeit  für  Concentrationsdifferenzen  der  gelösten 
schmeckbaren  Stoffe  hat  bis  jetzt  keinerlei  praktische  Bedeutung. 

Dagegen  besitzen  wir  in  der  galvanischen  Geschmacks- 
prüfung eine  sehr  werth volle  und  bequeme  Untersuchungsmethode 
flir  pathologische  Fälle.  Neumann  hat  dieselbe  zuerst  genauer 
präcisirt:   2  feine  mit  kleinen  Knöpfen  versehene  Drähte  werden 

15* 


228  £bb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

wohl  yoD  einander  isolirt,  wenige  Millimeter  von  einander  entfernt 
auf  irgend  einen  nichtleitenden  Träger  (Glasstab,  elastischen  Katheter 
oder  dgl.)  befestigt ,  sind  bis  zu  den  Knöpfen  mit  Siegellack  über- 
zogen und  bilden  die  Elektroden,  welche  mit  den  Polen  eines  oder 
mehrerer  galyanischer  Elemente  verbunden  werden.  Setzt  man  die- 
selben auf  die  Zunge  auf,  so  entsteht  neben  einem  leichten  Brennen 
eine  deutliche  Geschmacksempfindung,  die  als  säuerlich,  salzig,  me- 
tallisch, kupferig  u.  dgl.  bezeichnet  wird  und  an  der  Anode  etwas 
stärker  ist  als  an  der  Kathode.  Es  ist  damit  eine  ganz  genaue 
Localisation  des  galvanischen  Geschmacksreizes  gegeben  und  man 
kann  durch  Verschiebung  des  kleinen  Elektrodenpaares  über  Zungen- 
oberfläche, Gaumen  etc.  die  Grenzen  der  schmeckenden  und  nicht 
schmeckenden  Bezirke  haarscharf  bestimmen  und  auch  über  Diffe- 
renzen in  der  Intensität  der  Geschmacksempfindung  an  symmetrischen 
Stellen  leicht  Aufschluss  erhalten.  Die  Geschmacksnerven  sind  be- 
kanntlich in  hohem  Grade  empfindlich  gegen  den  galvanischen  Strom: 
beim  Galvanisiren  des  Halses,  des  Kopfes,  des  Nackens  und  häufig 
selbst  des  Büokens  treten  oft  sehr  deutliche  galvanische  Geschmacks- 
empfindungen ein ;  wahrscheinlich  sind  dieselben  in  den  meisten  Fällen 
durch  Stromschleifen  bedingt,  welche  zu  den  Gebilden  der  Mundhöhle 
gelangen ;  immerhin  ist  es  möglich,  dass  auch  die  Geschmacksnerven 
in  ihrem  peripheren  und  centralen  Verlauf  bei  galvanischer  Beizung 
Geschmacksempfindungen  auslösen  und  es  wäre  deshalb  in  manchen 
pathologischen  Fällen  vielleicht  durch  verschiedene  Localisation  des 
galvanischen  Beizes  Au&chluss  über  den  Sitz  der  Läsion  zu  erhalten, 
welche  die  Geschmacksstörung  bedingt.  Darauf  wäre  künftighin  bei 
geeigneten  pathologischen  Fällen  zu  achten;  die  Versuche  müssen 
jedoch  mit  den  grössten  Cautelen  angestellt  werden,  wenn  sie  zu 
beweisenden  Besultaten  fahren  sollen. 

Die  Geschmacksneurosen  lassen  sich  in  zwei  Gruppen  bringen, 
von  welchen  die  eine  die  Hyperästhesien  und  Parästhesien  der  Ge- 
schmacksnerven, die  andere  die  verschiedenen  Formen  der  Anästhesie 
derselben  enthält. 

Hyperästhesie  und  Parästhesie  der  Geschmacksnerven.  —  Hyperaesth. 

gustatoria. 

Es  sind  das  im  Ganzen  seltene  Vorkommnisse,  die  bis  jetzt 
keine  grosse  praktische  Bedeutung  haben  und  auf  welche  sich  wohl 
die  Aufmerksamkeit  etwas  eingehender  richten  dürfte.  Die  eigent- 
liche Geschmackshyperästhesie  kann  sich  äussern  als  eine  Verfeine- 
rung der  Geschmacksempfindung,  so  dass  schon  ganz  minimale  Dosen 


Hyperästhesie,  Farästhesie  und  Anästhesie  der  Geschmacksnerven.       229 

von  schmeckenden  Stoffen  wahrgenommen  werden;  so  z.  B.  bei 
Hysterischen,  welche  manchmal  in  Speisen  oder  Arzneien  einzelne 
Stoffe  heransschmecken,  von  welchen  ein  Gesunder  keine  Spur  wahr- 
nimmt; oder  sie  äussert  sich  darin,  dass  die  begleitenden  Gefühle 
der  Lust  oder  Unlust  eine  erhebliche  Steigerung  erfahren,  so  dass 
manche  Stoffe  ungemein  widrig,  andere  auffallend  angenehm  schmecken, 
was  sie  bei  Gesunden  nicht  thun.  Auch  diese  Anomalie  kommt  vor- 
wiegend bei  Hysterischen  vor.  Wem  ich  beobachtete  etwas  Aehn- 
liches  bei  Kranken,  welche  nach  subcutanen  Injectionen  von  Mor- 
phium auffallend  rasch  einen  bitteren  ekelerregenden  Geschmack  auf 
der  Zunge  bekamen. 

Zu  den  Parästhesien  des  Geschmacks  darf  man  wohl  die  spon- 
tanen, subjectiven  Geschmacksempfindungen  rechnen,  die  in  manchen 
Fällen  von  rheumatischen  Facialparalysen  auf  der  vorderen  Hälfte 
der  ZuDge  wahrgenommen  werden  (Boux;  Stich);  es  wird  dabei 
bald  ein  „säuerlicher'',  bald  ein  „süsslicher''  oder  auch  ein  „fader" 
Geschmack  angegeben.  —  Bei  Erkrankungen  des  Trigeminus,  bei  Ge- 
sichts- und  Lingualneuralgien  hat  man  solche  Geschmacksstörungen 
noch  nicht  beobachtet.  Hierher  gehören  wohl  auch  die  (rcschmacks- 
empfindungen,  welche  nach  dem  Einnehmen  gewisser  Arzneistoffe 
in  der  Zunge  sich  einstellen;  am  besten  bekannt  ist  der  bittere  Ge- 
schmack bei  Santoningebrauch  (Böse),  der  so  hervortritt,  dass  z.  B. 
Wasser  beim  Trinken  ebenfalls  einen  bitteren  Geschmack  hat  Wahr- 
scheinlich handelt  es  sich  hier  um  Einwirkungen  auf  die  peripheren 
Geschmacksapparate.  —  Entschieden  centralen  Ursprungs  sind  je- 
doch die  subjectiven  Geschmacksempfindungen  Geisteskranker,  die 
theils  als  Geschmackshallucinationen,  theils  als  Illusionen  au&ufassen 
sind  und  meist  unangenehme,  widrige  Empfindungen  darstellen. 

Anästhesie  der  Geschmacksnerven,  Anaesthes.  gustatoria.  (Die 
Bezeichnung  Ageustie,  die  häufig  ftlr  diesen  Zustand  gebraucht 
wird,  ist  entschieden  falsch;  sie  bedeutet:  „ Nttchtemsein %  „nichts 
zu  kosten  haben".  Einzig  richtig  ist  Ageusis  [?on  ^^eta^^  =  Ge- 
schmacksinn], wofür  man  vielleicht  auch  Ageusie  sagen  könnte.) 

Man  begreift  unter  diesem  Namen  alle  die  ziemlich  häufig  vor- 
kommenden verschiedenen  Grade  und  Formen  der  Geschmacksbe- 
einträchtigung bis  zur  völligen  Aufhebung  jeder  Geschmacksempfin- 
dung, zur  Geschmackslähmung.  Diese  Anästhesie  kann  vollständig 
oder  unvollständig  (in  Bezug  auf  ihre  Intensität)  sein ;  sie  kann  ähn- 
lieh  wie  die  Hautanästhesien  eine  totale  oder  partielle  sein,  d.  h.  es 
können  alle  Geschmacksqualitäten  nicht  mehr  empftmden  werden, 
oder  nur  einzelne  derselben;  es  wird  schwierig  sein,  die  Fälle  von 


230  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

partieller  Geschmackslähmung  genauer  za  constatiren,  da  schon  unter 
normalen  Verhältnissen  die  Empfindlichkeit  ftlr  die  einzelnen  Ge- 
schmackskategorien an  verschiedenen  Stellen  der  Zunge  etwas  Ter- 
schieden  ist;  Jacubowitch  (siehe  Hofmann  und  Schwalbe, 
Jahresbericht  f.  Anat.  u.  Physiol.  1872)  hat  einen  solchen  Fall  von 
partieller  Geschmacksinnslähmung  bei  einem  leprösen  Kosaken 
beschrieben:  der  Kranke  schmeckte  bitter  und  sauer  nicht,  dagegen 
süss  und  salzig  ganz  gut.  Genauere  Angaben  fehlen  jedoch.  End- 
lich kann  die  Geschmackslähmung  auch  drcumscript  oder  diffus 
sein  (in  Bezug  auf  ihre  anatomische  Verbreitung),  es  kann  die  Spitze 
der  Zunge,  oder  die  Basis,  eine  Seite  oder  beide  Seiten  derselben 
ihr  Sitz  sein. 

Zunächst  kann  die  Geschmacksanästhesie  peripherisch  zu 
Stande  kommen  durch  alles,  was  die  Einwirkung  der  schmeckenden 
Stoffe  auf  die  Geschmacksnerven  erschwert  oder  verhindert,  oder  die 
Erregbarkeit  der  peripheren  Endapparate  herabsetzt.  Erkrankungen 
der  Zungenschleimhaut,  grosse  Trockenheit  derselben,  starker  Zungen- 
belag wirken  in  ersterer  Weise;  Einwirkung  von  Kälte  oder  Hitze 
in  der  letzteren:  es  ist  bekannt,  dass  Eisgenuss  die  Feinheit  des 
Geschmacks  beeinträchtigt^  dass  sehr  heisse  Speisen  nicht  genau 
geschmeckt  werden. 

Viel  wichtiger  aber  sind  die  Leitungsanästhesien  der 
Geschmacksnerven.  Sie  können  nach  den  obigen  Auseinander- 
setzungen zu  Stande  kommen  in  der  Bahn  des  Glossopharyngeus, 
des  Trigeminus  und  Lingualis,  und  endlich  der  Chorda  und  des 
Facialis  und  sie  werden  dadurch  nicht  selten  zu  wichtigen  diagnosti- 
schen Kriterien  ftlr  die  Bestimmung  des  Sitzes  der  Erkrankungen  in 
diesen  Nerven. 

Bei  Leitungshemmungen  im  Glossopharyngeus  ist  der  Ge- 
schmack auf  der  betreffenden  Seite  der  Zungenwurzel,  des  Gaumens 
und  Rachens  aufgehoben.  Die  Literatur  weist  bis  jetzt  keine  patho- 
logischen Fälle  auf,  in  welchen  eine  isolirte  Erkrankung  des  N.  glos- 
sopharyngeus mit  der  betreffenden  Geschmacksstörung  nachgewiesen 
wäre.  Die  wenigen  vorhandenen  Fälle  waren  meist  sehr  complicirter 
Natur  und  mit  vielfachen  I^äsionen  anderer  Nerven  vergesellschaftet, 
so  z.  B.  ein  Fall  von  Fränkel  (Berlin,  klin.  Woch.  1875  No.  3). 
Was  wir  Sicheres  über  Glossopharyngeuslähmung  wissen,  verdanken 
wir  dem  Thierexperiment. 

Bei  Leitungshemmung  im  Trigeminus  oder  Lingualis,  oder 
in  der  Chorda  und  gewissen  Abschnitten  des  Facialis  betrifft  die 
Geschmacksanästhesie  die  vordere  Zungenhälfte,  die  Seitenränder  und 


Anästhesie  der  Geschmacksnerven.  231 

die  Spitze  der  Zange.  Solche  Fälle  kommen  sehr  häufig  vor  und 
es  kann  der  Sitz  der  Lähmung  an  sehr  verschiedenen  Stellen ,  die 
Lähmungsursache  eine  äusserst  mannichfaltige  sein.  In  Bezug  auf 
Elrkrankungen  des  Trigeminus  haben  wir  oben  eine  Reihe  von 
Fällen  citirt,  wo  Erkrankung  dieses  Nerven  innerhalb  der  Schädel- 
höhle zu  Geschmackslähmung  führte;  die  Zahl  dieser  Fälle  könnte 
leicht  vermehrt  werden.  Ebenso  sind  mehrere  sichere  Fälle  con- 
statirt,  wo  Durchschneidung  des  Lingualis  (wegen  Neuralgie)  zu 
völliger  Oeschmackslähmung  auf  der  vorderen  Hälfte  der  Zunge 
ftthrte  (Busch,  Inzani,  v.  Gräfe,  Vanzetti).  —  Erkrankungen 
einzelner  Aeste  des  Trigeminus  als  Ursachen  der  Geschmacksläh- 
mung sind  bisher  nur  spärlich  nachgewiesen;  beweisend  scheint  nur 
eine  Beobachtung  von  Romberg  (1.  c.  S.  302,  Fall  3),  wo  der  dritte 
Ast  des  Trigeminus  isolirt  erkrankt  war.  Die  Angabe  von  Wood- 
bury,  dass  nach  Durchschneidung  des  3.  Astes  dicht  am  Foramen 
ovale  die  Geschmacksempfindung  erlischt,  hat  deshalb  keinen  Werth, 
weil  bei  der  beschriebenen  Operationsmethode  die  Chorda  sicher  mit 
durchschnitten  wird. 

Verletzungen  der  Chorda  vom  äusseren  Ohre  aus,  Zerstörung 
derselben  durch  Erkrankungen  des  Mittelohrs  (Urbantschitsch 
fand  unter  50  Fällen  von  eitrigem  Katarrh  der  Paukenhöhle  38  mal 
Geschmacksverminderung)  und  Caries  des  Felsenbeines  sind  mehr- 
fach als  Ursachen  der  Geschmackslähmung  auf  der  vorderen  Zungen- 
hälfte beobachtet  worden ;  man  wird  also  in  solchen  Fällen  gut  thun, 
zeitweilig  den  Geschmacksinn  zu  prüfen,  da  die  Kranken  häufig 
nicht  spontan  auf  Beeinträchtigung  desselben  aufmerksam  werden. 

Lähmungen  des  Facialis  aus  den  verschiedensten  Ursachen 
(traumatische,  rheumatische  und  solche  durch  Erkrankungen  des 
mittleren  Ohres  und  Caries  des  Felsenbeines)  hat  man  häufig  von  Ge- 
schmacksstörungen begleitet  gesehen  (Neumann,  Roux,  Lussana, 
Tillmanns,  Erb;  Stich  will  sogar  bei  allen  darauf  untersuchten 
completen  rheumatischen  Faciallähmungen  Beeinträchtigung  des  Ge- 
schmacks beobachtet  haben,  was  ich  durchaus  nicht  bestätigen  konnte). 
In  fast  allen  diesen  Fällen  ist  die  Annahme  gerechtfertigt,  dass  der 
Facialis  innerhalb  des  Ganalis  Fallopiae  und  unterhalb  des  Gangl. 
geniculi  von  der  Lähmungsursache  getroffen  wurde. 

Dagegen  existirt  ein  Fall  von  Stich,  in  welchem  der  Facialis 
dicht  unterhalb  des  Foram.  stylomast,  und  ein  Fall  von  Lotzbeck, 
in  welchem  derselbe  (resp.  seine  Zweige)  vor  dem  Ohre  durchschnitten 
wurde,  wo  ebenfalls  Geschmacksstörung  —  jedoch  nur  Verlangsamung 
des  Geschmacks  —  beobachtet  wurde.   Diese  Fälle  erklären  sich  wohl 


232  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

durch  rückläufige  Fasern  von  der  Chorda,  welche  durch  den  Auriculo- 
temporalis  zum  Gehirn  gehen,  vielleicht  aber  auch  durch  im  Facialis- 
stamm  aufwärts  schreitende  neuritische  Vorgänge.  Es  wäre  tlbrigens 
durch  genauere  Beobachtungen  erst  festzustellen,  ob  diese  Geschmacks- 
Störung  bei  Facialisdurchschneidung  eine  regelmässige  ErschdnuDg 
ist  —  was  wir  Yorläufig  bezweifeln  auf  Grund  einer  eigenen  Beob- 
achtung. Ein  Fall  von  Vizioli  (citirt  bei  Lussana  1872)  Dnrch- 
schneidung  des  Facialis  durch  einen  Messerstich  hinter  und  unter- 
halb des  Ohres  mit  Geschmackslähmung  —  gehört  wohl  auch  hier- 
her, obgleich  Verfasser  des  guten  Glaubens  ist,  dass  die  Chorda 
dabei  mitgetroffen  sei. 

Lähmungen  des  Facialis  an  der  Schädelbasis  sind  auf  Geschmacks- 
störungen wenig  untersucht.  Ich  habe  einen  Fall  beobachtet,  in 
welchem  entschieden  periphere  Lähmung  des  Facialis  mit  Gaumen- 
segellähmung einherging,  man  also  die  Läsion  oberhalb  des  Gangl* 
genicnli  zu  suchen  hatte;  hier  bestand  keine  Geschmacksstörung, 
was  ftir  die  Ansicht  von  Schiff  spricht.  Auch  Stich  hat  in  zahl- 
reichen Fällen  von  Basallähmung  des  Facialis  niemals  Geschmacks- 
störung gefunden  (s.  auch  die  oben  citirten  Fälle  von  Ziemssen). 

Es  können  also  die  Leitungsanästhesien  der  Geschmacksneryen 
äusserst  mannichfaltiger  Natur  sein  und  die  richtige  Deutung  ihres 
Ursprungs  und  ihres  Sitzes  ist  oft  gar  nicht  leicht.  Diese  Schwierig- 
keiten werden  noch  erhöht  durch  die  wahrscheinlich  in  vielen  Fällen 
vorhandenen  Varietäten  des  Verlaufe  der  Geschmacksfasem.  Da 
zahlreiche  Bahnen  fUr  dieselben  vorhanden  sind,  welche  die  Ge- 
schmacksfasem in  vielfach  wechselnder  Zahl  enthalten  können,  so 
erklärt  sich  daraus,  warum  anscheinend  ganz  gleiche  Fälle  bei  ver- 
schiedenen Individuen  ein  sehr  wechselndes  Bild  der  Geschmacks- 
störung darbieten  können. 

Ehe  die  Geschmacksstörungen  mit  voller  Sicherheit  für  die  Dia- 
gnose der  verschiedenen  genannten  Nervenlähmungen  verwerthet  wer- 
den können,  bedarf  es  immer  noch  einer  grösseren  Anzahl  genauer 
und  mit  Rücksicht  auf  eine  bestimmte  Fragestellung  untersuchter 
Beobachtungen;  erst  dann  wird  die  Lehre  von  den  Geschmacksläh- 
mungen klarer  werden,  und  es  wird  allmälig  entschieden  werden, 
ob  die  obige  Darstellung  des  Verlauft  der  Geschmacksfasem  richtig 
ist,  oder  ob  sie  modificirt  werden  muss.  Jedenfalls  kann  dieselbe 
einstweilen  als  Grundlage  tVir  weitere  Untersuchungen  dienen.  Die 
vorliegenden  Fragen  können  endgültig  nur  durch  pathologische  Be- 
obachtungen entschieden  werden ;  das  bisher  vorliegende  Material  ist 
aber  dazu  bei  Weitem  nicht  ausreichend. 


Anästhesie  der  Geschmacksnerven.  233 

Ueber  Leitungsanästhesien  in  der  centralen  Bahn  der  Geschmacks- 
fasem  wissen  wir  sehr  wenig ;  der  Verlauf  dieser  Bahnen  ist  grössten- 
theils  unbekannt.  An  centrale  Leitungsanästhesien  dürfen  wir  aber 
wohl  denken,  wenn  gleichzeitig  das  Lingualis-  und  Olossopharyngeus- 
gebiet  anästhetisch  sind,  wenn  ausserdem  etwa  noch  ausgebreitete 
cutaae  und  musculäre  Anästhesien  bestehen  (so  bei  Guttmann, 
BerL  klin.  Woch.  1869.  Binz,  Deutsch.  Klin.  1858).  Solche  Fälle 
kommen  wohl  am  häufigsten  bei  Hysterie  vor.  Die  verhältnissmässig 
seltenen  Fälle  von  Tabes,  Bulbärparalyse,  Apoplexien  u.  s.  w.,  welche 
Geschmacksstörung  zeigen,  thun  dies  wohl  auch  durch  Läsion  der 
centralen  Geschmacksfasernng.  Der  Fall  von  Steiner,  welcher 
Greschmacksstörung  bei  doppelseitiger  centraler  Facialislähmung 
dargeboten  haben  soll,  ist  durchaus  nicht  beweiskräftig,  weil  einer- 
seits nicht  sicher  nachgewiesen  ist,  dass  die  Facialislähmung  wirklich 
centralen  Ursprungs  war,  andrerseits  nicht,  dass  der  Trigeminus  frei 
war;  es  bestanden  vielmehr  lebhafte  brennende  Schmerzen  an  den 
Bändern  und  der  Spitze  der  Zunge. 

Ueber  Geschmackslähmung  in  Folge  von  Erkrankung  des  cen- 
tralen Herdes  der  Geschmacksempfindung  wissen  wir  nichts  Näheres. 

Die  Diagnose  des  Grades  und  der  räumlichen  Ausbreitung  der 
Geschmacksanästhesie  kann  nur  auf  die  objective  Untersuchung  ge- 
gründet werden;  die  subjectiven  Empfindungen  und  die  Angaben  der 
ELranken  darüber  sind  meist  ganz  unzuverlässig.  —■  Die  Diagnose 
des  eigentlichen  Sitzes  der  Störung  hat  oft,  wie  sich  aus  der  vor- 
stehenden Darlegung  ergibt,  mit  grossen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen ; 
hier  kommt  Alles  auf  die  möglichst  genaue  Ermittelung  der  Begleit- 
erscheinungen und  auf  Feststellung  der  gleichzeitig  betheiligten  anderen 
Nervenbahnen  an.  Es  sei  hier  nochmals  betont,  dass  man  bei  den 
zahlreichen  Möglichkeiten  des  Verlaufs  der  Geschmacksfasem  auf 
mancherlei  Unregelmässigkeiten  gefasst  sein  muss;  sie  sollen  aber 
gerade  ein  Sporn  zu  recht  genauer  Untersuchung  sein.  Auch  die 
durch  die  Anastomosen  zwischen  Glossopharyngeus  und  Lingualis 
gegebene  Möglichkeit  der  gegenseitigen  theilweisen  Vertretung  beider 
Nerven  muss  im  Auge  behalten  werden. 

Die  Prognose  der  Geschmacksanästhesie  richtet  sich  einfach 
nach  der  des  Grundleidens.  Da  die  subjectiven  Beschwerden  ver- 
hältnissmässig gering  sind,  werden  die  Kranken  in  den  meisten  Fällen 
keinen  grossen  Werth  auf  das  Verschwinden  dieses  Symptoms  legen. 
Immerhin  kann  bemerkt  werden,  dass  die  Geschmackslähmung  oft 
äusserst  hartnäckig  ist  und  nicht  selten  die  Lähmung  der  die  Ge- 


234  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

schmacksfasem  führenden  Hauptbahn  (z.  B.  des  Facialis)  erhebliche 
Zeit  überdauert. 

Die  Therapie  muss  in  der  grossen  Mehrzahl  der  Fälle  eine 
rein  causale  sein  und  sich  die  Bekämpfung  des  Grundleidens  zur 
Aufgabe  machen ;  darüber  siehe  die  verschiedenen  einschlägigen  Ab- 
schnitte dieses  Werks.  Direct  gegen  die  Geschmackslähmung  kann 
man  wohl  nichts  Besseres  yersuchen  als  Faradisation  oder  Galvani- 
sation —  je  nach  Sitz  und  Art  der  Erkrankung  an  verschiedenen 
Localitäten:  peripher  an  der  Zunge  selbst  oder  längs  des  Lingaalis, 
oder  durch  ^e  Felsenbeingegend  u.  s.  w. 


2.  Neurosen  der  Qemohsnerven. 

Romberg,  Nervenkrankheiten  1.  3.  Aufl.  S.  147 u. 298.  1853.  —  A. Eulen- 
burg 1.  c.  S.  307.  ~  Lockemann,  Zur  Casuistik  der  Geruchsanomalien. 
Zeitschr.  f.  rat  Med.  3.  Reihe.  Xn.  1861.  —  W.  Stricker,  Verlost  des  Ge- 
ruchs in  Folge  local.  Anästhesie.  Yirch.  Aren.  Band  41.  1867.  —  Prövost, 
Atrophie  des  nerfs  olfactifs  fr^quente  chez  les  vieillards  etc.  Gaz.  m6d.  de  Paris. 
1866  No.  37.  —  Jackson,  Bemerkungen  über  das  Vorkommen  Ton  Gemchs- 
haUuc.  bei  Epilepsie  u.  s.  w.  Lancet  1S66.  Jan.  24.  —  Notta,  Recherches  snr 
la  perte  de  lodorat.  Arch.  g^ner.  de  M^d.  Avril  1870  (Zahlreiche  Casuistiki.  — 
W.  Ogle,  Anosmia,  or  cases  illustrat.  the  physiol.  and  pathol.  of  the  sense  of 
smeU.  Med.-chir.  Transact.  LIII.  1870  (Reichhaltige  Arbeit).  —  Molli^re,  Note 

gour  senrir  ä  Phistoire  de  la  pathol.  du  nerf  olfactif.  Lyon  m6d.  1871  No.  20.  — 
ander,  Epil.  Anf&Ue  m.  subject.  Geruchsempfindung  bei  Zerstörung  d.  1.  Tract 
olf.  durch  emen  Tumor.  Arch.  f. Psych,  u.  Nerv.  IV.  S. 234.  1873.  —  Althaus. 
Treatise  on  medical  electric.  II  ed.  1S70.  —  Beard  and  Rockwell,  Medical 
and  surgical  electricity.  1871.  — 

Die  anatomisch-physiologischen  Verhältnisse  des  Geruchsapparates 
sind  verhältnissmässig  einfach  —  wenigstens  soweit  sie  zur  Zeit  fllr 
die  Pathologie  in  Betracht  kommen. 

Einziger  Geruchsnerv  ist  der  Nerv,  olfactorius.  Seine  die  Lamina 
cribrosa  des  Siebbeins  durchsetzenden  Aeste  verbreiten  sich  auf  einer 
begrenzten  Region  der  Nasenschleimhaut  (oberer  Theil  der  Scheide- 
wand, obere  und  mittlere  Muschel),  welche  als  regio  olfactoria  be- 
zeichnet wird.  Die  Endausbreitungen  dieser  Aeste  stehen  wahr- 
scheinlich in  directer  Verbindung  mit  gewissen  eigenthttmlichen  End- 
apparaten, welche  die  Entstehung  der  Geruchserregungen  vermitteln 
und  dieselben  auf  die  Nervenfasern  übertragen.  Von  den  centralen 
Bahnen  der  Riechnerven  ist  nicht  viel  Sicheres  bekannt;  die  sog. 
äussere  Wurzel  des  Tractus  olfactorius  soll  die  Hauptmenge  der- 
selben enthalten;  sie  lässt  sich  bis  in  die  Gegend  der  Insula  Reilii 
verfolgen. 

Der  Trigeminus  (1.  und  2.  Ast)  ist  der  eigentlich  sensible  Nerv 


Neurosen  der  Greruchsnerven.  235 

der  Nasenschleimhaut;  er  hat  mit  der  Geruchsempfindnng  gar  nichts 
zn  than,  sondern  vermittelt  nur  Tastempfindungen  und  GemeingefÜhl. 
Die  specifischen  Geruchsempfindungen  werden  hervorgerufen  durch 
eine  zahllose  Menge  flüchtiger,  gasförmiger  Stoffe,  von  welchen  jeder 
seine  bestimmte,  mit  Nichts  zu  vergleichende  Empfindung  hervorruft, 
fiirem  eigentlichen  Wesen  nach  sind  die  Geruchsempfindungen  ebenso 
wenig  zu  bestimmen,  wie  die  Geschmacksempfindungen.  Auch  bei 
ihnen  ist  das  begleitende  Gefühl  der  Lust  oder  Unlust,  des  Ange- 
nehmen oder  Widrigen  gewöhnlich  sehr  ausgesprochen. 

Gegen  den  elektrischen  Strom  reagiren  die  Geruchsnerven  sehr 
schwach;  reizt  man  die  Nasenschleimhaut  mit  sehr  starken  galva- 
nischen Strömen,  so  soll  ein  phosphoriger  Geruch  eintreten  ( A 1 1  h  a  u  s) ; 
meist  wird  aber  durch  die  gleichzeitig  auftretenden  heftigen  Neben- 
erscheinungen —  Schmerz,  Schwindel,  Lichtempfindung  —  die  Wahr- 
nehmung der  Geruchsempfindung  unmöglich  gemacht.  Deshalb  ist 
der  galvanische  Strom  für  die  Prüftmg  des  Geruchssinns  nicht  zu 
brauchen. 

Dieselbe  kann  vielmehr  nur  so  geschehen,  dass  man  die  Kranken 
an  verschiedenen  Riechstoffen  abwechselnd  mit  dem  einen  oder  dem 
andern  Nasenloche  riechen  lässt,  mit  Vermeidung  aller  solcher  Stoffe, 
welche  irritirend  auf  die  Trigeminusfasern  wirken,  z.  B.  Ammoniak, 
Essigsäure,  Schnupftabak  u.  s.  w.  Diese  rufen  Kitzel,  Stechen, 
Kiesen  hervor  und  stören  so  die  reine  Geruchswahrnehmung  erheb- 
lich. Man  wählt  am  besten  theils  angenehme,  theils  unangenehme 
Biechstoffe  zur  Pröiung ;  aus  der  ersteren  Gruppe  z.  B.  wohlriechende 
Blumen,  kölnisches  Wasser  und  andere  Wohlgerüche,  Ol.  bergam., 
Ol.  Rosmarin.;  Moschus,  Campher  u.  s.  w.;  ans  der  andern  Gruppe 
etwa  Tmct.  valerianae,  Asa  foetida,  Terpentin,  Schwefelwasserstoff 
oder  andere  von  den  zahlreichen  übelriechenden  Körpern,  welche  die 
orgimische  Chemie  kennt. 

Zur  Vervollständigung  der  Prüfung  ist  es  nützlich,  auch  den 
Geschmack  von  aromatischen  oder  wohlschmeckenden  Speisen  und 
Greti^ken  zu  prüfen  (z.  B.  Vanille,  Zimmt,  Käse,  Kaffee,  Wein, 
Liqueur),  weil  der  specifische  Wohlgeschmack  derselben  zum  grössten 
Theil  vom  Geruchsinn  abhängt  und  es  häufig  gelingt,  auf  diesem 
Wege  noch  Geruchsempfindungen  hervorzurufen,  während  das  von 
vom  her,  durch  die  Nasenöffhungen,  nicht  möglich  ist.  S.  u.  patho- 
logische Fälle. 

Wir  gruppiren  die  Neurosen  des  Olfactorius,  über  welche-  bis  jetzt 
in  der  Pathologie  noch  ziemlich  wenig  bekannt  ist,  in  ähnlicher  Weise 
wie  die  Neurosen  der  Geschmacksnerven. 


236  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Hyperästhesie  und  Parästhesie  der  Geruchsnerven.  —  Hyperaesthetia 

olfactoria. 

Eine  wirkliche,  einfache  Hyperästhesie  des  Geruchsinns  —  Ab- 
nahme des  wahrnehmbaren  Reizminimums  —  kommt  hier  und  da 
bei  Hysterischen  vor,  welche  in  oft  unglaublicher  Weise  die  geringsten 
Spuren  vorhandener  Riechstoffe  wahrnehmen,  Stoffe  und  Personen 
nach  dem  Geruch  unterscheiden  können  u.  s.  w. 

In  ähnlicher  Weise  wie  beim  Geschmacksinn  kann  sich  die 
Hyperästhesie  aber  auch  als  eine  erhebliche  Steigerung  der  beglei- 
tenden Geftihle  der  Lust  oder  Unlust  bei  den  Geruchsempfindungen 
darstellen ;  besonders  im  letzteren  Sinne  tritt  häufig  excessive  Reaction 
ein :  Gerüche,  welche  Gesunden  kaum  wahrnehmbar,  gleichgültig  oder 
selbst  angenehm  sind  ( Wohlgertlche ,  Blumenduft),  erregen  manchen 
Kranken  die  widrigsten,  unangenehmsten,  selbst  förmlich  schmerz- 
haften Empfindungen;  sie  können  zu  Kopfschmerz,  Ohnmächten, 
Krampfanfällen  Veranlassung  geben.  Auf  der  andern  Seite  kommt 
es  vor,  dasB  widrige  und  unangenehme  Gerüche  von  den  Kranken 
mit  Leichtigkeit  tolerirt  und  selbst  bevorzugt  werden.  Auch  ftlr 
diese  Fälle  liefert  die  Hysterie  das  grösste  Contingent;  Aehnliches 
beobachtet  man  manchmal  bei  Geisteskranken. 

Subjective  Geruchsempfindnngen  der  verschiedensten  Art  kommen 
bei  manchen  Erkrankungen  der  Riechnerven  und  des  Gehirns  und 
nicht  selten  bei  Geisteskranken,  manchmal  bei  Epileptikern  vor.  Es 
sind  meist  unangenehme  widrige  Gerüche,  über  welche  von  den 
Kranken  geklagt  wird  (Aasgeruch,  Leichengeruch,  Schwefeldunst, 
Kohlendampf,  „schrecklicher''  Geruch  u.  s.  w.),  während  nur  selten 
von  indifferentem  oder  gar  angenehmem  (Geruch  erzählt  wird.  Ge- 
schwülste, Erweichungen,  Degenerationen  des  Olfactorius  gehen  nicht 
selten  während  ihrer  Entwickelung  mit  solchen  subjectiven  Geruchs- 
empfindungen  einher,  welche  mit  völliger  Zerstörung  des  Nerven 
verschwinden  und  der  Anosmie  Platz  machen.  Diese  Empfindungen 
sind  nichts  Anderes  als  excentrische  Sensationen,  hervorgerufen  durch 
Reize  an  irgend  einer  Stelle  der  Riechnervenbahn.  In  ganz  ähnlicher 
Weise  kommen  solche  Parästhesien  des  Geruchsinns  bei  den  ver- 
schiedensten Gehimleiden  vor  (Main  gault,  Dubois,  Lockemann, 
Westphal,  Sander,  Schlager).  Bei  Geisteskranken  sind  solche 
subjective  Erregungen  des  Geruchsinns  gar  nicht  selten ;  sie  entstehen 
entweder  als  wirkliche  Hallucinationen  oder  häufiger  als  Illusionen, 
sind  meist  unangenehmer,  höchst  widriger  Art  und  nicht  selten  Quelle 
und  Inhalt  ftlr  mancherlei  Wahnvorstellungen  und  abnorme  Willens- 


Hyperästhesie  und  An&sthesie  der  Geruchsnerven.  237 

impulse.  Endlich  hat  man  bei  Epileptischen  öfter  solche  subjective 
Gerachsempfindnngen  beobachtet;  theils  selbstständig  zwischen  den 
Anfällen  bestehend,  theils  nnd  häufiger  denselben  als  eine  Art  Aura 
vorausgehend  (Jackson,  Lockemann,  Sander). 

Von  einer  eigentlichen  Therapie  dieser  Hyperästhesien  des 
Geruchsinns  ist  bis  jetzt  nicht  viel  die  Rede.  Die  Hauptsache  ist 
die  Behandlung  des  Gnmdleidens.  In  manchen  Fällen  wäre  yielleicht 
ein  Versuch  mit  Anaestheticis  oder  mit  der  Elektricität  gerechtfertigt. 

Anästhesie  der  Gej^uchsnerven.     Anaesthesia  olfactoria.    Anosmie, 

Ist  eine  häufigere  und  wichtigere  Erkrankung  als  die  Hyper- 
ästhesie. Es  wird  allerdings  unter  dem  Namen  der  Anosmie  sehr 
Vieles  zusammengeworfen,  was  mit  dem  nervösen  Riechapparat  gar 
nichts  zu  thun  hat;  man  hat  sich  gewöhnt  mit  diesem  Namen  alle 
Zustände  zu  bezeichnen,  in  welchen  aus  irgend  welchen  Gründen  eine 
Greruchsempfindung  nicht  zu  Stande  kommt,  selbst  wenn  dabei  die 
Regio  olfactoria  mit  ihrem  sensoriellen  Nervenapparat  ganz  intact 
ist.  Wir  sind  deshalb  genöthigt,  in  der  folgenden  Darstellung  der 
Vollständigkeit  halber  manches  zu  erwähnen,  was  streng  genommen 
nicht  hierher  gehört,  aber  doch  wohl  eine  kurze  Erwähnung  verdient. 
Der  Leser  wird  leicht  die  nöthige  Scheidung  zu  machen  wissen. 

Die  Anosmie  äussert  sich  durch  fortschreitende  Abnahme  der 
Intensität  der  Geruchsempfindungen,  die  bis  zum  völligen  Erlöschen 
derselben  gehen  kann.  Oft  gehen  zuerst  nur  einzelne  Geruchs- 
empfindungen  verloren,  besonders  die  Wahrnehmung  zarter  Wohl- 
gerüche  u.  dgl.,  ^vährend  einzelne  oft  lange  Zeit  erhalten  bleiben. 
Endlich  können  aber  alle  möglichen  Gerüche  die  Nase  unempfind- 
lich lassen.  Dabei  bleibt  aber  die  Sensibilität  der  Nasenschleim- 
haut (Trigeminus)  vollständig  erhalten,  das  stechende  Gefllhl  von 
Ammoniak,  von  Essigsäure  wird  ebenso  deutlich  wahrgenommen  wie 
früher,  Schnupftabak  ruft  Niesen  hervor,  ohne  jedoch  seinen  cha- 
rakteristischen Geruch  zu  erzeugen. 

Gleichzeitig  damit  klagen  fast  alle  Kranken  über  eine  sehr  er- 
hebliche Beeinträchtigung  des  Geschmacks,  jedoch  nur  wenn  die 
Anosmie  eine  doppelseitige  ist.  Sie  können  verschiedene  Speisen 
und  Weinsorten  nicht  mehr  recht  von  einander  unterscheiden,  haben 
keinen  Genuss  mehr  von  den  verschiedenen  Genussmitteln  u.  s.  w. 
Prüft  man  jedoch  ihren  Geschmacksinn  näher,  so  stellt  sich  heraus, 
dass  sie  die  vier  Hauptkategorien  des  Geschmacks:  süss,  sauer,  bitter 
and  salzig  in  ganz  normaler  Weise  percipiren;  dagegen  sind  ihnen 
alle  Wahrnehmungen  verlorengegangen,  welche  den  charakteristischen 


238  £sB,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

„Wohlgeschmack"  der  yerschiedensten  Nahnmgs-  und  Oenossmittel 
bedingen  (das  was  die  Franzosen  „  saveur  **,  die  Engländer  „  flavonr " 
nennen).  Kaffee  erscheint  ihnen  als  versttsstes  heisses  Wasser ,  mit 
etwas  bitterem  Beigeschmack;  Wein  als  ein  schwacher  Essig  von 
grösserer  oder  geringerer  Rauhigkeit;  Käse  als  etwas'  Salziges  — 
kurz  die  verschiedensten  Speisen  haben  ihr  Aroma  und  ihren  unter- 
scheidenden Wohlgeschmack  verloren.  0  —  Es  gibt  jedoch  auch  Fälle 
wo  bei  doppelseitiger  'Anosmie  der  Wohlgeschmack  erhalten  bleibt 
Ogle  hat  diese  ganze  Reihe  von  Erscheinungen  in  ganz  befriedigen- 
der Weise  au%eklärt. 

Der  Geschmack  an  sich  beschränkt  sich  auf  die  bekannten  vier 
Hauptkategorien  oder  auf  wenige  verwandte  einfache  Wahrnehmun- 
gen; alle  übrigen/  bei  der  Au&ahme  von  Speisen  und  Getränken 
auftretenden  Empfindungen  —  die  einfach  tactilen  ausgenommen, 
welche  uns  über  Consistenz,  Glätte,  Rauhigkeit,  Zähigkeit,  Aggr^;at- 
form  u.  s.  w.  der  Ingesta  Au&chluss  geben  —  gehören  dem  Geruch- 
sinn an ;  er  speciell  vermittelt  den  sogenannten  Wohlgeschmack,  das 
was  wir  als  Blume  des  Weines,  als  Aroma  des  Bratens,  als  Fein- 
heit des  Gewürzes  kennen  und  lieben;  er  verleiht  den  Nahrungs- 
mitteln ihre  hauptsächliche  Würze.  Wir  sind  gewohnt,  bei  der 
Nahrungsaufnahme  immer  beide  Sinne  zusammenwirken  zu  lassen, 
die  Geschmacks-  und  Geruchswahmehmungen  dabei  als  einheitliche 
aufzufassen  und  als  „Geschmack^  zu  bezeichnen.  Pathologische 
Yor^Uige  aber  vermögen  die  beiden  Sinneswahmehmungen  zu  trennen 
und  nur  die  eine  übrig  zu  lassen;  ist  der  Geruch  verloren,  der  Ge- 
schmack erhalten,  so  sehen  wir  die  Wohlgeschmäcke  schwinden  und 
nur  die  einfachen  Geschmackswahmehmungen  übrig  bleiben;  daher 
die  auffallende  Vei^derung  des  „Geschmacks",  welche  die  meisten 
von  unsem  Nahrungsmitteln  und  Getränken  dabei  erfahren. 

Da  die  durch  den  Geruchsinn  vermittelten  Wahrnehmungen  die 
wichtigeren  und  mehr  charakteristischen  sind,  erscheint  den  Kranken 
die  Störung  des  „Geschmacks"  beim  Verlust  des  Geruchssinns  viel 
störender,  als  bei  der  Geschmackslähmung.  Wie  oft  werden  wirk- 
liche Geschmackslähmungen  von  den  Kranken  gänzlich  übersehen! 
Ausserdem  kommen  auch  selten  ganz  vollständige  Geschmacksläh- 
mungen vor.  Die  Störung  des  „Geschmacks"  bei  doppelseitiger 
Anosmie  erklärt  sich  also  sehr  einfach. 

Aber  auch  die  anscheinend  paradoxe  Thatsache,  dass  bei  völliger 


1)  Yergl.   darüber  die  vortreff liehen  Bemerkungen  von  Schirmer  in  der 
Deutsch.  Klin.  1&59  No.  13. 


Anästhesie  der  Gerudisnerven.    Einfluss  auf  den  Geschmack.  239 

UnfUhigkeity  durch  die  Nase  eingesogene  Riechstofie  wahrzunehmen, 
doch  der  Wohlgeschmack  —  also  die  von  Speisen  und  Getränken 
ausgehende  Geruchsempfindung  —  erhalten  bleiben  kann,  erklärt 
sich  bei  genauerer  Betrachtung  ebenso  einfach.  Der  eigentliche  Ge- 
rach wird  vermittelt  durch  die  von  den  Nasenlöchern  her  zur  Regio 
oliactoria  gelangenden  Luftströmungen;  der  Wohlgeschmack  durch 
die  von  der  Kachenhöhle  her  durch  die  Choanen  zur  Regio  olfactoria 
hingeführten  Riechstoffe.  Die  Nasenhöhle  wird  durch  die  grosse 
Annäherung  der  mittleren  Muschel  an  das  Septum  in  zwei  überein- 
ander liegende  Kanäle  getheilt,  wovon  der  obere  und  vordere  vor- 
wi^end  dem  olfactorischeu;  der  untere  und  hintere  vorwiegend  dem 
respiratorischen  Luftstrom  dient.  Durch  gewisse  Muskelbewegungen, 
welche  die  Nasenlöcher  erweitern,  wird  der  Eintritt  der  Luft  in  beide 
Kanäle  erleichtert;  durch  andere  Muskelbewegungen  (Compressor 
narium)  wird  der  respiratorische  Kanal  fast  völlig  abgeschlossen  und 
die  Luft  gezwungen,  fast  vollständig  durch  den  „RiechkanaP  zu 
streichen^  wie  das  beim  sogenannten  Schntlffeln  der  Fall  ist  (Ogle). 
Immer  ist  dabei  nothwendig,  dass  der  vordere  Eingang  des  ,,Riech- 
kanals''  gehörig  weit  sei.  Fehlen  nun  die  genannten  Muskelbewe- 
gungen, wie  z.  B.  bei  Facialparalysen,  oder  ist  durch  Schleimhaut- 
schwellung, Polypen  oder  dgl.  der  vordere  Eingang  des  „  Riechkanals  '^ 
verlegt,  so  wird  bei  völliger  Respirationsf  ähigkeit  kein  Luftstrom 
in  den  „  Riechkanal  ^  eindringen,  und  keine  Spur  von  Geruchsempfin- 
dung eintreten.  Dabei  wird  die  Möglichkeit,  dass  von  den  Choanen 
her,  an  welchen  sich  keine  derartigen  Hindemisse  finden,  Luft  mit 
mechstoffen  geschwängert  zur  Regio  olfact.  gelange,  vollkommen  er- 
halten sein  können,  und  es  wird  damit  die  Erhaltung  des  Wohlge- 
schmacks der  Speisen  und  Getränke  gegeben  sein.  In  dieser  Weise 
erklären  sich  wohl  ohne  Zweifel  die  Fälle,  in  welchen  der  eigent- 
liche „Geruch"  erloschen,  dagegen  der  Wohlgeschmack  der  Speisen 
und  Geti^nke  erhalten  ist  (s.  solche  Fälle  bei  Notta  und  Ogle). 
In  allen  solchen  Fällen  ist  der  Schluss  erlaubt,  dass  die  Riechfähig- 
keit erhalten,  dass  aber  der  Zutritt  der  Riechstoffe  zu  der  Regio 
olÜACtoria  von  vom  her  unmöglich,  von  den  Choanen  her  dagegen 
frei  sei.  Einen  interessanten  Beleg  dazu  liefert  ein  von  Ogle  mit- 
getheilter  Fall,  wo  durch  Adhäsion  des  Gaumensegels  eine  Abspermng 
der  Nasenhöhle  von  der  Mundhöhle  bewirkt  war;  die  Folge  war 
Verlust  des  Gerachs  und  des  Wohlgeschmacks  (bei  Erhaltung  der 
einfachen  Geschmacksempfindungen);  als  die  Communication  herge- 
stellt war,. waren  beide  wieder  vorhanden. 

Anosmie  kann  auf  sehr  verschiedene  Weise  zu  Stande  kommen. 


240  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Zunächst  peripherisch  durch  alles,  was  die  EinwirkuDg  der  Riech- 
stoffe auf  die  Riechapparate  behindert  oder  unmöglich  macht,  und 
dann  durch  alles,  was  die  Erregbarkeit  und  Aufnahmsfähigkeit  dieser 
Apparate  herabsetzt  oder  vernichtet;  nur  im  letzteren  Falle  werd^i 
wir  es  mit  wahrer  Anosmie  zu  thun  haben.  Beide  Kategorien  sind 
aber  nicht  immer  leicht  zu  trennen. 

Eine  der  gewöhnlichsten  hierher  gehörigen  Ursachen  ist  Katarrh 
der  Nasenschleimhaut;  acute  und  chronische  Coryza,  Influenza  etc. 
können  den  Geruch  flir  kürzere  oder  längere  Zeit  aufheben,  ihn 
selbst  fUr  immer  vernichten.  Es  geschieht  dies  wohl  durch  directe 
Ernährungsstörungen  der  Riechendapparate,  z.  Th.  aber  auch  durch 
mechanische  Verengung  oder  Abschluss  des  Riechkanals.  —  Abnorme 
Trockenheit  der  Nasenschleimhaut  ist  ebenfalls  eine  Ursache  der 
Anosmie;  sie  ist  das  Mittelglied,  welches  bei  manchen  Fällen  von 
Trigeminusanästhesie  oder  Facialislähmung  eine  Anosmie  der  gleichen 
Seite  bewirkt:  bei  Trigeminusanästhesie  kann  die  Schleimhautsecre- 
tion  in  der  Nase  vermindert  sein,  oder  es  hört  die  Thräneneea*etion 
auf,  und  damit  wird  die  zum  Riechen  nothwendige  Durchfeuchtung 
der  Nasenschleimhaut  verhindert.  Bei  Facialislähmung  ist  der  durch 
mangelhaften  Lidschluss  unmöglich  gemachte  Abfluss  der  Thränen 
in  die  Nasenhöhle  eine  Ursache  der  Anosmie ;  allein  die  gleichzeitig 
vorhandene  Lähmung  des  Levator  alae  nasi  und  des  Compressor 
naris  ftigt  ein  weiteres  causales  Moment  von  grosser  Bedeutung  hinzu. 
—  In  gleicher  mechanischer  Weise,  einfach  durch  Aufhebung  der 
Luftcirculation  im  Riechkanal,  wirken  Verengerungen  der  Nasenlöcher, 
Nasenpol jpen ,  Abschluss  der  Nasen-  und  Rachenhöhle.  —  Nach 
heftiger  Erkältung  hat  man  Verlust  des  (rcruchs  eintreten  sehen 
(v.  Franque),  in  bisher  noch  unerklärter  Weise.  Die  Einwirkung 
von  stark  reizenden  Qertichen  (Romberg),  reizenden  Injectionen 
und  Nasendouchen,  von  Ammoniak  und  Kloakenluft  (Graves),  von 
Aether  (Stricker)  auf  die  Nasenschleimhaut  hat  man  ebenfalls  wohl 
als  periphere  Ursachen  der  Anosmie  anzusehen. 

Endlich  hat  Ogle  auf  die  Wichtigkeit  des  Pigments  der  Regio 
olfactoria  fUr  die  Riechftinction  hingewiesen  und  dieselbe  in  sehr 
interessanter  Weise  zu  bekiilfltigen  gesucht;  er  sucht  einen  Fall  von 
Anosmie ,  welehe  sich  bei  einem  Negerknaben  gleichzeitig  mit  dl- 
gemeinem  Pigmentverlust  in  der  Haut  einstellte  (mitgetheilt  von 
Dr.  Hutchison),  durch  Verlust  des  Pigments  in  der  Riechschleim- 
haut zu  erklären. 

Viel  wichtiger  als  diese  peripherischen  Anosmien  sind  diejenigen, 
welche  durch  Leitungshemmung  in  den  Riechnerven  und  im 


Anftatliesie  der  Geruchsaerven.    Ursachen.  241 

Tractus  dfact  entstehen.  Sie  gehen  manchmal  mit  subjeetiveo  Oe- 
raehBempfindimgen  einher.  —  Hierher  gehören  zoniehst  die  trauma- 
tischen AnosDuen,  welche  meist  durch  Fall  auf  den  Ki^f,  besonders 
das  I&terhaiipt  entstehen  und  nicht  immer  von  SohMelbrttchen  be- 
gldtet  sind  (Molli&re,  Notta,  Ogle).  Direote  Brüche  des  Stirn- 
Qsd  Siebbeins  werden  natürlich  die  Oifactorii  leicht  in  Mitleiden- 
schaft ziehen;  Ogle  nimmt  aber  ausserdem  an,  dass  auch  ohne 
äehädelbrneh  eiae  Losreissung  des  Bulbus  ol&ctc^.  von  seinen  in  die 
Lamina  eribrosa  eintretenden  Aesten  ein^ten  und  so  Anosmie  ent- 
stehen könne. 

PröYOSt  hat  als  Ursache  der  senilen  Anosmie^  die  bei  älteren 
Personen  sich  gar  nicht  selten  findet,  eine  Degeneration  und  Atrophie 
der  Biechnervoi  nachgewiesen.  —  Femer  hat  man  Erweichung,  Indu- 
ration und  Geschwnlstbildung  des  Nerven,  Tuaeren  in  der  vordem 
Schädelgrabe  und  im  Vorderlappen  des  Gehirns,  Biostoaen,  Caries, 
Itoungitis  an  der  betreffenden  Steile  nicht  selten  als  Unsache  von 
Anosmie  nadigewiesen  (Loder,  Oppert,  Romberg  u.  A.).  — 
Bier  sind  wohl  auch  anzureihen  die  Fälle  von  angefoomer  Anosmie 
(Notta),  für  weldie  man  in  mehreren  Beobachtung^  (Cerutti, 
RosenmUller,  Pressat)  angebomen  Mangel  der  Tractus  olfaot. 
id»  Ursache  gefunden  bat 

Centralen  Ursprung«  (durch  Hemmung  der  intraeerebralen 
Leitang  oder  Unerregbarkett  des  Biechcentrums  sind  viele  Fälle  von 
Anosmie.  Besonders  interessant  sind  die  Fälle  von  Anosmie,  welche 
mit  Aphasie  und  rechtseitiger  Hemiplegie  einhergehai  und  immer 
auf  die  linke  Nasenhöhle  beschränkt  sind  (Jackson,  Fleteher 
und  Bansome,  Ogle;  anch^ich  habe  gegenwärtig  einen  solchen 
Fall  —  durch  Embolie  entstanden  —  in  Behandlung).  Ogle  macht 
darauf  aufmerksam,  dass  es  sich  dabei  wohl  um  eine  Mitbetheiligung 
der  äusseren  Wurzel  des  Tractus  olfact.  sin.,  welche  sich  bis  gegen 
die  Insula  hin  verfolgen  lasse,  handle,  und  dass  diese  Thatsache 
später  einmal  diagnostische  Bedeutung  für  die  Localisation  der  6e- 
himerkrankungen  gewinnen  könne.  —  Auch  die  bei  Hysterie  häufig 
vorkommende  Anosmie  ist  wohl  centralen  Ursprung»;  sie  ist  meist 
vei^gesellschaflet  mit  Verlust  des  Geschmacks,  ontanen  und  mnsculären 
AnäathesieiL    Das  Gleiche  gitt  für  die  Anosmie  bei  Geisteskranken. 

Welchen  Sitz  die  Anosmie  in  einzelnen  von  Notta  erwähnten 
Fällen,  die  dieser  als  „essentielle  Anosmie^  rabricirt,  gehabt  hat, 
läset  sieh  nicht  angeben;  sie  hatte  sich  ohne  jede  nachweisbare  Ur- 
sache bei  jungen  Frauenzimmern  entwickelt  und  bestand  ohne  weitere 
sonstige  Störangen. 

Handbuch  d.  spec.  Pathologie  n.  Therapie.    XII.  Bd.  1.    2.  Aufl.  t6 


242  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Die  Prognose  der  Anosmie  richtet  sich  natttrlich  vorwiegend 
nach  ihrer  Ursache.  Unheilbar  sind  die  durch  schwere  organische 
Läsionen  bedingten  Fälle;  gflnstigere  Prognose  gewähren  die  Anos- 
mien  nach  Coryza,  Erkältungen,  Traumen  u.  s.  w.;  am  günstigsten 
sind  natürlich  die  auf  mechanischen  Verhältnissen  beruhenden  For- 
men, sofern  es  gelingt,  das  Hindemiss  für  den  Eintritt  des  Luftetroms 
in  den  Biechkanal  zu  beseitigen.  Da  man  mit  dem  Verlust  des  Ge- 
ruchssinns mehr  unangenehme  als  angenehme  Eindrttcke  zu  entbehren 
pflegt,  wird  von  den  Kranken  meist  kein  grosser  Werth  auf  diese 
Störung  gelegt;  nur  der  gleichzeitige  völlige  Verlust  des  Wohlge- 
schmacks wird  meist  sehr  unangenehm  empfunden. 

Die  Therapie  ist  bis  jetzt  sehr  mangelhaft;  meist  wird  man 
sich  auf  die  Behandlung  des  Grundleidens  und  auf  Beseitigung  der 
Ursachen  beschränken.  Die  directe  Behandlung  hat  bisher  noch 
wenig  Erfolge  aufzuweisen.  Notta  sah  von  verschiedenen  irritiren- 
den  Schnupfpulvem  nur  negativen  Erfolg;  erlebte  aber  dafür,  dass 
manche  veraltete  Fälle  ohne  jede  Behandlung  von  selbst  heilten. 
Brünniche  (Virchow-Hirsch's  Jahresber.  pro  1874.  S.  134)  wandte 
mit  Erfolg  Bepinselungen  der  Nasenschleimhaut  mit  einer  einprocen- 
tigen  Lösung  von  Strychnin.  nitr.  in  Ol.  olivar.  an.  Duchenne  hat 
in  einigen  Fällen  von  der  Faradisation  der  Nasenschleimhaut  Erfolg 
gesehen,  besonders  bei  Hysterischen.  Beard  und  Bock  well  em- 
pfehlen ebenfalls  die  Faradisation  und  Galvanisation.  Sie  appliciren 
dieselbe  theils  aussen  auf  die  Nase,  theils  mittelst  einer  sondenför- 
migen  Elektrode  direct  auf  die  Nasenschleimhaut.  Auch  Fieber 
(Elektrotherapie)  sah  von  der  Anwendung  des  galvanischen  Stroms 
(olivenförmige  Elektroden  in  beide  Nasenlöcher)  gtinstigen  Erfolg. 


Nevtsei  der  Mttoriscliei  Nervei« 

Störungen  in  der  Function  deijenigen  centriftigalen  Nervenbahnen, 
die  man  als  motorische  bezeichnet,  und  der  mit  ihnen  zusammen- 
hängenden centralen  und  peripheren  Endapparate  bilden  das  Wesen 
der  Motilitätsneurosen.  Die  Verhältnisse  sind  bei ,  denselben 
weit  complicirter,  als  bei  den  Sensibilitätsneurosen,  weil  die  Erregung 
der  motorischen  Function  schon  unter  normalen  Verhältnissen  von 
zahlreicheren  Punkten  her  geschehen  kann. 

Ein  Blick  auf  die  normalen  anatomisch-physiologischen  Verhält- 
nisse der  motorischen  Apparate  wird  lehren,  von  welchen  Seiten  her  und 
in  welcher  Weise  pathologische  Störungen  der  Motilität  eintreten  können. 


Motilit&tsnearosen.    Einleitung.  243 

Die  sog.  motorischen  Nervenbahnen  mit  ihren  peripheren  End- 
apparaten, den  Muskeln,  bilden  das  anatomische  Snbstrat  ftlr  die 
BewegongSTorgänge.  Die  Muskeln  sind  integrirende  Bestandtheile 
des  actiren  Bewegungsapparates;  ohne  sie  ist  eine  Entfaltung  der 
motorischen  iThätigkeit  der  Nerven,  eine  motorische  Function,  gar 
nicht  möglich  oder  wenigstens  ftlr  uns  nicht  wahrnehmbar.  Nicht 
unberechtigt  ist  daher  die  Auffassung,  welche  sie  als  mit  den  moto- 
rischen Nerven  einheitliche  Organe  betrachtet  und  Störungen,  welche 
von  Veränderungen  der  Muskeln  selbst  ausgehen,  ebenfalls  den  moto- 
rischen Neurosen  zurechnet.  Streng  genommen  jedoch  muss  man 
den  Begriff  der  motorischen  Neurosen  beschränken  auf  Störungen 
der  motorischen  Nerven  mit  Einschluss  ihrer  innerhalb  der  Muskel- 
fasern selbst  gelegenen  Endapparate  (motorischen  Endplatten  u.  s.  w.). 
—  Dass  eine  solche  strenge  Scheidung  in  pfaxi  oft  nicht  möglich 
ist,  liegt  auf  der  Hand ;  Veränderungen  der  intramusculären  Nerven- 
endigungen und  der  Muskelfasern  selbst  werden  sich  häufig  nicht 
von  einander  trennen  lassen.  Das  muss  bei  der  Darstellung  berück- 
sichtigt werden,  wenn  es  auch  vor  dem  Bichterstuhle  einer  strengen 
Kritik  nicht  zu  verantworten  ist. 

Bttckwärtsschreitend  gelangen  wir  von  den  motorischen  Nerven- 
bahnen zum  Btickenmark,  in  welches  dieselben  durch  die  vorderen 
Wurzeln  eintreten.  Im  Btickenmark  selbst  ist  der  Verlauf  der  moto- 
rischen Bahnen  noch  nicht  mit  aller  wünschenswerthen  Sicherheit 
eriorscht.  Die  Hauptbahn  fahrt  wahrscheinlich  aus  den  vorderen 
Wurzeln  in  die  graue  Substanz  und  von  dieser  nach  kurzem  Verlauf 
in  die  weissen  Markstränge  (Vorderseitenstränge)  zurück,  in  welchen 
sie  bis  zum  verlängerten  Marke  verbleibt;  eine  Kreuzung  der  moto- 
rischen Bahnen  findet  im  Bückenmark  jedenfalls  nur  in  geringem 
Maasse  statt.  Ausser  der  Hauptbahn  gibt  es  aber  noch  zahlreiche 
Nebenbahnen,  die  wohl  alle  in  der  grauen  {„  kinesodischen ")  Substanz 
liegen  und  zur  Fortleitung  des  motorischen  Erregungsvorgangs  unter 
gevrissen  physiologischen  und  pathologischen  Verhältnissen  dienen. 

In  der  Höhe  der  Medulla  oblong,  und  des  Pons  findet  die  Haupt- 
kreuzung  der  motorischen  Bahnen  statt;  jenseits  dieser  Gebilde  — 
im  Himschenkel  und  weiter  —  finden  sich  nur  bereits  gekreuzte 
motorische  Fasern.  Dies  gilt  auch  für  die  in  den  motorischen  6e- 
himnerven  direct  ins  Gehirn  eintretenden  motorischen  Bahnen. 

Ueber  den  Verlauf  der  motorischen  Bahnen  im  Gehirn  brauchen 
hier  nur  kurze  Andeutungen  gegeben  zu  werden.  Die  Hauptbahn 
verläuft  vom  Pons  ab  durch  den  Himschenkelfiiss  zu  den  grossen 
centralen  Ganglienmassen  —  Streifenhügel  und  Linsenkem  —  mit 

16* 


244  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

welchen  ein  Theil  der  Fasern  jedenfalls  wichtige  Verbindungen  ein- 
geht; weiterhin  verläuft  die  Bahn  in  der  Faserang  des  Stabkranzes 
zu  dem  Grau  der  Hemisphären  und  zwar  wahrscheinlich  vorwiegend 
in  den  Vorderlappen.  Hier  findet  zunächst  eine  Endignng  in  gewissen 
motorischen  Gentren  statt,  welche  von  F ritsch  und  Hitzig  nach- 
gewiesen wurden.  Die  verschiedenen  Muskelgruppen  des  Körpers 
(Gesicht,  Augen,  obere,  untere  Extremität,  Rumpf  etc.)  besitzen  ge- 
trennte Gentren,  von  welchen  aus  durch  elektrische  Reizung  Bewe- 
gung in  den  dazu  gehörigen  Muskelgruppen  ausgelöst  werden  kann. 
Ob  diese  motorischen  Gentren  wirklich  schon  die  centralen  Herde 
der  Willensthätigkeit  darstellen,  ist  nicht  ausgemacht;  jedenfalls  aber 
ist  wahrscheinlich,  dass  die  Uebertragung  der  Willenserregungen  auf 
die  Muskeln  an  die  Integrität  dieser  Centren  gebunden  ist. 

Ausser  dieser  Hauptbahn  existiren  aber  noch  mancherlei  Ver- 
bindungen, Nebenbahnen  u.  s.  w.,  von  welchen  der  motorischen 
Leitung  Erregungen  zugeführt  werden  können.  So  zunächst  im 
Rückenmark  eine  Verbindung  mit  sensiblen  Bahnen,  durch  welche 
die  Reflexbewegungen  vermittelt  werden:  eine  Verbindung,  die 
zweifellos  durch  Ganglienzellen  vermittelt  wird  und  in  der  grauen 
Substanz  zu  suchen  ist;  ähnliche  Verbindungen  finden  sich  auch 
höher  oben  im  verlängerten  Mark  und  im  Gehirn ;  sie  sind  jedenfiUls 
ungemein  zahlreich,  weitverbreitet  und  von  grösster  Bedeutung.  — 
Im  verlängerten  Mark  und  Gehirn  finden  sich  mannichfache  Ver- 
bindungen der  motorischen  Bahnen  mit  sogenannten  automatischen 
Centren,  von  welchen  directe  Erregungen  ausgehen,  so  das  Centmm 
fUr  die  Respirations-,  ftir  die  Herzbewegungen,  f&r  die  vasomotorischen 
Bahnen.  Verwickelter  und  weniger  erforscht  sind  endlich  noch  die 
Beziehungen  der  motorischen  Bahnen  zu  den  verschiedensten  Theilen 
des  Grosshims  (Vierfaügel,  Sehhügel  etc.)  und  zum  Kleinhirn,  auf 
welche  wir  hier  nicht  näher  einzugehen  haben. 

Die  physiologischen  Leistungen  der  motorischen  Apparate  werden 
in  verschiedene  Gruppen  gebracht,  je  nach  der  Art  und  Weise  der 
Erregung,  welche  den  ersten  Anlass  zu  der  dabei  hervortretenden 
Mnskelcontraction  gibt.    Sie  sind  folgende: 

Willkürliche  Bewegungen  —  Aeusserungen  des  bewnssten 
Willens,  von  Erregungen  der  centralen  Willensapparate,  höchstwahr- 
scheinlich in  der  grauen  Grosshimrinde,  ausgehend  und  auf  die  moto- 
rischen Bahnen  Übertragen.  Ihnen  nahe  verwandt  sind  die  Mitbe- 
wegungen,  welche  aus  der  Ausbreitung  der  Willenserregung  auf 
nicht  beabsichtigte  motorische  Bahnen  hervorgehen;  ihr  Znstande- 
kommen ist  theils  zurückzuführen  auf  räumliche  Nähe  der  einzelnen 


Motüitätsneurosen.    Arten  der  Bewegung.  245 

motorischen  Centren  der  yerschiedenen  Mnskelgruppen  in  der  Oross- 
hinrmde  (so  z.  B.  für  den  Facialis  und  die  Angenmuskeln  Hitzig), 
tiieils  auf  die  zahlreichen  Nehenleitnngen  und  Verbindungen;  welche 
sieh  in  der  grauen  Spbstanz  allenthalben  iGuiden,  und  welche  eine 
scdche  Ausbreitung  eines  ursprünglichen  Reizes  auf  zahlreiche  Bahnen 
ermöglichen.  Die  Hitbewe^^ungen,  welche  schon  physiologisch  häufig 
vorkommen  und  in  der  Pathologie  ebenfalls  eine  gewisse  Bolle  spielen, 
können  ausser  bei  den  willkttrlichen  Bewegungen  auch  bei  den  ttbrigen 
Formen  der  motorischen  Erregung  auftreten. 

Automatische  Bewegungen:  sie  werden  von  gewissen 
Centren  aus  —  unabhängig  vom  Willen  —  erregt,  in  welchen  der 
ErregnncsYOigang  selbst  gewöhnlich  herrorgerufen  wird  durch  be- 
stimmte Zustände  und  Veränderungen  des  Blutes.  Die  Centren  für 
die  Beq;»rationsbewegungen,  fttr  die  Herzbewegung,  fttr  das  Er- 
brechen, fOr  die  vasomotorischen  Nerven  sind  solche  automatische 
Centren ;  meist  sind  dieselben  gleichzeitig  auch  auf  reflectorischem 
W^e  erregbar;  sie  liegen  wohl  alle  im  verlängerten  Mark  und  im 
Gehirn.  Ob  audi  das  Rückenmark  automatische  Bewegungen  y&c- 
Huttelt,  ist  nicht  sicher  gestellt,  der  vielumstrittene  Huskeltonus 
würde  als  dne  solche  Art  der  Bewegung  oder  Erregung  au&ufiiasen 
sein.  Da  seine  Existenz  —  wenigst^is  an  den  willkürlichen  Muskeln 
—  zweifelhaft  und  auch  fttr  die  Pathologie  ohne  besondere  Bedeutung 
ist,  soll  hier  nicht  auf  diese  Frage  eingegangen  werden. 

Reflexbewegungen:  sie  sind  die  Folge  directer  Uebertragung 
oentripetaler  Erregungen  auf  centrüugale  Bahnen,  ebenfalls,  ohne 
Mitwirkung  des  Willens.  Die.  physiologischen  G^etze,  nach  wdchen 
die  Reflexbewegungen  erfolgen,  dürfen  als  bekannt  vorausgesetzt 
werden  und  lassen  sich  auch  in  pathologischen  Fällen  häufig  deut- 
lidi  erkennen.  Alle  mögliche  Abstufungen  von  den  einfachsten,  bis 
zu  den  complidrtesten  und  verbreitetsten  Reflexbewegungen  kommen 
gerade  unter  pathologischen  Verhältnissen  vor.  —  Nicht  zu  ttber- 
sehen  sind  auch  die  Reflexhemmungen,  welche  sich  vielfach 
der  Reflexbewegung  entgegenstellen  und  zumeist  durch  ^eichzeitige 
Erregung  sensorischer  Oebiete  zu  Stande  kommen.  Die  Hauptherde 
fttr  diese  Hemmungsvorgänge  finden  sich  im  Gehirn  (Reflexhemmungs- 
ceotren  von  Setchenow),  und  von  ihnen  ans  kann  ebenfalls  eine 
pathologisdie  Modification  der  Reflexbewegung^  entstehen. 

Es  kann  endlich  nur  kurz  hier  hingewiesen  werden  auf  gewisse 
V<»gftnge,  welche  bei  den  mannichfachen  Bewegungsformen  und  Be- 
wegoagsstörungen  eine  ttberaus  grosse  Rolle  spielen,  ohne  dass  es 
bis  jetet  gelungen  wäre,  viel  Lieht  ttber  dieselben  zu  verbreiten:  so 


24(5  Ebb,  Krankheiten  der  peripWen-cerebrospinalen  Nerven. 

die  Vorige  der  Gombination  und  Coordination  der  Be- 
wegungen, die  Einttbung  bestimmter  motorischer  Bahnen  zu  gleich- 
zeitiger zweckmässiger  Action,  wie  wir  sie  z.  B.  beim  Sprechen, 
Schreiben,  Gehen ,  Glavierspielen  u.  s.  w.  beobachten.  Diese  und 
ähnliche  Vorgänge  müssen  häufig  in  den  Kreis  der  Betrachtung  ge- 
zogen werden  und  harren  noch  eingehender  Erforschung. 

Es  ist  nach  dem  Vorstehenden  leicht,  sich  ein  Bild  davon  zu 
machen , '  wie  zahlreich  und  verwickelt  die  Störungen  der  Motilität 
sein  werden,  von  wie  vielen  verschiedenen  Punkten  aus  abnorme 
Erregungen  in  die  motorischen  Bahnen  einbrechen,  an  wie  vielen 
Stellen  Hemmungen  der  motorischen  Erregungsleitung  Statt  finden 
können.  In  der  That  sind  die  Bilder  und  Formen  der  Motilitäts- 
neurosen  äusserst  mannichfaltige  und  die  Entwirrung  der  ihnen  zu 
Grunde  liegenden  Vorzüge  häufig  sehr  schwierig,  in  vielen  Fällen 
unmöglich. 

Wir  müssen  die  Betrachtung  hier  auf  diejenigen  Störungen  be- 
schränken, welche  durch  Erkrankung  der  peripheren  motorischen 
Bahnen  oder  ihrer  virtuellen  Fortsetzungen  im  Rückenmark  und  Ge- 
hirn entstehen  —  so  weit  sie  in  das  vage  Gebiet  der  sogenannten 
Neurosen  fallen.  Es  sollen  hier  vorwiegend  diejenigen  Störungen 
Berücksichtigung  finden,  welche  in  der  Bahn  der  willkürlichen  Be- 
wegungen, oder  in  der  Reflexbahn,  oder  in  den  Bahnen  für  gewisse 
automatische  Bewegungen  stattfinden.  Die  complicirteren  Störungen, 
welche  von  Seiten  verschiedener  mit  den  motorischen  Bahnen  in  Ver- 
bindung stehender  Gentralapparate  zu  Stande  kommen,  werden  besser 
bei  den  Erkrankungen  der  Gentralorgane  besprochen. 

Die  Störung  der  Motilität  (der  motorischen  Verenge  überhaupt) 
kann  nach  zwei  Richtungen  hin  erfolgen: 

entweder  beobachten  wir  eine  Steigerung  der  motorischen  Er- 
scheinungen, die  sich  in  verschiedener  Weise  und  in  verschiedenem 
Grade  äussern  kann  —  das  nennt  man  Hyperkinesis,  Krampf. 

oder  wir  finden  eine  Abnahme  der  motorischen  Erscheinungen, 
die  bis  zum  völligen  Erlöschen  derselben  gehen  kann  —  Akinesis, 
Lähmung. 

Es  sind  also  vorwiegend  quantitative  Veillnderungen  der 
motorischen  Thätigkeit,  welchen  wir  unter  pathologischen  Verhält- 
nissen begegnen.  Ob  auch  qualitative  Veränderungen  vorkommen, 
ist  zweifelhaft;  man  könnte  die  verschiedenen  Formen  des  Krampfs 
als  solche  bezeichnen;  jedoch  streng  genommen  wohl  nicht  mit  Recht; 
denn  es  handelt  sich  bei  diesen  wohl  immer  nur  um  Verschieden- 
heiten, welche  durch  die  zeitliche  Aufeinanderfolge,  die  örtliche  Ver- 


Motilitätsnearosen.    Untersachangsmethoden.  247 

breituDg  und  die  Intensität  der  motorischen  Erregungen  bedingt  sind. 
Die  einwirkenden  Beize  mögen  qualitativ  verschieden  sein  -—  das 
Resultat  derselben  wird  immer  nur  eine  quantitativ  modificirte  mo- 
torische Erregung  (Muskelcontraction)  sein  können. 

Untersuchung  der  Motilität  und  der  motorischen 
Apparate.  Es  mögen  hier  einige  praktische  Bemerkungen  über  die 
ärztliche  Untersuchung  bei  den  Motilitätsneurosen  Platz  finden ,  die 
sich  jedoch  nur  auf  das  praktisch  Wichtige  und  Brauchbare  beschrän- 
ken sollen. 

Die  Leistungen  der  motorischen  Apparate  äussern  sich  nur  durch 
Gontractionen  der  Muskeln  und  die  dadui*ch  ausgelösten  Bewegungen 
des  Körpers  oder  seiner  einzelnen  Theile.  Zur  Prüfung  der  physio- 
logischen Leistungen  und  der  pathologischen  Störungen  der  motorischen 
Apparate  ist  somit  vor  allen  Dingen  erforderlich  die  Beobachtung  der 
Muskelbewegungen;  also  die  Prüfung  der  Haltung ,  Stellung  uod  der 
Bewegungen  des  ganzen  Körpers  oder  seiner  einzelnen  Theile.  Am 
besten  wird  dieselbe  natürlich  vorgenommen  an  dem  entblössten  Körper; 
doch  können  gröbere  Anomalien  auch  leicht  am  bekleideten  Kranken 
wahrgenommen  werden. 

Ein  geübtes  Auge  erkennt  sofort  die  vorhandenen  Anomalien;  und 
es  ist  in  vielen  Fällen  leicht;  auf  den  ersten  Blick  die  Diagnose  ge- 
wisser Bewegungsstörungen  zu  stellen.  Häufig  jedoch  ist  eine  sehr 
genaue  und  eingehende  Untersuchung  erforderlich;  um  über  die  Einzel- 
heiten der  vorhandenen  Störung  ins  Klare  zu  kommen.  —  Diese 
Störungen  sind  erkennbar  theils  an  dem  zu  starken  Hervortreten  und 
Ausgesprochensein  gewisser  Stellungen  und  Bewegungen  (beim  Krampf); 
theils  an  der  Schwäche  oder  dem  gänzlichen  Ausfall  gewisser  Be- 
wegungen und  den  dadurch  hervorgebrachten  Anomalien  in  der  Hal- 
tung; der  Configuration  und  Symmetrie  des  Körpers  oder  einzelner 
Theile  desselben  (bei  Lähmungen). 

Zur  Erkennung  der  ersten  Gruppe  von  Störungen  ist  besonders  ge- 
naue Kenntniss  der  physiologischen  Function  der  einzelnen  Muskeln 
erforderlich.  Auf  dieser  Grundlage  ist  die  Diagnose  meist  leicht;  sie 
kann  aber  in  complicirten  FäUeU;  und  wo  es  sich  um  Krampf  einzelner; 
tiefgelegener  Muskeln  handelt;  die  gewöhnlich  nur  mit  anderen  Mus- 
keln gleichzeitig  wirken;  äusserst  schwierig  sein  und  grosse  Sorgfalt 
und  Mühe  erfordern.  Eine  möglichst  genaue  Besichtigung  des  ent- 
blössten Körpers ;  active  und  passive  antagonistische  Bewegungen; 
passiver  Widerstand;  welchen  man  den  krampfhaften  Bewegungen  ent- 
gegensetzt; gewaltsames  Geraderichten  der  abnorm  gestellten  Körper- 
theile  —  das  sind  die  Haupthülfsmittel  bei  diesen  Untersuchungen. 

Eine  vortreffliche  Vorübung  für  diese  Untersuchungen  ist  die  locale 
Faradisation  der  einzelnen  erreichbaren  Muskeln  des  Körpers;  es  ist 
das  eine  experimentelle  Erzeugung  von  Krämpfen  an  beliebigen  Mus- 
keln; deren  Resultat  ftir  die  objective  Betrachtung  dasselbe  ist;  wie 
das  der  spontanen  Krämpfe.  —  Man  kann  die  locale  Faradisation  auch 
zur  Unterstützung  der  Diagnose  verwerthen  durch  Faradisation  der  An- 
tagonisten; der  symmetrischen  Muskeln  der  anderen  Körperbälfte  u.  s.  w. 


248  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Endlich  lasse  man  bestimmte  Bewegungen  willkürlich  ansAlhrea^ 
um  ihre  Stc^mngen  durch  die  krankhaften  Bewegungen  zu  erkenneii,  ^ 
welche  bekanntlich  oft  dann  erst  eintreten^  wenn  wiUktlrliche  Be- 
wegungen versucht  werden.  In  dieser  Weise  mtlssen  auch  complicirte 
Bewegungen  veranlasst  werden:  Stehen,  Gehen ^  Httpfen^  Schreiben, 
Ciavierspielen,  K&hen  u.  s.  w. 

Zur  genaweren  Erkenntniss  des  Ausfalls  gewisser  Bewegungen 
ist  die  Untersuchung  mehr^er  Einzelheiten  erforderlich. 

Zunächst  entsteht  die  Frage,  welche  Bewegungen  geschwächt 
oder  aufgehoben  sind;  man  hat  also  zunächst  das  Fehlen  oder  Vor- 
handensem  der  Bewegungen  einzelner  Muskeln  oder  Muskelgruppen 
£u  untersuchen.  Dazu  müssen  die  einzelnen  wiMkirlichen  Bewegungen 
isolirt  ausgeMhrt  werden;  genaue  pfajsiologisciie  Kenntnisse  sind  da- 
bei für  den  Arzt  unmngäoiglioh  näthig,  damit  er  die  n^Sthlgen  Bewe- 
gUBgen  v*o«i  Kranken  verlangen  kann.  Die  Erwerbung  dieser  Keimt- 
nis9e  ist  wesentlich  eHeichtert  durch  die  vortrefflichen  Ai4)eiten  von 
Duc'kenne  (iE4iyBiologie  des  mouvements.  1867)  und  von  Ziemssen 
(Elektrie.  in  d.  Medic.  4.  Aufl.  1872).  Im  Oesichft  hat  man  zu  beob- 
«ehten  die  niilktlrlieten  Bewegungen  und  die  mimkchen,  beim  Sprechen 
Lachen  u.  s.  w.  eintretenden  Bewegungen. 

Am  Rumpf  und  Hals  Beugung  und  Streckung,  Seitwärisbewegun- 
%en,  Dretiungen,  die  Respirationsbeweguttgen,  die  BaiM^presse  u. «.  w. 

An  den  oberen  Extremitäten  Beugung,  Streckung  und  Rotation 
in  den  einsselnen  Gelenken,  Pronation  und  -Supinatioa,  Bewegungen 
der  einzeinen  Finger  etc.  An  den  unteren  Estremitäten  Bevgung 
und  Streckung,  Abductlon,  Adduction  und  Rotation  in  den  einzelnen 
G<etenken ;  Stehen,  Geben,  Zehenstand,  Stehen  «uf  Einem  Fuss  u.  s.  w. 
Auf  die  Details  dieser  Untersuctiungen  werden  wir  bei  den  einzelnen 
Läkmungsforraen  ekizugehen  iiaben. 

Wefterhm  iiat  man  zu  untersuchen,  welchen  Grad  die  Ab- 
schwächung  der  einzelnen  Bewegungen  erreicht  hat;  ob  es  sieh  nur  * 
um  eine  mehr  oder  weniger  hochgradige  Yemiinderaiig  und  'Schwäche 
der  wittkürUehen  Action  (Parese),  oder  um  eine  v(^)ige  Aufhebung 
derselben  (Par^'lysic)  hafndelt.  Das  wird  meist  leicht  zu  erkennen 
sein,  kaum  acber  bei  comfpli(Arten  Bewegungen,  die  das  Zusamfiien- 
wirken  ttebrerer  Muskeln  erfordern,  in  Bezug  auf  einzehie  darunter 
seine  grossen  Schwierigkeiten  haben. 

Ist  keine  Töllige  Lähmung  vorhanden,  so  kimn  die  weitere  Frage 
gesteift  werden,  welche  Kiraftleistung  mit  den  erkran^üten  mo- 
torisehea  llreüen  noch  eu  erzielen  ist?  Eine  ungefähre  Maassbestim- 
mHOg  'kann  man  daflfar  erhalten  durdi  eine  vefigleicfaende  PrttAing  des 
¥?%lerstandes,  weldier  passiven  Bewegungen  noch  entgegengesetzt 
werden  kaim,  dtirch  Prflftog  des  Druckes,  welchen  die  Kranken  mit 
den  'EztremStäten  noch  austlben  können.  Direct  messen  4umn  man 
die  ILtaft  der  Bewegungen  mittelst  der  verschiedenen  Formen  des 
Dynamometers,  die  tbeils  auf  Drucik,  tbeils  auf  Zug  eingerichtet  sind, 
sich  tfber  lange  nicht  an  «Men  Muskeln  'des  Körpers  verwenden  lassen. 
Da  es  jedoch  kein  absolvtes  Maass  Air  die  Kraft^rösse  -deT  einselnen 
Muskeln  gibt,   halben  diese  Messungen  nur  sehr  relativen  Wertii  und 


Moülit&tsneurosen.    Untersuchungsmethoden.  249 

flmd  mit  wirküehem  Nutzen  vorwiegend  da  zu  verwerthen,  wo  es  «ich 
um  Bestimmung  der  Ab-  oder  Zunahme  der  Kraftleistung  bestimmter' 
Muskeln  bei  einem  und  demselben  Individuum^  oder  um  vei^leiehende 
Untersuchung  symmetrischer  Körpertheile  handelt.  —  Ftir  die  hier 
fraglichen  Bestimmungen  muss  häufig  das  subjective  Gefühl  des  Kran- 
ken, die  früher  oder  später  eintretende  Ermüdung  bei  gewissen  Be- 
wegui^en^  ergänzend  eintreten. 

Endlich  muss  geprüft  werden ,  mit  welchem  Grad  von  Gleich- 
müasigkeity  ExactheÄt  und  Sicherheit  die  einzelnen  BewQgungen  vor 
sich  gehen;  ob  sie  gktö  oder  stossweisC;  ob  sie  mit  Zittern  oder  mit 
störenden  Nebenbewegungen  u.  dgl*  erfolgen.  Hier  beobachte  man 
genau  die  Einzelbewegungen,  lasse  gerade  Striche  oder  Kreise  be- 
schreiben, einzelne  Punkte  mit  den  Fingern  treffen,  auf  einem  Striche 
gehen  u.  s.  w.  Die  beim  Gehen  eintretenden  Schwankungen  kann 
man  auch  graphisch  darstellen  lassen,  indißm  man  die  Kranken  unter 
einem  Brett  dahingehen  lässt,  auf  welchem  ein  am  Kopfe  des  Kran- 
ken befestigter  Pinsel  die  „Ganglinie"  aufzeichnet.  —  Auch  die  ge- 
naue Beobachtung  verschiedener  complieirter  Bewegungen,  des  Laufens, 
Hüpfens,  Btublsteigens,  Sc^hreibens,  Nähens,  Strickens  u.  s.  w.  kann 
W^tT  mancherlei  Beweguiigsstöningen  (Krampf,  Ataxie,  Lähmung) 
richtige  Aufschltlsse  geben.  —  Yielfech  ist  es  nützlich,  mit  diesen 
Untersuchungen  gleichzeitig  die  Piltfung  des  sog.  Muskelsinns  zu  ver- 
binden (s.  0.). 

Auch  die  Ausführung  passiver  Bewegungen  kann  über 
mancherlei  Verhältnisse  Aufklärung  verschaffen:  ob  die  gelähmten 
Uuskeln  völlig  erschlafft,  oder  ob  sie  gespannt,  contracturirt  u.  dgl. 
sind,  ob  sie  leicht  in  convulsivisches  Zittern  geratthen;  welche  Musfkeln 
im  Krämpfe  befindlich  sind,  wie  gross  die  Kraft  der  krampfhaft  ge- 
spannten Muskeln  ist  u.  s.  w. 

Niemals  versäume  man  die  Prüfung  der  Reflexbewegungen, 
deren  Erhaltensein,  Steigerung  oder  Fehlen  oft  wichtige  diagnostische 
Aufschlüsse  besonders  über  den  Sitz  motorischer  Störungen  geben  kann. 
Man  prüfe  die  Reflexe  von  den  Sinnesorganen  (Auge,  Ohr,  Zunge)  und 
von  den  Schleimhäuten  (Corynnctiva,  Nasenschleimhaut,  RachenscAileim- 
haut  etc.),  von  den  Sehnen  ans  (durch  mechanische  Reize)  und  ganz 
besonders  von  der  Haut  her,  durch  Kitzel,  Stechen,  Kneifen,  faradische 
Reizung  u.  dgl.  —  Die  Untersuchung  der  automatischen  Bewe- 
g^ngen  ergibt  sich  von  selbst. 

Man  wird  auf  diese  Weise  über  die  Leistungen  der  motorischen 
Apparate  und  ihre  pathologischen  Störungen  ziemlich  vollständig  ins 
Klare  konmien.  Wir  besitzen  aber  noch  andere  Mittel,  um  über  das 
Veriiaken  der  motorischen  Affiai'ate  (Nerven  und  Musk^k)  selbst 
dann  Bocfa  Aufsehluss  zu  erhalten ,  wenn  dieselben  gar  keiner  ipfaysio- 
logiBeken  Leistung  mehr  fä^g  sind.  Diese  Mittel  sind  äussere  (Reize, 
weleke  wir  auf  die  motorischen  Apparate  an  den  ^ersehiedensten 
ätteUen  einwirken  lassen  ktenen,  und  welche  eme  mannichfadi  versohie- 
dese^  unter  pathokgis^ien  Verhältnissen  sich  häufig  abnorm  igestal- 
tende  Raaction  derselben  hervormfenl  Aus  den  vorhandenen  Anomalien 
dieser  motorischen  Reaction  sind  wir  in  vklen  Fällen  im  Stande,  be- 


250  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

gtiminte  Schlüsse  auf  das  anatomische  und  physiologische  Verhalten 
der  Nerven  und  Muskeln  zu  ziehen ,  welche  ihrerseits  hinwiederum 
Aufschlüsse  über  den  Sitz  der  Störung  an  den  motorischen  Apparaten 
liefern  können. 

Unter  diesen  äusseren  Reizmitteln  sind  es  besonders  elektrische 
und  zum  Theil  auch  mechanische  ReizC;  welche  sich  zum  Zwecke 
der  ärztlichen  Untersuchung  an  motorischen  Theilen  am  besten  eignen. 
Da  von  ihrer  Anwendung  zu  diagnostischen  Zwecken ,  welche  uns  m 
vielen  Fällen  die  werthvollsten  Aufschlüsse  über  mancherlei  feinere 
Verhältnisse  bei  Krämpfen  sowohl ,  wie  bei  Lähmungen  gibt,  in  den 
folgenden  Abschnitten  sehr  viel  die  Rede  sein  wird;  so  möge  hier  eine 
kurze  Besprechung  der  einschlägigen  physiologischen  Verhältnisse  im 
gesunden  7  lebenden  menschlichen  Körper  eine  Stelle  finden.  Es  ge- 
schieht dies  theils  um  spätere  Wiederholungen  zu  vermeiden ;  theils 
zur  vorläufigen  Orientirung  für  solche  Leser,  welche  mit  der  be- 
treffenden Specialliteratur  nicht  vertraut  sind. 

Die  mechanische  Erregbarkeit  der  motorischen  Nerven  und 
Muskeln  wird  am  einfachsten  geprüft  mittelst  des  gewöhnlichen  Per- 
cussionshammers.  Unter  physiologischen  Verhältnissen  ruft  massig' 
starkes  Aufklopfen  in  den  meisten  Muskeln  des  Körpers,  manchmal 
mehr,  manchmal  weniger  leicht  eine  kurze  Zuckung  der  getroffenen 
Muskelbündel  hervor;  am  leichtesten  dann,  wie  es  scheint,  wenn  man 
die  Eintrittstelle  des  motorischen  Nerven  trifft.  An  einzelnen  Muskeln 
(z.  B.  dem  Pectoralis  miyor,  dem  Deltoideus,  den  Muskeln  an  der 
Streckseite  des  Vorderarmes  etc.)  treten  diese  Contractionen  leichter, 
an  anderen  schwieriger  ein.  Bei  sehr  erregbaren  Individuen,  bei  Re- 
convalescenten  von  schweren  Krankheiten,  bei  Phthisikem  etc.  tritt 
nicht  selten  an  der  vom  Schlage  getroffenen  Stelle  ein  umschriebener 
Wulst  hervor,  von  welchem  nach  beiden  Seiten  hin  kleine  Contractions- 
wellen  bis  zu  den  Enden  der  Muskelfasern  verlaufen:  eine  Form  der 
Zuckung,  ftir^  welche  die  Physiologie  noch  keine  hinreichend  befrie- 
digende Erklärung  gegeben  hat.  —  Die  Nervenstämme  selbst  sind 
weniger  leicht  durch  mechanische  Reize  erregbar;  es  ist  meist  ziemlich 
starkes,  oft  schmerzhaftes  Aufklopfen  nöthig,  um  von  ihnen  aus  Muskel- 
zuckungen zu  erhalten.  Die  Muskeln  müssen  bei  diesen  Untersuchun- 
gen möglichst  erschlafft  sein.  —  Unter  pathologischen  Verhältnissen 
kann  eine  erhebliche  Steigerung  dieser  mechanischen  Erregbarkeit  m 
den  Muskeln  eintreten  (Erb,  Hitzig). 

Viel  wichtigere  und  umfassendere  Ergebnisse  liefert  die  elek- 
trische Reizung  der  motorischen  Apparate.  Sie  ist  bereits 
zu  einer  äusserst  werthvoUen  diagnostischen  Untersuchungsmethode 
ausgebildet;  sie  vermag  uns  Aufschluss  zu  geben  über  mancherlei 
palpable  sowohl  wie  impalpable  Veränderungen  in  den  Nerven  und 
Muskeln,  welche  die  verschiedensten  motorischen  Störungen  begleiten; 
sie  ermöglicht  nicht  selten  ein  Urtheil  über  den  anatomischen  Sitz  der 
Störung,  sie  gibt  uns  Anhaltspunkte  für  die  Prognose  vieler  Fälle  und 
bestinmit  nicht  selten  die  Indicationen  für  die  Therapie.  Es  kann  so- 
mit an  eine   genauere  Einsicht   in   die  Pathologie   vieler  motorischen 


MotUit&tsneurosen.    Untersachungsmethoden.  251 

Stdrungen  heutzutage  ohne  elektrische  Untersuchung  nicht  wohl  mehr 
gedacht  werden. 

Eine  erschöpfende  Darstellung  kann  natürlich  hier  nicht  gegeben 
werden;  wir  verweisen  in  dieser  Beziehung  auf  die  Lehrbücher  der 
Physiologie  und  die  neueren  elektrotherapeutischen  Arbeiten  (vgl.  be- 
sonders Brenner,  Untersuch,  u.  Beob.  auf  d.  Gebiete  d.  Elektro- 
therapie. Leipzig  1868 — 69;  ZiemsseU;  Elektric.  i.  d.  Medic.  4.  Aufl. 
Berlin  1872;  Erb,  Sammlung  klin.  Vortr.  Herausgeg.  von  Volkmann. 
No.  46.  1872j.  Wir  beabsichtigen  hier  nur  eine  kurze  Darlegung 
der  Ergebnisse  der  elektrischen  Reizung  an  den  motorischen  Nerven 
und  Muskeln  des  lebenden  gesunden  Menschen;  wie  sie  nach  den 
neuesten  Untersuchungen  als  feststehend  angenommen  werden  können. 
Wir  werden  uns  darauf  bei  der  Angabe  pathologischer  Veränderungen 
unmer  zu  beziehen  haben. 

Die  Grundlage  der  ganzen  Untersuchungsmethode  bildet  die  That- 
Sache ;  dass  die  motorischen  Nerven  und  die  Muskeln  durch  Applica- 
tion elektrischer  (galvanischer  und  faradischer)  Ströme  auf  dieselben  zu 
ihrer  specifischen  Function  angeregt  werden^  und  dass  dadurch  Muskel- 
contractionen  entstehen;  dass  also  m.  a.  W.  motorische  Nerven  und 
Muskeln  auf  elektrische  Ströme  ^reagiren^,  und  dass  diese  Reaction  in 
einer  ganz  gesetzmässigen  Weise  erfolgt  (Zuckungsgesetz).  —  Die  Er- 
regung der  motorischen  Apparate  geschieht  hauptsächlich  durch  die 
Dichtigkeitsschwankungen;  welche  mit  dem  Schliessen  und  Oe&en  des 
dieselben  durchfliessenden  Stromes  verbunden  sind.  (Eine  gewisse  Er- 
regung findet  auch  während  des  continuirlichen  Fliessens  des  Stromes 
statt;  kommt  aber  jfür  unsere  Zwecke  weniger  in  Betracht.)  Die  Er- 
regung ist  um  so  stärker;  je  grösser  diese  Dichtigkeitsschwankungen 
smd;  und  je  rascher  sie  eintreten;  —  also  je  stärker  der  Strom  und 
je  plötzlicher  die  Veränderungen  seiner  Dichtigkeit;  sie  bleibt  auS; 
wenn  der  Strom  sehr  schwach  ist  oder  wenn  die  Dichtigkeitsschwan- 
kongen  nur  sehr  allmälig  eintreten.  Darauf  beruht  eigentlich  die  ganze 
elektrische  Untersuchung. 

Man  benutzt  gewöhnlich  zwei  Arten  der  strömenden  Elektricität 
zur  elektrischen  Untersuchung :  Faradische  (Inductions-)  Ströme  und 
galvanische  (Contact-;  constante;  Batterie-)  Ströme.  Die  ersteren 
werden  in  selbstthätigen  Apparaten  erzeugt;  welche  rasch  aufeinander- 
folgende; abwechselnd  entgegengesetzt  gerichtete  Ströme  von  momen- 
taner Dauer  und  erheblich  grosser  Abgleichungsgeschwindigkeit  liefern ; 
die  letzteren  sind  continuirlich  erzeugte  und  continuirlich  in  derselben 
Intensität  fliessende  Ströme;  in  welchen  wir  willkürlich  —  vermittelst 
des  sog.  Stromwenders  —  Unterbrechungen;  resp.  Schliessung  und 
Oeffhung  eintreten  lassen  können ;  wodurch  die  nöthigen  Dichtigkeits- 
schwankungen hervorgerufen  werden.  Alle  Details  darüber  siehe*  in, 
den  Lehrbüchern  der  Elektrotherapie. 

Das  Verhalten  der  Nerven  und  Muskeln  gegen  faradische  StrömC; 
die  Art  und  Weise  und  die  Stärke  der  Reaction  derselben  bezeichnet 
man  als  faradische  Erregbarkeit.  Sowohl  durch  Nerven-  als 
durch  die  Muskelreizung  wird  nur  einerlei  Effect  —  Muskelcontrac- 
tion  —  erzielt.    Geschieht  dies  durch  Reizung  des  moto];ischen  Nerven, 


252  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

80  hat  man  die  indirecte  Reizung;  bei  Reizung  des  Maskeb  selbst 
dagegen  die  direete  Reizung.  Spricht  man  also  von  indirecter 
fu'a^soher  Erregbarkeit  eines  Muskels^  so  meint  man  die  Erregbarkeit 
des  zngehtfngen  motorischen  Nerven;  unter  direeter  faradiscber  Erreg- 
barkeit versteht  man  die  Erregbarkeit  der  Muskelsubataoz  selb^ 
(Dieselben  Benennungen  gelten  natttrlioh  auch  für  die  galvanische 
Reizung.) 

Zur  Prttfung  der  fiu^dischen  Erregbarkeit  bedient  man  sieh  ge- 
wöhnlich der  von  der  secundären  Spirale  der  gewöhnlichen  Sehlitten- 
apparate  gelieferten  sog.  i,  secundären  Inductionsströme '^  (doch  kann 
man  auch  dea  sog.  Elxtrastrom  der  primAren  Spirale  benats«n).  Die 
Kathode  des  Oeffirangsinductionsstromes  ist  der  am  meisten  erregende 
Pol,  daher  bedient  man  sich;  um  die  VerhältBiBse  nicht  tu  whr  zu 
compUciren,  ausschliesslich  der  Kathode  zur  Erregung  und  setst  die 
Anode  auf  irgend  einen  indifferenten  Körpertheil  (Stemnm,  Kniescheibe 
oder  dgl.).  Das  ist  die  Methode,  auf  welche  sich  alle  unsere  Angaben 
bezieheo. 

Bei  ihrer  Anwendung  am  Gesunden  ergibt  sich  nun:  dass  bei 
Reizung  aller  erreiehbaren  Nerven  des  Körpers  bei  einer  gewissen 
geringen  Stromstärke  (mesriiar  an  dem  Rollenabstand  des  Apparates) 
eine  Minimaleontraction  der  Muskeln  eintritt ;  dass  bei  mäasiger  Steige- 
rung dieser  Stromstärke  eine  starke  tetanische  Gontraction  der  Unakeln 
entsteht;  dass  die  symmetrisdMu  Nenren  beider  Köq>eriiälfteB  &8t 
genau  bei  der  gieidiea  Stromstärke  zur  Erzeugung  von  Minimaleon- 
tractionen  angeregt  werden;  und  dass  endlich  auch  versdoedene,  dicht 
unter  der  Haut  liegende  Nerven  verschiedener  Körperprovinaen  (Ram. 
frontalis  nervi  facialis,  N.  accessorius,  N.  ulnaris  und  persnees)  eben- 
falls bei  nahe  beisammenliegenden  Stromstärken  Minimalcontraetionen 
auslösen.  (Vgl.  Übet  diese  Details:  Erb,  Zur  Lehre  von  der  Tetanie 
nebst  B^nerkung  aber  elektr.  Erregbarkeit^rttfungen  u.  s.  w.  Areh. 
fitar  Psych,  und  Nervenkr.  Bd.  IV.  1873.)  ~  Alle  erfaeblieheii  Ab- 
weichungen von  diesem  Verhalten  müssen  als  pathologisdi  betnuAtet 
werden  und  können  nach  der  einen  oder  anderen  Richtung  hin  er- 
folgen: Steigemg  oder  Vermmderung  und  gänzliches  Erlösdien  der 
faitid.  Erregbarkeit.  Dieselben  Sätze  gelten  mutat.  mutand.  auch  fUr 
die  erreichbaren  Muskeln  des  Körpers,  wobei  man  in  der  Regd  die 
Reizung  derselben  von  den  Eintrittsstellen  ihrer  motorischen  Nerren  im 
Auge  hat 

Das  Verhalten  der  Nerven  und  Muskeln  gegen  SchtieMung  und 
Oeffiiung  und  continuirliches  FKessen  des  galyaaischen  StroMsa  be- 
zeichnet man  als  galvanische  Erregbarkeit.  Aus  GrUadeü  der 
Physiologie  md  der  physikalischen  Zweckmässigkeit,  auf  die  hier  sieht 
näher  eingegangen  werden  kann,  untersucht  man  am  lebeadsn  KAiper 
am  besten  die  Wirkung  der  beiden  Pole  isolirt  (polare  Methode).  Die 
zu  untersuchenden  Nerren  und  Muskeln  werden  in  Verbindung  mit 
den  einen  —  dem  differeoten  —  Pole  gebracht,  während  der  andere 
—  der  indifferente  —  Pol  auf  irgend  einer  indifferenten  Körperstelle 
(am  besten  dem  Sternum)  nüit.  Indem  man  nun  den  differenten  Pol 
bald  Anode  bald  Kathode  sein  lässt  und  dabei  Schliessungen  und  Oeff- 


Motüitätsneorosen.  Elektr.  Prüfung.  Zucktmgsgesetz  am  Menschen.       253 

nnngen  der  Kette  yornimmt;  erhält  man  eine  Reihe  von  Reactionen 
(auf  Kathodenschliessnng  — KaS;  und  Kathodenöfinung  —  EaO;  auf 
Anodenschliessung  und  -Oefibnng;  AnS  und  AnO),  welche  zusammen  das 
Zuckungsgesetz  des  motorischen  Nerven  und  Muskels 
darstellen. 

Das  Zuckungsgesetz  des  motorischen  Nerven  baut  sich  aus  den 
folgenden  beiden  Sätzen  auf:  Die  Ka  erzeugt  vorwiegend  (oder 
streng  genommen  ausschliesslich)  Schliessungszuckung ^  die  An  vor- 
wiegend (oder  ausschliesslich)  Oeffnungszuckung;  die  erregende 
Wirkung  der  Kathode  ist  stärker  als  die  der  Anode.  Daraus  ergibt 
sich  einfach  die  folgende  Reactionsweise  bei  den  verschiedenen  Strom- 
sttrken : 
Niederste  Stufe  —  schwacher  Strom:   KaSZ  — r  die  Ka  erzeugt 

einfach  Schliessungszucknng;  die  An  nichts. 
MittlereStufe  —  mittelstarker  Strom :  KaSZ'^  AnSz,  und  AnOz  — 
die  Ka  ruft  stärkere  Schliessungszuckung  hervor ;  aber  keine  Oeff- 
nungszuckung; die  An  dagegen  sowohl  Schliessung-  wie  Oefibungs- 
zuckung  von  geringer  Stärke ;  beide  nahezu  gleich  stark ,  bald  die 
einC;  bald  die  andere  etwas  stärker  oder  früher  auftretend. 
Höchste  Stufe  —  starker  Strom:  KaSTe,  AnSZ;  AnOz,  und  KaOz 
—  die  Schliessungszuckung  mit  der  Ka  wird  zur  tetanischeu;  toni- 
schen Oontractiou;   beim  Oeffhen  tritt  schwache  Zuckung  ein;  mit 
der  An  beim  SchUessen  und  Oeffnen  lebhafke  Zuckung. 
Daraus  ergibt  sich  auch  einfach;  wie  die  verschiedenen  Zuckungen 
bei  aufsteigender  Stromstärke  aufeinanderfolgen  müssen;  und  wie  das 
relative  Intensitätsverhältniss  derselben  sein  muss^  wenn  wir  die  gal- 
vanische Erregbarkeit  der  motorischen  Nerven   qualitativ  und  quanti- 
tativ fOr  normal  betrachten  sollen.  —  Dies  Zuckungsgesetz  lässt  sich 
bei  emi^er  Uebung  und  Vorsicht  in  allen  beliebigen,  erreichbaren  mo- 
torischen Nerven  des  Körpers  in  im  Wesentlichen  übereinstimmender 
Weise  herstellen. 

Das  Zuckungsgesetz  der  Muskeln  selbst  ist  das  nämliche;  es  be- 
ruht aber  wohl  auf  der  Reizung  der  intramusculären  Nervenendigungen; 
höchst  wahrscheinlich  aber  besitzen  auch  die  Muskeln  eine  eigene  iso- 
lirte  Erregbarkeit;  welche  aber  bloss  dann  deutlich  hervortritt,  wenn 
die  Nervenendigtingen  ausgeschlossen  sind,  wie  das  unter  pathologischen 
Verhältnissen  vorkommt. 

Abweichungen  von  diesem  normalen  galvanischen  Zuckungsgesetz 
kommen  unter  pathologischen  Verhältnissen  häufig  vor  und  zwar  so- 
wohl quantitative  (Steigerung  und  Verminderung  der  galvanischen  Er- 
regbarkeit), wie  qualitative  Veränderungen  (Aenderungen  der  Zuckungs- 
formel und  des  Zuckungsmodus).  Wir  werden  darauf  bei  den  einzelnen 
Capiteln  zurückkommen. 


1.  Krampf  im  Allgemeiaen. 

Romberg,  Nervenkrankheiten,  1.  S.  335.  3.  Aufl.  —  Hasse  1.  c.  S.  126.  — 
A^Eulenburg,  Funct.  Nervenkr.  S. 623.  —  J.  Chr.  Glarus,  Krampf  in  path. 


254  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

11.  therap.  Hinsicht.  Leipzig  1822.  —  L.  Fleckles,  Die  Krämpfe  in  aUen  ihren 
Formen.  Wien  1834.  —  Natanson,  Beitr.  z.  physiol.  Diagnostik  der  Kräxnpfe; 
mitgetheilt  von  Bergson.  Deutsch.  Klin.  1860.  No.  25.  —  Nothnagel,  £nt> 
stehuDg  allgem.  Gonvulsionen  vom  Pons  u.  v.  d.  MeduU.  oblong,  ans.  'Virch.  Arch. 
Bd.  44.  —  Zur  Lehre  vom  klon.  Krampf,  ibid.  Bd.  49.  1869.  —  Hitzig,  üeber 
Reflex  erregende  Druckpunkte.  Berl.  klin.  Woch.  1866.  No.  7.  —  Unt^such.  z. 
Physiolof^ie  des  Gehirns.  Reichert  u.  Dubois'  Archiv.  1970,  1871  und  1873.  — 
Ueber  die  Auffassung  einiger  Anomalien  der  Muskelinnervation.  Arch.  f.  P^ch. 
u.  Nervenkr.  HI.  S.312  u.  601.  1872.  —  üeb^r  einen  interess.  Abscess  der  Hirn- 
rinde, ibid.  in.  1872.  —  Wernher,  Verletzung  der  linken  Grosshimhälfte.  Yirch. 
Arch.  Bd.  55.  1872.  —  Benedict,  Nervenpathol.  und; Elektrotherapie.  1874.  — 
Heu  bei,  Das  Krampf centrum  des  Frosches  etc.  Pflüger's  Arch.  IX.  1874.  — 
A.  Freusberg,  Ueber  das  Zittern.  Arch.  f.  Psych  u.  Nerv.  VI.  S.  57.  1S75.  — 
Ranke,  Ueber  die  krampfstill.  Wirkung  des  const.  el.  Stroms.  Ztschr.  f.  Biolog. 
II.  1866.  —  S.  ausserdem  die  verschiedenen  Arbeiten  von  v.  Gräfe,  Remak, 
die  Lehrbücher  d.  Elektrotherapie  u.  s.  w. 

Eine  erschöpfende  Darstellung  aller  das  weite  Gebiet  der 
„Krämpfe"'  berührenden  allgemeinen  Verhältnisse  zn  geben,  ist  an 
dieser  Stelle  nicht  möglich  und  liegt  auch  nicht  in  der  Absicht  dieses 
Werkes.  Das  mnss  der  allgemeinen  Pathologie  überlassen  bleiben. 
—  Es  sind  hier  viel  verwickeitere  und  weiter  auseinander  gehende 
Verhältnisse  vorhanden,  als  z.  B.  bei  den  Neuralgien,  deren  Patho- 
logie und  Therapie  einer  allgemeinen  Darstellung  leicht  zn^Lnglich 
und  von  entschiedenem  praktischem  Interesse  ist.  Die  Krämpfe  lassen 
sich  nicht  unter  solch'  einheitliche  Gesichtspunkte  bringen,  sie  stellen 
kein  einheitliches  Erankheitsbild  dar.  Das  Gebiet  der  Erampfkrank- 
heiten  ist  notorisch  noch  ein  sehr  dunkles,  und  gerade  über  die 
wichtigsten  und  wesentlichsten  Verhältnisse  derselben  besitzen  wir 
sehr  wenig  positive  Kenntnisse  und  fast  nur  Vermuthnngen. 

Nur  Einzelnes,  was  für  die  vorläufige  Orientirung  und  für  das 
Verständniss  der  Einzelformen  förderlich  sein  kann  und  die  folgende 
Darstellung  derselben  erleichtert,  soll  hier  in  Kürze  erörtert  werd^L 

Schon  die  Definition  des  BegriflFes  „Krampf"  hat  ihre  sehr 
beträchtlichen  Schwierigkeiten,  wegen  der  zahllosen  und  mannich- 
faltigen  Erscheinungen,  welche  der  Sprachgebrauch  unter  diesem 
Namen  vereinigt.  Am  Besten  verstehen  wir  wohl  darunter  alle 
abnormen  Muskelcontractionen,  welche  entweder  durch  rein 
pathologische  Reize  hervorgerufen  sind,  oder  bei  welchen  die  Grösse 
der  hervortretenden  Wirkung  in  einem  entschiedenen  Missverhältniss 
zur  Grösse  des  physiologischen  Reizes  steht.  Die  krampfhaften 
Muskelcontractionen  sind  also  abnorm  entweder  dadurch,  dass  sie 
durch  neue,  fremdartige,  pathologische  Erregungen  der  motorischen 
Ganglienzellen,  Nervenfasern  oder  Muskeln  zu  Stande  kommen,  oder 
dadurch,  dass  die  auf  die  physiologischen  Reize  (Wille,  Reflex,  au- 
tomatische Erregung)  folgenden  motorischen  Erregungen  eine  abnorme 


Krampf  im  Allgemeinen.    Definition.    Erscheinangsweise.  255 

Steigerang  erfahren  haben.  Es  handelt  sich  also  beim  Krampf  fast 
immer  um  eine  Steigerung  der  motorischen  Thätigkeit,  also  auch 
um  eine  Steigerang  des  sichtbaren  Ausdmcks  derselben^  der  Muskel- 
contraction. 

Die  Erscheinungsweise  dieser  pathologischen  Mnskelcon- 
traetionen  ist  eine  äusserst  mannichfaltige  und  man  kann  darnach 
sehr  Terschiedene  Formen  des  Krampfes  unterscheiden;  die  Praxis 
lehrt  zahlreiche,  hierhergehörige  Krankheitsbilder  kennen,  die  oft  nur 
wenig  Aehnlichkeit  mit  einander  besitzen.  Die  Versuche,  eine  lieber- 
sieht  über  alle  diese  verschiedenen  Formen  zu  gewinnen,  sind  bis- 
her nicht  sehr  glücklich  gewesen. 

Am  allgemeinsten  verbreitet  ist  die  Eintheilung  in  tonische 
und  klonische  Krämpfe.  Unter  tonischen  Krämpfen  versteht  man 
die  längere  Zeit  (Minuten  —  Stunden  —  Tage  lang)  anhaltenden, 
nahezu  gleichmässigen  Muskelcontractionen  von  grosser  Intensität; 
dabei  werden  die  Glieder  in  starrer  Ruhe  gehalten.  —  Unter  kloni- 
schen Krämpfen  versteht  man  die  rasche  Aufeinanderfolge  von  Con- 
traction und  Erschlaffung  der  Muskeln,  oder  den  raschen  Wechsel 
in  der  Contraction  verschiedener  Muskelgruppen,  wobei  die  ein- 
zelnen Körpertheile  in  beständiger,  oft  sehr  lebhafter  Bewegung  be- 
griffen sind. 

Man  tritt  vielleicht  dem  Wesen  dieser  beiden  Krampftbrmen 
etwas  näher,  wenn  man  sagt,  dass  bei  dem  tonischen  Krampf  die 
einzelnen  motorischen  Erregungen  einander  zeitlich  so  nahe  gerückt 
sind,  dass  sie  zu  einer  continuirlichen  tetanischen  Contraction  zusam- 
menfiiessen,  während  bei  dem  klonischen  Krampf  die  einzelnen  Er- 
regungen durch  so  lange  Zeitintervalle  von  einander  getrennt  (und 
auch  wohl  an  Intensität  und  im  Angriffspunkt  so  vielfach  wechselnd) 
sind,  dass  jede  einzelne  Erregung  zur  Wahrnehmung  kommt. 

Diese  Eintheilung  ist  aber  noch  lange  nicht  erschöpfend,  weil 
nicht  alles  umfassend;  es  müsste  jedenfalls  noch  eine  Gruppe  von 
Krampfbewegungen  aufgestellt  werden,  welche  die  geordneten,  coor- 
dinirten,  aber  unwillkürlich  und  zwangsweise  ansgeftlhrten  Bewe- 
gungen umfasst  (statische  Krämpfe,  Zwangsbewegungen,  coordi- 
nirte  Krämpfe;  diese  letztere  Bezeichnung  scheint  uns  die 
zweckmässigste  ftir  diese  Gruppe  von  Krämpfen,  da  der  Begriff 
der  statischen  Krämpfe  bei  den  verschiedenen  Autoren  ein  sehr 
verschiedener  ist). 

Aber  auch  unter  den  tonischen  und  klonischen  Krämpfen  gibt 
es  noch  mehrfache i  sehr  scharf  von  einander  zu  scheidende,  beson- 


2&6  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

dere  Unterarten ;  die  hauptsächlichsten  davon  mögen  hier  eine  karze 
Erwähnung  finden. 

Die  leichteste  Form  des  klonischen  Krampfes  ist  das  Zittera 
(Tremor);  es  besteht  aus  wenig  ausgiebigen,  in  sehr  kurzen  Inter- 
vallen aufeinanderfolgenden  Contractionen  einzelner  Muskeln  und 
Muskelgruppen,  oder  in  raschem  Wechsd  sehwacher  ContraetioBeo 
antagonistischer  Muskeln,  so  daas  dadurch  leichte,  zitternde,  oscUli- 
rende  Bewegungen  der  Olieder  entstehen;  in  dw  höheren  Oradeo 
sind  es  ausgiebigere,  oft  durch  nichts  zu  baanende  kurze  Contrac- 
tionen, welche  zu  lebhaftem  Zittern  und  selbst  lu  förmlichem  Sehüttaln 
der  Glieder  fahren  (Paralysis  agitans). 

Ausgiebiger  sind  diejenigen  Krampf  bewegungen ,  (Ue  man  als 
Spasmen  und  Gonvulsionen  bezeichnet:  energiscbe,  kraftvolle 
Contractionen  einzelner  Muskeln  und  Muskelgruppen.,  so  dasa  leb- 
hafte, in  kurzen  Pausen  aufeinanderfolgende  Bewegungen  entsteheo 
(Grimassenschneiden,  Bewegungen  des  Kopfes  oder  Rumpfes,  „Schlagen  ' 
der  Glieder).  Sind  diese  Krämpfe  auf  den  grössten  Theil  der  M«8- 
culatur  verbreitet,  bald  hier  bald  da  in  rascher  Folge  auftretend,  %u 
lebhatten,  ausgiebigen,  unregelmässigen  Bewegungen  des  Rumpfes 
und  der  Glieder  fahrend,  so  spricht  man  von  Convulsionen ;  sie 
bilden  die  Hauptsache  bei  den  epileptischen,  urämischen,  hysterischen 
Krämpfen. 

Die  einfachste  Form  des  tonischen  Krampfes  ist  der  sogenannte 
Crampus  —  eine  andauernde,  heftige,  schmerzhafte  Contraction 
eines  einzelnen  Muskels  oder  bestimmter  Muskelgruppen  (z.  B.  beim 
Wadenkrampf,  beim  Trismus,  bei  Tetanie).  Ist  diese  Ej*ampfibrm 
über  den  grössten  Theil  der  Körpermusculatur  verbreitet,  in  mehr 
oder  weniger  lange  dauernden  Paroxysmen  wiederkehrend,  so  hat 
man  den  tetanischen  Krampf  (bei  Tetanus). 

Eine  eigenthUmliche  Krampiform  ist  die  gleich  massige, 
aber  nicht  hochgradige  Starre  vieler  oder  aller  Körpermns- 
kein,  wie  wir  sie  bei  der  sog.  Katalepsie  finden;  die  Muskeln  ver- 
harren dabei  unbeweglich  in  einem  mittleren  Contractionsznstand, 
der  Wille  hat  gar  keinen  Einfluss  auf  sie,  wohl  aber  kann  man  ihren 
Widerstand  durch  passive  Bewegungen  mit  ziemlicher  Lieichtigkeit 
überwinden  (wächserne  Biegsamkeit/. 

Dauernde,  wochen-  bis  jahrelang  anhaltende,  unausdehnbare 
Verkürzung,  welche  häufig  mit  bestimmten  Ernährungsstörungen  der 
Muskeln  einhergeht,  bezeichnet  man  als  Contractur;  sie  kann  auf 
einzelne  Muskeln  beschiilnkt  sein,  ist  aber  meist  auf  ganze  Muskel- 
gruppen  (Beuger  oder  Strecker  an  bestimmten  Gelenken)  verbreitet. 


Motilit&tsnearosei^.    Krampf.    Verschiedene  Formen.  257 

Weiterhin  kommen  dann  in  krampfhafter  Weise  erzeugt  aucli 
noch  Bewegungen  höherer  Ordnung  ror,  oflTenbar  durch  Erregung 
der  motorischen  Gentren  flir  gewisse  complicirte  Bewegungen  bedingt 
oder  doch  von  solchen  motorischen  Fasergruppen  ausgehend^  welche 
zu  bestimmten  combinirten  Bewegungen  assocürt  sind;  sie  werden, 
an  sich  richtig  combinirt  und  coordinirt,  in  krampfhafter  Weise,  gegen 
den  Willen  der  Ej*anken,  oft  in  förmlich  automatischer  Weise  ausge- 
führt: das  sind  Zwangsbewegungen,  coordinirte  Krämpfe. 
(Gehen  nach  einer  Seite  oder  im  Kreise;  bestimmte  Bewegungen 
mit  den  Armen  oder  mit  dem  Kopfe  u.  s.  w.) 

Endlich  kommen  auch  noch  krampfhafte  Mitbewegungen 
vor,  welche  die  gewollten  Bewegungen  begleiten,  dieselben  stören, 
unsicher  machen  und  vereiteln,  oder  welche  selbst  auf  die  blosse 
Absicht  einer  Bewegung  hin  eintreten;  sie  sind  besonders  bei  der 
Chorea  minor  zu  beobachten. 

Die  Praxis  weist  gelegentlich  noch  mancherlei  andere  Formen 
des  Krampfes  auf,  welche  sich  nicht  leicht  unter  eine  der  genannten 
Rubriken  bringen  lassen;  die  oben  aufgezählten  sind  jedoch  weitaus 
die  häufigeren  und  wichtigeren. 


Krampf  muss  natürlich  tiberall  durch  eine  Reizung  der  moto- 
rischen Apparate  hervorgerufen  werden.  Diese  Reizung  selbst  kann 
auf  zweierlei  Weise  zu  Stande  kommen:  entweder  durch  Zunahme 
der  einwirkenden  Reizgrösse,  so  dass  ein  der  abnormen 
Grösse  des  Reizes  entsprechender  motorischer  Effect  ausgelöst  wird, 
oder  durch  Zunahme  der  Erregbarkeit  der  motorischen 
Apparate,  so  dass  ein  die  Orösse  des  Reizes  weit  überschreitender 
motorisclier  Effect  entsteht.  Auf  die  eine  oder  die  andere  Ursache 
mflssen  alle  Kiilmpfe  zurttckgeftihrt  werden  können;  wahrscheinlich 
aber  spielt  die  Steigerung  der  Erregbarkeit  in  der  Pathologie  der 
Krämpfe  eine  wichtigere  Rolle,  als  die  Zunahme  der  Reizstärke.  Es 
entsteht  nun  zunächst  die  Frage,  wo,  an  welchen  Stellen  der  moto- 
rischen Bahnen  diese  Reizung  eingreifen  muss ,  um  Krampf  hervor- 
zurufen; und  die  weitere  Frage,  wie  diese  Reizung  im  Aligemeinen 
beschaffen  sein  muss  (ob  momentan  oder  continuirlich ,  ob  intermit- 
tirend,  ob  mechanischer  oder  chemischer  Natur  u.  s.  w.). 

In  Bezug  auf  den  Ort  der  Reizung  lehrt  die  einfachste  Be- 
trachtung und  die  tägliche  Beobachtung,  dass  die  Reizung  entweder 
dir e et  auf  die  motorischen  Apparate  und  Bahnen  an  irgend  einer 
Stelle  ihres  Verlaufs  einwirken  kann,  oder  indirect,  auf  reflec- 
torischem  Wege,  und  es  scheint,  als  wenn  damit  eine  nattirliche 

Haoabveli  d.  spec.  Pathologie  u.  Tberapie.  Bd.  XII.  1.  2.  Anfl.  17 


258  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospkialen  Nerven. 

EintheiluDg  des  Krampfes  in  zwei  Gruppen  gegeben  wäre,  welche 
in  ihrer  Erscheinungsweise,  in  ihrer  Verbreitung  und  anatomischen 
Localisation  gewisse  Verschiedenheiten  darbieten.  Wenn  Natanson 
demnach  angibt,  dass  die  directen  Krämpfe  sich  immer  als  anhal- 
tende, tonische,  heftige  und  schmerzhafte  Muskelcontractionen  dar- 
stellen, welche  gewissen  anatomischen  Gruppirungen  der  moto- 
rischen Bahnen  (einzelnen  Nerven  oder  bestimmten  Plexus)  ange- 
hören, die  indirecten  Krämpfe  aber  als  klonische,  kurzdauernde, 
wechselnde  und  schmerzlose  Muskelcontractionen  erscheinen,  welche 
auf  physiologisch  associirte  Muskelgruppen  (Beuger,  Strecker, 
Bespirationsmuskeln  oder  dgl.)  sich  verbreiten,  so  ist  dies  eine  sehr 
bestechende  und  die  theoretische  Betrachtung  wesentlich  erleichternde 
Angabe;  man  darf  aber  dabei  nicht  vergessen,  dass  die  bisher  vor- 
liegenden Thatsachen  eine  solch  einfache  Auftassung  der  Verhältnisse 
durchaus  nicht  gestatten.  Erst  zahlreiche  weitere  Beobachtungen 
können  über  diese  jedenfalls  äusserst  wichtige  und  auch  für  die 
Praxis  sehr  bedeutungsvolle  Frage  näheren  Aufschluss  bringen. 

Die  durch  directe  Beizung  entstandenen  Krämpfe  können  natür- 
lich an  allen  möglichen  Stellen  der  motorischen  Bahnen,  von  der 
Peripherie  bis  ins  Ceutrum,  erzeugt  sein ;  die  reflectorischen  Krämpfe 
dagegen  können  nur  im  Centralorgan,  durch  Vermittlung  der  grauen 
Substanz,  zu  Stande  kommen. 

Die  directen  Krämpfe  können  entstehen:  Durch  Beizung  der 
Muskelfasern  selbst  oder  der  motorischen  Endplatten 
in  denselben;  hierher  gehören  wohl  die  sog.  fibrillären  Contrac- 
tionen,  sowie  gewisse  Formen  von  Contractur  und  Muskelstarre^ 
welche  in  Folge  von  Lähmungen  mit  consecutiven  anatomischen  Ver- 
änderungen der  Muskeln  entstehen. 

Durch  Beizung  der  peripheren  motorischen  Leitungs- 
bahnen, bis  zum  Eintritt  ins  BUckenmark,  resp.  Gehirn.  Trauma- 
tische Einwirkungen,  Zerreissung,  Quetschung,  Schussverletzungen, 
Entzündungen  der  motorischen  Nerven  sind  die  häufigsten  hierher 
gehörigen  Veranlassungen.  Druck  von  Aneurysmen,  Geschwülsten  etc. 
kann  in  ähnlicher  Weise  wirken.  Der  Krampf  ist  dann  auf  die  be- 
fallene motorische  Bahn  streng  localisirt,  ist  meist,  aber  nicht  immer, 
tonischen  Charakters  und  eventuell  begleitet  von  den  entsprechenden 
sensiblen  und  vasomotorischen  Störungen. 

Durch  Beizung  der  Leitungsbahnen  und  der  motori- 
schen (Beflex-)  Centren  im  BUckenmark;  hierher  gehören 
die  Contracturen,  Mnskelspannungen,  Spasmen  u.  s.  w.,  die  man  bei 
Myelitis  und  andern  spinalen  Erkrankungen  beobachtet,  die  Kriimpfe 


MotiHt&tsneurosen.    Krampf.    Pathogenese.    Aetiologie.  259 

beim  Tetanus  nnd  ähnlichen  spinalen  Neurosen.  Die  feinere  Art 
und  Weise  des  Zustandekommens  dieser  spinalen  Krampfformen  ist 
ans  noch  ziemlich  unbekannt;  vielleicht  handelt  es  sich  in  manchen 
Fällen  um  directe  Reizung  der  motorischen  Leitungsbahnen  in  den 
Vorderseitensträngen  und  in  der  grauen  Substanz;  oder  um  Reizung 
und  Steigerung  der  Erregbarkeit  der  in  der  grauen  Substanz  liegen- 
den motorischen  Centralapparate ,  der  reflexvermittelnden  Ganglien- 
zellen u.  s.  w. 

Hier  bat  man  es  meist  zu  thun  mit  Krämpfen  von  charakteri- 
gtischer  Verbreitungsweise  (beide  untere  Extremitäten,  Beuger  oder 
Strecker,  fttr  welche  die  Bahnen  im  Rückenmark  beisammen  liegen 
u.  8.  w.);  fast  immer  sind  begleitende  spinale  Erscheinungen  vor- 
handen. 

Durch  Reizung  der  Leitungsbahnen  und  Centralap- 
parate im  Gehirn.  Hier  werden  die  Verhältnisse  schon  äusserst 
mannichfaltig  und  verwickelt:  zunächst  können  die  einfachen  moto- 
rischen Leitungsbahnen  im  Gehimstamm  und  der  Stabkranzfaserung 
in  pathologische  Erregung  versetzt  werden :  es  ist  notorisch,  dass  bei 
bestimmten  Erkrankungen  dieser  Gebilde  Krämpfe  nicht  selten  auf- 
treten. Demnächst  kommen  die  motorischen  Centren  in  Betracht, 
welche  Fritsch  und  Hitzig  in  der  grauen  Rinde  der  Vorderlappen 
nachgewiesen  haben;  dass  ihre  Reizung  auch  beim  Menschen  unter 
pathologischen  Verhältnissen  zum  Auftreten  peripherer  localisirter 
Krämpfe  Veranlassung  geben  kann,  lehren  die  jüngst  veröflFentlichten 
interessanten  Beobachtungen  von  Hitzig  und  Wem  her.  Eine 
ganz  ähnliche  und  jetzt  erklärte  Beobachtung  findet  sich  auch  in 
der  Arbeit  von  Debrou  über  Gesichtsmuskelkrampf  (Arch.  g6n6r. 
1864.  Fall  5:  rechtseitiger  Ejrampf  der  Gesichts-  und  Kaumuskeln 
mit  Aphasie,  kleiner  apoplektischer  Herd  im  linken  Stimlappen). 
Hierher  auch  eine  jüngst  publicirte  Beobachtung  von  Goldstein 
(Schmidf  s  Jahrbücher  Bd.  161.  Heft  2).  —  Hieran  reihen  sich  patho- 
logische Erregungen  gewisser  automatischer  Centren  (der  Centren 
für  In-  und  Exspiration,  flir  das  Lachen,  Gähnen  u.  dgl.),  welche 
unzweifelhaft  der  Ausgangspunkt  gewisser  Krampfformen  werden 
können.  —  Verwickelter  werden  die  Verhältnisse  schon  bei  den 
manmchfaltigen  Verbindungen  der  motorischen  Bahnen  unter  sich, 
welche  unzweifelhaft  im  Centralorgan  liegen;  Verbmdungen ,  welche 
die  gleichzeitige  Innervation  zahlreicher  Muskeln  und  Muskelgruppen 
ermögüchen,  wie  sie  bei  jeder  wiUkürUchen  einfachen  Bewegung  in 
ganz  unwillkürlicher  Weise  stattfindet.  Auch  durch  pathologische 
Veränderungen  in  diesen  Leitungsbahnen  können  Krampf bewegungen 


1" 


260  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebroBpinalen  Neryra. 

za  Stande  kommen;  es  ist  wahrscheinlich,  dass  die  pathologischen 
Mitbewegungeh ,  welche  dnrch  ein  Uebergreifen  der  willkürlichen 
motorischen  Erregung  auf  gewöhnlich  nicht  betretene,  wenn  auch 
anatomisch  präformirte  Leitnngsbabnen  entstehen,  auf  diese  Verbin- 
dungen zurückzuführen  sind  und  Hitzig  hat  auf  pathologische  Ver- 
änderungen derselben  die  hemiplegischen  Contracturen  zurückzuführen 
gesucht.  —  Noch  schwieriger  und  dunkler  sind  die  Verhältnisse  bei 
gewissen  ELrampfformen,  deren  Localisation  wir  ebenfalls  im  Gehirn 
zu  suchen  haben  und  die  wir  als  coordinirte  Krämpfe,  Zwangsbe- 
wegungen u.  dgl.  bezeichnen.  Es  lohnt  nicht,  hier  auf  diese  .noch 
äusserst  unklaren  und  mannichfacher  Deutung  fähigen  Dinge  dnsu- 
gehen,  welche  an  andern  Stellen  dieses  Werkes  ihre  Erörterung 
finden  werden. 

Endlich  hat  Nothnagel  noch  ein  besonderes  Krampfcen- 
trum nachgewiesen,  d.  h.  eine  umschriebene  Stelle  im  Centralorgan, 
von  welcher  aus  durch  directe  oder  reflectorische  Reizung  allgemdne 
CouYulsionen  ausgelöst  werden,  ähnlich  wie  bei  Epilepsie.  Diese 
Stelle  liegt  im  Pons,  wabrschemlich  da,  wo  die  motorischen  Liei- 
tnngsbahnen  der  Vorderseitenstränge  ihre  erste  centrale  Endigong  in 
Ganglienzellen  finden.  Die  Reflexreizung  dieses  Krampfcentrums  ge- 
schieht am  besten  und  sichersten  von  einer  umschriebenen  Stelle  am 
Boden  des  4.  Ventrikels  aus  (beiderseits,  etwas  seitlich  Ton  der 
Mittellinie),  deren  genauere  Grenzen  jedoch  für  den  Menschen  noch 
nicht  festgestellt  sind. 

Die  auf  reflectorischem  Wege  entstehenden  Krämpfe  werden  zu- 
nächst überall  durch  die  graue  Substanz  der  Centralorgane  vermittelt, 
wenn  auch  allerdings  der  eigentliche  Entstehungsherd  derselben  nicht 
selten  ziemlich  fem  von  dieser  zu  suchen  ist;  die  einfachsten  Reflex- 
kiUmpfe  kommen  im  Rückenmark  zu  Stande,  complicirtere  höher 
oben  im  verlängerten  Mark  und  im  Gehirn,  wo  die  sensiblen  und 
motorischen  Bahnen  an  den  verschiedensten  Stellen  durch  graue 
Substanz  miteinander  in  Verbindung  treten.  —  Die  Reflexkrän^fe 
bilden  jedenfalls  eine  sehr  wichtige  und  grosse  Gruppe  unter  den 
Klampfen;  zahllose  Einzelfälle  der  verschiedensten  Art  gehören 
dieser  Kategorie  an.  Sie  können,  entsprechend  der  Complicirtheit 
der  Reflex  Vorgänge ,  in  verschiedener  Weise*  zu  Stande  kofnmen, 
nämlich : 

durch  gesteigerte  Reizung  und  erhöhte  Erregbarkeit 
der  centripetalen  (sensiblen)  Bahnen;  das  ist  eine  derh&n- 
figsten  Quellen  reflectorischer  Krämpfe ;  von  den  verschiedensten  Kör- 
pertheilen  her  können  alle  möglichen  Reize  die  Veranlassung  solcher 


Motilitätsneiirosen.    Krampf.    Pathogenese.    Aetiologie.  261 

Kitmpfe  werden :  so  von  den  sensiblen  Nerven  selbst  aas  Traumen^ 
Entzündungen  nnd  andere  Irritationen  der  Nerven  ^  Neuralgien  nnd 
Hyperästhesien;  von  der  äussern  Haut  und  besonders  von  den 
SeÜamhäuten  her  Reizungen  aller  Art  durch  Entzündungen,  Ulcera- 
tionen,  Fremdkörper,  Concretionen,  Helminthen  (es  sei  hier  nur  hin- 
gewiesen auf  Blepharospasmus,  Cjstospasmus ,  Vaginismus,  auf  die 
durch  Grenitalerkrankungen ,  Darmleiden  u.  s.  w.  hervorgerufenen 
Knunpfformen).  —  Alle  diese  Krämpfe  folgen  dem  Schema  der  Re- 
flexvorgänge, wie  es  uns  die  Physiologie  kennen  gelehrt  hat;  sie 
beschränken  sich  zuerst  auf  die  näehstgelegenen  Muskeln,  verbreiten 
flieh  dann  auch  auf  entferntere  und  können  endlich  auf  sehr  zahl- 
rdehe  Muskelgruppen  sich  erstrecken; 

durch  Steigerung  der  Erregbarkeit  der  Reflexcen- 
tren  im  Rückenmark  und  Gehirn;  dieselbe  kann  durch  ver- 
schiedene Erkrankung^,  durch  Vergiftung  mit  gewissen  Stoffen 
(Strychnin)  bewirkt  sein;  schon  die  physiologischen  sensiblen  Er- 
regungen genügen  dann  zur  Auslösung  von  Krämpfen,  so  z.  B.  beim 
Tetanus,  bei  Myelitis.  Ein  geringerer  Grad  dieser  Erregbarkeits- 
steigerung spielt  wahrscheinlich  eine  grosse  Rolle  bei  der  Erzeugung 
sehr  vieler  Reflexkräm|tfe ;  me  ist  daa,  was  man  als  Disposition  zu 
Krämpfen  (Gonvulsibilität)  bezeichnet;  welche  bei  jeder  irgendwie 
lebhaften  sensiblen  Einwirkung  zum  Ausbruch  von  Krämpfen  filhrt; 
so  z.  B.  bei  der  Hysterie; 

durch  Aufhebung  der  Thätigkeit  der  reflexhemmen- 
den Centren  im  Gehirn;  fällt  die  Thätigkeit  derselben  weg 
(durch  Zerstörung  derselben  oder  Abschneidung  der  Leitung  zum 
Rückenmark),  so  werden  die  vom  Rückenmark  vermittelten  Reflexe 
gesteigert  und  können  selbst  einen  krampfhaften  Charakter  annehmen. 
Genaueres  über  diese  Vorgänge  ist  jedoch  ftir  die  menschliche  Pa- 
thologie noch  nicht  ermittelt. 

Dass  auch  eine  Verminderung  der  Leitungswiderstände  in  den 
centrifugalen  (motorischen)  Bahnen  eine  Steigerung  der  Reflexe  be- 
wnrken  könne,  ist  wohl  a  priori  anzunehmen.  Es  kann  jedoch  frag- 
lieh erscheinen,  ob  auf  diese  Weise,  bei  physiologisch  normalen 
sensiblen  Reizen  und  bei  normaler  Ekregbarkeit  der  Reflexcentren, 
entstandene  etwaige  Krampfbewegungen  den  Reflexkrämpfen  zuge- 
rechnet werden  können.  Unsere  bisherige  Erfahrung  hat  auch  diesen 
Entstehungsmodus  bisher  nicht  nachgewiesen. 

In  Bezug  auf  die  Art  der  Reizung,  in  Bezug  auf  die  Frage, 
in  wdcher  Weise  an  den  verschiedenen  Punkten  der  motorischen 
Apparate  die  pathologischen  Erregungen  eingreifen,  welche  Beschaffen- 


262  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

heit  die  krampferzengenden  Reize  haben  müssen,  darüber  sind  wir 
noch  völlig  im  Unklaren.  Es  handelt  sich  hier  offenbar  um  sehr 
feine  Verhältnisse,  jedenfalls  nicht  um  grobe  anatomische  Verände- 
mngen  in  den  motorischen  Apparaten  selbst;  wo  solche  vorhanden 
sind,  wird  ihre  unausbleibliche  Folge  Lähmung  sein  und  nicht  Krampf. 
Immerhin  können  Krampf  und  Lähmung  zusammen  in  denselben 
Nervengebieten  vorkommen,  wie  die  tägliche  Erfahrung  lehrt;  alldn 
dieses  Vorkommen  ist  nach  demselben  Schema  wie  die  Anaesthesia 
dolorosa  leicht  zu  erklären,  und  jedenfalls  wird  in  solchen  Fällen 
der  Krampf  erzeugt  an  solchen  Stellen  der  motorischen  Bahn,  welche 
noch  keine  erheblichen  Vei^nderungen  ihrer  Structur  erlitten  haben. 

Wie  gar  die  Reize  beschaffen  sein  müssen,  welche  die  verschie- 
denen Einzelformen  des  Krampfs  erzeugen,  wie  es  kommt,  dass  in 
dem  einen  Fall  Tremor,  im  andern  Spasmus,  im  dritten  Tetanus  oder 
klonische  Convulsionen  entstehen,  darüber  hat  man  vergebens  die 
verschiedensten  Hypothesen  aufgestellt.  Positives  weiss  man  aber 
darüber  sehr  wenig.  Der  tonische  ELrampf  soll  vorwiegend  dann 
entstehen,  wenn  directe  Reize  die  motorischen  Bahnen  an  irgend 
einer  Stelle  treffen  (Natanson),  der  klonische  Krampf  dagegen  bei 
indirecter  Reizung.  Das  dürfte  .aber  kaum  für  alle  Fälle  unbestrittene 
Geltung  haben.  Immerhin  stimmt  damit  überein,  dass  Nothnagel 
gefunden  hat,  dass  für  die  Entstehung  klonischer  Krämpfe  die  graue 
Substanz  erforderlich  ist;  der  Durchgang  der  Erregung  durch  die 
graue  Substanz  wirkt  derartig,  dass  auch  continuirliche  Reize  nur 
einen  intermittirenden  Bewegungsvorgang  auslösen.  Dies  deutet 
darauf  hin ,  dass  bei  den  meisten  klonischen  Ki^mpfen  an  eine  Be- 
theiligung der  grauen  Substanz  der  Centralorgane  zu  denken  ist 

Jedoch  ist  es  durchaus  noch  nicht  erwiesen,  dass  nicht  auch  be- 
stimmte Veränderungen  in  den  peripheren  motorischen  Leitungsbahnen 
zur  Entstehung  klonischer  Krampfformen  führen  können.  Wenn  wir 
sehen,  dass  durch  den  Reiz  eines  Aneurysma  der  -  Vertebralarterie, 
welches  dem  N.  facialis  anliegt,  ein  exquisiter  Tic  convulsif . ent- 
stehen kann  (s.  F.  Schultze,  Fall  von  Facialiskrampf.  Virch.  Arch. 
Band  65),  so  ist  doch  der  Gedanke  nicht  abzuweisen,  dass  hier  eine 
Erkrankung  des  peripheren  Nerven  vorliegt.  Dass  nicht  der  mecha- 
nische Reiz  des  pulsirenden  Aneurysma  die  Ursache  des  völlig  inter- 
mittirenden Krampfs  sein  kann,  ist  klar.  So  drängt  sich  auch  hier 
der  Gedanke  auf,  dass  durch  den  mechanischen  Reiz  eine  bestimmte 
feinere  Ernährungsstörung,  eine  bestimmte  Erkrankung  des  Nerven 
herbeigeführt  wird,  welche  sich  in  dem  Auftreten  des  typischen  Ge- 
sichtskrampfes äussert;  ganz  ebenso  wie  wir  als  Ursache  der  Neur- 


Motilit&tsnearosen.    Krampf.    Pathogenese.    Aetiologie.  263 

algien  nicht  die  directen  Reize,  sondern  eine  durch  dieselben  herbei- 
geitihrte  Emährongsstöning  der  sensiblen  Nerven  annehmen  mnssten. 
(S.  o.  S.  35.)  Es  ist  wahrscheinlich  y  dass  solche  Veränderongen 
der  motorischen  Nervenbahnen  ein  wichtiges  Mittelglied  in  der  Pa- 
thogenese der  Krämpfe  darstellen. 

Jedenfalls  ist  noch  fast  alles  dunkel  und  hypothetisch  auf  diesem 
schwierigem  Gebiet;  das  Wenige,  was  wir  bis  jetzt  wissen,  bezieht 
sich  aof  einige  nähere  Ursachen  der  Krämpfe,  deren  Kennt- 
niss  uns  manchen  Einblick  in  die  Pathogenese  gewisser  Krampffor- 
men gestattet,  wenn  wir  auch  über  ihre  feinere  Wirkungsweise  noch 
im  Unklaren  sind. 

Die  einfachsten  unter  diesen  Ursachen  sind  wohl  mechanische 
Beize,  welche  erfahrungsgemäss  an  den  verschiedensten  Theilen  der 
motorischen  Apparate  Krämpfe  hervorrufen  können :  Durchschneidung, 
QaetschuDg,  Zerrung  peripherer  Nerven  gehen  mit  Krampf  einher; 
DurchschneiduDg  des  Rückenmarks  ruft  je  nach  der  Höhe  der  ge- 
troffenen Stelle  mehr  oder  weniger  ausgebreitete  Krämpfe  hervor: 
tonische  durch  directe  Reizung  der  motorischen  Bahnen,  klonische 
auf  reflectorischem  Wege,  durch  Vermittelung  der  grauen  Substanz; 
ebenso  können  mechanische  Insultationen  verschiedener  Stellen  des 
Oehims  Krämpfe  auslösen:  Nothnagel  hat  seine  Untersuchungen 
aber  das  Krampfcentrum  mit  Httlfe  mechanischer  Reize  gemacht; 
die  Entstehung  apoplektischer  Ergüsse  ist  gewöhnlich  von  krampf- 
haften Bewegungen  begleitet. 

Nicht  minder  wirksam  sind  häufig  chemische  Reize;  sehr 
verschiedene  Stoffe,  besonders  gewii^  Qifte,  können  die  motorischen 
Apparate  in  solcher  Weise  verändern,  dass  direct  oder  auf  reflecto- 
rischem Wege  Krämpfe  entstehen:  so  z.  B.  Strychnin,  Ergotin  und 
zahllose  andre  ot^anische  Alkaloide,  Alkohol,  Blei,  Quecksilber  etc. 

Femer  sind  es  gewisse  Girculationsstörungen,  welche 
wir  nicht  selten  als  Ursachen  von  Krämpfen  beschuldigen  mtlssen. 
Am  bekanntesten  ist,  dass  plötzliche  und  hochgradige  Anämie 
wenigstens  an  gewissen  Hirnabschnitten  —  besonders  am  Krampf- 
centrum, wie  es  scheint  —  sehr  ausgebreitete  und  heftige  Krampf- 
erscheinuDgen  auslösen  kann  (nicht  jedoch  am  Rückenmark,  wie 
der  bekannte  Stenon'sche  Versuch  lehrt).  Ein  Aehnliches  gilt  von 
hochgradiger  venöser  Hyperämie  und  Stase,  welche  ebenfalls 
vom  Gehirn  aus  die  Entstehung  von  Krämpfen  bewirken  kann 
(Landois,  L.  Hermann).  In  beiden  Fällen  handelt  es  sich  wahr- 
scheinlich um  die  Anhäufimg  von  Kohlensäure  oder  andern  StofT- 
wechselproducten  im  Himgewebe,  welche  die  Reizung  hervorrufen. 


264  Ebb,  Krankheiten  äex  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Auch  für  die  Entstehung  des  Zittems  hat- Freasberg  geringere 
Grade  von  Girculationsstörungen  als  eines  der.  wirksamen  Momente 
nachgewiesen.  —  Durch  diese  Thatsachen  wird  die  Entstehung  von 
Krämpfen  bei  vasomotorischen  Neurosen  dem  Verständniss  näher  ge- 
rückt ;  eine  durch  Gef {Isskrampf  bewirkte  plötzliche  Anämie  ist  ohne 
Zweifel  die  erregende  Ursache  für  manche  Erampfformen;  vielleicht 
wirken  auch  manche  sensible  Erregungen  auf  diesem  indirecten  Wege 
durch  Erzeugung  vasomotorischen  Krampfs. 

Veränderungen  des  Blutes  können  in  mancherlei  Weise 
zur  Entstehung  von  Krämpfen  beitragen  theils  dadurch,  dass  das 
Blut  gewisse  toxisch  wirkende  Substanzen  enthält,  (so  bei  Urämie, 
Cholämie  etc.),  theils  dadurch,  dass  seine  mangelhafte  qualitative 
Beschaffenheit  secundär  zu  Ernährungsstörungen  im  Nervensystem 
ftlhrt,  welche  Krampf  oder  doch  wenigstens  hochgradige  Disposition 
zu  Krämpfen  herbeiführen  (so  Hydi^mie,  Chlorose,  allgemeine 
Kachexie  etc.). 

Anatomische  Veränderungen  der  motorischen  Apparate: 
Entzündung,  Neubildung,  Erweichung,  Blutextravasate  mit  ihren  Fol- 
gen etc.  sind  nicht  selten  von  Krämpfen  begleitet;  jedoch  wissen  wir 
nichts  Genaueres  über  die  feinere  Art  und  Weise,  wie  dieselben  hier 
zu  Stande  kommen. 

Nicht  selten  sind  wir  auch  zur  Annahme  impalpabler  Er- 
nährungsstörungen genöthigt,  wenn  wir  uns  irgend  eine  plau- 
sible Vorstellung  von  der  Entstehung  mancher  Krämpfe  machen 
wollen;  so  bei  Epilepsie,  Chorea,  Hysterie  etc.  —  Auf  solchen 
feineren  Ernährungsstörungen  beruht  wohl  auch  da«,  was  man  ge- 
wöhnlich mit  dem  Namen  der  Convulsibilität,  der  Disposition  zu 
Krämpfen  bezeichnet  Dieselbe  spielt  jedenfalls  bei  der  Ent- 
stehung zahlloser  Krampfformen  eine  ganz  hervorragende  Bolle;  sie 
kann  angeboren,  von  den  Eltern  ererbt,  oder  durch  verschiedene 
Einflüsse,  Krankheiten  u.  dgL  erworben  sein ;  sie  fällt  in  vielen  Fällen 
zusammen  nut  der  allgemeinen  neuropathischen  Disposition,  die  in 
so  vielen  Familien  heimisch  ist  und  eine  fruchtbare  Quelle  so  vieler 
Neurosen  bildet.  Jugendliches  Alter,  weibliches  Geschlecht,  manche 
Entwickelungskrankheiten ,  besonders  Chlorose  scheinen  ihre  Wirk- 
samkeit am  meisten  zu  begünstigen.  Wir  können  nicht  umhin,  das 
Wesen  dieser  Disposition  in  feineren  Ernährungsstörungen  der  mo- 
torischen Apparate  zu  suchen,  über  deren  eigentliche  Beschaffenheit 
wir  aber  sehr  wenig  wissen;  einzelne  jetzt  vorliegende  Thatsachen 
machen   es   wahrscheinlich,    dass  wir  diese  Ernährungsstörung  in 


Motflit&tsaetiroBeii.    Krampf.    Symptomatologie.  265 

manehen  Fällen  an  Yerändemngen  der  elektrischen  Erregbarkeit 
(Steigerung  derselben)  werden  erkennen  können. 

Die  wenigstpalpablen  Störungen  endlich;  die  aber  gar  nicht  selten 
ausgesprochene  und  schwere  Krämpfe  heryorrufen,  sind  psychische 
Einwirkungen,  besonders  die  mächtig  einwirkenden,  deprimiren- 
den  Affecte:  Angst,  Schreck ,  Zorn,  Entsetzen  (besonders  beim  An- 
blick von  Krämpfen)  spielen  in  der  Aetiologie  vieler  Krampfformen 
eme  grosse  Bolle. 

In  welcher  Wei^  jedoch  diese  Dinge  wirken,  ob  sie  direct  eine 
Alteration  in  den  motorischen  Apparaten  bewirken,  oder  indirect 
durch  Beeinflussung  der  vasomotorischen  Nerven  oder  auf  reflecto- 
risehem  Wege  —  darttber  wissen  wir  noch  gar  nichts. 

Bei  den  einzelnen  Krampfformen  werden  wir  noch  mancherlei 
spedelle  Ursachen  zu  erwähnen  haben. 

Allgemeine  Symptomatologie. 

Die  Verbreitung  der  Sjlimpfe  kann  eine  äusserst  verschie- 
dene sein;  das  richtet  sich  vor  allen  Dingen  nach  der  Qualität  und 
den  Angriffspunkten  ihrer  Ursachen.  Bei  localer  peripherer  Beizung 
trifft  man  Beschränkung  des  Krampfes  auf  einzelne  Muskeln  oder 
Muskelgruppen ;  doch  ist  dabei  nicht  zu  vergessen,  dass  auch  vom 
Centrum  aus  ganz  isoUrte  und  drcumscripte  Krampfformen  ausgelöst 
werden  kennen,  Was  sieh  aus  dem  Faserverlauf  im  Gehirn  ganz 
wohl  erklärt.  —  Ist  das  Btlckenmark  in  toto  aflScirt,  so  kann  der 
grösste  Theil  der  Körpermusculatur  ergriffen  sein,  selbst  mit  Einschluss 
der  von  der  motorischen  Portion  des  Trigeminus  versorgten  Muskeln. 
—  Ist  endlich  das  Krampfcentrum  afficirt,  dann  ist  wohl  die  allge- 
meinste Verbreitung  der  Krämpfe  zu  erwarten.  Dazwischen  liegen 
alle  möglichen  Abstufungen,  bedingt  durch  den  anatomischen  Sitz 
der  eigentlichen  Erkrankung.  So  kommt  vor:  Beschränkung  auf 
einen  einzelnen  Muskel  (z.  B.  einen  einzelnen  Augenmuskel,  oder  den 
Steniocleidomastoideus  etc.)  oder  auf  einen  einzelnen  Nerven  (z.  B. 
Facialis  oder  Accessorius)  oder  auf  einzelne  Plexus  oder  eine  einzelne 
Extremität  (so  z.  B.  bei  Paralysis  agitans,  paralytischer  Contractur) 
oder  auf  eine  Körperhälfte  (halbseitige  Convulsionen  bei  Herderkran- 
kimgen in  einer  Gtohimhemisphäre)  oder  auf  die  untere  Körperhälfte 
(bei  spinalen  Erkrankungen) ,  oder  endlich  Ausbreitung  auf  fast  die 
gesammte  Körpermusculatur  (z.  B.  bei  Tetanus,  Epilepsie).  —  Nicht 
Bdten  beobachtet  man  auch  eine  Beschränkung  auf  gewisse  Muskel- 
gruppen, welche  zu  synergischer,  associirter  Thätigkeit  erzogen  sind 


266  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

oder  durch   ein  besonderes  Centram   dazn  veranlasst  werden  (so 
Zwangsbewegungen,  Bespirationskrämpfe,  Gähnkrampf  n.  s.  w.). 

Aus  dieser  versebiedenen  Verbreitnngsweise  lassen  sich  natfllr- 
lich  häufig  bestimmte  Schlüsse  auf  den  Sitz  der  vorhandenen  DlAon 
ziehen. 

lieber  das  Auftreten  der  Krämpfe  lässt  sich  nicht  viel  Allge- 
meines sagen;  es  ist  das  äusserst  verschieden  und  muss  bei  den 
einzelnen  Formen  des  Genaueren  angegeben  werden.  Sehr  häufig 
treten  die  Ei^mpfe  in  deutlichen,  bestimmt  charakterisirten  Paroxys- 
men  auf,  die  nicht  selten  einen  ganz  typischen  Verlauf  nehmen  und 
in  mehr  oder  weniger  regelmässigen,  längeren  oder  kürzeren  Inter- 
vallen wiederkehren.  Häufig,  aber  auch  ist  das  Auftreten  ein  ganz 
unbestimmtes,  durch  gewisse  äussere  Veranlassungen  hervorgerufenes; 
oder  die  Krämpfe  schliessen  sich  an  willkttrliche  Bewegungen  an; 
oder  sie  treten  ganz  spontan  auf  und  können  dann  verschieden  lange 
Zeit  dauern,  oft  ftir  immer  bestehen. 

Ausser  der  pathologischen  Muskelaction  beobachtet  man  aber 
nicht  selten  noch  eine  Reihe  von  weiteren  Erscheinungen,  welche 
das  Krankheitsbild  vervollständigen,  und  welche  wir  in  Begleiter- 
scheinungen und  in  Folgeerscheinungen  des  Elrampfes  trennen  können. 
Unter  Begleiterscheinungen  verstehen  wir  solche,  welche  durch 
Ausbreitung  der  Störung  auf  andere  Theile  derselben  Nervenbahn 
oder  auf  andere  Nervenbahnen  entstehen;  unter  Folgeerschei- 
nungen solche,  welche  die  Wu*kung  des  Krampfes  selbst,  der 
krampfhaften  Muskelverktirzung  sind. 

Die  Begleiterscheinungen  sind  bei  den  Krämpfen  luige 
nicht  so  constant  und  in  so  charakteristischer  Weise  vorhanden  wie 
bei  den  Neuralgien ;  sie  haben  meist  mehr  den  Charakter  accidenteller 
Erscheinungen,  welche  durch  die  gleiche  Krankheitsursache  hervor- 
gebracht sind. 

In  manchen  Fällen  fehlen  die  Begleiterscheinungen  durchaus,  so 
z.  B.  beim  Strabismus,  beim  einfachen  Tic  convulsif;  hier  ist  der 
Krampf  das  einzige  subjective  und  objective  directe  Symptom  der 
Neurose;  nur  Folgeerscheinungen  können  dabei  sein. 

In  den  meisten  Fällen  jedoch  beobachtet  man  verschiedene  Be- 
gleiterscheinungen, und  zwar: 

Motorische  Störungen.  Die  gewöhnlichste  ist  Abschwächung 
des  Willenseinflusses  auf  die  im  Krämpfe  befindliehen  Muskeln, 
welche  bis  zur  völligen  Lähmung  gehen  kann;  dies  kann  in  der 
verschiedensten  Weise  zu  Stande  kommen,  worüber  bei  den  einzelnen 
Formen  das  Nähere  nachzusehen;   meist  handelt  es  sich  um  eine 


Motüit&tsneurosen.    Krampf.    Symptomatologie.  267 

durch  die  Elrankheitsarsache  hervorgemfene  LeitungshemmaDg  an 
einer  höher  gelegenen  Stelle  der  motorischen  Bahn.  —  Aach  eine 
Art  Irradiation  der  motorischen  Erregung  kommt  Tor ;  aof  der  Höhe 
des  Krämpfe  sieht  man  Mitbewegongen  in  mehr  oder  weniger  zahl- 
reichen Mnskelgmppen  eintreten,  offenbar  dnrch  Ansbreitang  der 
Erregang  aof  die  vielfachen  Verbindungsbahnen  entstanden. 

Sensible  Störungen.  Sehr  häufig  beobachtet  man  Schmerz 
als  Begleiter  des  Krampfs,  und  zwar  Schmerz  in  den  contrahir- 
ten  Muskeln  selbst  und  von  diesen  ausgehend;  so  besonders  bei 
den  einfachen  Crampis,  beim  Tetanus  etc.;  er  kann  aber  auch  bei 
vielen  Krämpfen  fehlen.  Ueber  seine  Entstehungsweise  wird  noch 
gestritten;  es  kann  jedoch  nicht  wohl  zweifelhaft  sein,  dass  es  sich 
dabei  um  Seizung  sensibler  Muskelnerven  durch  die  Muskelcontrac- 
tion  handelt,  derselben  Nerven,  welche  auch  das  Muskelgefllhl  und 
die  elektromusculäre  Sensibilität  vermitteln.  Dass  dieser  Schmerz 
nicht  durch  mechanische  Compression  zwischen  den  Muskeln  verlau- 
fender sensibler  Hautnerven  hervorgerufen  wird,  ist  schon  durch  das 
Fehlen  excentrischer  Schmerzempfindungen  in  der  Haut  bewiesen, 
ausserdem  wird  Jeder,  der  einmal  Wadenkrampf  gehabt  hat,  ttber 
die  Localisation  des  Schmerzes  in  dem  prall  contrahirten  Muskel 
selbst  nicht  den  geringsten  Zweifel  gehabt  haben.  —  Häufig  beob- 
achtet man  nach  Ablai^  des  Krämpfe  ein  sehr  lebhaftes  Geftihl  von 
Müdigkeit  und  Abgeschlagenheit  in  den  befallenen  Muskeln ; 
nicht  selten  auch  jenen  bekannten  eigenthümlichen  Muskelschmerz, 
welcher  sich  in  den  Muskeln  Gesunder  so  häufig  etwa  24  Stunden 
nach  einer  heftigen,  ungewohnten  Muskelanstrengung  einstellt  („  Tum- 
weh")  und  welcher  bei  activer  Contraction  sowohl  wie  bei  Druck 
auf  die  betreffenden  Muskehi  hervortritt.  —  Femer  kommen  aber 
auch  Schmerzen  in  verschiedenen  Nervenbahnen  vor,  wenn  gleich- 
zeitig mit  den  motorischen  auch  sensible  Fasern  gereizt  werden,  so 
bei  Erkrankungen  gemischter  Nerven,  oder  der  Centralorgane,  oder 
wenn  es  sich  um  reflectorischen  Krampf  bei  Neuralgien  oder  dgl. 
handelt  Das  wird  sich  aus  der  Art  und  Weise  der  Orundkrankheit 
erklären  lassen.  —  Dasselbe  gilt  für  die  nicht  selten  gleichzeitig  mit 
Krampf  auftretenden  Erscheinungen  von  Formication,  Taubsein 
oder  ausgesprochener  Anästhesie.  Das  Auftreten  dieser  Symptome 
wird  ganz  von  den  Umständen  des  Einzelfalles  abhängen  und  hat 
mit  dem  Krampf  an  sich  nichts  zu  thun. 

Vasomotorische  und  secretorische  Störungen.  Sie 
fehlen  häufig  und  bei  vielen  Krampftbrmen  vollständig;  tlberhaupt 
scheinen  auch  da,  wo  sie  vorkommen,  ihre  Beziehungen  zu  dem 


268  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

Krampf  selbst  nur  sehr  lose  zu  sein;  sie  sind  eben  Theilerscheiniin- 
gen  derselben  Krankheit^  welche  auch  den  Krampf  erzengt  Manch- 
mal beobachtet  man  vasomotorischen  Krampf  oder  Lähmung,  Blässe 
oder  Röthe  rerschiedener  Hautstellen  als  Vorläufer  gewisser  Krampf- 
paroxjsmen  (Epilepsie);  abnormes  Kälte-  oder  Hitzegeftthl  mit  den 
entsprechenden  Circulationsstörungen  schliesst  sich  manchmal  an 
Krampfanfälle  an;  betheiligt  die  Krankheit  gleichzeitig  die  vasomo- 
torischen Bahnen  —  sei  es  in  den  peripheren  Nerven ,  oder  sei  es 
im  Centralorgan  —  so  können  entsprechend  localisirte  vasomoto- 
rische Störungen  (Blässe,  Röthe,  Gyanose)  vorkommen. 

Von  den  Secretionen  ist  am  häufigsten  die  Schweisssecre- 
tion  alterirt:  profuse  Schweisse  kommen  bei  Epilepsie  und  Tetanus 
vor,  bei  halbseitiger  Epilepsie  hat  man  halbseitigen  Schwdss  beob- 
achtet. Als  Urina  spastica  bat  man  jene  helle,  reichliche  Urin- 
absonderung bezeichnet,  welche  nach  schweren  Krampftemfällen  nicht 
selten  beobachtet  wird.  Von  gesteigerter  Speichelsecretion  weiss  die 
Casuistik  des  Facialiskrampfes  nichts. 

Auch  die  trophischen  Störungen  sind  in  den  meisten  Fällen 
sehr  unbedeutend.  Es  ist  oft  geradezu  wunderbar,  wie  wenig  die 
von  den  schwersten  und  hartnäckigsten  KrampfTormen  heimgesuchten 
Muskeln  ihr  Volumen  und  ihren  Ernährungszustand  ändern,  sie  zeigen 
in  vielen  Fällen  weder  Hypertrophie  noch  Atrophie.  Immerhin  aber 
kommen  diese  Störungen  in  einzelnen  Fällen  vor;  sehr  selten  aller- 
dings Hypertrophie  der  vom  Krampf  befieülenen  Muskeln  (Bell); 
häufiger  Atrophie,  die  selbst  ziemlich  hochgradig  werden  kann ;  meist 
sind  dann  schwere  motorische  Störungen  (Lähmung)  vorhanden,  und 
die  Atrophie  ist  mehr  Folge  dieser  als  des  Krampfes.  Dabei  findet 
sich  erhebliche  anatomische  Veränderung  des  Muskels:  Wucherung 
narbigen  Bindegewebes  neben  der  Atrophie  der  MuskelfBusem ,  nicht 
selten  auch  Fetteinlagerung  —  Veränderungen,  wie  sie  besonders  bei 
langjährigen  Contracturen  sich  regelmässig  ausbilden. 

Schwerere  trophische  Störungen  an  der  Haut,  den  Nägeln  und 
andern  Oeweben  kommen  wohl  nur  bei  gleichzeitiger  schwerer  Lä- 
sion der  trophischen  und  vasomotorischen  Nervenbahnen  zu  Stande 
und  sind  dann  eine  ganz  accidentelle  Erscheinung;  fast  immer  wird 
man  in  solchen  Fällen  gleichzeitig  hochgradige  Anästhesie  und  LAh- 
mung  finden. 

Psychische  Störungen  kommen  nicht  selten  in  Be^eHong 
von  KiUmpfen  vor,  meist  jedoch  nicht  in  directer  Abhängigkeit  von 
denselben.  Der  Zusammenhang  beider  Erscheinungen  ist  in  vielen 
Fällen  noch  äusserst  dunkel.    In  einem  Theil  der  Fälle  sind  die 


Motüit&UnetiroBen.    Krampf.    Symptomatologie.  269 

psychischen  Störangen  emfach  Co^ffect  derselben  Ursache ;  in  andern 
Fällen  mag  die  dnrch  häufige  ErampfanfäUe  gesetzte  schwere  Er- 
schütterung des  Nervensystems  y  oder  es  mögen  dadurch  bedingte 
Girculationsstörangen  allmälig  psychische  Symptome  hervorrufen,  oder 
es  mag  in  manchen  Kranken  durch  die  Existenz  der  Krampfkrank- 
heit allmälig  eine  hypochondrische  oder  melancholische  Verstimmung 
hervorgerufen  werden  u.  s.  w.  Man  wird  in  jedem  einzelnen  Falle 
dies  Verhältniss  genauer  zu  ermitteln  haben. 

Allgemeinstörungen  werden  im  Ganzen  selten  beobachtet 
und  wo  sie  vorkommen,  sind  sie  meist  Folgen  des  Grundleidens  und 
dem  Krämpfe  gleichwerthig.  Das  Nähere  wird  bei  den  einzelnen 
Krampfibrmen  mitgetheilt  werden.  Nur  diess  mag  hier  Erwähnung 
finden,  dass  die  krankhaften  Muskelcontractionen  an  sich,  selbst  wenn 
sie  sehr  ausgebreitet  sind,  nicht  im  Stande  sind  erhebliche  Steige- 
rung der  Körpertemperatur  hervorzurufen,  dass  also  das  manche 
Krampfkrankheiten  begleitende  Fieber  eine  andre  Quelle  haben 
moss,  als  die  durch  den  Kra^lpf  selbst  in  den  Muskeln  gesetzte 
Wärmeproduction.  DatUr  liegen  hinreichend  beweisende  Erfahrun- 
gen vor. 

Die  Folgeerscheinungen  der  Krämpfe  sind  zunächst  rein 
mechanische,  durch  die  abnorme  Muskelcontraction  an  und  fttr  sich 
bedingte;  sie  können  natürlich  je  nach  dem  Sitze  des  Krampfes 
äusserst  mannichfaltige  sein,  was  hier  nur  angedeutet  zu  werden 
braucht.  Es  kommen  vor:  Störungen  in  der  Function  der  Sinnes- 
organe (Strabismus,  Blepharospasmus);  Behinderung  der  Mobilität  der 
Gtelenke,  Störungen  in  den  geordneten  Bewegungen  des  Körpers,  ab- 
norme Stellung  und  Haltung  des  Kop&  und  der  Glieder,  Verkrümmung 
der  Wirbelsäule,  Veränderungen  der  Gelenkenden,  Verschiebung  und 
Subluxationen  der  Gelenke;  ferner  Erschwerung  des  Athmens,  der 
Harn-  und  Stuhlentleerung,  der  Nahrungsaufiiahme  u.  s.  w.  Dadurch 
können  in  secundärer  Weise  allgemeine  Ernährungsstörungen,  psy- 
chische Verstimmungen  u.  dgl.  entstehen.  Alle  Details  darüber  s.  bei 
den  einzelnen  Formen  der  Krampfkrankheiten. 

Ueberdas  elektrische  Verhalten  der  erkrankten  motorischen 
Nerven  und  Muskeln  ist  nicht  viel  Positives  zu  sagen.  So  hoch- 
gradige und  diagnostisch  wichtige  Veränderungen,  wie  wir  sie  später 
bei  den  Lähmungen  kennen  lernen  werden,  kommen  hier  nicht  vor. 
Fttr  die  Erkennung  feinerer,  besonders  quantitativer  Veränderungen 
der  elektrischen  Erregbarkeit  sind  auch  die  bisher  ttblichen  Unter- 
suchungsmethoden so  wenig  ausreichend  gewesen,  dass  die  meisten 
hierher  gehörigen  Angaben  nur  mit  einigem  Misstrauen  aufzunehmen 


270  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sind.  —  In  vielen  Fällen  werden  gar  keine  el.  Erregbarkeitsände- 
rangen  gefanden;  in  einzelnen  Verminderang ,  in  andern  Erböhong; 
ich  habe  bei  einigen  Fällen  von  Tetanie  hochgradige  Steigerang  be- 
sonders der  galvanischen  Erregbarkeit  gefunden,  über  welche  weiter 
unten  bei  der  Tetanie  berichtet  werden  wird.  Eine  Verallgemeine- 
rung lassen  diese  wenigen  Thatsachen  bisher  noch  nicht  za;  auch 
für  die  Pathologie  und  Diagnostik  der  Eiümpfe  im  Allgemeinen  hat 
die  elektrische  Untersuchung  bisher  nichts  Erhebliches  geleistet. 

Endlich  ist  hier  noch  eine  Erscheinungsreihe  zu  erwähnen,  aaf 
welche  man  bei  manchen  Erampiformen  aufmerksam  geworden  ist, 
und  welche  von  grosser  Bedeutung  fUr  die  Pathologie  sowohl  wie  fUr 
die  Therapie  dieser  Krämpfe  zu  sein  scheint:  es  ist  diess  das  Vor- 
handensein von  Druckpunkten.  Die  Erfahrung  hat  gelehrt,  dass 
in  einer  Beihe  von  ErampffäUen  Druck  auf  bestimmte  Punkte  eine 
Unterdrückung  vorhandener  Erampfanfälle  bewirkt  (von  Gräfe, 
Remak),  während  in  andern  Fällen  durch  Druck  auf  bestimmte 
Punkte  die  Erampfanfälle  hervorgerufen  werden  (Hitzig).  —  Die 
krampfsistirenden  Druckpunkte  hat  man  besonders  beim  Gesichts- 
krampf aufgefunden,  und  es  hat  sich  herausgestellt,  dass  dieselben 
meist  den  verschiedenen  Aesten  und  Zweigen  des  Trigeminas  ent- 
sprechen, ähnlich  wie  die  Schmerzpankte  bei  Neuralgien ;  nicht  selten 
sind  diese  Stellen  auch  empfindlich  bei  Druck.  Ausserdem  aber  hat 
man  auch  von  ganz  entfernten  Punkten  —  der  Wirbelsäule,  den 
Handgelenken  —  her  die  krampfstillende  Wirkung  bei  Druck  ein- 
treten sehen,  v.  Gräfe  hat  primäre  und  inducirte  Druckpunkte 
unterschieden;  die  ersteren  bilden  den  Hauptausgangspunkt  der 
Erankheit  und  scheinen  in  den  directesten  reflectorischen  Beziehungen 
zu  den  primär  und  am  stärksten  befallenen  Muskeln  zu  stehen ;  Druck 
auf  dieselben  sistirt  den  ganzen  Erampf  völlig.  Die  inducirten  Druck- 
punkte entstehen  erst  im  Laufe  der  Erankheit,  finden  sich  an  mehr 
oder  weniger  entfernten  Nervenbahnen,  Druck  auf  dieselben  sistirt 
den  Erampf  erst  nach  einiger  Zeit  und  niemals  vollständig,  lässt 
vielmehr  den  eigentlichen  Ausgangspunkt  des  Erampfes  unbertihrt 
—  Auch  bei  anderen  als  GesichtskiUmpfen  hat  man  solche  Punkte 
gefunden.  Bei  der  Erklärung  dieser  Erscheinungen  hat  man  offenbar 
nur  an  reflectorische  Vorgänge  zu  denken.  Es  wäre  möglich,  dass 
Druck  auf  bestimmte  Nervenstämme  die  von  ihren  Verbreitungsge- 
bieten herkommenden  sensiblen  Reize  aufhielte  und  so  die  Anregung 
zu  ReflexkiUmpfen  sistirte,  wodurch  der  Erampf  vorübergehend  zum 
Schweigen  gebracht  wird.  Wahrscheinlich  aber  hat  man  an  die 
reflexhemmenden  Einflüsse  zu  denken,  welche  bekanntlich  von  ener- 


Hotilit&tBneurosen.    Krampf.    Prognose.    Therapie.  271 

gischen  sensiblen  Eindrücken  ausgehen,  und  welche  die  Physiologie 
in  neuerer  Zeit  in  umfassender  Weise  untersucht  hat.  Es  würde  sich 
daraus  erklären,  warum  häufig  von  mehreren  verschiedenen  Punkten 
aus  eine  Hemmung  des  Krampfes  ausgelöst  werden  kann.  Welche 
von  diesen  Annahmen  die  richtige  ist,  und  ob  nicht  etwa  beide  ihr 
getrenntes  Berechtigungsgebiet  haben,  wird  erst  an  der  Hand  weiterer, 
auf  diese  Punkte  hin  geprüfter  Thatsachen  entschieden  werden  können. 

Einen  interessanten  Fall  von  krampferregenden  Druckpunkten 
hat  Hitzig  publicirt;  auch  hier  ist  wohl  nur  an  reflectorische  Vor- 
gänge zu  denken.  Beide  Arten  von  Druckpunkten  haben  eine  sehr 
erhebliche  Bedeutung  ftlr  die  Therapie,  weil  von  ihnen  aus  nicht 
selten  eine  gtlnstige  Modification  der  Krämpfe  zu  erzielen  ist. 

lieber  die  allgemeine  Prognose  der  Krämpfe  läjsst  sich  natür- 
lich angesichts  der  zahllosen,  in  ihrer  Entstehungsweise  so  verschie- 
denen KramiTormen  nur  wenig  sagen.  Im  Allgemeinen  erhält  man 
den  Eindruck,  dass  Krämpfe  als  schwere  und  hartnäckige  Leiden  zu 
betrachten  sind.  Nur  die  einfachsten  Fälle  von  Reflexkrampf  oder 
von  auf  directer  Beizung  beruhenden  Krämpfen  gewähren  mit  Sicher- 
heit eine  günstige  Prognose.  Bei  den  meisten  übrigen  Formen  aber, 
besonders  wenn  der  Krampf  einmal  etwas  eingewurzelt  ist,  bei  aus- 
gesprochener neuropathischer  Disposition,  bei  den  meisten  idiopathi- 
schen Formen  u.  s.  w.  wird  selbst  der  geübteste  Arzt  nur  eine  zwei- 
felhafte Prognose  stellen  können,  weil  selbst  anscheinend  leichte  Fälle 
in  unerwarteter  Weise  oft  allen  Heilversuchen  Trotz  bieten.  Jeden- 
falls lehrt  die  Erfahrung,  dass  die  meisten  Krampftbrmen  schwer 
heibar  sind  und  leicht  recidiviren. 

Alle  Details  müssen  flir  die  specielle  Besprechung  aufgespart 
bleiben;  es  mag  hier  nur  betont  werden,  dass  die  Prognose  im 
schlimmen  Sinne  beeinflusst  wird:  durch  den  Nächweis  aus- 
gesprochener neuropathischer  Disposition,  centralen  Sitzes,  organischer 
Oehim-  oder  Bückenmarksleideu,  durch  die  Unmöglichkeit  der  Ent- 
fernung der  Ursachen,  durch  höheres  Alter  der  Kranken,  lange  Dauer 
des  Krampfes. 

Dass  sie  dagegen  |im  günstigen  Sinne  beeinflusst  wird: 
durch  den  Nachweis  einfacher  und  leicht  zu  entfernender  Ursachen, 
durch  peripheren  Sitz  und  kurze  Dauer  des  Leidens,  durch  jugend- 
liches Alter  und  günstige  Emährungsverhältnisse  der  Individuen. 

Allgemeine  Therapie.  Die  Krampfkrankheiten  gehören 
jedenfalls  zu  den  undankbarsten  Objecten  der  ärztlichen  Thätigkeit 
und  stellen  die  Geduld  des  Kranken  und  den  Scharfsinn  und  die  Aus- 
dauer des  Arztes  nicht  selten  auf  harte  Proben.    Nur  wenig  ist  be- 


272  Ebb,  Krankheiten  der  periph^en-cerebroBj^intlen  Nerven. 

sonders  von  eioer  rationellen  Behandlung  zu  sagen,  was  bei  unserer 
Unkenntniss  der  feineren  Vorgänge  bei  den  Krampfkrankbeiten  nicht 
Wunder  nehmen  kann.  Die  Therapie  ist  vielfach  nur  auf  Empirie 
begründet,  und  auch  diese  Iftsst  nur  allzu  oft  im  Stich.  Vielfach  er- 
probte Mittel  können  total  ihre  Wirkung  versagen,  und  oft  hilft  eine  in 
der  Verzweiflung  und  ohne  Hoffnung  auf  Erfolg  gemachte  Verordnung. 

Trotzdem  muss  man  in  jedem  Falle  nach  rationellen  Omnd- 
sätzen  zu  verfahren  streben;  und  hier  ist  vor  allem  auf  Erfolg  zu 
rechnen  bei  einer  causalen  Therapie.  Sie  hat  freilich  den  sehr 
grossen  Mangel,  dass  wir  oft  keine  Causa  finden,  und  den  andern, 
dass  auch  nach  Entfernung  der  Ursache  der  K^rampf  fortbesteht,  weil 
er  habituell  geworden  ist.  Am  meisten  leistet  die  causale  Behand- 
lung jedenfalls  bei  den  Reflezkrämpfen ,  und  hier  handelt  es  sich 
denn  vor  allen  Dingen  um  eine  möglichst  genaue  Durchforschung 
des  ganzen  sensiblen  Nervenapparats  und  aller  jener  Organe,  von 
welchen  möglicherweise  die  Reflexerregung  ausgehen  könnte.  Etwaige 
Organkrankheiten  mttssen  geheilt,  abnorme  Reizungszustände  besei- 
tigt, Fremdkörper,  Parasiten  u.  dgl.  entfernt  werden;  lassen  sich 
Druckpunkte  auffinden,  so  muss  von  ihnen  aus  eine  Behandlung  ver- 
sucht werden,  und  mechanische  Einwirkungen  auf  dieselben,  elek- 
trische Behandlung  derselben,  geeignete  Nervendurchschneidungen 
schaffen  hier  oft  auffallende  Erfolge. 

Bei  Krämpfen  durch  organische  Krankheiten  des  centralen  oder 
peripheren  Nervensystems  mttssen  diese  Krankheiten  sorgfältig  nach 
den  Grundsätzen  der  speciellen  Pathologie  behandelt  werden. 

Ein  besonderes  Augenmerk  erfordert  die  Bekämpfung  der 
allgemeinen  Disposition,  der  Convulsibilität  und  hier  werden 
oft  alle  Httlfemittel  der  sogenannten  nervenstärkenden  Methode  aus- 
giebig in  Anspruch  zu  nehmen  sein.  Dieselbe  ist  in  manchen  Fällen 
allein  zur  Heilung  ausreichend  und  ist  gerade  bei  Krämpfen  oft  mehr 
als  bei  anderen  Neurosen  am  Platz ;  jedenfalls  kann  sie  die  Eininr- 
kung  der  ttbrigen  Heilmittel  in  wesentlicher  Weise  unterstützen.  Das 
Wichtigste  Aber  die  nervenstärkende  Methode  haben  ^t)#  i^on  in 
dem  Abschnitt  ttber  allgemeine  Therapie  der  Neuralgien  angeftihrt 
(s.  0.  S.  69  ff.) 

Einen  wesentlichen  Theil  derselben  bildet  jedenfalls  das  diäte- 
tiscbe  Verhalten,  auf  welches  ttbrigens  bei  fast  allen  Krampf- 
formen gebührende  Rttcksicht  zu  nehmen  ist.  Ausser  den  durch  die 
nervenstärkende  Methode  selbst  geforderten  Maassregeln  in  Bezug 
auf  Nahrungsmittel  und  Getränke ,  Gebrauch  von  Waschungen  und 
Bädern,  richtige  Abwechslung  von  Beschäftigung  und  Ruhe,  Sorge 


Motilitätsnearoseo.    Krampf.    Therapie.  273 

ftr  reichlichen  Schlaf  u.  dgl.  ist  im  Allgemeinen  eine  geregelte  and 
massige  Lebensweise  anzurathen.  Massigkeit  im  Essen  and  Trinken, 
im  Gebrauch  der  Gennssmittel,  Vermeidong  aller  aufregenden  und 
schwächenden  Vergnttgungen ,  von  spät  in  die  Nacht  aasgedehnter 
Geselligkeit,  von  Spiel,  von  sexuellen  Aufregungen  und  Excessen 
sind  nothwendig.  Verhtltung  von  Gemttthsbewegungen ,  von  leiden- 
schaftlicher Aufregung,  von  tibermässiger,  einseitiger  Erregung  der 
Sinnesorgane,  z.  B.  durch  Musik,  muss  erstrebt  werden.  Dabei  suche 
man  auf  eine  Stärkung  des  Willenseinflusses  durch  Erziehung,  Er- 
mahnungen und  Beispiel  hinzuwirken,  eine  Absicht,  die  durch  ver- 
nünftigen Gebrauch  der  verschiedenen  Arten  von  Gymnastik  wesent- 
lich gefördert  werden  kann.  Je  nach  der  Individualität  der  Kranken 
und  der  Besonderheit  des  Einzelfalles  wird  man  dem  Einen  Zimmer- 
gjmnastik,  dem  Anderen  schwedische  Heilgymnastik  oder  deutsches 
Turnen  oder  Bergsteigen  u.  dgl.  empfehlen.  Natürlich  sollen  diese 
aDgemeinen  Andeutungen  nur  die  ungefähre  Richtung  der  Behand- 
lung im  einzelnen  Falle  bestimmen  helfen. 

In  den  meisten  Fällen  wird  man  mit  der  causalen  Behandlung 
und  mit  diätetischen  Maassregeln  nicht  auskommen,  man  wird  also 
auch  noch  eine  energische  directe  Behandlunginstituiren  mtlssen. 
Die  Praxis  kennt  ein  wahres  Chaos  von  krampfstillenden  Mitteln, 
fQr  welche  es  aber  meist  durchaus  an  bestimmten  und  klaren  Indi- 
cationen  fehlt.  Die  neuere  Zeit  hat  auch  hier  allmälig  eine  Be- 
schränkung auf  gewisse  Gruppen  von  Heilagentien  eintreten  lassen, 
welche  hier  kurz  besprochen  werden  sollen. 

Einen  hervorragenden  Rang  unter  denselben  nimmt  heutzutage 
die  Elektricität  ein,  wenn  auch  allerdings  ihre  Erfolge  gerade 
auf  diesem  Gebiete  der  Neurosen  viel  weniger  befriedigende  sind  als 
auf  anderen  Gebieten.  Es  ist  möglich,  dass  dies  vorwiegend  den 
anpassenden  Applicationsmethoden  und  unrichtigen  Applicationsorten 
zuzuschreiben  ist,  da  wir  ja  ttber  die  Localisation  der  Krampfkrank- 
heiten zumeist  noch  sehr  unklare  Vorstellungen  haben.  Wir  mttssen 
uns  hier  mit  einigen  Andeutungen  über  die  Elektrotherapie  der 
Krämpfe  begnügen. 

Zunächst  kann  der  elektrische  Strom  der  Causa  lindication  ge- 
nügen, indem  er  gegen  die  zu  Grunde  liegenden  Erkrankungen  des 
Gehirns  und  Rückenmarks  oder  der  peripheren  Nerven  sich  wirksam 
erweist,  indem  er  abnorme  Erregungen  sensibler  Bahnen  beseitigt 
n.  s.  w.  Darauf  beruhen  wohl  die  glänzendsten  Erfolge  der  elek- 
trischen Behandlung,  und  es  ist  besonders  der  galvanische  Strom, 
der  in  dieser  Richtung  grosse  Wirksamkeit  entfaltet.    Es  können  hier 

Handl»ach  d.  spec.  Pathologie  iu  Therapie.  XII.  Bd.  1.  2.  Aufl.  IS 


274  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

alle  möglichen  Methoden  und  Applicationsweisen  des  Stromes  ge- 
legentlich wirksam  sein,  je  nach  Art  und  Ort  der  zn  Grande  liegen- 
den Krankheit;  das  Nähere  darüber  siehe  in  den  verschiedenen  Ab- 
schnitten dieses  Werkes  und  in  den  Lehrbflchem  der  Elektrotherapie. 
Ausserdem  entfaltet  der  elektrische  Strom  aber  auch  vielfach 
direct  eine  antispastische  Wirkung  ^  und  zwar  kann  dieselbe  in  ver- 
schiedener Weise  zu  Stände  kommen ;  einmal  dadurch,  dass  die  Er- 
regbarkeit der  betreffenden  motorischen  Apparate  herabgesetzt  wird ; 
femer  dadurch,  dass  dnrch  starke  periphere  Reize  eine  Reflexhem- 
mung im  Gentralorgan  gesetzt  und  dadurch  der  Krampf  unterdrückt 
wird ;  endlich  dadurch,  dass  Reize  entfernt,  Circulations-  und  Ernäh- 
rungsstörungen der  motorischen  Apparate  beseitigt  werden,  welche 
den  Krampf  unterhielten  ( —  Folge  der  sog.  katalytischen  Wirkimgen 
besonders  des  galvanischen  Stromes).  Zur  Erreichung  dieser  ver- 
schiedenen Zwecke  besitzt  bekanntlich  die  Elektrotherapie  sehr  ver- 
schiedene Mittel,  die  nach  Auswahl  angewendet  werden  können.  Die 
Erfahrung  lehrt,  dass  man  oft;  mehrere  Methoden  hintereinander  an- 
wenden muss,  ehe  man  die  wirksame  findet.  —  Den  faradischen 
Strom  kann  man  einfach  mit  feuchten  Elektroden  durch  die  erkrank- 
ten Nerven  und  Muskeln  führen,  um  die  Erregbarkeit  derselben  herab- 
zusetzen und  alterirende  Wirkungen  zu  erzielen;  oder  man  wendet 
ihn  in  der  Form  der  „schwellenden*^  faradischen  Ströme  (Fromm- 
h  0 1  d)  an,  welche  noch  energischer,  wie  es  scheint,  die  Erregbarkdt 
herabsetzen ;  oder  endlich  man  bewirkt  starke  Reizung  sensibler  Ner- 
ven (mit  feuchten  oder  trockenen  Elektroden,  mit  dem  faradischen 
Pinsel),  um  centripetale,  krampfstillende  Wirkungen  zu  erzielen.  — 
Auch  den  galvanischen  Strom  kann  man  in  verschiedener  Weise  an- 
wenden: Die  stabile  Einwirkung  der  Anode  oder  eines  absteigenden 
Stromes  auf  Nerv  und  Muskel  soll  deren  Erregbarkeit  herabsetzen; 
einfachen,  häufig  wiederholten  Unterbrechungen  eines  durch  Nerv 
und  Muskel  geführten  galvanischen  Stromes  hat  Remak  erhebliche 
antispastische  Effecte  zugeschrieben  und  dieselben  durch  centripetale 
Einwirkung  zu  erklären  gesucht;  Benedict  enlpfiehlt  in  neuerer  Zeit 
besonders  häufig  wiederholte  Voltaische  Alternativen  in  den  erkrank- 
ten Nervenstämmen;  zur  Erzielung  katalytischer,  alterirender  Wir- 
kungen wird  man  sich  am  besten  stabiler  Ströme  bedienen,  welche 
durch  den  wahrscheinlichen  Krankheitsherd  geleitet  werden.  Rapke 
hat  gefunden,  dass  starke  galvanische  Ströme,  durch  das  Rücken- 
mark geleitet,  von  diesem  ausgehende  Krämpfe  durch  Reflexhemmung 
stillen;  die  Richtung  des  Stromes  ist  dabei  gleichgültig,  nur  muss 
derselbe  stark  genug  sein.    Diese  beim  Frosch  constatirte  Thatsacbe 


Motilitätsneuroseo.    Krampf.    Therapie.  275 

sebeint  in  gewissen  Fällen  auch  beim  Menschen  therapeutisch  yer- 
werthbar  zu  sein. 

Endlich  ist  auch  die  elektrische  Behandlung  von  den  Druck- 
punkten aus  sehr  beachtenswerth ;  Remak  besonders  hat  damit  sehr 
bemerkenswerthe  Besultate  erzielt,  und  von  Mor.  Meyer*)  liegen 
neuere  ermuthigende  Erfahrungen  darüber  vor.  Je  nachdem  man 
es  mit  krampfstillenden  oder  krampferregenden  Druckpunkten  zu 
thun  hat,  mag  die  Application  eine  verschiedene  sein ;  man  wird  sich 
dabei  vorwiegend  des  galvanischen  Stromes  bedienen. 

Man  sieht,  dass  die  Elektrotherapie  der  Krämpfe  äusserst 
schwierig  ist;  bestimmte  Indicationen  sind  noch  gar  nicht  zu  formu- 
liren;  der  anwendbaren  Methoden  gibt  es  viele,  und  nur  allzu  oft 
ist  man  auf  ein  empirisches  Herumsuchen  nach  der  heilenden  Ein- 
wirkung angewiesen.  Die  Erfolge  sind  dementsprechend  ganz  un- 
sicher: manchmal  glänzend  und  dauernd,  andere  Male  bei  allen 
Methoden  ganz  ausbleibend.  Geschick  und  Einsicht  des  Elektro- 
therapeuten  können  sich  hier  oft  in  ganz  besonderer  Weise  bewähren. 

Die  Gruppe  der  Narcotica  und  Anaesthetica  liefert  eine 
Reihe  von  Mitteln,  welche  hier  meist  viel  geringere  Wirksamkeit 
entfalten,  als  bei  den  Neuralgien;  nur  in  einzelnen  Fällen  wirken 
sie  als  schätzenswerthe  Palliativmittel,  in  noch  wenigeren  als  wirk- 
liche Heilmittel.  Ein  Theil  derselben  ist  wohl  besonders  bei  Beflex- 
krämpfen  wirksam,  durch  Herabminderung  der  sensiblen  Erregbar- 
keit (z.  B.  Opium  und  seine  Alkaloide,  Atropin,  Chloroform,  Aether 
u.  s.  w.)  oder  durch  Erregung  der  reflexhemmenden  Centren  im 
Gehirn,  wie  dies  Weil  fttr  die  Digitalis  nachgewiesen  hat;  andere 
setzen  direct  die  Erregbarkeit  der  motorischen  Apparate  herab 
(Curare,  u.  s.  w.)*),  wieder  andere  wirken  energisch  auf  die  vaso- 
motorischen Nerven  und  damit  indirect  auf  die  Krämpfe  (Amylnitrit, 
Digitalis,  Bromkalium  u.  s.  w.).  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass 
alle  diese  Wirkungen  bei  verschiedenen  Krampfkrankheiten  ver- 
werthet  werden  können;  doch  muss  der  Einzelfall  die  specielle  In- 
dication  darbieten  und  die  Details  können  nur  bei  den  einzelnen 
Krampfformen  besprochen  werden. 

Noch  weniger  bestimmte  Indicationen  bietet  die  grosse  Gruppe 
der  Alterantia  und  Nervina,  in  welcher  sich  mächtige  Heil- 
mittel ftlr  Krämpfe  finden.  Auch  diese  sind  zumeist  empirisch  ge- 
funden und  auch  meist  nur  empirisch  anzuwenden.    Nur  flir  einzelne 

1)  Berl.  klin.  Wochenschr.  1875  No.  51. 

2)  Weir  Mitchell  empfiehlt  bei  tonischen  Krämpfen  and  Contracturen  die 
ligection  von  Atropin  in  die  Muskelsubstanz  selbst  als  besonders  wirksam. 

18* 


276  Ebb»  £j:ankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

werden  sich  in  concreten  Fällen  Indicationen  ergeben;  in  der  Begd 
aber  wird  man  sie  ohne  bestimmte  und  sichere  Anhaltspunkte  Ter- 
suchen  mttssen.  Energie  und  Gonsequenz  in  der  Anwendung  sind 
dabei  Hauptbedingungen  fllr  den  Erfolg.  Wir  erwähnen  von  diesen 
Mitteln  (die  z.  Th.  auch  durch  die  Indicatio  causalis  gefordert  wer- 
den) etwa  folgende:  Kai.  jodat.  und  bromat.,  Arsenik  (welchen 
A.  Eulen  bürg  jüngst  als  gutes  Mitter  gegen  manche  Tremorarten  in 
subcutaner  Anwendung  kennen  gelehrt  hat),  die  Zinkpräparate,  be- 
sonders das  Zinc.  valerianic,  welches  uns  in  mehreren  Fällen  gute 
Dienste  geleistet  hat  und  welches  besonders  in  späteren  Stadien 
nützlich  zu  sein  scheint,  das  Arg.  nitric.  und  Bismuth.  hydrico-nitr^ 
den  Sublimat,  femer  Valeriana,  Artemisia,  Asa  foetida  u.  s.  w.  Die 
Materia  medica  kennt  fast  kein  Mittel,  welches  nicht  gegen  Krämpfe 
empfohlen  wäre  (vgl.  z.  B.  die  Literatur  über  Epilepsie),  das  untrüg- 
lichste Zeichen  daflir,  dass  wir  in  der  Therapie  der  Ki^Unpfe  nicht 
sehr  glücklich  sind. 

Natürlich  hat  man  auch  Ableitungsmittel  versucht;  sie 
haben  auch  ihre  ganz  bestimmten  Erfolge  und  wenn  wir  selbst  ab- 
sehen von  den  Fällen,  in  welchen  sie  der  Indicatio  causalis  genügen 
und  zur  Heilung  der  den  Krämpfen  zu  Grunde  liegenden  Erkrankung 
fähren,  so  lässt  sich  den  vorliegenden  Erfahrungen  gegenüber  eine 
positive  Wirksamkeit  solcher  Mittel  bei  manchen  KrampfFormen  gar 
nicht  leugnen.  Ein  Verständniss  dafür  eröffnet  sich  vielleicht  im 
Hinblick  auf  die  reflexhemmenden  Wirkungen ,  welche  den  meisten 
starken  centripetalen  Erregungen  zuzukommen  scheint,  vielleicht 
auch  darin,  dass  mächtige  Hautreize  oder  in  der  Haut  etablirte 
Entzündungsvor^nge  direct  als  Alterantien  auf  das  centrale  Ner- 
vensystem tnrken  oder  in  den  benachbarten  Theilen  desselben  ver- 
änderte Girculations-  und  Emährungsverhältnisse  herbeiführen.  So 
mag  man  immerhin  in  geeignet  scheinenden  Fällen  Sinapismen, 
Vesicantien,  selbst  Mozen  und  besonders  das  Ferrum  candens  ver- 
suchen. Busch  hat  in  jüngster  Zeit  (Berl.  klin.  Wochenschr.  1873 
No.  37—39)  so  auffallend  günstige  Resultate  von  diesem  letzteren 
Mittel  bei  ganz  hartnäckigen  und  veralteten  Krämpfen  in  verschie- 
denen Nacken-,  Hals-  und  Armmuskeln  erzählt,  dass  eine  weitere 
Prüfung  desselben  gerechtfertigt  ist.  Er  brennt  3 — 5  Zoll  lange 
Streifen  beiderseits  neben  der  Wirbelsäule,  unterhält  darnach  die 
Eiterung  einige  Zeit  und  lässt  dabei  die  Kranken  ruhige  Lage  be- 
obachten. 

Von  Badecuren,  welche  direct  heilend  auf  den  Ej*ampf  ein- 
wirken sollen,  ist  im  Allgemeinen  wenig  zu  erwarten;  am  meisten 


Motilitätsneurosen.    Krampf.    Therapie.  277 

wird  man  in  einzelnen  Fällen  noch  von  den  indijQTerenten  Thennen 
mit  verhältniiBsmässig  niederer  Temperatur  zn  erwarten  haben.  Da- 
gegen spielen  Badeeoren  bei  der  Indicatio  caosalis  and  als  Bestand- 
theile  der  nervenstärkenden  Methode  oft  eine  tlberaus  wichtige  and 
hervorragende  Rolle;  dasselbe  gilt  von  der  Hydrotherapie. 

Aach  die  Heilgymnastik  hat  bei  den  Krämpfen  wenig  Er- 
folge za  verzeichnen;  doch  kann  immerhin  durch  dieselbe  in  ein- 
zehien  Fällen  der  Willenseinflass  gestärkt,  es  können  Gontractaren 
beseitigt,  falsche  Stellungen  gerade  gerichtet  werden  u.  s.  w. ;  allein 
einen  direct  heilenden  Einfluss  wird  man  nur  in  seltenen  Fällen  zu 
erwarten  haben.    Das  Nöthige  s.  bei  den  einzelnen  Formen. 

Was  endlich  die  speciell  chirurgische  Behandlung  der 
Krämpfe  betrifft,  so  beschränkt  sich  dieselbe  auf  ganz  wenige 
Gruppen  von  Fällen.  Speciell  sind  gewisse  Formen  der  Contracr 
toren  fast  nur  einer  chirurgischen  Behandlung  zugängig  und  diese 
leistet  hier  durch  eine  geschickte  Verbindung  von  Tenotomie  und 
Orthopädie  oft  sehr  Erspriessliches. 

Dagegen  hat  man  die  Tenotomie  bei  zahlreichen  tonischen  und 
klonischen  Krämpfen  einzelner  Muskeln  und  Muskelgruppen  meist 
vei^bens  gemacht  und  ist  davon  wieder  ganz  zurückgekommen. 
Gewöhnlich  tritt  nur  ganz  vorttbergehende  Besserung  ein  und  mit 
erfolgter  Zusammenheilung  ist  auch  der  Krampf  wieder  da.  -  Eine 
Durc^schneidung  motorischer,  vom  Ejrampf  befallener  Nerven  wird 
man  schwer  riskiren  wegen  der  unvermeidlichen,  schwer  heilbaren 
Lähmung. 

Wohl  aber  hat  man  in  vielen  Fällen  glänzende  Erfolge  von  der 
Durchschneidung  solcher  sensibler  Nerven  gesehen,  in 
welchen  sich  durch  Druck  ein  reflectorisches  Abhängigkeitsverhält- 
niss  für  den  Krampf  nachweisen  Hess  (z.  B.  Durchschneidung  des 
N.  supraorbitalis  beim  Blepharospasmus).  Nach  v.  Gräfe' s  Er- 
fahrungen ist  besonders  die  Durchschneidung  der  den  Haupt-  oder 
primären  Druckpunkten  entsprechenden  Nerven  wirksam,  während 
die  Durchschneidung  an  den  sogenannten  inducirten  Druckpunkten 
nur  unvollständig  zum  Ziele  ftlhrt.  Die  Operation  wird  womöglich 
subcutan  ausgefllhrt  und  ist  meist  gefahrlos;  man  hat  sie  bereits 
an  den  verschiedensten  sensiblen  Nerven  mit  Erfolg  gemacht.  Eine 
Erklärung  ihrer  Wirkungsweise  ergibt  sich  vielleicht  aus  den  oben 
bei  der  Besprechung  der  Druckpunkte  selbst  angezogenen  physiolo- 
gischen Thatsachen.  Jedenfalls  wird  man  nicht  unbedingt  der  An- 
sicht beipflichten  dürfen,  dass  es  sich  bei  den  Folgen  der  Operation 
immer  nur  um  eine  Beseitigung  peripherer  Beflexreize  handle, 


278  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

sondern  man  wird  fUr  manche  Fälle  auch  zu  der  Annahme  genO- 
thigt  sein^  dass  der  operative  EingrilOT  an  sieb  derartige  centripetale 
Wirkungen  (Reflexhemmungen?  alterirende  Einflüsse?)  auf  das  Ceo- 
tralnervensystem  ausübt  ^  dass  dadurch  schon  eine  Heilung  des 
Krampfes  erfolgt;  ähnlich  wie  man  das  auch  ftlr  die  Neurotomie 
bei  manchen  Formen  von  Neuralgien  anzunehmen  gezwungen  ist. 


2.  Einzelne  Krampfiformen. 

Wir  haben  hier  die  als  mehr  oder  weniger  selbständige  Krank- 
heiten auftretenden  Krämpfe  einzelner  Muskeln  oder  im  Gebiete  ein- 
zelner motorischer  Nerven  und  Nervengruppen  abzuhandeln.  Es 
sind  besonders  die  motorischen  Hirnnerven  und  die  aus  dem  Hals- 
theil  des  Rückenmarks  ihren  Ursprung  nehmenden  Nerven,  welche 
mit  Vorliebe  von  solchen  Krämpfen  befallen  werden.  Wir  haben 
femer  hier  zu  besprechen  gewisse  Krampfformen ,  die  mehr  oder 
weniger  verbreitet  in  verschiedenen  peripherischen  Nervengebieten 
beobachtet  werden ,  und  deren  centraler  Ursprung  und  anatomische 
.  Qrundlage  noch  nicht  hinreichend  festgestellt  ist.  Von  der  Betrach- 
tung hier  auszuschliessen  sind  als  einer  Specialdisciplin  angehörend, 
die  Krämpfe  der  äusseren  und  inneren  Augenmuskeln  (Lagophthalmus 
und  Strabismus  spasticus,  Nystagmus,  Myosis  und  Accommodatjons- 
krampf,  Hippus  u.  s.  w.).  Sie  gehören  entweder  speciell  dem  Ge- 
biet der  Augenheilkunde  an,  oder  kommen  doch  nur  als  Theiler- 
scheinung  verschiedener  Gehirn-  und  Rflckenmarkskrankheiten  oder 
allgemeiner  Krampfformen  (Epilepsie,  Chorea  u.  s.  w.)  vor  und  wer- 
den bei  diesen  abgehandelt.  Von  einer  isolirten  und  selbständigen 
Krampfkrankheit  in  diesen  Muskeln  ist  bis  jetzt  wenig  bekannt 


a.  Krampf  im  Gebiet  des  N.  trigeminus.  —  Masticatori- 

scher  Gesichtskrampf.  —  Trismus. 

Romberg,  I.e.  —  A.  Eulenburff,  I.e.  —  M.  Rosenthal,  Nerrenkrank- 
heiteo,  I.e.  —  C.  Bell,  Physiol.  u.  patnol  Unters,  d.  Nenrensystems  (Dtsch.  yon 
Romberg)  S.  85.  S.  288  u.  A.  —  Speyer,  Trismus  periodicos.  Deatsch.  Klhi. 
1853  No.  29.  —  Germain,  De  la  contracture  du  masseter.  Gaz.  h^bdom.  1863 
No.  7.  —  Remak,  Ueber  dentale  Neurosen  des  Herzens.  Berl  klin.  Woch.  1865 
No.  25.  —  Leube,  Krampf  d.  Museal,  pteryg.  d.  recht  Seite  u.  s.  w.  Arch.  t 
klin.  Med.  VI.  S.  273.  1869. 

Man    versteht   darunter   Krampf  im   Gebiete    der    motorischen 
Portion  des  Trigeminus  —  also  im  (Gebiete  der  Kaumuskebi  (der 


Motilitätsueurosen.    Trigeminoskrampf.  279 

Masseteren,  der  Temporales  und  der  Pterygoidei).  Meist  tritt  dieser 
Krampf  doppelseitig ,  sehr  selten  nur  einseitig  auf. 

Symptome.  Der  Krampf  kann  ein  tonischer  und  ein  klo- 
nischer sein. 

Der  tonische  Kaumuskelkrampf  hält  den  Unterkiefer  fest  nach 
oben  gezogen,  meist  so,  dass  die  beiden  Zahnreihen  energisch  gegen- 
einander gepresst  werden.  Er  ist  das,  was  man  als  Trismus,  als 
Xieferklemme  bezeichnet.  Der  Mund  kann  weder  willkürlich 
noch  mit  Qewalt  geöffnet,  die  Zahnreihen  können  gar  nicht  oder 
nur  sehr  wenig  von  einander  entfernt  werden,  so  dass  die  Ernährung 
oft  äusserst  schwierig  und  nur  durch  Zahnltlcken  oder  auf  anderem 
Wege  (durch  Klysmata)  möglich  ist.  Das  Kauen  ist  natürlich  ganz 
unmöglich;  die  Kaumuskeln  fühlen  sich  gespannt,  oft  brettähnlich 
hart  an  und  ihre  Contoren  treten  auffallend  deutlich  hervor.  Zu- 
weilen tritt  gleichzeitig  lebhafter  Schmerz  in  den  Muskeln  auf,  doch 
kann  derselbe  auch  völlig  fehlen.  Sind  beide  Seiten  gleichmässig 
befallen,  so  stehen  die  Zahnreihen  einander  in  verticaler  Richtung 
gerade  gegenüber;  dabei  können  sie  aber  in  horizontaler  Ebene 
etwas  nach  vom  oder  hinten  gegen  einander  verschoben  sein,  je 
nach  der  vorwiegenden  Betheiligung  einzelner  Muskelbündel.  Bei 
einseitigem  Krampf  der  Pterygoidei  jedoch  (Fall  v.  Leube)  wird 
der  Unterkiefer  nach  der  entgegengesetzten  Seite  hin  geschoben, 
und  es  ragt  dann  die  untere  Zahnreihe  dieser  Seite  nach  aussen 
über  die  obere  hervor. 

Beim  klonischen  Kaumuskelkrampf  wird  der  Unterkiefer  in 
mehr  oder  weniger  regelmässiger  und  intensiver  Weise  entweder  in 
verticaler  oder  in  horizontaler  Richtung  hin  und  her  bewegt;  im 
ersteren  Fall  entsteht  das  Zähneklappem,  wie  wir  es  im  Fieberfrost 
besonders  lebhaft  beobachten  können,  im  anderen  Fall  das  Zähne- 
knirschen, jenes  ominöse  Zeichen  bei  vielen  Gehimkrankheiten.  Auch 
können  förmliche  Kaubewegungen  in  krampfhafter  Weise  ausgeftlhrt 
werden,  so  manchmal  bei  epileptischen,  hysterischen  und  anderen 
Krampfanfällen. 

Von  Begleiterscheinungen,  die  in  irgend  einer  näheren  Bezie- 
hung zu  dem  Krämpfe  ständen,  ist  nicht  viel  bekannt.  Dagegen  sind 
häufig  Erscheinungen  zu  beobachten,  welche  von  dem  Qrundleiden 
herrühren  (neuralgische  Schmerzen  im  Trigeminus,  Zahnschmerz, 
Erscheinungen  von  Periostitis  u.  dergl.  am  Unterkiefer,  cerebrale 
Symptome  etc.).  In  Folge  dieses  Krampfes  können  mancherlei  Stö- 
rungen entstehen:  Zerbeissen  der  Zunge  und  der  Lippen  (Speyer) 
Ulcerationen   und   Entzündungen    am   Zahnfleisch    und    der   Mund- 


280  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-ccrebrospinalen  Nerven. 

höhle;  endlich  durch  die  nngenttgende  Nahrungszafuhr  Inanitioiis- 
zustäDde. 

Aetiologie.  Selten  sind  es  directe  Beizungszostände  am 
Nerven  selbst  (Entzündung,  Erweichung,  Geschwulstbildung  etc.), 
welche  man  als  Ursachen  des,  dann  meist  einseitigen,  Kaumuskel- 
krampfes  auffindet.  Häufiger  sind  Erkältungen  die  Ursache  von 
Trismus,  der  auch  ganz  selbständig  auftreten  kann,  ohne  Theil- 
erscheinung  eines  allgemeinen  Tetanus  zu  sein.  —  Der  klonische 
Krampf  wird  am  häufigsten  im  Froststadium  des  Fiebers  beobachtet 
und  ist  dann  wohl  centralen  Ursprungs.  Dasselbe  gilt  von  den 
Formen,  welche  die  verschiedensten  Centralleiden  begleiten:  Menin- 
gitis, Apoplexie,  Qehimtumoren,  Erweichungsherde  u.  s.  w.,  und 
sieht  man  hier  nicht  selten  den  Kaumuskelkrampf  als  ganz  isolirte 
Erscheinung  auftreten.  —  Nicht  selten  ist  derselbe  Theilerscheinong 
allgemeiner  Krampfformen:  so  der  Epilepsie  und  Eclampsie,  der 
Hysterie  und  Chorea  und  besonders  des  Tetanus,  bei  welchem  der 
Trismus  eine  fast  nie  fehlende  und  meist  initiale  Erscheinung  bildet 
(s.  Tetanus). 

Am  häufigsten  aber  entstehen  die  isolirten  Formen  des  Kau- 
muskelkrampfes  auf  reflectorischem  Wege,  und  zwar  von  sehr  ver- 
schiedenen Nervengebieten  aus;  am  liebsten  nattlrlich  vom  3.  Ast 
des  Trigeminus  her,  und  hier  sind  es  besonders  die  verschiedenen 
Formen  des  Zahnreizes  (abnorme  und  erschwerte  Dentition,  Dnrch- 
bruch  der  Weisheitszähne,  Caries  und  Entzündung  der  Zähne,  Lision 
des  Unterkiefers  beim  Ausziehen  der  Zähne,  Zahnschmerz  u.  s.  w.), 
welche  eine  fruchtbare  Quelle  von  Kaumuskelkrämpfen  abgebe; 
femer  hat  man  Periostitis  des  Unterkiefers,  Erkrankungen  des  Unter- 
kiefergelenkes,  selten  auch  Neuralgie  des  Trigeminus  als  Ursache 
dieser  Reflexkrämpfe  nachgewiesen.  Aber  auch  von  entfernteren 
Theilen  her  hat  man  solchen  Krampf  entstehen  sehen  z.  B.  bei 
einem  Abscess  in  der  Leistengegend,  bei  Verletzung  des  Daumens, 
bei  Anwesenheit  von  Helminthen  im  Darm  u.  s.  w.  Es  unterliegt 
wohl  keinem  Zweifel,  dass  es  sich  dabei  schon  um  bestimmte  Er- 
nährungsstörungen in  den  Gentralorganen  handeln  muss. 

Die  Diagnose  dieser  Krampfform  ist  eine  sehr  einfache;  die 
klonische  Form  kann  wohl  mit  nichts  Anderem  verwechselt  werden, 
und  bei  der  tonischen  Form  hat  man  sich  nur  vor  einer  Verwechs- 
lung mit  Ankylose  des  Kiefergelenkes  zu  hüten.  Diese  wird  bei 
einiger  Aufmerksamkeit  leicht  zu  umgehen  sein,  da  die  Beschaffen- 
heit des  Gelenkes  und  der  der  Untersuchung  leicht  zugänglichen 
Kaumuskeln  die  Entscheidung  nach  der  einen  oder  anderen  Rieh- 


Trigeminuskrampf.  281 

tuDg  leicht  ermöglichen  wird.    Im  Nothfalle  könnte  man  sich  der 
Chloroformnarkose  zur  Unterscheidung  bedienen. 

Die  Prognose  hängt  zumeist  von  der  Ursache  ab;  bei  den 
rheumatischen ;  idiopathischen  und  reflectorischen  Formen  ist  sie  im 
Allgemeinen  ganz  günstig;  zweifelhaft  und  häufig  positiv  ungünstig 
bei  Centralleiden ,  bei  schweren  allgemeinen  Krampfformen,  beson- 
ders beim  Tetanus. 

Therapie.  In  der  Mehrzahl  der  Fälle  ist  die  causale  Behand- 
long  die  Hauptsache,  so  bei  Gentralleiden  und  allgemeinen  Krampf- 
formen; bei  rheumatischen  Fällen  hat  man  von  energischer  Dia- 
phorese,  Ableitungen  auf  die  Haut,  Jodkalium  u.  dgl.  Nutzen  zu 
erwarten;  bei  den  reflectorischen  Formen  hat  man  nach  dem  Aus- 
gangspunkt des  Leidens  zu  forschen  und  auf  diesen  die  Behandlung 
zu  richten;  besonders  ist  hier  eine  genaue  Durchforschung  der 
Zähne  und  des  Unterkiefers  und  die  entsprechende  Localbehandlung 
Dothwendig  (Zahnziehen,  Blutegel,  Incisionen,  galvanische  Behand- 
lung etc.). 

Bei  der  directen  Behandlung  hat  man  zunächst  auf  die  Elektri- 
diSA  zu  recurriren  und  kann  die  verschiedenen  oben  genannten  Gal- 
vanisationsmethoden,  ebenso  wie  den  faradischen  Strom  —  beson- 
ders auch  den  feradischen  Pinsel  —  mit  Erfolg  anwenden.  —  Dem- 
nächst hat  man  Hantreize  (Sinapismen  und  Vesicantien  oder  selbst 
Hexen  in  den  Nacken)  zu  versuchen  und  kann  damit  zweckmässig 
den  inneren  Gebrauch  narkotischer  Mittel  (Opium  und  Morphium, 
Cannabis  indica,  Atropin  werden  gerühmt)  verbinden;  besonders  die 
subcutanen  Morphiuminjectionen  erweisen  sich  oft  zweckmässig.  In 
hartnäckigen  Fällen  muss  man  zu  den  specifischen  Mitteln  übergehen 
(Arsen,  Jodkalium,  Zinc.  valerianic.  u.  s.  w.).  —  In  chronischen  Fällen 
hat  man  auch  durch  mechanische  Mittel  (tägliches  EiDSchieben  von 
immer  dickeren  Holzstückchen  zwischen  die  Zähne)  ein  allmäliges 
Oeffinen  der  Kiefer  zu  erzielen  gesucht. 

Besondere  Rücksicht  ist  in  schweren  Fällen  auf  die  Ernährung 
der  Kranken  zu  nehmen;  oft  ist  man  genOthigt,  denselben  die 
Nahrung  in  flüssiger,  wenn  auch  möglichst  concentrirter  Form 
(Milch  mit  Ei,  Fleischsolution,  kräftige  Suppen  u.  dgl.)  mittelst  eines 
durch  eine  Zahnlücke  eingeftlhrten  Röhrchens  oder  durch  die  Nase 
hindurch  beizubringen  oder  zur  Application  ernährender  Klystiere 
(Fleiscbpankreasklystiere ,  Milch,  Suppen,  Wein  etc.)  zu  schreiten. 


282  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 


b.  Krampf  im  Gebiet  des  Nerv,  facialis.  —  Spasmus 
facialis.  —  Mimischer  Gesichtskrampf.  —  Tic  convulsif. 

Lehrbücher  von  Romberg,  Hasse,  A.  Eulenburg  und  M.  RosenthaL 
—  Benedict,  Nervenpath.  und  Elektrotherapie.  1874.  —  C.  Bell,  1.  c  S.  243 
u.  ff.  —  Franko! s,  Essai  sur  les  convuls.  ioiopath.  de  la  face.  Brox.  1843.  — 
Cullerier,  Contractur  des  muscles  de  la  face.  Gaz.  des  h6p.  1853.  No.  31.  — 
A.  Leineweber,  De  spasmo  facialL  Diss.  Berolin.  1858.  —  Oppolzer,  Allg. 
Wien.  med.  Zeit.  1861.  No.  10.  —  A.  y.  Gräfe,  Arch.  f.  Ophthalm.  L  1.  8.440; 
IV.  2.  S.  184;  IX.  2.  S.  73.  Deutsch.  Klin.  1864.  No.  20  u.  24;  1865.  No.  27.  — 
Remak,  Ueber  Gesichtsmuskelkrampf.  Berl.  klin.  Woch.  1864.  No.  21— 23;  1865. 
No.  27.  —  Debrou«  Sur  le  Tic  non  douloureux  de  la  face.  Arch.  g^n^.  Juiii 
1864.  —  W.  Erb,  Krampf  des  Facialis.  Arch.  f.  klin.  Med.  V.  S.  518.  1S69.  — 
DeleYi^Ieuse,  Tic  facial;  section  des  nerfs.  Gu^rison  partielle.  Gaz.  mdd.  de 
Strasb.  1869.  No. 6.  —  Seeligmalier,  Ueber intermitt. Blepharospasmus.  Zehen- 
der*s  klin.  Monatsbl.  IX.  1871.  —  Fr.  Schnitze,  Linksseitiger  Facialiskrampf 
in  Folge  eines  Aneurysma  der  Art.  vertebr.  sin.  Virch.  Arch.  Sd.  65.  1875. 

Man  versteht  unter  Spasmns  facialis  alle  Krämpfe ,  welche  in 
den  vom  N.  facialis  belebten  Muskeln  auftreten.  Dieselben  gehören 
zu  den  am  häufigsten  Forkommenden  Krampfformen;  die  vielfache 
Betheiligung  des  Facialisgebietes  an  den  verschiedensten  Bewegungs- 
formen (beim  Sprechen,  bei  der  Mimik,  beim  Kauen,  bei  der  Respi- 
ration), die  zahlreichen  directen  und  reflectorischen  Erregungen, 
welche  beständig  auf  dies  Gebiet  übertragen  werden,  lassen  diese 
Häufigkeit  der  Facialiskrämpfe  einigermassen  erklärlich  erscheinen. 
Auch  kommen  die  mannichfachsten  Uebergänge  von  den  physiologi- 
schen zu  den  krampfhaften  Innervationen  vor:  unter  dem  Einflüsse 
der  Leidenschaften  und  des  Affects  sieht  man  nicht  selten  bei  erreg- 
baren Individuen  die  mimischen  Gesichtsbewegungen  einen  solchen 
Grad  erreichen ,  dass  sie  von  wirklichem  Krampf  nicht  leicht  unter- 
schieden werden  können,  und  dass  ein  Fixirtwerden,  Habituellwerden 
dieser  Bewegungen  schon  den  wirklichen  Krampf  darstellt  Und 
alle  solche  Bewegungen,  deren  Grad  und  Dauer  über  das  Maass  des 
physiologischen  Reizes  hinausgehen,  müssen  schon  den  Krämpfen  zu- 
gezählt werden;  ebenso  alle  auf  rein  pathologische  Erregungen  zn- 
rttckzuflihrenden  Muskelcontractionen.  Wir  betrachten  hier  ausschliess- 
lich die  mehr  oder  weniger  selbständig  im  Facialisgebiet  auftreten- 
den Krämpfe,  indem  wir  die  als  Theilerscheinung  allgemeiner  Krampf- 
formen auftretenden  Gesichtskrämpfe  den  betreffenden  Capiteln  dieses 
Werkes  überlassen. 

Facialiskrämpfe  können  ein-  und  doppelseitig  vorkommen;  sie 
können  einzelne  Muskelgebiete  oder  das  ganze  Verbreitungsgebiet 
des  Facialis  befallen,  und  gerade  diesen  Umstand  hat  man  zu  einer 


Diffuser  Facialiskrampf.    Symptome.  283 

Eintheilang  dieser  Ei^mpfe  in  partielle  und  diffuse  benutzt.  Es 
ist  zweckmässig,  dieselben  getfennt  zu  betrachten. 

1)  Diffuser  Gesichtsmuskelkrampf ^  eigentlicher  Tic  convulsij. 

Er  stellt  die  eigentlich  charakteristische  Form  des  mimischen 

Gesichtskrampfes  dar,  und  zwar  besonders  wenn  er  in  klonischer 

Form  auftritt,  die  weitaus  die  häufigste  und  wichtigste  ist. 

In  solchen  Fällen  hat  man  ein  höchst  auffallendes  und  merk- 

wttrdiges  Erankheitsbild  vor  sich  ~  eine  beständig  wechselnde  Con- 
traction  fast  aller  vom  Facialis  versorgten  Gesichtsmuskeln,  die  sich 
nicht  genauer  beschreiben  lässt.  Es  ist  mit  einem  Wort  ein  unauf- 
hörliches, tolles  Gesichter-  und  Grimassenschneiden,  welches  um  so 
frappanter  ist,  als  bei  der  meist  einseitigen  Erkrankung  die  andere 
Gesichtshälfte  in  seltsam  contrastirender  Ruhe  verharrt.  Augenblin- 
zeln,  Stimrunzeln,  Naserümpfen,  Erhebung  des  Mundwinkels,  Lach- 
bewegnngen  wechseln  in  rascher  Folge  mit  einander  ab,  oder  er- 
scheinen rasch  hintereinander  ein  paar  Mal  als  klonische  Zuckungen ; 
dazwischen  erscheinen  oft  einzelne  tonische,  länger  anhaltende  Con- 
tractionen  bestimmter  Muskeln;  und  endlich  wird  das  ganze  Mienen- 
spiel schwächer ;  einzelne  „  Blitzer "  folgen  nach,  und  dann  kann  eine 
mehr  oder  weniger  lange  Pause  eintreten. 

Nicht  alle  Muskeln  sind  bei  diesen  Anfällen  gleichmässig  be- 
fidlen,  vielmehr  sind  es  einzelne,  die  daran  immer  in  vorwiegendem 
Grade  betheiligt  sind,  so  der  Orbicularis  palpebrarum,  der  Levator 
labii  super,  alaeque  nasi,  die  Zygomatici,  der  Corrugator  u.  s.  w., 
seltener  der  Frontalis  oder  das  Platysma,  am  seltensten  die  Ohrmus- 
keln; von  Bewegungen  des  Gaumensegels  während  des  Krampfes 
finde  ich  nirgends  etwas  erwähnt,  habe  solche  auch  in  den  mir  zur 
Beobachtung  gekommenen  Fällen  nicht  constatiren  können. 

Am  häufigsten  geschieht  das  Auftreten  des  Gesichtskrampfes  in 
Paroxysmen  von  verschieden  langer  Dauer;  oft  nur  wenige  Se- 
cunden,  selten  länger  als  1 — 2  Minuten  dauernd;  sie  beginnen  mit 
einzelnen  Zuckungen,  die  sich  allmälig  an  Intensität  und  Raschheit 
steigern,  schliesslich  zu  einigen  tonischen  Gontractionen  ftihren  und 
dann  meist  ebenso  allmälig  wieder  nachlassen.  In  den  Intervallen 
bleibt  Alles  ruhig,  oder  es  erfolgen  nur  einzelne  leichte  Zuckungen, 
die  sich  an  einzehie  Reflex-  oder  willkürliche  Bewegungen  anschliessen. 
Die  Häufigkeit  der  Paroxysmen  ist  eine  sehr  verschiedene ;  manchmal 
treten  nur  einzelne,  3 — 10  in  24  Stunden  auf,  andere  Male  folgen 
sie  sehr  häufig  auf  einander,  so  dass  20 — 40  Anfälle  auf  die  Stunde 
kommen.    Selbst  in  der  Nacht  hören  die  Anfälle  nicht  immer  auf. 


284  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sondern  daHern  bei  manchen  Kranken,  wenn  auch  in  geringerer  Hin- 
figkeit  fort  (Oppolzer).  Sie  komnten  häufig  ohne  jede  nachweis- 
bare Veranlassung;  nicht  selten  aber  werden  sie  durch  bestimmte 
Momente  heryorgerufen :  so  durch  Sprechen,  willkttrliche  Bewegungen, 
Schliessen  der  Augen,  heftige  Lichteindrücke,  laute  Geräusche,  sen- 
sible Reizungen  des  Gesichts,  Zorn,  Aerger,  Schreck  u.  dgl. 

Nicht  immer  jedoch  erscheint  der  Krampf  in  wohlcharakterisir- 
ten  Anfällen,  sondern  es  gibt  auch  Fälle,  in  welchen  fast  beständig 
hie  und  da  aufblitzende  Zuckungen  bemerkt  werden,  die  nur  in 
ihrer  Intensität  und  räumlichen  Verbreitung  gewisse  Schwankungen 
zeigen.  Endlich  gibt  es  auch  leichte  Fälle,  in  welchen  die  Zuckun- 
gen sich  fast  nur  an  bestimmte  äussere  oder  innere  Veranlassungen 
(Hautreize,  Willenserregungen)  anzuschliessen  scheinen  und  niemals 
einen  hohen  Grad  erreichen;  so  bei  den  Klampfen,  welche  sich  so 
häufig  im  Gefolge  schwerer  Facialislähmungen  einstellen. 

Trotz  des  oft  anscheinend  sehr  schweren  Leidens  ist  aber  meist 
der  Willenseinfluss  auf  die  erkrankten  Muskeln  gar  nicht  eilieblich 
gestört ;  natürlich  ist  während  der  Paroxysmen  selbst  eine  freie  Action 
der  Gesichtsmuskeln  nicht  möglich;  wohl  aber  sind  die  Kranken 
während  der  Intervalle  im  Stande,  alle  verlangten  Bewegungen  regel- 
recht auBzuftihren,  und  auch  die  mimischen  Bewegungen  erscheinen 
dann  nicht  gestört. 

Manchmal  beobachtet  man  auch  eine  Verbreitung  des  Krampfes 
auf  benachbarte  Muskelgebiete ;  am  häufigsten  sind  die  Kaumuskeln, 
wohl  auch  die  Zunge  mitergriffen;  wie  es  mit  den  Augenmuskeln 
sich  verhält,  deren  Mitbetheiligung  in  gewissen  Fällen  nach  neueren 
physiologischen  Thatsachen  (Hitzig)  zu  erwarten  wäre,  weiss  man 
nicht,  da  die  Beobachtung  derselben  durch  den  gewöhnlich  vorhan- 
denen krampfhaften  Lidschluss  erschwert  ist ;  auf  der  Höhe  der  An- 
fälle betheiligen  sich  manchmal  auch  die  Nacken-  und  Schultermns- 
keln,  selbst  die  Armmuskeln,  und  sehr  gewöhnlich  beobachtet  man 
auch  ein  Uebei^eifen  des  Krampfes  auf  die  primär  nicht  erkrankte 
Gesichtshälfte. 

Alle  sensiblen  Erscheinungen  und  besonders  Schmerz  pflegen  bei 
dieser  Krampfform  so  regelmässig  zu  fehlen,  dass  man  dieselbe  ge- 
radezu als  „indolenten''  Tic  dem  Tic  douloureux  gegenübergestellt 
hat;  und  wenn  einzelne  Autoren  von  der  furchtbaren  Schmerzhaftig- 
keit  des  mimischen  Gesichtskrampfes  erzählen,  so  beruht  dies  offen- 
bar auf  einer  Verwechselung  mit  dem  Tic  douloureux.  Allerdings 
liegt  diese  Verwechselung  nahe  in  solchen  Fällen  dieser  Neuralgie, 
welche  von  ausgesprochenen  reflectorischen  Facialiskiilmpfen  bereitet 


Diffdser  Facialiskrampf .  Symptome.  285 

sindy  welche  dem  Beschauer  das  charakteristische  Bild  des  Tic  con- 
valsif  darbieten.  Allein  man  wird  bei  genauerer  Beobachtung  in 
solchen  Fällen  leicht  ermitteln,  dass  es  sich  um  eine  primäre  Neur- 
algie des  Trigeminus  und  nicht  um  eine  hochgradige  Schmerzhaftig- 
keit  beim  Facialiskrampf  handelt.  —  Man  wird  leicht  ersehen,  dass 
diese  und  andere  sensible  Störungen  (Anästhesie,  Formication  u.  dgl.), 
welche  den  mimischen  Gesichtskrampf  zuweilen  begleiten,  mehr  oder 
weniger  zufällige  Erscheinungen  darstellen. 

Auch  von  vasomotorischen  und  trophischen  Begleiter- 
scheinungen wird  bei  diesem  Krampf  nurgends  etwas  berichtet;  die- 
selben treten  jedenfalls  nicht  in  den  Vordergrund.  Da  die  Annahme, 
dass  die  Bahn  des  N.  facialis  keine  vasomotorischen  oder  trophischen 
Fasern  enthalte,  als  widerlegt  betrachtet  werden  kann,  ist  wohl  der 
Schluss  gestattet,  dass  für  gewöhnlich  die  zum  Gesichtskrampf  füh- 
renden pathologischen  Erregungen  an  einer  Stelle  des  Faserverlaufs 
enigreifen,  wo  sich  keine  vasomotorischen  Bahnen  befinden.  —  Auch 
von  secretorischen  Störungen  schweigen  die  Krankheitsberichte, 
obwohl  doch  der  Gedanke  an  Vei^nderungen  der  Speichelsecretion 
sehr  nahe  liegt.  —  Von  einem  auifallenden  salzigen  Geschmack  im 
Munde  berichtet  Bouvin.  Eine  meiner  Kranken  gab  an,  während 
des  Anfalls  ein  Rauschen  im  Ohre  wahrzunehmen;  in  einem  andern 
Falle  wird  von  einem  die  Zuckungen  begleitenden  Klingen  im  Ohr 
berichtet  (Stapediuskrampf?). 

Die  elektrische  Erreg  barkeit  der  Facialiszweigeundder  Ge- 
sichtsmuskeln erfährt  keine  erheblichen  Veränderungen.  Ich  habe  sie  in 
einigen  Fällen  quantitativ  und  qualitativ  vollkommen  normal  gefunden. 

Druckpunkte  sind  gerade  bei  diesem  diffusen,  klonischen 
Facialiskrampf  nur  in  der  Minderzahl  der  Fälle  nachzuweisen.  Sie 
finden  sich  häufiger  bei  dem  auf  die  Augenschliessmuskeln  beschränk- 
ten oder  von  diesen  ausgehenden  partiellen  Krämpfe  (Blepharospas- 
mus); da  dieser  jedoch  in  den  diffusen  Gesichtsmnskelkrampf  über- 
gehen kann,  können  auch  die  Druckpunkte  vorhanden  sein.  Sie 
finden  sich  an  den  verschiedenen  Aesten  des  Trigeminus,  an  der 
Gesichtshaut  und  in  der  Mundhöhle,  und  es  kommen  hier  gelegent- 
Ueh  auch  die  früher  erwähnten  Kategorien  der  primären  und  indu- 
eirten  Druckpunkte  zur  Geltung.  Ausserdem  hat  Remak  auf  ge- 
wisse Punkte  an  der  Halswirbelsäule  (den  Querfortsätzen  in  der  Höhe 
der  verschiedenen  sympathischen  Halsganglien  entsprechend)  aufmerk- 
sam gemacht,  von  welchen  bei  Druck  und  besonders  durch  eine  dar- 
auf gerichtete  galvanische  Behandlung  Beruhigung  und  Heilung  des 
Krampfes  zu  erzielen  sei.    Er  bringt  dieselben  in  Verbindung  mit 


286  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sympathischen,  zu  den  Arterien  an  der  Basis  des  Gehirns  gehenden 
Nervenfäden  und  bezieht  die  Heilerfolge  auf  indirecte  katalytische 
Wirkungen  des  galvanisches  Stromes.  -  Auch  an  entfernteren  Thei- 
len  des  Körpers ,  am  Plexus  brachialis,  der  Wirbelsäule,  am  Hand- 
gelenk beobachtet  man  manchmal  solche  beruhigende  Druckpunkte, 
und  man  darf  sich  die  Mühe  nicht  verdriessen  lassen,  dieselben  auf- 
zusuchen. 

Ein  wesentlich  anderes,  als  das  bisher  beschriebene  Bild  ge- 
währt der  tonische  Gesichtsmuskelkrampf.  Die  ganze  be- 
treffende Gesichtshälfte  zeigt  eine  eigen thümliche  Starre;  sie  bleibt 
bei  mimischen  Bewegungen  ruhig ;  tiefere  Furchen  sind  auf  derselben 
vorhanden;  das  Gesicht  ist  leicht  nach  der  kranken  Seite  gezogen, 
der  Mundwinkel  verzerrt,  die  Lidspalte  kleiner,  die  Augenbraue  nach 
oben  gezogen.  Das  Kauen  ist  auf  der  betreffenden  Seite  erschwert 
durch  die  mangelnde  Beweglichkeit  der  Wange,  eine  lästige  Spannung 
wird  von  dem  Kranken  in  der  ganzen  Gesichtshälfte  angegeben, 
deren  starre  Ruhe  nur  hier  und  da  durch  einzelne  oder  mehrfach 
wiederholte  kurze  blitzähnliche  Zuckungen  einzelner  oder  mehrerer 
Muskeln  unterbrochen  wird.  —  Manchmal  begleitet  Trismus  derselben 
Seite  diesen  tonischen  Facialiskrampf.  Ist  der  Krampf  doppelseitig, 
so  entsteht  jene  eigentfaümliche  und  charakteristische  Physiognomie, 
welche  König  als  beim  Tetanus  regelmässig  vorhanden  in  treffender 
Weise  beschrieben  hat,  die  ttbrigens  schon  von  Köhler  in  seiner 
Monographie  der  Meningitis  spinalis  S.  243  richtig  geschildert  ist. 

Die  Mittheilungen  ttber  diese  Form  des  mimischen  Gesichts- 
krampfes sind  ziemlich  spärlich.  Es  ist  mir  jedoch  kein  Zweifel, 
dass  die  meisten  derartigen  Fälle  nichts  Anderes  sind  als  jene  Mas- 
kelcontracturen ,  welche  sich  in  späteren  Stadien  schwerer  Facialis- 
lähmungen  so  häufig  einstellen,  und  zu  welchen  sich  ebenso  häufig 
auch  klonische  Zuckungen  der  Facialismuskeln  später  hinzugeseUen 
(s.  u.  den  Abschnitt  ttber  Lähmung  des  Facialis).  Einzelne  Fälle 
sind  jedoch  auch  anderen,  wenn  auch  nicht  bekannten  Ursprungs. 

Die  Aetiologie  des  G^ichtsmuskelkrampfes  ist  nur  in  einem 
Theil  der  Fälle  klar. 

Die  Prädisposition  dazu  ist  jedenfalls  nicht  sehr  verbreitet, 
da  derselbe  eine  im  Ganzen  seltene  Neurose  ist  Männer  sollen  etwas 
häufiger  daran  erkranken  als  Frauen.  Individuen  mit  neuropathischer 
Belastung  sind  besonders  dazu  geneigt ;  dagegen  ist  directe  hereditäre 
Uebertragung  selten.  Anämie  und  Chlorose,  ebenso  Hysterie  dtspo- 
niren  ebenfalls. 

Eine  der  häufigsten  directen  Ursachen  ist  jedenfalls  Erkäl- 


Diffuser  Facialiskrainpf.    Ursachen.  287 

tODg;  zahlreiche  Beispiele  existiren  Air  diesen  ZusammenhaDg,  und 
die  Erkrankung  sonst  gesunder^  robuster  Personen  wird  meist  darauf 
zurückgeitlhrt ;  ihre  Wirkungsweise  ist  noch  ganz  unbekannt.  —  Wich- 
tiger noch  scheinen  fUr  die  Entstehung  dieses  Krampfes  Reflex - 
reize  und  zwar  vorwiegend  solche,  die  vom  Trigeminusgebiet  aus- 
gehen. Einerseits  sind  es  besonders  die  Augen  mit  ihren  verschie- 
denen Erkrankungen  (verschiedene  Formen  der  Augenentzündung, 
besonders  der  Keratitis,  Ulcerationen,  Verletzungen,  Fremdkörper, 
Ciliameuralgie^  etc.),  andererseits  die  Kiefer  und  die  Zähne  (Zahn- 
caries,  Ulcerationen  im  Munde,  Periostitis,  Pärulis  u.  s.  w.),  welche 
am  häufigsten  den  Ausgangspunkt  solcher  Krämpfe  bilden ;  dieselben 
beginnen  dann  meist  als  partielle  Krämpfe,  können  sich  aber  bei 
disponirten  Individuen  oder  bei  fortdauerndem  Reize  zu  difTusem 
Krampf  steigern.  Auch  traumatische  Einwirkungen  aufs  Oesicht  und 
die  Schläfe  hat  man  als  Ursachen  beobachtet;  ebenso  Trigeminus- 
neuralgien,  und  es  sind  besonders  die  schweren,  sogenannten  „con- 
vulsiven"  Formen  der  Trigeminusneuralgie ,  welche  Trousseau 
gpeciell  als  Tic  douloureux  bezeichnet ,  die  oft  ein  exquisites  Bild 
des  mimischen  Gesichtskrampfes  darbieten.  Auch  von  entfernteren 
Nervengebieten  her  hat  man  manchmal  reflectorischen  Tic  convulsif 
entstehen  sehen,  so  bei  Uterinkrankheiten,  bei  Wurmreiz  u.  s.  w.; 
auch  Neuritis  cervico-brachialis  soll  nach  Remak  manchmal  der 
Ausgangspunkt  für  diesen  Krampf  werden. 

Directe  Reizung  des  Facialis  längs  seines  peripherischen 
Verlaufs  an  der  Schädelbasis  oder  im  Felsenbein  wird  nur  selten  als 
Ursache  gefanden;  doch  hat  man  bei  Geschwülsten  an  der  Schädel- 
basis und  bei  Caries  des  Felsenbeins  hier  und  da  Facialiskrampf 
gefunden ;  es  wäre  in  solchen  Fällen  genauer  darauf  zu  achten ,  ob 
der  Krampf  ein  tonischer  oder  klonischer  ist.  In  einem  jüngst  von 
Fr.  Schnitze  mitgetheilten  Fall,  in  welchem  die  Section  ein 
Aneurysma  der  Vertebralarterie  nachwies,  welches  direct  dem  Stamme 
des  linken  Facialis  auflag,  bestand  exquisit  klonischer,  paroxysmen- 
weise  auftretender  Krampf. 

Auch  Reizung  der  centralen  Bahn  des  Facialis  und  des  Facialis- 
centrums  im  Vorderhimlappen  ist  bei  Gehimleiden  nicht  selten  die 
Ursache  von  Krämpfen  der  Gesichtsmuskeln;  das  lehrt  die  Gasuistik 
der  Himabscesse,  Hirntumoren  und  Apoplexien.  Besonders  wichtig 
sind  in  dieser  Beziehung  die  interessanten  Beobachtungen  von  Wem  her 
und  Hitzig  (auch  Fall  5  bei  D  e  b  r  o  u  gehört  hierher),  welche  lehren, 
dflss  bei  pathologischen  Reizungszuständen  in  der  Gegend  des  „  Facialis- 
centrums"  klonische  Krämpfe  im  Facialisgebiet  auftreten  können.   Da- 


288  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

durch  wird  die  Frage  nahe  gelegt,  ob  nicht  auch  manche  Fälle  von 
sogenanntem  idiopathischen  Gesichtsmuskelkrampf  durch  palpable 
oder  impalpable  Erkrankungen  dieses  Facialiscentrums  entstehen ;  eine 
Frage,  deren  Entscheidung  für  die  LocaUsation  therapeutischer  Ein- 
wirkungen von  der  grössten  Bedeutung  wäre. 

Auch  die  durch  psychische  Einwirkungen  (Zorn,  Schreck 
und  andere  Gemttthsbewegungen)  hervorgerufenen  Facialiskiilmpfe 
sind  vielleicht  damit  in  Beziehung  zu  bringen.  Dagegen  sind  die 
im  Gefolge  von  schweren  Facialislähmungen  auftretenden  Ge- 
Sichtskrämpfe  wohl  auf  eine  abnorme  Erregbarkeit  im  Reflexoi^an 
des  Facialis,  in  der  MeduUa  oblongata  zurückzuführen,  wie  Hitzig 
nachzuweisen  versucht  hat;  während  die  nach  solchen  Lähmungen 
ebenfalls  sehr  gewöhnlichen  Contracturen  der  Gesichtsmuskeln  nur 
musculären  Ursprungs  sind. 

Manchmal  entwickelt  sich  mimischer  Gesichtskrampf  ohne  alle 
nachweisbare  Ursache,  steigert  sich  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
und  wird  allmälig  habituell. 

Dass  endlich  Gesicbtskrampf  auch  als  Theilerscheinung  allge- 
meiner Krampfformen  nicht  selten  auftritt  (Epilepsie,  Eclampsie, 
Chorea,  Tetanus  u.  s.  w.),  braucht  hier  nur  erwähnt  zu  werden. 

Der  Verlauf  ist  ein  äusseret  unregelmässiger  und  unbestimmter, 
bald  gleichmässig  bis  zur  Heilung  oder  Unheilbarkeit  fortschreitend, 
bald  in  vielfachen  Remissionen  und  Exacerbationen  auf  und  ab 
schwankend.  Sehr  häufig  sind  Recidive  der  Krankheit  —  Die 
Dauer  des  Leidens  ist  eine  sehr  variirende;  selten  ist  eine  Dauer 
von  wenig  Tagen  oder  Wochen ;  fast  immer  handelt  es  sich  um  einen 
exquisit  chronischen  Verlauf,  bei  welchem  man  nach  Monaten  und 
Jahren  rechnen  muss;  oft  besteht  der  Krampf  das  ganze  Leben  hin- 
durch. —  Unter  den  Ausgängen  ist  Heilung  der  seltenere,  partielle 
Heilung  mit  grosser  Neigung  zu  Recidiven  der  häufigere;  nicht  selten 
auch  Habituellwerden  und  dauernder  Bestand  des  Leidens.  Natürlich 
kann  das  eventuelle  Grundleiden  auch  noch  schlimmeren  Ausgang 
bedingen. 

Die  Diagnose  des  Krampfes  an  sich  hat  im  Allgemeinen  sehr 
geringe  Schwierigkeiten,  da  die  durch  denselben  gesetzten  Störungen 
sehr  auifallender  Natur  sind;  nur  beim  tonischen  Gesichtskrampf  hat 
man  sich  vor  Verwechselung  mit  Facialislähmung  zu  hüten,  die  übrigens 
bei  einiger  Autinerksamkeit  leicht  vermieden  werden  kann.  —  Wich- 
tiger ist  es  und  schwieriger  zugleich,  in  vielen  Fällen  den  Sitz  und 
die  eigentliche  Ursache  des  Leidens  zu  ermitteln ;  trotz  der  genauesten 
Untersuchung  und  grössten  Scharfsinns  wird  es  nicht  immer  gelingen, 


Diffuser  Facialiskrampf.    Therapie.  289 

za  ermittelD,  ob  es  sich  um  periphere  Reizung  oder  um  centrale  Er- 
krankung handelt;  ob  eine  reflectorische  Erregung  zu  Grunde  liegt^ 
und  Ton  wo  dieselbe  ausgeht  u.  s.  w.  —  Genauere  Anleitung  dazu 
braucht  hier  nicht  gegeben  zu  werden. 

Die  Prognose  ergibt  sich  aus  dem,  was  über  die  Ursachen 
und  den  Verlauf  des  Leidens  gesagt  ist.  Sie  ist  nur  in  den  Fällen, 
wo  sich  ein  bestimmter,  leicht  zu  entfernender  Beflexreiz  nachweisen 
VSiBsij  entschieden  gtlnstig;  in  den  meisten  ttbrijgen  Fällen  zweifelhaft 
und  bei  einigermassen  veralteten,  habituell  gewordenen  Formen  ent- 
schieden ungünstig.  Doch  hat  man  auch  in  solchen  hie  und  da  noch 
auffallende  Heilresultate  erzielt  (Remak).  Natürlich  influenzirt  auch 
die  Art  des  Grundleidens  wesentlich  die  Prognose. 

Die  Therapie  des  mimischen  Gesichtskrampfes  gehört  häufig 
zu  den  undankbarsten  Aufgaben  der  ärztlichen  Praxis;  so  unschein- 
bar und  ungefährlich  das  Leiden  auch  oft  erscheint,  so  sehr  kann 
es  allen  möglichen  therapeutischen  Maassregeln  Trotz  bieten. 

Das  Erste  ist  nattlrlich  die  causale  Cur,  in  frischen  rheuma- 
tischen Fällen  kann  man  energische  Diaphorese,  Dampfbäder,  Ab- 
leitungen versuchen;  bei  reflectorischem  Krampf  ist  nattlrlich  zunächst 
die  Beseitigung  des  sensiblen  Reizes  zu  erstreben  durch  Behandlung 
der  Augenkrankheiten,  Extraotion  von  Zähnen,  Heilung  von  Ge- 
schwüren etc.,  besonders  auch  durch  Neurotomie  der  betreffenden 
sensiblen  Nervenbahnen  (bes.  des  Supraorbitalis),  von  welcher  man 
oft  sehr  glänzende  Erfolge  isieht.  Handelt  es  sich  um  eine  sympto- 
matische Affection,  dann  tritt  die  Behandlung  des  betreffenden  Cere- 
bialleidens  in  ihre  Rechte. 

Für  die  directe  Behandlung  ist  jedenfalls  zur  Zeit  die 
Elektricität  das  am  meisten  empfehlenswerthe  Mittel ;  wenn  jedoch 
Benedict  behauptet,  dass  dieselbe  in  frischen  Fällen  eine  günstige, 
in  veralteten  dagegen  eine  unbefriedigende  Wirkung  habe,  so  kann 
ich  mich  diesem  Satz  nach  meinen  Erfahrungen  nicht  anschliessen ; 
ich  habe  mehrfach  in  ganz  frischen  Fällen  ohne  wesentlichen  Erfolg 
alle  erdenkbaren  elektrotherapeutischen  Methoden  versucht,  und  es 
schien  mir  oft,  als  wenn  gerade  eine  gewisse  Dauer  des  Leidens  eine 
günstige  Vorbedingung  für  die  Einwirkung  der  Elektricität  wäre. 
Jedenfalls  ist  das  bis  jetzt  vorliegende  Material  nicht  ausreichend, 
um  solche  Sätze  jetzt  schon  genügend  zu  begründen;  andrerseits  aber 
machen  es  die  zahlreich  vorliegenden  günstigen  Erfahrungen  zur 
Pflicht,  die  Elektricität  —  wenn  nöthig  in  verschiedenen  Methoden 
—  zur  Anwendung  zu  bringen.  Man  mag  hier  folgende  verschiedene 
Applicationsweisen  versuchen:  Anode  stabil  mit  an-  und  abschwellen- 

H»ndbacli  d.  spsc  Patholoffi«  n.  Therapie«    XIL  Bd.  1.    2.  Aufl.  19 


290  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-eerebrospinalen  Nerven. 

der  Stromstärke  auf  den  Plexus  anserinos  oder  hinter  das  Ohr;  ab- 
steigend stabilen  galvanischen  Strom  yom  Nerven  zu  den  Moskeln; 
Voltaische  Alternativen  in  den  einzelnen  Nervenzweigen  (Benedict) ; 
Galvanisation  quer  durch  die  Proc.  mastoidei,  vielleicht  auch  directe 
Behandlung  der  (hegend  des  Facialiscentrums  in  der  Scheitelregion; 
bei  centralen  Formen  auch  Ghdvanisation  des  Sjmpathicus  am  Halse 
mit  besonderer  Berücksichtigung  der  bei  Druck  etwa  den  Krampf 
modificirenden  Ganglien;  überhaupt  kann  in  geeigneten  Fällen  auch 
die  galvanische  Behandlung  (Anode)  mit  Erfolg  auf  die  Druckpunkte 
gerichtet  werden  (R  e  m  a  k). — Endlich  kann  man  auch  noch  schwellende 
faradische  Ströme  (nach  Frommhold)  auf  den  Nerven  einwirken 
lassen^  die  manchmal  von  entschiedenem  Nutzen  sind.  —  Alle  diese 
Methoden  müssen  mit  Gonsequenz  und  Energie  angewandt  werden  — 
und  lassen  trotzdem  oft  im  Stich. 

Unter  den  narkotischen  Mitteln  verdienen  besonders  die 
subcutanen  Injectionen  von  Morphium  Beachtung;  man  soll  sie  bei 
vorhandenen  Druckpunkten  in  deren  Nähe  appliciren^  sonst  ist  die 
Schläfe  der  geeignetste  Applicationsort.  Von  Injectionen  von  Curare 
und  Atropin  und  ebenso  von  Strychnin  sind  einzelne  Erfolge  ver- 
zeichnet; ebenso  von  Chloroform  mittelst  eines  Wattebausches  auf 
den  Plexus  anser.  applicirt  oder  inhalirt. 

Häufig  wird  man  zu  den  Nervinis  zu  greifen  genöthigt  sein 
(Arsenik;  Zinc.  oxyd.,  Zinc.  valerian. ,  Arg.  nitr.  ^  Asa  foetida,  Vale- 
riana u.  s.  w.).  Es  gilt  ftlr  dieselben  alles^  was  bei  der  allgemeinen 
Therapie  der  Krämpfe  gesagt  wurde;  bestimmte  Indicationen  ftr  die- 
selben können  wir  nicht  au&tellen. 

Starke  Willensanstrengung  scheint  in  seltenen  Fällen  zur  Heilung 
zu  genügen,  wie  ein  Fall  von  Gräfe  beweist,  welcher  einMädch^i 
durch  Drohungen  zwang,  wiederholt  auf  einen  Stuhl  zu  steigen,  wozu 
es  die  krampfhaft  geschlossenen  Augen  öffiien  musste;  dadurch  wurde 
der  Krampf  beseitigt. 

Die  Neurotomie  sensibler  Nerven  (besonders  des  Supra- 
orbitalis)  scheint  manchmal  auch  in  solchen  Fällen  von  Erfolg  zu 
sein,  wo  von  diesen  Nerven  keine  Reflexerregung  ausgeht  (Rom- 
berg, V.  Gräfe)  und  sie  kann  deshalb,  als  relativ  unschädliches 
^  Mittel,  in  verzweifelten  Fällen  Anwendung  finden,  wenn  sie  anch  in 
der  Mehrzahl  der  Fälle  ein  negatives  Resultat  gibt.  Sollte  der  etwaige 
Erfolg  auf  centripetale  Wirkungen  zurückzuftlhren  und  mit  dem  Effecte 
starker  Hautreize  auf  gleiche  Linie  zu  stellen  sein? 

Die  Durchschneidung  des  N.  facialis  selbst  hat  man  nur 
in  seltenen  Fällen  gewagt,  wegen  der  unvermeidlichen  Lähmung. 


Partieller  Facialiskrampf :  BlepharoBpasmus  etc.  291 

Deleyi^leuse  hat  dieselbe  beiderseitig  ausgeführt,  jedoeh  nur  mit 
partiellem  Erfolg.  Die  Motilität  soll  bald  nach  der  Operation  wieder- 
gekehrt sein.  (?)  —  Energischen  Druck  auf  den  Stamm  des  Facialis 
wird  man  nur  mit  Vorsicht  anwenden  dtlrfen. 

Dieffenbach  hat  in  einem  sehr  hartnäckigen  Falle  die  meisten 
von  dem  Krampf  befallenen  Muskeln  subcutan  durchschnitten  und 
damit  sehr  gtlnstigen  Erfolg  erzielt. 

2,   Partieller  Gesichtsmuskelkramp/i 

Es  kommt  gar  nicht  selten  vor,  dass  einzelne  Gesichtsmuskeln 
anf  einer  oder  auf  beiden  Seiten  von  Sjrampf  befallen  werden ;  selbst 
wenn  wir  absehen  von  dem  Umstände,  dass  auch  beim  diffusen  Ge- 
sichtskrampf meist  nur  einzelne  Muskeln  in  einem  gegebenen  Momente 
vorwiegend  in  krampfhafter  Action  begriffen  sind.  Ftir  den  partiellen 
Krampf  ist  es  eben  charakteristisch ,  dass  derselbe  immer  auf  die 
nämlichen  einzelnen  Muskeln  beschränkt  bleibt.  So  kommt  ein  par- 
tieller Krampf  in  den  Zygomaticis  und  ihren  Nachbarn  yor,  der  Ton 
Zeit  zu  Zeit  das  Gesicht  des  Kranken  zu  krampfhaftem  Lächeln  yer- 
zenrt  (Risus  sardonicus);  oder  man  sieht  den  Corrugator  supercilii  sich 
yon  Zeit  zu  Zeit  in  zuckender  Weise  contrahiren,  oder  den  Nasen- 
ffOgel  und  die  Oberlippe  einer  Seite  conyulsiyisch  zittern;  oder  die 
Ohren  1?erden  durch  convulsivische  Zuckungen  in  lebhfuCte,  unge- 
wohnte Bewegungen  versetzt ,  entweder  mit  oder  ohne  gleichzeitige 
Zuckungen  der  Galea  (Romberg,  Hoppe).  Weitaus  am  häufigsten 
jedoch  sind  solche  partielle  Krämpfe  auf  die  Muskehi  in  der  Um- 
gebung des  Auges  beschi*änkt,  und  wir  mtlssen  diesen  „  Lidkrämpfen  ^ 
eine  kurze  Besprechung  widmen,  da  sie  wegen  ihrer  Häufigkeit  und 
der  erheblichen  Störungen,  welche  sie  machen,  eine  ziemlich  grosse 
praktische  Wichtigkeit  besitzen. 

Vom  tonischen  Lidkrampf,  Blepharospasmus,  existiren 
eine  Anzahl  höchst  merkwürdiger  Fälle  in  der  Literatur,  und  wir 
verdanken  v.  Gräfe  ganz  besonders  grosse  Förderung  der  Pathologie 
und  Therapie  dieser  Krampfform. 

Man  versteht  darunter  eine  tonische,  in  einzelnen  Paroxysmen 
von  verschieden  langer  Dauer  auftretende  Contraction  des  Orbicularis 
palpebrarum.  Der  dadurch  hervorgerufene  Lidschluss  kann  demnach 
intermittirend,  oder  er  kann  dauernd  sein;  die  einzelnen  Anfälle 
können  wenige  Minuten  oder  ganze  Stunden  dauern,  aber  sie  er- 
strecken sich  auch  manchmal  ttber  Wochen  und  Monate,  so  dass  die 
Kranken  wie  völlig  Blinde  angesehen  werden  müssen.    Keine  Be- 

19* 


292  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Schreibung  kann  die  bizarren  Contractionsformen  erschöpfen,  in  wel- 
chen dieser  Krampf  oft  auftritt ;  mit  dem  oft  ganz  plötzlichen  Zufallen 
der  Augen  sind  mancherlei  Grimassen  verbunden;  bedingt  durch 
Gontractionen  der  antagonistischen  Muskeln,  welche  yergebens  durdi 
Oefihen  der  Lider  die  erzwungene  Blindheit  zu  beseitigen  streben. 
Die  Anfälle  können  durch  vielerlei  Momente  henrorgerufen  werden; 
am  häufigsten  durch  Einwirkung  des  Lichts,  durch  Anstrengungen 
der  Augen,  festes  Schliessen  der  Lider  oder  den  Versuch,  dieselben 
gewaltsam  zu  öfihen,  durch  lebhaftes  Geräusch,  Gemttthsbewegungen 
u.  s.  w.  Sie  kommen  oft  ganz  plötzlich;  wie  mit  einem  Schlage 
fallen  die  Lider  zu  und  verharren  so  verschieden  lange  Zeit;  nicht 
selten  gelingt  es  dann  durch  Druck  auf  bestimmte  Punkte  sie  zu 
eben  so  raschem  Oeffhen  zu  bringen;  wie  durch  geheimen  Feder- 
druck springen  dann  die  Lider  auf. 

Gerade  nämlich  bei  dieser  Form  des  Krampfes  hat  man  am 
häufigsten  die  kramp&tillenden  Druckpunkte  geftinden  und  studirt 
Oft  bieten  sie  sich  der  Untersuchung  leicht  und  ohne  Weiteres  dar; 
die  Kranken  selbst  haben  sie  manchmal  schon  entdeckt  und  zur 
momentanen  Beseitigung  des  Krampfes  bentltzt;  oft  werden  sie  nur 
nach  langer  und  mühsamer  Untersuchung  an  ganz  unerwarteten 
Punkten  des  Körpers  geftinden.  Ein  kräftiger  Druck  auf  diese  Punkte 
beseitigt  nach  kurzer  Zeit  den  Krampf,  und  nicht  selten  beobachtet 
man  einen  ganz  plötzlichen  Nachlass  desselben,  so  dass  die  Lider 
wie  durch  Federkraft  aufspringen.  Meist  überdauert  die  krampf- 
stillende  Wirkung  des  Druckes  diesen  ftir  einige  Zeit ;  seltner  dauert 
die  Wirkung  nur  so  lange  als  der  Druck  selbst,  und  mit  dem  Nach- 
lass derselben  tritt  der  Krampf  sofort  wieder  ein.  Solche  Dmck- 
puokte  finden  sich  natürlich  am  häufigsten  im  Gebiete  des  Trige- 
minus,  und  es  sind  hier  zunächst  die  von  den  Neuralgien  her  be- 
kannten Valle  ix 'sehen  Schmerzpunkte  zu  berücksichtigen;  besonders 
am  Foram.  supraorbitale  wird  man  häufig  einen  solchen  Druckpunkt 
entdecken;  aber  auch  an  den  übrigen  Aesten  des  Trigeminns,  sol 
der  Gesichtshaut,  am  Zahnfleisch,  an  den  Gaumenbögen,  am  Joch- 
bein, am  Process.  mastoid.  u.  s.  w.  hat  man  solche  schon  geftinden. 
Ist  das  nicht  der  Fall,  so  suche  man  an  den  Dom-  und  Querfort- 
sätzen der  Halswirbelsäule,  am  Sympathicus,  am  Plexus  brachialis, 
an  den  Handgelenken  u.  s.  w.  In  manchen  Fällen  finden  sich  mehrere 
und  zahlreiche  solche  Druckpunkte,  in  andern  dagegen  fehlen  sie  völlig. 
Es  ist  dann  manchmal  durch  Einwirkung  des  ^vanischen  Stroms 
auf  bestimmte  Punkte  Beruhigung  zu  erzielen  (Remak).  —  Auch 
auf  die  Unterscheidung  der  primären  von  den  inducirten  oder  secun- 


1  Partieller  Facialiskrampf:  Blepharospasmus  etc.    Therapie.  293 

dären  Drnckpankten,  welche  v.  Gräfe  aufgestellt  hat,  wird  man  za 
achten  haben. 

Dass  diese  Form  des  Krampfes  eine  fbr  den  Ejranken  äusserst 
lästige  ist;  ergibt  sich  von  selbst.  Die  nächste  Folge  ist  eine  durch 
den  Lidschluss  bedingte  periodische  oder  dauernde  Aufhebung  des 
Sehyermögens.  Häufig  ist  damit  hochgradige  Photophobie;  ScWerz 
im  Auge  und  der  Stirn  und  das  Sjmptomenbild  der  zu  Grunde  lie- 
genden Augenaffection  rerbunden.  Auch  können  damit  Schmerzen 
in  den  verschiedensten  EörperregioneU;  wie  überhaupt  alle  möglichen 
nervösen  Störungen  verbunden  sein. 

Der  Blepharospasmus  ist  wohl  in  der  grossen  Hehrzahl  der 
Fälle  refleetorischen  Ursprungs ,  und  zwar  sind  es  unter  den  Trige- 
minusbahnen  besonders  die  zum  Auge  gehörenden;  welche  die  Leiter 
0r  die  hier  in  Frage  kommenden  Beflexerregungen  werden.  Alle 
möglichen  entzfindlichen  Erkrankungen  des  Auges,  besonders  die 
scrophulösen ;  herpetischen  und  ulcerativen  Entzündungen  der  Gon- 
junctiva  und  der  Cornea;  Traumata,  welche  das  Auge  getroffen; 
Fremdkörper  in  demselben,  Photophobie;  femer  Supraorbitalneuralgie 
sind  die  häufigsten  causalen  Momente;  man  hat  aber  auch  von 
Ulcerationen  in  der  Mund-  und  Rachenhöhle ,  von  cariösen  Zähnen, 
von  Neuralgien  der  verschiedensten  Trigeminusäste  Blepharospasmus 
ausgehen  sehen;  und  der  Nachweis  der  Druckpunkte  an  entfernten 
Eörperstellen  scheint  zu  beweisen;  dass  auch  von  noch  anderen 
Nervenbahnen  her  reflectorische  Auslösung  des  Blepharospasmus  be- 
wirkt werden  kann.  —  Dass  in  solchen  Fällen  der  Krampf  fast  stets 
ein  doppelseitiger  ist,  oder  es  doch  im  Verlaufe  der  Krankheit 
meistens  wird;  erklärt  sich,  abgesehen  von  dem  Gesetz  der  Be- 
flexionssymmetrie,  wohl  auch  aus  der  physiologisch  eingeübten  (und 
wohl  auch  anatomisch  präformirten?)  gemeinsamen  Action  beider 
Orbicnlares. 

Bei  der  Therapie  dieser  Krampfiform  spielt  natürlich  die  cau- 
sale  Indication  eine  Hauptrolle,  und  weitaus  die  meisten  Fälle  heilen 
einfach  nach  Beseitigung  der  causalen  Augenentzündungen  oder  Trige- 
minusneuralgien  und  nach  Entfernung  von  Fremdkörpern  u.  s.  w.  — 
Von  besonderer  Bedeutung  jedoch  ist  gerade  für  den  Blepharospas- 
mus das  Studium  der  Druckpunkte  geworden,  und  man  hat  von 
diesen  aus  theils  durch  Neurotomie  der  betreffenden  Nervenstänune 
(v.  Gräfe);  theils  durch  Einwirkung  des  galvanischen  Stroms  (Anode 
stabil,  Bemak)  sehr  bemerkenswerthe  Heilresultate  erzielt.  Ueber- 
haopt  hat  die  Neurotomie  des  N.  supraorbitalis  bei  dieser  Krampf- 
form  eine  Beihe  glänzender  Erfolge  aufzuweisen;   ^tretende  Er- 


294  Ebb/ Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

leichterung  bei  Dmek  auf  das  For.  supraorbitale  wird  die  Indication 
zu  dieser  Operation  wesentlich  stützen ;  doch  wird  man  sidi  za  ihrer 
Anwendung  meist  erst  dann  entschliessen ,  wenn  die  ttbrigen  Mittel 
yergebens  versucht  sind. 

Unter  den  ttbrigen  Mitteln  sind  besonders  die  subcutanen  MorpUam- 
injectionen  zu  erwähnen,  welche  möglichst  in  die  Nähe  der  Druck- 
punkte^ sonst  an  der  Schläfe  gemacht  werden  mttssen.  Auch  von 
Atropin  und  Belladonna  hat  man  gute  palliative  Erfolge  gesehen; 
jedoch  gewöhnlich  erst  dann^  wenn  die  Erscheinungen  allgemeiner 
Belladonnanarkose  sich  manifestirten. 

Die  galvanische  Behandlung  hat  sich  besonders  auf  die  Druck- 
punkte zu  richten,  kann  aber  auch  in  geeigneten  Fällen  au£i  Auge 
selbst,  auf  den  N.  supraorbitalis  u.  s.  w.  dirigirt  werden ;  stets  wird 
man  sich  die  merkwürdigen  Erfahrungen  Remak's  (Galvanisation 
am  Halssympathious)  zu  Nutze  zu  machen  suchen;  im  Uebrigen  ver- 
suche man  die  oben  beim  Tic  convulsif  angegebenen  Methoden. 

Methodisches  Untertauchen  des  Oesichts  in  kaltes  Wasser  empfiehlt 
V.  Gräfe  besonders  gegen  den  bei  Kindern  nach  Keratitis  so  häufig 
zurückbleibenden  Blepharospasmus.  —  Kalte  oder  warme  Umschläge, 
narkotische  Fomentationen  und  E^ataplasmen  auf  das  Auge  können 
nach  Umständen  wirksam  sein.  Von  einer  methodischen  Compression 
des  Facialis  am  ForauL  stylomiastoid.  wird  man  nicht  viel  erwarten 
dttrfen.  Von  der  Durchschneidung  des  N.  facialis  selbst  hat  schon 
Gh.  Bell  entschieden  abgerathen,  und  man  wird  zu  ihr  nur  im 
äussersten  Nothfall  seine  Zuflucht  nehmen. 

Der  klonische  Lidkrampf,  Spasmus  niptitans,  Nicti- 
tatio  unterscheidet  sich  wohl  nur  der  Form,  weniger  dem  Wesen 
nach  von  dem  tonischen  Lidkrampf. 

Man  versteht  darunter  krampfhaftes  Blinzeln,  abwechselndes 
Schliessen  und  Oeffnen  der  Augenlider,  bedingt  durch  klonischen 
Krampf  im  Orbicnlaris  palpebrarum  etc.,  an  welchem  sich  meist 
auch  noch  andere  benachbarte  Muskeln  (Gorrugator,  Frontalis,  Zjgo- 
matici  etc.)  in  mehr  oder  weniger  ausgebreiteter  Weise  betheiligen. 
—  Viele  Menschen  zeigen  das  schon  in  geringem  Maasse,  wenn  irgend 
ein  ungewohnter  B^iz  (helles  Licht,  Sonnenreflex  u.  s.  w.)  die  Augen 
trifft,  wenn  sie  in  Verlegenheit  oder  andre  G^mttthsbewegungen  ge- 
rathen.  In  den  höheren  Graden  wird  die  Sache  zu  einem  höchst 
lästigen  und  widerwärtigen  Krampfleiden,  welches  rein  fftr  sich  auf- 
treten kann,  häufiger  aber  mit  dem  tonischen  Lidkrampf  zusammen 
vorkommt,  so  dass  die  klonischen  Zuckungen  die  Anfälle  des  toni- 
schen Krampfes  einleiten  und  beschliessen. 


Klonischer  Lidkrampf.    Hypoglossuskrampf.  295 

Aach  dieser  Krampf  ist  offenbar  in  den  meisten  Fällen  reflec- 
torischen  Ursprungs  und  verhält  sich  in  dieser  Beziehung  ganz  wie 
der  BlephorospasQius.  Es  würde  zu  einfacher  Wiederholung  des  bei 
dem  tonischen  Lidkrampf  Gesagten  führen^  wenn  wir  uns  ttber  die 
BeflexreizC;  über  die  Druckpunkte,  die  Paroxysmen  u.  s.  w.  bei  der 
Kictitatio  ausführlicher  verbreiten  woUten.  Worauf  es  beruht,  dass 
imter  anscheinend  den  gleichen  Verhältnissen  bei  verschiedenen  In- 
dividuen bald  ein  tonischer,  bald  ein  klonischer  Lidkrampf  entsteht, 
wissen  wir  nicht;  alles,  was  darüber  gesagt  werden  könnte^  ist  vage 
Yermuthung. 

Für  die  Behandlung  des  Spasmus  nictitans  gelten  ganz  die- 
selben Grundsätze  wie  fllr  die  des  Blepharospasmus. 


c.  Krampf  im  Gebiet  des  N.  hypoglossus.  —  Zungen- 
krampf. 

Romberg,  1.  c.  S.  387. 

Ein  selbständiger,  isolirt  auftretender  Krampf  der  vom  Hypo- 
glossus  innervirten  Zungenmuskeln  gehört  zu  den  allergrössten  Selten- 
heiten ;  dagegen  ist  derselbe  eine  sehr  häufige  Theilerscheinung  ver- 
schiedener sensibler  und  motorischer  Neurosen. 

Der  Zungenkrampf  stellt  sich  dar  als  unruhige  wälzende  Be- 
wegung der  Zunge,  als  rasches  Vor-  und  Zurückziehen  derselben, 
als  krampfhaftes  Herausstrecken  —  kurz  als  eine  rasche  und  unregel- 
mässige Folge  aller  der  Zunge  möglichen  Bewegungen;  oder  aber 
als  eine  mehr  tonische  Contraction  in  dem  einen  oder  andern  Muskel- 
bündel, so  dass  dadurch  abnorme  und  bizarre  Stellungen  der  Zunge 
ktbrzere  oder  längere  Zeit  eingehalten  werden ;  oder  in  Form  einzelner, 
kurzer  Zuckungen  der  ganzen  Zunge,  oder  endlich  in  Form  der  so- 
genannten fibrillären  Zuckungen  der  Zungenmusculatur. 

Es  existiren  zahlreiche  Fälle  in  der  Literatur,  welche  beweisen, 
dass  Zungenkrampf  hie  und  da  vorkommt  bei  Meningitis  und  son- 
stigen Gehimaffectionen  (Reizung  des  Hypoglossuscentrums  im  Yor- 
derhimlappen  oder  des  Hjpoglossuskemes  im  verlängerten  Mark?); 
femer  als  sehr  häufige  Theilerscheinung  bei  allen  möglichen  allge- 
meinen KrampfTormen:  bei  hysterischen  Convulsionen ,  bei  Chorea, 
bei  Epilepsie  und  Eclampsie  u.  s.  w.;  ferner  nicht  selten  in  Beglei- 
tung von  Trismus  und  von  Gesichtsmuskelkrampf;  femer  als  Theil- 
erscheinung der  Stotterkrämpfe ;  als  Reflexerscheinung  bei  Trigeminus- 
neuralgien,  besonders  des  3.  Astes  (Romberg)  und  bei  Zahncaries 


296  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebroBplnälen  Nerven. 

und  Ulceration  am  Zahnfleisch  (Mitchell);  endlich  bei  progressiver 
Muskelatrophie  und  bei  Bulbärparalyse  in  Form  der  fibrillären  Zuckun- 
gen.   Ueber  alle'  diese  Formen  des  Zungenkrampfes  «?ird  das  Nöthige 
in  den  verschiedenen  Abschnitten  dieses  Werkes  bei  der  Besprechung' 
der  erwähnten  Erankheitsformen  gesagt  werden.  —  Ftlr  eine  Dar- 
stellung jedoch  des  selbständigen  Zungenkrampfes  und  seiner  Behand- 
lung fehlt  z.  Z.  noch  alles  Mat^rial^  und  es  wäre  zu  wünschen,  dass 
einschlägige  casuistische  Mittheilungen   gemacht  würden.     Ich  sah 
ihn  jüngst  bei  einem  jungen  Mädchen,  das  ausserdem  an  eigenthttm- 
liehen  Hallucinationen  litt,  ganz  selbständig  und  isolirt  in  Form  eines 
beim  jedesmaligen  Herausstrecken  der  Zunge  eintretenden,  ungemein 
raschen  Vor-  und  Zurttckziehens  der  ganzen  Zunge. 


d.  Krampf  im  Gebiet  des  Nerv,  accessorius.  (Torticollis. 

—  Tic  rotatoire.  —  Nickkrampf  etc.) 

Lehrbücher  yon  Romherg,  Hasse,  A.  Eulenburg,  M.  Rosenthal; 
Benedict.  Nervenpathol.  etc.  1874.  —  Duchenne,  Electns.  localis^,  ü.  edit. 
1861.  p.  888  ff.  —  Beard  and  Rockwell,  Medic.  electricity  p.  461.  —  Stro- 
meyer,  Beitr.  z.  operat.  Orthopäd.  1838.  S.  128.  —  Ebert,  Das  krampfhafte 
Kopfnicken  der  Kinder.  Annal.  d.  Charit^.  1850.  Bd.  1.  —  G.  Hirsch,  Kün. 
Fragmente.  I.  1857.  —  Leconest,  Torticollis  intermlttent.  Union  m^d.  1861. 
No.  67.  —  Busch,  Anwendung  des  Glüheisens  bei  Krämpfen  etc.  Berlin,  kün. 
Woch.  1873.  No.  37—39  (Sitz.  d.  Niederrhein.  Ges.  in  Bonn).  —  Casuistik  s.  n.  A. 
bei  0.  Bell,  1.  c.  S.  342—359.  —  Schützen  berger,  Gaz.  mM.  de  Strasb. 
1867.  No.  9.  —  Morgan,  Lancet  1867.  Aug.  3.  —  Delstanche,  Fresse  m^. 
1867.  No.  16.  —  Fournier,  Th^se  de  Strasb.  1870  etc.  —  Stich,  D.  Arch.  f. 
klin.  Med.  Bd.  XI.  S.  524.  —  A.  Kropff ,  Beob.  über  Krampf  im  Bereiche  des 
AccesBor.  u.  der  ob.  Cerricalnerven.  Diss.  Götting.  1875. 

Die  hierhergehörigen,  nicht  gerade  seltenen  Krämpfe  haben  ihren 
Sitz  im  MuBC.  stemocleidomastoideus  und  cncnllaris.  Jeder  dieser 
Muskeln  kann  isolirt,  oder  beide  können  zugleich  befallen  sein;  der 
Elrampf  kann  ein-  oder  doppelseitig  auftreten;  er  kann  in  verschie- 
dener  Form  auftreten:  als  klonischer  Krampf,  als  tonischer  Krampf 
und  als  Contractur  der  genannten  Muskeln. 

1.    Klonischer  Accessoriuskramp/i 

Bei  einseitiger  Erkrankung  des  Stemocleidomastoideus  treten 
ruckweise,  zuckende  Bewegungen  des  Kopfes  nach  einer  Seite  hin 
in  ganz  charakteristischer  Weise  auf.  (Das  Kinn  wird  nach  der  ent- 
gegengesetzten Seite  gedreht  und  gehoben,  das  Hinterhaupt  herab- 
gezogen, Ohr  und  Proc.  mastoid.  dem  Schlüsselbein  der  gleichen  Seite 
genähert;  man  kann  sich  diese,  wie  die  meisten  der  im  Folgenden 
beschriebenen  Krampfformen,   am  besten  durch  locale  Faradisation 


Klonischer  Accessorioskrampf.    Symptome.  297 

der  betreffenden  Muskeln  versinnlichen ;  genaues  Studium  der  dadurch 
erzeugten  Bewegungen  und  Stellungen  erleichtert  die  Diagnose  dieser 
localen  Erampfformen  in  hohem  Grade.)  Es  ist  das  eine  Form  des 
Tic  rotatoire  der  Franzosen,  welcher  aber  auch  noch  durch  eine 
Reihe  anderer  Muskeln,  welche  sich  an  der  Rotation  des  Kopfes  be- 
theiligen,  erzeugt  werden  kann. 

Ist  bloss  der  Cucullaris  von  dem  Krämpfe  befallen,  dann  wird 
der  Kopf  nach  hinten  und  nach  der  kranken  Seite  gezogen  ohne 
Drehung  des  Kinnes,  zugleich  wird  die  Schulter  gehoben,  die  Scapula 
der  Wirbelsäule  genähert  und,  je  nachdem  einzelne  Btindel  des  Mus- 
kels Torwiegend  befallen  sind,  mehr  oder  weniger  um  ihre  Axe  ge- 
dreht. Der  Kopf  kann  dabei  mit  grosser  Gewalt  nach  rückwärts 
gezogen  werden,  so  dass  Hinterhaupt  und  Schulter  sich  fast  berühren, 
während  das  Kinn  erhoben  ist. 

Sind  beide  Muskeln  einer  Seite  gleichzeitig  ergriffen,  dann  ver- 
mischen sich  beide  Bewegungsrichtungen  mit  einander  oder  wechseln 
mit  einander  ab,  und  je  nach  dem  Ueberwiegen  des  einen  oder  andern 
Muskels  kann  das  Bild  etwas  verschieden  ausfallen. 

Bei  doppelseitigem  Accessoriuskrampf  wird  der  Kopf  meist  ab- 
wechselnd nach  der  einen  und  der  andern  Seite  gezogen,  das  Kinn 
mehr  oder  weniger  rasch  von  einer  Seite  zur  andern  bewegt  (Kopf- 
wackeln.  Kopfschütteln);  seltener  wird  eine  genau  synchro- 
msehe  Bewegung  der  beiderseitigen  Muskeln  beobachtet,  die  in  sol- 
chen Fällen  meist  auf  die  Mastoidei  beschiünkt  ist,  wodurch  in  mehr 
oder  weniger  raschem  Tempo  ein  abwechselndes  Heben  und  Senken 
des  Kinnes  zu  Stande  kommt  (Kopfnicken).  Hierhergehören  die 
vorwiegend  bei  Kindern  beobachteten  Nickkrämpfe,  Salaam- 
krämpfe,  bei  welchen  der  Kopf  in  mehr  oder  weniger  rascher 
Folge  eine  grosse  Anzahl  regelmässiger  Nickbewegungen  macht;  doch 
ist  es  mir  zweifelhaft,  ob  dieselben  nicht  vorwiegend  durch  andere 
Muskeln  hervorgerufen  werden ;  Krämpfe  der  Nackenmuskeln  können 
wohl  ein  ganz  ähnliches  Bild  bedingen  und  das  eigentliche  Kopf- 
nicken kommt  jedenfetlls  hauptsächlich  durch  die  Muse,  recti  capit. 
antic.  zu  Stande. 

Alle  diese  Krämpfe  treten  zumeist  in  Paroxysmen  auf  von 
verschieden  langer  Dauer;  manchmal  tagelang  und  nicht  selten  mit 
80  furchtbarer  Heftigkeit,  dass  der  Kopf  mit  grosser  Gewalt  hin-  und 
hergerissen,  und  das  Leben  den  Kranken  zur  Qual  wird.  Manchmal 
wird  ein  nahezu  continuirliches  Auftreten  des  Krampfes  beobachtet; 
dann  pflegt  jedoch  meist  der  Schlaf  Ruhe  zu  bringen ;  doch  ist  häufig 
das  Einschlafen  durch  den  Krampf  sehr  erschwert  und  verzögert.  — 


298  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Hervorgerufen  werden  die  Paroxysmen  durch  mancherlei  Dinge:  Gehen, 
Sprechen,  Gemüthsbewegungen  u.  dgl.,  und  ihre  Intensität  wird  regel- 
mässig gesteigert,  wenn  sich  die  Kranken  beobachtet  wissen,  in  Ver- 
legenheit gerathen  u.  s.  w. 

Häufig  und  besonders  auf  der  Höhe  der  Paroxysmen  siebt  man 
eine  Mitbetheiligung  mehr  oder  weniger  zahlreicher  benachbarter 
oder  entfernter  Muskeln:  so  der  Gesichts-  und  Kaumuskeln,  der 
Augen-,  Schulter-  und  Oberarmmuskeln ;  vielfach  sind  auch  die  Acees- 
soriuskrämpfe  nur  Theilerscheinung  von  auf  viele  Huskelgmppen 
verbreiteten  Krämpfen. 

Von  sensiblen  Erscheinungen  wird  am  häufigsten  du 
schmerzhaftes  Müdigkeitsgeftlhl  in  den  vom  Krampf  be&llenen  Mus- 
keln erwähnt;  ausserdem  nicht  selten  Schmerz  im  Nacken  und  Hinter- 
haupt, in  Schulter  und  Arm,  manchmal  auch  Formication  in  den. 
Armen.  —  Druckpunkte  sind  nur  selten  vorhanden;  man  wird 
dieselben  vorwiegend  am  Stamm  des  Acoessorius  selbst,  am  Plexus 
brachialis  und  an  der  Wirbelsäule,  wohl  auch  an  den  erkrankten 
Muskeln  zu  suchen  haben.  —  In  den  höheren  Graden  des  Leidens 
treten  oft  recht  erhebliche  Folgeerscheinungen  ein,  unter  welchen 
Störungen  des  Kauens  und  Essens,  des  Sprechens  und  des  Schlafes 
besonders  zu  erwähnen  sin4;  auch  die  deprimirende  Rückwirkung 
des  quälenden  Leidens  auf  die  psychische  Stimmung  ist  nicht  zu 
unterschätzen. 

Die  Entwickelung  der  Krankheit  geschieht  meist  ganz  allmälig, 
und  besonders  die  heftigeren  Grade  entstehen  nur  selten  rasch  und 
fast  plötzlich.  Ein  massiger  Grad  kann  lange  Zeit  unvei^dert  fort- 
bestehen und  selbst  der  Heilung  zuschreiten,  manchmal  aber  ent- 
wickelt sich  das  Leiden  auch  immer  weiter  zu  geradezu  unerträg- 
licher Heftigkeit. 

Die  Ausgänge  des  Krampfes  können  mannichfaltige  sein:  ent- 
weder in  Heilung,  und  das  Ist  ein  verhältnissmässig  seltener  Fall; 
oder  in  Habituellwerden  des  Krampfes;  oder  derselbe  bildet  den 
Uebergang  zu  schwereren  allgemeinisn  KrampfTormen  (Epilepsie); 
oder  endlich  in  Lähmung.  Das  Alles  hängt  wesentlich  von  der  Natur 
der  Ursache  ab. 

Die  Aetiologie  des  klonischen  Accessoriuskrampfes  ist  noch 
in  vielen  Beziehungen  eine  dunkle.  Selten  wissen  wir  genau,  an 
welcher  Stelle  der  Accessoriusbahn  im  Rtickenmark,  verlängerten 
Mark  oder  Gehirn  der  krankhafte  Reiz  angreift;  jedenfalls  lehrt  aber 
die  vorliegende  Casuistik  so  viel,  dass  an  sehr  verschiedenen  Stellen 
dieser  Bahn  die  krampferzeugende  Erregung  stattfinden  kann.    So 


Klon.  Accessorioskrampf .  Aetiologie.  Diagnose.  Prognose.  Therapie.      299 

hat  man  Accessorinskrampf  bei  yerscUedenen  Centralerkrankiuigen 
(Gehirn-  and  Rttckenmarkstamoren ,  Erweichnngsherden ,  Meningitis 
IL  8.  w.)  gefunden ;  bei  traomatisehen  Einwirkungen  auf  den  Schädel 
imd  Nacken;  femer  bei  Krankheiten  der  Halswirbelsänle  (CarieS; 
Periostitis,  Geschwülste  derselben),  wobei  an  eine  pathologische  Bei- 
zoDg  des  Halsmarkes  oder  der  Accessorioswarzeln  gedacht  werden 
mnss. 

Eine  häufige  Ursache  ist  jedenfalls  Erkältnng:  Zugluft,  Dnrch- 
nSssung  bei  schwitzendem  Körper  und  analoge  Schädlichkeiten  werden 
oft  als  Ursachen  angegeben. 

Auch  eine  reflectorische  Entstehung  kann  zuweilen  nicht  von 
der  Hand  gewiesen  werden:  die  Fälle  yon  Krampf  während  er- 
schwerter Dentition,  bei  Wnrmreiz,  DigestionsstOrungen,  Uterinleiden 
gehören  hierher. 

Zur  Yeryollständigung  muss  erwähnt  werden,  dass  auch  6e- 
mttthsbewegungen  manchmal  den  Krampf  henrorrufen,  und  dass  der- 
selbe während  des  Puerperiums  und  im  Gefolge  von  Typhus  sich 
hie  und  da  einstellt  Ein  Yerständniss  fUr  seine  Pathogenese  in 
solchen  Fällen  geht  uns  noch  vollständig  ab. 

Die  Diagnose  des  klonischen  Accessoriuskrampfes  ist  in  aus- 
gesprochenen und  schweren  Fällen,  in  welchen  die  Muskeln  bei  jeder 
Contraction  deutliche  und  stark  vorspringende  Wülste  bilden,  nicht 
schwierig;  dagegen  kann  die  Erkennung  desselben  in  jenen  Fällen, 
wo  nur  leichte,  kaum  merkbare,  zitternde  und  wackelnde  Bewegungen 
des  Kopfes  gemacht  werden,  oft  ganz  besonders  genaue  und  aufinerk- 
same  Untersuchung  erfordern.  Man  wird  sich  in  solchen  Fällen  aller 
möglichen,  früher  erwähnten  Hülfsmittel  zur  Feststellung  der  vom 
Krampf  befallenen  Muskeln  bedienen  müssen.  -^  Schwieriger  ist  meist 
die  Erkennung  des  eigentlichen  Sitzes  und  der  Ursache  der  Krank- 
heit, und  selbst  bei  bekannter  äusserer  Veranlassung  des  Krampfes 
wird  man  meist  über,  die  genauere  Localisation  und  die  Art  der 
Krankheit  im  Unklaren  bleiben. 

Die  Prognose  hängt  wesentlich  von  dem  Grundleiden  ab;  bei 
Centralerkrankungen  und  Halswirbelleiden  ist  sie  natürlich  sehr  miss- 
lich ;  ungünstig  auch  bei  den  idiopathischen  Formen,  welche  besonders 
gerne  neuropathisch  belastete  Individuen  befallen,  bei  den  habituell 
gewordenen  Formen;  verhältnissmässig  günstig  dagegen  bei  den  so- 
genannten rheumatischen  Formen. 

Die  Therapie  muss  vor  allen  Dingen  eine  causale  sein,  und 
es  ist  überflüssig,  hier  alle  die  einzelnen  diesem  Zwecke  dienenden 
Maassnahmen  anzuführen. 


300  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Bei  der  directen  Behandlung,  welche  häufig  neben  der  cansalen 
instituirt  werden  muss,  häufiger  von  yomeherein  durch  den  Mang^el 
einer  greifbaren  causa  morbi  geboten  erscheint,  wende  man  sich 
zunächst  zur  Elektricität.    Die  bekannten  und  schon  mehrfacli 
erwähnten  antispastischen  Methoden  mögen  hier  nach  der  Reihe  An- 
wendung finden;  Anode  stabil  auf  den  N.  accessorins,  wiederholte 
durch  Stromschliessungen   erzeugte    Muskelzuckungen,  Behandlung 
längs  und  quer  durch  den  Kopf  und  an  der  Halswirbelsäule,  wobei 
die  Gegend  der  Medulla  oblongata  und  die  Gegend  der  motorischen 
Centren  im  Vorderhim   vielleicht  besondere  Berücksichtigung  yer- 
dienen,  —  die  Galyanisation  des  Sympathicus  am  Halse  und  etwaiger 
Druckpunkte,  endlich  die  Anwendung  schwellender  faradischer  Ströme 
auf  Nery  und  Muskeln  und  eyentuell  sogar  des  faradischen  Pinsels 
auf  die  Haut:  alles  das  kann  in  einzelnen  Fällen  yon  heilendem 
Einflüsse  sein;   häufig  aber   auch  sind    alle  elektrotherapeutischen 
Versuche  erfolglos. 

Dann  hat  man  in  den  subcutanen  Injectionen  der  Narcotica^, 
besonders  des  Morphium,  Atropin  und  Curare  Mittel,  welche  des 
Versuchs  werth  sind  und  in  manchen  Fällen  Heilung  herbeif&hren. 
Auch  narkotische  Salben,  Auflegen  yon  Watte  mit  Chloroform  oder 
Aether  mag  man  yersuchen. 

Die  eigentlichen  Neryi na  (besonders  Zinc.  yalerianic,  Arsenik, 
Kai.  bromat.  etc.)  werden  vielfach  in  Gebrauch  zu  ziehen  sein  und 
auch  nutzen,  ohne  dass  man  sich  von  ihrem  Gebrauch  allzuviel  ver- 
sprechen darf. 

Die  Anwendung  der  Derivantien,  welche  man  vielfach  in 
Form  von  Sinapismen,  fliegenden  und  perpetuirlichen  Vesicantien, 
Moxen,  Pustelsalbe  u.  dgl.  applidrt,  hat  in  jüngster  Zeit  einen  neuen 
Impuls  erhalten  durch  die  günstigen  Resultate,  welche  Busch  in 
einigen  veralteten  Fällen  durch  die  energische  Anwendung  des  Glüh- 
eisens erzielte.  In  mehreren  schweren  und  hartnäckigen  Fällen  von 
Accessoriuskrampf  hat  Busch  längs  der  Halswirbelsäule  zu  beidai 
Seiten  einen  5 — 6  Zoll  langen  Brandstreifei)  >  mit  einem  prismatischen 
Glüheisen  gezogen,  die  Kranken  darnach  einige  Zeit  ruhig  liegen, 
und  nach  der  Abstossung  des  Brandschorfs  die  Eiterung  einige  Wochen 
unterhalten  lassen.  In  3  Fällen  trat  dauernde  Heilung  ein,  in  einem 
vierten  kein  Erfolg.  Jedenfalls  ermuthigen  diese  Resultate  zu  weiteren 
Versuchen. 

Von  Kataplasmen,  warmen  Bädern,  Gymnastik  u.  s.  w.  wird 
man  nur  in  ganz  leichten  Fällen  Erfolg  erwarten  können. 

In  verzweifelten  Fällen  hat  man  sich  zu  operativen  Eingriffen 


Tonischer  Accessoriuskrampf  und  Contractor.    Symptome.  301 

entschlossen  und  die  subcutane  Myotomie  des  Stemocleidomastoi- 
deus  gemacht^  in  manchen  Fällen  mit  Erfolg.  —  Die  Neurotomie 
des  Accessorius  ist  theils  wegen  der  dadurch  gesetzten  Lähmung, 
theils  wegen  ihres  Misserfolgs  zu  yerwerfen.  Michel  hat  dieselbe 
ohne  dauernden  Erfolg  gemacht,  und  Busch  sah  nach  Besection 
eines  Stückchens  aus  dem  Accessorius  die  Ei^Unpfe  schon  nach  wenig 
Tagen  in  der  gewohnten  Stärke  wieder  eintreten;  offenbar  wurden 
die  Yom  Centrum  kommen  Erregungen  durch  die  mit  den  Ceryical- 
nerven  yerlaufenden  Bahnen  zu  den  Muskeln  geleitet  Es  könnte 
also  eine  solche  Operation  nur  bei  nachweisbar  im  Stamm  des  Acces- 
sorius selbst  gelegener  Ursache  einigermassen  gerechtfertigt  sein. 

2.    Tonischer  Accessoriuskrampf  (und  Contractur). 

Beschränkt  sich  zumeist  auf  den  Stemocleidomastoideus ,  viel 
seltener  auf  den  Cucullaris;  doch  kommt  es  auch  vor,  dass  beide 
Muskeln  sich  in  Contractur  befinden. 

Ist  der  erstere  allein  betroffen,  dann  ist  die  charakteristische 
Kop&tellung  (Kinn  nach  der  entgegengesetzten  Seite  gedreht  und 
gehoben,  Ohrgegend  dem  Schlüsselbein  genähert)  mehr  oder  weniger 
dauernd  vorhanden  und  ist  schwer  oder  gar  nicht  durch  active  oder 
passive  Bewegungen  zu  beseitigen.  Der  Muskel  springt  als  starker, 
harter  Wulst  hervor.  Das  ist  das  sogenannte  Caput  obstipum 
spasticum. 

Mit  dem  Krampf  sind  anfänglich  meist  lebhafte  Schmerzen  ver- 
banden, die  sich  aber  allmälig  verlieren,  so  dass  die  anhaltende 
Con^uctnr  des  Muskels  in  der  Begel  schmerzlos  ist  ~  Der  Muskel 
selbst  geiilth  in  seltenen  Fällen  in  Hypertrophie;  häufiger  dagegen 
beobachtet  man  Atrophie  der  in  Unthätigkeit  versetzten  Antagonisten. 
—  Bei  jugendlichen  Individuen  kann  durch  die  dauernde  Schief- 
stellung des  Kopfes  und  Halses  sich  allmälig  eine  bleibende  Ver- 
krümmung der  Halswirbelsäule  ausbilden :  dieselbe  wird  convex  nach 
der  gesunden  Seite.  Von  Druckpunkten  ist  bei  dieser  Form  des 
Krampfes  nichts  bekannt 

Beim  tonischen  Krampf  beider  Stemocleidomastoidei  (Duchenne 
beobachtete  einen  solchen)  wird  der  Kopf  stark  nach  vom  gezogen 
und  gegen  die  Brust  gebeugt 

Beim  tonischen  Eoampf  des  Cucullaris  ist  der  Kopf  dauernd 
nach  hinten  und  nach  der  kranken  Seite  geneigt,  das  Hinterhaupt 
der  Schulter  genähert,  die  Schulter  selbst  etwas  gehoben,  das  Schulter- 
blatt nach  innen  gezogen.  Dabei  bildet  der  vordere  Band  des  Cucul- 
laris einen  harten  wulstigen  Vorsprung.  —  Sind  vorwiegend  seine 


302  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

mittleren  und  nnteren  Bflndel  be&llen  (ein  seltenes  Vorkomaen), 
so  markirt  sich  das  an  der  entsprechenden  Stellang  und  Drehung 
der  Scapula.  Immer  ist  dieselbe  dabei  fixirt,  kann  dnrch  passive 
Bewegungen  nicht  aus  ihrer  Lage  gebracht  werden  —  ein  charak- 
teristischer Unterschied  Yon  den  durch  Lähmung  der  Antagonisteo 
hervorgebrachten  Stellungsänderungen  der  Scapula. 

Die  Aetiologie  dieser  Erampfform  ist  womöglich  noch  dunkler 
als  die  des  klonischen  Krampfes.  Manchmal  ist  derselbe  angeboren 
oder  in  frühester  Jugend  (wahrscheinlich  durch  GehimleideU;  „Oichter* 
etc.)  entstanden ;  bleibt  auch  wohl  hie  und  da  als  Rest  schwerer  eon- 
Yulsiyer  Zustände  zurück.  —  Hie  und  da  beobachtet  man,  dass 
schwere  Formen  des  klonischen  Krampfes  allmälig  in  den  tonische 
tibergehen  und  so  zu  dauernder  Contractur  führen.  —  Femer  sind 
Leiden  der  Halswirbelsäule  nicht  selten  Ton  tonischem  Accessorins- 
krampf  begleitet;  der  baldige  Uebergang  in  Lähmung  klärt  m  der 
Regel  auf  über  die  Bedeutung  der  anfänglichen  Beizerscheinungen. 
—  Am  häufigsten  sind  es  atmosphärische  Schädlichkeiten,  die  ver- 
schiedenen Möglichkeiten  der» Erkältung ''^  welche  als  Ursachen  dieses 
Krampfes  beschuldigt  werden  (Torticollis  rheumatica).  Es  kann  dabei 
fraglich  sein,  ob  die  rheumatische  Erkrankung  im  Nerven  oder  im 
Muskel  ihren  Sitz  hat,  und  es  ist  wahrscheinlich,  dass  Beides  vor- 
kommt. 

Die  Diagnose  dieser  Zustände  hat  sich  nur  vor  der  Verwechs- 
lung mit  Lähmung  der  Antagonisten  zu  hüten ;  bei  einiger  Anfinerk- 
samkeit  wird  man  dieselbe  leicht  vermeiden.  Pathognostisch  ist  die 
bei  Lähmungen  yorhandene  passive  Beweglichkeit. 

Die  Therapie  hat  auch  hier  vor  Allem  nach  den  Ursachendes 
Leidens  zu  forschen  und  diese  zu  beseitigen.  Speciell  bei  den  rheu- 
matischen Formen  ist  eine  energische  Behandlung  (reichl.  Diaphorese, 
Ableitung,  Dampfbäder,  Kataplasmen)  im  Beginn  meist  sehr  wirk- 
sam. —  Für  die  directe  Behandlung  ist  auch  hier  wieder  zoerst 
dieElektricität  angezeigt ;  ausser  den  oben  angeführten  Methoden 
wird  auch  noch  die  Faradisation  der  Antagonisten  mit  Erfolg  an- 
gewendet 

Von  Narcoticis  und  Nervinis  ist  bei  dieser  Krampfform 
und  besonders  bei  der  Contractur  nicht  viel  zu  erwarten.  Man  ver- 
liere also  damit  nicht  viel  Zeit,  sondern  gehe  bald  zu  der  in  solchen 
Fällen  vor  allem  angezeigten  chirurgisch-orthopädischen  Be- 
handlung über,  welche  hier  ganz  hübsche  Resultate  aufzuweisen 
hat  In  den  leichtesten  Fällen  kann  man  durch  active  und  passive 
Gymnastik,  durch  Fixiren   des  Kropfes   in  geeigneten   steifen,  mit 


Krampf  der  Gervical-  u.  Dorsalnerven.    Krämpfe  einzelner  Muskeln.      303 

Watte  gepolsterten  Gravatten  sein  Ziel  erreichen.  In  schwereren 
Fällen  ist  es  nöthig,  der  orthopädischen  Behandlang  eine  gewaltsame 
Dehnung  des  yerkürzten  Muskels  in  der  ChloFoformnarkose  oder  die 
snbcntane  Tenotomie  Toranfgehen  zu  lassen;  die  Nachbehandlung 
mnss  sich  dann  in  zweckmässig  combinirter  Weise  geeigneter  Reten- 
tionsapparate ,  der  Faradisation  der  Antagonisten,  der  activen  and 
passiyen  Gymnastik  bedienen,  am  Heilang  herbeizafUhren.  Dieselbe 
wird  nnr  dann  als  vollständig  betrachtet  werden  können,  wenn  die 
frtther  eontractarirten  Muskeln  nicht  nur  ihre  normale  Länge  and 
Dehnbarkeit,  sondern  aach  ihre  normale  willkürliche  Beweglichkeit 
wieder  erlangt  haben.  Freilich  wird  dies  Ziel  nar  in  den  wenigsten 
FlUlen  zn  erreichen  sein.  —  Campbell  sah  in  einem  Falle  Ton 
der  Dorchschneidang  des  N.  accessorias  günstigen  Erfolg. 

e.  Krampf  im  Gebiet  der  Cervical-  und  Dorsalnerven 
(Plexus  cervicalis  und  brachialis  etc.). 

In  diesem  weiten  Nervengebiet  kommen  vielfache  and  vielgestal- 
tige Krampffonpen  vor;  am  häufigsten  sind  mehrere,  oft  weit  von 
einander  entfernte  Maskeln,  nicht  selten  grosse,  einem  gemeinschaft- 
lichen Innervationscentrum  gehorchende  Muskelgruppen  von  dem 
Krampf  ergriffen.  Eine  streng  systematische,  an  die  einzelnen  anato- 
misch getrennten  Nervenbahnen  sich  anschliessende  Darstellaug  würde 
nnr  zn  zahlreichen,  überflüssigen  und  in  der  Natar  der  Sache  nicht 
gerechtfertigten  Unterabt heilungen  führen;  wir  ziehen  deshalb  vor, 
die  hier  vorkommenden  Krampfformen  gemeinschaftlich  abzuhandeln. 
Dabei  müssen  wir  folgende  natürliche  Gruppen  unterscheiden: 

1,  Krämpfe  einzelner  Muskeln  und  Muskelgruppen  am  Hals  und 

Nacken,  an  der  Schulter  und  am  Arm, 

Bomberg,  1.  c.  —  A.  Eulenburg,  1.  o.  —  C.  Bell,  1.  c.  S.  345.  --  M. 
Meyer,  Elektridtät.  3.  Aufl.  S.  302,  312  ff.  —  Duchenne,  Electris.  locaL  IIL 
^t  1672.  —  Zuradelli,  Su  varie  specie  di  contratture  etc.  Gaz.  med.  ita). 
Lomb.  1861.  No.  4—8.  —  Remak,  Ueber  Krämpfe.  AUgem.  med.  Centralz.  1864. 
No.  23,  28  u.  29.  —  Hitzig,  Üeber  reflexerregende  Druckpunkte.  Berl.  klin. 
Woch.  1867.  No.  7.  —  Erb,  Krampf  im  Splenius.  Arch.  f.  klin.  Med.  Y.  S.  520. 
1869.  —  Dahl,  Fall  von  begrenztem  klon.  Krampf.  HoBpit.  Tid.  1872  (Virch.- 
Hirsch,  Jahresber.).  —  A.  Kropff,  Diss.  Göttin^.  1875.  —  M.  Meyer,  Jahre 
lang  bestehend,  klonisch.  Krampf  der  hüit.  linksseitig.  Halsmuskeln,  geheilt  durch 
Elektricität.  Deutsch,  med.  Woch.  1876.  No.  18. 

Isolirte  Mnskelkrämpfe,  tonische  sowohl  wie  klonische,  kommen 
in  dem  genannten  Bereiche  yerhältnissmässig  selten  vor;  sie  fignrfaren 


304  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-oerebrospinalen  Nenren. 

in  der  Literatur  meist  als  easaistische  Curiositäten ;  sie  sind  meist 
dunkel  in  Bezug  auf  ihre  Aetiologie  und  Pathologie;  sie  unterliegen 
in  der  Therapie  den  gleichen  Prineipien. 

Die  häufigsten  und  auffälligsten  unter  diesen  Krampfformoi, 
diejenigen  im  M.  stemocleidomast.  und  eucnllaris  haben  bereits  ihre 
gesonderte  Besprechung  gefunden;  von  den  übrigen  mögen  als  die 
wichtigsten  etwa  folgende  Erwähnung  finden  und  symptomatologisch 
kurz  charakterisirt  werden. 

Krampf  im  Splenius  capitis:  Kopf  nach  hinten  und  der 
kranken  Seite  geneigt;  das  Kinn  etwas  gesenkt  und  nach  der  gleich- 
seitigen Schulter  gerichtet ;  an  der  Stelle,  wo  der  Splenius  unter  dem 
vorderen  Rand  des  Cucullaris  hervortritt,  ftihlt  man  einen  deutlichen, 
harten  Wulst  (Diagnostische  Unterscheidung  vom  Krampf  des 
Cucullaris:  bei  diesem  der  Kopf  nach  der  entgegengesetzten  Seite 
gedreht;  Krampf  des  Stemocleidomafit. :  Kinn  gehoben  und  nach  der 
anderen  Seite  gedreht,  Proc.  mast..  nach  vorn  und  unten  gezogen.) 
Dieser  Krampf  ist  meist  tonisch  (mit  Remissionen  und  zuckenden 
Schwankungen  der  Contraction,  Erb)  oder  erscheint  in  Form  einer 
anhaltenden  Contractur  (Duchenne). 

Krampf  im  Obliquus  capitis  inferior:  da  der  Muskel  die 
horizontale  seitliche  Drehung  des  Kopfes  bewirkt,  so  wird  bei  Krampf 
in  demselben  der  Kopf  entweder  stossweise  (Tic  rotatoire)  oder  bei 
tonischem  Krämpfe  dauernd  um  seine  verticale  Axe  gedreht,  ohne 
dass  dabei  das  Kann  gehoben  oder  der  Proc.  mastoid.  herabgezogen 
würde.  Besonders  der  klonische  E[rampf  dieses  Muskels  ist  ein  sehr 
lästiges  Uebel,  da  die  Kranken  jedesmal  erst  den  Kopf  mit  der 
Hand  fixiren  oder  in  die  normale  Stellung  zurttckftthren  mflssen, 
wenn  sie  etwas  ruhig  sehen,  oder  wenn  sie  sprechen  wollen;  aucb 
beim  Gehen  sieht  man  sie  gewöhnlich  die  schiefe  Haltung  des  Kopfes 
mit  der  Hand  corrigiren. 

Krampf  in  den  tiefen  Nackenmuskeln:  starkes  Rttckwärts- 
ziehen  des  Kopfes  gegen  den  Nacken  bei  doppelseitiger  Affection, 
gleichzeitige  Beugung  nach  der  betreffenden  Seite  bei  einseitiger 
Affection.  Kommt  sehr  häufig  vor,  doch  ist  eine  genauere  Bestim- 
mung der  einzelnen  an  dem  Krampf  betheiligten  Muskeln  wegen  der 
tiefen  Lage  derselben  meist  unmöglich.  Tonischer  und  kloniscber 
Krampf  kommt  hier  vor,  und  die  so  häufig  zu  beobachtenden  Er- 
scheinungen der  „ Nackenstarre '^,  des  „Bohrens  mit  dem  Kopf  '^ 
Kissen '^y  ein  grosser  Theil  der  „Nickkrämpfe"  sind  offenbar  auf 
Krampf  in  den  Nackenmuskeln  zu  beziehen. 

Krampf  in   den  Rhomböideis:   markirt  sich   besonders  im 


« 

I 


Krampf  der  Cervieal-  u.  DorsakierveD.    Krämpfe  einz^ner  Muskeln.     90b 

Stauftd  des  Schulterblattes;  dessen  unterer  Winkel  wird  gehoben,  so 
dass  sem  innerer  Sand  eine  schräg  tob  innen  und  unten  nach  aussen 
und  oben  laufende  Richtung  annimmt  und  zugleich  der  Wirbelsäiile 
genähert  wird;  zwischen  dieser  und  dem  Schulterblatt  sieht  und 
fühlt  man  den  Muskel  als  prallen  Wulst.  Der  Band  der  Scapula 
ist  mcht  von  dem  Brustkorb  abgehoben  (Unterscheidung  yon  Läh- 
m«ng  des  Serratus  anticus),  die  Schulter  selbst  steht  nicht  liefer 
als  normal.  Erheben  des  Armes  zur  Yerticalen  erfährt  deutlicfaen 
Widerstand,  wegen  des  Antagonismus  mit  dem  Serratus  antieus 
major.  —  Ist  bisher  nur  Bis  tonischer  Krampf  oder  Contractur  be- 
obachtet. 

Krampf  im  Leyator  angnli  scapulae:  die  Schulter  stark 
gehoben,  besonders  mit  ihrem  oberen  inneren  Winkel,  Kopf  leicht 
zur  gleichen  Seite  geneigt;  Schulter  dabei  etwas  nach  Tom  gezogen, 
Obersehlttsselbeingmbe  stark  vertieft,  Muskelbauch  in  derselben  deut- 
lich Torspringend  unter  dem  yorderen  Band  des  Oucullaris,  welcher 
durch  Faradisation  leicht  davon  zu  isoliren  ist.  —  Kommt  als  to- 
nische Contractur  manchmal  in  Verbindung  mit  Krampf  der  Bhom- 
boidei  oder  des  CucuUaris  vor. 

Krampf  im  Deltoideus:  Arm  vom  Bumpfe  entfernt,  bei  par- 
tiellem Krampf  bald  mehr  nach  vom  bald  mehr  nach  hinten  gerich- 
tet; dabei  ist  die  Scapula  nach  hinten  gegen  die  Wirbelsäule  ge- 
schoben und  gedreht,  ähnlich  wie  bei  Serratuslähmung,  von  dieser 
jedoch  leicht  zu  unterscheiden.  So  verhält  sich  die  Sache  beim 
tonischen  Krampf  und  bei  der  Contractur  des  Deltoideus;  beim 
kloniitehen  Krampf  wird  der  Arm  in  die  Höhe  geschleudert  und 
nach  verschiedenen  Bichtungen  hin  in  zuckenden  Stössen  bewegt; 
meist  ist  dabei  die  Mitwirkung  noch  anderer  Muskeln  zu  erkennen. 

Krampf  im  Serratus  anticus  major,  im  Latissimus 
dorsi,  den  Teretes,  dem  Supra-  und  Infraspinatus,  dem 
Subscapularis,  dem  Pectoralis  major  etc.  lässt  sich  in  der 
R^el  leicht  an  der  charakteristischen  Stellung  und  Bewegung  des 
Schulterblattes  und  des  Armes  (Erhebung,  Senkung,  Botation,  Adduc- 
tion  und  Abduction)  in  Verbindung  mit  nachweisbarer  Härte  und 
Wulstung  der  befallenen  Muskelregionen  erkennen.  Oenaue  und  auf- 
merksame Untersuchung  ist  aber  dazu  meist  unerlässlich.  Solche 
Krämpfe  kommen  in  seltenen  Fällen  vor,  tonisch  und  klonisch,  meist 
einseitig,  manchmal  aber  auch  doppelseitig  (vergl.  z.  B.  den  merk- 
wQrdigen  Fall  von  doppelseitigem,  klonischem  Pectoraliskrampf  bei 
Bemak). 

Krampf  in  den  Armmuskeln  kommt  in  der  aller verschieden- 

Handbaeh  d.  ipec.  Pathologrie  u.  Therapie.  Bd.  XII.  1.   2.  Anfl.  20 


306  £bB|  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven» 

sten  Weise  und  Combination  yor ;  meist  sind  die  einem  Nervenstamme 
angehörigen  Mnskelgruppen  von  dem  Krampf  befallen :  so  z.  B.  bei 
den  Contractaren ,  welche  sich  in  Folge  Ton  NervenTerletznngen  an 
den  oberen  Extremitäten  nicht  selten  einstellen,  und  welche  meist 
von  Lfthmungserscheinnngeny  häufig  von  Neuralgien  begleitet  sind; 
sie  yerdanken  ihren  Ursprung  theils  der  im  Nerven  selbst  durch  das 
Trauma  gesetzten  Entzflndung,  theils  secundären  Veränderungen  der 
Muskelsubstanz  selbst.  —  In  anderen  Fällen  sind  die  Krämpfe  in 
unregelmässiger  Weise  auf  verschiedene  Muskeln  vertheilt,  so  die 
von  Duchenne  beschriebenen  temporäre  Contracturen,  welche  sieh 
manchmal  bei  Hysterischen  in  Folge  von  energischen  Bewegungen 
einstellen,  oder  die  von  Zuradelli  besprochene  Gontractur  im  Biceps 
und  Supinator  longus,  welche  in  Folge  von  Rheumatismus  und  Ge- 
lenkentzündung sich  einstellt.  —  In  noch  anderen  Fällen  endlich 
beobachtet   man   eine  mehr  oder  weniger  diffuse  Verbreitung  der 
krampfhaften  Erregung  aber  die  meisten  Muskeln  der  oberen  Extre- 
mität:  so  in  den  von  Duchenne  beschriebenen  Fällen  von  «auf- 
steigender Gontractur^,  welche  sich  in  Folge  von  Gelenkirritationen 
manchmal  über  den  grössten  Theil  der  oberen  Extreniität  verbreitet; 
so   in   den  Fällen  von  auf  den  Arm   beschränktem  Tremor,  wie 
M.  Meyer  deren  zwei  beschrieben  hat;  so  in  einem  von  Bnsch 
erwähnten  Falle  von  klonischen  kämpfen  eines  Armes  in  Folge 
von  Neuralgie;  so  in  dem  von  Dahl  beschriebenen  Falle  von  hef- 
tigen aut  den  Vorderarm  beschränkten  klonischen  Krämpfen,  wahr- 
scheinlich centralen  Ursprungs;  auch  ich  habe  einen  solchen  Fall 
von  unaufhörlichen  klonischen  Krämpfen  in  einer  oberen  ExtremitU 
beobachtet,  zu  welchen  sich  erst  nach  langem  Bestehen  Krampf  io 
der  Zunge  und  im  Gesicht  hinzugesellte,  und  welche  wohl  ebenfEÜls 
centralen  Ursprungs  waren.   Weir  Mitchell  beschreibt  inAmpnta- 
tionsstümpfen  der  oberen  Extremität  krampfhafte  Bewegungen,  die 
zu  einer  unaufhörlichen  Unruhe  des  Stumpfes  führen,  und  die  er 
ftir  reflectorischen  Ursprungs  hält.    Hierher  gehören  denn  auch  die 
Fälle,  wo  verschiedene  allgemeine  Krampfformen  sich  zunächst  nur 
in  einer  oder  beiden  oberen  Extremitäten  localisiren,  so  z.  B.  beim 
Tremor  alcoholicus,  bei  der  Paralysis  agitans,  oder  wo  epileptische 
Anfälle  durch  eine  convulsive  Aura  in  einer  oberen  Extremität  du- 
geleitet  werden;  endlich  die  Krämpfe,  welche  sich  nicht  selten  m 
den  oberen  Extremitäten  als  Theilerscheinungen  centraler  Lähmoogen 
und  Herderkrankungen  entwickeln,  auf  welche  hier  nur  der  Voll- 
ständigkeit halber  hingewiesen  wird. 

Zahllos  sind  demnach  die  Erscheinungsmöglichkeiten  des  Krampfes 


Krampf  der  Gerrical-  u.  DorsalnerveD.    Krämpfe  einzelner  Muskeln.      307 

in  den  uns  hier  beschäftigenden  Moskelgebieten.  Und  ebenso  man- 
nichfach  sind  auch  die  Combinationen  der  Tom  Krampf  befallenen 
Mnskelgebiete  in  den  einzelnen  Fällen,  so  dass  nnr  selten  zwei  gleiche 
Fälle  gefunden  werden  dürften.  Zwei  kurze  Beispiele  mögen  das 
Gesagte  erläutern. 

Eine  42  jährige  Frau  datirt  ihre  Krankheit  von  einer  Reise  kurz 
nach  einem  überstandenen  Abortus,  auf  welcher  sie  sich  eine  Erkältung 
zuzog.  Leidet  jetzt  seit  ca.  ^/4  Jahren  an  Zuckungen  und  Krämpfen 
im  Nacken  und  am  Halse,  welche  allmälig  an  Intensität  zugenommen 
und  zu  dem  gegenwärtigen  qualvollen  Zustand  geführt  haben.  Der 
Kopf  wird  durch  den  Krampf  beständig  in  einer  stark  nach  rück- 
wärts gekrümmten  Stellung  erhalten  und  dabei  hin  und  her  gezerrt, 
so  dass  das  Sehen  und  Fixiren  sehr  erschwert  ist.  Dabei  sind  vor- 
wiegend die  Nacken-  und  kleinen  Hinterhauptsmuskeln  be- 
theiligt; während  der  Kopf  mit  grosser  Gewalt  nach  hinten  gebeugt 
und  drehend  hin  und  her  bewegt  wird,  ftihlt  man  deutlich  die  pralle 
Contraction  der  Muskeln  dicht  unter  dem  Hinterhauptbein.  Der  Kopf 
wird  dabei  meist  mehr  nach  links  gedreht;  versucht  man,  ihn  durch 
Gegendruck  in  seine  natürliche  Lage  zurückzubringen,  so  zeigt  sich 
ein  höchst  bedeutender  Widerstand,  der  sich  ruckweise  steigert  und 
zu  einer  Verstärkung  des  Krampfes  führt.  Dasselbe  ist  der  Fall,  wenn 
die  Kranke  willkürlich  den  Kopf  gerade  richten  will.  —  Ausser  den 
Nackenmuskeln  gerathen  hier  und  da  auch  dieOucullares  in  zuckende 
Bewegungen,  ebenso  der  rechte  Sternocleidomastoideus  und 
die  Gesichtsmuskeln.  Die  Arme  sind  frei.  —  Lebhafte  Schmerzen 
im  Nacken  und  gegen  die  Schultern  hin.  Gefühl  von  Zusammen- 
schnüren in  der  Kehle.  Grosse  Neigung  zum  Gähnen;  gelingt  es,  die- 
selbe zu  befriedigen  (was  meist  nicht  der  Fall  ist),  so  ist  der  Krampf 
auf  einige  Zeit  besser.  Im  Schlaf  hört  der  Krampf  auf;  fUnschlafen 
jedoch  schwierig.  Ermüdung,  Gemüthsbewegungen ,  kalte  Witterung 
wirken  verschlimmernd.  —  Keine  Druckpunkte  aufzufinden.  —  Behand- 
lung mit  Galvanismus  und  Zinc.  valerian.  mit  Ferrum  brachte  wesent- 
liche Erleichterung. 

Katharina  Weiss,  22  Jahre  alt,  hatte  als  4 jähriges  Kind  Con- 
vulsionen.  —  Vom  13.  Jahre  an  schiefe  Haltung  des  Kopfes,  besonders 
beiuQ  Arbeiten.  Im  15.  Jahr  acute  Centralaffection  („Hirnentzündung'), 
welche  die  Kranke  ein  Vierteljahr  ans  Bett  fesselte  und  seit  welcher 
das  jetzige  Leiden  immer  mehr  zunahm.  Linksseitige  Extremitäten 
etwas  schwächer  als  die  rechtsseitigen.  Stimkopfschmerz.  Kegelmüssige, 
häufig  schmerzhafte  Menstruation.  Die  Kranke  bietet  zunächst  sehr 
auffallende  Haltung  dar:  Kopf  ganz  schief,  nach  vom  geneigt,  Eann 
stark  nach  links  gewendet  und  gesenkt,  genau  so  wie  wenn  es  die 
Schulter  berühren  sollte.  Schulter  meist  gehoben  und  etwas  nach  vom 
gezogen,  Arm  nach  innen  rotirt  und  stark  adducirt.  Von  hinten  er- 
scheint der  obere  Theil  des  Rückens  leicht  um  die  verticale  Axe  nach 
rechts  gedreht,  der  Kopf  so  stark  nach  links  rotirt,  dass  das  linke  Ohr 
nach  hinten  gerichtet  und  die  ganze  linke  GesichtshSlfte  von  hinten  her 

20* 


308  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sichtbar  ist.  —  Die  Kranke  kann  den  Kopf  ziemlich  gerade  richten^ 
sehr  bald  aber  geht  er  unter  deutlich  zuckenden  Bewegungen  wieder 
in  die  falsche  Lage  zurück^  ebenso  der  Arm,  der  meist  im  Ellbogen- 
gelenk gebeugt  ist.  Handarbeit  verschlimmert  den  Krampf  entschie- 
den. Die  genauere  Untersuchung  ergibt,  dass  jedenfalls  folgende  Mus- 
keln sicher  an  dem  Krampf  betheiligt  sind:  der  Splenius  sin.,  der 
Levator  anguli  scap.;  der  vordere  Theil  des  linken  Cucullaris,  femer 
die  Scaleni,  der  Obliquus  capit.  infer.,  der  Pectoral  major,  der  Teres 
major  und  der  Biceps  brachii,  sämmtlich  auf  der  linken  Seite.  Wahr- 
scheinlich sind  aber  noch  andere  der  Palpation  und  genaueren  Unter- 
suchung nicht  zugängliche  Muskeln  (besonders  die  tiefen,  auf  der  vor- 
deren Fläche  der  Wirbelsäule  liegenden  Halsmuskeln)  an  dem  Krampf 
betheiligt.  —  Sensibilität  ganz  normal.  Keine  Druckpunkte  auficufin- 
den.  Auch  die  Motilität  der  linken  oberen  Extremität  nicht  in  nach- 
weisbarem Grade  beeinträchtigt.  Untere  Extremitäten  normal.  Gehim- 
nerven  im  Uebrigen  alle  normal.  —  Die  Kranke  wurde  elektrothera- 
peutisch  mit  allen  möglichen  Methoden  bebandelt,  ohne  dass  ein  dauern- 
der Erfolg  eintrat. 

In  Bezug  auf  die  weiteren  Erscheinungen  kann  auf  das  heim 
Accessoriuskrampf  Gesagte  verwiesen  werden,  an  welchen  sich  die 
uns  hier  interessirenden  Krampiformen  in  jeder  Beziehung  anschliessen. 
Das  Mttdigkeitsgefllhl,  die  Störung  des  Einschlafens,  das  Cessiren  des 
Krampfes  während  des  Schlafes,  sein  stärkeres  Auilreten  beim  Stehen, 
Gehen  und  anderen  Beschäftigungen  —  alles  das  ist  hier  wie  dort 
vorhanden.  Auch  Druckpunkte  hat  man  aufgefunden  in  einzelnen 
Fällen,  erregende  sowohl  wie  beruhigende,  und  von  ihnen  aus  ge- 
lang manchmal  eine  günstige  therapeutische  Einwirkung.  So  £Mid 
ich  in  einem  höchst  intensiven  Falle,  in  welchem  gleichzeitig  Krampf 
des  rechten  Splenius  und  des  linken  Stemocleidomastoidens  (also 
physiologisch  synergischer  Muskeln)  bestand,  dass  Druck  auf  die 
Gegend  des  Gangl.  cervical.  suprem.  links  den  Krampf  sistirte. 

Auch  in  Bezug  auf  die  Aetiologie  können  wir  uns  auf  das 
beim  Accessoriuskrampf  Angeführte  beziehen.  Auch  hier  centrale 
oder  peripherische  Ursachen,  rheumatische  und  nicht  selten  reflecto- 
rische  Entstehung.  Auch  hier  in  vielen  Fällen  keine  bestimmte  Ur- 
sache nachweisbar,  so  dass  wir  noch  gar  oft  die  nervöse  Diathese, 
die  Hysterie  und  ähnliche  wenig  greifbare  Momente  als  Hauptursachen 
des  auf  einzelne  Muskeln  beschi^üikten  Krampfes  beschuldigen  müssen. 

Die  Diagnose  kann  nach  mehreren  Richtungen  Schwierigkeiten 
bieten ;  zunächst  kann  es  schwer  sein,  die  einzelnen  befallenen  Mus- 
keln genau  zu  bestimmen ;  es  kann  darüber  hier  nicht  in  Details  ein- 
gegangen, sondern  nur  eme  möglichst  genaue  und  sorgfältige  Unter- 
suchung mit  Zuhülfenahme  activer  und  passiver  Bewegungen,  der 


Krampf  der  Gervical-  m.  Dorsalnerven.    Respiratorische  Krämpfe.       309 

localen  Faradisation  etc.  empfohlen  werden ;  die  Hauptanhaltspunkte 
fttr  die  Erkennung  der  wichtigeren  einzelnen  Krampfformen  finden 
sich  in  der  obigen  Beschreibung.  —  Die  Unterscheidung  von  Läh- 
mung der  Antagonisten  wird  in  der  Begel  nicht  grosse  Schwierig- 
keiten bieten,  da  hier  die  passiven  Bewegungen  und  die  locale  Fara- 
disation meist  entscheidende  Kriterien  liefern.  —  Erheblich  schwerer 
und  oft  unmöglich  ist  die  Entscheidung  über  Sitz  und  Ausgangspankt 
des  Leidens  in  vielen  Fällen;  man  wird  dabei  mit  Zugrundelegung 
sämmtlicher  Untersuchungsergebnisse  nach  allgemeinen  diagnostischen 
Regeln  zu  verfahren  haben.  Freilich  wird  man  damit  bei  unserer 
hochgradigen  Unkenntniss  über  das  eigentliche  Wesen  der  Krämpfe 
nicht  immer  sehr  weit  kommen.  In  der  Mehrzahl  der  Fälle  wird 
man  an  einen  centralen  Ursprung  zu  denken  haben. 

Auch  die  Prognose  muss  ganz  nach  allgemeinen  Grundsätzen 
gestellt  werden.  Sitz  und  Ursache  des  Leidens,  Dauer  der  Krank- 
heit, Individualität  des  Kranken  etc.  müssen  derselben  zu  Grunde 
gelegt  werden;  es  bedarf  darüber  keiner  weiteren  Ausführungen. 

Es  würde  nur  zu  überflüssigen  Wiederholungen  führen,  wenn 
wir  die  Therapie  dieser  Krampfformen  hier  weitläufig  besprechen 
wollten;  es  genügt,  auf  das  bei  dem  Accessoriuskrampf  Gesagte  zu 
verweisen.  Die  Heilerfolge  mit  den  dort  erwähnten  Methoden  sind 
hier  ebenso  zweifelhaft  wie  dort.  Es  mag  hier  nur  erwähnt  werden, 
dass  Duchenne  bei  den  Contracturen  einzelner  Muskeln  besonders 
günstige  Erfolge  von  der  Faradisation  ihrer  Antagonisten  gesehen 
haben  will,  und  dass  er  gegen  die  frischen . rheumatischen  Contrac- 
turen besonders  die  cutane  Faradisation  empfiehlt.  --  Busch  sah 
in  einem  Falle  von  heftigen  klonischen  Krämpfen  einer  oberen  Extre- 
mität durch  Anwendung  des  Glüheisens  am  Rücken  Beseitigung  des 
Krampfes  eintreten,  ohne  dass  die  zu  Grande  liegende  Neuralgie  ge- 
heflt  worden  wäre. 


2.  Krämpfe  der  Respirationsmuskeln.     In-  und  exspiratorische 

Krämpfe,  Singultus  etc. 

Bomberg,  A.  Eulenburg,  M.  Rosenthal,  1.  c.  —  Benedict,  ].  c.  ~ 
C.  Bell,  L  c.  —  Duchenne,  Electris.  local.  n.  u.  HI.  6dit  —  M.  Meyer, 
Elektricit&t  3.  Aufl.  —  B.  Brodie,  Oertl.  Nervenleiden.  Deutsch  von  Kürschner, 
1838.  —  R.  Bright,  Spasmodic  diseases,  accompan.  affections  of  the  pericard. 
Med.  chir.  Transactions  XXII.  1839.  —  G.  Hirsch,  Spinahieorosen.  1843.  S.230. 
250.  —  Oppolzer,  Tonischer  Krampf  des  Zwerchfells.  Spitalszeit.  1862.  No.  24. 
—  Biermer,  üeber  Bronchialasthma.  Volkmann*s  Sammlung  klln.  Yortr.  No.  12. 
1870.  —  Klein,  Singultus  yicariirend  f.  Husten.  Deutsch.  Eiin.  1857.  No.  37.  — 
Lanquaille  de  Lach^se,  Hoquet  intermittent.  Oaz.  h^bdom.  1865.  No.  4.  — 


310  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Kenren. 

Dumontpallier.  Gas  rare  de  hoquet  nerveox.  Union  m6d.  1867.  No.  150.  — 
Carcassonne,  Hoquet  tr^-grave.  Paria  1868.  —  Ferber,  Der  Niesekrampf  etc. 
Arch.  d.  Heilk.  X.  Ib70.  —  Mosler,  Fall  von  Niesekrampf.  Virch.  Arch.  XIV. 
S.  557.  1859. 

Die  Bespirationsmoskeln  werden  gar  nicht  selten  der  Sitz  von 
Krämpfen.  Schon  die  Tbatsache;  dass  meist  zahlreiche  dieser  weit- 
auseinander  liegenden  und  Ton  den  Terschiedensten  peripherischen 
Nerven  belebten  Muskeln  gleichzeitig  von  dem  Krampf  befallen  sind, 
lässt  auf  einen  vorwiegend  centralen  Ursprang  dieser  Krämpfe 
scbliessen.  Doch  kann  besonders  das  Zwerchfell,  der  Hanptinspira- 
tionsmoskel,  auch  isolirt  von  Krampf  befallen  werden ,  and  das  ist 
gerade  die  häufigste  Form  des  respiratorischen  Krampfes.  Aus  prak- 
tischen Grtlnden  erscheint  es  zweckmässig,  die  einzelnen  speciellen 
Formen  getrennt  zu  betrachten. 

Tonischer  Krampf  des  Zwerchfells.  Ist  eine  im  Ganzen 
seltene,  aber  mit  höchst  bedrohlichen  Symptomen  auftretende  Krampf- 
form. Duchenne  hatte  zuerst  auf  Grund  seiner  physiologischen 
Versuche  Angaben  über  die  zu  erwartende  Symptomatologie  dieser 
KrsCmpfTorm  gemacht,  und  die  von  ihm,  Valette,  Vigla^Oppolzer 
u.  A.  später  beobachteten  Krankheitsfälle  haben  seine  Angaben  im 
Wesentlichen  bestätigt.  Kranke,  die  von  diesem  Krampf  befallen 
sind,  bieten  das  Bild  der  hochgradigsten  Athemnoth  und  drohender 
Asphyxie  dar.  Die  untere  Brusthälfte  ist  stark  ausgedehnt,  unbe* 
weglich,  das  Epigastrium  stark  vorgewölbst,  während  mit  dem  oberen 
Theil  des  Rippenkorbes  hastige  und  oberflächliche  Respirationen  ge- 
macht werden.  Hochgradigste  Athenmoth  zwingt  die  Kranken  zum 
Au&itzen  im  Bett,  auffallende  Gyanose  stellt  sich  ein,  die  Stimme 
wird  schwach  und  klanglos,  ein  lebhafter  Schmerz  im  Epigastrium 
und  längs  der  Zwerchfellansätze  erhöht  die  Qual  der  Kranken. 
Dauert  der  Anfall  lauge,  so  kann  er  zum  Tode  ftlhren;  in  einiger-  . 
massen  heftigen  Fällen  beginnt  schon  nach  wenigen  Hinuten  die 
Asphyxie  *). 

Der  Anfall  hat  einige  Aehnlichkeit  mit  dem  Bronchialasthma, 
und  einzelne  Beobachter  haben  sich  von  dem  nachweisbaren  Tief- 
stand des  Zwerchfelles  bei  dieser  letzteren  Affection  .verleiten  lassen, 
einen  tonischen  Zwerchfellskrampf  als  Ursache  des  Bronchialasthma 
anzunehmen  (Wintrich,  Bamberger).  Doch  bestehen  charakte- 
ristische Unterschiede  zwischen  beiden  Zuständen,  und  die  frequente 


])  Alyschewsky  (Berl.  klin.  Wochenschr.  i S74  No.  35)  behauptet  nach 
seinen  Versuchen  an  Hunden,  dass  Contractur  des  Zwerchfells  —  durch  Fara- 
disation  der  Phrenici  —  nicht  tödtlich  sei. 


Krampf  der  Cervical-  vu  Dorsalnerven.    Respiratorische  Er&mpfe.       311 

BespiratioD  (bei  kurzer  Exspiration)  und  rasch  emtretende  Aisphyxie 
beim  tonischen  Zwerchfellskrampf,  sowie  die  nach  Biermer  im 
Bronchialasthma  immer  noch  nachweisbaren ,  wenn  anch  geringen 
Zwerchfellsexcnrsionen  werden  die  Unterscheidung  gewöhnlich  er- 
möglichen. 

Man  hat  diesen  Krampf  bisher  theils  in  Folge  von  Erkältung 
eintreten  sehen,  theils  als  Complication  von  Muskel-  und  Gelenk- 
rheumatismen und  ihn  deshalb  meist  als  einen  Bheumatismus  des 
Zwerchfellsmuskels  selbst  au^efasst;  in  wie  weit  dies  richtig  ist, 
lässt  sich  bei  der  Elleinheit  des  Beobachtungsmaterials  nicht  ent- 
scheiden. Auch  als  Complication  der  Tetanie  hat  man  dieses  Leiden 
beobachtet,  und  beim  Tetanus  ist  es  der  tonische  Zwerchfellkrampf, 
welcher  nicht  selten  den  asphyktischen  Tod  bedingt. 

Die  Therapie  muss  eine  äusserst  energische  sein,  da  hier  we- 
nige Minuten  ttber  Leben  und  Tod  entscheiden  können.  Am  meisten 
empfehlen  sich :  Chloroforminhalationen ,  subcutane  Morphiuminjectio- 
nen  und  starke  Hautreize  (in  heisses  Wasser  getauchte  Compressen, 
starke  faradische  Pinselung  der  Haut  in  der  Zwerchfellsgegend),  fara- 
dische und  galyanische  Behandlung  der  Phrenici. 

Klonischer  Zwerchfellskrampf.  Singultus.  Schluch- 
zen.   Franz.  Hoquet.    Engl.  Hiccup. 

Jedermann  kennt  aus  eigener  Erfahrung  die  oft  sehr  lästige,  unter 
dem  Namen  „  Schluchzen  ^  oder  „  Schluckser "  bekannte  Contraction  des 
Zwerchfelles,  die  sich  eine  Zeit  lang  in  kflrzeren  oder  längeren  Pau- 
sen wiederholt  und  bei  massiger  Intensität  und  Dauer  noch  durch- 
aus zu  den  physiologischen  Yorkomnmissen  gerechnet  werden  kann. 
Dasselbe  kann  aber  in  gesteigertem  Maasse  unter  pathologischen 
Verhältnissen  vorkommen  und  durch  Intensität  und  Dauer  zu  einer 
wahren  Qual  der  Kranken  werden.   Man  beobachtet  dann  sehr  ener- 
gische; kurze,  stossweise  Contractionen  des  Zwerchfells,  welche  von 
einem  inspiratorischen  Laut  begleitet  sind,  der  durch  den  Schluss 
der  Stimmritze  meist  ganz  plötzlich  abgebrochen  wird.    Die  einzel- 
nen Contractionen  können  mehr  oder  weniger  rasch  aufeinanderfol- 
gen, oft  sehr  rasch,  sodass  bis  über  1 00  Contractionen  in  der  Minute 
erfolgen.    Die  einzelnen  Anfälle  können  stunden-,  tage-  und  wochen- 
lang dauern  und  können  sich  lange  Zeit  hindurch  —  jahrelang  — 
mehr  oder  weniger  häufig  wiederholen.    Sind  sie  heftig,  so  treten 
lebhafte  Schmerzen  im  Epigastrium   und  längs  der  Zwerchfellsur- 
sprttnge  ein,  das  Epigastrium  wird  bei  jeder  Contraction  eingezogen. 
Die  Bespiration  kann  erheblich  gestört  werden,  bei  sehr  frequentem 
Singultus  tritt  Athemnoth  ein.    Das  Sprechen  ist  gestört  und  gewöhn- 


312  £sB,  ErankheiteiL  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Hob  fehlen  allgemeine  nervöse  Zustände  nicht.  Die  Doni|orts&tee 
der  Halswirbel  sind  häufig  bei  Druck  empfindlich.  Das  Einsehlaien 
ist  erheblich  gestört ,  und  auch  im  Schlafe  cessirt  der  Krampf  nickt 
immer.  —  Die  Nahrungsauinahme  ist  gestört ,  die  Verdanung  meist 
unregelmässig,  und  auch  auf  die  Circulation  ist  das  Leiden  oft  nicht 
ohne  Einfluss.  Dan  et  sah  den  Singultus  synchron  mit  dem  sehr 
Ycrlangsamten  Pulse  eintreten. 

Die  Aetiologie  des  Singultus  ist  eine  äusserst  mannich&Uige. 
Am  seltensten  scheint  directe  Reiaung  des  N.  phrenicus  denselben 
zu  verursachen;  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  wird  es  in  solchen 
Fällen  mehr  zum  tonischen  Krampf  kommen.  Dagegen  ist  eine  di- 
recte Erregung  des  Respirationscentrums  oder  der  im  BttckeBmarfc 
liegenden  Bahnen  der  Phrenici  wohl  häufiger  als  Ursache  zu  beschul- 
digen; man  hat  Singultus  bei  Erkrankungen  des  Centrahierven- 
Systems,  bei  traumatischen  Einwirkungen  auf  den  Schädel  und  die 
Halswirbelsäule  eintreten  sehen;  auch  die  Einwirkung  von  ADMam 
und  Chlorose,  von  Kachexie,  von  Hysterie  (nach  Benedict  beson- 
ders häufig  bei  Jtldinnen),  von  Malariaintoxication ,  von  Qemtlthsbe- 
wegungen,  Schreck,  Aerger  u.  dgl.  ist  wohl  in  dieser  Weise  zu  er- 
klären. —  Weitaus  am  häufigsten  jedoch  wird  der  Singultus  reflec- 
torisch  erregt  und  zwar  mit  besonderer  Vorliebe  von  den  unterhalb 
des  Zwerchfells  gelegenen  Eingeweiden  her.  Einfeu^he  Magenfiber- 
ftUlung,  Druck  auf  den  Magen  genügen  oft  schon,  ihn  hervorznrn£an ; 
Magen-  und  Darmleiden  aller  Art,  Peritonitis,  Leberkrankheiten, 
Uterusleiden  und  Menstruationsstörungen,  Prostatakrankheiten  sieht 
man  nicht  selten  Singultus  hervorrufen;  das  unzeitige  Sistiren  tum 
Diarrhoe,  die  Verabreichung  eines  Brechmittels  kann  ihn  erzeugen 
Seltener  begleitet  er  andere  Krankheiten,  z.  B.  Pericarditis ;  Klein 
sab  ihn  nach  langdauemdem  Husten  eintreten.  —  Manchmal  tritt  er 
als  ominöses  Zdchen  bei  schweren  kachektischen  Zuständen,  1>eson- 
ders  bei  Krebs  der  Unterleibsorgane  auf. 

In  allen  diesen  Fällen  wissen  wir  über  den  feineren  Mechanis- 
mus diesM  eigenthümlichen ,  periodisch  wiederkehrenden  KrmmpAs 
—  einer  förmlichen  Zwerchfellszu(^ung  —  so  gut  wie  nichts  zu 
sagen. 

Die  Prognose  dieses  Krampfes  ist  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
eine  günstige,  ohne  dass  dadurch  natürlich  die  Prognose  des  Grand- 
leidens  irgendwie  beeinflusst  wird.  In  den  meisten  Fällen  gelingt 
es,  das  lästige  Symptom  zu  besei%en;  manchmal  jedoch  widersteht 
dasselbe  auch  hartnäckig  jeder  Behandlung,  so  besonders  bei  hoch- 
grad%er  Hysterie  und  ähnlichen  schweren  Nervenleiden;  auch  der 


Krampf  der  Cervical-  n.  Dorsalnerren.   Respiratorisclie  Krämpfe.       313 

finale  Singoltus  bei  kachektischen  Zuständen  ist  meist  schwer  za 
beedtigen. 

Die  Therapie  des  Singoltus  kann  ihre  erheblichen  Schwierig- 
keiten haben  und  manchmal  den  Gebrauch  anscheinend  sonderbarer 
Mittel  fordern.  —  Im  Allgememen  wird  man  zunächst  die  causale 
Indication  zu  erfllllen  suchen.  Wo  dies  nicht  möglich  oder  zur  Be- 
seitigung des  lästigen  Symptoms  nicht  ausreichend  ist^  muss  man  zur 
directen  Behandlung  übergehen,  ftlr  welche  sich  eine  endlose  Reihe 
Yon  Mitteln  darbietet. 

In  leichteren  Fällen  genügen  manchmal  schon  psychische 
Einwirkungen,  um  den  Krampf  zu  beseitigen;  plötzliches  Er- 
schrecken, Ablenkung  der  Aufmerksamkeit,  Aufregung  kann  hier 
helfen.  Wahrscheinlich  gehört  auch  das  von  Cruveilhier  mit  Er- 
folg geübte  Eingiessen  yon  Wasser  in  den  Rachen  so  lange,  bis  die 
Kranken  zu  ersticken  glauben,  hierher.  Doch  kommt  dabei  wohl 
auch  die  unvermeidliche  Reizung  des  Laryngeus  superior  in  Betracht, 
welche  reflectorisch  eine  Erschlaffung  des  Zwerchfelles  bewirkt.  Des- 
halb wirken  wohl  auch  alle  Proceduren  günstig,  welche  energische 
Exspirationsbewegungen  hervorrufen:  z.  B.  Niesen,  langes  Anhalten 
des  Athmens  und  Drängen  bei  geschlossener  Stimmritze. 

In  schwereren  Fällen  greife  man  zu  energischen  peripheren 
Reizen,  und  man  wird  hier  mancherlei  Mittel  wirksam  finden:  z.  B. 
starke  Riechmittel,  Verbrennen  von  Löschpapier  oder  Federbart  vor 
d^  Nase,  Sinapismen,  brühheisse  Umschläge,  Yesicantien  auf  die 
ZwerchfeUgegend ;  am  wirksamsten  ist  unstreitig  der  faradische  Pin- 
sel, energisch  auf  das  Epigastrium  und  die  Hypochondrien  ange- 
wandt: ich  habe  davon  bei  einem  alten  kachektischen  Manne  glän- 
zenden Erfolg  gesehen.  —  Eine  starke  Erregung  des  Verbreitungs- 
bezirkes des  Laryngeus  superior  dürfte  sich  besonders  empfehlen.  — 
Ein  mächtiges  Mittel  ist  ferner  die  Elektricität,  direct  auf  die 
Phr^ci  und  die  Gegend  der  Respirationscentren  angewendet.  Eulen- 
bnrg  hatte  in  einem  schweren  Falle  glänzenden  Erfolg  von  der  Gkl- 
vanisation,  Dumontpallier  von  der  Faradisation  der  Phrenid. 
Auch  die  Galvanisation  des  Nackens  und  quer  durch  die  Proc. 
mastoid.  kann  von  Nutzen  sein.  •—  Von  grossem  Erfolge  pfiegen 
meist  die  Narcotica  zu  sein:  Opium,  Cannabis  indica,  besonders 
ab^  subcutane  Morphiuminjectionen  sind  da  anzuwenden.  Bene- 
dict empfiehlt  sehr  das  Atropin.  —  Inhalation  von  Aether  und 
Chloroform,  sowie  der  innere  Gebrauch  der  Anaesthetica  wird  eben- 
isSÜR  gerühmt. 


314  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

In  yerzweifelten  Fällen  müssen  endlich  die  versebiedensten  N  e  r  - 
vina  and  Antispasmodica  durchprobirt  werden  und  baben  miuich- 
mal  glänzenden  Erfolg:  so  Zink,  Valeriana,  Asa  foetida,  Arsenik, 
Strycbnin;  Argent  nitr.  etc.  Klein  sab  von  Hosebus  in  Verbindung 
mit  Laugenbädem  Erfolg.  —  Sebliesslicb  sei  nocb  erwäbnt,  dass 
Garcassonne  in  einem  sebr  bartnäckigen  Falle  von  einmaligem 
Oesopbagussondiren  Erfolg  sab,  und  dass  man  circuläre  Compression 
der  Tboraxbasis  mit  foreirter  Beugung  des  Kopfes  gegen  die  Brust 
(5-— 10  Minuten  lang)  ebenfalls  als  Heilmittel  gegen  den  Singultus 
angepriesen  bat. 

Inspiratoriscber  Krampf.  Spasmus  inspiratorius. 
Wir  yersteben  darunter,  im  Gegensatz  zu  dem  im  Vorbergebenden 
betraebteten  isolirten  Krampf  des  Zwercbfelles,  eine  krampfhafte, 
rbytbmiscbe  Action  aller  oder  docb  der  meisten  Inspirationsmuskeln 
—  eine  krampfhaft  gesteigerte  und  krampfhaft  häufige  wirkliche 
Inspiration.  Natürlich  ist  dabei  das  Diaphragma  ebenfalls  betheiligt, 
und  in  der  That  finden  sich  auch  alle  Ueber^nge  vom  einfachen 
Singultus  zum  vollständigen  Inspirationskrampf;  allein  es  gibt  auch 
Fälle,  in  welchen  das  Gbarakteristiscbe  des  Singultus  sehr  in  den 
Hintergrund  tritt  oder  gänzlich  fehlt,  und  ausserdem  unterscheiden 
sich  diese  wirklich  inspiratorischen  Krämpfe  docb  in  sebr  deutlicher 
Weise  von  dem  einfachen  Singultus.  Das  Wesentliche  dabei  ist,  dass 
zahlreiche  oder  alle  Inspirationsmuskeln  sich  an  dem  Krämpfe  be- 
theiligen, und  dass  eine  wirkliche  Inspiration*,  nicht  eine  durch  plötz- 
lichen Stimmritzenschluss  unterbrochene,  zu  Stande  kommt;  es  tritt 
eben  dabei  offenbar  auch  die  zu  einer  wirklichen  Inspiration  gehörige 
Erweiterung  der  Stimmritze  ein. 

Der  Krampf  besteht  in  einer  mehr  oder  weniger  raschen  und 
langen  Folge  tiefer  und  ausgiebiger  Inspirationen,  während  die  Ex- 
spirationen dazwischen  in  normaler,  leichter  und  geräuschloser  Weise 
Ton  Statten  geben.  Durch  eine  energische  Contraction  der  Inspira- 
tiensmuskeln  wird  der  Brustkorb  mächtig  gehoben,  das  Epigastrinm 
vorgewölbt,  oder  (bei  sehr  intensivem  Krampf)  auch  durch  den  äus- 
seren Luftdruck  nach  innen  gediilngt.  Die  auxiliären  Bespiratioos- 
muskeln  treten  in  Wirksamkeit:  bei  jeder  Inspiration  sieht  man  die 
Fectorales,  die  Stemocleidomastoidei  sich  stärker  wölben,  die  Schaltern 
werden  gehoben,  der  Kopf  nach  hinten  gezogen ;  die  respiratorischen 
Muskeln  im  Gesiebt,  an  den  Nasenflügeln  und  Augenlidern  zucken. 
Ein  starkes  keuchendes  Geräusch,  nur  selten  dem  beim  Singoltns 
ähnlich,  begleitet  die  Inspiration;  manchmal  wird  dasselbe  gefolgt 
von  dem  eigenthümlichen  gurgelnden   Geräusch,  welches  das  Auf- 


Krampf  der  Cervical-  n.  Dorsalnenren.    Respiratorische  Kiümpfe.       315 

steigen  von  Luft  im  Oesophagus  (Eruetation)  zu  begleiten  pflegt^) 
Je  nach  der  Heftigkeit  des  Krampfes  kann  dabei  die  Respirations- 
diätigkeit  mehr  oder  weniger  gestört  sein,  das  Schlingen  ist  erschwert; 
in  der  (regend  des  Epigastriums  besteht  ein  dumpfer  Schmerz ,  der 
Unterleib  ist  gewöhiüich  meteoristisch  aufgetrieben ,  und  meist  be- 
steben noch  anderweitige  Symptome  Ton  Keryenleiden ,  besonders 
Ton  Hysterie.  —  Der  Krampf  kommt  meist  in  einzelnen  Anfällen 
Yon  verschieden  langer  Dauer,  kann  aber  auch  wochen-  und  monate- 
lang in  ununterbrochener  Weise  anhalten.  Jedoch  tritt  Nachts  im 
Schlafe  immer  Ruhe  ein. 

Bei  einem  45  jährigen  kräftigen  Kaufmann  bat  sich  ein  solcher 
Krampf  seit  2  Jahren  ohne  nachweisbare  Veranlassung  eingestellt  und 
tritt  seitdem  in  einzelnen  Anfällen,  bald  seltener  bald  häufiger,  be- 
sonders nach  Gemtithsbewegungen,  angestrengteren  Arbeiten  u.  dgl. 
auf.  Er  besteht  in  einer  stossweisen,  mehr  oder  weniger  (1 — 2  See.) 
dauernden  heftigen  Contraction  einer  grossen  Gruppe  von  Inspirations- 
muskeln, begleitet  von  keuchendem  Geräusch.  Die  Schultern  werden 
stark  gehoben,  der  Kopf  nach  hinten  gezogen,  der  Rippenkorb  hebt 
sich,  das  Epigastrinm  wird  bei  den  stärkeren  Stdssen  eingezogen.  Sehr 
evident  ist  die  Betheiligung  der  Cncullares,  Sternocleidomast.,  der 
Scaleni  und  beider  Platysmen.  Ein  eigenthttmlich  unangenehmes  Ge- 
ftlhl  in  der  Herzgrube  pflegt  den  Anfall  einzuleiten;  derselbe  tritt  be- 
sonders leicht  bei  leerem  Magen  ein. 

Ein  19 jähriges  blühendes  Mädchen,  mit  Migräne  behaftet,  aber 
ohne  hysterische  Erscheinungen,  wurde  vor  3  Wochen  plötzlich  von 
Erbrechen  befallen,  an  welches  sich  der  noch  jetzt  bestehende  In- 
spirationskrampf anschloss.  Man  constatirt  (Friedreich'sche 
Klinik)  eine  während  des  grössten  Theils  des  Tages  anhaltende,  wäh- 
rend der  Nacht  cessirende  eigenthttmlich  schnelle  Inspiration  krampf- 
haften Charakters,  an  welcher  sich  die  accessorischen  Inspirations- 
muskeln betheiligen.  Das  Epigastrinm  wird  jedes  Mal  stark  vorge- 
wölbt, ein  keuchendes  Geräusch  ähnlich  wie  beim  Singultns  begleitet 
jede  Inspiration  und  wird  regelmässig  gefolgt  von  dem  eigenthttmlich 
gurgelnden  Geräusch,  welches  das  Regurgitiren  von  Luft  in  den  Schlnnd- 
kopf  charakterisirt.  —  Druckpunkte  bestehen  nirgends.  Der  Krampf 
verschwand  bei  vorwiegend  indifferenter  Behandlung  in  kurzer  Zeit. 

Eine  17  jährige  Hysterica,  welche  schon  wiederholt  langdauemde 
Aphonie  und  zahlreiche  andere  hysterische  Erscheinungen  gehabt  hat. 


t)  Die  Entstehung  dieses  Geräusches  erklärt  sich  einfach  daraus,  dass  durch 
die  taiftvolie  Inspirationsbewegnng  die  Baucheingeweide  energisch  comprimirt 
werden;  dadurch  wird  aus  dem  luftgefollten  Magen  mechanisch  ein  Theil  der  Luft 
durch  die  Cardia  in  den  Oesophagus  gedrängt,  und  diese  entweicht  dann  mit 
guigehidem  Geräusch  nach  oben.  Bei  Leuten,  die  viel  von  Ructus  geplagt  sind, 
kann  man  nicht  selten  beobachten,  wie  jedem  grösseren  Ructus  eine  kurze, 
krampfhafte  Inspiration  vorausgeht 


316  Erb,  Eranklieiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

bietet  das  Bild  eines  äusserst  hochgradigen  Inspirations- 
krampfes dar,  an  welchem  sie  schon  15  Wochen  in  ununterbrochener 
Folge  (nur  des  Nachts  schweigt  der  Krampf)  leidet.  Rasche,  IntensiTe, 
von  lautem,  tief  schnurrendem  Geräusch  begleitete  Inspirationen  folgen 
sich  in  ununterbrochener  Weise;  die  Scalen! ,  Stemodeidomast.  und 
Cucullares,  auch  die  Pectorales  dabei  stark  gespannt,  die  Muskeln  an 
den  Nasenflügeln  und  den  Augenlidern  zucken  jedesmal  mit  Der 
obere  Theil  des  Brustkorbes  wird  ausgedehnt,  der  untere  Theil  d^- 
selben  und  das  Epigastrium  werden  eingezogen.  Nach  mehreren  In- 
spirationen hört  man  Luft  mit  gurgelndem  Geräusch  aus  dem  Schlund- 
köpf  treten.  Wenn  der  inspiratorische  Krampf  gerade  mit  der  Herz- 
systole zusammenfällt,  bleibt  der  Puls  an  der  Radialis  aus.  Leib  hoek- 
gradig  aufgetrieben,  starke  Schlingbeschwerden,  vollständige  Aphonie, 
Anämie  u.  s.  w.  (Die  weiteren  Details  gehören  nicht  hierher.)  (Von 
der  Friedreich'schen  Klinik.) 

Biermer  beschreibt  (1.  c.  S.  50)  einen  Fall,  in  welchem  eigen- 
thttmliche  asthmatische  Anfälle  hervorgerufen  wurden  durch  eine  mehr 
oder  weniger  lange  (^a — 1  Stunde)  Folge  von  krampfhaften  tetanlschen 
Inspirationen,  welche  2—4  und  mehr  Sekunden  anhielten  und  dann 
in  eine  rasche  und  laute  Exspiration  übergingen.  Lebhafte  Schmerzen 
in  der  Zwerchfellsgegend.     Secundäres  Emphysem  und  Bronchiektasie. 

Eine  eigenthttmliche  Form  des  Respirationskrampfes  kann 
man  mehrfach  bei  Frauen  mit  hysterischer  Anlage  oder  ausgespro- 
chener Hysterie  beobachten :  eine  ungemein  rasche,  krampfhafte  Folge 
von  kurzen,  heftigen,  keuchenden  und  seufzenden  Respirationen  (an 
das  Kenchen  erhitzter  und  gehetzter  Hunde  erinnernd),  bei  weldien 
das  Epigastrium  und  das  ganze  Abdomen  in  eine  stark  wogende 
Bewegung  geräth.  Es  ist  dabei  die  Exspiration  ebenso  wie  die  In. 
spiration  in  krampfhafter  Weise  gesteigert.  Der  ganze  Krampfanfall 
dauert  ein  paar  Minuten  und  wiederholt  sich  mehr  oder  weniger 
häufig;  ist  nicht  selten  mit  Lach-  oder  Weinkrämpfen  und  sonstigen 
hysterischen  Krämpfen  verbunden.  Kommt  besonders  bei  Reizung 
der  Genitalien,  durch  Uteruserkrankung  oder  unbeMedigte  geschleckt- 
licbe  Aufregung,  während  der  Menses  u.  s.  w.  zu  Stande.  In  mehr 
dauernder  Weise  habe  ich  diese  Krampfform  bei  einem  11jährigen, 
hysterischen  und  psychisch  etwas  gestörten  Mädchen  beobachtet 
Gomplicirtere  respiratorische  Krampfformen  sind  die  folgenden: 
Der  Niesekrampf,  Sternutatio  convulsiva,  Ptarmns. 
Anfallsweise  und  krampfhaft  auftretendes  Niesen;  oft  viele  Hundert 
Mal  hinter  einander  (Mosler  berechnet  in  seinem  Fall  ca.  48,000  (!) 
Niesanfälle  während  80  Stunden!).  Der  Vorgang  des  Niesens  ist 
bekannt  genug.  (Tiefe  Inspiration,  begleitet  von  einer  eigenthttm- 
liehen  Sensation  in  der  Nase,  gefolgt  von  einer  heftigen  explosiven 
Exspiration,  wobei  die  Luft  vorwiegend  durch,  den  Mund  entweichtj 


Krampf  der  Ceryical-  u.  Dorsaliienren.    Bespiratorische  Krämpfe.       317 

eine  ReflexerscheinuDg ,  die  gewöhnlich  Ton  der  Nasenschleimhaut 
aas  erzeugt  wird.)  Der  Niesekrampf  kann  bei  längerer  Dauer  zur 
grossen  Qual  werden,  Respiration,  Nahrungsaufnahme  und  Verdauung 
stören,  heftige  Schmerzen  in  den  hauptsächlich  betheiligten  Muskeln 
and  eine  gefährliche  Erschöpfung  hervorrufen.  Die  Anfälle  sind  ge- 
wöhnlich begleitet  von  profuser,  wässriger  Secretion  aus  der  Nasen- 
höhle. 

Der  Gähnkrampf,  Oscedo,  Ghasmus,  setzt  sich  aus  einer 
grösseren  oder  kleineren  Reihe  aufeinanderfolgender  Gähnbewegungen 
(tiefe,  langsame,  mit  Geräusch  verbundene  Inspiration  bei  weit  ge- 
öffnetem Mund  und  eigenthttmlichen  Contractionen  der  Muskeln  der 
Mundhöhle  und  des  Rachens,  welche  von  einer  ähnlich  lauten,  tönen- 
den und  langgezogenen  Exspiration  gefolgt  ist),  zusammen,  die  in 
pafliologischen  Fällen  höchst  quälend  und  ermüdend  werden  können. 
Bekannt  ist  die  intensiv  contagiöse  Wirkung,  welche  der  Gedanke 
an  Gähnen  oder  der  Anblick  desselben  hat. 

Unter  Hustenkrampf  versteht  man  paroxysmenweise  auf- 
tretende, mit  lautem,  bellendem  Ton  verbundene  Hustenanfälle  (der 
Hasten  ist  eine  stossweise,  krampfhafte  Exspiration  bei  erschlafftem 
Zwerchfell  und  verengter  Glottis;  wird  vorwiegend  durch  Reizung 
der  im  Laryng.  super,  verlaufenden  sensiblen  Bahnen  ausgelöst). 
Solche  Anfälle  können  verschieden  lange  dauern  und  sich  oft  Monate 
and  Jahre  hindurch  häufig  wiederholen.  Die  Exspirationsmuskeln 
leisten  dabei  oft  ganz  Unglaubliches,  ohne  dass  sichtliche  Erschöpfung 
eintritt 

Der  Lachkrampf  und  der  Weinkrampf  sind  beides  vor- 
wiegend exspiratorische  Erampfformen.  Bei  dem  ersteren  eine  stoss- 
weise, laute,  von  schallenden  Tönen  begleitete  Exspiration,  mit  oder 
ohne  den  mimischen  Ausdruck  der  Heiterkeit  im  Gesicht;  bei  dem 
letzteren  langgezogene,  manchmal  von  Schluchzen  unterbrochene,  von 
heulenden  oder  klagenden  Tönen  begleitete  Exspirationen,  gewöhn- 
lich mit  gleichzeitiger  profuser  Secretion  der  Thränendrflsen.  Während 
unter  physiologischen  Verhältnissen  diese  eigenthümlichen  Respira- 
tionßformen  nur  der  Ausdruck  ganz  bestimmter  psychischer  Stim- 
mongen  sind,  können  sie  in  pathologischen  Fällen  ganz  unabhängig 
von  solchen  Stimmungen  und  oft  im  schärfsten  Gontrast  zu  denselben 
entstehen  und  werden  eben  dann  als  krampfhafte  bezeichnet.  Diese 
Krämpfe  erscheinen  meist  in  kürzeren  und  längeren  Anfällen,  die 
sich  in  verschiedener  Häufigkeit  wiederholen. 

Unsere  Kenntnisse  von  der  Pathogenese  und  Aetiologie 
aller  der  genannten  Krampftbrmen  lassen  noch  sehr  viel  zu  wünschen 


318  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

übrig.  Die  Physiologie  hat  uns  über  den  feineren  Mechanismus  be- 
sonders der  complicirteren  Bespirationsbewegungen  noch  nicht  hin- 
reichend weit  aufgeklärt,  dass  wir  einen  Einblick  in  die  pathologischen 
Vorgänge  gewinnen  könnten,  und  selbst  für  die  Erklärung  der  einfachen 
respiratorischen  Krämpfe  kOnnen  wir  die  wohlerworbenen  physiolo- 
gischen Thatsachen  wahrscheinlich  nicht  yerwerthen.  Wenigstens 
sind  die  physiologischen  Seize  fOr  die  Inspirationscentren  (Sauerstoff- 
mangel und  CO  ^-Anhäufung)  wahrscheinlich  unter  pathologischen  Ver- 
hältnissen nicht  die  Erreger  krampfhafter  Bespirationsbewegung^. 
Doch  handelt  es  sich  jedenfalls  bei  allen  diesen  Erampfformen  um 
directe  oder  reflectorische  Erregungen  der  yerschiedenen  Bespirations- 
centren.    Genaueres  wissen  wir  jedoch  darüber  keineswegs. 

Jedenfalls  kommen  alle  diese  Krampftbrmen  beinahe  niemals 
isolirt  für  sich  Yor;  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  sind  sie  complidrt 
mit  anderweitigen  nervösen  Störungen,  oder  sie  sind  Theilersdid- 
nungen  schwerer  allgemeiner  Neurosen,  besonders  der  Hysterie,  od& 
sie  sind  Symptome  Ton  Centralerkrankungen.  Bei  Gehirnleidenden, 
Apoplektischen  u.  s.  w.  ist  Lach-  und  Weinkrampf,  krampfhaftes 
Gähnen  nicht  selten.  Am  häufigsten  bietet  die  Hysterie  Beispiele 
von  allen  den  genannten  Krampfformen,  welche  hier  oft  in  buntem 
Wechsel  aufeinanderfolgen.  —  Häufig  sind  Beflexerregungen  als  Ur- 
sachen nachweisbar:  Uterinerkrankungen,  Schwangerschaft,  Wnrm- 
reiz,  Hautkrankheiten,  geschlechtliche  Aufregungen,  Circolations- 
störungen  im  kleinen  Becken :  Hämorrhoiden,  Dysmenorrhoe  etc.  Be- 
sonders flir  den  Niesekrampf  werden  am  häufigsten  solche  periphere 
Ursachen  angeftlhrt:  Beizungen  der  Nasenschleimhaut  (Coiyza,  Hea- 
asthma  etc.)  und  der  Conjunctiva,  Erkrankung  des  Ohres  (Mosler), 
wollüstige  Aufiregung,  Hämorrhoiden.  Auch  ist  eine  bestimmte  Be- 
ziehung dieses  Krampfes  zur  Migräne,  zum  Keuchhusten  und  zum 
Bronchialasthma  nicht  zu  verkennen  (F erber). 

Bei  der  Therapie  dieser  Krampfformen  steht  die  ErftUlung  der 
Causalindication  im  Vordergrund,  und  ist  es  besonders  die  Behandlong 
der  Hysterie  (s.  diese),  welche  dem  Arzte  hier  am  häufigsten  ent- 
gegenlritt* 

Bei  der  directen  Behandlung  der  inspiratorischen  Krämpfe  wird 
man  ebenso  wie  beim  Singultus  zu  verfahren  haben.  —  G^;en  die 
complicirteren  Formen  wird  man  eine  nach  individuellen  Verhllt- 
nissen  modificirte  Auswahl  unter  den  Hautreizen,  elektrotherap^- 
tischen  Maassnahmen,  Narcoticis  und  Antispasmodicis  zu  treffen  haben. 
—  Speciell  gegen  den  Niesekrampf,  der,  wie  es  scheint,  am  häufigsten 
energisches  Einschreiten  fordert,  hat  man  empfohlen:  Compression 


Krampf  der  Cervical- u.  Donalnerven.   Schrdbekrampf.  319 

der  Nas^warzel  (?),  Untertauchen  des  Kopfes  in  kaltes  Wasser, 
starke  Hautreize ,  Brechmittel,  Inhalation  von  Chloroform  und  von 
Joddämpfen  durch  die  Nase,  Au&chnupfen  von  ChininlOsung  (beim 
Heuasthma)  und  von  narkotischen  Losungen  oder  Schnupfpulvem  etc. 
M Osler  heilte  seinen  Fall  durch  energische  Diaphorese  (heisse 
Bttder),  Hautreize  und  Opiate. 


3,   Schreibekrampf.     Graphospasmus.    Mogigraphie,    (Klavierspieler' 

krampf  Schneider-^  Melkerkrampf  ete,) 

Lehrbücher  von  Romberg,  Hasse,  A.  Eulenburg,  M.  Rosenthal, 
Benedict;  Lehrbücher  d.  Elektrotherapie.  —  Brück,  Hiueland^s  Joum.  1835. 
St.  4.  —  8tromeyer,  Bayr.  med.  Correspondenzbl.  1840.  No.  8.  —  G.  Hirsch, 
Spinalnenrosen.  1843.  —  Fri'tz,  Ueber  Reflexionsfingerkrampf.  Oestarr.  Jahrb. 
1844.  Bd.  46  u.  47.  —  Cazenave,  De  quelques  infiimit.  de  la  main  droite  etc. 
Casp.  Wehs.  1848.  No.  16.  —  Thielmann,  Fall  von  N&hekrampf.  Med.  Zeit. 
Roaslands.  1859.  No.  41.  —  Haupt,  Ueber  d.  Schreibekr.  Wiesb.  1860.  — 
Tuppert,  Zur  Behandl.  des  Schreibekr.  Bayr.  ärztl.  Intelligenzblatt  1860. 
No.  24.  —  Gris.  Zuradelli,  Del  crampo  d^li  Scrittori.  Gaz.  med.  ital  Lomb. 
1857.  No.  36 — 42.  —  AnnaL univers.  1864.  —  Remak,  Klin.  Mittheil.  —  Oesterr. 
Zdtscbrtft  für  prakt.  Heilk.  1860.  No.  45.  —  Duchenne,  Spasme  fonction.  et 
paralys.  musc.  fonct.  Bull,  de  th^rap.  1860.  Electris.  localis.  Ili.  ed.  1872.  — 
Solly,  Lectures  on  Scri?ener*s  palsy.  Lancet  1865.  Jan.  u.  1867.  May.  —  M. 
Meyer,  Zur  Ther.  des  Schreibekr.  —  Verb.  d.  Berl.  ärztl.  Ges.  I.  1867.  — 
Runge,  Zur  Genese  u.  Beb.  des  Schreibekr.  Berl.  klin.  Woch.  1873.  No.  21.  — 
G.  Bnrckbardt,  Physiol.  Diagnostik  d.  Nenrenkrankh.  Leipzig  1875.  S.  147  ff. 
—  Reinhold  Wilde,  Ueber  Schreibekr.  u.  analoge  ZustSnoe.  Diss.  Breslau. 
1875.  —  G.  Vi?ian  Poore,  Electricity  in  snasm.  affect.  and  writers  cramp. 
Lancet  1875.  Jan.  23.  —  M.  Meyer,  Schmerzhafte  Druckpunkte  d.  Wirbelsäule. 
Berl.  klin.  Woch.  1875.  No.  51.  —  Onimus,  Cr&mpes  des  employ^s  au  t614graphe. 
Gaz.  m^  d.  Par.  1875.  No.  15.  — 

Man  hat  unter  dem  Namen  9,Schreibekrampf''  eine  ganze  An- 
zahl ihrem  Wesen  nach  verschiedener  Krankheitszustände  zusammen- 
gefassty  welche  nur  das  Gemeinsame  haben,  dass  beim  Schreiben 
und  anderen  complicirten  und  feinen  Hantirungen  (Nähen,  Klavier- 
spielen,  Zeichnen  u.  s.  w.)  eine  Störung  der  dazu  nothwendigen  Be- 
wegungen eintritt,  während  grObere  Mnskelleistungen  in  der  Regel 
in  ganz  normaler  Weise  voUftlhrt  werden. 

Speciell  beim  Schreiben  wird  eine  grössere  Anzahl  von  Muskeln 
in  eine  beständige,  angestrengte  und  unaufhörlich  modificirte  Thätig- 
kdt  gesetzt.  Besonders  sind  es  die  kleinen  Handmuskeln  (Interossei 
und  Lumbricales  und  die  Muskeln  des  Thenar)  und  die  langen  Finger- 
beuger und  Fingerstrecker,  welche  dabei  in  Thätigkeit  gesetzt  werden. 
Es  ist  nicht  nöthig,  in  eine  Verfolgung  der  einzelnen  kleinen  Muskel- 
aetionen  bei  der  Erzeugung  der  einzelnen  die  Schrift  zusammen- 
setzenden Striche  hier  einzugehen  (Zuradelli  hat  darüber  in  seiner 


320  Ebb,  Krankheit^  der  periphereB-oerebrospinalen  Nerven. 

ersten  Arbeit  ausführliche  Untersachimgen  angestellt;  und  bei  Haapt 
und  Wilde  finden  sich  specielle  Angaben  darüber),  um  so  wemgettj 
als  sich  die  Sache  bei  den  einzelnen  Individuen  sehr  verschieden 
verhält,  indem  die  Einen  mehr  aus  den  Fingergelenken,  die  AnderB 
mehr  aus  dem  Handgelenk  oder  mit  dem  Vorderarm  schreiben. 

Wesentlich  ist  nur  die  durch  Uebung  erlernte  Association  einer 
grossen  Anzahl  sehr  fein  nttancirter  Gontractionen  der  kleinen  Hand- 
muskein  zu  einer  überaus  rasch  und  fast  unwillkürlich  erfolgenden 
Reihe  von  Bewegungen,  welche  die  Schriftzüge  bilden  (ebenso  beim 
Elavierspielen ,  yiolinq)ielen ,  Nähen  u.  s.  w.).  Gleichzeitig  damit 
wird  eine  genau  bestimmte  Bewegung  der  ganzen  Hand  nach  rechts 
ausgeführt,  theils  durch  Bewegung  des  Oberarms  (Rotation  nach  aussen 
und  Rttckwärtsziehen  desselben)  theUs  durch  allmälige  Streckung  des 
Vorderarms:  die  Resultante  beider  Bewegungen  ist  die  Zeile,  auf 
welcher  wir  schreiben. 

Jedermann  weiss,  mit  welch  unendlicher  Mühe  man  sohreiben 
lernt  und  wie  vielfältiger  Uebung  es  besonders  bedarf  um  zu  einer 
raschen  und  flüchtigen  Schrift  zu  gelangen ;  daftr  ist  dann  aber  auch 
die  dabei  thätige  Association  und  Coordinaticm  der  Einzelbewegungen 
eine  so  feste  und  sichere,  dass  man  dieselbe  fast  ganz  unwillkttrlieh 
erfolgen  sieht. 

Es  ist  wahrscheinlich,  dass  im  Centralorgan  an  ganz  bestimmten 
Stellen  (C!oordinationsapparate)  die  allmälige  Zusammenordnuug  dieser 
Willensimpulse  stattfindet  -oder  dass  doch  die  assocürten  Willeiis- 
erregungen  an  gewissen  Stellen  der  grauen  Substanz  Bahnen  passiren, 
welche  durch  lange  und  häufig  wiederholte  Uebung  geringeren  Wider- 
stand darbieten,  so  dass  schliesslich  die  betreffenden  Willenserr^ungen 
ohne  Weiteres  zunächst  diesen  (coordinirenden)  Leitungsbahnen  folgen. 
Nur  ein  normales  Verhalten  (Leitungsfähigkeit  und  Erregbarkeit) 
dieser  Bahnen  ermöglicht  das  normale  Schreiben^oder  ähnliche  com- 
plicirte,  eingeübte  Bewegungen)  und  es  scheinen  diese  Bahnen  bis 
zu  einem  gewisssen  Grade  unabhängig  zu  sein  von  den  fttr  cUe  Lei- 
tung der  einfachen,  uncomplicirten  Willenserregungen  dienenden  moto- 
rischen Bahnen.  Es  wäre  sonst  nicht  wohl  denkbar,  wie  die  ein- 
fachen Muskelactionen  vollkommen  ungestört  sein  können,  w&hrend 
dieselben  Muskeln  bei  complicirten ,  assocürten  Bewegungen  ihren 
Dienst  versagen. 

Es  ist  klar,  dass  ein  harmonisches  Zusammenwirken  aller  Einzel- 
bewegnngen  unbedingt  erforderlich  ist,  wenn  der  Akt  des  Schreibens 
(oder  verwandter  Beschäftigungen)  mit  der  gewohnten  Leichtigkeit 
erfolgen  soll;  aber  ebenso  klar,  dass  Störungen  in  diesem  harmo- 


Krampf  der  Cerrical-  a.  Dorsalnenren.    Schreibekrampf.  321 

nischen  Zusammenwirken,  wie  es  durch  lange  Uebung  errangen 
worden  ist,  von  sehr  verschiedenen  Punkten  der  betreffenden  Apparate 
aus  eintreten  könn^. 

Am  wichtigsten  ist  yielleicht  das  Verhalten  der  coordinatorisehen 
Apparate :  jede  Veränderung  in  ihrer  Leistungsfähigkeit  und  Erreg- 
barkeit wird  die  Coordination  der  Bewegungen  stören,  jede  patho- 
logische Ab-  oder  Zunahme  der  Widerstände  in  einzelnen  Leitungs- 
bahnen wird  einen  an  der  Peripherie  in  den  Muskelcontractionen 
seinen  Ausdruck  findenden  Effect  haben.  Ist  die  Erregbarkeit  und 
Leitongsfähigkeit  einzelner  Bahnen  gesteigert,  so  wird  bei  gleich 
stark  bleibendem  Willensimpuls  in  den  betreffenden  Muskeln  Krampf 
eintreten;  haben  sich  die  Widerstände  in  einzelnen  Bahnen  vermehrt, 
so  wird  Schwäche  der  betreffenden  Muskelaction  die  Folge  sein  und 
eine  ausgleichende  Verstärkung  des  Willensimpulses  wurd  dann  zu 
Krampf  in  den  assodirten  Muskeln  fähren;  ist  der  Coordinations- 
i4>parat  sehr  ersdiOpfbar,  .so  wird  nach  kurz  dauernder  Thätigkeit 
dn  Aufboren  der  assodirten  Bewegungen  stattfinden,  während  die 
einfachen,  uncomplidrten  Bewegungen  erhalten  bleiben  können«  Da 
diese  Dinge  bei  vielen  Formen  von  Schreibekrampf  (und  verwandten 
Erankhdtsformen)  jedenÜEÜls  eine  grosse  BoUe  spielen,  hatBenedict 
fflr  diese  Neurosen  den  Namen  der  „  coordinatorisehen  Beschtftigungs- 
neurosen''  vorgeschlagen.  In  der  That  ist  die  Coordination  der  Be- 
wegungen woU  bei  den  meisten  hierher  gehörigen  Eiankheitsformen 
gestört;  jedoch  durchaus  nicht  immer  durch  eine  Eriurankung  der 
Coordinationsapparate  (resp.  bestimmter  Stellen  der  centralen  grauen 
Substanz)  selbst  und  es  wäre  wohl  eine  ungerechtfertigte  Ausdehnung 
des  Begriffs  der  Goordinationsstörungen,  wenn  man  mit  diesem  Namen 
auch  alle  durch  Krampf  oder  Lähmung  einzelner  Muskeln  bedingten 
Störungen  geordneter  Bewegungen  bezeichnen  wollte. 

Es  können  nämlich  auch  periphere  Störungen  einen  ähnlichen 
Einfluss  auf  das  Schreiben  und  ähnliche  Beschäftigungen  haben ;  sind 
dnzelne  periphere  Nerven  und  Muskeln  stärker  erregbar,  so  wird 
Krampf  in  denselben  eintreten;  sind  sie  schwächer  erregbar  oder 
gdähmt,  so  wird  der  Ausfall  ihrer  Contraction  ebenfalls  zu  einer 
Störung  der  geordneten  Bewegung  führen  —  immer  vorausgesetzt, 
dass  —  wie  dies  ja  nicht  anders  m(%Iich  ist  —  die  Stärke  der  moto- 
rischen Erregung  für  die  gesanunten  Muskelgruppen  in  bestimmten 
Verhältnissen  die  gleiche  bleibt. 

Dazu  kommt  noch,  dass  auch  die  Sensibilität  der  Hand,  dass 
das  sogenannte  Muskelgeftthl  und  der  Muskelsinn  beim  Schreiben 
wahrscheinlich  ebenfalls  eine  nicht  ganz  unwichtige  Rolle  spielen, 

Hudbaoh  d.  fpec.  Pathologie  a.  Therapie.  Bd.  XII.  1.  2.  Aafl.  21 


322  Erb,  Erankheiten  der  peripheren-cerebrospmalen  Nerven. 

besonders  bei  der  Ftthmng  und  Haltung  der  Feder.  Stönmgen  in 
diesen  Verriehtnngen,  in  den  centripetalen  Bahnen  (HyperiUthesie  und 
Anästhesie)  können  so  ebenfalls  auf  directem  oder  reflectorischem 
Wege  Störungen  dieses  eomplieirten  Bewegungsmechanismus  herbei- 
ftlhren. 

Es  ergibt  sich  somit,  dass  unter  dem  Namen  „Schreibekrampf' 
sehr  verschiedenartige  krankhafte  Zustände  zusammengefasst  werden, 
welche  nur  die  gemeinsame  Wirkung  haben,  dass  sie  die  eomplieir- 
ten und  feinen  Bewegungen  des  Schreibens  und  ähnlicher  Beschäf- 
tigungen stören  oder  unmöglich  machen.  —  Zur  Zeit  aber  ist  es 
noch  nicht  thunlich,  die  einzelnen  Formen  in  Bezug  auf  ihre  Genese 
scharf  voneinander  zu  trennen  —  und  das  gemeinsame  Symptom  der 
Beschäftignngsstörung  hält  sie  in  der  Praxis  immer  noch  hinreichend 
fest  zusammen.  Immerhin  aber  ist  es  zweckmässig,  zur  vorläufigen 
Orientirung  und  Sichtung  die  verschiedenen  klinischen  Formen  sym- 
ptomatologisch  von  einander  zu  unterscheiden;  ganz  zweckmässig  .ist 
in  dieser  Beziehung  die  von  Benedict  gewählte  Unterscheidung  in 
3  Formen;  die  spastische,  tremorartige  und  paralytische  Fonn. 

Symptome:  Charakteristisch  sind  Bewegungsstörungen,  welche 
nur  beim  Schreiben  (oder  verwandten  Beschäftigungen)  eintreten  nnd 
dasselbe  erschweren  oder  unmöglich  machen.  Anfangs  pflegen  diese 
Störungen  meist  sehr  gering  zu  sein  und  nur  bei  längerem  Schreiben 
oder  ungewöhnlichen  Schreibanstrengungen  aufzutreten  und  werden 
dann  gewöhnlich  als  hochgradige  Ermüdung  aufgefasst. 

AUmälig  werden  die  Erscheinungen  heiliger  und  prägnanter, 
treten  sehr  bald  nach  dem  Beginn  des  Schreibens,  schliesslich  bei 
jedem  Versuch  zu  schreiben  ein,  manchmal  sogar  schon,  wenn  die 
Kranken  nur  die  Feder  in  die  Hand  nehmen  oder  die  Hand  in  die 
zum  Schreiben  erforderliche  Stellung  bringen.  Die  auf  die  Störung 
gerichtete  Aufmerksamkeit  verschlimmert  das  Uebel. 

Die  genauere  Betrachtung  zeigt,  dass  es  sich  in  den  einzelnen 
Fällen  um  wesentlich  verschiedene  Einzelerscheinungen  handelt.  Ty- 
pisch und  vielleicht  auch  am  häufigsten  sind  die  wirklich  krampf- 
haften Störungen  (spastische  Form).  Es  handelt  sich  dabei 
um  tonische  oder  klonische  Krämpfe  einzelner  oder  mehrerer  Haskeln. 
Im  Anfang  bemerkt  man  nur  leicht  zuckende  Bewegungen  einzelner 
Finger,  hie  und  da  einen  unregelmässigen  Strich  in  der  Schrift. 
Später  kommt  es  zu  stärkeren,  meist  tonischen  Krämpfen,  am  häo- 
figsten  im  Daumen  und  Zeigefinger:  entweder  krampfhafte  plötzliche 
Streckung  derselben,  so  dass  den  gespreizten  Fingern  die  Feder  en^ 


Krampf  der  Cervical-  n.  Dorsalnerven.    Schreibekrampf.  323 

fällt;  oder  krampfhafte  Opposition  des  Daamens  and  Abdaction  mit 
gleichzeitiger  Beugung  des  Zeigefingers,  so  dass  die  Feder  vom  Papier 
w^geschnellt  wird ;  oder  krampfhafte  Beugung  der  drei  ersten  Fin- 
ger, so  dass  dieselben  gegen  die  Feder  gepresst  werden,  und  diese 
nicht  weiter  geftlhrt  worden  kann ;  oder  es  treten  wohl  auch  Prona- 
tions-  und  Supinationsbewegungen  im  Vorderarm  ein,  so  dass  die 
Feder  yom  Papier  gehoben  oder  in  unregelmässigster  Weise  darauf 
hin  und  her  gezerrt  wird,  oder  endlich  können  auch  Krämpfe  der 
Sebultermuskeln  die  abnormen  Bewegungen  der  Feder  erzeugen. 

In  sdtneren  Fällen  tritt  beim  Versuch  zu  schreiben  ein  hoch- 
gradiges Zittern  der  Hand  und  des  Vorderarms,  später  selbst  des 
ganzen  Arms  ein,  so  dass  die  Feder  nur  wellenförmige  oder  zackige 
Striche  macht,  welche  die  Schrift  vollkommen  unleserlich  madien 
können  (tremorartige  Form). 

In  allen  diesen  Fällen  ist  das  Schreiben  gleichzeitig  erheblich 
yerlangsamt  und  erschwert;  immer  langsamer  wird  die  StrichfÜhrung, 
wie  wenn  die  Hand  mit  Gewalt  festgehalten  würde,  und  gegenüber 
dem  zunehmenden  Krämpfe  versagt  endlich  die  Feder  ganz,  es  muss 
eine  Pause  im  Schreiben  gemacht  werden,  nach  welcher  die  ganze 
Scene  sich  von  Neuem  abspielt.  Wunderbar  sind  oft  die  Stellungen, 
welche  die  Kranken  annehmen,  um  das  Schreiben  zu  erleichtem,  die 
Httlfemittel,  welche  sie  gebrauchen,  um  den  Krampf  zu  bannen.  Der 
Eine  setzt  bloss  das  Handgelenk  auf  und  streckt  den  Ellbogen  in  die 
Höbe,  der  andere  stützt  den  Arm  bloss  auf  den  Ellbogen  und  schreibt 
mit  frei  erhobenem  Handgelenk;  dn  anderer  fixirt  die  schreibende 
Hand  mit  der  Linken,  ein  anderer  nimmt  die  Feder  zwischen  Zeige- 
und  Hittelfinger,  oder  steckt  sie  in  einen  dicken  Kork,  welchen  er 
mit  voller  Faust  ergreift  u.  s.  w. 

Sehr  belehrend  und  charakteristisch  ist  stets  die  Betrachtung 
der  krankhaft  vei^derten  Schrift,  die  mit  der  aus  gesunden  Tagen 
vei^lichen  werden  muss.  Häufig  trifft  man  eine  ganz  veränderte 
Schrift,  weil  die  Kranken  sich  eine  neue  Schreibweise  angewöhnt 
haben.  Wo  Schreiben  überhaupt  möglich  ist,  sieht  man  grobe,  un- 
gehobelte, zerrissene  und  unegale  Schriflzüge,  zahlreiche  Ecken  und 
Haken,  falsche  Striche,  Klexe  u.  s.  w.  In  den  höchsten  Graden  geht 
nach  wenigen  kaum  leserlichen  Worten  das  Ganze  in  ein  Gewirr 
unregelmässiger  Striche  und  Haken  über.  Manchmal  sind  die  Buch- 
staben aus  lauter  zitternden,  welligen  oder  zickzackförmigen  Strichen 
zusammengesetzt. 

Den  geraden  Gegensatz  zu  der  bisher  beschriebenen  Gruppe  bil- 
den diejenigen  Fälle,  in  welchen  Ermüdung  und  Schwäche  der  Hand 

21* 


324  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospin&len  Nenren. 

und  des  Vorderanns  in  den  Vordergrand  treten,  wo  deutliche  Kriunpfe 
völlig  fehlen,  und  es  sich  mehr  oder  weniger  ausgesprochen  um 
Lähmung  —  allerdings  nur  um  eine  beim  Schreiben  bemeiidbare 
Lähmung  —  handelt  (paralytische  Form).  Ein  allmälig  za* 
nehmendes ,  hochgradiges  Ermttdungsgefllhl  des  Vorderarms  und  der 
Hand  stellt  sich  ein ,  welche  schliesidich  wie  erstarrt  ist  und  mdit 
weiter  bewegt  werden  kann ;  ein  schmerzhaftes  Geftthl  erstreckt  «cb 
über  den  ganzen  Arm  und  bei  forlgesetzten  Schreibyersuchen  bis 
über  die  Schulter  und  den  Rttcken,  so  dass  das  Schreiben  änssent 
peinlich  wird.  Kit  dem  Weglegen  der  Feder  yerschwindet  das 
Schwäche-  und  Ermüdungsgefühl,  um  bei  jedem  erneuten  Yarsueb 
wiederzukehren.  Es  ist  nicht  selten  auf  die  Beuge-  oder  Streckfleite, 
oder  auf  den  Ulnarrand  des  Vorderarms  beschränkt  und  gewinnt 
von  hier  aus  erst  weitere  Verbreitung. 

Die  Motilität  der  in  Frage  kommenden  Muskeln  ist  dabei  für 
gröbere  Arbeiten  meist  ganz  intact  Die  Einzelbewegungen  geschehen 
nut  normaler  Sicherheit  und  Kraft  und  lassen  oft  selbst  bei  grOssereo 
Anstrengungen  keine  Anomalie  erkennen;  nur  selten  lässt  sich  in 
einzelnen  Muskeln  —  besonders  den  Finger-  und  Danmenstrecken 
—  eine  deutliche  paralytische  Schwäche  nachweisen;  in  sdtoien 
Fällen  erstreckt  sie  sich  auf  den  ganzen  Arm  und  macht  denselbai 
zu  allen  möglichen  Bewegungen  weniger  tauglich.  Hasse  sah  einen 
auf  die  rechte  Hand  beschränkten  Tremor  alle  möglichen  BuA- 
rangen  stören. 

Häufig  dagegen  ist  die  Ausflihrung  anderer  feinerer  Arbeüen 
ebenfalls  gestört :  Leute  die  an  Schreibekrampf  leiden,  werden  mdi 
bdm  Nähen,  Elavierspielen,  Sticken,  beim  Zuknöpfen  und  ähnlieben 
Beschäftigungen  durch  ähnliche  Erscheinungen  gestört;  jedodi  ist 
diess  nicht  immer  der  Fall,  oder  es  tritt  erst  dann  zu  Tage,  wenn 
auch  bei  diesen  Beschäftigungen  grössere  Anforderungen  an  die  er- 
krankten Neiren-Muskelapparate  gemacht  werden. 

Haben  die  Erauken  in  Folge  ihres  Leidens  das  Schreiben  mit 
der  linken  Hand  erlernt,  so  stellt  sich  nicht  selten  auch  in  dieser 
nach  nnd  nach  der  Krampf  ein ,  und  so  wird  die  Freude  Aber  die 
glticklich  erlangte  Fähigkeit  nicht  selten  rasch  getrübt. 

Von  sensiblen  Störungen  ist  am  gewöhnlichsten  und  ftst 
constant  das  schmerzhafte  Geftlhl  der  Müdigkeit  in  der  leidenden 
Extremität,  welches  sich  zu  hohen  Graden  steigern  und  emen  wirk- 
lich neuralgiformen  Charakter  annehmen  kann.  Dann  schmerzen  aseh 
häufig  die  Schulter  und  der  Rücken,  und  einzelne  Dorafortsätze  nnd 
besonders  auch  Querfortsätze  der  Hals-  und  Brustwirbelsäule  and 


Krampf  der  Cervical-  q.  Dorsalnenren.    Schrdbekrampf.  325 

nicht  selten  bei  Druck  empfindlich;  Moritz  Meyer  hat  diese  Dmck- 
pnnkte,  als  flir  die  Therapie  besonders  wichtig,  erkannt.  Aach  bis 
hiBaiif  zum  Hinterhaupt  kann  sich  der  Schmerz  erstreckeui  und  einer 
meiner  Kranken ,  ein  Arzt,  gab  an,  dass  er  häufig  an  einem  tief- 
sitzenden, linksseitigen  Stimkopftchmerz  leide  (Anhaltspunkt  für  die 
LocaliBation  des  Leidens?). 

Kleine  Stösse  in  den  Fingern,  den  elektrischen  ähnlich ,  hat 
Job.  Hüller  an  sich  selbst  beobachtet.  Viele  Kranke  klagen  über 
Formication  und  Taubsein  in  dem  Gebiete  des  einen  oder  andern 
Vorderarmneryen.  Selten  dagegen  ist  wirkliche  Anästhesie  objectir 
nachweiiJbar.  Ebenso  ist  es  mit  der  Hyperästhesie,  und  nur  in  dn- 
zdnen  wenigen  Fällen,  wo  es  sich  um  Neuritis  oder  anderweitige 
entzflndliche  Störungen  handelte,  hat  man  eine  Art  von  Druckpunkten 
coBStatiren  können  (so  in  einem  Fall  bei  Runge).  In  einzelnen 
FäHen  wird  Hitzegeflihl  in  der  Hand  und  im  Arm,  manchmal  mit 
objectiTer  Temperatursteigerung ,  erwähnt;  in  anderen  wieder  ein 
CMiiU  von  Kälte,  mit  Blässe  und  „  Absterben "  der  Finger  verbunden 
(Wilde). 

Gewöhnlich  sind  mannichfache  sonstige  nervöse  Störungen  mit 
dem  Sdireibekrampf  verbunden.  Nicht  se)ten  handelt  es  sich  um 
sogenannte  „nervöse^  Individuen,  Mitglieder  von  neuropathischen 
Familien,  die  auch  auf  anderen  Gebieten  des  Nervensystems  zahl^ 
reiche  krankhafte  Erscheinungen  aufweisen.  Allerlei  Krampfformen : 
Schielen,  Stottern,  Gesiehtskrampf,  Schlundkrampf  etc.  beobachtet 
man  nicht  selten ;  Schwäche  der  Extremitäten,  paraplegische  Erschei- 
nung^ mit  Tremor  u.  dgL  kommen  vor;  sehr  gewöhnlich  ist  grosse 
psychische  Reizbarkeit,  Neigung  zu  Gemttthsverstimmungen ,  und  es 
ist  eine  bei  fast  allen  Kranken  der  Art  zu  beobachtende  Thatsaehe, 
dass  psychische  Einwirkung»,  Gemttthsbewegungen  aller  Art,  ebenso 
wie  geistige  und  körperliche  Ueberanstrengung  entschieden  verschlim- 
mernd auf  das  Leiden  wirken. 

Das  elektrische  Verhalten  der  befallenen  Muskefai  und 
ibrer  Nerven  ist  viel&eh  Gegenstand  der  Untersuchung  gewesen; 
die  Eigebnisse  dieser  Untersuchungen  sind  fast  immer  negativ  (d.  h. 
normal)  und  jedenfoUs  ohne  erhebliche  Bedeutung  fllr  die  Beurtheilung 
und  Erkennung  der  Krankheit.  Leichte  quantitative  Erregbarkeits- 
änderungen —  Steigerung  sowohl  wie  Verminderung  —  lässt  manch- 
mal die  faradische  Untersuchung  schon  erkennen.  Burckhardt 
fand  eine  nachdauemde  Gontraction  der  kleinen  Handmuskeln  bei 
faradischer  Reizung.  Die  galvanische  Untersuchung  hat  ausserdem 
efaizelnen  Beobachtern  (A.  Eulenburg,  Burckhardt,  M.  Rosen- 


326  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerveir. 

thai  u.  A.)  auch  qualitative  Anomalien  ergeben,  die  jedoch  bis  jetzt 
nicht  weiter  zu  yerwerthen  sind. 

In  ihrem  Wesen  und  ihren  Erscheinungen  dem  Schreibekrampf 
durchaus  analog  sind  nun  ähnliche  Beschäftigungsnenrosen,  die  hier 
nur  einer  kurzen  Erwähnung  bedtlrfen. 

Der  Klayierspielkrampf  ist  eine,  besonders  bei  Professions- 
spielem,  resp.  -Spielerinnen,  nicht  sehr  seltene  Erscheinung  und  kommt 
m  denselben  Formen  vor,  wie  der  Schreibekrampf:  krampfhaftes  Aof- 
zucken  einzelner  Finger  schmerzhafte  Ermüdung  und  Starre  der  einen 
oder  andern  Hand,  Schmerz  in  der  Schulter  und  im  Rttcken,  am  ge* 
wohnlichsten  zwischen  Scapula  und  Wirbelsäule.  ' 

Der  Violinspielkrampf  tritt  bald  in  der  linken  spielendoi, 
bald  in  der  rechten  bogenftihrenden  Hand  auf,  entweder  als  schmen- 
hafte  Ermüdung  und  Steifheit,  oder  als  zuckenäer  Krampf  einzelner 
Muskeln  der  Hand,  des  Arms  oder  der  Schulter.  Das  Spielen  wird 
dadurch  unmöglich. 

Beim  Schneider-  und  Schusterkrampf  (Nähekrampf) 
beobachtet  man  ganz  ähnliche  Erscheinungen,  sobald  die  Kranken 
zu  arbeiten  beginnen.  Tonische  und  klonische  Krämpfe  oder  fhn^ 
tionelle  Schwäche  der  Hand-  und  Armmuskeln.  Doch  sind  dayon 
die  unter  dem  Namen  „Schusterkrampf*'  mehr&ch  beschriebenen 
Fälle  von  Tetanie  zu  trennen  (s.  das  Capitel  über  Tetanie). 

Der  Schmiedekrampf  ist  in  einzelnen  Fällen  beschrieben, 
als  ein  beim  Anfassen  des  Hammers  auftretender  tonischer  Krampf 
der  Vorderarmmuskeln  oder  als  ein  schmerzhafter  Grampus  der  Ober- 
arm- und  Schultermuskeln,  die  beim  Zuschlagen  besonders  bethei- 
ligt sind. 

Als  Melkerkrampf  hat  Basedow  zuerst  eine  ähnliche  Affee- 
tion  der  Viehmägde  beschrieben,  welche  sich  als  tonische  Contrac- 
tion  der  Beuger  und  Strecker  am  Vorderarm  bei  jedem  Versach  zu 
melken  darstellt,  während  alle  übrigen  Beschäftigungen  frei  und  leicht 
von  Statten  gehen. 

Die  Zahl  dieser  Krampfibrmen  liesse  sich  leicht  vermehren,  d« 
bei  allen  möglichen  Beschäftigungen  solche  Zustände  vorkommen 
können;  wie  man  sie  denn  auch  hie  und  da  bei  Malern,  Blameo- 
macherinnen ,  Harfenspielerinnen ,  Uhrmachern ,  Cigarrenarbeitern 
(Wilde),  Telegraphisten  (Onimus),  Drehern  u.  dgl.  schon  beob- 
achtet hat. 


Der  Verlauf  aller  dieser  Krankheitsformen  ist  meist  nahem 
derselbe.     Oewöhnlich  ist   ein  sehr  allmäliger  Beginn  mit  zoneh- 


Schreibekrampf  and  ähnliche  Erampfformen.  327 

mender  V erscblimmeniDg ;  seltener  wird  durch  irgend  eine  energischere 
Einwirkung  (Ueberanstrengung,  heftige  psychische  Einwirkung)  ein 
fast  plötzliches  Entstehen  wahrgenommen. 

Meist  sind  erhebliche  Schwankungen  in  der  Intensität  der  Er- 
scheinungen zu  constatiren,  die  theils  von  äusseren,  theils  von  inneren 
Einwirkungen  herrtthren.  Körperliche  und  geistige  Anstrengungen, 
ebenso  Gemüthsbewegungen  pflegen  die  Sache  zu  verschlimmern, 
während  Ausruhen,  Aussetzen  der  Beschäftigung,  allgemeine  Erkräf- 
ügang  die  Störungen  zu  vermindern  im  Stande  sind.  —  Die  Dauer 
des  Leidens  ist  meist  eine  sehr  lange ,  oft  besteht  es  für  das  ganze 
Leben.  Heilung  oder  auch  nur  erhebliche  Besserung  sind  sehr  selten. 
Stillstand  des  Leidens  kommt  häufiger  vor  und  ist  verhältnissmässig 
günstig. 

Aetiologie.  Der  Schreibekrampf  kommt  vorwiegend  bei  Män- 
nern, viel  seltener  bei  Frauen  vor,  doch  ist  das  offenbar  nur  die 
Folge  der  verschiedenen  Intensität,  mit  welcher  die  beiden  Geschlechter 
dem  Schreiben  obliegen.  Der  Elavierspielkrampf  kommt  dafür  häu- 
figer bei  Frauen  vor.  —  Neuropathische  Individuen,  die  aus  „  nervösen " 
Familien  stammen,  leicht  erregbare  Naturen,  werden  besonders  leicht 
befallen. 

Hauptursache  des  Leidens  ist  vieles  und  angestrengtes  Schreiben 
(resp.  Elavierspielen,  Nähen  etc.);  deshalb  ist  das  Leiden  am  häu- 
figsten bei  Schreibern,  Secretären,  Bureauarbeitem,  Kaufleuten,  Ge- 
lehrten; doch  kommt  es  immerhin  auch  bei  Leuten  vor,  die  wenig 
schreiben,  und  die  schon  etwas  geleistet  zu  haben  glauben,  wenn  sie 
unter  20  Geschäftsbriefe  ihren  Namen  setzten. 

Seltener  sieht  man  die  Krankheit  entstehen  nach  Erkältungen, 
nach  traumatischen  Einwirkungen  auf  Nerven  und  Muskeln,  durch 
Fremdkörper  in  den  Fingern  (Hubert-Valleroux),  durch  Reflex 
von  Periostitis  am  Condyl.  ext.  humeri  (Runge).  —  In  einigen 
wenigen  Fällen  liess  sich  eine  Neuritis  des  einen  oder  andern  Vorder- 
armnervenstammes  als  Ursache  der  Erscheinungen  constatiren  (Re- 
mak,  M.  Meyer).  Das  sind  aber  eigentlich  wohl  Fälle,  die  streng- 
genommen schon  nicht  mehr  hierher  gehören;  ebensowenig  wie  die 
durch  centrale  (Hirn-  und  Rückenmarks-)  Erkrankungen,  durch  pro- 
gressive Muskelatrophie,  durch  Gelenkkrankheiten  u.  dgl.  bedingten 
Störungen  des  Schreibens. 

Dass  unbequeme  Tische,  schlechte  Haltung  beim  Schreiben,  enge 
Aermel,  schlechte  Federn,  besonders  harte  und  spitze  Stahlfedern 
auf  die  Entstehung  des  Leidens  begünstigend  einwirken  müssen, 
liegt  auf  der  Hand,  da  durch  alle  diese  Momente  die  Anforderungen 


328  Erb,  Eranklieiten  der  perlpheren-cerebrospinalen  Nerven. 

an  die  Leistangen  des  das  Schreiben  besorgenden  Muskel-  nnd  Nerren- 
apparates  nur  gesteigert  werden.  Dass  übrigens  die  Stahlfedern  allein 
nicht  Schuld  an  dem  Schreibekrampf  sein  können,  geht  daraus  mit 
Sicherheit  herror,  dass  das  Leiden  vor  ihrer  Erfindung  schon  be- 
kannt war  und  bei  Leuten  vorkommt,  die  sick  nur  der  Kielfedern 
bedienen. 

lieber  das  eigentliche  Wesen  des  Schreibekrampfs  sind  wir 
noch  um  so  mehr  im  Unklaren,  als  auch  die  pathologische  Anatomie 
bisher  nichts  zu  einer  besseren  Begründung  unserer  Kenntnisse  über 
diese  merkwürdige  Ej-ankheitsform  beizutragen  vermochte.  T^  sind 
also  ausschliesslich  auf  Hypothesen  angewiesen,  und  es  ergibt  sich 
aus  den  einleitenden  Bemerkungen,  in  welcher  Richtung  sich  die- 
selben vorwiegend  bewegen  werden.  JedenMls  kann  von  ein^ 
einheitUehen  Auffassung  der  zahlreichen  Einzelfälle  keine  Bede  sdn; 
vielmehr  ist  es  sicher,  dass  wir  es  wohl  mit  mehreren  verschiedenen 
QrundstOrungen  zu  thun  haben. 

Sehr  bestechend  ist  für  die  typischen  Fälle  (besonders  die  spasti- 
schen Formen)  die  Anschauung,  dass  es  sich  um  gesteigerte  Erreg- 
barkeit und  gleichzeitig  grosse  Erschöpf  barkeit  der  Goordinationsappa- 
rate  (oder  gewisser  Theile  derselben)  handle,  welche  die  Erschei- 
nuDgen  des  Krampfs  mit  nachfolgender  Ermüdung  und  Schwäche 
hinreichend  erklären.  Jedenfalls  handelt  es  sich  dabei  um  feinere, 
impalpable  Ernährungsstörungen,  und  über  den  anatomischen  Sitz 
derselben  sind  wir  noch  gänzlich  im  Unklaren. 

Sehr  verbreitet  ist  auch  die  Meinung,  dass  es  sich  primär  um 
Schwäche  oder  Lähmung  gewisser  Muskeln  und  secundären  Krampf 
ihrer  Antagonisten  handle  (Zuradelli,  Haupt),  eine  Anschauung, 
die  uns  für  die  meisten  Fälle  nicht  zutreffend  erscheint.  —  Ebeirao- 
wenig  erscheint  uns  die  Hypothese,  dass  es  sich  beim  Schreibe- 
krampf um  einen  von  den  sensiblen  Haut-  oder  gar  von  den  sen- 
siblen Muskelnerven  (Fritz)  ausgehenden  Reflexkrampf  handle,  be- 
gründet, wenn  auch  nicht  geleugnet  werden  soll,  dass  einzelne  Fälle 
auf  reflectorischem  Wege  entstehen;  selbst  in  diesen  aber  ist  es 
wahrscheinlich,  dass  eine  Erkrankung  der  centralen  Reflexappiurate 
mit  im  Spiele  ist 

Nicht  am  seltensten  sind  nach  neueren  Untersuchungen  viellddit 
Störungen  in  den  (peripheren  oder  centralen)  motorischen  Leitungs- 
bahnen oder  in  den  Muskefai^Ibst  die  Ursache  des  wirklichen  Schreibe- 
krampfes; man  wird  an  solchen  Zusammenhang  nur  da  zu  denken 
haben,  wo  die  Untersuchung  eine  deutliche  Herabsetzung  der  Moti- 


Scbrnbekrampf  und  Ähnliche  Ejrampfformeii.  329 

lüftt  oder   erhebliche  VermmdeniDg   der  elektrischen  Erregbarkeit 
naehweist 

Interessant  nnd  für  die  Theorie  des  Schreibekrampfes  vielver- 
sprechend  sind  die  Angaben  von  G.  Bnrckhardt.  Er  constatirte 
bei  seinen  Untersnchongen  Leitnngsstönmgen  in  den  beim  Schreiben 
besonders  in  Ansprach  genommenen  Nerv-Maskel-Apparaten  der  rechten 
Hand;  nnd  zwar  bald  eine  Beschleonignngy  bald  eine  Verlangsamnng 
der  Leitung;  und  diese  an  sehr  verschiedenen  Stellen  der  Bahn^  theils 
am  Mnskel  selbst  ^  theils  im  peripherischen  Nerven ,  theils  in  der 
Rückenmarks-  nnd  Himleitnng.  Er  halt  diese  Störungen  für  wesent- 
Uehe  Factoren  des  Schreibekrampfes.  —  Seiner  Meinung  nach  passt 
für  viele  Fälle  am  besten  die  Ansicht  ^  dass  es  sich  um  primäre  Er- 
müdung der  Muskeln  und  der  peripheren  Nervenbahnen  handle  (chro- 
nische Ermttdung  von  Vivian  Poore)  und  dass  dieser  Störung  gegen- 
über eine  allmälige  Ausgleichung  gesucht  werde  durch  eine  secundäre 
Beschleunigung»  der  Nervenleitung.  —  Doch  scheint  uns  weder  die 
ELlarheit  der  erzielten  Untersuchungsergebnisse ,  noch  die  Zahl  der 
untersuchten  Fälle  gross  genug  zu  sein,  um  jetzt  schon  eine  Theorie 
der  Krankheit  in  diesem  Sinne  zu  begründen. 

Bei  dem  jetzigen  Stand  unserer  Kenntnisse  mnd  wir  wohl  am 
ehesten  bereditigt,  den  Sitz  der  typischen  Formen  des  Schreibe- 
krampfes  in  das  Gentralnervensystems  zu  verlegen,  wenn  wir  auch 
daftir  eine  genauere  LocaUsation  zu  machen  noch  nicht  im  Stande 
nnd.  Ob  in  der  grauen  Substanz  des  Halstheils  des  Rückenmarks 
oder  in  den  Stammgebilden  oder  endlich  in  der  grauen  Rinde  des  6e- 
bims  die  Ernährungsstörung  beim  Schreibekrampf  zu  suchen  ist, 
darüber  kann  erst  die  Zukunft  entscheiden. 

Die  Diagnose  dieser  Krankheitsform  ist  im  Allgemeinen  eine 
leichte.  Man  muss  sich  nur  vor  Verwechslung  mit  andern  Krank- 
heiten hüten,  welehe  ebenfalls  das  Schreiben  stören  können,  ohne 
jedoch  in  diese  Kategorie  zu  gehören.  Es  genüge,  hier  an  die  ver- 
schiedenen Formen  des  Tremor,  an  Chorea,  progressive  Muskel- 
atrophie, arthritische  Processe  u.  dgl.  zu  erinnern,  um  die  möglichen 
diagnostischen  Irrthümer  aufzuzeigen  nnd  ihre  Vermeidung  herbei- 
zuftihren.  Besonders  zu  beachten  sind  die  oft  unschembaren  Anfänge 
Sj^naler  und  cerebraler  Lähmungen,  die  sich  nicht  selten  zuerst  als 
Störungen  der  feineren  Bewegungen  und  speciell  des  Schreibens  dar- 
stellen, aber  bei  einiger  Aufmerksamkeit  in  der  Regel  wohl  in  ihrer 
wahren  Bedeutung  eriumnt  werden  können. 

Viel  Mühe  macht  oft  die  genauere  Feststellung  der  speciell  be- 
fallenen Muskelgebiete  und  der  Art  ihres  BefallenseiDS:  man  muss 
sehr  genau  und  eingehend  untersuchen,  die  Kranken  während  des 
Sehreibens  selbst  genau  beobachten,  alle  einzelnen  Muskeln  prüfen. 


330  ErB)  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

die  Schriftzttge  stadiren  u.  s.  w.  Besondere  Anfimerksainkeit  ist  auch 
auf  die  Ermittelung  des  ursprünglich  störenden  Moments  zu  riditei^ 
und  man  mag  sieh  glücklich  schätzea,  wenn  es  gelingt,  ein  solches 
in  Form  einer  Neuritis  oder  schmerzhafter  Narben  oder  anderer 
Reflexreize;  oder  in  schlechtem  Schreibmaterial  oder  dgl.  zn  ent- 
decken. 

Die  Prognose  des  Schreibekrampfes  (und  aller  ähnlichen 
Krankheitsformen)  ist  im  Durchschnitt  eine  wenig  günstige.  Sie  ist 
zum  mindesten  in  allen  Fällen  eine  zweifelhafte;  in  der  Mehrzahl 
der  Fälle  geradezu  ungünstig.  Völlige  Heilung  des  Uebels  ist  jeden- 
falls sehr  selten;  erhebliche  Besserung  und  Stillstand  auf  einem  ge- 
wissen Punkt  viel  häufiger;  in  einer  erheblichen  Anzahl  von  Fällen 
endlich  ist  jede  Therapie  wirkungslos ,  das  Uebel  schreitet  unauf- 
haltsam fort  und  macht  schliesslich  das  Schreiben  «ganz  unmöglieh. 
Natürlich  dürfen  die  Fälle ;  in  welchen  mit  dem  Unterlassen  des 
Schreibens  auch  der  Krampf  wegbleibt;  nicht  zu  den  gebesserten 
gezählt  werden.  Es  ist  klar;  dass  das  Leiden  bei  solchen  Personen, 
welche  durch  ihren  Beruf  auf  yieles  Schreiben  angewiesen  srnd,  yon 
einschneidendster  Wichtigkeit  fUr  Lebensunterhalt  und  gesellschaft- 
liche Stellung  werden  kann.  Solche  Kranke  sind  oft  genöthigt,  einen 
anderen  Beruf  zu  wählen.  —  Auf  das  Allgemeinbefinden  und  die 
Lebensdauer  ist  der  Schreibekrampf  in  der  Regel  ohne  jeden  Einfloss. 

Therapie.  Vor  allen  Dingen  ist  eine  ängstliche  ErffiUong:  der 
Causalindication  noth wendig  und  alles ;  was  auch  nur  entfernt  Hoff- 
nung auf  Erfolg  verspricht;  darf  nicht  unversucht  gelassen  werden. 
Von  grösster  Wichtigkeit  ist  natürlich  völliges  Aufgeben  oder  doch 
möglichste  Beschränkung  des  Schreibens  (resp.  Klavierspielens, 
Nähens  etc.).  In  frischen  und  leichten  Fällen  genügt  das  allein  oft 
schon;  um  in  1—2  Monaten  Heilung  herbeizuführen.  Allein  es  mnss 
auch  in  allen  andern  Fällen  mit  möglichster  Strenge  durchgeführt 
werden ;  leider  ist  diess  der  Verhältnisse  wegen  nicht  immer  möglich. 
Kranke;  welche  bei  einigermassen  hartnäckigem  Leiden  sich  nicht 
mehrere  Monate,  ein  halbes  oder  selbst  ein  ganzes  Jahr  vom  Schreibai 
lossagen  können ,  haben  schon  von  vornherein  wenig  Hofifhnng  aof 
Genesung.  —  Ausserdem  darf  man  nicht  versäumen;  durch  den  Ge- 
brauch von  guten;  weichen  FederU;  von  passenden  Federhaltern  (dicke 
Halter  von  Kork  habe  ich  recht  nützlich  gefunden)^  durch  Verbesse- 
rung der  Schreibmethode  Erleichterung  des  Schreibens  herbeiiu- 
führen. 

Von  den  eigentlichen  therapeutischen  Agentien  ist  jeden&lls  die 
Elektricität  das  wichtigste  und  wurksamste.    Sie  hat  eine  Bdhe 


Schreibekrampf  und  ähnliche  Krampf  formen.  331 

gtinstiger  Erfolge  aufzuweisen;  besonders  in  leichtem  und  frischen 
FUlen.  Bei  eingewurzelteren  Fällen  lässt  sie  aber  auch  häufig  genug 
Yöllig  im  Stich.  Doch  mag  diess  in  einem  Theil  der  Fälle  vielleicht 
Schuld  einer  unrichtigen  Methode  sein. 

Der  faradische  Strom  scheint  wenig  wirksam  zu  sein  und 
sich  nur  bei  localen  Lähmungen  einzelner  Muskeln,  bei  vorhandener 
Anästhesie  oder  Hyperttothesie  ntttzlich  zu  erweisen.  Einzelne  haben 
damit  Erfolge  erzielt  (M.  Meyer,  Zuradelli).  Je  nach  den  vor- 
liegenden Umständen  bentltze  man  die  locale  Faradisation  der  Nerven 
und  Muskeln  oder  die  cutane  Faradisation  mittels  des  elektrischen 
Pinsels.  Bei  den  rein  spastischen  Formen  sieht  man  manchmal  Ver- 
schlimmerung nach  der  Faradisation  eintreten. 

Dagegen  hat  der  galvanische  Strom  viel  häufiger  entschie- 
denen Erfolg  aufzuweisen.  Man  kann  das  häufig  direct  an  der 
während  des  Oalvanisirens  oder  nach  demselben  eintretenden  und 
verschieden  lange  anhaltenden,  auffallenden  Verbesserung  der  Hand- 
schrift constatiren.  Ich  habe  mich  davon  in  verschiedenen  Fällen 
auis  bestimmteste  überzeugt,  kann  jedoch  nach  meinen  bisherigen 
Beobachtungen  nicht  angeben,  dass  eine  Qalvanisationsmethode  wirk- 
samer gewesen  wäre,  als  die  andere;  wo  die  Wirkung  überhaupt 
eintrat,  war  sie  bei  den  verschiedenen  Applicationen  (am  Arm  und 
Nacken)  nahezu  die  gleiche.  Burckhardt  will  die  elektrische  Be- 
handlung nach  den  Ergebnissen  der  physiologischen  Untersuchung 
der  Leitungsbahnen  bestimmt  wissen,  gibt  jedoch  keine  Details  und 
keine  genaueren  Indicationen. 

Es  lässt  sich  annehmen,  dass  nicht  in  allen  Fällen  die  gleiche 
Behandlungsmethode  zum  Ziele  führen  wird ;  man  wird  in  der  Regel 
verschiedene  Methoden  —  und  mit  Ausdauer  —  probiren  müssen. 
Es  herrscht  unter  den  Angaben  der  Elektrotherapeuten  bezüglich  der 
zweckmässigsten  Methode  bisher  noch  keine  Uebereinstimmung.  Beim 
jetzigen  Stand  unserer  Kenntnisse  dürfte  es  am  zweckmässigsten 
sein,  die  Halswirbelsäule  mit  aufsteigenden  stabilen  und  labilen 
Strömen  zu  galvanisiren  und  damit  die  periphere  Galvanisation  der 
vorwiegend  befallenen  Nerven-  und  Muskelgebiete  des  Arms  zu  ver- 
binden. (Von  günstigem  Erfolge  schien  mir  auch  in  mehreren  Fällen 
die  Cralvanisation  quer  und  längs  durch  den  Kopf  zu  sein.)  In  den 
einzelnen  Fällen  wird  diese  Methode  mannichfache  Modificationen 
zu  erleiden  haben,  die  sich  aus  allgemeinen  elektrotherapeutischen 
Grundsätzen  ergeben.  MoritzMeyer  fand  die  stabile  Einwirkung 
der  Anode  auf  die  schmerzhaften  Druckpunkte  der  Wirbelsäule  in 
einer  Reihe  von  Fällen  ganz  besonders  wirksam.    Meist  schwinden 


332  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

bei  der  Galvanisation  die  Schmerzen  und  das  Müdigkeitsgeftlhl  rasch, 
während  die  Besserung  im  Schreiben  selbst  viel  länger  anf  sidi 
warten  lässt  und  oft  ^Uizlich  ausbleibt.  Immer  muss  die  galvanische 
Behandlung  lange  Zeit  —  mindestens  mehrere  Monate  —  fortgesetzt 
werden;  Sitzungen  3 — 6 mal  wöchentlich;  Ströme  nicht  zu  stariL! 

Bei  Neuritis  oder  ähnlichen  ursächlichen  Momenten  ist  der  gal- 
vanische Strom  ebenfidls  Hauptheilmittel.  Manche  meiner  Kranken 
haben  von  dem  längeren  (täglich  mehrere  Stunden)  oder  anhaltenden 
Tragen  eines  einfachen  galvanischen  Elements  am  Arme  wesentliche 
Erleichterung  er&hren.  (Nach  G  i  n  i  s  e  1 1  i :  eine  Zink-  und  eine  Knpfer- 
plattC;  durch  übersponnenen  Draht  miteinander  verbunden  imd  an 
bestimmten  Stellen  des  Körpers  aufgelegt;  etwas  feuchte  Leinwand 
darunter.) 

Wo  die  elektrische  Behandlung  im  Stiche  lässt,  ist  von  anderen 
Mitteln  noch  weniger  zu  erwarten.  Doch  kann  man  als  Unter- 
sttttzungsmittel  ftir  die  elektrische  Cur  mancherlei  anwenden:  Gym- 
nastik, Massiren,  Gebrauch  von  tonischen  und  nervenstärkenden  IGt- 
teln,  unter  welchen  Gebirgsreisen  und  der  Gebranch  einer  leichten 
Kaltwassercur  obenan  stehen.  —  Von  dem  Gebrauche  der  Nervina 
und  Antispasmodica,  von  den  Narcoticis  wird  man  wenig  zu  erwarten 
haben,  sie  aber  doch  in  der  Verzweiflung  oft  genug  anwenden.  Das 
Strychnin  hat  viele  Lobredner  gefunden;  Rossander  heilte  einen 
Fall  durch  <]!ombination  von  Massage  nnd  Strychnimnjection^. 
Vance  Reuben  empfiehlt  Injectionen  von  Atropin,  etwa  drei  mal 
wöchentlich.  0.  Berger  hat  beide  Mittel  ohne  Erfolg  angewendet 
—  Bäder,  Gegenreize,  spirituöse  und  narkotische  Einreibungen  xl  dgl. 
sind  fast  immer  erfolglos. 

In  verzweifelten  Fällen  bedienen  sich  viele  Kranke,  wenn  anch 
selten  mit  Erfolg,  mechanischer  Htllfsmittel.  Am  einüeu^hsten 
ist  es  noch,  wenn  man  die  Feder  durch  einen  Kork  oder  ein  Sttt^ 
Holz  steckt;  oder  wenn  man  sie  mittelst  eines  Ringes  am  Zeige- 
oder Mittelfinger  befestigt  Aber  man  hat  auch  mit  complicirtereo 
Maschinen  den  einzelnen  krampfhaften  Bewegungen  entgegenzuwirken 
gesucht;  meist  ohne  Erfolg.  Spedell  gegen  die  paralytische  Form 
werden  solche  Vorrichtungen  natttrlich  gar  nichts  ntltzen.  —  Feste 
Umwickelung  des  Handgelenkes  mit  einer  schmalen  Binde  oder  mit 
Heftpflasterstreifen  erleichtert  manche  Kranken  (Tuppert). 

Als  letztes  Mittel  hat  man  endlich  die  Tenotomie  der  vom 
Krampf  befallenen  Muskeln  empfohlen.  Nachdem  Stromeyer  in 
einem  Fall  mit  Durchschneidung  der  Sehne  des  Flexor  pollicis  longos 
Heilung  erzielt  hatte,  haben  Dieffenbach,  Langenbeck  u.  A 


Krampf  der  Lumbal-  oad  Sacralneryen.  333 

die  TeDotomie  mehrfach  ohne  jeden  Erfolg  angewendet;  Tnppert 
hat  es  sich  nicht  Yerdriessen  lassen,  bis  zn  50  (!)  Tenotomien  an 
einem  Arm  zn  machen,  ohne  dadurch  Besseres  als  „Besserung''  zn 
erzielen.  —  Es  ergibt  sich  schon  aus  unseren  heutigen  Anschauungen, 
dass  die  Tenotomie  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  absolut  nichts  helfen 
kann,  und  dass  sie  höchstens  da  erlaubt  ist,  wo  wirklich  ganz  localer 
Krampf  in  dem  einen  oder  anderen  Muskel  besteht. 

Die  Behandlung  der  übrigen  Beschäftigungsneurosen,  die  wir 
oben  aufgezählt  haben,  hat  ganz  nach  denselben  Grundsätzen  zu  ge- 
schehen. 


f.  Krampf  im  Gebiet  der  Lumbal-  und  Sacralnerven. 

(Plexus  lumbalis  und  sacralis.) 

Romberg,  L  c.  —  A.  0.  Jobert,  De  la  contract.  rhythm.  mascul.  inTO- 
lont  Clin.  Europ.  1859.  No.  17.  —  Remak,  Ueber  Spasm.  altemans  tranivers. 
BorL  kfin.  Wochenscbr.  18H4.  Ko.  10.  —  Erb.  GaWanoth.  Mittheil.  Arch.  f.  klin. 
Med.  HL  8.  350.  —  Beitter,  Contractur  d.  Adductoren  beider  Oberschenkel. 
Ztschr.  f.  Chir.  a.  Gebortk.  1S68.  —  Kussmanl,  Ueber  rheumat  ton.  Er&mpfe 
mit  Albnminarie  etc.  Berl.  klin.  Woch.  1871.  Ko.  42—44.  —  Dosteis,  Contrac- 
tare des extr^mit^ inf^r.  etc.  Joom.  de  m^d.  d.  Brux.  1872. Dec.  —  Dachenne, 
Lnpotence  fontionn.  et  spasm.  fonct  da  long  panier  lateral  Arch.  g^n^r.  1872. 
—  Electris.  local.  n.  ^d.  p.  1008.  —  Weir  Mitchell,  On  certain  painful  affec- 
tions  of  the  feet.  Philad.  med.  Times.  1872.  Noy.  — 

Isolirte  und  für  sich  bestehende  KiAmpfe  ibi  Muskelbereich  der 
unteren  Extremitäten  gehören  zu  den  grossen  Seltenheiten;  weder 
w^st  die  Literatur  darüber  eine  erhebliche  Casuistik  auf,  noch  auch 
kommen  diese  Krämpfe  in  ii^end  erheblicher  Zahl  dem  beschäftig- 
ten Pn^tiker  vor  die  Augen.  Was  man  davon  zu  sehen  bekommt, 
ist  meist  Theilerscheinung  der  verschiedenartigsten  ausgebreiteten 
Krampfformen  (Tetanie ,  Tetanus ,  Hysterie,  Chorea,  Epilepsie  etc.) 
und  wird  bei  diesen  abgehandelt,  oder  am  häufigsten  Symptom  ge- 
wisser centraler  (besonders  spinaler)  Erkrankungen,  auf  welche  wir 
dieserhalb  verweisen  müssen. 

Nur  Einiges  mag  hier  Erwähnung  finden;  es  kann  dies  ganz 
kurz  geschehen,  weil  wir  in  Bezug  auf  Aetiologie  und  Therapie  der 
aufzuzählenden  Krampfformen  ganz  auf  das  verweisen  können,  was 
bei  den  Krämpfen  im  Allgemeinen  und  bei  jenen  der  oberen  Extre- 
mitäten gesagt  ist. 

Stromeyer  hat  zuerst  die  sogenannte  „spastische  Con- 
tractur der  Hüfte""  beschrieben  und  sie  diagnostisch  besser  um- 
grenzen gelehrt.  Man  versteht  darunter  eine  krampfhafte,  tonische 
Contraction  des  Iliopsoas,  des  Quadratus  lumbomm  und  hier  und  da 


334  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

einzelner  Muskeln  an  der  Vorderseite  des  Obersehenkels.  Der  Ober- 
schenkel ist  im  Hüftgelenk  stark  gebeugt ,  die  Sehne  und  der  Hos- 
kelbauch  des  Iliopsoas  springen  stark  hervor,  das  Becken  erscheint 
auf  der  kranken  Seite  gehoben,  der  Fuss  verkürzt,  und  beim  Gehen 
sind  die  Kranken  nach  der  leidenden  Seite  gebeugt  Passive  Ex- 
tension ist  unmöglich  und  ruft  lebhaften  Schmerz  in  den  gespannt» 
Muskeln  und  häufig  auch  im  Knie  hervor.  —  Leiden  der  Lenden- 
wirbel, Psoitis  und  Psoasabscesse  rufen  am  häufigsten  direct,  Hfift- 
gelenksleiden  (Coxitis  und  Qelenkneurose)  dagegen  auf  reflectorisdiem 
Wege  diesen  Krampf  hervor. 

Krampf  im  Quadriceps  femoris  ist  im  Ganzen  selten;  der 
tönische  Krampf  desselben  ist  die  Ursache  der  starren  Streckung  des 
Kniegelenkes,  welche  bei  Tetanie,  bei  Kniegelenksneuralgie  u.  s.  w. 
beobachtet  wird ;  em  klonisches  Zucken  des  Muskels  sah  ich  in  einem 
Falle  von  Gelenkhyperästhesie  bei  jeder  Berührung  der  Kniescheibe 
eintreten.  —  A.  Eulenburg  beschreibt  in  seinen  Nervenkrankheiten 
(S.  700)  einen  klonischen  Krampf  des  rechten  Quadriceps,  der  bei 
jedem  Versuch  zu  gehen  oder  stehen  eintrat  und  durch  ElektridtiU 
geheilt  wurde. 

Contractur  der  Adductoren  beider  Oberschenkel  sah  Beitter, 
wahrscheinlich  entstanden  in  Folge  einer  doppelseitigen  rheumatischen 
Hüftgelenksentzündung.  Auch  als  Theilerscheinung  der  Tetanie  hat 
man  sie  gesehen  (Stich). 

Von  Krampf  in  den  Glutaeis  hat  Remak  einen  merkwürdigen 
Fall  beschrieben :  es  bestand  ein  rhythmischer,  synchronisch^  Krampf 
im  rechten  Arm  und  linken  Bein,  abwechselnd  mit  demselben  Krämpfe 
im  linken  Arm  und  rechten  Bein.  In  den  Beinen  bestand  der  Krampf 
in  einer  stossweisen  Contraction  der  Glutaei,  wodurch  während  dee 
Gehens  das  Bein  nach  hinten  gezogen  und  fixirt  ward. 

Krampf  in  den  Beugern  des  Unterschenkels  (Bicqifl 
femoris ,  Semitendinosus  und  Semimembranosus)  ist  nicht  selten  als 
starre  Contractur  bei  Hysterischen  oder  bei  Bückenmarksleiden  oder 
bei  Kniegelenksleiden  zu  beobachten.  Starre  Beugung  im  Kniegelenk 
ist  die  Folge  davon;  dieselbe  kann  so  weit  gehen,  dass  die  Ferse 
das  Gesäss  berührt,  active  Streckung  unmöglich,  passive  äusserst 
schwer  und  schmerzhaft  ist. 

Krampf  in  der  vorderen  Unterschenkelmusculatur  (im 
Gebiet  des  N.  peroneus)  kommt  ebenfalls  ziemlich  selten  vor;  ich 
sah  eine  solche,  das  ganze  Peroneusgebiet  betreflfende  Contractur 
in  Folge  einer  Paralyse  im  Tibialisgebiet  (Hackenfussstellnng).  "^ 
W.  Mitchell   beschreibt  eine  eigenthtlmliche  schmerzhafte  Con- 


Krampf  der  Lumbal-  und  Sacralnerven.  335 

tractar  im  Tibialis  anticas,  Peronejas  longus  und  Gastrocnemins,  die 
sich  bei  jungen  Leuten  naqh  längerem  Stehen  einstellen  und  zu  Fnss- 
difformitäten  führen  soll.  —  Duchenne  bespricht  in  eingehender 
Weise  den  Einfluss,  welchen  Krampf  des  Peroneus  longus  auf  die 
Entstehung  gewisser  KlumpfUsse  hat,  und  er  unterscheidet  hier  eiien 
Spasme  fonctionnel,  der  nur  beim  Gebrauch  des  Bemes  eintritt,  von 
der  dauernden  Contractur  des  Muskels;  beide  sind  leicht  von  einan- 
d^  zu  unterscheiden;  das  Nähere  gehört  jedoch  dem  Gebiete  der 
Chirurgie  an.  —  Jobert  de  Lamballe  berichtet  von  einer  merk- 
wBrdigen  rhythmischen  krampfhaften  Contraction  des  Peroneus  bre- 
yiSy  welche  mit  einem  hörbaren  Geräusch  verbunden  war,  wenn  die 
Sehne  des  contrahirten  Muskels  bei  der  Erschlaffung  wieder  in  ihre 
Lage  zurückschnellte.  Dieser  Krampf  war  durch  Erkältung  entstan- 
den und  zeigte  sich  zuerst  im  rechten,  später  auch  im  linken  Fuss, 
und  wurde  durch  die  Tenotomie  geheilt  0.  (Erinnert  an  die  seiner 
Zeit  viel  Au&ehen  erregenden  „ Klopfgeister "  in  der  Pfalz,  welche 
Schiff  durch  Nachweis  eines  ähnlichen  willkürlichen  Mechanismus 
entlarvte.) 

Krampf  der  Wadenmusculatur  (Gebiet  des  N.  tibialis)  ge- 
hört zu  den  häufigeren  Formen.  Sehr  gewöhnlich  ist  der  unter  dem 
Namen  ,,  Wadenkrampf '^  bekannte  Crampus  im  Biceps  surae  (s.  d. 
folg.  Abschnitt);  auch  bei  der  Tetanie  ist  Krampf  der  Wade  eine 
sehr  häufige  Erscheinung  (s.  Tetanie).  —  Contracturen  der  Wade 
sind  sehr  gewöhnlich  in  Folge  von  Peroneuslähmung,  von  Gelenk- 
leiden, Rttckenmarkserkrankungen  u.  s.  w.  und  rufen  den  Pes  equi- 
nns  hervor:  Ferse  stark  in  die  Höhe  gezogen,  Fussspitze  gesenkt, 
Zehen  flectirt  Bei  Ischias  sieht  man  nicht  selten  Wadenkrampf  — 
sei  es  durch  directe  Beizung  des  Nerven ,  sei  es  auf  reflectorischem 
Wege.  —  Bei  Kniegelenkshyperästhesie  sah  ich  ebenfalls  reflecto- 
rische  Zuckungen  in  der  Wade  eintreten. 

Mehr  oder  weniger  diffusen  Krampf  einer  ganzen  un- 
teren Extremität  oder  beider  zugleich  sieht  man  hier  und 
da  bei  Hysterie  auftreten;  ich  sah  starke  klonische  Zuckungen  des 
ganzen  linken  Beines  bei  einem  Epileptiker ;  der  Krampf  stellte  hier 
häufig,  jedoch  nicht  immer,  eine  Art  motorischer  Aura  dar.  Bei 
den  verschiedensten  Rttckenmarksleiden  sind  tonische  und  klonische 
Krämpfe  der  unteren  Extremitäten  sehr  gewöhnlich  und  sind  hier 
meist  als  gesteigerte  Reflexe  aufzufassen ;  sie  erscheinen  als  tonische 


1)  Einen  ganz  ähnlichen  FaU  hat  neuerdings  Concato  beschrieben.    Siehe 
Yirchow-Hirsch,  Jahresher.  f.  1873.  IL  S.  43. 


336  £bb^  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Beugungen  oder  Streckungen  der  Extremitäten,  häufig  auch  als  hef- 
tiges klonisches  Zittern  bei  gewissen  Stellungen;  bei  passiver  Dorsal- 
flexion  des  Fusses  u.  s.  w. 

Als  eine  eigenthttmliche  Form  rheumatischen  tonischen  Krampfes 
beschreibt  Kussmaul  ein  Leidra  beider  unteren  Extremitäten,  wel- 
ches sich  nach  lange  Zeit  vorausgegangenem  Reissen  im  reckten 
Bein  entwickelt  hatte  und  in  einer  starken  schmerzbaften  Streckiug 
des  ganzen  Beines  und  Fusses  bei  stark  flectirten  Zehen  bestand  und 
sieben  Tage  dauerte.  Zeitweilig  warra  auch  die  Nacken-  und  Btteken- 
muskeln  etwas  starr,  vorübergehend  audi  die  rechte  Schulter,  da- 
neben bestand  Albuminurie  und  reichliche  Schweissbildung.  Kuas- 
maul  eiiLlärt  dieses  Leiden  für  eine  von  der  Tetanie  verschiedene 
rheumatische,  intermittirende  Huskelstarre.  In  dieselbe  Kategorie 
gehört  wahrscheinlich  ein  Fall  von  Dosteis:  Bei  einem  9 jährigen 
Mädchen  entwickelte  sich  nach  einer  Uebermttdung  h^liger  Waden- 
krampf, der  sich  zu  einer  continuirlichen  Contractur  beider  Bdne  ans- 
bildete,  die  eine  paroxysmenweise  Steigerung  erfuhr:  nach  3tagiger 
Dauer  trat  Heilung  ein.  Es  deutet  wohl  alles  darauf  hin,  dass  diew 
rheumatischen  Krampfformen  ihren  eigentlichen  Sitz  inneiiialb  des 
Spinalkanals  haben,  und  es  wäre  wünschenswerth,  dass  auf  eme  Ver- 
mehrung der  Casuistik  dieser  eigenthtlmlichen  KrankheitsfäUe  ge- 
achtet würde*). 

lieber  die  Therapie  der  hier  aufgezählten  Erampfersoliei- 
nungen  brauchen  wir  uns  nicht  weiter  auszulassen ;  man  wiid  dabd 
nach  den  früher  wiederholt  angegebenen  Grundsätzen  verfahren: 
Erf&llung  der  Causalindication ;  faradische  und  galvanische  Behand- 
lung nach  den  bekannten  Methoden;  die  Anwendung  der  Nerrina 
und  Antispasmodica,  endlich  die  Tenotomie  und  Orthopädie  weiden 
je  nach  den  einzelne  vorliegenden  Formen  in  Anwendung  gezogen 
werden  können. 

Der  EussmauTsche  Fall  genas  unter  Applicatioii  von  SchrOpf- 
köpfen  auf  die  Wirbelsäule,  Darreichung  von  Sennalatweiige  nnd 
Vichywasser;  der  Fall  von  Dosteis  unter  Anwendung  von  Warm- 
wasserdämpfen und  Chinin.    S.  auch  die  Behandlung  der  Tetanie. 


1)  Die  vorwiegend  auf  die  unteren  Extremitäten  beschränkten  merkwOrdigfD 
Krampfformen,  die  unter  dem  Namen  des  •saltatorischen  Krampfes*  von  Bam- 
berger und  Guttmann  beschrieben  sind,  ebenso  wie  die  an  den  Fassen  auf- 
tretenden und  eine  Theilerscheinung  der  von  Hammond  neuerdings  aofgestditen 
„Athetosis''  bildenden  Krämpfe  sind  entschieden  centralen  Ursprungs  und  gMrea 
nicht  in  unser  Gebiet. 


Crampi.    Symptomatologie.  337 


g)  Crampi. 

Hasse,  Nenrenkrankh.  2.  Aufl.  S.  161.  —  Griesinger,  Infectionskrankh. 
2.  Aafl.  S.  421. 

Man  yersteht  darunter  vorttbergehende ,  tonische  Krämpfe;  die 
in  den  Terschiedenfiten  Eörpermoskeln  vorkommen  können,  sich-  meist 
ganz  aof  einzelne  Muskeln  beschränken,  sehr  schmerzhaft  sind,  immer 
nur  wenige  Minuten  anhalten,  sich  aber  manchmal  mehrfach  wieder- 
holen und  nur  selten  (z.  B.  bei  der  Cholera)  zu  sehr  belästigenden 
und  unangenehmen  Erscheinungen  werden. 

Ein  wahrer  Typus  dieser  Krampfform  ist  der  Jedermann  be- 
kannte 0  Wadenkrampf  ^:  ein  plötzlich  bei  einer  unvorsichtigen  Be- 
wegung oder  auch  spontan,  mitten  im  Schlafe  auftretendes  äusserst 
schmerzhaftes  Ziehen  in  der  Wadenmusculatur.  Der  Gastrocnemius 
ist  dabei  geschwellt,  bretthart,  seine  Conturen  treten  hart  und  scharf 
hervor ;  aber  auffallend  gering  ist  die  Verkürzung  der  Achillessehne, 
die  Hebung  der  Ferse  dabei.  Der  Schmerz  ist  äusserst  lebhaft,  der 
contrahirte  Muskel  bei  Druck,  Reiben  oder  passiver  Dehnung  recht 
empfindlich.  Nach  wenigen  Secunden  oder  Minuten  lässt  der  Elrampf 
und  mit  ihm  der  Schmerz  nach,,  häufig  bleibt  aber  schmerzhaftes 
Mttdigkeitsgeftihl  und  Empfindlichkeit  bei  Druck  ftir  emige  Zeit 
zurtlck.  Nur  in  seltenen  Fällen  tritt  Zerreissung  kleiner  Gefässe 
durch  den  Krampf  ein,  Bildung  von  Ekchymosen  und  schmerzhaften 
Anschwellungen,  die  sich  erst  nach  einiger  Zeit  verlieren.  —  Nicht 
selten  kehrt  der  Krampf  mehrmals  wieder,  kann  sich  sogar  häufig 
und  in  quälender  Weise  stundenlang  öfter  wiederholen,  dadurch  den 
Kranken  den  Schlaf  rauben  und  zu  einem  recht  unangenehmen  Uebel 
werden. 

In  ganz  ähnlicher  Weise  kommt  der  Krampf  auch  in  zahlreichen 
anderen  Muskeln  vor:  in  den  kleinen  Muskeln  der  Sohle,  im  Extensor 
hallucis  und  digitor.  longus,  in  den  Adductoren,  dem  Latissimus 
dorsi  und  Sacrolumbalis ,  in  den  Extensores  carpi,  dem  Platysma, 
Stemo-cl.-mastoideus  und  CucuUaris,  in  den  Rotatores  capitis  u.  s.  w. 

Weitaus  am  wichtigsten  aber  ist  das  Vorkommen  der  Crampi 
bei  der  Cholera  asiatica  (und  auch  in  schweren  Fällen  von  Cholera 
nostras) ;  sie  treten  hier  während  des  eigentlichen  Choleraanfalles  ein, 
zuerst  und  am  häufigsten  in  den  Waden,  dann  in  den  Schenkeln  und 
Zehen,  in  den  Armen  und  Fingern,  seltener  in  den  Qesichts-  und 
Bauchmuskeln ;  sie  sind  äusserst  schmerzhaft,  dauern  einige  Minuten, 
lassen  dann  nach  und  kehren  wieder  und  können  zur  grossen  Qual 

Handbacli  d.  spec.  Pathologie  a.  Therapie.    XIL  Bd.  1.    2.  Aufl.  22 


338  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

ftir  die  Kranken  werden.  Schultz  will  die  elektrische  Contractilität 
der  befallenen  Muskeln  erhöht,  das  Elektrisiren  derselben  sehr  schmerz- 
haft gefunden  haben. 

Aetiologie.  Am  häufigsten  ist  Ermttdung  und  Uebermttdung 
die  Ursache  der  Crampi,  und  es  ist  nichts  gewöhnlicher ,  als  dass 
Wadenkrampf  nach  einer  ttlchtigen  Bergpartie ,  nach  einer  durch- 
tanzten Nacht,  nach  starkem  Schwimmen  u.  s.  w.  entsteht ;  er  kommt 
dann  entweder  ganz  spontan,  z.  B.  in  der  Naeht,  oder  wenn  be- 
stimmte Bewegungen  mit  einiger  Anstrengung  ausgeführt  werden.  — 
Femer  sind  es  sehr  kräftige,  plötzliche,  in  unbequemer  Stellung  aus- 
geführte Bewegungen,  welche  leicht  C]:ampi  hervorbringen.  Bei 
manchen  Menschen  ist  das  bei  yerhältnissmässig  geringen  Willens- 
anstrengungen der  Fall;  sie  haben  eine  förmliche  Disposition  zu 
Crampis;  so  z.  B.  viele  ältere  Personen.  Auch  einzelne  Muskeln 
können  eine  bestinmite  Disposition  dazu  haben,  und  besonders  sind 
es  diejenigen,  in  welchen  der  Crampus  gerade  aufgetreten  ist,  welche 
dann  fllr  einige  Zeit  sehr  dazu  geneigt  sind. 

Ob  Druck  auf  Nervenstämme  und  Muskeln  im  Stande  ist,  Cram- 
pus hervorzurufen,  ist  zweifelhaft;  ebenso  scheint  uns  die  Angabe, 
dass  Störungen  der  Circulation,  venöse  Stauung,  Phlebektasie  u.  dgl. 
den  Crampus  leicht  hervorrufen,  nicht  hinreichend  begrtlndet  Auch 
mit  der  reflectorischen  Erregung,  die  man  gewöhnlich  vom  Darm 
(Darmkrankheiten,  Diarrhöen,  Helminthen)  ausgehen  lässt,  scheint 
es  nicht  so  ganz  sicher  zu  sein.  —  Speciell  bei  der  Cholera  wird 
der  „Reflexreiz  vom  Darme  aus''  wohl  das  Auftreten  der  Grampi 
nicht  in  genügender  Weise  erklären,  es  ist  vielmehr  viel  wahrschein- 
licher, dass  die  hochgradige  Veränderung  des  Blutes  und  dadurch 
secundär  die  Ernährungsstörung  in  den  Muskeln  die  eigentliche  Ur- 
Mche  der  Crampi  ist ;  sei  es  nun  die  durch  die  starke  Transsudation 
bedingte  Entwässerung  auch  der  Muskeln,  oder  sei  es  die  Stockung 
der  arteriellen  Blutcirculation ,  oder  die  Anhäufung  von  excremen- 
tiellen  Stoffen  in  den  Muskeln,  welche  die  eigenthttmliche  krampf- 
hafte Erregbarkeit  derselben  bedingt.  —  Einen  hartnäckigen  und 
heftigen,  allnächtlich  wiederkehrenden  Wadenkrampf  sah  ich  in  einem 
rapide  verlaufenden  Fall  von  Diabetes  bei  einem  älteren  Herrn. 
(Reichliche  Wasserausseheidung ?  Anhäufung  von  Zucker  im  Blut?) 
—  Auch  durch  starke  Faradisation  der  motorischen  Nerven  und 
Muskeln  kann  man  bei  vielen  Personen  leicht  Crampi  hervorrufen, 
besonders  in  den  Muskeln  der  unteren  Extremitäten. 

Das  eigentliche  Wesen  der  Crampi,  die  feinere  Art  und  Weise 
ihres  Zustandekommens  sind  noch  unbekannt.    Dieselben  von  einem 


Crampi.    Aetiologie.    Prognose.    Therapie.  339 

Beflexreiz  abzuleiten,  der  von  den  sensiblen  Muskelnerven  aasgebe, 
wie  Hasse  thnt,  scheint  uns  nicht  hinreichend  gerechtfertigt.  Jeden- 
falls aber  liegt  die  Annahme  nahe,  dass  es  sich  in  den  meisten 
Fällen  um  eine  in  der  Muskelsubstanz  selbst  gelegene  Veränderung 
und  zwar  um  eine  gesteigerte  Erregbarkeit  handelt,  und  wir  werden 
die  Annahme  machen  dürfen,  dass  ^JU'ch  starke  Ermtldung,  durch 
reichliche  Wasserentziehung,  durch  Störung  der  arteriellen  Blut- 
circnlation  u.  dgl.  eine  vorübergehende  Ernährungsstörung  in  den 
Muskeln  erzeugt  wird,  welche  sich  als  gesteigerte  Erregbarkeit  mani- 
festirt  und  bei  dem  geringsten  motorischen  (Willens-  oder  Reflex-) 
Beiz  zur  Entstehung  des  Crampus  ftlhrt.  Freilich  ist  dabei  nicht 
ausgeschlossen,  dass  auch  die  motorischen  Nerven  eine  ähnliche  Er- 
nährungsstörung und  Erregbarkeitssteigerung  erfahren  können.  — 
In  den  bei  gesunden  Muskeln  durch  heftige  Anstrengung  entstehen- 
den Crampis  wird  nur  die  einseitige  Zunahme  der  Beizstärke  als 
Ursache  zu  beschuldigen  sein. 

Die  Prognose  der  gewöhnlichen  Crampi  ist  meist  eine  günstige; 
doch  sind  dieselben  manchmal  bei  alten  Leuten  recht  hartnäckig 
und  kehren  häufig  wieder.  Die  Crampi  bei  der  Cholera  beeinflussen 
die  Prognose  dieser  Krankheit  nicht  in  nennenswerther  Weise. 

Eine  Therapie  dieser  Erampfform  wird  meist  als  überflüssig 
erachtet.  Die  meisten  Menschen  wissen  die  verschiedenen  Haus- 
mittelchen, mit  welchen  sie  sich  Erleichterung  verschaffen  können. 
Dahin  gehören:  absolute  Buhe  des  Muskels,  Reiben  und  Kneten 
desselben,  passive  Ausdehnung  desselben.  In  hartnäckigeren  Fällen 
mag  man  warme  Bäder,  spirituöse,  anästhesirende  und  narkotische 
Einreibungen  versuchen  lassen.  Auch  von  dem  galvanischen  Strom 
wird  man  mit  Nutzen  Gebrauch  machen  können. 

Gegen  die  Krämpfe  bei  der  Cholera  haben  sich  die  subcutanen 
Morphiumii\jectionen  am  nützlichsten  erwiesen ;  femer  Massiren,  Ein- 
reibung von  Chloroformliniment,  Abreibung  mit  gestossenem  Eis  u.  s.  w. 


h)  Tetanie. 

Steinheim,  Zwei  seltene  Formen  yon  hitzigem  Rheumatismus.  Hecker's 
Annal.  XYIL  1830.  —  Dance,  Sur  une  ^sp^ce  de  T^tanos  intermittent.  Arch. 
g^^.  1831.  Bd.  26.  —  Constant,  Sur  les  contract.  essentielles.  Gaz.  m6d. 
1832.  —  TessieretHermel,  Dela  contracture  idiopath.  etc.  Joum.  de  möd. 
1843.  __  Weisse,  Ton.  Krampf  d.  Finger  u.  Zehen.  Joum.  f.  Einderkr.  1844.— 
Marotte,  Observ.  d.  Contract  essent.  Joum.  de  m4d.  1845.  —  Delpech, 
M^m.  sur  les  spasm.  musc.  idiopath.  Paris  1846.  —  Trousseau,  Gaz.  des  höp. 
1845.  No.  87:  1851.  No.  128:  1856.  No.  72;  1860.  No.  44.  ~  Medic.  Klin.  d. 
Hotel  Dieu,  Peutsch  Yon  Culmann,  IL  S.  155.  1868.   —  Clemens,  Zur  Lehre 

22* 


340  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

von  den  Nervensympath.  (Schusterkrampf).  Zdtochr.  f.  rat.  Med.  X.  1851.  — 
Lncien  Corvisart,  De  la  t^tanie  cnez  l'adulte.  Paris  1852.  —  Raband, 
Recherch.  sur  Thist.  etc.  des  contract  des  ^xtr^m.  Paris  1857.  —  Ercole 
Ferrario,  Gaz.  med.  ital.  Lomb.  1857.  No.  36.  —  Fil.  Lussanna,  Sulla  con- 
trattura  reumatica.  ibid.  1857.  No.  34.  —  Hasse,  Nervenkrankh.  2.  Aufl.  1869. 
—  Kussmaul,  Ueber  rheum.  Tetanus  etc.  mit  Albuminurie.  BerL  klin.  Woch. 
1871.  No.  41—44.  —  Ueber  Tetanie,  ib.  1872.  No.  37.  —  Bauer,  Trousseau^t 
Tetanie?  —  Ergotismus?  —  ib.  1872.  No.  44.  —  Stich,  2  FiOle  von  Schnsterkr. 
Arch.  f.  klin.  Med.  XI.  S.  528.  187«.  —  Erb,  Zur  Lehre  von  der  Tetanie.  ArcL 
f.  Psych,  u.  Nerv.  IV.  1873.  —  Riegel,  Zur  Lehre  v.  d.  Tetanie.  Arch.  f.  kün. 
Med.  Xn.  1873  (siehe  daselbst  auch  vollständiges  Literaturverzeichniss).  —  F. 
Schnitze,  Ueber  einige  Fälle  von  Tetanie.  Berl.  klin.  Woch.  1S74.  No.  8.  — 
Simm,  Beitr.  z.  Lehre  von  der  Tetanie.  Diss.  Breslau  1874.  —  Bouchut,  Ns- 
ture  de  la  Tetanie.  Qbz.  des  h^p.  1875.  No. 58.  —  Th.  Langhans,  ZurCasuist 
der  RückenmarksiJfectionen  (Tetanie  u.  Lepra).  Yirch.  Arch.  Bd.  64.  S.  169.  1S75.  — 

Der  Name  Tetanie  wurde  von  L.  Corvisart  einer  eigenthfUn- 
lichen  und  nicht  gerade  seltenen  Krankheit  gegeben,  welche  in  pa- 
roxysmenweise  auftretenden  tonischen  Krämpfen  bestimmter  Moskel- 
gruppen  besteht.  Vorwiegend  sind  es  die  obem  Extremitäten  and 
zwar  Vorderarm  und  Hand,  seltner  die  unteren,  häufig  beide  zugleich, 
welche  von  dem  schmerzhaften,  mehr  oder  weniger  lange  anhalten- 
den aber  immer  intermittirenden ,  verschieden  häufig  wiederkehren- 
den und  einzelne  Muskel-  und  Nervengebiete  mit  Vorliebe  heim- 
suchenden Krämpfe  befallen  werden.  Leichte  sensible  Störungen 
pflegen  dabei  selten  zu  fehlen.  Häufig  schliesst  sich  der  Ej*ampf  an 
bestimmte  Beschäftigungen  und  Bewegungen  an,  darf  jedoch  durch- 
aus nicht  mit  den  coordiuatorischen  Beschäftigungsneurosen  ver- 
wechselt werden.  Er  tritt  fast  häufiger  noch  unabhängig  von  jeder 
Muskelanstrengung  auf,  nicht  selten  mit  Vorliebe  an  Feiertagen  und 
des  Nachts  —  wie  einige  Beobachter  bemerkt  haben. 

Die  Tetanie  hat  schon  eine  ziemlich  reiche  Literatur  aufzuweisen 
(welche  Riegel  in  vollständiger  Weise  zusammengestellt  hat)  und 
ist  besonders  von  französischen  Aerzten  vielfach  beobachtet  und  be- 
schrieben worden.  Die  erste  deutliche  Beschreibung  der  Krankheit 
jedoch  datirt  von  Steinheim  aus  dem  Jahre  1830.  In  Frankreich 
hat  Dance  im  Jahre  1831  die  Reihe  der  Publicationen  eröffisiet 
Leider  hat  es  fast  jeder  Autor  fttr  nöthig  gefunden,  der  Krankheit 
einen  eigenen  Namen  zu  verleihen,  so  dass  eine  verwirrende  FQlle 
von  Bezeichnungen  derselben  existirt.  Die  wichtigsten  derselben 
mögen  hier  kurz  angefbhrt  werden,  um  beim  Studium  der  einschla- 
genden Literatur  sich  einigermassen  zu  orientiren.  Dance  bezeich- 
nete das  Leiden  als  „  T^tanos  intermittent  ^.  Darnach  tauchten  zahl- 
reiche andere  Namen  auf:  „Contracture  essentielle^  (Constant), 
„Retractions  muscul.  spasmodiques*"  (Murdoch);  „Spasmes  mnscul. 
idiopathiques";  „Tetanie ^'(Lucien Corvisart);  „Tetanille"(Trous- 


Tetanie.    Begriffsbestimmong.    Aetiologie.  341 

8  e  a  a) ;  9  Brachiotonufi  rbeumaticus  "(Eisenmann);»  Schusterkrampf'' 
(Clemens);  „rheomatiscbe  Contractar '^ ;  tonischer  Beschäftigongs- 
krampf*  (Benedict);  auch  ein  Theil  der  sogenannten  » carpopedalen 
Krämpfe"  gehört  hierher.  Am  zweckmässigsten  ist  wohl  der  von 
Corvisart  eingeführte  und  fast  allgemein  adoptirte  Name  Tetanie. 

Aetiologie.  Eine  ganz  entschiedene  Prädisposition  zu  der 
Krankheit  liegt  in  verschiedenen  Altersstufen  und  Entwickelungszu- 
ständen.  Eine  nicht  geringe  Disposition  zeigt  das  frtlhe  Kindesalter, 
etwa  bis  zum  4. — 6.  Lebensjahre.  Dann  die  Zeit  der  Pubertät  und 
das  Jünglingsalter :  weitaus  die  Mehrzahl  der  Fälle  bei  Erwachsenen 
konmit  zwischen  dem  16.  und  30.  Lebensjahre  vor.  Ausserdem  sind 
es  besonders  die  Schwangerschaft,  das  Wochenbett  und  die  Zeit  der 
Lactation  (Gontracture  des  nourrices,  Trousseau),  welche  die 
Neigung  zum  Erkranken  an  Tetanie  beträchtlich  erhöben.  Die  Be- 
schäftigungsweise ist  jedenfalls  nicht  von  erheblichem  Einfluss :  man 
hat  zwar  die  Krankheit  als  „Schusterkrampf"  beschrieben  und  mit 
bestinmiten  Beschäftigungen  in  Zusammenhang  gebracht;  sie  kommt 
jedoch  bei  allen  möglichen  Handwerkern  vor,  und  schon  das  häufige 
Auftreten  bei  kleinen  Kindern  und  bei  Frauen  spricht  gegen  eine 
nähere  derartige  Beziehung. 

Unter  den  Qelegenheitsursachen  ist  wohl  die  wichtigste 
und  häufigste  die  Erkältung;  schon  die  von  vielen  Aerzten  ge- 
theilte  Auffassung  der  Krankheit  als  einer  exquisit  „rheumatischen" 
bekräftigt  diesen  Satz.  Besonders  wird  das  Arbeiten  in  nassen  und 
kalten  Bäumen,  viel  Häntiren  im  kalten  Wasser,  Schlafen  auf 
feuchter  Erde  u.  s.  w.  als  Ursache  sehr  oft  beschuldigt,  und  in 
manchen  Fällen  lassen  auch  gleichzeitige  Gelenkschwellungen  einen 
näheren  Zusammenhang  mit  wirklichem  Rheumatismus  erkennen. 

Die  Art  und  Weise  des  Zusammenhangs  der  Tetanie  mit  Ty- 
phus, Blattern,  Cholera,  Morbus  Brightü,  Intermittens,  erschöpfenden 
Diarrhöen  u.  s.  w.,  in  deren  Gefolge  sie  nicht  selten  auftritt,  ist  noch 
nicht  hinreichend  aufgeklärt  Diese  Krankheiten  mögen  in  vielen 
Fällen  prädisponirend ,  in  andern  als  directe  Ursachen  wirken.  — 
Auf  directem  Wege  scheint  Intoxication  mit  Seeale  comutum  (Ergo- 
tismus) die  Tetanie  hervorrufen  zu  können,  woftlr  die  Beobachtungen 
von  Bauer  sprechen;  auch  Moxon  hat  neuerdings  auf  die  Aehn- 
lichkeit  der  Tetanie  mit  dem  Ergotismus  aufmerksam  gemacht 

Eine  grosse  Wichtigkeit  scheint  gewissen  Einflüssen  zuzukommen, 
die  man  bis  auf  Weiteres  wohl  als  reflectorische  bezeichnen  kann, 
obgleich  wir  uns  eine  befiriedigende  Vorstellung  von  ihrer  Wirkungs- 
weise im  Einzelnen  noch  nicht  machen  können.    Hierher  gehören 


342  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

die  pathologischen  Erregangen,  welche  yon  gewissen  Entwickelongs- 
Vorgängen,  von  bestimmten  physiologischen  Processen  ausgehen:  so 
bei  der  Dentition,  der  Pubertät,  der  Schwangerschaft,  der  Lactation. 
Ganz  besonders  das  Säugegeschäft  scheint  in  auffallender  Weise  die 
Entstehung  der  Tetanie  zu  begünstigen,  so  dass  Trousseau  eine 
Zeit  lang  glaubte,  die  Affection  käme  nur  bei  stillenden  Frauen  vor. 

In  zweiter  Linie  sind  es  besonders  Darmreize  (Darmkrankheiten 
aller  Art,  Helminthen  etc.),  die  man  für  besonders  wirkungsvolle 
Ursachen  der  Tetanie  hält;  zahlreiche  Beobachtungen  sprechen  mit 
aller  Entschiedenheit  dafttr,  dass  besonders  langwierige  und  schi- 
ebende Diarrhöen  bei  Kindern  sowohl  wie  bei  Erwachsenen  auf- 
fallend häufig  von  Tetanie  gefolgt  sind.  Auch  ftlr  einen  cansalen 
Znsammenhang  mit  Helminthiasis  sprechen  mehrfache  überzeugende 
Erfahrungen. 

Endlich  sei  nicht  unerwähnt,  dass  n^an  auch  nach  psychischen 
Einflüssen,  heftigen  Gemüthsbewegungen  u.  dgl.  Tetanie  hat  auftreten 

sehen. 

Symptome.  Meist  gehen  dem  Ausbruch  des  Elrampfes  Vor- 
läufer und  zwar  vorwiegend  sensibler  Natur  voraus:  ein  eigenthüm- 
liches  Eriebeln,  Formication,  Ziehen,  Gefühl  von  Hitze  und  Kälte, 
manchmal  deutlicher  Schmerz  in  den  Vorderarmen  und  Händen. 
Weiterhin  zeigen  sich  leichte  Zuckungen  oder  Steifigkeit  in  einzelnen 
Fingern,  besonders  beim  Anfassen  von  Gegenständen ;  dann  tritt  mehr 
oder  weniger  rasch  der  Krampf  in  voller  Stärke  auf,  häufig  im  An- 
schluss  an  gewisse  Bewegungen  oder  stärkere  Anstrengungen.  Er 
besteht  aus  einzelnen  Anfällen. 

Der  Anfall  selbst  beginnt  gewöhnlich  mit  einem  raschen  Steif- 
werden ^  der  Hände  und  Finger,  vorwiegend  in  Beugestellung  und 
am  häufigsten  so,  dass  eine  eigenthümlich  konische  Stellung  der 
Hand  entsteht,  genau  so,  wie  bei  kräftiger  faradischer  Reizung  des 
N.  ulnaris:  Daumen  stark  adducirt,  die  beiden  Ränder  der  Hand 
einander  genähert,  die  3  letzten  Fmger  stark,  der  Zeigefinger  nur 
wenig  gebeugt,  alle  fest  an  den  Daumen  angelegt;  dabei  starke 
Flexion  des  Handgelenks  nach  der  Ulnarseite  hin.  Andere  Male  sind 
die  Finger  zu  einem  „Pfötchen^  fest  geschlossen  und  steif;  oder  es 
ist  Torwiegend  das  Medianusgebiet  befallen,  der  Daumen  eingeschla- 
gen und  von  den  krampfhaft  gebeugten  Fingern  fest  umschlossen; 
selten  tritt  starke  Dorsalflexion  der  Hand  ein.  Dabei  ist  der  Vor- 
derarm gewöhnlich  halb  gebeugt,  die  Oberarme  sind  stark  adducirt, 
und  die  Vorderarme  dadurch  über  dem  Epigastrium  gekreuzt.  — 
Es  besteht  lebhafter  Schmerz  in  den  starren  Muskeln,  dieselben  sind 


Tetanie.    Symptomatologie.  343 

prall  gespannt  und  ftthlen  sich  hart  an;  ihre  Spannung  erfährt  wäh- 
rend des  Anfalls  häufigen  Wechsel,  ohne  jedoch  ganz  nachzulassen. 
Sie  setzen  passiven  Ausdehnungsversuchen  grossen  Widerstand  ent- 
gegen, und  wenn  der  Zug  nachlässt,  kehren  sie  meist  wieder  in  ihre 
krampfhafte  Stellung  zurück.  In  vielen  Fällen  ergreift  der  Krampf 
dann  auch  die  untern  Extremitäten  und  versetzt  dieselben  gewöhnlich 
in  starre  Streckung:  das  Knie  wird  gestreckt,  die  Ferse  stark  in  die 
Höhe  gezogen,  die  Zehen  stark  flectirt.  Das  Gehen  ist  unmöglich; 
Schmerz  und  Empfindlichkeit  der  Muskeln  sind  gross;  es  ist  den 
Kranken  unmöglich,  irgend  welche  Arbeit  zu  verrichten.  Doch  kom- 
men an  den  untern  Extremitäten  auch  Beugekrämpfe  der  verschie- 
densten Art  vor. 

Nur  in  den  hochgradigsten  Anfällen  werden  auch  die  Rttcken- 
nnd  Nackenmuskeln,  noch  seltener  die  Bauchmuskeln  und  das  Zwerch- 
fell von  dem  Krampf  ergriffen;  am  seltensten  endlich  tritt  Starre  der 
Gesichtsmuskeln,  der  Zunge  und  der  Kaumuskeln  ein.  Dann  kann 
der  Anfall  einen  höchst  bedrohlichen  Charakter  annehmen,  und  be- 
sonders der  tonische  Zwerchfellskrampf  unmittelbare  Lebensgefahr 
bedingen.  Hier  und  da  hat  man  auch  Krampf  in  den  Augenmuskeln 
beobachtet. 

Nachdem  der  Krampf  so  einige  Minuten  oder  Viertelstunden, 
eine  oder  selbst  mehrere  Stunden,  selten  länger  als  einen  halben 
Tag  gedauert  hat,  löst  er  sich  allmälig',  hinterlässt  aber  ftlr  einige 
Zeit  eine  gewisse  Steifheit  und  Unbeweglichkeit  der  Muskeln,  eine 
schmerzhafte  Abgeschlagenheit  derselben.  Nach  verschieden  langer 
Pause  tritt  dann  wieder  ein  neuer  Anfall  ein.  Es  können  Tage  und 
Wochen  freier  Zeit  zwischen  2  Anfällen  liegen,  häufiger  aber  folgen 
sie  im  Laufe  von  Stunden  aufeinander,  wiederholen  sich  täglich 
mehrere  Male ;  nur  in  den  schwersten  Fällen  folgen  sie  so  rasch  auf 
einander,  dass  die  gequälten  Kranken  immer  nur  wenige  krampffreie 
Minuten  zwischen  den  Anfällen  haben. 

Aus  einer  grösseren  oder  geringeren  Beihe  solcher  Anfälle,  die 
sich  über  mehrere  Tage  oder  Wochen,  am  häufigsten  über  2—3  Mo- 
nate erstreckt,  setzt  sich  die  ganze  Krankheit  zusammen. 

In  den  Intervallen  fahlen  sich  die  Kranken  meist  ganz  wohl, 
können  herumgehen  und  ihre  Beschäftigungen  verrichten;  fast  immer 
jedoch  besteht  eine  gewisse  Muskelschwäche  und  verminderte  Leistungs- 
fähigkeit der  Glieder;  selten  Störungen  des  Allgemeinbefindens,  Fieber, 
belegte  Zunge  u.  dgl.  —  Die  Anfälle  selbst  kommen  häufig  ohne  jede 
nachweisbare  Veranlassung;  manchmal  vorwiegend  des  Morgens  beim 
Beginn  der  Arbeit,  andere  Male  des  Abends,  wenn  Ermtidung  ein- 


344  Ebb,  Kranklieiteii  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

tritt ;  reichlicher  Oennss  von  Spirituosen  befördert  ihr  Auftreten.  Sehr 
selten  gelingt  es,  sie  durch  Reflexreize  von  der  Haut  aus  hervorzn- 
rufen.  Dagegen  hat  Trousseau  zuerst  auf  ein  sehr  merkwürdiges 
und^  wie  es  scheint,  auch  sehr  charakteristisches  Symptom  aufmerksam 
gemacht,  welches  auch  in  den  Intervallen  das  Fortbestehen  der  Krank- 
heit erkennen  lässt.  Gomprimirt  man  nämlich  die  grossen  Nerven- 
oder  die  Arterienstämme  der  obem  ExtremitUten,  so  tritt  nach  1 — 2 
Minuten  in  der  betr.  Extremität  ein  regulärer  Tetanieanfall  ein,  der 
so  lange  anhält,  wie  der  ihn  bedingende  Druck.  Kussmaul  £Euid 
in  seinem  Falle,  dass  nur  Druck  auf  die  Arterie,  nicht  auch  Druck 
auf  die  Nerven  den  Anfall  auslöste.  An  den  untern  Extremitäten 
gelingt  die  Demonstrirung  des  ^  Trousseau'schen  Symptoms  *"  durch 
Druck  auf  die  Art  femoralis  oder  den  Nerv,  ischiadicus  weit  schwieriger. 
So  lange  die  Krankheit  noch  nicht  vollständig  erloschen  ist,  lässt  sich 
in  vielen  Fällen  dieses  Symptom  constatiren  und  es  bildet  dasselbe 
ein  wichtiges  diagnostisches  Kriterium,  doch  kann  es  auch  fehlen  und 
hat  wohl  nicht  die  absolute  pathognostische  Bedeutung,  die  ihm  von 
Simm  beigelegt  wird. 

Gegenüber  den  Erscheinungen  von  Seiten  des  motorischen  Appara- 
tes treten  die  Begleiterscheinungen  mehr  oder  weniger  in  den 
Hintergrund ;  ja  es  gibt  leichte  Fälle,  besonders  bei  robusten  kräftigen 
jungen  Leuten,  Handwerkern  u.  dgl.,  wo  dieselben  vollständig  fehl^. 
—  Gewöhnlich  aber  treten  besonders  in  der  sensiblen  Sphäre  deut- 
liche Erscheinungen  hervor;  so  zunächst  ausser  dem  Muskelschmerz 
auch  noch  reissende  Schmerzen,  die  dem  Verlauf  der  Nervenstämme 
folgen  und  sidi  bis  zur  Schulter  und  Hüfte  erstrecken  können.  Krie- 
beln,  Formication  u.  dgl.,  abnorme  Sensationen  leiten  die  Anfälle  ein 
und  begleiten  sie.  —  Nur  in  wenigen  Fällen  aber  hat  man  wirkliche 
Anästhesie  der  Haut  constatiren  können.  Auch  von  Muskelanästhesie 
wird  berichtet.  —  0.  Berger  (mitgetheilt  bei  Simm)  constatirte  in 
mehreren  Fällen  hochgradige  Schmerzhaftigkeit  der  Wirbeh^tole, 
spontan  sowohl  wie  bei  Druck  auf  die  Domfortsätze,  besonders  der 
oberen  Brustwirbel;  mechanische  sowohl  wie  faradische  oder  galva- 
nische Reizung  dieser  schmerzhaften  Partien  war  ebenfalls  im  Stande, 
die  Anfälle  hervorzurufen.  Röthung  und  ödematöse  Anschwellung 
der  Haut  um  die  Gelenke  ist  hie  und  da  gesehen  worden.  Con- 
gestionen  zum  Kopf,  Kopfschmerz,  Schwindel,  Ohrensausen  kommen 
selten  vor.  Allgemeinstörungen  sind  ebenfalls  selten ;  Fieber  massigen 
Grades  begleitet  schwerere  Fälle ;  Temperatursteigerung  hat  man  nur 
in  einzelnen  Beobachtungen  (Stich)  bisher  constatirt,  häufiger  eine 
gesteigerte  Pulsfrequenz,  Appetitlosigkeit,  belegte  Zunge.    Reichliche 


Tetanie.    Symptomatologie.    Elektrisches  YerhalteD.  345 

Schweisssecretion  ist  auf  der  Höhe  der  Anfälle  nicbt  selten.  —  Be- 
hindeniDg  der  Respiration  kann  durch  Krampf  des  Zwerchfells  und 
der  anderen  Respirationsmnskeln  eintreten.  Die  eigentlichen  Gehim- 
fonctionen  sind  fast  immer  vollkommen  frei.  —  Natttrlich  kann  das 
Krankheitsbild  anch  durch  alle  möglichen  Symptome  zu  Grunde  lie- 
gender Krankheiten  complicirt  werden. 

Elektrisches  Verhalten.  Von  gewisser  Bedeutung  scheint 
das  Verhalten  der  motorischen  Nerven  gegen  elektrische  Ströme  bei 
der  Tetanie  zu  sein.  Von  verschiedenen  Beobachtern  (Benedict, 
Kussmaul)  wurde  eine  gesteigerte  Erregbarkeit  derselben  constatirt 
Ich  selbst  habe  in  2  Fällen  die  elektrische  Erregbarkeit  nach  einer 
möglichst  exacten  Methode  wiederholt  untersucht  und  dabei  Folgen- 
des festgestellt:  Steigerung  der  faradischen  Erregbarkeit  in  sämmt- 
lichen  der  Untersuchung  leicht  zu^Uiglichen  motorischen  Nerven  des 
Rumpfes ;  nicht  dagegen  in  den  Verzweigungen  des  Facialis.  — 
Ebenso  eine  hochgradige  Steigerung  der  galvanischen  Erregbarkeit 
in  sämmtlichen  motorischen  Nerven  des  Körpers  mit  Ausnahme  des 
Facialis.  ^  Diese  Steigerung  der  galvanischen  Erregbarkeit  liess  sich 
—  ausser  an  dem  Missverhältniss  zwischen  der  Stärke  der  motorischen 
und  sensiblen  Reaction  —  erkennen  an  dem  frtlhzeitigen  Auftreten 
von  Kathodenschliessungszuckungen,  an  dem  Erscheinen  von  KaS- 
Tetanus  bei  unverhältnissmässig  geringen  Stromstärken  und  endlich 
aus  dem  (bisher  beim  Menschen  noch  nicht  beobachteten)  Auftreten 
von  Anodenöflhungstetanus  bei  ganz  massiger  Stromstärke.  Die  höchste 
Steigerung  der  Erregbarkeit  fiel  zusammen  mit  der  Zeit  der  ausge- 
sprochensten und  häufigsten  Tetanieanf alle ;  das  Seltnerwerden  der- 
selben fiel  zusammen  mit  einer  Abnahme  der  elektrischen  Erregbar- 
keitssteigerung; und  als  die  Krankheit  geheilt  war,  konnte  ein  der 
Norm  sich  näherndes  Verhalten  der  elektrischen  Erregbarkeit  con- 
statirt werden.  Es  konnte  somit  ein  deutlicher  Parallelismus  zwischen 
dem  Auftreten  des  Krampfes  und  der  Steigerung  der  elektrischen 
Erregbarkeit  nachgewiesen  werden,  und  es  liegt  nahe,  auf  einen 
causalen  Zusammenhang  beider  Erscheinungsreihen  zu  schliessen  und 
zu  prüfen,  ob  sich  daraus  nicht  bestimmte  Folgerungen  ftir  die  der 
Tetanie  eigentlich  zu  Grunde  liegende  Nervenstörnng  ergeben.') 


1)  Auch  in  mehreren  in  neuerer  Zeit  auf  der  Heidelberger  med.  Klinik  beob- 
achteten F&llen  wurde  regelmässig  eine  erhebliche  Steigerung  der  dektr.  Erreg- 
barkeit, besonders  in  den  Nerven  der  oberen  Extremität  constatirt. 

2)  WahrscheinUch  wird  die  exacte  elektrische  Untersuchung  ebenso  wie  das 
Trousse aussehe  Symptom  ein  Mittel  darbieten,  um  den  Zustand  der  «Latenz'' 


346  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Das  Wesen  der  Tetanie  kann  nämlich  offenbar  nicht  in 
gröberen  pathologisch-anatomischen  Veränderungen  gesucht  werden; 
hiergegen  spricht  mit  aller  Entschiedenheit  das  völlige  Freisein  der 
motorischen  Apparate  in  den  Intervallen  zwischen  den  Anfällen.  Es 
mttssen  hier  offenbar  feinere  Ernährungsstörungen  vorhanden  sein, 
welche  die  eigenthümlichen  ErampfanfäUe  bedingen.  Für  die  peri- 
pheren motorischen  Nerven  scheint  uns  nun  der  Beweis  für  die  wirk- 
liche Existenz  solcher  feineren  Ernährungsstörungen  durch  die  Er- 
gebnisse der  elektrischen  Untersuchung  geliefert  zu  sein;  eine  so 
hochgradige  Erregbarkeitssteigernng  können  wir  uns  nicht  anders, 
ajs  in  molecularen  Veränderungen  der  Nervensubstanz  begründet 
denken.  Es  erscheint  dann  in  der  That  nicht  allzu  gewagt,  wenn 
wir  das  Wesen  der  Tetanie  in  dieser  auf  feineren  Ernährungsstörun- 
gen beruhenden  hochgradigen  Steigerung  der  Erregbarkeit  der  moto- 
rischen Apparate  finden ;  und  wir  wtirden  das  Auftreten  der  Erampf- 
anfäUe immer  dann  zu  erwarten  haben,  wenn  irgend  welche  stärkere 
Reize  die  motorischen  Bahnen  treffen:  als  solche  Reize  können  wir 
den  Willenseinfluss  bei  den  verschiedensten  Muskelanstrengungen 
(„  Beschäftigungskrampf  ^),  psychische  Erregungen,  Reflexe  (z.  B.  beim 
Säugen,  bei  Darmkrankheiten,  bei  Helminthen  etc.)  u.  dgl.  betrachten. 
Das  periodische  Auftreten  des  Erampfes,  sein  Auftreten  zu  verschie- 
denen Zeiten  und  unter  verschiedenen  Umständen  lässt  sich  vielleicht 
zurückführen  auf  wechselnde  Emährungs-  und  Erregbarkeitszustände 
im  Nerven,  auf  die  Vorgänge  der  Ermüdung  und  Erschöpftmg  u.  s.  w., 
doch  haben  wir  über  den  feineren  Mechanismus,  dieser  Vorgänge  be- 
kanntlich nur  sehr  dürftige  Eenntnisse. 

Es  fragt  sich  nun  aber,  wie  weit  diese  Erregbarkeitssteigerung 
sich  in  den  motorischen  Nerven  erstreckt.  Es  ist  nicht  wahrschein- 
lich, dass  sie  auf  die  peripheren  Bahnen  beschränkt  ist,  vielmehr 
spricht  alles  dafür,  dass  die  Veränderung  sich  auch  auf  die  centralen 
Leitungsbahnen  erstreckt,  und  dass  wir  es  bei  der  Tetanie  mit  einer 
centralen  Erkrankung  zu  thun  haben.  Die  gleichzeitige  Verbrei- 
tung über  so  viele  Muskelgrnppen,  das  symmetrische  Befallenwerden 
derselben,  die  vorhandenen  Sensibilitätsstörungen,  die  grosse  Aehn- 
lichkeit  mit  dem  Tetanus  —  alles  diess  spricht  ftlr  einen  centralen 
Ursprung  des  Leidens.    Und  wieder  spricht  der  auffallende  Contrast, 


der  Krankheit  zu  erkennen:  jenen  Zustand,  wo  momentan  keine  Tetanie- Anf&Ue 
vorhanden  sind,  w&hrend  die  Krankheit  doch  noch  nicht  erloschen  ist  Die  fort- 
bestehende Steigerung  der  faradischen  und  besonders  der  galvanischen  Err^bar- 
keit  wird  diesen  Zustand  charakterisiren. 


Tetanie.    Wesen  der  Krankheit  347 

welcher  sich  in  einem  meiner  Fälle  zwischen  den  Rumpfiierven  und 
dem  N.  focialis  in  Bezng  auf  die  Erregbarkeitssteigefang  heransstellte, 
ftir  einen  spinalen  Ursprang  der  Krankheit.  Es  erscheint  somit 
nicht  nnwahrscheüilich  y  dass  die  der  Tetanie  zu  Grande  liegende 
EmährnngsstOrong  sich  aach  aaf  das  Rttckenmark  erstreckt,  and  dass 
sie  ebenfalls  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  nar  eine  feinere  und  im- 
palpable  ist.  Genauer  za  entscheiden,  ob  die  Erkrankung  des  Rücken- 
marks das  Primäre  und  die  Ernährungsstörung  (resp.  Erregbarkeits- 
steigerung) der  peripherischen  Nerven  nur  die  Folge  derselben  ist, 
oder  ob  es  sich  um  eine  gleichmässig  von  vornherein  über  die 
peripheren  und  spinalen  motorischen  Bahnen  sich  erstreckende  Er- 
krankung handelt,  ist  zur  Zeit  noch  nicht  möglich. 

Für  den  centralen  Sitz  der  Krankheit  hat  sich  auch  Kussmaul 
ausgesprochen,  gesttttzt  auf  das  in  seinem  Fall  beobachtete  Auftreten 
einer  leichten  Retinitis,  starrer  Contractur  der  Wadenmuskeln  und 
lähmungsartiger  Schwäche  in  den  untern  Extremitäten  nach  Ablauf 
der  Tetanie.  Auch  erwähnt  er  des  Befundes  einer  Myelitis  bei  einem 
jungen  Menschen,  der  einige  Wochen  nach  (geheilter)  schwerer' Tetanie 
an  den  Beinen  gelähmt  wurde.  —  Auch  die  spärlichen  Sections- 
befunde  in  den  wenigen  bisher  tödtlich  verlaufenen  Fällen  dienen 
zur  Bestätigung  dieser  Anschauung.  Trousseau  constatirte  Hyper- 
ämie der  Meningen  und  Erweichung  im  obem  Theil  des  Rücken- 
marks; Ferrario  will  in  mehreren  Fällen  Spuren  von  Entzündung 
des  Rückenmarks  und  seiner  Häute  gefunden  haben.  Bouchut 
constatirte  in  einem  neueren  Falle,  ebenso  wie  in  zwei  früheren  Fällen 
hochgradige  Hyperämie  der  Pia,  beschränkt  auf  die  Basis  des  Ge- 
hirns, die  Brücke  und  den  obem  Theil  des  Rückenmarks  und  er- 
klärt sie  für  die  wesentliche  Ursache  der  Krankheit.  Endlich  ist  es 
neuerdings  Langhans  gelungen,  in  einem  tödtlich  verlaufenen  Falle 
von  Tetanie  bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  eigenthümliche 
Veränderungen  an  den  Gefässen  in  der  weissen  Commissur  und  den 
Vorderhömem  zu  entdecken,  welche  höchst  wahrscheinlich  mit  der 
Tetanie  im  Zusammenhang  stehen.  Er  constatirte  eine  Art  von 
Periarteriitis  und  Periphlebitis,  eine  mehr  o(fer  weniger  ungleich- 
massige  Verdickung  der  Adventitia  mit  eingelagerten  Kernen,  Zellen, 
Blutkörperchen  und  Pigmentkömehen.  Diese  Veränderungen  waren 
im  höchsten  Grade  ausgesprochen  in  der  Halsanschwellung,  in  ge- 
ringerem Grade  in  der  Lendenanschwellung.  In  der  übrigen  Rücken- 
markssubstanz war  keine  Veränderung  nachzuweisen. 

Jedenfalls  ist  mit  dieser  Beobachtung  eine   werthvolle  Stütze 
fttr  die  oben  ausgesprochene  Vermuthung  eines  spinalen  Ursprungs 


348  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

der  Krankheit  gewonnen.  Aber  es  ist  klar,  dass  solehe  YeiSnde- 
rmigen  an  den  Gefässeh  oder  dem  interstitiellen  Gewebe  nicht  [die 
einzigen  sein  können,  sondern  dass  aach  an  den  motorischen  Appa- 
raten, den  Ganglienzellen  oder  Nervenfasern  selbst,  gröbere  oder 
feinere  Emähningsstömngen  vorhanden  sein  müssen.  Ob  die  ver- 
feinerte mikroskopische  Untersuchong  des  Rückenmarks  in  künftigen 
Fällen  diese  aufzuzeigen  im  Stande  sein  wird,  bleibt  abzuwart^. 

Der  Verlauf  der  Tetanie  ist  in  den  einzelnen  Fällen  ein  äos- 
serst  verschiedener  und  meist  ein  unregelmässiger;  sich  häufende 
Anfälle  wechseln  mit  selteneren  ab;  manchmal  wird  die  EranUeh 
auf  längere  Zeit  latent,  um  dann  auf  irgend  eine  Veranlassoiig  hin 
wieder  hervorzubrechen.  Von  den  leichtesten  bis  zu  den  schwersten 
Fällen,  wo  die  heftigsten  Anfälle  sich  Schlag  auf  Schlag  folgen,  gibt 
es  alle  möglichen  Uebergänge.  Immerhin  kann  man  mit  Tronssean 
drei  Grade  der  Krankheit  unterscheiden,  wenn  .man  auf  eine  scharfe 
Abgrenzung  derselben  verzichtet:  im  ersten  Grad  ist  der  Krampf 
auf  die  Extremitäten  beschränkt,  die  Anfälle  sind  nicht  sehr  häufig, 
Allgemeinerscheinungen  fehlen ;  im  zweiten  Grad  sind  auch  die  Rnmpf- 
muskeln  zum  Theil  ergriffen,  die  Anfälle  erreichen  grössere  Heftig- 
keit und  Frequenz,  es  sind  Zeichen  gestörten  Allgemeinbefindens:  all- 
gemeine Abgeschlagenheit,  Fieber,  Appetitlosigkeit,  profuse  Schweisse 
u.  dgl.  vorhanden;  im  3.  Grade  endlich  betheiligen  sich  aach  die 
Gesichts-  und  Kaumuskeln,  die  Respirationsmuskeln  und  das  Zwerch- 
fell an  dem  Krampf,  die  Anfälle  nehmen  einen  äusserst  bedrohlichen 
Charakter  an,  folgen  stürmisch  aufeinander,  und  die  Kranken  werden 
in  hohem  Grade  erschöpft;  das  Bild  der  Krankheit  erinnert  an  Tetanos. 

Die  Dauer  der  Krankheit  ist  selten  eine  kurze;  mit  wenig 
Tagen  ist  sie  nur  selten  beendigt;  meist  vergehen  Wochen  und  Monate, 
ehe  die  Krankheit  völlig  erlischt;  besonders  die  Periode  der  Latent 
kann  recht  lange  dauern  und  anscheinende  Becidive  sind  gewiss  oft 
nur  ein  Zeichen  davon,  dass  die  Krankheit  noch  nicht  völlig  abge 
laufen  war.  Das  Trousseau'sche  Symptom  wird  in  dieser  Rich- 
tung manchmal  wertbvoUen  Aufechluss  bringen,  ebenso  die  genaue 
elektrische  Untersuchung. 

Der  Ausgang  der  Krankheit  ist  gewöhnlich  ein  günstiger;  in 
weitaus  der  Mehrzahl  der  Fälle  tritt  völlige  Heilung  ein.  In  seltenen 
Fällen  bleibt  Parese  oder  Paralyse  der  Extremitäten  fttr  einige  Zdt 
zurück.  Der  Tod  wird  durch  Tetanie  nur  äusserst  selten  herbeige- 
fllhrt;  es  kann  dies  aber  gelegentlich  der  Fall  sein  durch  Zwerch- 
fellskrampf, allgemeine  Erschöpfung  oder  nachfolgende  spmale  Er- 


Tetanie.    Verlauf.    Ausgänge.    Prognose.    Diagnose.    Therapie.        349 

kranknngen;  besonders  bei  heruntergekommenen,  an  Diarrhöen  leiden- 
den Kindern  ist  ein  solcher  Ausgang  zu  flirchten. 

Daraus  ergibt  sieh  auch  einfach  die  Prognose  der  Krankheit. 
Sie  ist  im  Allgemeinen  sehr  gtinstig;  sie  wird  in  ungünstigem  Sinne 
beeinfluBSt  durch  grosse  Intensität  der  Anfälle,  lange  Dauer  des 
Leidens,  nachweisbare  Zeichen  ernsterer  centraler  Erkrankung, 
schlechte  Constitution  und  sehr  jugendliches  Alter  der  Kranken, 
schwere  Grundkrankheiten. 

Die  Diagnose  ist  auf  Grund  der  in  hohem  Maasse  charakte- 
ristischen Gruppirung  der. Symptome  leicht:  der  Sitz  und  die  Ver- 
breitungsweise des  tdtiischen  Krämpfe',  das  Befallensein  bestimmter 
Nervengebiete ,  die  charakteristische  Stellung  der  Extremitäten,  das 
intermittirende  Auftreten  der  Anfälle,  das  Trousseau'sche  Symptom, 
das  Fehlen  aller  Himstörungen  —  alles  diess  zusammengenommen 
wird  aber  die  Diagnose  der  Tetanie  kaum  einen  Zweifel  lassen.  — 
Nur  die  schwersten  Fälle;  in  welchen  Trismus  und  hochgradiger 
Krampf  der  Rumpfmuskeln  vorhanden  ist,  könnten  an  Tetanus  er- 
innern: jedoch  wird  hier  der  ganze  Verlauf  und  die  völlige  Inter- 
mission  der  Anfälle,  der  Beginn  des  Krämpfe  an  den  Extremitäten 
und  seine  centripetale  Verbreitung,  wobei  die  Kaumuskeln  zuletzt 
be&Uen  werden,  es  wird  das  Fehlen  der  gesteigerten  Reflexerreg- 
barkeit, die  Anwesenheit  des  Trousseau'schen  Symptoms  u.  s.  w. 
die  Tetanie  in  der  Regel  leicht  erkennen  lassen. 

Die  Therapie  kann  bei  der  grossen  individuellen  Verschieden- 
heit der  Einzelfälle  eine  äusserst  mannichfache  sein.  Zunächst  kann 
die  Causalindication  die  verschiedenartigsten  Maassnahmen  erfordern : 
bei  frischen  Erkältungen  kann  man  die  Diaphoretica  und  Antirheu- 
matiea  versuchen;  man  wird  in  andern  Fällen  Darmkrankheiten 
zu  bekämpfen,  Helminthen  zu  beseitigen,  marastische  und  Inanitions- 
zustände  zu  bekämpfen  haben;  das  tonisirende  und  nervenstärkende 
Verfahren  wird  vielfach  in  Anwendung  kommen  müssen  —  nach  den 
Grundsätzen  und  mit  den  Mitteln,  die  schon  mehrfach  erwähnt  sind.  — 

Gegen  die  zum  Ausbruch  gelangten  Krampfanfälle  hat  man  die 
allerverschiedenartigsten  Mittel  —  und  viele  mit  offenbarem  Erfolg 
—  angewendet.  In  erster  Linie  sind  die  Narcotica  und  Anae- 
sthetica  zu  nennen.  Besonders  das  Chloroform  hat  sich  viele  Ver- 
ehrer erworben,  theils  inhalirt  (bis  zur  Narkose  nach  Gri solle), 
tbeils  innerlich,  theils  in  Form  von  Linimenten  oder  Umschlägen 
äusserlich  applicirt ;  es  scheint  bei  energischer  Anwendung  entschieden 
zur  Milderung  der  Krämpfe  ]5eizutragen  —  jedoch  keineswegs  in 
allen  Fällen.    Auch  den  Aether  hat  man  in  ähnlicher  Weise  ange- 


350  Ebb»  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven« 

wendet.  —  Unter  den  narkotischen  Mitteln  dürften  die  Morphium- 
injectionen  wohl  den  Vorrang  behaupten.  Troassean  empfiehlt 
besonders  Opium  nut  Chinin.  Das  Chloralhydrat  wird  von  englischoi 
Beobachtern  gerühmt;  ebenso  von  Berger. 

Die  Elektricität  ist  bisher  nur  in  wenigen  Fällen  versacht, 
scheint  jedoch  weiterer  Anwendung  sehr  werth  zu  sein.  Obgleich 
von  Heilung  der  Tetanie  durch  cutane  Faradisation  und  Faradisation 
der  Antagonisten  der  contracturirten  Muskeln  berichtet  wird,  wird 
man  doch  a  priori  dem  galvanischen  Strom  eine  grössere  Wirksam- 
keit bei  dieser  Krankheit  zuerkennen,  umsomehr  wenn  sich  die  An- 
schauung von  der  Natur  des  Leidens  als  ein^s  centralen  weiterhin 
bestätigen  sollte.  Doch  ist  eine  genauere  Ausbildung  der  Behand- 
lungsmethode durch  weitere  Versuche  sehr  wünschenswerth.  Stich 
sah  von  au&teigenden  stabilen  Strömen  in  den  befallenen  Nerren 
günstige  Wirkung.  Ich  habe  in  einem  Falle  von  der  stabilen  An- 
wendung der  Anode  auf  die  Wirbelsäule  und  auf  die  hauptsächlich 
befallenen  Nerrenstämme  (ebenfalls  bei  aufsteigender  Stromesrichtnng) 
Heilung  eintreten  sehen,  muss  es  jedoch  unentschieden  lassen,  ob 
diess  eine  Folge  der  Behandlung  war.  Uebrigens  sieht  man  manch- 
mal nach  einer  einzigen  oder  wenigen  galvanischen  Sitzungen  die 
Ei^Unpfe  dauernd  schwinden. 

Von  Bädern  und  hydropathischen  Proceduren  kann 
man  meist  guten  Erfolg  erwarten.  Laue  Vollbäder,  warme  Armbäder 
mildem  oft  rasch  den  Anfall ;  dasselbe  wird  von  den  Ealtv^asserein- 
wicklungen  der  Extremitäten  behauptet  (Wilks,  Bitchie).  Ab- 
reibung des  Kückens  mit  Eis  erwies  sich  in  einem  schweren  Falle 
nützlich.  Trousseau  erwähnt  dasselbe  vom  Eintauchen  der  Hände 
in  kaltes  Wasser  oder  vom  Herumspazieren  mit  blossen  Füssen  auf 
kaltem  Boden. 

Von  den  Nervinis  scheint  besonders  das  Bromkalium  grosses 
Vertrauen  zu  verdienen ;  man  gebe  grosse  Dosen  kurz  hintereinander 
(2,0  stündlich,  Haddon).  —  Auch  Arsenik,  Zinc.  valerian.,  Casto- 
reum,  Asa  foetida  etc.  können  Anwendung  finden.  Doch  wird  man 
selten  zur  Entfedtung  eines  grossen  arzneiUchen  Apparates  genötfaigt 
sein,  da  die  Krankheit  ja  meist  einen  günstigen  Verlauf  nimmt 

Oertliche  oder  gar  allgemeine  Blutentziehungen  wird  man  heut- 
zutage wohl  nur  unter  ganz  besonderen  Umständen  anwenden;  viel- 
leicht können  örtliche  Blutentziehungen  und  Ableitungen  an  der 
Wirbelsäule  nützlich  sein. 

Das  diätetische  Verhalten' wird  je  nach  den  vorliegenden 
Umständen  des  Einzelfalls  ein  sehr  verschiedenes  sein  müssen.   B^^ 


Contractoren.  351 


allen  Kranken  jedoch  wird  man  Buhe  der  erkrankten  Extremitäten, 
Vermeidung  jeder  Arbeit  und  Ueberanstrengong ,  jeder  Erkältung 
und  GemttÜisbewegung  nach  Kräften  herbeizuführen  haben. 


i.  Contracturen. 

Hasse,  1.  c.  S.  316.  —  A.  Eulenburg,  1.  c.  S.  611  u.  637.  —  Volk- 
mann, Pitha-Bülroth  Handb.  d.  Chir.  U.  2.  Abth.  S.  727.  1872.  —  Klin.  Vor- 
träge. No.  1.  1870.  —  Hueter,  Zur  Aetiol.  d.  Fusswurzelcontracturen.  Laugen- 
beck*s  Arch.  Band  IV.  —  Benedict,  1.  c.  —  Remak,  GaWanother.  1858.  — 
Hitzig,  Auffassung  einiger  Anomal,  d.  Mnskelinnervation.  Arcb.  f.  Psycb.  und 
Nery.  UL  1872.  —  Isid.  Straus,  Des  contractures.  Tb^se  de  Tagr^at.  Paris 
1875.  —  S.  auch  die  HandbQcber  d.  Gbirurgie  u.  Ortbopädie. 

Wir  können  eine  Erwähnung  der  Contracturen  nicht  ganz  um- 
gehen,  obgleich  sie  zum  grossen  Theil  nicht  als  wirkliche  Krampf- 
erscheinungen au&ufasseu;  sondern  auf  ganz  andere  Entstehungs- 
weisen  zurfickzuitthren  sind.  Die  Häufigkeit  des  Vorkommens  der- 
selben und  ihre  mannichfachen  Beziehungen  zu  nervösen  Krampf- 
und Lähmungszuständen  rechtfertigen  jedenfalls  eine  zur  allgemeinen 
Orientirung  dienende  Besprechung,  obgleich  sie  in  vielen  Fällen  meist 
secnndärer  und  symptomatischer  Natur  sind,  und  auch  ihre  prak- 
tische Bedeutung  wesentlich  auf  anderen  Gebieten  (Chirurgie  und 
Orthopädie)  liegt  Die  Conformität  der  Erscheinungsweise  der  auf 
die  verschiedenste  Art  entstandenen  Contracturen  lässt  es  zweck- 
mässig erscheinen,  sie  gemeinsam  abzuhandeln,  obwohl  ein  Theil 
derselben  entschieden  nicht  nervösen  Ursprungs  ist. 

Unter  „ Contractur "^  ganz  im  Allgemeinen  versteht  man  jede 
andauernde  Verkfirzung  der  Muskeln,  wobei  ihre  Insertions- 
ponkte  durch  im  Muskel  selbst  liegende  Kräfte  permanent  einander 
mehr  genähert  sind,  als  der  Mittellage,  der  Subelage  des  Muskels 
entspricht 

Die  Contracturen  lassen  sich  in  3  grosse  Gruppen  bringen: 
1)  solche,  welche  erst  secundär,  in  Folge  anderer  Erkrankungs- 
formen (Lähmungen,  Anchylosen  etc.)  entstehen.  Die  grosse  Mehr- 
zahl dieser  Gruppe  bilden  die  sogenannten  paralytischen  Con- 
tracturen. 2)  solche,  welche  durch  anatomische  Veränderungen 
des  Muskelgewebes  selbst  zustande  kommen (myopathische 
Contracturen)  und  3)  solche,  welche  durch  abnorme  Innervation, 
abnorme  Reizung  der  motorischen  Nerven  hervorgerufen 
werden  (neuropathische  Contracturen). 

Die  erste  Gruppe  umfasst  beinahe  ausschliesslich  Fälle,  welche 
in  Folge  von  Lähmungen  aller  Art  zu  Stande  gekommen  sind.    Es 


352  Ebb,  Erankheüen  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

werden  dann  die  Antagonisten  der  gelähmten  Moskeln  von  der  Con- 
tractur  befallen ;  sie  gerathen  in  eine  allmälig  zunehmende,  danemde 
Verktlrzung,  welche  anfongs  noch  leicht  durch  Gegenzug  überwunden 
werden  kann,  endlich  aber  ganz  fest  und  unausdehnbar  wird.  — 
Es  können  aber  auch  in  völlig  gelähmten  Muskeln,  begünstigt  yon 
rein  mechanischen  Bedingungen,  ganz  ähnliche  Contracturen  eintreten, 
wie  man  ^  besonders  bei  der  spinalen  Einderlähmung  häufig  beob- 
achtet In  beiden  Fällen  treten  in  den  Muskeln  Nutritionsstörung^i 
der  contractilen  Substanz  ein,  welche  sich  morphologisch  nicht  ge- 
nauer nachweisen  lassen,  und  durch  welche  die  Muskeln  die  Fähig- 
keit yerlieren,  sich  bis  zu  ihPer  normalen  Länge  ausdehnen  zu  lassen 
(einfach  nutritive  Verkürzung,  Volk  mann).  Die  davon  befiedl^en 
Muskeln  bleiben  bei  jugendlichen  Individuen  im  Wachsthum  zurück. 
Erst  im  späteren  Verlauf  tritt  Schwund  der  Muskelfasern,  Fettd^e- 
neration  derselben,  Bindegewebswucherung  und  Retraction  ein. 

Die  Entstehungsweise  dieser  Art  von  Contracturen  ist  dne 
ziemlich  einfache :  das  Wesentliche  dabei  bt  eine  häufig  wiederholte 
oder  andauernde  mechanische  Annäherung  der  Insertionspunkte  der 
Muskeln;  dieselbe  kommt  entweder  zu  Stande  durch  active,  will- 
kürliche Contraction  der  Antagonisten  gelähmter  Muskeln,  welche 
bei  jeder  Willensanstrengung  sich  verkürzen,  ohne  nachher  durch 
die  gelähmten  Muskeln  wieder  ausgedehnt  werden  zu  kOnnen;  so 
wird  allmälig  ihre  Verkürzung  eine  dauernde;  oder  sie  entsteht  da- 
durch, dass  die  gelähmten  Glieder  nach  dem  Gesetz  der  Schwere 
und  der  Lage  ihres  Schwerpunktes  bestimmte  Stellungen  einnehmen, 
in  welchen  die  Insertionsstellen  bestimmter  Muskelgruppen  einander 
am  meisten  genähert  werden;  diese  gerathen  dann  allmälig  in  Con- 
tractur;  in  dieser  Weise  entsteht  besonders  der  so  häufige  Pes  equino- 
varus  bei  der  spinalen  Kinderlähmung.  Es  kommen  jedoch  hier 
wahrscheinlich  auch  noch  directe  Veränderungen  in  der  Muscnlatur 
—  eine  Art  bindegewebiger  Sklerose  der  Muskeln  —  hinzu,  weldie 
die  Fixation  der  Contractur  erleichtem.  —  In  dieser  Weise  kommen 
die  antagonistischen  Contracturen  bei  den  verschiedensten  Formen 
der  Lähmung,  besonders  bei  traumatischen  Lähmungen,  und  beson- 
ders die  so  überaus  häufigen  Contracturen  bei  der  spinalen  Einder- 
lähmung zu  Stande. 

In  ähnlicher  Weise  und  auf  Grund  derselben  Bedingungen 
(dauernde  Annäherung  der  Insertionspunkte)  können  solche  Contrac- 
turen auch  zu  Stande  kommen  bei  Gelenkkrankheiten,  Veränderungen 
der  knöchernen  G^lenkenden,  ihrer  Bänder  u.  s.  w.  Wenn  durch 
diese  Erkrankungen  die  Gelenke  dauernd  in  eine  bestimmte,  von 


Contracturen.  Entstehongswelse.  Myopath.  a.  nearopath.  Contractur.      353 

der  Mittellage  erheblich  abweichende  Stellang  gebracht  werden  (über-, 
massige  Beugung  oder  Streckung);  so  wird  dadurch  ein  Theil  der 
Muskeln  abnorm  verktirzt,  ihre  Insertionsstellen  werden  einander  ge- 
näherty  und  es  kann  sich  nach  und  nach  eine  Contractur  ausbilden; 
und  zwai*  sieht  man  das  nicht  selten  schon  nach  wenigen  Wochen 
oder  Monaten,  welche  das  Gelenk  in  der  falschen  Stellung  zuge- 
bracht hat.  Auch  einseitiger  Gebrauch  oder  Nichtgebrauch  be- 
stimmter Theile,  anhaltende  schiefe  Haltung  der  Wirbelsäule  u.  dgl. 
kann  durch  Vermittlung  der  übermässigen  Annäherung  der  Insertions- 
punkte  Muskelcontractnr  herbeiführen. 

Die  zweite  Gruppe  umfasst  die  myopathischen  Contrac- 
turen; auch  sie  können  in  mehrfach  verschiedener  Weise  entstehen. 
Immer  aber  ist  es  eine  anatomische  Veränderung  der  Muskelsubstanz 
selbst  9  welche  die  Contractur  bedingt.  Gewöhnlich  handelt  es  sich 
dabei  um  landegewebige  Induration  (Cirrhose  der  Muskeln)  mit  gleich- 
zeitiger Atrophie  und  theilweiser  Fettdegeneration  der  Muskelfasern. 
Es  sind  wohl  gewöhnlich  entzündliche  oder  den  entzündlichen  nahe- 
stehende Vor^UigC;  welche  diesen  Ausgang  nehmen:  so  die  Contrac- 
turen,  welche  in  Folge  traumatischer  Myositis  entstehen ;  die  in  Folge 
acut-rheumatischer  Muskelentzttndung  entstehenden  (rheumatischen) 
ContraetureU;  deren  anatomische  Grundlage  die  bindegewebige  Hyper- 
plasie im  Muskel,  die  „rheumatische  Schwiele.^  zu  sein  scheint;  ferner 
die  syphilitischen  Contracturen  und  wahrscheinlich  auch  die  satur- 
ninen Contracturen ;  endlich  auch  die  in  neuerer  Zeit  (besonders  von 
Mantegazza  und  mir)  eingehender  in  ihrer  Genese  verfolgten 
Muskelcontracturen ,  welche  sich  so  gewöhnlich  im  Gefolge  trauma- 
tischer Lähmungen  in  den  gelähmten  Muskeln  selbst  einstellen  (über 
die  histologischen  Details  s.  den  betr.  Abschnitt  bei  den  „  Lähmun- 
gen*'). Je  nach  der  ausbleibenden  oder  eintretenden  Wiederherstel- 
lung des  Nerveneinflusses  können  diese  Contracturen  bleibende  oder 
vorübergehende  sein;  sie  sind  besonders  deutlich  bei  traumatischen 
Lähmungen  der  Extremitäten  und  bei  schweren  Facialislähmungen 
zu  beobachten.  Diese  Lähmungen  haben  das  gemeinsame  und  charak- 
teristische Merkmal,  dass  bei  ihnen  die  Nerven  und  Muskeln  bei 
der  elektrischen  Untersuchung  die  von  mir  genannte  „Entartungs- 
reaction^  zeigen  (s.  d.  Capitel  über  Lähmungen).  —  Es  ist  wahr- 
scheinlich, dass  auch  bei  der  spinalen  Kinderlähmung  diese  Ent- 
stehungsart der  Contracturen  eine  gewisse  (wenn  auch  nicht  sehr 
bedeutende)  Bolle  spielt,  da  bei  dieser  Krankheit  gewöhnlich  ein 
Theil  der  gelähmten  Muskeln  ebenfalls  die  Entartungsreaction  zeigt. 

Bei  den  neuropathischen  Contracturen  ist   es   ein   die 

Handbnoh  d.  ipec.  Pathologie  n.  Therapie.  Bd.  XII.  1.  2.  Aafl.  23 


354  EsB^  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

motorisclien  Bahnen  treffender  Beiz,  welcher  die  dauernde  und  oft 
äusserst  hochgradige  Starre  und  Verkürzung  der  Muskeln  veranlasst. 
Dieser  Beiz  kann  an  verschiedenen  Stellen  auf  die  motorischen  Bah- 
nen einwirken,  von  verschiedenen  Seiten  her  denselben  zugeleitet 
werden.  1)  Können  periphere  Beiz^e  die  motorischen  Bahnen 
direct  treffen  und  die  Gontractur  hervorrufen :  das  sieht  man  bei 
Neuritis,  bei  Neuromen,  Fremdkörpern,  bei  Schussverletzungen  und 
ähnlichen  traumatischen  Läsionen  der  Nerven.  In  solchen  FUlen 
ist  die  Oontractur  streng  beschränkt  auf  das  Gebiet  der  gereizten 
Nervenfasern ;  fast  immer  sind  anderweitige  periphere  Erscheinungen 
noch  zugegen :  heftige  Neuralgien,  Formication,  Anästhesie  und  nicht 
selten  auch  Lähmung. 

2)  Können  periphere  sensible  Beize  auf  reflectorischem 
Wege  die  motorischen  Bahnen  erregen  und  Gontractur  hervomifen 
(Beflexcontractur).  Hierher  gehören  die  so  häufigen  Gontracturen, 
welche  in  Folge  von  schmerzhaften  Gelenkentzündungen,  von  Ge- 
lenkneuralgien, von  schweren  Fracturen  u.  dgl.  entstehen. 

3)  Endlich  sind  es  centrale  Beize  und  ganz  besonders  cere- 
brale Krankheitsvor^ge,  welche  wohl  die  häufigsten  Veranlassungen 
neuropathischer  Gontracturen  sind.  Hier  sind  vor  allem  zu  eriväh- 
nen  die  so  häufigen  Gontracturen  bei  Hemiplegischen,  ttber 
deren  'Entstehungsweise  noch  Meinungsverschiedenheiten  existu^n. 
Sie  treten  besonders  gerne  auf  bei  den  durch  Apoplexie  in  die  Cen- 
tralganglien  und  die  Grosshimhemisphären  entstandenen  Hemiplegien, 
kommen  aber  auch  bei  allen  möglichen  anderen,  irgendwie  bedingten 
hemiplegischen  Lähmungen  vor.  Sie  befallen  nur  die  gelähmte  Kör- 
perhälfte, und  zwar  sowohl  die  völlig  gelähmten,  wie  die  z.  Th. 
wieder  bewegungsfähigen  Muskeln.  Es  sind  besonders  gewisse  Mos- 
kelgruppen,  welche  mit  Vorliebe  von  den  hemiplegischen  Gontrac- 
turen befallen  werden:  an  der  oberen  Extremität  sind  es  besonders 
die  Beuger  und  zwar  mit  steigender  Intensität  gegen  die  Hand  zu; 
daher  die  charakteristische  Armstellnng  so  vieler  Hemiplegischen: 
Arm  an  den  Leib  gezogen,  Vorderarm  rechtwinklig  gebeugt,  Finger 
fest  geschlossen  und  nur  mit  der  grössten  Anstrengung  oft  zu  öflfnen. 
Man  kann  sich  jedoch  leicht  überzeugen,  dass  die  Gontractur  auch 
in  den  Streckern  nicht  vollständig  fehlt;  denn  hat  man  den  Arm 
mit  Gewalt  gestreckt  und  sucht  ihn  dann  zu  beugen,  so  setzt  jetzt 
der  Triceps  denselben  Widerstand  entgegen,  wie  vorher  der  Bieeps. 
An  den  unteren  Extremitäten  sind  es  theils  Beuger,  theils  Strecker, 
welche  contracturirt  erscheinen:  das  Knie  ist  steif  in  der  „Streck- 
stellung", Fuss  und  Zehen  dagegen  in  der  Plantarflexion  und  starker 


Gontaracturen.    Entstehoiigsweise.    Neuropath.  Contractor.  355 

Beugung.  —  Diese  hemiplegische  Contractur  tritt  gewöhnlich  erst 
einige  Zeit,  bald  früher,  bald  später  nach  der  Apoplexie  ein ;  sie  ist 
in  einem  Falle  stärker  ausgeprägt,  als  in  dem  anderen  und  kann  in 
einzelnen  FäUen  ganz  fehlen ;  das  hängt  offenbar  von  dem  Sitze  der 
Läsion  ab,  doch  wissen  wir  noch  nicht  hinlänglich  genau,  welche 
Himtheile  erkrankt  sein  müssen,  um  die  Contracturen  entstehen 
zu  lass^.  —  Die  Muskelstarre  verschwindet  gewöhnlich  während 
des  Schlafes  und  kehrt  nach  dem  Erwachen  nur  allmälig  wieder; 
sie  wird  durch  willkürliche  Bewegungen  fast  immer  gesteigert;  sie 
kann  fortbestehen,  wenn  auch  die  Lähmung  schon  wieder  bedeutend 
gebessert  ist,  und  wenn  die  Antagonisten  der  contracturirten  Muskeln 
schon  wieder  ziemlich  leistungsfähig  sind. 

Jedenfalls  ist  die  Entstehungsweise  dieser  hemiplegischen  Con- 
tracturen wesentlich  verschieden  von  der  bei  paralytischen  Contrac- 
turen, und  nur  selten  werden  die  diesen  letzteren  zu  Grunde  liegen- 
den Bedingungen  bei  der  hemiplegischen  Contractur  vorhanden  sein 
und  unterstützend  wirken.  Auch  von  einer  myopathischen  Verände- 
rung kann  nicht  die  Bede  sein:  histologisches  Verhalten,  Volumen 
und  elektrische  Erregbarkeit  der  Muskeln  bleiben  bei  Hemiplegien 
in  der  Begel  für  sehr  lange  Zeit  intact.  Es  handelt  sich  offenbar 
um  abnorme  Erregungen,  welche  die  motorischen  Bahnen  im  Cen- 
tralorgan  treffen.  Man  dachte  sich  gewöhnlich  die  Sache  einfach 
so,  dass  die  in  der  Umgebung  von  apoplektischen  Herden  auftreten- 
den secundären  entzündlichen  Erscheinungen,  Hyperämien,  Sklerosen 
u.  dgL  diese  Beizung  der  motorischen  Leitungsbahnen  vermittelten 
und  so  direct  die  Contracturen  hervorriefen.  Hitzig  hat  neuerdings 
durch  eine  Beihe  sehr  interessanter  Betrachtungen  zu  zeigen  gesucht, 
dass  es  sich  bei  den  hemiplegischen  Contracturen  um  einen  etwas 
verschiedenen  Entstehungsmodus  handle.  Er  fasst  die  Contracturen 
als  Mitbewegungen  auf,  welche  nur  eine  abnorme  Steigerung  der 
unausweichlich  alle,  auch  die  einfachsten  Körperbewegungen  beglei- 
tenden Mitbewegungen  darstellen.  Diese  Mitbewegungen  werden  an 
bestimmten,  von  den  Centren  der  Willenserregung  getrennten  Hirn- 
abschnitten erzeugt  und  associirt;  besteht  in  diesen  Partien  ein 
Beizungszustand,  so  werden  die  hier  eintretenden  WiUenserregungen 
zu  abnorm  gesteigerten  und  abnorm  vertheilten  Mitbewegungen,  zu 
Contracturen  führen.  Die  den  Willensreiz  weit  übertreffende  Dauer 
dieser  „ Mitbewegungen "  will  Hitzig  durch  eine  den  morphologi- 
sehen  Elementen  im  Verlauf  des  Krankheitsprocesses  allmälig  zuge- 
kommene Fähigkeit  erklären,  die  ihnen  gewordenen  Erregungen  über 
die  gewöhnliche  Dauer  hinaus  festzuhalten. 

23* 


356  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Mag  die  eine  oder  die  andere  Anschaunng  die  riebtige  sein, 
jedenfalls  werden  wir  für  die  hemiplegischen  Contractaren  zanäcbst 
abnorme  centrale  Beizungen  verantwortlicb  macben  rnttssen.  Man 
siebt  desbalb  aucb  Contractaren  auftreten  bei  allen  möglieben  cere- 
bralen Erkrankungen,  besonders  Herderkrankungen,  wenn  sie  ahn- 
liebe  centrale  Reizungen  benrorrufen;  so  bei  Encephalitis,  Himabs- 
cessen,  Hirntumoren,  Hirnsklerose,  bei  acuter  Meningitis  und  acutem 
Hyodrocepbalus  u.  s.  w.  Es  wird  von  dem  ^tz  und  der  Ausbreitung 
dieser  Störungen  abhängen,  ob  die  Contractur  auf  einzelne  Muskeln 
und  Muskelgruppen  beschränkt,  oder  ob  sie  mehr  verbreitet  ist,  ob 
sie  in  bemiplegiscber  Form  auftritt  oder  nicht  u.  s.  w.  Hieber  ge- 
hören wobl  auch  die  Gontracturen,  die  nach  manchen  Fällen  von 
Chorea  und  anderen  Neurosen,  die  bei  Hysterie  sich  finden;  nicht 
minder  ein  Theil  der  angeborenen  Contracturen ,  welche  mit  ange- 
borenen Erkrankungen  und  Missbildungen  des  Gehirns  zusammen 
vorkommen. 

In  neuerer  Zeit  gewinnt,  besonders  auf  Grund  der  Arbeiten  t<»i 
C  bar  cot  und  seinen  Scbttlem,  mehr  und  mehr  die  Ansiebt  Boden, 
dass  alle  oder  doch  die  mebten  bierhergebörigen  Contracturen  in 
erster  Linie  abzuleiten  seien  von  Veränderungen  des  Bttckenmarks 
und  zwar  von  jenen  yielstudirten  „secundären  Degenerationen*'  des- 
selben, welche  sich  im  Gefolge  so  vieler  Herderkrankungen  des  Ge- 
hirns einstellen.  Besonders  ist  es  die  secundäre  absteigende  De- 
generation der  Seitenstränge,  welche  man  als  die  Hauptursache  dieser 
Contracturen  betrachtet.  Siehe  das  Nähere  dartlber  in  Band  XI  bei 
den  Krankheiten  des  Gehirns  und  Btickenmarks;  vgl  auch  die  Arbeit 
von  J.  Straus. 

Aucb  bei  Erkrankungen  des  Bückenmarks  kommen 
nämlich  Contracturen  vor,  die  sich  vorwiegend  auf  die  unteren  Ex- 
tremitäten und  auf  die  Bumpfmuskeln  erstrecken  und  gewöhnlieh 
symmetriscb  auf  beiden  Seiten  erscheinen.  Ihre  Entstehung  ist  tbmls 
auf  directe  Beizung  der  motorischen  Zellen  und  Fasern  im  Bttoken- 
mark,  tbeils  auf  reflectorische  Beize  zurückzufahren.  Doch  auch 
hier  beobachtet  man  die  Contracturen  nicht  selten  als  Hitbewegungen, 
aucb  in  Muskeln,  die  dem  Willenseinfluss  ganz  oder  fast  ganz  ent- 
zogen sind.  Die  leichtesten  Grade  der  spinalen  Contracturen  werden 
als  I, Muskelspannungen''  bezeichnet  und  flihren  zu  einem  gewissen 
Widerstand  bei  passiven  Bewegungsversuchen,  wobei  sie  sich  durch 
Beflexreiz  erheblich  zu  steigern  pflegen.  In  den  höheren  Graden 
kommen  aber  auch  sehr  starke,  schwer  zu  überwindende  Contrac- 
turen vor.    C  bar  cot  bat  zuerst  wahrscheinlich  gemacht,  dass  die 


Gontractoren.    Symptome.    Therapie.    EJektricität.  357 

meisten  Ton  diesen  Gontractnren  zurttckzoftthren  seien  auf  degenera- 
tiye  nnd  entzündliche  Processe  an  den  Seitensträngen,  mögen  diese 
nmi  primärer  oder  secundärer  Weise  zu  Stande  gekommen  sein  nnd 
es  gelten  in  neuerer  Zeit  gerade  diese  Moskelspannungen  und  Con- 
tracturen  (neben  gesteigerten  Sehnenreflexen)  als  die  Hauptsymptome 
einer  die  Seitenstränge  betreffenden  Erkrankung.  Sie  kommen  yor 
bei  Meningitis  spinalis,  bei  den  verschiedensten  Formen  der  Myelitis 
bei  Compression  des  Rückenmarks,  bei  der  von  mir  zuerst  beschrie- 
benen spastischen  Paraplegie,  die  vermuthUch  auf  Seitenstrangsklerose 
zurttckzuftlhren  ist  u.  s.~w.;  bei  Hyst^schen  kommen  ebenfalls  Gon- 
tractnren spinalen  Ursprungs  vor. 

Auf  eine  genauere  Symptomatologie  der  Gontractnren  haben 
wir  hier  nicht  einzugehen.  Wir  yerweisen  in  dieser  Beziehung  auf 
die  Lehrbücher  der  Chirurgie  und  Orthopädie  und  auf  die  yerschie- 
denen  einschlägigen  Abschnitte  dieses  Werkes. 

£s  sei  hier  nur  erwähnt,  dass  das  Hauptsymptom  die  durch  die 
dauernde  Annäherung  der  Insertionspunkte  der  contracturirten  Mus- 
keln bedingte  Difformität  ist;  dass  das  straffe  Vorspringen  und  die 
Härte  des  contracturirten  Muskels,  die  Beschränkung  der  Bewegungen 
durch  seine  Antagonisten,  die  Aufhebung  der  passiven  Beweglichkeit 
in  bestimmter  Biphtung  u.  s.  w.  die  genauere  Bestimmung  des  Sitzes 
und  der  Ausdehnung  der  Gontractur  in  der  Regel  ermöglichen. 

Das  elektrische  Verhalten  der  contracturirten  Muskeln  er- 
gibt für  diese  keine  charakteristischen  Merkmale,  sondern  richtet 
sich  durchaus  nach  den  zu  Grunde  liegenden  Erkrankungen  und 
mag  bei  diesen  nachgelesen  werden  (s.  d.  Abschnitte  über  traumat 
Lähmungen,  spinale  Einderlähmung,  Hemiplegie,  Myelitis,  Seiten- 
strangsklerose u.  s.  w.). 

Die  Ausdehnbarkeit  der  Muskeln  hängt  zum  grössten  Theil  von 
den  im  Muskelgewebe  selbst  yorhandenen  Oewebsalterationen  ab; 
sie  wird  ceteris  paribus  um  so  geringer  sein,  je  älter  die  Gontractur 
isty  und  je  fortgeschrittener  Bindegewebsentwickelung  und  -Retrac- 
tion  und  Atrophie  der  Fasern  selbst  in  dem  Muskel  sind.  Es  ist 
bekannt,  dass  die  Ghlorofommarkose  ein  Vorzügliches  Hülfsmittel 
zur  Ermittelung  dieser  Verhältnisse,  sowie  überhaupt  zur  Diagnose 
der  Muskelcontracturen  ist. 

Die  Therapie  der  Gontractnren  hat  uns  ebeufalls  hier  nicht 
eingehend  zu  beschäftigen.  Sie  bildet  einen  Hauptgegenstand  der 
orthopädischen  Ghirurgie,  welche  mit  permanenter  Extension  (durch 
die  verschiedenartigsten  Verbände,  Lagerungsarten,  Apparate  und 
Maschinen),  mit  Tenotomie  und  forcirter  Extension  in  der  Ghloro- 


358  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

formnarkose,  mit  Heilgymnastik  u.  s.  w.  gegen  diese  Erkrankungen 
zu  Felde  zieht.  Es  seien  hier  nur  ein  paar  Worte  gestattet  über 
die  elektrische  Behandlung  der  Contracturen,  welche  in 
nicht  wenigen  Fällen  von  wesentlichem  Nutzen  ist. 

Gegen  die  paralytischen  Contracturen  ist  vor  allen  Dingen 
die  elektrische  Behandlung  der  zu  Grunde  liegenden  Lähmung  zu 
instituiren;  so  weit  diese  erfolgreich  ist,  wird  auch  die  Contractar 
beseitigt;  das  Nähere  s.  bei  den  betreff.  Erankheitsformen. 

Die  myopathischen  Contracturen  erfahren  —  ausser  in  ganz 
frischen  Fällen  —  nur  selten  eine  rasche  Besserung.  Doch  kann  man 
auch  in  hartnäckigen  Fällen  (z.  B.  bei  rheumat  TorticolUs  n.  dgL) 
noch  durch  eine  energische  und  läqgere  stabile  Einwirkung  der  Anode 
auf  den  Muskel,  ebenso  wie  durch  Stromschliessnngen  und  labile 
Einwirkung  der  Kathode  manchmal  erhebliche  Erfolge  erzielen.  Gegen 
die  frischen  rheumatischen  Formen  erweist  sich  der  galvanische  Strom 
ebenfalls  sehr  wirksam;  ebenso  aber  auch  der  faradische,  in  Form 
energischer,  cutaner  Faradisation.  —  Die  im  Gefolge  traumatischer 
und  ähnlicher  Lähmungen  eintretenden  myopathischen  Contracturen 
weichen  am  besten  der  Beseitigung  der  Lähmnngsursache  selbst; 
später  kann  man  durch  faradische  oder  noch  besser  labile  galvanische 
Reizung  die  Ernährung  der  Muskeln  bessern  und  die  Contractnr  so 
allmälig  beseitigen. 

Am  wirksamsten  ist  die  Elektricität  aber  gegen  die  neuropa- 
thischen  Contracturen.  Am  wenigsten  gilt  dies  von  den  Con- 
tracturen durch  directe  peripherische  Reize,  hier  hängt  alles  von  der 
Möglichkeit  ab,  den  Reiz  zu  entfernen;  vermag  dies  der  elektrisdie 
Strom,  so  wird  auch  die  Contractu*  beseitigt.  —  Dagegen  hat  Re- 
mak  bei  den  so  häufigen  Reflexcontracturen,  wie  sie  in  Begleitung 
und  im  Gefolge  von  Gelenkentzündungen  vorkommen  (und  bei  wel- 
chen es  sich  zum  Theil  wohl  auch  um  auf  den  Muskel  fortgeleitete 
Entzündung  handelt),  glänzende  Erfolge  mit  dem  galvanischen  Strom 
erzielt.  Die  beste  Methode  ist  Durchleitung  eines  starken  stabilen 
Stroms,  dann  einige  Unterbrechungen  desselben,  um  Muskelzuckungen 
zu  erzielen,  wodurch  die  Muskeln  am  besten  zur  Erschlaffung  ge- 
bracht werden  sollen.  (Dabei  natürlich  gleichzeitige  Behandlung  des 
erkrankten  Gelenkes.)  Auch  mit  dem  faradischen  Strom  kann  man 
ähnliche  Wirkungen  erzielen,  theils  durch  starke  locale  Faradisation 
der  Muskeln,  theils  durch  Faradisation  ihrer  Antagonisten  (Du- 
chenne). 

Schwieriger  zu  behandeln  sind  die  centralen  Contracturen; 
man  kann  die  periphere  und  die  centrale  Behandlung  gegen  dieselben 


Lähmang.  ^  359 

anwenden:  weitaus  die  wichtigere  ist  die  centrale  Behandlung^  und 
ich  habe  dauernde  Erfolge  überhaupt  nur  bei  der  centralen  Behand- 
lung (Qehim  und  Bttckenmark)  gesehen,  wenn  es  gelang,  das  centrale 
Leiden  zu  bessern.  Natürlich  kann  es  sich  hier  nur  um  centrale 
galvanische  Behandlung  handeln,  nach  den  Methoden,  welche  bei  den 
betreffenden  Eraukheiten  angegeben  sind.  Man  hat  mehrfach  bei 
Hemiplegischen  durch  ausschliessliche  Galvanisation  des  Kopfes  die 
Contracturen  sich  lösen  und  allmälig  verschwinden  sehen;  ebenso 
beobachtet  man  bei  Tabikem  und  Myelitikem  nicht  selten  durch 
Galvanisation  des  Bttckenmarks  Abnahme  der  Muskelspannungen  und 
Contracturen. 

Viel  vergebliche  Mtthe  hat  man  auf  die  peripherische  Behand- 
lung der  centralen  Contracturen  verwendet;  der  Erfolg  ist  meist  ein 
unbefriedigender;  die  Behandlung  erfordert  viel  Geduld  und  Ausdauer ; 
die  zweckmässigsten  Methoden  sind  folgende: 

a)  Faradisation  oder  labile  Galvanisation  der  Antagonisten  (Unter-  - 
Stützung  dieses  Verfahrens  durch  passive  Dehnung  der  contracturirten 
Muskeln  und  geeignete  Extensionsapparate). 

b)  Starke  Faradisation  der  contracturirten  Muskeln,  um  dieselben 
durch  Ueberreizung  zu  erschlaffen  (kann  zweckmässig  mit  a)  ver- 
l)unden  werden). 

c)  Starke  Galvanisation  der  Muskeln  mit  absteigend  stabilem 
Strome,  mit  nachfolgenden  zahlreichen  Stromunterbrechungen  (und 
dadurch  Muskelzuckungen);  dadurch  sollen  die  contracturirten  Mus- 
keln am  besten  zur  Erschlaffung  gebracht  werden  (Bemak). 

Nach  meinen  Erfahrungen  ist  diese  periphere  Behandlung  nur    « 
dann  einigermassen  nützlich,  wenn  es  gleichzeitig  gelingt,  das  cen- 
trale Leiden  der  Besserung  entgegenzufahren. 

Es  braucht  wohl  nicht  hinzugefügt  zu  werden,  dass  die  elektrische 
Behandlung  in  zahlreichen  Fällen  nur  ein  Unterstützungsmittel  der 
anderweitigen  Behandlung  sein  kann. 

3.  Lähmung  im  Allgemeinen. 

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360  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

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Duchenne,  Ziemssen,  Rosenthal,  M.  Meyer,  Althaus,  Gnimus  et 
Legros  etc.  Ferner  die  Literatur  zu  d.  E^rankheiten  d.  Gehirns  u.  Rückenmarks. 

Wir  yersteben  unter  Lähmung  (Akinesis)  die  Verminde- 
rnng  oder  Aufhebung  der  Fähigkeit,  die  actlren  Bewe- 
gungsorgane, d.  h.  den  ganzen  motorischen  Nerven- 
apparat  und  die  Muskeln  —  zu  ihrer  normalen  Function 
anzuregen. 

Durch  diese  Definition  wird  zunächst  die  durch  Erkrankung  der 
passiven  Bewegungsorgane  (Knochen,  Gelenke,  Bänder  u.  s.  w.) 
bedingte  Immobilität  von  dem  Begriff  der  Lähmung  aasgeschlossen. 
Andrerseits  aber  werden  die  durch  Erkrankung,  Erregbarkeitsyerlust 
oder  Atrophie  der  Muskeln  entstandenen  Bewegungsstörungen^  die 
sogenannten  myopathischen  Lähmungen,  in  die  Definition  mit  einge- 
schlossen.   Es  ist  nicht  recht  erfindlich,  warum  man  diese  Yon  dem 


Lähmung.    Definition.  361 

Begriff  der  LähmuDg  ansschliessen  sollte,  da  doch  offenbar  die  Muskeln 
integrirende  Theile  der  actiyen  motorischen  Apparate  bilden,  gleich- 
sam die  Endapparate  der  motorischen  Leitangsbahnen  darstellen ;  da 
ferner  eine  motorische  Lähmung  nur  an  den  Muskeln  in  die  Er- 
seheinnng  treten  kann  und  endlich  Lähmungen  durch  Erkrankung 
der  Mnskelsubstanz  yon  den  durch  Erkrankung  der  motorischen  End- 
apparate entstandenen  Lähmungen  praktisch  durchaus  nicht  getrennt 
werden  können.  Es  erscheint  deshalb  gerechtfertigt,  Störungen  der 
Motilität,  welche  von  diesem  Theil  des  activen  Bewegungsapparates 
ausgehen,  ebenfalls  unter  dem  Begriff  der  Lähmung  zusammenzu- 
&ssen.  „Lähmung''  ist  offenbar  ein  symptomatischer  Begriff,  ähnlich 
wie  Neuralgie,  Anästhesie,  Krampf  u.  s.  w.  und  das  Charakteristische 
davon  ist  mangelhafte  oder  aufgehobene  Muskelcontrac- 
tion  bei  vorhandener  Willensintention.  Die  Bestimmung 
der  Genese  der  Lähmung  gehört  nicht  nothwendig  in  die  Definition 
derselben  und  es  ist  fttr  den  symptomatischen  Begriff  nicht  wesentlich, 
ob  die  Aufhebung  der  gewollten  Muskelcontraction  durch  Störungen 
des  motorischen  Nervenapparates  (neuropathische  Lähmung) 
oder  durch  Erkrankung  der  Muskdn  selbst  (myopathische  L.) 
bedingt  ist.  Jedenfalls  scheint  uns  der  Begriff  der  motorischen  Läh- 
mung durcK  diese  Auffassung  mehr  abgerundet  zu  werden.  Wir  haben 
uns  natürlich  hier  fast  ausschliesslich  mit  den  neuropathischen  Läh- 
mungen zu  beschäftigen. 

Es  wird  aber  durch  unsere  Definition  auch  diejenige  Immobilität, 
welche  durch  Mangel  der  centralen  Willenserregungen,  durch  Abulie, 
bedingt  ist,  von  dem  Begriff  der  Lähmung  ausgeschlossen.  Bewegungs- 
vorstellungen und  der  Wille,  sie  auszufahren,  sie  auf  die  motorischen 
Apparate  zu  übertragen,  müssen  vorhanden  sein,  wenn  der  B^riff 
der  I|lhmung  vollständig  sein  soll.  Sobald  jedoch  die  Uebertragung 
der  (wir  wissen  bekanntlich  noch  nicht,  wo)  entstehenden  Willens- 
erregungen selbst  auf  die  allercentralsten  motorischen  Apparate  (mo- 
torische Gentren  in  der  Grossbimrinde  von  F ritsch  und  Hitzig?) 
oder  auf  die  motorischen  Leitungsbahnen  und  die  Mui^keln  gehemmt 
ist,  haben  wir  den  Begriff  der  Lähmung.  Auf  der  andern  Seite  kann 
die  Fähigkeit,  auf  dem  Gebiete  des  Vorstellens  Willenserregungen 
zu  erzeugen,  erloschen  sein  (Abulie),  ohne  dass  Lähmung  vorbanden 
ist:  ein  von  Melancholia  attonita  Befallener,  ein  Schlafender,  ein  im 
Chloroformrausch  Befindlicher  ist  nicht  gelähmt.  Wir  vermeiden 
damit  wohl  am  besten  den  ungerechttertigten  Uebergriff  auf  das 
psychologische  und  psychiatrische  Gebiet. 

Die  Lähmung  wird  sinnfällig  und  kann  überhaupt  nur  in  die 


362  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Erscheinung  treten  als  Verminderung  oder  Aufhebung  der  — 
irgendwie  physiologisch  (durch  Willensreiz ,  Reflexreiz  oder  automa- 
tische Erregung)  hervorzurufenden  —  Contraction  der  verschie- 
denen Muskeln  des  Körpers.  Gewöhnlich  ist  die  nächste  Folge 
dieser  mangelhaften  Muskelcontraction  die  mangelnde  Bewegung, 
die  Immobilität  gewisser  beweglicher  Eörpertheile.  Es  mag  hi^r 
nochmals  hervorgehoben  werden,  dass  nicht  jede  Immobilität  auf 
Lähmung  zurückzuführen  ist,  sondern  dass  dieselbe  auch  entstehen 
kann  durch  Arthropathien,  Anchy losen,  Contracturen ,  Fehlen  des 
Willenseinflusses  u.  dgl. 

Um  die  blosse  Verminderung  von  der  völligen  Aufhebung  der 
Muskelcontraction  zu  unterscheiden,  hat  man  für  dieselben  bestimmte 
Bezeichnungen  gewählt,  welche  die  Charakterisirung  des  Grades  der 
Bewegungsstörung  im  einzelnen  Falle  erleichtem.  Wenn  die  Motilität 
(willkürliche  Beweglichkeit)  vollständig  erloschen  ist,  so  dass  auf 
den  Willensreiz  gar  keine  Reaction  mehr  erfolgt,  dann  spricht  man 
von  Paralysis;  ist  dagegen  nur  eine  mehr  oder  weniger  ausge- 
sprochene Verminderung  der  Motilität  vorhanden,  erfolgen  auf  den 
Willensreiz  nur  schwache,  kraftlose  und  wenig  ausgiebige  Bewegungen, 
tritt  sehr  rasch  und  leicht  Ermüdung  ein,  so  nennt  man  das  Paresis. 
In  diesem  Falle  bestehen  gewisse  Hindemisse  ftir  die  motorische  Er- 
regung und  Leitung,  die  aber  ftir  den  Willensreiz  nicht  völlig  unüber- 
windlich sind.    Die  Parese  kann  allmälig  in  Paralyse  übergehen. 

Pathogenese  und  Aetiologie. 

Die  zunächst  uns  hier  entgegentretende  Frage,  an  welchen  Theilen' 
der  motorischen  Apparate  die  zur  Lähmung  führenden  Veränderungen 
ihren  Sitz  haben  können,  erledigt  sich  einfach  dahin,  dass  von  allen 
Theilen  des  activen  Bewegungsapparates,  mit  Einschluss  der  M^eln, 
Lähmung  hervoi^erufen  werden  kann.  Alles,  was  die  Erregbarkeit  und 
Leitungsfähigkeit  der  motorischen  Nervenapparate,  alles,  was  die  Er- 
regbarkeit und  Contractionsfähigkeit  der  Muskeln  herabzusetzen  oder 
auizuheben  im  Stande  ist,  kann  Lähmung  herbeiftihren.  Nicht  in  allen 
Fällen  sind  uns  die  Veränderungen  genau  bekannt,  welche  diese 
Wirkung  haben.  Freilich  hat  uns  die  pathologische  Anatomie  in 
einer  grossen  Mehrzahl  der  Fälle  deutliche  und  zum  Theil  recht  be- 
deutende und  grobe  anatomische  Läsionen  an  Ganglienzellen,  Nerven- 
fasern und  Muskeln  nachgewiesen,  welche  die  Aufhebung  der  Erreg- 
barkeit und  Leitungsfähigkeit  hinreichend  eiUären.  Immerhin  bleibt 
aber  noeh  eine  Reihe  von  Fällen  übrig,  in  welchen  anatomische 
Veränderungen  am  Nervensystem  und  den  Muskeln  auch  bei  der  ge- 


L&hmoDg.    Pathogenese  and  Aetiologie.  363 

nauesten  ÜntersnchuDg  nicht  gefunden  werden  and  die  Erfahrungen 
mit  gewissen  Giften,  welche  in  minimalen  Dosen  angemein  schnell 
ausgesprochene  Lähmungserscheinungen  hervorrufen/  machen  es  im 
höchsten  Grade  wahrscheinlich,  dass  nicht  ausschliesslich  den  Mängeln 
unserer  optischen  Hulfsmittel  diese  negativen  Resultate  zur  Last  zu 
legen  sind.  Wir  sind  deshalb  zu  der  Annahme  berechtigt,  dass 
Lähmungen  gelegentlich  auch  durch  feinere  moleculare  Veränderungen 
an  Nerven  und  Muskeln  hervorgerufen  werden  können,  welche  sich 
der  Erkennung  mit  unsem  gegenwärtigen  Hülismitteln  vollständig 
entziehen.   Wir  können  uns  eben  eine  erhebliche  Störung  der  Function 

—  und  um  eine  solche  handelt  es  sich  offenbar  bei  jeder  Lähmung 

—  nicht  ohne  eine  entsprechende  Veränderung  der  molecularen  Zu- 
stände in  der  Ernährung  der  Gewebselemente  vorstellen.  Voraus- 
sichtlich jedoch  wird  das  Gebiet  der  sogenannten  „  Ainctionellen  *" 
Lähmungen  mit  dem  Fortschreiten  unserer  Erkenntniss  mehr  und 
mehr  eingeengt  und  auf  eine  verhältnissmässig  kleine  Anzahl  von 
Fällen  beschränkt  werden. 

Im  Einzelnen  können  nun  solche  gröbere  oder  feinere  Störungen 
an  sehr  verschiedenen  Punkten  des  ganzen  motorischen  Apparates 
angreifen  und  so  zu  einer  verschiedenen  Entstehungsweise  der  Läh- 
mung führen.  (Wir  haben  hier  vorwiegend  von  den  Lähmungen  der 
willkürlichen  quergestreiften  Muskeln  zu  sprechen;  doch  gelten  die 
allgemeinen  Sätze  auch  für  die  automatischen  und  reflectorisc]ien  Be- 
wegungen, für  welche  wir  das  Nöthige  jeweils  in  Parenthese  bei- 
fügen werden.)  Die  Beobachtung  und  Betrachtung  lehren,  dass  wir 
in  dieser  Beziehung  drei  grosse  Gruppen  von  Lähmungen  unter- 
scheiden können. 

1)  Kann  Lähmung  dadurch  entstehen,  dass  die  motorischen 
Gentralap parate  (resp.  die  Centren  der  automatischen  Bewegun- 
gen; oder  die  reflexvermittelnden  Ganglienapparate)  zerstört  oder 
leistungsunfähig  geworden  sind.  Wir  verstehen  unter  moto- 
rischen Centralapparaten  diejenigen  Theile  des  Grosshims,  in  welchen 
wahrscheinlich  die  Willenserregungen  in  motorische  Erregungen  um- 
gesetzt werden.  Es  ist  wahrscheinlich,  dass  diese  Gentralapparate 
nicht  mit  den  Willenscentren  selbst  zusammenfallen.  Ausgeschlossen 
sind  daher  die  Erkrankungen  der  Willenscentren  selbst,  die  zur 
Abulie  führen,  und  ebenso  alle  diejenigen  Erkrankungen,  welche 
Störungen  des  Bewusstseins  und  Vorstellens  und  damit  auch  des 
Willens  herbeiführen,  lieber  den  Sitz  dieser  eigentlichen  motorischen 
Centralherde  war  man  bis  vor  nicht  langer  Zeit  ziemlich  im  Un- 
klaren, und  auch  die  epochemachenden  Arbeiten  von  Fritsch  und 


364  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Hitzig,  von  Nothnagel,  Ferriei:,  Braun,  Goltz  u.  A.  haben 
das  Dunkel  nur  zum  Theil  gelichtet  und  noch  eine  Reihe  von  Fragen 
offen  gelassen,  deren  Lösung  man  erst  in  Zukunft  näher  treten  wird. 
Für  die  Pathogenese  der  Lähmungen  ist  die  Annahme  dieser  CentnU- 
herde  daher  in  mancher  Beziehung  noch  mehr  ein  theoretisches 
Postulat  als  eine  wohlerworbene  Thatsache.  Es  ist  wahrscheinlich, 
dass  ausser  den  bis  jetzt  bekannten  motorischen  Theilen  der  Oross- 
himrinde  auch  Theile  der  Gentralganglien  sowie  des  Kleinhirns  als 
solche  Gentralherde  angesehen  werden  dürfen.  Für  praktische  Zwecke 
jedoch  genügt  es,  sämmtliche  durch  Erkrankung  dieser  theilweise 
schon  bekannten,  theilweise  aber  noch  genauer  zu  localisirenden 
motorischen  Centralapparate  entstandenen  Lähmungen  als  Central- 
lähmungenim  engem  Sinne  zu  bezeichnen  (zum  Unterschiede  Ton 
den  „centralen*"  Leitungslähmungen,  die  sogleich  zu  charakterisiren 
sind).  Dabei  können  die  motorischen  Leitungsbahnen  längs  ihres 
ganzen  Verlaufs  ebenso  wie  die  Muskeln  vollkommen  intact  sein. 

Es  können  dann  2)  Lähmungen  entstehen  durch  Verminde- 
rung oder  Aufhebung  der  Leitungsfähigkeit  der  moto- 
rischen Nervenbahnen.  Da  diese  Bahnen  sehr  ausgedehnt  und 
weitverbreitet  sind  und  in  der  mannichfachsten  Weise  gestört  werden 
können,  so  sind  diese  Arten  von  Lähmung  weitaus  die  häufigsten. 
Sie  bilden  die  grosse  und  wichtige  Gruppe  der  sogenannten  Lei- 
tungslähmungen. Sie  können  zu  Stande  kommen  in  den  moto- 
rischen Faserungen,  welche  im  grossen  Gehirn  von  den  motorischen 
Centralherden  ausgehen  und  schliesslich  durch  die  Pedunculi  und 
den  Pons  hindurch  in  die  Vorderseitenstränge  des  Rückenmarks  über- 
treten ;  sie  können  femer  entstehen  in  den  motorischen  Leitungsbahnen 
innerhalb  des  Bückenmarks,  in  den  genannten  weissen  Strängen  und 
wohl  auch  innerhalb  der  grauen  (kinesodischen)  Substanz  desselben; 
endlich  in  den  motorischen  Fasern,  welche  als  vordere  Wurzeln  das  * 
Bückenmark  verlassen  und  durch  Plexus  und  peripheriBche  Nerven 
zu  den  Muskeln  hin  verlaufen.  Man  unterscheidet  dem  entsprechend 
3  Arten  von  Leitungslähmungen,  je  nach  den  befallenen  Abschnittcai 
der  motorischen  Leitungsbahn;  nämlich  peripherische,  spinale 
und  cerebrale  Leitungslähmungen.  (Da  vielfach  die  beiden  letxten 
Arten  unter  den  „  centralen  ^  Lähmungen  aufgeführt  werden,  ist  wieder- 
holt von  einer  Verwechselung  mit  der  „  Centrallähmung '^  im  engere 
Sinn  zu  warnen.  Diese  ist  immer  eine  cerebrale  Lähmung;  aber 
nicht  jede  cerebrale  Lähmung  ist  eine  Centrallähmung ,  da  es  auch 
cerebrale  Leitungslähmungen  gibt.) 

Endlich  können  3)  Lähmungen  zu  Stande  kommen  durch  Ver- 


Lähmung.    Pathogenese  und  Aetiologie.  365 

nichtung  der  Keizbarkeit  nnd  Gontractilität  der  Mus- 
keln ^  welche  durch  Gifte,  Entartung,  Zertrtlmmerung  derselben 
u.  df^l.  zu  Stande  kommen  kann.  .  Der  von  den  motorischen  Bahnen 
ausgehende  Beiz  ist  dann  nicht  mehr  im  Stande,  die  Muskelfaser 
zur  Contraction  zu  veranlassen.  Das  ist  die  sogenannte  myopa- 
thische  Lähmung,  die  vielfach  nur  ein  untergeordnetes  Krank- 
hdtssymptom  darstellt,  häufig  aber  auch  von  wesentlicher  und  her- 
vorragender Bedeutung  für  den  Verlauf  und  Ausgang  gewisser 
Muskelkrankheiten  ist  Sie  wird  bei  den  Krankheiten  des  Muskel- 
systems des  Genaueren  besprochen  werden. 

Auf  diese  3  Entstehungsarten  mttssen  sich  alle  Formen  der  Läh- 
mungen zurttckftihren  lassen  und  man  kann  vom  pathogenetischen 
Standpunkte  aus  zweckmässig  3  Gruppen  von  Lähmungen  unter- 
scheiden: Centrallähmungen ,  Leitungslähmungen  und  Muskelläh- 
mungen. Wenn  trotzdem  gewöhnlich  eine  andre  Eintheilung  der 
Lähmungen  gebraucht  wird,  so  geschieht  dies  aus  wohlberechtigten 
praktischen  Gründen. 

Unter  den  eigentlichen  Lähmungsursachen,  welche  nach 
dem  Vorausgehenden  an  verschiedenen  Abschnitten  des  activen  Be- 
wegungsapparates  einwirken  hönnen,  sind  zunächst  Traumata  der 
verschiedensten  Art  sehr  häufig  und  auch  unserem  Verständniss  am 
leichtesten  zugänglich.  Dass  völlige  Zertrümmerung  oder  Zerreissung 
und  Durchtrennung  der  motorischen  Bahnen  Lähmung  erzeugen 
müssen,  ist  selbstverständlich ;  ebenso  dass  auch  stärkere  Quetschun- 
gen, mechanische  Compression  u.  dgl.,  durch  welche  die  histologische 
Beschaffenheit  der  Nerven  und  Muskeln  nachweisbar  alterirt  werden, 
denselben  Effect  haben;  weniger  verständlich  ist  die  oft  sehr  inten- 
sive Wirkui^  leichteren  mechanischen  Drucks,  welcher  keine  sicht- 
baren Spuren  an  den  Nerven ,.  keine  Veränderung  ihrer  elektrischen 
Erregbarkeit,  keine  secundlü*en  Ernährungsstörungen  hervorruft.  Und 
doch  sieht  man  nicht  selten  darnach  recht  hartnäckige  Lähmungen 
entstehen  (z«  B.  bei  Druck  auf  den  N.  radialis  am  Oberarm)  und 
ist  zu  der  Annahme  genöthigt,  dass  selbst  eine  leichte  mechanische 
Einwirkung  den  Molecularzustand  der  motorischen  Nerven  üi  einer 
Weise  verändern  kann,  dass  völlige  Aufhebung  ihrer  Leitungsfähig- 
keit entsteht.  Interessante  Experimente  Weir  MitchelTs  (1.  c. 
p.  111)  haben  über  diesen  Punkt  einige  Aufschlüsse  geliefert;  er 
fand,  dass  ein  Druck  von  18 — 20  Zoll  Quecksilber  nach  15  Secunden 
Dauer  genügte,  um  die  motorische  Leitung  (ftir  Willens-  und  elek- 
trische Erregung)  völlig  zu  unterbrechen;  nach  Entfernung  des  Drucks 
kehrte  bald  die  Leitungsfähigkeit  wieder,  aber  trotzdem  fand  man 


366  £ab,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinaleB  Nerven. 

das  Nervenmark  an  der  gedrückten  Stelle  völlig  zerfallen.  Er  ist 
klar;  dasB  ein  stärkerer  und  länger  anhaltender  Druck  auch  den  — 
in  diesen  Experimenten  noch  intact  gebliebenen  —  Axencylinder 
schwerer  beeinträchtigen  und  damit  die  Lähmung  zu  einer  mehr 
dauernden  machen  würde.  In  dieser  Weise  kommen  ohne  Zweifel 
die  Compressionslähmungen  beim  Menschen  zu  Stande.  Die  Erfahrung 
lehrt,  dass  motorische  Nerven  solchen  Einwirkungen  weniger  Wider- 
stand leisten,  als  sensible;  denn  wenn  gemischte  Nervenstämpie  von 
einer  solchen  mechanischen  Läsion  getroffen  sind,  pflegt  die  Störung 
der  Motilität  grösser  und  hartnäckiger  zu  sein,  als  die  der  Sensibi- 
lität. Es  ist  nicht  nöthig,  alle  die  möglichen  traumatischen  Ein- 
wirkungen, welche  gelegentlich  zu  Lähmungen  fUhren  (Zerrung, 
Quetschung,  Compression,  Zerreissung,  Schuss-,  Hieb-  und  Stich- 
wunden, Fracturen  und  Luxationen  etc.),  namhaft  zu  machen.  Wir 
werden  bei  der  Betrachtung  der  einzelnen  Lähmungsformen  sehen, 
wie  gerade  gewisse  Nervenstämme  zu  bestimmten  Formen  der  trau- 
matischen Lähmung  prädisponirt  sind  und  verhältnissmässig  häufig 
und  in  oft  ganz  typischer  Weise  von  traumatischen  Lähmungen  be- 
fallen werden.  Diese  traumatischen  Lähmungen  kommen  wohl 
der  Natur  der  Sache  nach  —  Gehirn  und  Kückenmark  sind  ja  durch 
ihre  knöchernen  Hüllen  mehr  vor  traumatischen  Einwirkungen  ge- 
schützt —  am  häufigsten  an  den  peripherischen  Nerven  vor  und  sie 
bilden  hier  einen  sehr  wohl  charakterisirten  Typus  dieser  Lähmungs- 
formen, dessen  experimentelles  Studium  unsere  Kenntnisse  über 
Lähmtmgen  überhaupt  sehr  erheblich  gefördert  hat. 

Den  traumatischen  Lähmungen  am  nächsten  stehen  die  durch 
Erkrankung  der  dem  Nervensystem  benachbarten  T heile 
verursachten  Lähmungen,  insofern  dieselben  ebenfalls  durch  mecha- 
nischen Druck,  Compression,  Zerrung  u.  dgl.  erzeugt  sind.  Exostose, 
abnorme  Gallusbildung,  Caries  der  Wirbelsäule,  Aneurysmen,  Echiuo- 
coccen,  Drüsenanschwellungen,  Hernien,  Tumoren  aller  Art  und  zahl- 
lose andere  Dinge  können  in  dieser  Weise  zu  Lähmungen  Aihren. 

Erkrankungen  des  Nervensystems  selbst  gehören  zu 
den  häufigsten  Lähmungsursachen.  Sie  können  in  verschiedener 
Weise  einwirken:  entweder  dadurch,  dass  sie  die  Nervenelemente 
(Ganglienzellen,  Nervenfasern)  direct  zerstören,  zur  Degeneration  und 
Atrophie  bringen,  oder  dadurch,  dass  sie  dieselben  comprimiren  und 
dadurch  leistungsunfähig  machen;  oder  endlich  dadurch,  dass  de 
ihre  Ernährung,  ihre  moleculare  Zusammensetzung  in  einer  Weise 
verändern,  mit  welcher  eine  normale  Functionirung  nicht  mehr  ver- 
einbar ist.    Es  ist  sonach  leicht  ersichtlich,  in  welcher  Weise  Ent- 


Lähmung.    Pathogenese  und  Aetiologie.  367 

ztindangen  (Neuritis,  Myelitis,  EncephalitiB) ;  Blutextravasate  (Him- 
ond  Rttckenmarksapoplexien) ;  Erweichnngsherde ;  Sklerosen,  Tumoren 
aller  Art,  grane  Degeneration,  Fettdegeneration,  Atrophie,  Krank- 
heiten der  Hirn-  and  Rückenmarkshänte  u.  dgl.  Lähmnng  herbei- 
führen können,  und  in  der  That  gehören  lülunangen  des  verschie- 
densten Sitzes  und  Grades  zu  den  gewöhnlichsten  Symptomen  aller 
der  genannten  pathologisch-anatomischen  Veränderungen. 

Von  entschiedener  Bedeutung  für  das  Entstehen  von  Lähmungen 
sind  Störungen  der  Circulation  in  den  verschiedensten  TheUen 
des  Nervensystems.  Am  energischsten  wirkt  eine  plötzliche  und  voll- 
ständige arterielle  Ischämie  wegen  der  durch  den  völligen  Blut- 
mangel bedingten  Ernährungsstörung,  welche  die  Erregbarkeit  der 
Nervenapparate  alsbald  vernichtet.  Daher  die  Hemiplegien  bei  Em- 
bolie  und  Thrombose  der  Himgefässe;  daher  die  Lähmung  der  untern 
Extremitäten  bei  dem  bekannten  Stenon' sehen  Versuch  (Aorten- 
compression) ,  der  von  Schiffer  auf  seine  wahren  Bedingungen  — 
Ischämie  des  Lendenmarks  —  zurückgeführt  ist;  daher  die  Lähmung 
in  Folge  von  Unterbindung  grösserer  Arterienstämme,  welche  keinen 
ausgiebigen  CoUateralkreislauf  besitzen.  An  den  peripheren  Nerven 
und  den  Muskeln  kommen  übrigens  solche  ischämische  Lähmungen 
langsamer  und  schwieriger  zu  Stande,  als  vom  centralen  Nerven- 
system aus.  Häufig  sind  dieselben  unvollkommen,  wenn  die  Ab- 
schneidung der  Blutzufnhr  keine  ganz  vollständige  ist,  und  sie  treten 
oft  erst  dann  hervor,  wenn  stärkere  Anforderungen  an  die  Bewegungs- 
apparate gestellt  werden.  Alle  möglichen,  aus  der  allgemeinen  Patho- 
logie bekannten  Ursachen  der  Ischämie  können  derartige  ischämische 
Lähmungen  im  Gefolge  haben.  —  In  ähnlicher,  wenn  auch  weniger 
intensiver  Weise,  wirkt  die  venöseStauung,  besonders  wenn 
dieselbe  eine  vollständige  ist ;  die  durch  die  fehlende  Blutemeuerung 
bedingte  Ernährungsstörung  (und  vielleicht  auch  directe  Intoxication* 
mit  CO  2  und  ähnlichen  Stoffwechselproducten)  hebt  endlich  die  Er- 
regbarkeit der  motorischen  Apparate  auf  und  bedingt  so  die  Läh- 
mung. —  Nicht  vollkommen  sicher  gestellt  scheint  es,  ob  auch 
arterielle  Hyperämie  zur  Lähmung  führen  könne;  die  unter 
den  Symptomen  der  Gehimcongestion  gewöhnlich  aufgeführten  flüch- 
tigen Lähmungserscheinungen  sind  vielleicht  durch  secundäre  Oedeme 
oder  abnorme  Blutvertheilung  in  den  verschiedenen  Gehimabschnitten 
bedingt. 

In  wie  weit  Störungen  der  Blutmischung  (Anämie,  Hy- 
drilmie,  Chlorose  U;  dgl.)  Lähmungen  herbeifbhren  können,  ist 
noch  nicht  hinreichend  festgestellt,  wenn  es  auch  allerdings  a  priori 


368  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebroBpinalen  Nerven. 

nicht  gerade  unwahrscheinlich  ist,  dass  ein  hochgradig  verändertes 
nnd  verarmtes  Blut  die  Ernährung  der  motorisch^  Nervenapparate  in 
hinreichender  Weise  alteriren  kann,  dass  Lähmung  herbeigeftlhrt  wird. 
—  Ebenfalls  durch  Vermittlung  des  Blutes  wirken  wohl  gewisse 
Gifte,  welche  erfahrungsgemäss  häufig  zu  Lähmungen  fUhren;  wahr- 
scheinlich werden  dieselben  durch  das  Blut  dem  Nervensystem  und 
den  Muskeln  zugeführt  und  bewirken  hier  entweder  mehr  acute  Er- 
nährungsstörungen oder  mehr  chronische  Erkrankungen  verschie- 
dener Abschnitte  des  activen  Bewegungsapparates,  welche  die  Fono- 
tion  desselben  unmöglich  machen.  Abgesehen  von  den  narkotischen 
und  anästhetischen  Mitteln  (Opium,  Morphium,  Chloroform,  Alkohol, 
Kohlenoxyd  u.  dgl.),  welche  wohl  vorwiegend  auf  die  Organe  des 
Bewusstseins  und  Willens  einwirken,  sind  es  besonders  gewisse 
pflanzliche  Alkaloide  und  ähnliche  Gifte  (Curare,  Ergotin, 
Nicotin,  Saponin,  Blausäure,  Kampher  u.  s.  w.))  welche  in  mehr 
acuter  Weise  hochgradige  und  weitverbreitete  Lähmungserscheinungen 
hervorrufen  können,  während  andrerseits  besonders  gewisse  Met  all- 
Präparate  erst  im  Laufe  chronischer  und  oft  vieljähriger  Intozica- 
tionen  zu  Lähmungen  führen.  Am  bekanntesten  ist  von  dieser  Gmppe 
die  Bleilähmung,  welche  ein  äusserst  wohlcharakterisirtes  Krank- 
heitsbild darstellt  und  nicht  selten  im  Gefolge  der  satuminen  Intoxi- 
cationen  hervortritt;  seltener  und  in  viel  weniger  typischer  Weise 
werden  solche  Lähmungen  bei  chronischen  Vergiftungen  mit  Arsenik, 
Quecksilber  und  Phosphor  beobachtet 

Auch  die  Lähmungen  nach  acuten  Krankheiten  hat  man 
zunächst  auf  die  dabei  vorhandenen  —  und  zum  Theil  noch  hypo- 
thetischen Veränderungen  des  Blutes  zurückführen  wollen;  doch  ist 
dieser  Versuch  wohl  nur  für  den  kleinsten  Theil  der  hierhergehörigen 
Lähmungsformen  berechtigt.  Jedenfalls  ist  es  Thatsache,  dass  naeh 
einer  Reihe  von  acuten  Krankheiten  und  zwar  besonders  nach  solohen, 
die  man  zu  den  Infectionskralikheiten  im  weiteren  Sinne  rechnet 
(acute  Exantheme,  Erysipel,  Typhus,  Intermittens ,  Cholera,  Dys»- 
terie,  acuter  Gelenkrheumatismus,  besonders  häufig  Diphtberitis)^ 
nicht  selten  sich  Lähmungen  entwickeln,  die  theils  während  des 
Verlaufs  dieser  Krankheiten  entstehen,  theils  und  häufiger  verschieden 
lange  Zeit  nach  Ablauf  derselben  zum  Vorschein  kommen,  und  die 
den  verschiedensten  Sitz  und  Ausbreitung  haben  können.  Bald  er- 
scheinen solche  Lähmungen  in  Form  von  Hemiplegien,  oder  von 
Paraplegien,  oder  beschränkt  auf  einzelne  cerebrale  oder  spinale 
Nerven,  auf  ganz  vereinzelte  Muskelgebiete;  sie  haben  bald  den 
Charakter  von  peripheren  bald  den  von  spinalen  oder  cerebrale 


Lähmung.    Pathogenese  and  Aetiologie.  369 

LähmnngeD  (s.  u.)  and  nur  die  diphtheritische  Lähmung  eigentlich 
zeigt  meist  eine  gewisse  Regelmässigkeit  im  Befallenwerden  der 
Terschiedenen  Maskelgebiete  und  im  Verlauf  der  ganzen  Affection. 
Jedenfalls  geht  aus  den  bisher  vorliegenden  Erfahrungen  so  viel 
hervor,  dass  diese  „Lähmungen  nach  acuten  Krankheiten^  keines- 
wegs überall  die  gleiche  Pathogenese  haben ,  sondern  dass  sie  viel* 
mehr  sehr  verschiedenartigen  pathologischen  Vorgängen  ihre  Ent- 
stehung verdaiiken.  Wahrscheinlich  ist  die  bei  diesen  Krankheiten 
vorhandene  Veränderung  des  Blutes  und  die  dadurch  bedingte  Er- 
nährungsstörung der  nervösen  Apparate  —  wenn  überhaupt  —  nur 
in  den  seltensten  Fällen  die  Ursache  der  Lähmung.  Vielmehr  schöpfen 
wir  aus  dem  ganzen  Verhalten  der  gelähmten  Theile,  aus  den  elek- 
trischen Veränderungen  derselben,  aus  dem  ganzen  Verlauf  des  Vor- 
gangs Gründe  genug,  um  in  den  meisten  Fällen  erhebliche  anato- 
mische Veränderungen  als  Ursachen  der  Lähmung  anzunehmen. 
Freilich  ist  es  bisher  nur  in  wenigen  Fällen  gelungen,  solche  anato- 
mische Veränderungen  wirklich  nachzuweisen ;  doch  liegen  immerhin 
schon  einzelne  beweisende  Beobachtungen  vor:  so  fand  Buhl  in 
einem  tödtlich  verlaufenden  Fall  von  Diphtheritis  reichliche  zellige 
Infiltration  und  Wucherung  der  Nervenscheiden  fast  an  sämmtlichen 
spinalen  Nervenwurzeln  und  betrachtet  dieselbe  als  die  Ursache  der 
cÜphtheritischen  Lähmung;  Ebstein  hat  in  einem  Falle  von  nach 
Typhus  zurückgebliebener  Gliederschwäche  Sklerose  des  Central- 
nervensystems  aufgefunden,  und  Westphal  constatirte  als  Ursache 
der  nach  Variolois  nicht  gerade  selten  auftretenden  Paraplegien 
wiederholt  eine  disseminirte  Myelitis  der  grauen  und  weissen  Sub- 
stanz; ich  selbst  habe  nach  Scarlatina  und  schwerer  Puerperal- 
erkrankung  hartnäckige  Lähmungen  entschieden  spinalen  Ursprungs 
beobachtet.  In  neuester  Zeit  hat  Bernhardt*)  eine  circumscripte 
Neuritis  als  Ursache  einer  während  des  Typhus  entstandenen  Radialis- 
lähmung nachgewiesen.  Ohne  Zweifel  werden  weitere  Untersuchungen 
auch  anderweitige  Läsionen  (Blutextravasate,  Entzündungen,  Neuritis, 
Tumorenbildung  u.  s.  w.)  kennen  lehren,  welche,  in  Folge  der  acuten 
Krankheiten  entstanden,  nun  Lähmungen  bedingen. 

In  gleicher  Weise  gilt  dies  für  die  Lähmungen  bei  chroni- 
schen Infectionskrankheiten  und   bei  gewissen  Kache- 

1)  üeber  Radialisl&hmong.  Arch.  f.  Psychiatr.  u.  Nervenkr.  IV.  3.  1874.  — 
In  demselben  Archiv,  Bd.  VI.  2.  8.  543  hat  Eisenlohr  einen  Fall  von  Typhos- 
l&hmiing  im  link.  Ischiadicusgebiet  pnblicirt,  in  welchem  durch  Entstehungsweisey 
Yerlaaf  und  elektr.  Verhalten  ebenfalls  die  Annahme  einer  Neuritis  im  höchsten 
Grade  wahrscheinlich  gemacht  wurde. 

Handbuch  d.  8i>«c.  Pathologie  iu  Therapie.  XII.  Bd.  t.  2.  Anfl.  24 


370  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

xien,  welche  ebenfalls  gewiss  weniger  auf  die  fehlerhafte  Blntbe- 
schaffenheit  selbst,  als  vielmehr  auf  gewisse  dnrch  dieselbe  bedingt 
anatomische  Läsionen  des  Nervensystems  zurückznflihren  sind.  In 
besonderem  Maasse  gilt  dies  fUr  die  Syphilis,  welche  am  häu- 
figsten anter  diesen  Krankheitsformen  zu  Lähmung  ftLhrt.  Syphili- 
tische Periostitis  und  Exostosen,  Gummata  und  chronische  specifische 
Entzündungen,  Gefässerkrankungen  u.  dgl.  erklären  das  Auftreten 
der  so  häufigen  syphilitischen  Lähmungen  und  ihren  mannichfEtltigen 
Sitz  hinlänglich.  Neben  diesen,  grösstentheiln  der  sogenannten  ter- 
tiären Periode  der  Syphilis  angehörigen  Lähmungen  gibt  es  aber 
nach  Fournier  (Le?.  sur  l  Syph.  Paris  1873.  p.  805)  auch  solche, 
welche  der  secnndären  Syphilis  angehören  und  mit  Vorliebe  das  3., 
6.  und  7.  Himnervenpaar  betreffen,  oder  als  Hemiplegie  erscheinen. 
—  Die  Scrophulose  wird  am  häufigsten  durch  Knochen-  und 
Periosterkrankungen ,  seltener  durch  Drtlsenschwellungen  u.  dgL  zu 
Lähmung  fahren.  —  Bei  der  Tuberkulose  sind  es  gewöhnlich 
die  tuberculösen  Entzündungen  der  Meningen  oder  die  Entwickelung 
von  Tuberkeln  in  der  Substanz  des  Gehirns  und  Kttckenmarks,  welche 
flir  die  Lähmung  verantwortlich  gemacht  werden  müssen.  —  Weniger 
bekannt  ist  es,  wie  die  Gicht  zu  Lähmungen  Veranlassung  wird: 
Apoplexien,  gichtische  Entzündungen  an  Gehirn-  und  Rückenmarb»- 
häuten,  arthritische  Neuritis  werden  hier  beschuldigt  —  ob  mit  Recht 
oder  Unrecht,  müssen  wir  dahingestellt  sein  lassen. 

Eine  trotz  ihrer  notorischen  Häufigkeit  noch  nicht  genügend 
aufgeklärte  Lähmungsursache  ist  die  Erkältung;  sie  spielt  in  der 
Aetiologie  aller  möglichen  Lähmungen  eine  grosse  Bolle,  und  ihre 
Häufigkeit  hat  zur  Aufstellung  einer  besonderen  Gruppe  von  Läh- 
mungen, der  „rheumatischen''  oder  besser  „ refrigeratorischen "^  Läh- 
mungen geftlhrt  —  eine  Gruppe,  die  einerseits  durch  das  ätiologisde 
Moment  der  „Erkältung",  andererseits  durch  unsere  Unkenntniss  über 
die  zu  Grunde  liegenden  anatomischen  Veränderungen  mangelhaft  ge- 
nug charakterisirt  ist.  Erkältungslähmungen  können  in  allen  mög- 
lichen Nervenabschnitten  und  Nervengebieten  vorkommen,  befallen 
jedoch  wohl  am  häufigsten  die  peripheren  Nerven,  und  zwar  einzelne 
derselben,  z.  B.  den  N.  facialis  mit  ganz  besonderer  Vorliebe,  und 
es  ist  im  höchsten  Grade  wahrscheinlich,  dass  leichte  Exsudations- 
und Schwellnngsvorgänge  am  Neurilemm  oder  leichte  Entzündungen 
desselben,  wodurch  die  Nervenbahnen  comprimirt  werden,  die  nächste 
Veranlassung  der  Lähmung  in  solchen  Fällen  sind.  Je  nach  dem  anato- 
mischen Sitze  dieser  Veränderungen  und  der  zufälligen  Lagerung  der 
Nerven  in  mehr  oder  weniger  unnachgiebigen  Gebilden  können  dar- 


Lähmung.    Pathogenese  ond  Aetiologie.  371 

aas  verschieden  schwere  und  hartnäckige  Lähmungen  entstehen.  Es 
können  jedoch  dnrch  Erkältung  auch  centrale  Erkrankungen  her- 
vorgerufen werden,  welche  zu  Lähmung  führen,  so  Myelitis  und 
Meningitis  spinalis,  Tabes  u.  s.  w.  Man  pflegt  dieselben  aber  ge- 
wöhnlich nicht  mehr  zu  den  „rheumatischen  '^  Lähmungen  zu  rechnen. 

In  keiner  Beziehung  aufgeklärt  sind  ferner  diejenigen  Lähmun- 
gen, welche  durch  Erschöpfung  des  Nervensystems  in  Folge 
übermässiger  Anstrengung  desselben  entstehen:  so  können  über- 
mässige motorische  Anstrengungen,  z.  B.  starke  forcirte  Märsche 
besonders  unter  lebhaften  Gemüthseindrttcken  (bei  Schlachten),  femer 
übermässige  oder  unnatürliche  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes, 
anhaltende  Nachtwachen  verbunden  mit  übermässiger  geistiger  An- 
strengung und  ähnliche  Einwirkungen  zur  Lähmung  führen.  Dies  ge- 
schieht aber  dann  jedenfalls  auf  dem  indirecten  Wege  einer  mehr 
oder  weniger  tiefgehenden  Ernährungsstörung  des  Nervensystems 
(Degeneration,  Atrophie,  chronische  Entzündung  u.  dgl.),  welche  die 
motorischen  Bahnen  ergreift  und  ihre  Erregbarkeit  und  Leitungs- 
fUhigkeit  allmälig  zerstört.  —  Nahe  verwandt  damit  sind  die  Läh- 
mnngen,  welche  durch  heftige  psychische  Einwirkungen, 
Schrecken,  Furcht,  Angst,  Einbildung  entstehen  können  und  welche 
wohl  meist  centralen  Ursprungs  sind,  aber  verschiedenen  Entsteh- 
ungsmechanismus darbieten  können.  Hierher  gehören  die  interessan- 
ten Fälle  von  Kussel  Reynolds ^  und  einige  Beobachtungen  von 
Kohts')  nach  dem  Bombardement  von  Strassburg;  bei  diesen  letz- 
teren handelte  es  sich  um  spinale  Aflfectionen.  —  Welche  Verände- 
rung den  so  häufig  vorkommenden  Lähmungen  bei  der  Hysterie 
zu  Grunde  liegt,  wissen  wir  nicht;  wir  können  nur  sagen,  dass  es 
wohl  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  Veränderungen  am  Centralnerven- 
System  sein  werden,  welche  die  hysterischen  Lähmungen  bedingen^, 
während  es  noch  nicht  sicher  gestellt  ist,  ob  bei  dieser  Krankheit 
auch  peripher  bedingte  Lähmungen  vorkommen.  —  Auch  die  bei 
schweren  Krampf krankheiten ,  Epilepsie,  Eclampsie,  Chorea 
u.  s.  w.  manchmal  auftretenden  Lähmungen  beruhen  wohl  meist  auf 
VeiUnderungen  der  Centralorgane,  die  wir  freilich  noch  nicht  ge- 
nauer kennen. 

Wir  haben  endlich  noch  eine  höchst  unklare  ätiologische  Gruppe 
von  Lähmungen  zu  erwähnen,   nämlich  die  sogenannten  Beflex- 


1)  Remarks  on  paralysis  and  other  disorders  of  motion  and  Sensation,  depen- 
dent  on  idea.  Brit.  med.  Joum.  1869.  Nov.  6. 

2)  Berl.  klin.  Woch.  1873.  No.  24—26. 

24* 


372  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebroBpinalen  Nerven. 

lähmungen,  d.  h.  Lähmongen,  welche  auf  reflectorischem  Wege 
im  Gefolge  einer  primären  Erkranknng,  Verwondang  oder  Nenren- 
reizung  an  der  Peripherie  zu  Stande  kommen  sollen.  Solche  Läh- 
mungen —  fast  immer  nur  in  Form  von  Paraplegien,  seltener  auf 
eine  Extremität  oder  einen  Nerrenstamm  beschränkt  —  hat  man 
nicht  gerade  selten  beobachtet  nach  Dysenterien  und  anderen  Darm- 
erkrankungen,  nach  Blasen-,  Nieren-  und  Uteriuleiden ,  im  Gefolge 
von  Schussverletzungen  der  Gelenke,  von  Nervenverletzungen  u.  a  w. 
—  Diese  Lähmungen  entwickeln  sich  meist  sehr  allmälig,  oft  erst 
in  späteren  Stadien  und  nach  langem  Bestände  des  Grundleidens ; 
selten  verschivinden  sie  rasch  nach  der  Entfernung  der  Ursache; 
meist  haben  sie  eine  hinreichende  Selbständigkeit  erlangt,  um  noch 
verschieden  lange  Zeit  weiter  zu  existiren.  Man  hat  verschiedene 
Versuche  gemacht,  -das  Entstehen  dieser  Lähmungen  zu  erklären  und 
auf  bekannte  physiologische  oder  pathologische  Thatsachen  zurttok- 
zuftihren :  eine  allgemein  acceptirte  Erklärung  ist  aber  bis  jetzt  nicht 
geftmden  worden  und  wird  wohl  auch  nicht  gefunden  werden,  da 
wahrscheinlich  mehrfache  Entstehungsmodi  der  Reflexlähmungou 
vorkommen.  Brown-S6quard  hat  das  Wesen  der  Reflexlähmnng 
in  einer  durch  den  peripherischen  Beiz  erzeugten,  reflectorischen 
Contraction  der  Gefässe  und  dadurch  bedingten  Ischämie  des  Bficken- 
marks  zu  finden  geglaubt,  aber  mit  dieser  Anschauung  wenig  An- 
klang geftmden.  Jaccoud  hat  daftlr  angenommen,  dass  es  sich 
um  eine  reflectorisch  —  durch  den  peripheren  sensiblen  Reiz  — 
gesetzte  Erschöpfung  der  motorischen  Apparate  des  Bflckenmarks 
handle,  welche  die  Lähmung  herbeiftihre.  Die  Experimente  von 
Le wissen,  welcher  bei  starker  Quetschung  der  Niere,  Harnblase, 
oder  des  Uterus  und  einzelner  Darmpartien  bei  Kaninchen  Parapl^e 
erzeugen  konnte,  die  bald  nach  dem  Aufhören  des  Beizes  wieder 
verschwand,  sprechen  jedenfalls  daftlr,  dass  solche  vorflbergehende 
ftinctionelle  Lähmungen  in'  Folge  starker  peripherischer  Beizö  vor- 
kommen können,  wenn  wir  auch  tiber  den  feineren  Mechanismus 
ihres  Zustandekommens  noch  im  Unklaren  sind.  Höchstwahrschein- 
lich bilden  aber  die  hierher  gehörenden  Fäll&  nur  eine  geringe  Min- 
derzahl in  der  pathologischen  Casuistik.  —  Durchsichtiger  sind  die 
Fälle,  in  welchen  sich  eine  von  der  Peripherie  längs  der  Nerven 
fortkriechende  Entztlndung  —  eine  Neuritis  ascendens  —  klinisch 
oder  anatomisch  nachweisen  lässt,  die  endlich  auf  das  Bückenmaik 
übergreift  und  hier  eine  Myelitis  und  damit  Paraplegie  bedingt  Es 
ist  besonders  Leyden,  welcher  die  Ansicht  vertritt,  dass  dieser 
Vorgang  bei  den  meisten  vom  Darm,  den  Harn-  und  Gesdilechts- 


Lähmung.    Pathogenese  and  Aetiologie.    Reflexl&hmung.  373 

Organen,  von  peripheren  Nervenyerletznngen  n.  dergl.  ausgehenden 
Paraplegien  die  Hauptrolle  spiele  und  ihre  Entstehung  vermittle.  — 
Es  sprechen  jedoch  zahlreiche  und  wichtige  Thatsachen  dafUr^  dass 
auch  ganz  unabhängig  von  einer  ascendirenden  Entztlndung  von 
einem  peripheren  Beizungs-  oder  Entzündungsherde  am  Nerven  aus 
auf  wirklich  reflectorischem  Wege  Circulations-  und  entzündliche 
Ernährungsstörungen  an  centralen  Abschnitten  des  Nervensystems 
zu  Stande  kommen  können.  So  sah  Tiesler  nach  Quetschung 
des  N.  ischiadicus  beim  Kaninchen  an  den  Wurzeln  desselben  eine 
circumscripte  Myelitis  entstehen ,  während  das  zwischengelegene 
Stück  des  Nerven  von  jeder  Veränderung  frei  blieb.  Ebens»  hat 
Feinberg  in  einer  Reihe  von  Experimenten  bei  Kaninchen  nach 
heftiger  peripherer  Nervenreizung  (Aetzung  des  Ischiadicus,  Aether- 
irrigation)  nach  verschieden  langer  Zeit  entzündliche  Erweichung 
des  Bückenmarks  entstehen  sehen,  welche  unter  den  Erscheinungen 
von  Paraplegie,  Hamincontinenz  u.  s.  w.  den  Tod  der  Thiere  her- 
beiführte. In  allen  Fällen  war  das  centrale  Stück  des  Ischiadicus 
von  jeder  entzündlichen  Veränderung  frei  geblieben.  Auch  die  Ex- 
perimente von  Klemm*)  ergaben  vorwiegend  eine  sprungweise 
Weiterverbreitung  der  experimentell  erzeugten  Entzündung.  Wenn 
diese  Experimente  auch  noch  nicht  zahlreich  genug  und  nicht  ge- 
nügend variirt  sind,  so  sprechen  sie  doch  mit  einiger  Entschieden- 
heit daftlr,  dass  entztlndliche  Störungen  des  Centralnervensystems 
auf  reflectorischem  Wege  zu  Stande  kommen  können,  eine  Ansicht, 
für  welche  auch  Benedict  mit  aller  Entschiedenheit  eintritt. 

Nach  den  vorliegenden  Thatsachen  und  Ansichten  dürfen  wir 
wohl  den  Stand  der  Lehre  von  den  Beflexläbmungen  dahin  zusam- 
menfassen, dass  nur  ein  kleiner  Theil  derselben  als  reflectirte  Func- 
tionsstörung  der  motorischen  Apparate  im  Sinne  der  Lewisson- 
sehen  Experimente  zu  betrachten  ist,  dass  der  grössere  Theil  aber 
auf  erheblicheren  Veränderungen  (Circulationsstörungen  und  besonders 
Entzündungen)  der  centralen  Nervenapparate  beruht.  Diese  Verän- 
derungen können  durch  Neuritis  ascendens  in  einem  directen  und 
continuirlichen  Zusammenhang  mit  der  peripheren  Läsion  stehen, 
oder  sie  kommen  auf  reflectorischem  Wege,  durch  Beflexübertragung 
zu  Stande.  Es  wird  Aufgabe  künftiger  exacter  Beobachtungen  sein, 
die  Gebietsgrenzen  dieser  verschiedenen  Formen  von  Beflexlähmung 
genauer  abzugrenzen.  —  Dass  gelegentlich  sogenannte  Beflexläb- 
mungen von  den  Beckenorganen  ans   durch   auf  den  Wirbelkanal 


1)  Ueber  Neuritis  migrans.  Diss.  Strassbnrg  1874. 


374  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

fortgeleitete  Thrombosen  zu  Stande  kommen  können,  brancht  hier 
nur  erwähnt  zu  werden. 

Diese  kurze  Uebersicht  der  häufigsten  Lähmungsursachen  mag 
genügen,  um  die  Mannichfaltigkeit  und  Häufigkeit  dieser  Krankheita- 
formen  einigermassen  zu  erklären. 

Pathologie  der  Lähmungen. 

Symptome.  Die  nächste  und  auffallendste  Erscheinung  von 
Seiten  gelähmter  Theile  ist  natürlich  die  mehr  oder  weniger  voll- 
ständige Aufhebung  der  Motilität,  der  willkürlichen  Beweg- 
lichkeit; die  Kranken  sehen  sich  ausser  Stande,  gewisse  Muskeln 
willkürlich  in  Contraction  zu  versetzen,  gewisse  Bewegungen  aus- 
zuführen, bestimmte  Stellungen  anzunehmen  oder  beizubehalten.  Die 
gelähmten  Glieder  hängen  bewegungslos  herab,  sie  erscheinen  den 
Kranken  viel  schwerer  wie  sonst  und  sind  zu  ihren  gewöhnlichen 
Verrichtungen  entweder  gar  nicht  mehr  (Paralyse)  oder  nur  in  sehr 
unvollkommener  und  ungenügender  Weise  zu  gebrauchen  (Pareae). 
—  Das  Krankheitsbild  wird  nun  zunächst  beeinflusst  durch  die  in 
den  einzelnen  Fällen  ungemein  verschiedene  Verbreitung  der 
Lähmung:  es  können  einzelne  Muskeln  oder  einzelne  Muskelgruppen 
gelähmt  sein;  oder  es  sind  sämmtliche  dem  Gebiet  eines  Nerven- 
stammes oder  eines  Nervenplexus  angehörige  Muskeln  bewegungs- 
los; oder  es  können  sämmtliche  Muskeln  einer  ganzen  Extremität 
gelähmt  sein.  Femer  kann  die  Lähmung  auf  eine  ganze  Körper- 
hälfte ausgedehnt  sein.  Arm  und  Bein  und  das  Gesicht  der  glichen 
Seite  zumal  betreffen:  das  ist  es,  was  besonders  bei  localen  Him- 
erkrankungen  und  zwar  auf  der  dem  Sitze  der  Hirnläsion  entgegen- 
gesetzten Seite  vorkommt,  und  was  man  gewöhnlich  als  Hemi- 
plegie bezeichnet  (doch  kommen  auch  spinale  Hemiplegien 
vor);  endlich  kann  die  Lähmung  symmetrisch  auf  beide  Körp^- 
hälften  sich  erstrecken,  zumeist  von  unten  beginnend  an  den  un- 
teren Extremitäten  und  allmälig  über  den  Kumpf  auf  die  oberen 
Extremitäten  fortschreitend:  das  ist  die  gewöhnlichste  Form  der 
spinalen  Lähmung  und  wird  als  Paraplegie  bezeichnet  —  In 
seltenen  Fällen  trifft  man  auch  eine  hochgradige  allgemeine  Parese 
oder  Paralyse  fast  sämmtlicher  Körpermuskeln. 

Die  durch  diese  verschiedenen  Localisations-  und  Verbreitungs- 
möglichkeiten gesetzte  Mannichfaltigkeit  des  Krankheitsbildes  der 
Lähmung  wird  noch  erhöht  durch  die  begleitenden  und  secno- 
dären  Erscheinungen,  welche  bei  den  verschiedenen  Lähmungs- 
formen auftreten  können. 


Lähmung.    Symptome.    VerbreituDg.    Begleiterscheinangen.  375 

Sind  noch  Sparen  von  Motilität  vorhanden ,  besteht  also  nur 
Parese,  so  geschehen  die  noch  möglichen  Bewegungen  nicht  selten 
mit  anf&Uendem  Zittern,  mit  zappelnder  Unsicherheit,  und  gewisse 
Formen  der  ataktischen  Bewegangsstömng  lassen  sich  auf  die 
Schwäche  oder  den  gänzlichen  Ausfall  gewisser  Bewegungen  leicht 
zarückfilhren. 

Ist  völlige  Paralyse  eingetreten,  so  ist  das  Verhalten  der 
gelähmten  Muskeln  selbst  in  den  einzelnen  Fällen  ein  ver- 
scbiedenes.  Theilweise  nämlich  sind  dieselben  ganz  schlaff,  relaxirt, 
ohne  jede  Spur  von  Tonus  oder  Contraction,  und  setzen  passiven 
Bewegnngsversuchen  auch  nicht  den  geringsten  Widerstand  entgegen ; 
in  einem  anderen  Theil  der  Fälle  findet  man  sie  in  einem  Zustande 
mehr  oder  weniger  hochgradiger  Spannung  und  Contractur  (so  z.  B. 
die  hemiplegischen  Gontracturen,  die  myelitischen  Muskelspannungen 
u.  dgl.).  Nicht  selten  sieht  man  in  dem  einzelnen  Falle  den  einen 
Zostand  auf  den  anderen  folgen ,  in  den  anfangs  relaxirten  Muskeln 
sich  allmälig  Spannung  und  Contractur  entwickeln.  Wie  wir  früher 
bei  der  Besprechung  der  Ciontracturen  (s.  S.  351)  auseinandergesetzt 
haben,  können  diese  Erscheinungen  auf  verschiedene  Weise  erzeugt 
werden:  theils  durch  Reizungszustände  in  der  Umgebung  der  Läh- 
mung erzeugenden  Herde,  die  sich  bald  schneller,  bald  langsamer 
entwickeln;  theils  durch  einfach  nutritive  Verktlrzung  der  Muskeln, 
deren  Insertionspunkte  einander  abnorm  genähert  sind;  theils  end- 
lich durch  ausgesprochene  anatomische  Veränderungen  der  Muskeln, 
Yorwiegend  Atrophie  der  Fasern  und  interstitielle  Bindegewebs- 
wucherung. 

Von  besonderem  Interesse  ist  das  Verhalten  der  Reflex- 
bewegungen. Dasselbe  ist  in  den  einzelnen  Fällen  sehr  verschie- 
den, wie  sich  bei  einigem  Nachdenken  über  den  verschiedenen  Sitz 
der  Lähmungsursachen  schon  von  selbst  ergibt ;  ein  Gleiches  gilt  für 
die  Mitbewegungen  und  die  automatischen  Bewegungen. 
Ein  völliges  Fehlen  aller  Reflex-,  automatischen  und  Mitbewegungen 
kommt  nur  vor  bei  Unterbrechung  der  Leitung  in  den  peripheren 
motorischen  Bahnen  (und  bei  Zerstörung  der  Muskeln).  Ganz  anders 
verhUt  sich  die  Sache  dagegen  bei  den  meisten  spinalen  und  bei 
cerebralen  Lähmungen:  hier  bleiben  die  Reflexe  so  lange  erhalten^ 
als  die  Leitung  der  sensiblen  Fasern  und  ihre  centrale  Verbindung 
mit  leitungsfähigen  motorischen  Bahnen  erhalten  ist,  d.  h.  wenn  die 
Lähmungsursache  central  von  den  verschiedenen  Reflexbögen  gelegen 
ist  und  diese  selbst  intact  sind.  Bei  Leitungslähmungen  im  Dorsal- 
mark können  also  die  von  den  unteren  RückenmarksabschniUen  aus- 


376  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

znlösenden  Reflexe  erhalten  bleiben,  bei  cerebralen  liLhmnngen  sind 
die  spinalen  nnd  die  vom  verlängerten  Marke  aasgehenden  R^exe 
ungestört:  aber  nnr  so  lange,  als  nicht  gleichzeitig  anch  die  reflex- 
vermittelnden  Apparate  (durch  Degeneration  u.  dgl.)  zerstört  oder 
leitungsnnfähig  geworden  sind. 

Kicht  gerade  selten  sieht  man  selbst  in  solchen  Fällen  eine  er- 
hebliche Steigerung  der  Reflexe,  bedingt  theils  durch  Aufhebniig 
der  refiexhemmenden  Einflüsse  des  Gehirns,  theils  durch  Reizuiiigs- 
zustände  in  der  nächsten  Umgebung  der  lähmenden  Läsion.  Alle 
diese  Verschiedenheiten  können  von  grosser  diagnostischer  Bedeu- 
tung sein. 

Auch  die  Mitbewegungen  können  bei  manchen  central  be- 
dingten Lähmungen  in  den  gelähmten  Theilen  erhalten  sein,  näm- 
lich dann,  wenn  die  Lähmungsursache  central  yon  dem  Centnim 
gewisser  Bewegungsmechanismen  liegt,  welche  auch  im  physiologi- 
schen Zustand  häufig  yon  Mitbewegungen  begleitet  sind:  so  sieht 
man  nicht  selten  bei  cerebralen  Lähmungen  den  gelähmten  Arm  sieh 
heben,  wenn  der  Kranke  gähnt  oder  hustet  oder  niest  und  zwar  ge- 
schieht dies  meist  in  viel  ausgiebigerem  Maasse  als  bei  Gesunden. 
Wenn  die  Auffassung  von  Hitzig*)  richtig  ist,  so  können  solche 
Mitbewegungen  in  gelähmten  Theilen  auch  eintreten,  wenn  die 
Willenserregung  unterhalb  der  I^ähmungsursache  gelegene  Bahnen 
betritt,  in  welchen  die  physiologische  Association  und  Coordination 
yieler  Muskelbewegungen  stattfindet  und  wenn  diese  Bahnen  sich  in 
einem  abnormen  Erregbarkeitszustande  befinden.  —  Von  dem  Mo- 
mente an  jedoch,  wo  die  Lähmungsursache  an  Stellen  der  motorischen 
Faserung  angreift,  wo  diese  keine  Verbindung  mehr  mit  anderen 
motorischen  Bahnen  eingeht,  hört  die  Möglichkeit  des  Fortbestehe» 
der  Mitbewegungen  auf. 

Derselben  Beurtheilung  unterliegen  die  automatischen  Be- 
wegungen, unter  welchen  in  praktischer  Beziehung  besonders  die 
Athembewegungen  von  Bedeutung  sind.  Bei  peripheren  Lähmungen 
sind  dieselben  nur  selten  mitafScirt,  weil  die  Athemmuskeln  bekannt- 
lich yon  sehr  yerschiedenen  weit  auseinanderliegenden  Neryen  belebt 
werden ;  hier  kann  höchstens  die  Lähmung  der  Phrenid  yon  grösserer 
Bedeutung  werden;  selbstyerständlich  werden  aber  die  Bewegungen 
aller  jener  Athemmuskeln,  welche  in  das  Bereich  einer  peripheren 
Lähmung  fallen,  sistirt;  das  hat  jedoch  auf  die  Athembewegungen 
im  Ganzen  nur  selten  erheblichen  Einfluss.  —  Leichter  tritt  bei  qn- 


1)  Auffassung  einiger  Anomal,  der  Muskelinnervation.  I.  Arch.  f.  Psych,  m. 


Lähmung.    Symptome.    Begleiterscheinungen.    Reflexe  etc.  377 

nalen  LähmuDgsursachen  eine  Störung  der  Respirationsbewegungen 
ein:  nämlich  dann  sofort,  wenn  die  lähmende  Ursache  die  Seiten- 
stränge des  Dorsal-  und  Halsmarkes  betrifft,  in  welchen  bekanntUcb 
das  Gros  der  respiratorischen  Nerrenbahnen  yerläuft;  erreicht  die 
Lähmungsursache  die  Athmungscentren  im  yerlängerten  Mark,  so 
tritt  alsbald  Asphyxie  ein.  Bei  rein  cerebralen  Lähmungen  endlich 
geht  das  Athmungsgeschäft  in  ganz  ungestörter  Weise  vor  sich,  so- 
gar mit  den  Muskeln,  welche  dem  Willenseinfluss  gänzlich  entzogen 
sind ;  das  hängt  zunächst  und  allein  von  der  normalen  Function  der 
MeduUa  oblongata  ab. 

Von  den  übrigen  automatischen  Bewegungen  ist  zunächst  die 
Irisbewegung  zu  erwähnen,  die  bei  manchen  Lähmungen  gestört 
sein  kann;  so  kann  bei  spinalen  Lähmungen,  welche  die  oberen 
Halsmarkabschnitte  betreffen,  Lähmung  der  vom  Centrnm  ciliospinale 
herkommenden  Irisfasem  eintreten  und  dadurch  Myosis  entstehen; 
yerbreiten  sich  cerebrale  Lähmungen  auf  das  Gebiet  des  Oculomo- 
torius  so  ist  Mydriasis  eine  der  constantesten  Erscheinungen.  —  lieber 
das  Verhalten  der  Herzbewegungen,  der  Motilität  des  Pharynx  und 
Oesophagus  u.  s.  w.  haben  wir  nichts  von  praktischer  Wichtigkeit 
beizubringen. 

Dagegen  verdient  hier  eine  kurze  Erwähnung  das  Verhalten  der 
Harn-  und  Eothentleerung.  Diese  complicirten  Bewegungsvor- 
gänge, bei  welchen  reflectorische  und  willkürliche  Bewegungen  zu- 
sammenzuwirken bestimmt  sind,  und  deren  feineren  Mechanismus 
wir  an  dieser  Stelle  nicht  zu  erörtern  haben,  können  bei  verschie- 
denen Lähmungen  in  erheblicher  Weise  mitbetheiligt  und  beein- 
trächtigt werden.  Hamretention  oder  Incontinenz,  anhaltende  Stuhl- 
verstopftmg  oder  unwillkürliche  Entleerung  können  vorkommen  und 
nicht  selten  gestattet  das  Vorkommen  dieser  Symptome  bestimmte 
Schlüsse  auf  den  Sitz  der  lähmenden  Erkrankung.  Für  das  Nähere 
müssen  wir  den  Leser  auf  die  Bückenmarkskrankheiten  verweisen, 
bei  welchen  diese  Vorgänge  wegen  der  Häufigkeit  ihres  Vorkommens 
am  passendsten  abgehandelt  werden. 

Von  nicht  geringem  Einfluss  aqf  das  Erankheitsbild  der  Läh- 
mung ist  auch  das  Verhalten  der  Antagonisten  der  gelähm- 
ten Muskeln.  Dadurch,  dass  sie  manchmal  in  Contractur  verfallen, 
dass  sie  durch  ihre  elastische  Spannung  und  die  willkürliche  Inner- 
vation ihre  Insertionspunkte  einander  nähern,  bringen  sie  Vei^de- 
rungen  in  der  Haltung  und  Stellung  der  Eörpertheile,  in  den  Ge- 
sichtszügen u.  dgl.  hervor,  welche  oft  äusserst  charakteristisch  sind. 


378  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Doch  werden  diese  Erscheinungen  besser  Bei  den  einzelnen  ULh- 
mnngsformen  besprochen. 

Störungen  der  senrsibien  Nerven  kommen  in  der  yer- 
schiedensten  Weise  vor ;  es  hängt  das  von  der  zufälligen  ZusammeD- 
lagerung  sensibler  und  motorischer  Fasern  und  von  dem  Sitz  und 
der  Ausbreitung  der  Lähmungsursache  ab.  Betrifft  die  Erkrankung 
einen  peripheren  gemischten  Nervenstamm,  so  wird  in  der  Regel 
eine  der  motorischen  Lähmung  entsprechende  Ausdehnung  der  sen- 
siblen Lähmung,  der  Anästhesie,  yorhanden  sein ;  diese  Regel  erleidet 
nur  dadurch  eine  praktisch  wohl  zu  beachtende  Einschi^nkung,  dass 
von  der  gleichen  Lähmungsursache  die  motorischen  Nerven  meist 
schwerer  betroffen  werden  als  die  sensiblen  und  dass  die  Wieder- 
herstellung der  Sensibilität  häufig  erheblich  viel  früher  erfolgt,  als 
die  der  Motilität;  ja  bei  traumatischen  peripheren  Lähmungen  beob- 
achtet man  nicht  selten,  dass  trotz  der  Wiederherstellung  der  Sen- 
sibilität die  motorische  Lähmung  eine  irreparable  bleibt.  —  Bei 
peripheren  Lähmungen  rein  motorischer  Nerven  fehlen  natürlich  alle 
sensiblen  Störungen. 

Bei  spinalen  Lähmungen  ist  das^  Vorhandensein  von  Anästhesie 
sehr  gewöhnlich  zu  constatiren  und  hängt  von  der  mehr  oder  weniger 
ausgedehnten  Mitbetheiligung  der  sensiblen  Partien  des  Rückenmarks 
an  der  Erkrankung  ab;  doch  gibt  es  ganze  Gruppen  von  spinalen 
Lähmungen,  z.  B.  die  Kinderlähmung  und  verwandte  Zustände,  h^ 
welchen  Sensibilitätsstörungen  durchaus  fehlen.  Aus  der  Intensit&t 
und  räumlichen  Verbreitung,  dem  Charakter  und  der  Qualität  der 
sensiblen  Störung  lässt  sich  häufig  schon  der  spinale  Ursprung  der- 
selben erkennen ;  fllr  das  Nähere  verweisen  wir  auf  die  Schilderung 
der  Rückenmarkskrankheiten.  —  Für  die  cerebralen  Lähmungen 
gibt  es  gar  keine  feste  Regel  in  Bezug  auf  das  Auftreten  von 
Anästhesie,  weil  im  Gehirn  die  sensiblen  und  motorischen  Bahnen 
weiter  auseinander  liegen  als  im  Rückenmark;  so  hängt  es  ganz 
von  dem  zufälligen  Sitze  und  der  Ausbreitung  der  Lähmnngsursache 
ab,  ob  sensible  Bahnen  mitbetroffen  sind  oder  nicht;  Beides  kommt 
vor,  doch  beobachtet  man  auch  hier  sehr  gewöhnlich  ein  viel  rascheres 
Verschwinden  der  sensiblen  als  der  motorischen  Störung. 

Es  ist  klar,  dass  je  nach  dem  Sitze  und  der  Natur  der  Lfth- 
mungsursache  auch  gelegentlich  sensible  Reizerscheinungen 
vorkommen  können:  wir  erinnern  an  die  heftigen  neuralgischen 
Schmerzen  die  bei  Schussverletzungen  peripherer  Nerven  vorkommen, 
an  die  excentrischen  Schmerzen,  die  viele  spinale  und  cerebrale 
Lähmungen  begleiten,  bald  mit,  bald  ohne  gleichzeitige  Anästhesie. 


Lähmung.    Symptome.    Begleiterscheinangeii.  379 

Aach  hyperästhetische  Zustände  können  Yorkommen.  Alle  diese 
Dinge  erklären  sieb  leicht  ans  den  Reizungsvor^Uigen^  welche  so  ge- 
wöhnlich sich  in  der  Umgebung  von  lebenden  Erankheitsprocessen 
(Tumoren,  Blutextrayasaten,  Traumen  u.  s.  w.)  einstellen  und  welche 
tlieils  in  gelähmten  sensiblen  Nervenbahnen  nach  dem  Gesetz  der 
excentrischen  Projection  Schmerzen  und  Parästhesien  erzeugen,  theils 
sich  anf  benachbarte  intacte  sensible  Bahnen  verbreiten  und  diese  in 
Mitleidenschaft  ziehen.  Anf  ganz  dieselbe  Weise  kommen  auch  die 
bei  Lähmungen  so  gewöhnlichen  Parästhesien  (Formication,  Taub- 
heitsgeflihl,  Eriebeln,  Brennen  und  verwandte  Sensationen)  zu  Stande. 

lieber  das  Verhalten  des  Muskelgefühls  und  des  Muskel- 
sinns bei  den  verschiedenen  Lähmungen  liegen  wenig  brauchbare, 
allgemeine  Angaben  vor.  Dass  Störungen  auch  in  diesen  Empfin- 
dungsqualitäten  vorkommen,  unterliegt  keinem  Zweifel  und  werden 
wir  das  Wissenswertheste  davon  gelegentlich  bei  den  einzelnen  Läh- 
mnngsformen  berichten.  Bei  wirklichen  Paralysen  ist  in  der  Regel 
eine  Prüfung  des  sogenannten  Mnskelsinns  gar  nicht  möglich,  weil 
die  Kranken  eben  keine  Gewichte  heben  und  keine  gewollten  Be- 
wegungen ausführen  können. 

Die  psychischen  Functionen  erleiden  bei  peripheren  Läh- 
mungen niemals,  bei  spinalen  Lähmungen  nur  äusserst  selten  erheb- 
liehe Störungen;  in  der  Regel  sind  sie  dabei  ganz  normal  (wenn 
nicht  gleichzeitig  auch  noch  eine  cerebrale  Krankheit  vorhanden  ist) 
oder  werden  erst  spät  in  ganz  secundärer  Weise  betheiligt;  diess 
Letztere  bei  Spinalleiden  wahrscheinlich  durch  Vermittelung  vasomo- 
torischer Nerven,  die  aus  dem  Halstheil  des  Rückenmarks  oder  aus 
dem  verlängerten  Mark  entspringend,  zu  verschiedenen  Hirngefäss- 
provinzen  sich  begeben.  —  Sehr  ausgesprochen  dagegen  sind  psy- 
chische Störungen  häufig  bei  denjenigen  Lähmungen,  deren  Sitz  im 
Gehirn  zu  suchen  ist;  natürlich  auch  hier  wieder  je  nach  dem  Sitze 
der  Lähmungsursache  in  sehr  verschiedenem  Grade  und  sehr  ver- 
schiedener Ausdehnung:  Abnahme  des  Gedächtnisses  und  der  In- 
telligenz, Verlust  oder  Erschwerung  der  Sprache,  grössere  Beweg- 
lichkeit des  Gemüths,  grosse  Neigung  zum  Lachen  oder  Weinen  ohne 
genügende  Motivirung,  grosse  Reizbarkeit  und  Empfindlichkeit,  in 
anderen  Fällen  Apathie  bis  zum  völligen  Blödsinn  können  hier  vor- 
kommen. Im  Beginn  acut  auftretender  cerebraler  Lähmungen  beob- 
achtet man  nicht  selten  schwere  Störungen  des  Bewusstseins,  Sopor, 
Goma,  Delirien  etc.,  die  aber  gewöhnlich  bald  wieder  verschwinden. 
—  Das  Cansalitätsverhältniss  und  der  Zusammenhang,  in  welchem 
diese  psychischen  Störungen  zu  den  eigentlichen  Lähmungsursachen 


380  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

stehen,  ist  noch  nicht  Air  alle  Fälle  hinreichend  klar:  theilweiBe 
handelt  es  sich  hier  nm  directe  Aasbreitang  der  Stömng,  auf  die 
den  psychischen  Verrichtangen  dienenden  Himabschnitte ;  oder  um 
eine  Betheiligang  derselben  an  den  secondären  Stömngen  (Entzfin- 
dungy  Erweichong,  Sklerosimng  etc.);  welche  von  dem  arsprttnglichen 
Krankheitsherde  aasgehen;  theils  am  directe  mechanische  Einwir- 
kangen  darch  Verengerang  des  Schädelraams  a.  dgl.;  theils  nm 
Störangen  der  Circalation  an  bestimmten  Himabschnitten,  sei  es  durch 
directen  Yerschlass  von  arteriellen  oder  venösen  Gefässen,  sei  es  darch 
Reizang  oder  Lähmang  vasomotorischer  Nervenbahnen,  lieber  alles 
dies  ist  genaaere  Aaskanft  in  der  Pathologie  des  Gehirns  za  suchen. 

Von  grösster  Bedeatang  sind  die  bei  Lähmangen  sehr  hftafig 
aaftretenden  vasomotorischen  and  trophischen  Störangen. 
Aach  diese  können  sich  sehr  verschieden  verhalten:  bald  vöUig 
fehlen,  bald  .in  hochgradigster  Weise  vorhanden  sein.  Indem  wir 
für  vieles  Hierhergehörige  aaf  die  oben  gegebene  Schilderang  der 
trophischen  Störangen  bei  Nearalgien  (s.  S.  50  ff.)  imd  Anästhesien 
(s.  S.  201)  verweisen,  wollen  wir  hier  nar  eine  karze  Aofzählong 
der  häufigsten  Störangen  dieser  Art  geben  and  sie  aaf  bekannte 
physiologische  Thatsachen  zarttckzafilhren  Sachen. 

Die  Physiologie  lehrt,  dass  bei  peripheren  Lähmangen, 
d.  h.  bei  Durchschneidang  oder  Qaetschang  peripherer  motorischer 
and  besonders  gemischter  Nerven  vasomotorische  and  trophische  Stö- 
rangen niemals  fehlen.  Dieselben  äassem  sich  zanächst  als  Hyper- 
ämie, Erweitemng  der  Blatgefässe  and  örtliche  Temperatarsteigenmg 
in  dem  gelähmten  Tbeil:  alles  Folgen  der  gleichzeitigen  Lähmang 
der  vasomotorischen  Nerven.  —  Die  Temperatarerhöhang  wird  ge- 
wöhnlich bald  —  nach  verschieden  langer  Zeit  —  in  eine  Tempe- 
ratarverminderung  ttbergefUhrt  darch  die  bleibende  Atonie  der  Ge- 
fässe,  welche  allmälig  za  einer  mehr  passiven  Hyperämie  mit  bläa- 
lich-rother  Färbang  der  Haat  ftthrt.  Daza  kommt,  dass  in  viel^ 
Fällen  darch  die  Lähmang.  selbst  sowohl  der  Blatzaflass  vermindert^ 
wie  besonders  der  Blatabflass  verhindert  wird,  indem  eben  der  die 
Blatbewegang  fördernde  Einflass  der  Maskelcontraction  wegfällt: 
daher  die  meist  einige  Zeit  nach  dem  Eintritt  der  Lähmang  wahr- 
zanehmende  Temperatarabnahme,  abnorme  Ktthle  der  gelähmten 
Theile  mit  gleichzeitiger  passiver  Hyperämie,  Gyanose.  Daza  gesellt 
sich  besonders  in  den  ersten  Tagen  nicht  selten  ein  verbreitetes,  jedoch 
gering^adiges  Oedem;  manchmal  aach  die  gesteigerte  Secretion 
eines  übelriechenden  Schweisses.  Alle  diese  Erscheinnngen  hat  man 
wiederholt  auch  bei  traamatischen  Lähmangen  am  Menschen  beobachtet 


Lähmung.    Symptome.    Begleiterscheinungen.  381 

Während  dieselben  ohne  Weiteres  sieh  als  vasomotorische  Stö- 
rungen erklären;  treten  aber  weiterhin  noch  andere  sehr  auffallende 
Veränderungen  ein,  welche  sich  nicht  mehr  durch  Lähmung  der 
yasomotorischen  Bahnen  allein  erklären  lassen,  sondern  bereits  dem 
Oebiete  der  Ernährungsstörungen  angehören,  z.  Th.  wohl  als  ent- 
ztindliche  Störungen  gedeutet  werden  dttrfen.  Am  auffallendsten 
treten  derartige  Erscheinungen  an  der  äussern  Haut  hervor:  die- 
selbe gei^th  in  einen  Zustand  geminderter  und  schlechter  Ernährung, 
sie  wird  schlaff,  atrophisch,  verliert  ihren  Turgor ;  sie  wird  oft  papier- 
dfinn,  glatt  und  glänzend  besonders  an  Fingern  und  Zehen  (Glossj 
fingers);  nicht  selten  kommt  es  zur  Bildung  von  Blasen,  die  mit 
einer  serösen  missfarbigen  Flüssigkeit  erfüllt  sind  und  scjilecht  aus- 
sehende, langsam  vernarbende  Geschwüre  hinterlassen.  Die  Haut 
wird  in  viel  geringerem  Grade  resistent  gegen  äussere  Schädlich- 
keiten :  geringe  Frosteinwirkungen,  Sinapismen,  Verwundungen  u.  dgl. 
rufen  langwierige  Ulcerationen ,  Knotenbildungen  u.  dgl.  hervor. 
Decubitus  erfolgt  leicht  und  nimmt  rasch  erhebliche  Dimensionen 
an.  Sehr  charakteristisch  ist  oft  das  Verhalten  der  Epidermoidal- 
gebilde  der  Haut:  die  Epidermis  wuchert,  schuppt  sich  in  stärkerem 
Grade  ab,  oder  sie  wird  dünn,  glatt  und  glänzend;  die  Nägel  er- 
leiden erhebliche  Veränderungen  ( W.  M  i  t  c  h  e  1 1 ,  S  c  h  i  e  f  f  e  r  d  e  c  k  e  r), 
sie  werden  stärker  gekrümmt,  verdickt,  mit  tiefen  Längs-,  seltener 
mit  Querfurchen  versehen,  dunkelfarbig,  manchmal  von  ihrer  Matrix 
theilweise  abgelöst  etc.  Die  Haare  sollen  auf  der  Haut  der  gelähm- 
ten Extremitäten  verschwinden  (Mitchell);  wogegen  Schieffer- 
deck  er  regelmässig  einen  sehr  vermehrten  Haarwuchs  constatirte. 
Von  den  tieferen  Geweben  beanspruchen  die  Muskeln  besondere 
Aufinerksamkeit:  in  allen  solchen  Fällen  tritt  hochgradige  Atrophie 
derselben  ein  (über  deren  feinere  histolog.  Verhältnisse  s.  weiter 
unten),  die  fast  bis  zum  völligen  Verschwinden  derselben  gehen 
kann,  aber  auch  wieder  einer  nahezu  völligen  Ausgleichung  fähig 
ist  In  manchen  Fällen  wird  der  Verlust  der  Muskelsubstanz  durch 
nachträgliche  Fettgewebsbildung  scheinbar  wieder  ausgeglichen.  — 
Auch  die  Knochen  bleiben  von  der  allgemeinen  Ernährungsstörung 
nicht  verschont;  sie  atrophiren  und  verlieren  an  Gewicht  (Reid, 
Mantegazza,  Fischer),  und  ein  Zurückbleiben  im  Knochenwachs- 
thum  ist  Regel,  wenn  sich  eine  solche  Lähmung  in  früher  Jugend 
eingestellt  hat.  —  Damit  steht  in  einem  gewissen  Contraste  die 
Wucherung  und  grössere  Derbheit  der  bindegewebigen  Theile, 
welche  sich  besonders  als  Cirrhose  der  Muskeln  und  reichliche  Zu- 
nahme des  interstitiellen  Gewebes  bei  genauerer  Untersuchung  zu 


382  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

erkennen  gibt.  Die  Lymphdrttsen  schwellen  an  und  hypertro- 
phiren  (Mantegazza).  An  den  Gelenken  stellen  sich  Steifheit, 
Anschwellung  und  Schmerzhaft igkeit  ein  (Mitchell,  Charcot). 

Dass  auch  am  Menschen  bei  traumatischen  und  diesen  gleich- 
werthigen  Lähmungen  die  gleichen  Ernährungsstörungen  der  Gewebe 
regelmässig  vorkommen,  daflir  haben  die  in  den  verschiedenen  grossen 
Kriegen  des  letzten  Decenniums  so  häufigen  Schussverletzungen  der 
Nerven  zahlreiche  Belege  geliefert. 

Bei  Lähmungen,  die  vom  Rückenmark  ausgehen,  beobachtet 
man  derartige  Erscheinungen  viel  weniger  regelmässig.  Am  meisten 
treten  hier  in  vielen  Fällen  vasomotorische  Störungen  in  den  Vorder- 
grund, was  sich  genügend  aus  dem  Verlauf  der  vasomotorischen 
Bahnen  innerhalb  des  Rückenmarks  erklärt.  Bei  völliger  Trennung 
derselben  —  durch  Quetschung,  Zerreissung,  Apoplexie  des  Rü^en- 
marks  u.  dgl.  —  treten  dann  auch  die  Erscheinungen  der  Gefäss- 
lähmung  in  den  paraplegischen  Theilen  nicht  selten  hervor;  man 
findet  Temperaturerhöhung  in  den  gelähmten  Gliedern  (Hutchinson, 
Levier,  Billroth  u.  A.),  die  jedoch  meist  nach  kürzerem  oder 
längerem  Bestehen  in  Temperaturerniedrigung  übergeht,  ähnlich  wie 
bei  peripheren  Lähmungen.  Dann  besteht  Kälte  und  Gyanose  der 
Theile.  Es  kann  jedoch  auch  durch  Erregung  der  vasomotorischen 
Bahnen  eine  ischämische  Temperatnremiedrigung  in  den  gelähmten 
Theilen  zu  Stande  kommen.  —  Viel  seltener  beobachtet  man  bri 
spinalen  Lähmungen  ausgesprochene  Ernährungsstörungen  der  Haut, 
der  Knochen,  der  Muskeln;  doch  kommt  auch  diess  gelegentlich  vor: 
so  gibt  es  eine  Gruppe  von  spinalen  Lähmungen  (zu  welchen  die 
spinale  Kinderlähmung  und  verwandte  Krankheitsformen  Erwach- 
sener gehören),  bei  welcher  eine  rapide  und  hochgradige  Atrophie 
der  Muskeln,  Störung  des  Knochenwachsthums,  Verbildungen  der 
Gelenke  ganz  regelmässig  vorkommen;  femer  gehört  da«  Auftreten 
von  schwerem  Decubitus  mit  seinen  pemiciösen  Folgen  bei  jenen 
Rückenmarkslähmungen,  welche  durch  Erkrankung  des  grössten 
Theils  des  Querschnittes  des  Markes  zu  Stande  kommen,  welche  mit 
hochgradiger  Anästhesie,  vasomotorischen  Störungen  u.  s.  w.  einher- 
gehen, zu  den  gewöhnlichen  Vorkommnissen;  auch  directe  Erkran- 
kungen der  Knochen  und  der  Gelenke  hat  man  in  neuerer  Zeit  als 
abhängig  von  spinalen  Erkrankungen  betrachtet  (Charcot).  In  ein- 
zelnen Fällen  wurde  gesteigertes  Haarwachsthum  constatirt  (Jelly). 
Mit  der  Heilung  des  Grundleidens  können  die  meisten  der  genannten 
Störungen  wieder  verschwinden. 

Weit   seltener   als   bei  spinalen  Lähmungen   ist  das  Auftreten 


L&hmnDg.    HistologiBche  Yeränderungen  an  Nerven  und  Muskeln.       383 

Tasomotorischer  und  trophischer  StöruBgen  bei  cerebralen  Läh- 
mungen. Fast  immer  fehlt  die  Atrophie  der  gelähmten  Muskeln 
durchaus;  dieselben  können  in  ihrem  Volumen  und  in  ihrer  anato- 
mischen Beschaffenheit  ganz  unverändert  sein»  selbst  bei  vieljährigem 
Bestehen  der  Lähmung;  und  nur  bei  einzelnen  wenigen  Formen  der 
cerebralen  Lähmung  (z.  B.  der  Bulbärparalyse  und  ähnlich  locali- 
sirten  Störungen)  wird  deutliche  Atrophie  der  Muskeln  beobachtet. 
—  Das  Knochenwachsthum  wird  in  der  Regel  durchaus  nicht  be- 
einträchtigt, und  bei  cerebralen  Lähmungen,  die  in  frühester  Kind- 
heit erworben  wurden,  geht  das  Wachsthum  der  hemiplegischen 
Glieder  genau  in  der  gleichen  Weise  von  Statten,  wie  das  der  ge- 
sunden. —  Dagegen  beobachtet  man  nicht  selten  auifallende  vaso- 
motorische Störungen  und  erhebliche  Temperaturunterschiede  in  den 
gelähmten  (gewöhnlich  hemiplegischen)  Theilen :  anfangs  Vermeh- 
rung des  Blntzuflusses  und  Erhöhung  der  Temperatur,  leicht  erklärt 
durch  den  Umstand,  dass  die  meisten  vasomotorischen  Bahnen  in 
dem  Pedunculas  cerebri  verlaufen,  welcher  bei  vielen  Lähmungs- 
ursachen (Apoplexien  etc.)  in  Mitleidenschaft  gezogen  wird;  daher 
die  vasomotorische  Lähmung.  Im  späteren  Verlauf  tritt  aber  zu- 
nehmende Atonie  der  Gefässe  ein,  die  Circulation  wird  verlangsamt 
und  durch  den  Wegfall  der  activen  Muskelcontractionen ,  durch  das 
gewöhnliche  Vorhandensein  von  Contracturen  noch  mehr  erschwert, 
dadurch  kommt  es  zur  passiven  Hyperämie,  Cyanose  und  entsprechen- 
der Temperaturverminderung.  —  Gewöhnlich  in  Verbindung  mit  diesen 
vasomotorischen  Störungen  trifft  man  bei  Hemiplegien  hier  und  da 
Anomalien  der  Schweisssecretion,  Abnahme  des  Hautturgor,  teigige 
und  gedunsene  Beschaffenheit  der  Haut,  stärkere  Epidermisab- 
schuppung  n.  dgl.  MitchelP)  berichtet,  dass  bei  frischen  Hemi- 
plegien das  Nagelwachsthum  anfangs  ganz  sistire,  dann  aber  immer 
langsamer  als  auf  der  gesunden  Seite  erfolge  und  erst  mit  Wieder- 
beginn der  Motilität  sich  wieder  steigere.  —  Auch  das  Auftreten  von 
acutem  schwerem  Decubitus  hat  man  bei  Hemiplegien  hier  und  da 
beobachtet  (Charcot). 

Diese  Aufzählung  der  hauptsächlichsten  Ernährungsstörungen  in 
den  gelähmten  Theilen  ist  nun  zunächst  zu  ergänzen  durch  eine  ein- 
gehende, wenn  auch  kurze  Schilderung  der  histologischen  Ver- 
änderungen der  gelähmten  Nerven  und  Muskeln  und  des 
Ablaufs  dieser  Veränderungen  bis  zur  vollendeten  Heilung  oder  bis 
zar  völligen  Unheilbarkeit.    Man  hat  dieses  Verhalten  bei  gewissen 


1)  Americ  Joum.  of  med.  Science.  187 1 . 


384  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  N^ren. 

Formen  der  Lähmung ,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  zum  Gegen- 
stand  eingehenden  und  vielfachen  Studiums  gemacht  und  daraus  nicht 
geringen  Gewinn  für  die  klinische  Beurtheilung  dieser  Lähmungen 
gezogen. 

Das  histologische  Verhalten  der  gelähmten  Nerven  und  Muskeb 
ist  nun  aber  in  den  verschiedenen  Arten  der  Lähmungen  ein  äusserst 
verschiedenes:  in  einer  Reihe  von  Fällen,  speciell  bei  den  meisten 
cerebralen  Lähmungen  (mit  Ausnahme  der  Bulbärparalyse  u.  dgL) 
ebenso  bei  manchen  spinalen  Lähmungen,  wahrscheinlich  auch  bei 
allen  hysterischen  und  bei  einzelnen  peripheren  Lähmungen,  findet 
sich  lange  Zeit  gar  keine  histologische  Veränderung;  die  geUUimten 
Nerven  und  Muskeln  unterscheiden  sich  in  keiner  Weise  von  den 
gesunden;  erst  nach  langem,  vieljährigem  Bestehen  findet  man  hier 
und  da  geringen  Schwund  derselben  als  Folge  der  langen  Unthätig- 
keit;  oder  es  findet  sich,  besonders  bei  gleichzeitiger  Contractur, 
massige  Hypertrophie  des  Neurilemm  neben  Atrophie,  braunrother 
Verfärbung  und  grösserer  Mürbheit  der  Muskeln  (Cornil), 

In  einer  zweiten  Reihe  von  Fällen  weist  die  Untersuchung  ein- 
fache Atrophie,  Schwund,  Abmagerung  der  Nervenfasern  und  beson- 
ders der  Muskeln  nach;  diese  letzteren  werden  schmächtiger,  ihre 
Primitivbündel  schmäler,  das  interstitielle  Bindegewebe  nimmt  etwas 
zu  und  wird  nicht  selten  der  Sitz  einer  Fettablagerung,  durch  welche 
die  Atrophie  z.  Th.  maskirt  werden  kann.  Diess  Verhalten  scheint 
besonders  bei  manchen  spinalen  Lähmungen  vorzukommen. 

In  einer  dritten  Reihe  von  Lähmungsfällen  endlich  treten  sehr 
erhebliche  histologische  Veränderungen  in  Nerven  und  Muskeb  ein, 
welche  eine  in  den  meisten  Fällen  genau  übereinstimmende  Entwick- 
lung durchmachen.  Typisch  sind  diese  Veränderungen  speciell  bei 
den  traumatischen  Lähmungen ,  und  hier  hat  man  sie  auf  das  ge- 
naueste experimentell  studirt.  Ihr  Vorkommen  erstreckt  sich  auch 
beim  Menschen  auf  alle  traumatischen  und  diesen  gleichwerthige 
Lähmungen  peripherer  Nerven,  femer  auf  gewisse  rheumatische  oder 
refrigeratorische  Lähmungen  derselben  (besonders  des  Facialis),  end- 
lich mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  auch  auf  gewisse  spinale  Läh- 
mungen, nämlich  die  schon  mehrfach  genannte  spinale  Kinderläh- 
mung und  verwandte  Krankheitsformen. 

Wir  müssen  die  Veränderungen  an  den  Nerven  und  Mnskehi 
gesondert  betrachten. 

An  den  Nerven  sind  dieselben  schon  längere  Zeit  bekannt  und 
seit  Wal  1er' s  bahnbrechenden  Arbeiten  von  Physiologen  und  Ana- 
tomen vielfach  und  in  sorgfältigster  Weise  untersucht  worden.    Aus 


Lähmung.    Histologische  VeräoderuDgen  an  Nerven  und  Muskeln.      385 

den  zahlreichen  Arbeiten  von  Waller,  Schiff,  Bruch,  Lent, 
Hjelt,  Philippeaux  und  Vulpian,  Neumann,  Erb,  Hertz, 
Benecke,  Ranvier,  Cossy  und  D6jerine  und  vielen  Anderen, 
welche  sich  mit  den  auf  traumatische  Läsionen  folgenden  Vorzügen 
der  Degeneration  und  Regeneration  der  Nerven  beschäftigten,  ent- 
nehmen wir  die  folgende  Schilderung  der  dabei  ablaufenden  Processe. 
Schon  in  den  ersten  Tagen  nach  irgend  einer  erheblicheren 
traumatischen  Einwirkung  auf  den  Nerven  (Durchschneidung,  Quet- 
schung, Zerreissung,  Ligatur  u.  s.  w.)  tritt  eine  Gerinnung  der  Mark- 
scheide und  ein  allmäliger  Zerfall  derselben  in  längere  und  kttrzere 
cylindrische  Schollen  ein;  die  Schollen  zerklttflien  sich  immer  weiter, 
ihre  einzelnen  Theilstttcke  runden  sich  ab  und  verwandeln  sich  in 
unregelmässig  rundliche,  grössere  und  kleinere  Tropfen,  zwischen 
welchen  sich  vom  Ende  der  ersten  Woche  an  eine  immer  zunehmende 
Ansammlung  feiner  Fettkömchen  bemerklich  macht.  Um  diese  Zeit 
hat  das  Volumen  der  degenerirenden  Fasern  erheblich  zugenommen, 
sie  erscheinen  breiter  als  normal.  AUmälig  sammeln  sich  nun  die 
Markkugeln  und  Fetttröpfchen  zu  grösseren  und  kleineren  unregel- 
mässigen Haufen  an,  die  kleineren  Fetttröpfchen  ttberwiegen  weiter- 
hin mehr  und  mehr,  und  allmälig  entsteht  so  der  Anschein,  als  ob 
zahlreiche  Fettkömchenkugeln  durch  den  Nerven  zerstreut  lägen.  Zu- 
gleich tritt  eine  erhebliche  Vermehrung  der  Kerne  in  der  Schwann- 
schen  Scheide  ein.  Von  der  3.  und  4.  Woche  an  macht  sich  eine 
sehr  entschiedene  Abnahme  der  Mark-  und  Fettmassen  bemerklich; 
dieselben  verschwinden  wohl  grösstentheils  durch  Resorption,  z.  Th. 
wohl  auch  dadurch,  dass  sie  sich  in  eine  homogene,  gleichmässige 
Masse  umwandeln,  welche  die  restirende  Schwann'sche  Scheide  er- 
flillt,  und  in  welche  auch  der  übriggebliebene  Axencylinder  aufgeht 
(N  e  u  m  a  n  n).  So  werden  die  degenerirenden  Fasern  allmälig  schmäler, 
und  es  bleibt  davon  zuletzt  nichts  übrig  als  ein  schmales,  blasses, 
mit  unregelmässig  welligen  Gonturen  versehenes  Band,  das  an  ein- 
zelnen Stellen  noch  Mark-  und  Fetttröpfchen  einschliesst  und  gewöhn- 
lich eine  erhebliche  Kemvermehrung  erkennen  lässt.  Dieses  Band 
besteht  nach  meinen  Beobachtungen  aus  der  Schwann'schen  Scheide 
und  dem  persistirenden  Axencylinder,  nach  Neu  mann  aus  der  Pri- 
mitivscheide, erfüllt  mit  einer  aus  der  Umwandlung  des  Axencylinders 
und  des  zerfallenden  Marks  entstandenen  gleichmässigen  Masse, 
üeber  die  Persistenz  des  Axencylinders  sind  die  Meinungen  noch 
getheilt:  von  Einigen  wird  sie  behauptet,  von  Andern  geleugnet. 
Wahrscheinlich  verhält  sich  die  Sache  so :  bei  leichteren  traumatischen 
Einwirkungen  (einfache  Compression,  Quetschung  u.  dgl.),  bei  welchen 

HudbDch  d.  spec  Pathologie  u.  Therapie.  Bd.  XII.  1.    2.  Aafl.  25 


386  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

keine  völlige  Trennang  des  Nerven  stattfindet,  bleibt  der  Axencylinder 
erhalten  bis  zur  Wiederherstellung  der  leitenden  Verbindung  mit 
dem  centralen  Nervenstück  und  wird  durch  diese  vor  weiterem  Zer- 
fall bewahrt;  ich  wenigstens  glaube  mich  ^lit  aller  Bestimmtheit 
überzeugt  zu  habeo;  dass  bei  einfacher  Quetschung  der  Nerven  beim 
Kaninchen  (und  ebenso  bei  einer  Compressionslähmung  des  N.  facialis 
beim  Menschen)  die  Axencylinder  im  peripheren  Nervenstttck  jeden- 
falls wochenlang  erhalten  bleiben ;  es  lässt  sich  wohl  auch  die  gerade 
bei  diesen  Experimenten  so  auffallend  prompte  und  frühe  Wieder- 
herstellung der  Motilität  nicht  wohl  anders  als  durch  Persistenz  des 
Axencylinders  erklären.  Bei  schwereren  Verletzungen  dagegen,  bei 
völliger  Trennung  des  Zusammenhangs  der  Nerven,  besonders  bei 
Excision  grösserer  Stücke  aus  denselben,  geht  wohl  der  Axencylinder 
im  Verlaufe  der  Degeneration  zu  Grunde;  und  zwar  scheint  dies 
nach  den  genauen  Beobachtungen  der  französischen  Histologen  (Ran- 
vier,  Cossy  und  Döjerine)  in  relativ  kurzer  Zeit,  in  5—12  Tag^ 
zu  geschehen;  schon  am  2.  und  3.  Tag  zeigt  der  Axencylinder  eine 
abnorme  Fragilität,  zerfällt  dann  weiterhin  in  zahlreiche  Fragmente^ 
die  im  LÄufe  der  zweiten  Woche  spurlos  verschwinden.  Selten  nur 
und  in  einzelnen  Fasern  kann  er  auffallend  lange  nachgewiesen  werden. 
Nach  Neumann's  Anschauung  würde  er  wenigstens  in  einer  modifi- 
cirten  und  für  die  Regeneration  der  Nervenfasern  bedeutungsvollen 
Form  erhalten  bleiben. 

Gleichzeitig  mit  diesen  Degenerationsvor^ngen  an  den  Nerven- 
fasern selbst,  welche  ziemlich  rasch  von  dem  Centrum  nach  der 
Peripherie  fortschreiten,  treten  aber  auch  erhebliche  Verände- 
rungen in  dem  Neurilemm  auf.  Abgesehen  von  der  an  der 
Verletzungsstelle  selbst  sich  regelmässig  in  höherem  oder  geringerem 
Grade  ausbildenden  traumatischen  Entzündung  (Anschwellung,  reich- 
liche Emigration,  Wucherung  und  endlich  narbige  Schrumpfiing  des 
Bindegewebes)  erkennt  man  —  in  regelmässigem  Zusammenhang  mit 
der  fortschreitenden  Degeneration  der  Nervenfasern  —  alsbald  bis 
in  die  feinsten  Nervenverzweigungen  hinein,  neben  erheblicher  Zu- 
nahme und  Vermehrung  der  Kerne  der  Schwann'schen  Scheide  (Hertz) 
im  Neurilemm  selbst,  zwischen  den  Nervenfasern  eine  bedeutende 
Anhäufung  von  zelligen  Elementen,  die  wir  wohl  ohne  Bedenken 
zum  grössten  Theil  als  emigrirte  farblose  Blutkörperchen  betrachten 
dürfen.  Dieselben  nehmen  im  weiteren  Verlauf  (3. — 4.  Woche)  zum 
grössten  Theil  den  Charakter  von  Spindelzellen  an,  und  es  zeigt 
sich  damit  gleichzeitig  eine  mehr  und  mehr  zunehmende  Verdieknng 
des  Neurilemm.    Die  äussere  Nervenscheide  erscheint  erheblich  ver- 


Lähmong.    Histologische  YerändenrngeD  an  Nenren  und  Muskeln.       387 

dickt,  mächtige  Bindegewebszttge  trenDcn  die  einzelnen  Nervenbün- 
deichen  von  einander ,  und  selbst  zwischen  die  einzelnen  Fasern 
hinein  lässt  sich  vermehrtes  Bindegewebe  verfolgen.  Mit  zuneh- 
mender Dauer  des  Processes  wird  das  so  gewucherte  Bindegewebe 
immer  derber  und  fester,  faserig;  es  tritt  eine  förmliche  Cirrhose 
des  Nerven  ein,  welche  besonders  auf  Querschnitten  desselben  mit 
grösster  Deutlichkeit  hervortritt.  Dieser  Vorgang  der  Hyperplasie 
des  Neurilemm  besteht  gewöhnlich  bis  weit  tlber  die  Zeit  hinaus, 
wo  die  Regenerationsvorgänge  an  den  Nervenfasern  beginnen,  und  es 
ist  wahrscheinlich,  dass  dieselben  durch  diese  Bindegewebswucherung 
und  Retraction  erheblich  gehindert  und  verlangsamt  werden  können, 
üeber  diese  Regeneration  der  Nerven,  welche  bald  früher 
bald  später  nach  traumatischen  und  analogen  Einwirkungen  erfolgt, 
ist  trotz  der  zahlreichen  darauf  gerichteten  Untersuchungen  noch 
keine  hinreichende  Klarheit  und  gar  keine  Uebereinstinmiung  unter 
den  Beobachtern  erzielt.  Thatsache  ist  jedenfalls,  dass  die  Regene- 
ration in  vielen  Fällen  ungemein  rasch  und  leicht,  in  andern  lang- 
samer und  später  erfolgt;  allein  über  die  feineren  histologischen  Vor- 
gänge dabei  ist  man  noch  nicht  hinlänglich  einig.  Der  einfachste 
Fall  ii^t  wohl  der,  dass  durch  eine  einfache  Quetschung  oder  Com- 
pression  des  Nerven  Lähmung  eintrat,  jedoch  keine  Trennung  des 
Zusammenhangs  des  Nerven  eingetreten  ist.  Hier  sieht  man,  sobald 
die  fortschreitende  Resorption  der  Mark-  und  Fettmassen  einen  hin- 
reichend genauen  Einblick  gestattet,  dass  von  den  centralen  wohler- 
haltenen Enden  der  Nervenfasern  aus  sich  blasse  Bänder  in  den  alten 
Schwann'schen  Scheiden  in  den  peripheren  degenerirten  Theil  des 
Nerven  fortsetzen;  dass  diese  blassen  Bänder  sich  vom  centralen 
Ende  aus  allmälig  mit  einer  ganz  schmalen,  nach  der  Peripherie 
hin  wachsenden,  nach  und  nach  breiter  werdenden  Markscheide  um- 
geben. So  kann  man  in  einem  bestimmten  Stadium  der  Regene- 
ration an  und  etwas  unterhalb  der  Quetschungsstelle  zahllose  regene- 
rirte  Fasern  antreffen,  die  sich  durch  ihre  Schmalheit  und  die  Fein- 
heit ihres  doppelten  Contur  höchst  aufTallend  unterscheiden,  nach 
unten  aber  direct  in  die  schon  mehrfach  erwähnten  innerhalb  der 
Schwann'schen  Scheiden  liegenden  schmalen,  blassen  Bänder  ttber- 
gehen.  (Um  diese  Zeit  kann  die  Motilität  schon  wieder  theilweise 
hergestellt  sein.)  —  Unklar  ist  jedoch  hierbei  noch,  wie  die  Restitu- 
tion .der  Markscheide  und  wohl  auch  des  Axencylinders  an  der 
Quetschungsstelle  selbst  zu  Stande  kommt  Hertz  nimmt  an,  dass 
die  wuchernden  und  sich  aneinander  lagernden  Nervenscheidenkeme 
die  Lücke  ausftlllen  und  die  Verbindung  wiederherstellen. 

25* 


388  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

Ganz  anders  aber  bei  völliger  Dnrehtrennong  des  Nenren  (and 
ebenso  bei  den  Sehnssyerletznngen  ^  Zerreissangen  o.  s.  w.  in  der 
menschlichen  Pathologie),  wobei  die  beiden  Nervenenden  durch  ein 
mehr  oder  weniger  langes  Zwischensttick  getrennt  sind,  welches 
natürlich  zunächst  durch  Granulationsgewebe  ausgefällt  wird.  Dies^ 
Gewebe  haben  die  nengebildeten  Nerven£EU3em  zu  überbrücken,  die 
Regeneration  hat  vor  Allem  durch  dieses  Zwischengewebe  hindurch 
eine  Verbindung  der  centralen  und  der  peripheren  Enden  der  Nerven- 
fasern herzustellen.  Wie  dies  jedoch  geschieht,  darüber  gehen  die 
Ansichten  der  Forscher  weit  auseinander.  Darüber  herrscht  zun&chst 
Einigkeit,  dass  die  Regeneration  anfangs  im  centralen  Stumpfe  be- 
ginnt, und  dass  die  neugebildeten  Nervenfasern  in  das  Zwischenge- 
webe hineinwachsen ;  ferner  darüber,  dass  auch  im  peripheren  Ende, 
unabhängig  von  der  centralen  Regeneration  eine  Neubildung  von 
jungen  Nervenfasern  stattfindet,  welche  dazu  bestimmt  scheinen,  mit 
den  central  gebildeten  in  directe  Verbindung  zu  treten.  Aber  während 
die  eine  Meinung  (Hertz,  Bruch,  Hjelt,  Oehl  u.  A.)  die  neuen 
Nervenfasern  aus  in  Längsreihen  aneinander  gelagerten  kernhaltigen 
Gebilden  (gewucherten.  Zellen  der  Schwann'schen  Scheiden  oder  aus- 
gewanderten farblosen  Blutkörperchen)  sowohl  innerhalb  der  Primi- 
tivscheiden  als  ausserhalb  und  zwischen  denselben  entstehen  lässt, 
führt  die  andere  Ansicht  (Neumann,  Eichhorst,  Remak)  die- 
selbe auf  Abspaltung  und  Regeneration  der  in  der  Schwann'schen 
Scheide  zurückgebliebenen,  aus  umgewandeltem  Mark-  und  Axen- 
cjlinder  bestehenden,  homogenen  Masse  zurück  und  will  jede  Be- 
theiligung von  Zellen  an  der  Neubildung  der  Nervenfasern  ausge- 
schlossen wissen.  Und  ebenso  besteht  ein  Gegensatz  der  Meinungen 
über  die  Herstellung  der  Verbindung  der  centralen  und  peripheren 
Fasern  innerhalb  des  Mittelstücks  zwischen  den  beiden  Enden: 
während  Neu  mann  annimmt,  dass  die  central  gebildeten  Fasern 
(deren  sich  nach  ihm  in  jeder  alten  Faser  ein  ganzes  Bündel  „ab- 
spaltet") direct  durch  die  intermediäre  Substanz  hindurchwachsen 
und  auf  irgend  eine  Weise  sich  dann  in  Verbindung  mit  den  peripher 
gebildeten  Fasern  setzen,  behauptet  Hertz,  sich  davon  überzeugt 
zu  haben,  dass  in  dem  aus  Granulationsgewebe  gebildeten  Mittelstttck 
sich  Zellen  reihenweise  aneinanderlegen,  miteinander  zu  Längsreihen 
verschmelzen  und  sich  in  Nervenfasern  umwandeln,  welche  als  Mittel- 
glied sich  mit  den  centralen  Fasern  einerseits,  mit  den  peripheren 
Fasern  andererseits  verbinden.  Ran  vi  er  dagegen  lässt  ebenfalls 
aus  den  einzelnen  centralen  Nervenfasern  ganze  Bündel  neugebildeter 
Nervenfasern  hervorgehen,  welche  die  zwischen  den  getrennten  Enden 


Läbmnng.    Histologische  Veränderungen  an  Nerven  und  Muskeln.        389 

liegende  Lttcke  Überbrücken  und  in  den  peripheren  Abschnitt  ein- 
dringen, um  entweder  in  die  alten  degenerirten  Fasern  (resp.  deren 
restirende  Schwann'sche  Scheiden)  oder  in  das  dieselben  trennende 
Bindegewebe  hineinzuwachsen. 

Sei  dem,  wie  ihm  wolle,  jedenfalls  ist  so  viel  sicher  und  für 
die  Pathologie  von  grösster  Wichtigkeit,  dass  wirklich  eine  Regene- 
ration der  Nervenfasern  stattfindet,  dass  eine  Wiedervereinigung  ge- 
trennter Nervenfasern  durch  nervöses  Gewebe  zu  Stande  kommen 
kann,  und  dass  damit  die  Grundlagen  fUr  die  Heilung  hierherge- 
höriger Lähmungen  gegeben  sind.  Wo  die  Bedingungen  fUr  diese 
Regeneration  günstig  sind  (keine  vollständige  Trennung  des  Nerven), 
erfolgt  dieselbe  rasch  und  vollständig ;  sind  dieselben  weniger  günstig, 
dann  erfolgt  sie  langsamer;  je  weiter  die  getrennten  Nervenenden 
von  einander  entfernt  sind,  je  mehr  sie  aus  ihrer  normalen  Rich- 
tung verschoben  sind,  je  breiteres  und  dichteres  Zwischengewebe 
vorhanden  ist,  desto  geringer  werden  die  Chancen  einer  Wiederver- 
einigung und  physiologisch  wirksamen  Regeneration  der  Fasern  sein. 
Es  ergibt  sich  daraus  leicht,  dajss  es  zahlreiche  Fälle  geben  wird, 
in  welchen  durch  derartig  ungünstige  äussere  Bedingungen  eine  Wieder- 
vereinigung und  Regeneration  einfach  unmöglich  gemacht  wird,  in 
welchen  demnach  die  Lähmung  eine  unheilbare  bleiben  muss. 

Die  interessante  Frage,  wie  es  kommt,  dass  auch  nach  völligen 
Trennungen  der  Nerven  ihre  physiologische  Function  sich  wieder  in 
ganz  normaler  Weise  herstellt,  ob  die  getrennten  Enden  je  einer 
Nervenfaser  wieder  zusammenheilen,  oder  ob  die  Vereinigung  rein 
dem  Zufall  überlassen  bleibt,  ist  noch  kaum  der  anatomischen  Unter- 
suchung unterworfen  worden.  Ebenso  wissen  wir  über  das  Verhalten 
der  motorischen  Endplatten  bei  solchen  Degenerationen  und  Regene- 
rationen so  gut  wie  nichts. 

Im  engsten  Zusammenhang  mit  den  beschriebenen  Veränderungen 
an  den  Nerven  läuft  auch  eine  Reihe  von  Veränderungen  der 
Muskeln  ab,  die  jedoch  bisher  seltener  Gegenstand  genauerer 
Untersuchung  gewesen  sind.  Schon  Reid  (1841)  hat  dieselben  ge- 
nauer beobachtet  und  den  erheblichen  Schwund  der  Muskeln  con- 
statirt.  Valentin  constatirte  dabei  die  Abmagerung  der  Fasern 
und  das  Undeutlichwerden  ihrer  Querstreifung.  Mantegazza  be- 
rücksichtigte zuerst  neben  diesen  Veränderungen  die  Wucherung  der 
Muskelkeme  und  des  interstitiellen  Bindegewebes.  Ich  selbst  habe 
dann  die  Muskelveränderungen  bei  traumatischen  Lähmungen  genauer 
untersucht  und  beschrieben,  und  meine  Angaben  sind  grösstentheils 


390  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospiaalen  Ner?en. 

von  Vulpian  und  in  neuester  Zeit  von  Bizzozero  und  Golgi 
bestätigt  worden. 

Die  hauptsächlichste  und  auffallendste  Veränderung  ist  unstreitig 
die  Atrophie  der  Muskelfasern;  sie  begmnt  in  der  2.  Woche 
deutlich  zu  werden,  schreitet  progressiv  in  den  folgenden  Wochen 
fort  und  ist  auf  Längsschnitten  sowohl  wie  besonders  auf  Querschnitten 
leicht  zu  constatiren.  Sie  ist  natürlich  nicht  an  allen  Fasern  ganz 
gleichmässig  ausgesprochen,  sondern  Fasern  von  sehr  verschiedener 
Breite  finden  sich  in  den  gelähmten  ebenso  wie  in  gesunden  Mus- 
keln; im  Laufe  von  5  —  6  Wochen  ist  jedoch  die  durchschnittliche 
Faserbreite  um  mehr  als  die  Hälfte  gesunken,  und  entsprechend 
sinken  auch  ihre  Grenzwerthe.  Sobald  Regeneration  der  Nerven 
und  Wiederkehr  der  Motilität  eingetreten  ist,  wird  das  Fortschreiten 
dieser  Atrophie  sistirt,  und  die  Muskelfasern  kehren  nach  und  nach, 
wenn  auch  nur  langsam ,  zu  ihrer  normalen  Breite  zurück.  Ist  je- 
doch keine  Restitution  der  Nerven  möglich,  ist  die  Lähmung  eine 
unheilbare,  so  schreitet  auch  die  Atrophie  weiter  fort,  die  einzelnen 
Fasern  verschwinden  nach  und  nach,  und  es  bleibt  schliesslich  nur 
das  —  gewucherte  —  interstitielle  Gewebe  zurück.  Dieser  Aus- 
gang, dieses  völlige  Verschwinden  des  Muskelgewebes  als  solchen, 
tritt  aber  erst  nach  vielen  Monaten,  oft  erst  nach  Jahren  ein. 

Neben  dieser  Atrophie  beobachtet  man  aber  auch  noch  weitere 
Veränderungen  an  den  Muskelfasern:  ihre  Querstreifen  werden 
etwas  undeutlicher  und  weniger  scharf,  sie  rücken  näher  zu- 
sammen und  werden  feiner,  ohne  jedoch  ganz  zu  verschwinden; 
häufig  erscheinen  die  Fasern  wie  leicht  getrübt,  doch  tritt  in  früheren 
Stadien  niemals  eine  deutliche  körnige  oder  fettige  Degeneration 
ein.  Z»  gleicher  Zeit  zeigt  sich  eine  erhebliche  Vermehrung  der 
Muskelkerne,  die  im  Laufe  der  2.  Woche  beginnt  und  in  den 
folgenden  Wochen  eine  solche  Höhe  erreicht,  dass  an  Stelle  eines 
einzelnen  Muskelkernes  Häufchen  von  6—8  Kernen  beisammen  liegen, 
die  dann  in  den  atrophisch  gewordenen  Fasern  noch  besonders  dicht 
beisammen  liegen  und  auch  in  diesen  ohne  weitere  Reagentien  schon 
viel  leichter  sichtbar  sind,  als  in  gesunden  Fasern.  —  Endlich  lässt 
sich  auch  noch  eine  chemische  Veränderung  der  contrac- 
tilen  Substanz  nachweisen,  die  sich  dahin  äussert,  dass  die  Fasern 
eine  mit  der  Dauer  der  Lähmung  zunehmend  grössere  Neigung  zeigen, 
nach  Verletzungen  oder  nach  dem  Eintritt  des  Todes  jene  dgen- 
thümliche  Veränderung  zu  erleiden,  die  man  als  „  wachsartige  Degene- 
ration "  bezeichnet,  —  eine  Veränderung,  die  in  den  früheren  Stadien 
der  Lähmung  jedenfalls  nur  Leichenerscheinung  ist,   späterhin  sich 


Lähmung.    Histologische  Yeränderungen  an  Nerven  und  Muskeln.        391 

vielleicht  auch  schon  während  des  Lebens  einstellt  und  den  Zerfall 
und  die  Besorption  der  Fasern  beschleunigt/) 

Die  auch  an  den  Muskeln  nicht  fehlende  Veränderung  des 
interstitiellen  Bindegewebes  beginnt  ungefähr  mit  dem  Ein- 
tritt der  2.  Woche  mit  einer  massenhaften  Anhäufung  von  zel- 
ligen Elementen  (emigrirten  farblosen  Blutkörperchen?)  in  dem- 
selben, so  dass  es  an  vielen  Stellen  aussieht ,  als  sei  Granulations- 
gewebe zwischen  die  Muskeln  eingelagert;  besonders  in  der  Um- 
gebung der  Blutgefässe  und  der  degenerirten  Nervenstämmchen  sieht 
man  diese  Anhäufungen  sehr  schön ,  und  sie  lassen  sich  mehrere 
Wochen  lang  leicht  allenthalben  nachweisen.  Von  der  6.  Woche 
an  jedoch  verschwinden  sie  allmälig,  nachdem  sie  vorher  meist 
spindelförmig  geworden  und  in  dem  reichlich  wuchernden  derben 
welligen  Bindegewebe  aufgegangen  sind.  Diese  Wucherung  des 
interstitiellen  Bindegewebes  ist  ebenfalls  schon  früh,  in  der 
2.  Woche  etwa,  zu  constatiren,  nimmt  von  Woche  zu  Woche  zu, 
und  erscheint  allmälig  in  Form  von  derbfaserigen,  welligen  Binde- 
gewebszügen,  welche  in  erheblicher  Breite  den  Muskel  durchziehen 
und  als  deutliche  Septa  die  einzelnen  Muskelfasern  von  einander 
trennen.  Der  Muskel  wird  dadurch  viel  derber,  fester,  und  besonders 
auf  Querschnitten  desselben  erkennt  man  deutlich  die  massenhafte 
Zunahme  des  interstitiellen  Gewebes.  Dieses  verfällt  später  der 
narbigen  Retraction,  und  es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass 
die  nach  solchen  Lähmungen  so  häufig  auftretenden  Contracturen 
zum  grössten  Theil  auf  dieses  Verhältniss  zurttckzuftlhren  und  also 
als  myopathische  aufzufassen  sind. 

Auch  alle  diese  genannten  Veiilnderungen  können  sich  mit  vollen- 
deter Regeneration  des  Nerven  allmälig  wieder  zurtlckbilden ;  doch 
geschieht  dies  nur  sehr  langsam  und  allmälig,  und  zwar  um  so  lang- 
samer, je  weiter  die  Veränderungen  bereits  vorgeschritten  waren, 
je  länger  demnach  die  Lähmung  bereits  bestanden  hatte;  und  es 
ist  leicht  verständlich,  dass  besonders  die  mächtige  Zunahme  des 
Bindegewebes,  diese  förmliche  Cirrhose  der  Muskeln  ein  erhebliches 
Hindemiss  ftir  die  baldige  Restitution  der  Muskelfasern  zu  ihrem 
normalen  Volumen  und  ihrer  normalen  Leistungsfähigkeit  sein  wird. 
Daraus  erklärt  sich  hinlänglich  die  auch  beim  Menschen  jederzeit 
zu  beobachtende  langsame  Heilung  solcher  Lähmungen. 


1)  Ygl.  Erb,  Bemerk,  über  die  sogen,  wachsartige  Degener.  quergestreifter 
Muskelfasern.  Virch.  Arch.  Bd.  43.  1869.  —  W.  Weihl,  Experimentelle  Unters, 
ttb.  d.  „wachsart.  Degener."  etc.  ibid.  Bd.  61.  1ST4. 


392  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

In  nnbeilbaren  Fällen  dagegen  gewinnt  das  wuchernde  Binde- 
gewebe mit  der  fortschreitenden  Atrophie  and  dem  schliesslichen 
Schwand'  der  Muskelfasern  immer  mehr  an  Derbheit^  und  es  können 
so  im  Verlaufe  von  Monaten  und  Jahren  die  Muskeln  ganz  in  platte 
bindegewebige  Stränge  umgewandelt  werden.  Manchmal  wird  dies8 
Gewebe  dann  noch  in  späterer  Zeit  der  Sitz  Ton  Fettablagerung, 
es  bilden  sich  mehr  oder  weniger  reichliche  Fettzellen  in  demselben, 
und  es  kann  schliesslich  an  Stelle  des  geschwundenen  Muskels  förm- 
liches Fettgewebe  sich  finden. 

Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  auch  in  dem  makroskopischen 
Aussehen  der  in  dieser  Weise  gelähmten  Muskeln  sich  die  geschil- 
derten Veränderungen  kund  geben.  In  den  ersten  Tagen  erscheinen 
die  Muskeln  durch  grösseren  Blutreichthum  geröthet  und  geschwellt, 
wohl  auch  derber  als  normal;  mit  fortschreitender  Atrophie  der 
Muskelfasern  and  Hyperplasie  des  Bindegewebes  jedoch  werden  die 
Muskeln  blasser  und  blasser,  gewinnen  immer  mehr  an  Consistenz 
und  Derbheit,  ihre  Färbung  geht  vom  grauröthlichen  allmälig  über 
in  die  Färbung  des  derbfaserigen  Bindegewebes,  welche  sich  bd 
reichlicher  Fetteinlagerung  wieder  in  das  fahlgelbe  Colorit  des  Fett- 
gewebes umwandeln  kann ,  und  damit  ist  auch  wieder  in  der  Regel 
eine  Abnahme  in  der  Consistenz  des  Gewebes  verbunden. 

Wie  schon  oben  gesagt,  kommt  die  Gesammtheit  der  soeben 
geschilderten  Veränderungen  an  Nerven  und  Muskeln  in  schönster 
und  förmlich  typischer  Weise  bei  traumatischen  Lähmungen  vor,  and 
zwar  ebensowohl  bei  den  experimentell  erzeugten,  wie  bei  jenen, 
welche  am  Menschen  durch  irgend  welchen  Zufall  (Schussverletznng, 
Schnitt-  und  Hiebwunden,  Contusion  u.  s.  w.)  entstehen.  Es  nnter- 
liegt  nicht  dem  mindesten  Zweifel,  dass  dieselben  Veränderungen  — 
deren  Existenz  wir,  wie  sogleich  gezeigt  werden  wird,  auch  klinisdi 
vermittelst  der  elektrischen  Untersuchung  nachweisen  können  —  auch 
bei  allen  jenen  peripheren  Lähmungsformen,  welche  in  ihrer  Bedeu- 
tung für  die  Existenz  der  anatomischen  Integrität  und  der  Leitnngs- 
fähigkeit  der  Nerven  den  traumatischen  Lähmungen  analog  sind, 
in  genau  gleicher  Weise  gefunden  werden.  Hierher  gehören  die 
Lähmungen,  welche  durch  energische  Compression  peripherer  Nerren 
durch  Geschwülste,  Blutextravasate »  Callusbildung,  Bindegewebe- 
Wucherung,  rheumatische  Exsudation  u.  dgl.  hervorgerufen  werden; 
und  das  Vorkommen  der  uns  hier  beschäftigenden  Veränderungen 
deutet  in  solchen  Fällen  immer  auf  eine  schwere  periphere  Läsion. 

Neuere  Untersuchungen  haben  es  jedoch  in  hohem  Grade  wahr- 
scheinlich gemacht,  dass  auch  bei  bestimmten  Formen  der  centralen 


Lähmung.    Histologische  Yer&nderuDgen  an  Nerven  und  Muskeln.       393 

Lähmnogen  sich  identische  oder  doch  wenigstens  ähnliche  Ernäh- 
nmgsstömngen  in  den  Nerven  nnd  Maskeln  einstellen.  So  will  man 
bei  der  sogenannten  spinalen  Kinderlähmung  and  verwandten  Krank- 
heitsformen,  bei  welchen  diese  Veränderungen  in  Nerven  und  Mus- 
keln sich  ziemlich  regelmässig  einstellen,  den  Sitz  der  Erkrankung 
in  die  vordere  Hälfte  des  Rückenmarks  verlegen  und  glaubt,  dass 
gewisse  Ganglienzellen  in  den  Vorderhömem  in  solchen  Beziehungen 
zu  den  trophischen  Vorgängen  in  Nerven  und  Muskeln  stehen,  dass 
ihre  Lähmung  oder  Erkrankung  die  genannten  Veränderungen  her- 
vorzurufen im  Stande  ist.  Für  die  genauere  Besprechung  dieser 
diagnostisch  sehr  wichtigen  Thatsache  muss  jedoch  auf  die  Erkran- 
kungen des  Bttckenmarks  und  der  trophischen  Nerven  verwiesen 
werden. 

Endlich  darf  nicht  unerwähnt  bleiben,  dass  auch  bei  der  Blei- 
lähmung  ganz  ähnliche  histologische  Veränderungen  gefunden  worden 
sind  (Gombault*),  ohne  dass  es  gelungen  wäre,  über  den  eigent- 
lichen Sitz  dieser  Lähmung  bisher  ins  Klare  zu  kommen ;  und  weitei;, 
dass  die  Veränderungen  in  den  Muskeln,  wie  sie  hier  geschildert 
worden  sind,  mit  den  bei  der  progressiven  Muskelatrophie  beob- 
achteten Muskelveränderungen  eine  überaus  grosse  Aehnlichkeit  be- 
sitzen, so  dass  sie  sogar  vom  histologischen  Standpunkt  aus  als 
nahezu  identisch  aufgefasst  werden  konnten  (Fried reich*)),'  wäh- 
rend allerdings  ein  erheblicher  klinischer  Unterschied  darin  besteht, 
dass  bei  der  letzteren  Krankheit  die  motorischen  Nervenfasern  bis 
zu  einem  sehr  späten  Stadium  der  Muskelerkrankung  erhalten  bleiben. 
Diese  Thatsacien,  auf  deren  Details  einzugehen  hier  nicht  der  Ort 
ist,  mnssten  gleichwohl  erwähnt  werden,  weil  sie  den  diflFerential- 
diagnostischen  Werth  des  klinischen  Nachweises  der  uns  hier  be- 
schäftigenden anatomischen  Veränderungen  erheblich  zu  modificiren 
geeignet  sind. 

Wenn  hier  die  Frage  nach  dem  näheren  Zusammenhange 
der  im  Vorstehenden  besprochenen  vasomotorischen  und 
trophischen  Störungen  mit  der  Lähmung  oder  vielmehr  der 
Lähmungsursache  kurz  berührt  werden  soll,  so  geschieht  dies  beson- 
ders, um  die  vielen  Schwierigkeiten  und  Unklarheiten  zu  betonen, 
welche  diese  wichtige  Frage  noch  immer  umgeben»  Nur  Weniges 
darüber  ist  bis  jetzt  mit  Sicherheit  bekannt;  nur  Weniges  ist  unbe- 
stritten und  gerade  über  die  wichtigsten  Punkte  herrschen  noch  ein- 
ander direct  widersprechende  Ansichten.  Keine  von  diesen  ist  in 
zwingender  Weise  bewiesen,  da  die  Thatsachen  meist  einer  mehrfachen 

1)  Arch.  de  Physiol.  norm,  et  pathol.  1873.  Sept. 

2)  üeber  progressive  Muskelatrophie.  Berlin.  1873.  S.  173. 


394  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebro8pinalen  Nerren. 

Dentung  fähig  sind  und  experimentelle  Untersuchungen  vielfach  mit 
jetzt  noch  anscheinend  unübersteiglichen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen 
haben.  Jedenfalls  aber  sind  zahlreiche  experimentelle  Arbeiten  unbe- 
dingt nöthigy  besonders  um  über  den  trophischen  Einfluss  des  Nerven- 
systems mehr  ins  Klare  zu  kommen. 

Am  leichtesten  sind  die  bei  Lähmungen  vorkommenden  vasomo- 
torischen Stc^rungen  und  was  sich  an  sie  anknttpft;  zu  erklären; 
es  handelt  sich  bei  diesen  einfach  um  Lähmung  oder  Reizung  vaso- 
motorischer Bahnen,  die  je  nach  dem  Sitz,  der  Art  und  der  Ausbrei- 
^ng  der  Lähmungsursache  eintreten  oder  fehlen  können.  Reizung 
der  vasomotonschen  Bahnen  und  dadurch  bedingte  Ischämie  ist  bei 
Lähmungen  der  Natur  der  Sache  nach  seltener;  weit  häufiger  die 
Lähmung  derselben,  die  anfangs  zu  fluxionärer  Hyperämie  mit  Tem- 
peratursteigerung und  leichtem  Oedem,  später  zu  allgemeiner  Atonie 
der  Gefässe,  Cyanose,  mangelhafter  Ernährung  der  Gewebe  fahrt. 
Für  die  Erklärung  des  späteren  Verechwindens  der  Hyperämie  und 
der  Temperatursteigerung  in  manchen  Fällen  sind  wohl  auch  die  an 
den  Gefässen  wahrscheinlich  vorhandenen  (Goltz,  Gergens  und 
Werber)  peripheren  gangliösen  Apparate  herbeizuziehen,  welche  den 
Tonus  der  Gefässe  auch  bei  fortbestehender  Lähmung  der  vasomoto- 
rischen Bahnen  wieder  herstellen  und  bis  zu  einem  gewissen,  aller- 
dings unvollkommenen  Grade  erhalten  können.  Wir  dürfen  diese  Er- 
scheinungen überall  da  erwarten,  wo  die  vasomotorischen  Bahnen  von 
der  Lähmnngsursache  mitbetroffen  sind;  am  sichersten  bei  Lähmung 
der  peripheren  Nerven,  wo  die  vasomotorischen  Bahnen  mit  den  mo- 
torischen meist  in  denselben  Nervenstämmen  vereinigt  liegen;  weniger 
sicher  bei  Lähmungen  vom  Rückenmark  aus,  weil  in  diesem  die  bei- 
den Faserleitungen  wohl  schon  räumlich  mehr  getrennt  sind;  am  sel- 
tensten endlich  bei  cerebralen  Lähmungen,  bei  welchen  häufig  die 
vasomotorischen  Bahnen  ganz  unbetheiligt  bleiben,  da  sie  im  Gehirn 
mehr  oder  weniger  entfernt  von  den  motorischen  verlaufen.  Dem 
entspricht  durchaus  die  klinische  Erfahrung. 

Anders  aber  ist  es  mit  den  eigentlichen  trophischen  Störun- 
gen: Nervendegeneration  und  Zerfall,  Kemwucherung ,  Atrophie  und 
Degeneration  in  den  Muskelfasern,  plastische  Infiltration  und  Bindege- 
webswucherung,  entzündliche  Störungen  der  Haut  und  der  Gelenke, 
verändertes  Haar-  und  Nagelwachsthum,  Rnochenatrophie,  Decubitus  etc. 

Schon  die  allgemein  pathologische  Deutung  aller  dieser  Vorgänge 
ist  schwierig;  viele  sind  wohl  als  eine  Art  der  entzündlichen  Störung 
aufzufassen,  ähnlich  wie  die  in  anderen  Organen  zur  sogen.  Girrhose 
führende  chronische  Entzündung;  andere  müssen  wir  wohl  als  einfache 
Atrophien,  ab  degenerative  Atrophien,  als  abnorme  Wachsthumsvor- 
gänge  u.  dgl.  bezeichnen. 

Noch  weit  schwieriger  aber  ist  die  Deutung  des  Zusammenhanges 
dieser  Störungen  mit  der  ursprünglichen  Läsion.  Schon  für  den  ao- 
scheinend  einfachsten  Fall  —  die  periphere  traumatische  Lähmung  — 
liegen  die  Verhältnisse  so  verwickelt,  dass  die  verschiedensten  Erklä- 
rungsversuche auftauchen  und  sich  behaupten  konnten. 

Die  nä^'  otliegende  Annahme  war  die,   dass  es  sich  um  eine  von 


L&hmung.    Theorie  der  vasomotorischen  und  trophischen  Störungen.      395 

der  Läsionsstelle  fortgeleitete  tranmatische  Entzündung  handle^  welche 
sieh  durch  die  peripheren  Nervenbahnen  anf  die  Muskeln  und  ge- 
legentlich auch  auf  die  übrigen  Gewebe  verbreite;  sie  ist  in  neuester 
Zeit  von  Friedreich*)  mit  vielem  Geschick  vertheidigt  worden.  Wir 
müssen  uns  jedoch  aus  mehrfachen  Gründen  gegen  eine  allgemeine 
Berechtigung  dieser  Auffassung  erklären :  einmal  wegen  der  ausschliess- 
lich centrifugalen  Fortleitung  des  Processes;  femer  wegen  des  fast 
gleichzeitigen  Auftretens  der  Veiünderungen  in  den  von  der  Otoions- 
stelle  entferntesten  und  in  den  ihr  zunächst  gelegenen  Muskeln;  end- 
lich wegen  der  bekannten  und  vielfach  zu  physiologischen  Untersuch- 
ungen verwertheten  Thatsache^  dass  bei  Durchschneidung  einzelner 
Wurzeln  sich  die  Nerv^endegeneration  durch  die  Plexus  hindurch  auf 
die  nämlichen  Fasern  beschränkt  bis  zur  Peripherie  fortsetzt,  was  beim 
Fortkriechen  eines  entzündlichen  Processes  im  Bindegewebe  der  Ner- 
venscheiden doch  nicht  wohl  denkbar  wäre. 

Wir  müssen  vielmehr  nach  den  bis  jetzt  vorliegenden  Thatsachen 
und  Beobachtungen  die  Ansicht  für  die  wahrscheinlichste  halten,  dass 
die  Trennung  der  peripheren  Theile  vom  Centralnerven- 
system  das  ursächliche  Moment  für  alle  diese  Störungen 
ist.  Wie  dies  der  Fall  ist,  ist  freilich  in  vieler  Beziehung  noch  un- 
klar. Vasomotorische  Einflüsse  spielen  jedenfalls  eine  grosse  Rolle; 
sie  erklären  wohl  die  Hyperämie,  die  Schwellung,  am  Ende  auch  die 
Emigration  farbloser  Blutkörperchen  u.  dgl.;  aber  sie  erklären  nicht 
alles;  nicht  die  Degeneration  des  Nervenmarks,  nicht  die  Atrophie 
und  Kemwucherung  der  Muskelfasern  u.  a.  m.  Es  müssen  also  wahr- 
scheinlich noch  vom  Nervensystem  ausgehende,  direct  trophische  Ein- 
wirkungen angenommen  werden.  Ob  dieselben  durch  die  motorischen 
Fasern  selbst  vermittelt  werden,  oder  ob  sie  an  eigene  Nei'venfasem 
(trophische  Nerven)  geknüpft  seien,  müssen  wir  noch  dahingestellt 
sem  lassen.  Auch  über  den  feineren  Modus  der  normalen  oder  patho- 
logischen Einwirkungen  dieser  Bahnen  sind  wir  noch  im  Unklaren 
und  müssen  überhaupt  die  genauere  Discussion  dieser  Fragen  dem 
Abschnitt  über  Trophoneurosen  überlassen. 

Wenn  diese  Annahme  richtig  ist,  so  würde  daraus  hervorgehen, 
dass  gewisse  im  Centralnervensystem  (wahrscheinlich  im  Rückenmark, 
z.  Th.  wohl  auch  im  Gehirn)  gelegene  „trophische"  Apparate  vor- 
handen sind,  deren  Lostrennung  von  den  peripherischen  Theilen  in 
diesen  trophische  Störungen  (im  weitesten  Sinne)  hervorruft.  Es  ist 
aber  selbstverständlich,  dass  ähnliche  trophische  Störungen  auch  dann 
entstehen  müssen,  wenn  diese  ,,trophischen^  Apparate  selbst  erkranken 
oder  irgendwie  zu  Grunde  gehen.  Und  daraus  erklären  sich  wohl  die 
analogen  trophischen  Störungen  bei  der  spinalen  Einderlähmung  und 
verwandten  Krankheitsformen.  Dieselben  pflegen  meist  auf  die  moto- 
rischen Apparate  (Nerven  und  Muskeln)  beschränkt  zu  sein. 

Charcot  ist  dagegen  geneigt,  dem  irritativen  Moment  eine  grosse 
Rolle  bei  dem  Entstehen  dieser  trophischen  Störungen  zuzuschreiben, 
und  er  hat  versucht,  die  meisten  trophischen  Störungen  bei  peripheren 


1)  Progressive  Muskelatrophie  etc.  Berlin  IS 73.  S.  147  a.  ff. 


396  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sowohl,  wie  bei  centralen  Nervenläsionen  auf  abnorme  Erregungszu- 
stände bestimmter  Nervenbahnen  zurflckznflihren;  die  von  ihm  jedoch 
speciell  in  Bezug  auf  die  uns  hier  beschäftigenden  peripheren  trau- 
matischen Lähmungen  gegebene  Begründung  dieser  Anschauung  er- 
scheint uns  entschieden  missglückt. 

So  ist  auf  diesem  Gebiete  noch  das  Meiste  unsicher;  keine  Er- 
klärung hat  sich  allgemeiner  Anerkennung  zu  erfreuen,  keine  ist  wohl 
auch  fttr  alle  Fälle  zutreffend.  Vielleicht  wirken  mehrfache  Momente 
zusammen:  Directe  Fortleitung  irritativer  Processe,  Aufhebung  cen- 
traler trophischer  Einflüsse,  vasomotorische  Binflüsse,  Nervenirritation; 
vielleicht  ist  auch  reflectorischen  Vorgängen  dabei  eine  gewisse  RoUe 
zuzuweisen,  ganz  abgesehen  von  den  Möglichkeiten,  welche  auf  in- 
directem  Wege  bei  vorhandener  Lähmung  und  Anästhesie  die  ver- 
schiedensten trophischen  Störungen  herbeiftihren  können.  Nur  eine  fort- 
gesetzte kritische  Beobachtung  und  vor  allen  Dingen  das  Experiment 
können  diese  Fragen  der  Entscheidung  allmälig  näher  bringen.  Von 
nicht  zu  unterschätzender  Bedeutung  dafür  scheint  eine  jüngst  erfolgte, 
leider  nur  sehr  kurze,  vorläufige  Mittheilung  von  Nothnagel*)  zu 
sein,  welcher  nach  geringer  Verletzung  einer  bestimmten  Stelle  der 
Oberfläche  des  Raninchenhirns  regelmässig  Meningitis  entstehen  sah, 
meist  doppelseitig,  sehr  selten  nur  auf  der  Stichseite,  zuweilen  nur 
auf  der  anderseitigen  Hälfte. 

Von  eminenter  Wichtigkeit  für  die  Pathologie  der  Lähmungen 
und  z.  Th.  auch  fUr  die  diflferentielle  und  locale  Diagnose  derselben 
ist  in  neuerer  Zeit  die  elektrische  Untersuchung  der  gelähm- 
ten Nerven  und  Muskeln  geworden.  Dieselbe  ergibt  bei  ver- 
schiedenen Lähmungsformen  sehr  charakteristische  Vei^nderungen 
der  elektrischen  Erregbarkeit,  sie  ermöglicht  sogar  bei  einzelnen 
Formen  eine  genaue  Erkennung  und  Verfolgung  der  eintretende 
histologischen  Veränderungen,  so  dass  sie  fUr  die  exacte  Benrthei- 
lung  der  Lähmungen  geradezu  unentbehrlich  geworden  ist  Freilich 
darf  besonders  der  diagnostische  Werth  der  elektrischen  Untersuchung 
in  keiner  Weise  überschätzt  werden;  wer  da  glaubt,  es  sei  zur  exae- 
ten  Diagnose  einer  Lähmung  nur  eine,  wenn  anch  noch  so  genaue 
elektrische  Untersuchung  erforderlich,  wird  sich  häufig  sehr  enttäuscht 
fühlen ;  die  elektrische  Untersuchung  ergibt  in  vielen  Fällen  gar  keine 
verwerthbaren  Aufschlüsse;  nur  bei  bestimmten  Lähmungsformen  sind 
ihre  Besultate  unzweideutig  und  berechtigen  zu  ganz  bestimmten 
Schlussfolgerungen;  und  in  allen  Fällen  wird  erst  im  Zusammen- 
halt der  elektrischen  Erregbarkeitsverhältnisse  mit  den  übrigen  kli- 
nischen Erscheinungen  eine  definitive  und  sichere  Ehitscheidung  za 
finden  sein.    Trotzdem  ist  der  Werth  der  elektrischen  Untersuchung 


1)  Centralbl.  f.  d.  med.  Wissenschaft.  1874.  No.  14. 


Lähmung.    Symptome.    Veränderangen  der  elektrischen  Erregbarkeit.    397 

nach  den  bis  jetzt  vorliegenden  Tkatsachen  bereits  so  gross  ^  dass 
wir  eine  eingehende  Besprechung  derselben  nicht  umgehen  können. 
Indem  wir  für  die  Untersuchungsmetfaoden  und  die  physiologischen 
Verhältnisse  auf  das  in  der  Einleitung  (S.  251)  Gesagte  verweisen, 
haben  wir  hier  nur  kurz  die  jeweils  vorkommenden  Befunde  und 
ihre  Beziehungen  zu  den  einzelnen  Formen  und  Arten  der  Lähmung 
und  zu  gewissen  histologischen  Veränderungen  zu  notiren. 

Man  kann  diese  Befunde  in  mehrere  Gruppen  bringen. 

Zunächst  kommt  bei  vielen  Lähmungen  gar  keine  Verände- 
rung der  elektrischen  Erregbarkeit  vor;  Nerven  und  Mus- 
keln reagiren  auf  den  faradischen  sowohl  wie  auf  den  galvanischen 
Strom  in  völlig  normaler  Weise.  Das  kommt  vor  und  ist  die  Eegel 
bei  vielen  cerebralen  Paralysen  (z.  B.  Hemiplegien  nach  Apoplexie 
oder  Himembolie,  bei  Hirntumoren  etc.),  femer  bei  manchen  spinalen 
Paralysen  (z.  B.  chronischer  Myelitis)  und  endlich  auch  bei  manchen 
peripheren  Lähmungen,  sowohl  bei  gewissen  rheumatischen  (z.  B. 
leichten  Facialparalysen),  wie  bei  leichten  traumatischen  Lähmungen 
(z.  B.  Drucklähmung  des  N.  radialis). 

Die  zweite  Gruppe  umfasst  die  einfach  quantitativen  Ver- 
änderungen der  elektrischen  Erregbarkeit;  dabei  ist  der 
Modus  der  Reaction,  Zuckungsgesetz  u.  s.  w.  normal,  nur  die  In- 
tensität, die  Stärke  derselben  ist  verändert,  hat  ab-  oder  zugenommen. 

a)  Die  einfache  Steigerung  der  elektrischen  Erregbar- 
keit äussert  sich  bei  der  faradischen  Prüfung  durch  eine  grössere 
Anspruchsfähigkeit  der  Nerven  und  Muskeln  gegen  den  Strom,  durch 
Vermehrung  des  Rollenabstandes,  bei  welchem  die  Gontractions- 
minima  eintreten,  durch  Zunahme  der  Contractionsgrösse  bei  der- 
selben Stromstärke;  bei  der  galvanischen  Untersuchung  durch  Auf- 
treten von  EaSZ  bei  sehr  geringen  Stromstärken;  durch  üebergang 
der  Zuckung  in  einen  EaS  Tetanus  bei  wenig  höheren  Stromstärken ; 
durch  irtthzeitiges  Emtreten  der  AnOZ  und  durch  leichte  Herstell- 
barkeit der  EaOZ;  endlich  in  seltenen  Fällen  durch  das  Auftreten 
^on  Anodenöfifhungstetanus  (AnOTe).  Dazu  kommt  als  weiteres 
Merkmal  noch  die  Zunahme  der  von  Brenner  so  genannten  secun- 
dären  Erregbarkeit  und  endlich  das  oft  sehr  auffallende  Missver- 
hältniss  zwischen  motorischer  und  sensibler  Reaction,  das  sich  bei 
solchen  Untersuchungen  nicht  selten  herausstellt. 

Mit  Leichtigkeit  und  Sicherheit  festzustellen  sind  diese  Verän- 
derungen —  wenn  sie  nicht  sehr  hochgradig  sind  —  gewöhnlich  nur 
da,  wo  man  zum  Vergleich  die  symmetrischen  Nerven  und  Muskeln 
der  anderen  gesunden  Eörperseite  hat,  also  bei  Hemiplegien.    Bei 


398  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

doppelseitigen  LähmnngeD;  Paraplegien  u.  dgl.  hat  dies  um  so  mehr 
Schwierigkeiten,  als  der  Vergleich  mit  gesunden  anderen  Individaen 
nur  unter  Berücksichtigung  ganz  bestimmter  Cautelen  gestattet  mi, 
welche  ich  an  einem  anderen  Orte  (Arch.  f.  Psych,  u.  Nerveokr. 
Bd.  IV)  genauer  bezeichnet  habe. 

Die  einfache  Steigerung  der  elektrischen  Erregbarkeit  kommt 
bei  Lähmungen  nur  selten  vor;  sie  kommt  in  massigem  Grade  vor 
bei  gewissen  cerebralen  Lähmungen,  besonders  in  den  ersten  Stadien 
derselben  (Hemiplegien  aus  verschiedenen  Ursachen);  femer  kommt 
sie  bei  manchen  Formen  der  spinalen  Lähmung,  besonders  gewissen 
Fällen  von  Tabes  vor,  jedoch  jedenfalls  seltener,  als  man  bisher 
anzunehmen  geneigt  war;  endlich  auch  noch  in  seltenen  Fällen  bei 
gewissen  peripheren  Lähmungen  und  zwar  in  vorübergehender  Weise ; 
so  in  den  ersten  Tagen  der  rheumatischen  Faciallähmung. 

b)  Die  einfache  Verminderung  der  elektrischen  Erreg- 
barkeit äussert  sich  bei  der  faradischen  Untersuchung  als  eine 
Verminderung  des  zur  Erzielung  von  Minimalcontractionen  erforder- 
lichen Rollenabstandes  und  kann  in  den  höchsten  Oraden  bis  zum 
völligen  Erlöschen  der  faradischen  Erregbarkeit  gehen;  bei  der  gal- 
vanischen Untersuchung  verschwindet  zuerst  EaSTe  und  ist  mit 
keiner  anwendbaren  Stromstärke  mehr  zu  erzielen,  dann  fallen  AnSZ 
und  AnOZ  weg,  und  endlich  ist  mit  den  höchsten  Stromstärken  nur 
KaSZ  zu  erzielen ;  auch  hier  kann  schliesslich  völliges  Erlöschen  der 
galvanischen  Erregbarkeit  eintreten. 

Diese  Veränderung  kommt  bei  Lähmungen  häufiger  vor,  als  die 
vorhergehende;  bei  cerebralen  Lähmungen  allerdings  nur  selten, 
nämlich  bei  jenen,  welche  von  Erkrankungen  des  Himstammes  aus- 
gehen, z.  B.  bei  der  Bulbärparalyse.  Sie  tritt  aber  dann  —  und 
das  ist  wichtig  zur  Unterscheidung  von  peripheren  Lähmungen  — 
nicht  frühzeitig,  sondern  immer  erst  im  späteren  Verlauf  der  Krank- 
heit ein  und  geht  ganz  ohne  qualitative  Veränderungen  der  £rr^- 
barkeit  einher.  —  Femer  wird  diese  Veränderung  beobachtet  bei 
gewissen  spinalen  Lähmungen,  besonders  solchen,  welche  mit  ein- 
facher Atrophie  der  Muskeln  einhergehen,  und  sie  ist  wohl  der 
physiologische  Ausdruck  für  diese  Atrophie;  so  z.  B.  bei  gewissen 
Formen  der  Myelitis,  bei  manchen  spinalen  Lähmungen  nach  acuten 
Krankheiten  etc.  —  Als  Theilerscheinung  einer  grösseren  Bdhe 
z.  Th.  auch  qualitativer  Veränderungen  der  elektrischen  Erregbarkeit 
und  endlich  als  terminale  Erscheinung  eines  ganzen  Cyclus  von  Ver- 
änderungen in  unheilbaren  Fällen  kommt  die  Verminderung  und 
völlige  Aufhebung  der  elektrischen  Erregbarkeit  in  den  Nerven  und 


L&bmung.  Yeränderangen  d.  elektr.  Erregbarkeit  Entartungsreaction.     399 

Muskeln  auch  bei  gewissen  peripheren  Lähmungen  vor^  wie  sogleich 
gezeigt  werden  wird.  —  Endlich  begleitet  sie  auch  bei  der  pro- 
gressiven Muskelatrophie  den  zunehmenden  Schwund  der  Fasern  und 
steht  in  einer  directen  Beziehung  zu  dem  Querschnitt  der  in  den 
atrophischen  Muskeln  noch  erhaltenen  contractilen  Substanz ;  mit  dem 
Tölligen  Schwunde  derselben  erlischt  auch  die  elektrische  Erregbar- 
keit gänzlich. 

Die  dritte  Gruppe  endlich  umfasst  die  qualitativ-quantita- 
tiven Veränderungen  der  elektrischen  Erregbarkeit, 
welche  in  neuerer  Zeit  vielfach  der  Gegenstand  klinischer  und  ex- 
perimenteller Beobachtung  geworden  sind,  und  ftlr  welche  ich  die 
Bezeichnung  „Entartungsreaction*"  vorgeschlagen  habe.*)  Ihr  unge- 
mein charakteristischer  Ablauf  und  ihr  regelmässiges  Vorkommen  bei 
gaDz  bestimmten  Lähmungsformen  verleiht  ihnen  eine  erhebliche 
diagnostische  und  prognostische  Wichtigkeit. 

Nachdem  schon  Hall 6  in  Paris  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhun- 
derts eine  hierhergehörige  Beobachtung  gemacht  hatte*),  die  aber 
wieder  vergessen  war,  und  nachdem  Remak  schon  in  seiner  Gal- 
vanotherapie (1858)  andeutungsweise  über  ähnliche  Fälle  berichtet, 
publicirte  zuerst  Baierlacher  im  J.  1859')  die  Geschichte  einer 
Faeialparalyse ,  bei  welcher  die  Muskeln  gegen  faradische  Ströme 
völlig  unerregbar  erschienen,  während  sip  auf  den  galvanischen  Strom 
mit  ungewöhnlicher  Leichtigkeit  reagirten.  Diese  Beobachtung  er- 
regte grosses  Aufsehen,  und  bald  wurden  von  den  verschiedensten 
Seiten  zahlreiche  ähnliche  Fälle  publicirt:  so  von  Schulz  in  Wien, 
M.  Meyer,  Grünewaldt,  Brenner,  Neumann,  Ziemssen, 
Eulenburg,  Erdmann,  Bärwinkel,  Runge,  von  mir  und 
zahlreichen  Anderen ;  es  stellte  sich  heraus,  dass  diese  Erregbarkeits- 
veränderungen nicht  auf  Facialparalysen  beschränkt  waren,  sondern 
bei  Lähmungen  aller  möglichen  Rörpemerven  vorkamen.  Ich  selbst 
habe  zuerst  eine  experimentelle  Bearbeitung  des  Gegenstandes  unter- 
nommen, welche  zu  mannichfachen  Auftchltissen  führte;  gleichzeitig 
mit  meiner  Arbeit  erschien  die  denselben  Gegenstand  behandelnde 
Arbeit  von  Ziemssen  und  Weiss,  welche  meine  Befunde  in  allen 
wesentlichen  Punkten  bestätigte.  Seither  sind  zahlreiche  klinische 
Beobachtungen,  unter  welchen  die  von  Brenner^)  mitgetheilten 
eben  hervorragenden  Platz  einnehmen,  und  auch  noch  vereinzelte 

1)  Volkmann^s  Samml.  klin.  Vortr.  No.  46. 

2)  Onimus  et  Legros,  Traite  (l*£lectricit^  möd.  p.  571. 

3)  Bayr.  ärztl.  Intelligenzbl.  1859. 

4)  Unters,  u.  Beob.  auf  d.  Gebiete  d.  Elektrotber.  Bd.  n.  1869. 


400  EuB,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

experimentelle  Untersuchungen  gemacht  worden,  welche  jetzt  eine 
ziemlich  vollständige  Darstellung  und  Klarlegung  der  in  hohem  Maas8e 
interessanten  Frage  gestatten. 

Als  erstes  Hauptresultat  ergab  sich  bei  diesen  Untersuchangen, 
dassNerv  und  Muskel  scharf  von  einander  getrennt  wer- 
den müssen,  weil  der  Ablauf  der  Erregbarkeitsveränderungen  in 
beiden  ein  total  verschiedener  ist.    Die  Nichtbeachtung  dieser  That- 

« 

Sache  hat  zu  allerlei  Irrthtlmem  und  Missdeutungen  Veranlassang 
gegeben,  die  man  jetzt  bei  einiger  Vorsicht  und  Exactheit  der  Unter- 
suchung leicht  vermeiden  kann. 

Der  Verlauf  der  fraglichen  Erregbarkeitsänderungen  ist  nun  fol- 
gender : 

Im  Nerven  tritt  schon  kurze  Zeit  nach  dem  Entstehen  der 
Lähmung  (vom  2.  oder  3.  Tage  an,  nachdem  in  seltenen  Fällen  eine 
geringe  Steigerung  der  elektrischen  Erregbarkeit  vorausgegangen  ist) 
ein  continuirliches  und  gleichmässiges  Sinken  derfara- 
dischen  sowohl  wie  der  galvanischen  Erregbarkeit  ein, 
und  zwar  ohne  irgend  welche  qualitative  Veränderung  derselben. 
Dieses  Sinken  manifestirt  sich  einerseits  durch  ein  späteres  Eintreten 
des  Contractionsminimums,  andererseits  durch  eine  erhebliche  Ab- 
nahme des  mit  den  stärksten  Strömen  zu  erzielenden  Contractions- 
maximums.  Zu  Ende  der  e/sten  oder  im  Laufe  der  zweiten  Woche 
(7.— 12.  Tag)  erlischt  die  Erregbarkeit  völlig,  so  das«  die 
gewöhnlich  anwendbaren  Stromstärken  vom  Nerven  aus  sowohl  bei 
faradischer  wie  galvanischer  Reizung  keine  Spur  von  Zuckung  mehr  , 
auslösen.  Das  Sinken  beginnt  an  dem  der  Läsion  zunächst  gelegenen 
Stück  des  Nerven  und  schreitet  'sehr  rasch  gegen  die  Peripherie  hin 
fort.  (Für  die  elektrische  Reizung  oberhalb  der  lähmenden  Läsion 
besteht  natttrlich  vom  Eintritt  der  Lähmung  an  völlige  Unerregbar- 
keit.)  Das  Erloschensein  der  elektrischen  Erregbarkeit  kann  ver- 
schieden lange  Zeit  —  in  unheilbaren  Fällen  dauernd  —  bestehen 
Die  Wiederkehr  derselben  beginnt,  sobald  die  Regeneration  des 
Nerven  bis  zu  einem  gewissen  Grade  fortgeschritten  ist,  und  zwar 
treten  die  ersten  Spuren  der  wiederkehrenden  faradischen  und  gal- 
vanischen Erregbarkeit  ziemlich  genau  am  gleichen  Zeitpunkte  auf; 
dieselbe  zeigt  sich  zuerst  an  den  am  meisten  central  gelegenen  Ab- 
schnitten des  Nerven  und  schreitet  langsam  gegen  die  Peripherie  hm 
fort;  sie. nimmt  in  gleichmässiger  Weise  —  abermals  ohne  qualitative 
Aendernngen  —  gegen  beide  Stromesarten  ganz  allmälig  zu  w*d 
bleibt  gewöhnlich  noch  sehr  lange  Zeit  unterhalb  der  normalen 
Grösse ;  zu  einer  Zeit,  wo  die  Heilung  in  Bezug  auf  die  willktlrliche 


Lähmung.  Veränderungen  der  elektr.  Erregbarkeit,  fintartungsreaction.     401 

Bewegung  schon  eine  ganz  vollständige  zu  sein  scheint ,  ist  deshalb 
häufig  noch  eine  deutliche  Verminderung  der  faradischen  und  galva- 
nischen Erregbarkeit  in  dem  Nerven  wahrnehmbar. 

In  der  ersten  Zeit  der  beginnenden  Begeneration  kann  sich  die 
interessante  und  anscheinend  paradoxe  Erscheinung  herausstellen, 
dass  schon  wieder  willkürliche  Bewegungen  durch  den  gelähmten 
Nerven  vermittelt  werden  zu  einer  Zeit,  wo  derselbe  noch  gänzlich 
anerregbar  gegen  den  elektrischen  Reiz  ist;  also  Wiederkehr  der 
Motilität  bei  fortdauerndem  Verlust  der  elektrischen 
Erregbarkeit.  Mit  andern  Worten:  der  Nerv  ist  zu  einer  be- 
stimmten Zeit  leitungs fähig  fUr  die  vom  Centrum  herkommenden 
Willensreize,  aber  er  ist  noch  unerregbar  gegenüber  dem  elek- 
trischen Reiz.  Dieses  Stadium  kann  verschieden  lange  dauern,  oft 
nur  wenige  Tage,  manchmal  Wochen  lang:  das  hängt  ab  von  der 
Schnelligkeit  der  Regeneration  und  der  Entfernung  der  elektrisch 
geprüften  Stelle  des  Nerven  von  der  Stelle  der  Läsion.  —  Man  hat 
diese  Thatsache  viel&ch  falsch  gedeutet,  weil  man  die  Leitungs- 
fähigkeit des  Nerven  nicht  hinreichend  von  seiner  Erregbarkeit  zu 
trennen  bedacht  war.  Ich  habe  auf  experimentellem  Wege  die  Er- 
klärung ftir  diese  aufi'allende  Erscheinung  darin  gefunden,  dass  zu 
einer  Zeit,  wo  die  Wiedervereinigung  des  centralen  Nervenstttcks 
mit  dem  peripheren  stattgefunden  hat,  wo  also  junge  Nervenfasern 
durch  die  Läsionsstelle  bereits  hindurchgewachsen  sind,  wo  aber 
eine  deutliche  Regeneration  ihrer  Markscheide  noch  nicht  vorhanden 
ist,  —  dass  zu  dieser  Zeit  wohl  die  Leitung  centraler  Erregungen 
durch  die  regenerirten  Fasern  möglich  ist,  während  diese  selbst  aber 
ftlr  den  elektrischen  Reiz  noch  unerregbar  sind.  Die  oben  beschrie- 
benen jungen,  schmalen,  regenerirten  Nervenfasern  sind  also  in  einem 
gewissen  Stadium  ihrer  Regeneration  (das  sich  histologisch  durch 
das  völlige  Fehlen  oder  die  noch  sehr  geringe  Entwickelung  der 
Markscheide  charakterisirt)  wohl  leitungsfähig,  aber  nicht  elektrisch 
erregbar.  Dass  diese  Leitungsfähigkeit  sich  nicht  bloss  auf  den  vom 
Willen  ausgelösten  Erregungsvorgang  beschränkt,  sondern  auf  jede 
beliebige  Erregung  erstreckt,  beweist  der  Versuch:  Bringt  man  den 
elektrischen  Reiz  (oder  mechanische,  thermische  Reize  u.  dgl.)  ober- 
halb der  Verletzungsstelle  an,  so  tritt  Reaction  ein,  weil  die  dadurch 
gesetzte  Erregung  wohl  durch  das  periphere  regenerirte  Stück  hin- 
durchgeleitet wird,  während  dieses  selbst  bei  Reizung  unterhalb 
der  Verletzungsstelle  noch  unerregbar  ist.  Daraus  erklärt  sich  ein- 
fach, warum  der  VVillensreiz,  der  ja  oberhalb  der  Verletzungsstelle 
einwirkt,  schon  Muskelcontractionen  auslösen  kann  zu  einer  Zeit,  wo 

Hftndboch  d.  8p«c.  P&thologie  n.  Therapie.    XU.  Bd.  1.    2.  Aufl.  26 


402  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

das  periphere  Nervenstttck  elektrisch  noch  anerregbar  ist.  Damit 
erklärt  sich  die  Differenz  in  der  Wirksamkeit  des  Willenreizes  and 
des  elektrischen  Reizes  einfach  aas  der  Verschiedenheit  des  Ortes 
and  Angriffspunktes  der  Erregang.  Alle  die  oberhalb  der  Verletzongs- 
stelle  angreifenden  Reize  können  za  einer  Zeit  schon  wirksam  sein, 
wo  das  anterhalb  der  Verletzangsstelle  gelegene  Nervenstttck  gegen 
den  elektrischen  Strom  noch  unerregbar  ist.  Ich  habe  das  seither 
auch  vielfach  bei  geeigneten  traumatischen  Lähmungen  am  Menseben 
bestätigen  können. 

Es  kann  wohl  nicht  dem  geringsten  Zweifel  unterliegen,  dass 
der  in  den  vorliegenden  Thatsachen  gegebene  Nachweis  der  Rei- 
zungsleitung  und  Reizungs aufnähme  als  getrennter  und  gelegeot- 
lich  isolirt  vorhandener  Qualitäten  in  den  peripheren  Nerven  den 
Schlttssel  für  die  Erklärung  der  uns  hier  beschäfkigenden  Erscheinnog 
gibt.  Es  ist  dieser  Nachweis  auch  von  nicht  geringem  physiologischem 
Interesse,  da  er  zur  Entscheidung  einer  Frage  beizutragen  geeignet 
ist,  welche  Schiff)  schon  mehrfach  besprochen  und  experimentell 
in  Angriff  genommcA  hat,  ohne  sie  endgültig  zu  lösen,  und  welche 
in  neuerer  Zeit  durch  ein  interessantes  Experiment  von  Grttn- 
hagen*)  eine,  wie  es  scheint,  definitive  Lösung  auch  von  physio- 
logischer Seite  erfahren  hat:  nämlich  die  Frage  nach  der  Verschie- 
denheit der  Anfnahmsfähigkeit  und  Leitungsfähigkeit  der  peripheren 
Nerven. 

In  den  Muskeln  treten  uns  noch  weit  verwickeitere  Erschei- 
nungen entgegen,  indem  sich  dieselben  nicht  wie  die  Nerven  gegen 
den  faradischen  und  galvanischen  Strom  gleich  verhalten,  sondern 
einen  ganz  verschiedenen  Ablauf  der  faradischen  und  galvanischen 
Erregbarkeit  zeigen. 

Gegen  den  faradischen  Strom  verhält  sich  der  gelähmte 
Muskel  fast  genau  ebenso  wie  der  degenerirende  Nerv :  gegen  Ende 
der  ersten  Woche  tritt  ein  zunehmendes  Sinken  der  Erregbar- 
keit ein,  welches  sich  gewöhnlich  schon  im  Laufe  der  zweiten  Woche 
zu  einem  völligen  Erlöschen  derselben  steigert,  so  dass  die 
stärksten  anwendbaren  faradischen  Ströme  in  den  Muskeln  bei  directer 
Reizung  keine  Spur  von  Contraction  auslösen.  (Dies  gilt  streng  ge- 
nommen jedoch  nur  für  die  percutane  Faradisation ;  am  blossgelegten 


1)  Ueber  die  Verschiedenheit  der  Auftiahmsfähigkeit  und  LeitangsfUiigkeit 
im  peripheren  Nervensystem.  Zeitschr.  f.  rat.  Med.  3.  Reihe.  Bd.  29.  S.221- 

2)  YersQche  über  intermitt.  Nervenerregung.    Pfl0ger*8  Archiv  der  Physiol. 
Bd.  VI.  S.  180. 


Lähmiuig.  VeränderuDgen  der  elektr.  Erregbarkeit.  EntartuDgsreaction.     403 

Muskel  und  wohl  auch  bei  der  Elektropunktur  erhält  man  noch  sehr 
lange  Zeit  ganz  schwache^  auf  die  zanächst  getroffenen  Bilndel  be- 
schränkte Contraction.) 

Ebenso  wie  im  Nerven  kann  der  Verlust  der  faradischen  Erreg- 
barkeit im  Muskel  verschieden  lange  Zeit,  und  in  unheilbaren  Fällen 
dauernd ,  bestehen.  Erst  nach  dem  Beginn  der  Begeneration  und 
nach  Wiederkehr  der  Motilität  —  und  zwar  gewöhnlich  etwas  später 
als  im  Nerven  —  tritt  auch  die  faradische  Erregbarkeit  des  Muskels 
wieder  ein;  sie  steigert  sich  mit  fortschreitender  Heilung  nur  äusserst 
langsam  und  bleibt  gewöhnlich  noch  sehr  lange  Zeit  auf  einer  ver- 
minderten Stufe  stehen;  und  diess  um  so  mehr,  je  längere  Zeit  die 
Lähmung  bestanden  hatte. 

Wesentlich  andere  Verhältnisse  zeigt  diegalvanischeErreg- 
b  a  r  k  e  i  t  des  Muskels ;  allerdings  sinkt  auch  sie  in  der  ersten  Woche 
parallel  mit  der  faradischen.  Im  Laufe  der  zweiten  Woche  jedoch 
beginnt  eine  sehr  erhebliche  Steigerung  der  galvanischen  Er- 
regbarkeit, welche  in  den  nächsten  Wochen  noch  znnimmt  und 
sich  mit  qualitativen  Aenderungen  sowohl  der  Zuckungsformel  als 
des  Zuckungsmodns  verbindet.  Sehr  bald  reagiren  die  Muskeln  auf 
Stromstärken,  welche  auf  gesunde  Muskeln  absolut  wirkungslos  sind : 
mit  2  Elementen  lassen  sich  bei  Unterbrechungen  des  Stroms  oft 
deutliche  Reactionen  erzielen.  Diese  Contractionen  sind  dabei  wesent- 
lich verschieden  von  den  normalen :  während  diese  kurz,  blitzähnlich 
auftreten,haben  wir  hier  eine  träge,  langgezogen  e  Co ntr actio n, 
welche  schon  bei  sehr  geringen  Stromstärken  in  einen  während  der 
ganzen  Stromesdauer  anhaltenden  Muskeltonus  übergeht.  Diese 
Differenz  zwischen  der  Zuckungsform  der  gesunden  und  der  ge- 
lähmten Muskeln  lässt  sich  besonders  schön  demonstriren  an  Stellen, 
wo  solche  Muskeln  dicht  beisammen  liegen  und  mit  einer  Elektrode 
gleichzeitig  gereizt  werden  können,  z.  B.  bei  einseitiger  Facialisläh- 
mung  am  Kinn. 

Gleichzeitig  mit  der  Steigerung  der  Erregbarkeit  stellt  sich  auch 
eine  zunehmende  qualitative  Aenderung  des  Zuckungsge- 
setzes im  Muskel  ein.  Dieselbe  wird  bedingt  durch  allmäliges  und 
stärkeres  Anwachsen  der  AnSZ,  so  dass  bald  AnSZ  =  RaSZ  wird ; 
ja  nicht  selten  geht  die  Sache  so  weit,  dass  die  AnSZ  grösser  als 
die  KaSZ  wird.  Dasselbe  gilt  umgekehrt  ftlr  die  KaOZ ;  diese  wächst 
verhältnissmässig  mehr  als  die  AnOZ,  so  dass  sie  dieser  bald  gleich 
wird  und  sie  endlich  selbst  ttberholt:  damit  ist  eine  völlige  Umkehr 
der  normalen  Zuckungsformel  in  Bezug  auf  die  Stärke  der  Zuckun- 

26* 


404  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospiDaleQ  Nenren. 

gen  eingetreten.  —  Hat  die  Veränderung  eine  gewisse  Höhe  er- 
reicht, 80  verschwinden  die  Oeffnnngszuckangen ,  und  zwar  nadi 
Brenner  in  demselben  Verhältnisse  als  die  Trägheit  der  Zuckungen 
zunimmt  und  die  Fähigkeit  derselben ,  auf  kurzdauernde  Ströme  za 
reagiren  (s.  u.),  abnimmt  —  oflfenbar  deshalb,  weil  der  OeflEhungs- 
reiz  nur  ein  kurzdauernder  ist.  —  Auf  dieser  Stufe  bleibt  die  Ver- 
änderung etwa  von  der  3.— 6.— 8.  Woche,  manchmal  selbst  länger; 
das  ist  in  den  einzelnen  Fällen  verschieden. 

Dann  aber  tritt  zunächst  wieder  eine  allmälige  Abnahme  der 
gesteigerten  galvanischen  Erregbarkeit  ein,  während  dabei  die  quali- 
tativen Veränderungen  der  Erregbarkeit,  besonders  das  Ueberwiegen 
der  AnSZ  und  die  träge  Form  der  Contraction  noch  fortbestehen. 
Immer  höhere  Stromstärken  werden  nach  und  nach  zur  Erzielong  der 
Contractionen  erforderlieh,  und  in  unheilbaren  Fällen,  wo  es  zum  hoch- 
gradigsten Schwund  und  endlich  zum  gänzlichen  Untergang  der  quer- 
gestreiften Substanz  kommt,  ist  gewöhnlich  eine  äusserst  schwache 
AnSZ  das  letzte  Lebenszeichen,  welches  von  dem  untei^henden 
Muskel  erhalten  werden  kann.  —  Findet  dagegen  Regeneration  und 
Heilung  statt,  so  stellt  sich  während  des  Sinkens  der  galvanischen 
Erregbarkeit  ganz  allmälig  die  normale  Reactionsweise  wieder  her; 
immer  aber  sinkt  die  Erregbarkeit  weit  unter  ihre  normale  Höhe, 
so  dass  zu  einer  gewissen  Periode  der  Lähmung  neben  der  aufge- 
hobenen faradischen  Erregbarkeit  gleichzeitig  eine  sehr  vernunderte 
galvanische  Erregbarkeit  in  den  Muskeln  bestehen  kann.  Auch  lange 
Zeit  nach  eingetretener  Heilung  lässt  sich  —  besonders  in  schweren 
und  langwierigen  Fällen  —  die  Verminderung  der  galvanischen  Er- 
regbarkeit noch  nachweisen. 

Diese  Rückbildung  der  Erregbarkeitsverändernngen  im  Muskel 
geschieht  im  Ganzen  ziemlich  unabhängig  von  der  Regeneration  des 
Nerven  und  der  Wiederkehr  der  Motilität:  d.  h.  sie  schliesst  sich 
nicht  unmittelbar  an  dieselbe  an,  sondern  bedarf  zu  ihrem  Ablauf 
einer  gewissen  Zeit,  so  dass  zu  einer  Zeit,  wo  die  Regeneration  des 
Nerven  schon  im  vollen  Gange  ist,  die  Erregbarkeitsvei^derungen 
im  Muskel  noch  in  ungeschwächter  Weise  fortbestehen  können.  Daraus 
resultirt  es,  dass  in  den  einzelnen  Fällen  je  nach  dem  früheren  oder 
späteren  Eintritt  der  Motilität  und  Regeneration  und  der  damit  wieder- 
kehrenden Erregbarkeit  der  Nerven  sich  ein  vielfetch  verschiedenes 
und  anscheinend  verwirrendes  Gesammtbild  der  elektrischen  Erreg- 
barkeit im  Nerven  und  Muskel  ergibt.  Tritt  die  Regeneration  früh- 
zeitig ein,  wenn  die  galvanischen  ErregbarkeitsveiiUiderungen  in  dem 
Muskel  noch  in  voller  Blüthe  sind,  so  kann  es  geschehen,  dass  neben 


L&hmiiDg.  Veränderungen  d.  elektr.  Erregbarkeit  Entartongsreaction.     405 

der  bereits  wiedergekehrten  faradischen  und  galvanischen  Erregbar- 
keit des  Nerven  noch  die  anomale  galvanische  Reaction  der  Muskeln 
vorhanden  ist;  es  kann  geschehen,  dass  nach  Herstellung  der  Mo- 
tilität die  Muskeln  vom  Nerven  aus  nach  dem  normalen  Zuckungs- 
gesetz in  Erregung  versetzt  werden,  während  sie  bei  directer  galva- 
nischer Reizung  eine  qualitative  Veränderung  der  Zuckungsformel 
und  des  Ablaufs  der  Zuckung  erkennen  lassen.  Tritt  die  Regenera- 
tion erst  spät  ein,  so  kann  es  vorkommen,  dass  eine  (wiederherge- 
stellte, aber  noch)  verminderte  elektrische  Erregbarkeit  des  Nerven 
mit  einer  gleichfalls  verminderten,  aber  auch  noch  qualitativ  ver- 
änderten galvanischen  Erregbarkeit  des  Muskels  zusammentrifft.  Hält 
man  sich  den  regelmässigen  Ablauf  der  Erscheinungen  im  Nerven 
und  Muskel  vor  Augen ,  und  berücksichtigt  man  dabei  immer  das 
bald  spätere,  bald  irttfaere  Eintreten  der  Regeneration  mit  ihren 
CSonsequenzen  ftlr  die  Erregbarkeit,  so  wird  man  jederzeit  die  Er- 
scheinungen zu  entwirren  und  richtig  zu  deuten  im  Stande  sein.  Ich 
werde  unten  ein  paar  Gurventafeln  geben,  welche  die  möglichen 
C!ombinationen  dieser  Ver*hältnisse  in  Bezug  auf  willktlrliche ,  fara- 
dische und  galvanische  Erregbarkeit  und  ihre  zeitlichen  Beziehungen 
zu  den  histologischen  Verhältnissen  graphisch  darstellen,  und  welche, 
wie  ich  denke,  das  Verständniss  der  zahllos  modificirten  Einzelfälle, 
welche  die  Praxis  bringt,  erleichtem  sollen. 

Die  grosses  Aufsehen  erregende  Thatsache,  dass  bei  der  Ent- 
artungsreaction  der  Muskel  lange  Zeit  hindurch  auf  den  faradischen 
Strom  gar  nicht,  auf  den  galvanischen  Strom  dagegen  mit  sehr  er- 
höhter Leichtigkeit  reagirt,  ist  durch  Neumann  in  völlig  befrie- 
digender Weise  dahin  erklärt  worden,  dass  solche  pathologisch  ver- 
Snderte  Muskeln  einfach  die  Fähigkeit  verloren  haben,  auf  kurz- 
dauernde momentane  Ströme  zu  reagiren,  während  sie  auf  länger 
dauernde  Ströme  in  gesteigerter  und  qualitativ  veränderter  Weise 
reagiren.  Da  nun  die  faradischen  Ströme  ohne  Ausnahme  Ströme 
von  nahezu  momentaner  Dauer  sind,  reagirt  der  Muskel  auf  dieselben 
nicht.  Lässt  man  auf  dieselben  Muskeln,  welche  auf  die  schwächsten 
galvanischen  Ströme  von  einiger  Dauer  mit  ausgiebigen  Gontractionen 
reagiren,  selbst  sehr  starke  galvanische  Ströme  einwirken,  welchen 
m%n  aber  durch  irgend  eine  Vorrichtung  eine  nur  momentane  Dauer 
verliehen  hat,  so  bleibt  auch  hier  jede  Reaction  aus.  Das  ist  die 
physikalische  Erklärung  der  Differenz  in  der  faradischen  und  gal- 
vanischen Erregbarkeit  solcher  gelähmten  Muskeln;  durch  welche 
Veränderungen  jedoch  die  Muskelsubstanz  die  ihr  normal  zukom- 
mende  Fähigkeit  verliert,   auf  kurzdauernde  Ströme   zu   reagiren, 


406  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

das  ist  ein  Problem,  dessen  Lösung  wir  den  Physiologen  ttberlassen 
müssen. 

Eine  knrze  Erwähnung  verdient  noch  die  gesteigerte  mecha- 
nische Erregbarkeit  der  Muskeln,  welche  sich  bei  diesen 
Lähmungen  ebenfalls  einstellt,  und  welche  von  mir')  und  Hitzig') 
nahezu  gleichzeitig  gefunden  und  beschrieben  und  seither  vielfach 
beobachtet  wurde.  Sie  besteht  darin,  dass  die  gelähmten  Muskeln 
auf  sehr  geringe  mechanische  Beize  (Aufklopfen  mit  der  Fingerspitze 
oder  einem  leichten  Percussionshammer  oder  selbst  schon  die  Ent- 
fernung eines  drückenden  Körpers  von  den  gelähmten  Muskeln)  mit 
einer  deutlichen,  trägen  und  langgezogenen  Contraction  antworten. 
Diese  gesteigerte  mechanische  Erregbarkeit  pflegt  etwas  später  auf- 
zutreten, als  die  gesteigerte  galvanische  Erregbarkeit  der  Muskeln  ; 
sie  steigert  sich  dann  meist  rasch  und  ist  besonders  in  den  Muskeln 
mit  fester  knöcherner  Unterlage  sehr  deutlich  nachweisbar ;  sie  nimmt 
dann  allmälig  wieder  ab  und  verschwindet  im  Laufe  des  3.  bis  4. 
Monats  wieder.  Sie  scheint  sich  mehr  oder  weniger  an  die  ge- 
steigerte galvanische  Erregbarkeit  der  Muskeln  anzuschliessen  und 
dieselbe  Bedeutung  zu  haben  wie  diese,  wenn  sie  auch  nicht  ganz 
genau  mit  ihr  parallel  geht. 

Nach  endlichem  Ablauf  des  ganzen  hier  geschilderten  Cyclus 
von  Veränderungen  bleibt  dann  zuletzt  gewöhnlich  noch  eine  erheb- 
liche Verminderung  der  faradischen  und  galvanischen  Erregbarkeit 
ohne  erhebliche  qualitative  Veränderungen  im  Nerven  sowohl  wie 
im  Muskel ;  oft  noch  lange  Zeit  nach  anscheinend  völliger  Herstellung 
der  Motilität,  noch  viel  mehr  natürlich  in  Fällen  wo  diese  Herstellung 
eine  unvollkommene  ist.  Erhält  man  solche  Fälle  in  späteren  Stadien 
zur  Untersuchung,  so  ist  aus  der  noch  vorhandenen  elektrischen  Er- 
regbarkeitsänderung in  keiner  Weise  zu  erkennen ,  welch  reiches 
und  wechselvolles  Bild  der  Ablauf  derselben  in  den  früheren  Stadien 
dargeboten  haben  mag. 

Von  hoher  praktischer  Wichtigkeit  ist  es  nun,  dass  alle  diese 
Erscheinungen  offenbar  im  engsten  Zusammenhang  mit  den 
histologiscen  Veränderungen  im  Nerven  und  Muskel 
stehen,  welche  oben  ausführlich  geschildert  worden  sind;  und  zwar 
so,   dass   das  Vorhandensein   der   Entartungsreaction   die   Existenz 


1)  Yerhandl.  d.  Heidelb.naturhi8t.-med.  Vereins.  Bd.  IV.  S.  116  (Hddelberg. 
Jahrbach.  Juni  1867). 

2)  Ueber  die  mechan.  Erregbarkeit  gelähmter  Muskeln.  Yirch.  Arch.  Bd.  41. 
S.  301.  November  1867. 


Lähmung.  Veränderongen  der  elektr.  Erregbarkeit.  Entartungsreaction.     407 

dieser  histologischen  VeränderuDgen  ankündigt,  und  dass  man  aus 
dem  Stadium  der  Erregbarkeitsänderung  einen  Schluss  auf  das  Sta- 
dium der  histologischen  Veränderung  im  Nerven  und  Muskel  ziehen 
kann.    Dieser  Zusammenhang  lässt  sich  folgendermassen  formuliren: 

Die  im  Nerven  eintretende  Degeneration  entspricht  zeitlich 
genau  der  Abnahme  und  dem  Erlöschen  der  elektrischen  Erregbar- 
keit des  Nerven ;  hat  die  Degeneration  einen  gewissen  Grad  erreicht, 
so  ist  der  Nerv  gegen  faradische  und  galvanische  Ströme  gleich- 
massig  unerregbar.  Sobald  die  Kegeneration  begonnen  und  eine  Ver- 
bindung zwischen  den  centralen  und  peripheren  Nervenbahnen  wieder 
hergestellt  hat,  beginnt  die  Motilität  wiederzukehren.  Erstreckt 
sich  die  Kegeneration  auch  auf  die  Fasern  im  peripheren  Nerven- 
stttck,  dann  beginnt  die  Erregbarkeit  auch  dieses  Stücks  wiederzu- 
kehren, und  sie  steigt  mit  zunehmender  Breite  und  Entwickelung 
der  regenerirten  Fasern.  Sie  bleibt  aber  noch  ftlr  kürzere  oder 
längere  Zeit  geringer  als  normal,  theils  wegen  der  massenhaften 
Bindegewebswucherung  im  Nerven  selbst,  theils  und  mehr  noch 
wegen  der  Atrophie  und  Girrhose  der  Muskeln,  welche  natürlich  auf 
die  gleiche  Beizstärke  sich  nicht  mit  derselben  Energie  contrahiren 
können  wie  gesunde  Muskeln. 

Die  anfängliche  Abnahme  der  elektrischen  Erregbarkeit  im 
Muskel  entspricht  nachweisbaren  Veränderungen  in  der  Muskel- 
substanz selbst  nicht;  sie  ist  deshalb  wohl  zu  beziehen  auf  die  zu- 
nehmende Degeneration  der  intramusculären  Nervenzweige  und  ihrer 
letzten  Endigungen,  geht  deshalb  auch  der  Erregbarkeitsabnahme 
in  den  Nerven  parallel.  Ein  völliges  Erlöschen  der  Erregbarkeit 
tritt  hier,  auch  wenn  die  Nerven  völlig  degenerirt  sind,  noch  nicht 
ein,  weil  eben  die  Muskelsübstanz  mit  ihrer  specifischen  Irritabilität 
zurückbleibt.  —  Die  im  Laufe  der  2.  Woche  deutlich  werdenden 
histologischen  (und  chemischen)  Veränderungen  der  Muskelsubstanz 
entsprechen  der  hochgradigen  Steigerung  und  qualitativen  Verände- 
rung der  galvanischen  Erregbarkeit.  —  Das  Weiterschreiten  der 
anatomischen  Veränderungen  und  besonders  de.*  Atrophie  der  Muskel- 
fasern entspricht  der  späteren  Wiederabnahme  der  galvanischen  Er- 
regbarkeit; die  bei  der  Heilung  eintretende  Ausgleichung  der  Er- 
nährungsstörung in  den  Muskelfasern  der  Bückkehr  des  normalen 
Zucknngsmodus  und  Zuckungsgesetzes.  Endlich  vrird  es  die  hoch- 
gradige Bindegewebswucherung  in  den  Muskeln  und  die  vorgeschrit- 
tene Atrophie  ihrer  Fasern  erklären,  warum  noch  lange  Zeit  ein 
Zustand  erheblich  geminderter  elektrischer  Erregbarkeit  in  denselben 
fortbesteht  auch  nach  völliger  Herstellung  der  Motilität. 


N)8  Erb,  Knokfaeiten  der  peripheren- cerebroapiaftlen  Kerren. 

Zur  YeranBchaaliohiiDg  aller  im  Vorstehenden  dargeatellten  Ver- 
h&Itniase  habe  ich  die  graphische  Form  der  DarBtellung  gewählt  nnd 
theile  hier  3  Curventäfelchen  mit,  auf  welchen  der  Ablauf  der  elek- 
trischen Erregbsrkeitsverändemngen  in  Nerven  and  Mnskeln,  ebenso 
daa  Verhalten  der  Motilität  und  der  histologischen  Vorgttnge  tür  drei 
Eategorlen  von  Fällen  (ein  Fall  von  rascher  Heilnng,  einer  von  lang- 
samer Eeilnng  und  ein  unheilbarer  Fall)  Übersichtlich  dargesteltt  ist. 
Hit  einem  Blick  kann  mau  so  die  fUr  die  verschiedenen  Stadien  der 
Lähmung  vorhandenen  Uodlitäts-,  Erregbarkeita-  und  hiatologiacheD 
Verhältnisse  Oherseben,  was  fttr  die  Beurtheilung  praktischer  Fälle 
sehr  bequem  ist.  Natürlich  machen  diese  Cnrven  —  schon  der  Enge 
des  Kaamea  wegen  —  auf  absoltite  Genauigkeit  keinen  Anspruch,  sie 
sollen  nnr  ein  Übersichtliches  Bild  der  Verhältnisse  geben.  Ihre  Er- 
klämng  ergibt  sich  von  selbst. 

Die  erste,  dick  gezeichnete  Ordinate  bedentet  für  alle  3  Cnrren- 
tafeln  den  Eintritt  der  Lähmung,  das  pltltzliche  AnfhSren  der  HotititU 
{  "  "  "  -  );  der  Zeitpunkt  der  Wiederkehr  der  Motilität  ist  mit  einem 
Stern  (*}  bezeichnet.  Die  folgenden  Ordinaten  bedeuten  die  in  Zahlen 
beigeftlgte  Zeit  der  Lähmungsdauer,  nach  Wochen  gerechnet.  Die 
wellenförmige  Führung  des  die  galvanische  Erregbarkeit  des  Uoakels 
bedeutenden  Striches  soll  die  qualitative  Aenderung  derselben  anzeigen. 
Man  sieht  nnn  z.  B.  in  Tabelle  I  in  der  I.  Woche  das  Sinken  der 
Erregbarkeit  des  Nerven  und  des  Muskels;  in  der  2.  Woche  das  Er- 
loschen der  Erregbarkeit  des  Nerven  und  der  faradischen  Erregbar- 
keit des  Muskels,  das  Steigen  und  die  qualitative  Veränderung  der 
galvanischen  Erregbarkeit  des  Muskels;  in  der  6.  Woche  die  Wieder- 
kehr der  Motilität;  in  der  8.  Woch^  sieht  man  bestehen:  Motilität 
etwas  gehoben,  Wiederkehr  der  faradischen  und  galvanischen  Erreg- 
barkeit des  Nerven,  Steigerung  nnd  qualitative  Aenderung  der  galva- 
nischen Erregbarkeit  des  Muskels  u.  s.  f.  Zugleich  erkennt  man  an 
den  darüber  gestellten  Bemerkungen,  in  welchem  Stadium  der  histo- 
logischen Veränderung  sich  Nerv  und  Muskel  ungeflthr  befinden. 


1.   Heilung  rasch, 

D«nnu.  d.         Atröiili]«  n.  KtnTnekuBBC 
Narran.  i.  MukelfoHni. 


St  ^- 


Lähmung.  TeräDdeningeD  der  elektr.  Erregbarkeit.  EntartungereacÜoD. 
2,   Heilnng  langsam. 

Dwenar.  cl.         Atiophis  etc. 
Kvran.  d.  UiukalD.  Circtawe  Bcginaiit. 


Z       5,       «.     TÖ!     Ü!      St.      il.     30.     3i.     10.     46.     W.     »5.W(Kih«. 


'  lOllT.    O. 

){  ftnd. 


3.   Keine  Heilnng. 


Atiopbia,  KaiDHucherung.  ( 


SO.     ufl,     70.     SO. 


3,  «•'- 


An  die  vorstehende,  ans  vielen  Fällen  als  Regel  nnd  als  Typus 
abstrahirte  Darstellung  der  „  Entartangsreaction "  mägen  noch  einige 
knne  Bemerkungen  Über  mehr  untergeordnete  Verhältnisse  angeknüpft 
werden. 

Es  kommen  nämlich  nicht  selten  Abweichungen  von  dem  typischen 
Verhalten  der  Entartnngsreaction  vor,  deren  Deutung  noch  nnsicher,' 
deren  genauere  Verfolgung  aber  vielleicht  fUr  die  Lösung  des  Problems 
der  trophischen  Einflflsae  von  Bedeutnng  ist.  —  So  findet  man  hier 
und  da  die  gewöhnliche  Unerregbarkeit  der  Nerven,  jedoch  ohne  die 
hochgradige  Steigerung  der  galvanischen  Erregbarkeit  der  Muskeln; 
dieaelbe  ist  entweder  gar  nicht  eingetreten  oder  sehr  rasch  wieder 
TorObergegaugen ;  dabei  sind  aber  die  qualitativen  Veränderungen  der 
Zuckung  gewähnlich  vorhanden.  Konunt  besonders  an  den  unteren 
Extremitäten  vor,  wie  es  scheint,  auch  bei  der  spinalen  Kinderlähmung, 
bei  welcher  jedoch  die  Untersnchung  äusserst  schwierig  und  meist  erat 
in  den  späteren  Stadien  mOglich  ist. 

Ferner  konunt  es  vor,  dass  in  den  Nefven  nur  eine  gane  nnbe^ 
deutende  Vermindernng  der  faradischan  und  galvanischen  Erregbar- 
keit eintritt,  während  die  Muskeln  die  hochgradigste  Steigerung  der 
galvanischen  nnd  mechanischen  Erregbarkeit  nebst  qualitativen  \'er- 
ändemngen  zeigen,  —  ein   Verhalten,   das  auch   nach   der  Heilung 


410  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

noch  eine  Zeit  lang  fortbestehen  kann.  Die  ersten  Fälle  der  Art,  die 
mir  vorkamen  (fast  ausschliesslich  Fadalparalysen)  suchte  ich  mir 
durch  frühzeitige  Wiederkehr  der  Leitung  und  elektrischen  Erregbar- 
keit der  Nerven  zu  deuten.  Ich  habe  jedoch  in  Fällen ,  welche  ich 
von  Anfang  bis  zu  Ende  untersuchen  konnte,  deutlich  beobachtet, 
dass  nur  ein  geringes  Sinken  der  elektrischen  Erregbarkeit  stattfand^ 
während  die  galvanische  Erregbarkeit  der  Muskeln  sich  in  der  ge- 
wöhnlichen,  charakteristischen  Weise  veränderte.  Es  deutet  dies  auf 
ein  Vonstattengehen  der  anatomischen  Veränderungen  in  den  Muskeln 
auch  ohne  völlige  Degeneration  der  Nerven  und  auf  einen  geringeren, 
der  Ausgleichung  rasch  zustrebenden  Grad  der  Ernährungsstörung  im 
Nerven.  In  allen  diesen  Fällen  war  der  Verlauf  dieser  Lähmungen 
bis  zur  Heilung  ein  verhältnissmässig  rascher  0* 

Unbedeutende  Abweichungen  in  dem  zeitlichen  Auftreten  und  der 
Aufeinanderfolge  der  einzelnen  charakteristischen  Veränderungen  kom- 
men natürlich  vor,  sind  aber  meist  auf  Zufälligkeiten  (Intensität  und 
Ausbreitung  der  Lähmungsursache ;  Masse  und  Faserverlauf  der  Mus- 
keln u.  s.  w.)  zurückzuführen.  Wir  haben  es  eben  in  pathologischen 
Fällen  nicht  immer  mit  so  einfachen  Verhältnissen  wie  bei  experimen- 
tellen Eingriffen  zu  thun. 

Die  Thatsache  von  dem  entschieden  differenten  Verhalten  des 
Nerven  und  des  Muskels  wird  auch  in  neuerer  Zeit  noch  immer  nicht 
genügend  gewürdigt.  Immer  tauchen  wieder  in  der  Literatur  Fälle 
auf,  in  welchen  mit  aller  Ruhe  erzählt  wird,  dass  der  Nerv  faradisch 
unerregbar  gewesen  sei,  aber  auf  den  galvanischen  Strom  in  qualitativ 
veränderter  Weise  reagirt  habe,  sich  also  ebenso  verhalten  habe,  wie 
sonst  nur  die  Muskeln  zu  thun  pflegen.  Wahrscheinlich  beruhen  alle 
diese  Fälle  auf  Beobachtungsfehlem,  auf  nicht  genügendem  Schutz 
gegen  zu  den  Muskeln  gelangende  Stromschleifen  und  nur  da,  wo 
alle  Garantien  gegen  diese  Fehlerquelle  vorhanden  sind,  könnte  diese 
Thatsache  als  richtig  angenommen  werden. 

Es  scheint  sicher,  dass  ein  solches  Verhalten  unter  exceptionellen 
Verhältnissen  vorkommen  kann;  ich  habe  es  einmal  beim  Frosch- 
nerven gesehen,  C  y  o  n  ein  einziges  Mal  beim  Kaninchennerven.  Beim 
Menschen  habe  ich  es,  ebenso  wie  Brenner,  niemals  gefunden.  Es 
muss  also  jedenfalls  sehr  selten  sein  und  wäre  eine  durch  exacte  Be- 
obachtungen herbeigeftihrte  sichere  Entscheidung  über  dieses  interessante 
Factum  erwünscht. 

Von  Bernhardt  ist  in  allerneuester  Zeit')  ein  Fall  von  trauma- 
tischer Lähmung  publicirt  worden,  in  welchem  eine  deutliche  Herab- 
setzung der  faradischen  Erregbarkeit  im  Nerv,  ulnaris  gleichzeitig 
mit  einer  nicht  unerheblichen  Steigerung  der  galvanischen  Er- 
regbarkeit mit  Sicherheit  constatirt  wurde.    Der  Fall  zeigte  überhaupt 


1)  Vgl.  darüber:  Erb/üeber  rheumatische  Facialislähmung.  Deutsch.  Arch. 
f.  klhi.  Med.  XV.  S.  6.  —  Bernhardt,  Eigentfatiml.  Verlauf  einer  (schwersn) 
peripheren  Lähmung  des  N.  fadal.  —  ibid.  XIV.  S.  433. 

2)  Ueber  einen  bisher  noch  nicht  beobachteten  Verlauf  einer  periph.  Ulnaris- 
lähmung.  Arch.  f.  klin.  Med.  XVI.  S.  307. 


Lähmung.  Yeränderungen  der  elektr.  Erregbarkeit.  Entartungsreaction.     411 

solche  Abweichungen  von  dem  gewöhnlichen  Verhalten  bei  trauma- 
tischen Lähmungen ;  dass  er  unter  die  bisher  bekannten  Kategorien 
nicht  eingereiht  werden  kann.  Leider  ist  er  erst  3  Monate  nach  Ent- 
stehung der  Lähmung  zur  Beobachtung  gekommen. 

In  Bezug  auf  die  galvanischen  Erregbarkeit  der  Muskeln  ist  Vul- 
pian  nenerdings  den  von  mir,  Ziemssen  und  Weiss  aufgestellten 
Sätzen  entgegengetreten;  er  hat  weder  constant  eine  Steigerung  der 
galvanischen  Erregbarkeit  überhaupt,  noch  ein  Ueberwiegen  der  AnSZ 
über  die  EaSZ  gefunden.  Der  Grund  hierfür  ist  wohl  darin  zu  suchen, 
dass  die  Untersuchungen  Vul planus  nicht  methodisch  genug  angestellt 
wurden,  sondern  nur  in  solchen  Stadien  der  Lähmung,  wo  die  Verände- 
rung entweder  noch  nicht  entwickelt  (l. — 2.  Woche)  oder  wo  dieselbe 
schon  wieder  z.  Th.  abgelaufen  war  (2 — 2V2  Monat);  es  fehlen 
also  gerade  die  maassgebenden  Zeitabschnitte.  Ich  kenne  in  der  That 
kaum  eine  Verändening,  welche  mit  grösserer  Sicherheit  und  Deut- 
lichkeit constatirt  werden  könnte,  als  die  quantitative  Steigerung  und 
qualitative  Veränderung  der  galvanischen  Erregbarkeit  der  Muskeln 
bei  traumatischen  Lähmungen;  ich  habe  dieselbe  in  so  viel  Dutzenden 
von  Fällen  constatirt  und  demonstrirt,  dass  ich  die  oben  gegebene 
Darstellung  mit  aller  Entschiedenheit  gegen  Vulpian  aufrecht  erhalten 
mnss.  Zahlreiche  Bestätigungen  von  Seiten  der  sorgfältigsten  Beob- 
achter liegen  ausserdem  vor*)* 

Auch  das  Gewicht  der  von  Vulpian  vorgebrachten  Gründe  gegen 
meine  Vermuthung  über  den  anatomischen  Grund  der  Differenz  in 
Leitungsfähigkeit  und  Erregbarkeit  der  sich  regenerirenden  Nerven 
kann  ich  nicht  anerkennen.  Ich  habe  auf  Grund  der  vorliegenden 
klinischen  nnd  histologischen  Thatsachen  die  Vermuthung  ausgesprochen, 
dass  der  Axencylinder  der  Leitung,  die  Markscheide  der  Auf- 
nahme des  Erregungsvorganges  diene  und  muss  die  definitive  Bestä- 
tigung oder  Verwerfung  dieser  Anschauung  der  Experimentalphysiologie 
überlassen.  Für  das  praktische  Bedürfniss  war  es  genügend,  den  ana- 
tomischen und  physiologischen  Grund  für  das  in  pathologischen  Fällen 
beobachtete  merkwürdige  Verhalten  experimentell  nachgewiesen  zu 
haben.  Ich  finde  übrigens  bei  Weir  Mitchell  (Injuries  of  Nerves 
p*  113)  eine  Beobachtung,  welche  sehr  fttr  meine  Vermuthung  zu 
sprechen  scheint:  in  Kaninchennerven,  welche  einem  lähmenden  Druck 
ausgesetzt  waren,  sich  aber  nach  Aufhören  desselben  so  weit  erholt 
hatten,  dass  die  Leitung  des  Erregungsvorganges  durch  die  gedrückte 
Stelle  wieder  möglich  war,  fand  sich  bei  mikroskopischer  Untersuchung 
das  Nervenmark  in  einem  ähnlichen  Zustande  der  Veränderung.,  wie 
etwa  6 — 7  Tage  nach  einer  Nervendurchschneidung. 

Die  „  Entartungsreaction  ""y  welcher  ich  ihren  Namen  wegen  ihrer 
offenbar  sehr  engen  Verknüpfung  mit  der  Degeneration  der  Nerven 
^d  Muskeln  gegeben  habe,  kommt  nun  —  ganz  analog  den  experi- 

1)  Vgl  auch  einige  experimentelle  Angaben  von  Bernhardt  in  dessen  Ar- 
Wt  über  das  „Bestehen  eüier  specif.  Muskelirritabilit&t.''  Deutsch.  Arch.  f.  klin. 
Med.  XVI.  S.  88.  1875. 


412  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

mentellen  Paralysen —  bei  allen  traumatischen  Lähmungen  yor, 
welche  zu  einer  völligen  Trennung  oder  Quetschung  der  Nerven 
ftahren.  —  Femer  bei  gewissen  rheumatischen  Lähmungen  (be- 
sonders häufig  bei  Facialisparalysen),  wahrscheinlich  ebenfalls  dann, 
wenn  die  Lähmungsursache  dabei  eine  erhebliche  Compression  des 
Nerven  bedingt;  unter  denselben  Bedingungen  kommt  sie  aber  auch 
vor  bei  Lähmungen  durch  Neuritis,  bei  Gompresdon  der  Nerven 
durch  Tumoren,  Blutextravate,  Narbenretraction  u.  dgL 
—  kurz  ttberall  da,  wo  peripherische  Nerven  in  energischer  Weise 
mechanisch  lädirt  werden,  sei  diess  auf  welche  Art  es  wolle.  Sie 
kommt  femer,  und  wie  es  scheint,  fast  constant  bei  der  sogenannten 
Bleilähmung  in  sehr  ausgesprochener  Weise  vor*);  man  hat  sie 
nicht  minder  constant,  wenigstens  in  den  schwer  befallenen,  Muskel- 
gruppen bei  der  Poliomyelitis  anterior  acuta  bei  Kindern 
(spinale  Einderlähmung)  sowohl  wie  bei  Erwachsenen  und  ebenso 
auch  bei  der  mehr  chronischen  Form  dieser  Bttckenmarkskrankheit^ 
gefunden;  sie  ist  femer  beobachtet  worden  bei  Spinalapoplexie 
und  scheint  bei  Rtlckenmarkskrankheiten  überall  da  vorzukommen, 
wo  bestimmte  Tbeile  der  grauen  Substanz  erheblich  alterirt  sind; 
ich  habe  sie  femer  neuerdings  bei  der  progressiven  Muskel- 
atrophie  wenigstens  in  bestimmten,  hochgradig  aificirten  Muskel- 
gmppen  regelmässig  nachweisen  können  ^) ,  und  endlich  konunt  sie 
auch  gelegentlich  bei  „Lähmungen  nach  acuten  Krankheiten'  vor, 
welche  theils  den  Charakter  von  peripheren  Gompressionslähmungen  % 
theils  den  von  spinalen,  zur  Poliomyelitis  anterior  gehörigen,  Uh- 
mungen  haben. 

Es  ergibt  sich  aus  der  ganzen  Darstellung  leicht,  welche  posi- 
tiven Schlüsse  jeweils  aus  dem  Vorhandensein  der  Entartungsreaction 
gezogen  werden  können ;  nämlich  zunächst  und  mit  positiver  Siche^ 
heitnur  der  Schluss,  dass  ttberall  da,  wo  wir  diese  Reaction 
finden,  erhebliche  anatomische  Veränderungen  in  den 
Nerven  und  Muskeln  vorhanden  sein  müssen,  deren  ge- 
nauere Gestaltung  wir  mit  einiger  Sicherheit  aus  dem  Stadium  der 
elektrischen  Veränderungen  uns  constmiren  können. 


1)  8.  a.  den  Abschnitt  über  Lähmnng  des  N.  radialis. 

2)  yergl.  darüber:   Erb,  üeber  acnte  SpinaUäJimang  bei  Erwachsenen  ete. 
Arch.  f.  Psych.'  u.  Nervenkr.  V.  S.  768.  1875. 

3)  Erb,    Ein  FaU  von  Bleil&hmang.     Arch.   f.   Psych,   and   Nerrenkr.  Y. 
S.  445.  1875. 

4)  M.  Bernhardt,  Zar  Patholog.  d.  Radialisparalysen.  ibid.  lY.  S.601;  osd 
Eisenlohr,  Zar  Patholog.  d.  Typhuslähmangen.  ibid.  VI.  S.  543. 


i 


LähmoDg.  Yeränderungen  der  elektr.  Erregbarkeit.  Entartungsreaction.     413 

Bis  vor  Enrzem  pflegte  man  aber  auch  häufig  den  Schloss  zu 
ziehen,  dass  wir  es  da,  wo  wir  die  Entartungsreaction 
finden,  mit  einer  peripheren  Lähmung  zu  thun  haben. 
Es  darf  jetzt  als  erwiesen  gelten,  dass  dieser  Schluss  nicht  richtig 
ist  Allerdings  kommt  die  Entartungsreaction  vielleicht  am  häufigsten 
bei  peripheren  Lähmungen  zur  Beobachtung,  aber  in  keiner  Weise 
ausschliesslich  bei  solchen  und  jedenfalls  sind  aus  ihrem  Vorhanden- 
sein allein  keine  sicheren  Schltlsse  auf  die  Localisation  der  Läh- 
mungsursache zu  entnehmen.  Immerhin  sind  in  manchen  Fällen 
höchst  werthvolle  Fingerzeige  ftir  den  Sitz  der  Affection  aus  der 
vorhandenen  Entartungsreaction  zu  entnehmen :  so  z.  B.  bei  manchen 
basalen  Lähmungen  der  Gehimnerven,  bei  rheumatischen  Lähmungen 
einzelner  cerebraler  Nerven  u.  s.  w.  Viel  schwieriger  wird  schon 
die  Sache  da,  wo  ein  spinaler  Sitz  des  Leidens  gegenttber  dem 
peripheren  in  Frage  kommt;  hier  wird  in  der  Regel  nur  aus  der 
Concurrenz  anderer  Umstände  mit  der  vorhandenen  Entartungsreaction 
eine  einigermassen  sichere  Entscheidung  ttber  den  genaueren  Sitz 
des  Leidens  —  ob  peripher,  oder  an  der  Gauda  equina,  oder  an  den 
vorderen  Wurzeln,  oder  im  Rückenmark  selbst  —  zu  gewinnen  sein. 

Man  wird  sich  also  in  der  Regel  mit  den  an  sich  schon  sehr 
werthvoUen  Aufschlüssen  über  die  Art  und  den  Grad  der  anato- 
mischen Veränderungen  an  den  Nerven  und  Muskeln  zuMeden  geben 
müssen;  und  diese  sind  für  viele  Fälle  in  Bezug  auf  Diagnose  und 
Prognose  des  Leidens  wichtig  genug,  wie  sich  aus  der  Betrachtung 
der  einzelnen  Lähmungsformen  und  auch  bei  verschiedenen  Rücken- 
markskrankheiten (s.  Band  XI.  2.  dieses  Handbuchs)  ergeben  wird. 
Jedenfalls  aber  hüte  man  sich,  aus  dem  Vorhandensein  der  Ent- 
artungsreaction allzu  rasche  Schlüsse  auf  die  genauere  Localisation 
der  Lähmungen  zu  ziehen! 

Ueber  den  Verlauf  der  Lähmungen  lässt  sich  kaum  etwas  All- 
gemeines sagen.  Schon  aus  der  grossen  Zahl  der  Lähmungsursachen 
und  den  versdiiedenen  Möglichkeiten  des  Sitzes  der  Lähmung  ergibt 
sich,  dass  der  Verlauf  derselben  ein  äusserst  verschiedener  sein  kann. 
Es  hängt  derselbe  eben  zum  grossen  Theil  von  den  genannten  Mo- 
menten ab.  So  kann  der  Beginn  der  Lähmung  entweder  ein  ganz 
plötzlicher  oder  ein  mehr  allmäliger  sein;  im  letzteren  Falle  gleich- 
massig  oder  mit  Schwankungen  fortschreitend;  das  hängt  fast  ganz 
von  den  ursächlichen  Momenten  ab.  Die  Verbreitung  der  Lähmung 
geschieht  gewöhnlich  von  den  entferntesten  Theilen  gegen  das  Gen- 
trum zu,  besonders  bei  den  spinalen  Lähmungen  regelmässig  von 
unten  nach  oben  fortschreitend.     Bei  cerebralen  Lähmungen  wird 


414  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

häufig  zuerst  der  Arm  uud  später  erst  das  Bein  und  das  Gesicht 
gelähmt.  Besteht  die  Lähmung  einmal,  so  kann  dieselbe  entweder 
gleichmässig  und  in  unveränderter  Weise  fortbestehen,  oder  sie 
sehreitet  langsam  und  allmälig  der  Heilung  zu,  oder  endlich  es 
treten  erhebliche  Schwankungen,  Besserungen  und  Verschlimmerungen 
ein.  Die  grosse  Einförmigkeit  des  Verlaufs  vieler  Lähmungen  wird 
nicht  selten  unterbrochen  durch  das  Eintreten  motorischer  Beizer- 
scheinungen, durch  das  Kommen  und  Gehen  sensibler  Störungen, 
durch  das  Auftreten  trophischer  Veränderungen  u.  dgl.  Auch  der 
Nachweis  successiver  elektrischer  Erregbarkeitsänderungen  vermag 
in  vielen  Fällen  die  Eintönigkeit  des  Krankheitsbildes  zu  beleben. 
Alles  diess  sind  Jedoch  Dinge,  die  je  nach  Art,  Ort,  Intensität,  Aus- 
breitung, progressivem  oder  regressivem  Verlauf  der  Lähmungs- 
ursache der  mannichfaltigsten  Modificationen  fähig  und  deshalb  dner 
eingehenden  allgemeinen  Darstellung  hier  nicht  zu  unterwerfen  sind. 

Auch  die  Dauer  der  Lähmungen  ist  eine  je  nach  den  Läh- 
mungsursachen äusserst  verschiedene:  es  gibt  Lähmungen,  welche  nur 
Minuten  oder  Stunden  dauern  (leichte  Drucklähmungen,  ischämische 
Lähmungen),  andere,  deren  Dauer  sich  nach  wenigen  Tagen  oder 
Wochen  berechnet  (leichte  rheumatische  Lähmungen,  toxische  Läh- 
mungen u.  s.  w.),  andere,  welche  niemals  vor  Ablauf  vieler  Wochen 
oder  Monate  zur  Heilung  gelangen  (schwere  traumatische  and  rheu- 
matische Lähmungen,  die  meisten  cerebralen  und  spinalen  Lähmon- 
gen,  die  Bleilähmung  u.  s.  w.),  endlich  solche,  welche  niemals  zar 
Heilung  gelangen  und  bis  zum  Lebensende  dauern,  —  das  sind  alle 
jene  Formen,  bei  welchen  eine  Ausgleichung  der  die  Lähmung  ver- 
ursachenden Störung  anatomisch  unmöglich  ist. 

Auch  die  Ausgänge  der  Lähmungen  hängen  zum  grössten 
Theil  von  der  Ursache,  dem  Sitze  und  dem  mehr  oder  weniger 
progressiven  Charakter  der  Lähmung  ab.  Heilung  tritt  in  sehr 
vielen  Fällen  em,  zunächst  dadurch,  dass  eine  Wiederherstellung  der 
LeitungsfUhigkeit  und  Erregbarkeit  der  motorischen  App»*ate  statt- 
findet, theils  durch  Entfernung  der  hemmenden  Ursache,  theils  durdi 
Begeneration  der  motorischen  Bahnen  selbst.  Dass  diese  Voi^üige 
in  vielen  Fällen  (bei  traumatischen,  rheumatischen,  neuritischen, 
meningitischen  und  myelitischen,  bei  apoplektischen  und  Compres- 
sionslähmungen,  bei  toxischen  und  Beflexlähmungen  u.  s.  w.)  möglich 
sind,  lehren  Beobachtung  und  Experiment,  und  wird  durch  die  täg- 
liche praktische  Erfahrung  vielfach  bestätigt  Dass  diese  Heilang 
bald  schnell,  bald  langsam  erfolgt,  und  dass  oft  sehr  lange  die 
Spuren  der  vorhanden  gewesenen  Störung  erkennbar  sind,  bedarf 


Lähmung.    Verlauf.    Dauer.    Ausgänge.    Diagnose.  415 

keines  weiteren  Nachweises.  —  Es  kann  Heilung  aber  auch  zu  Stande 
kommen  dadurch,  dass  coUaterale  motorische  Bahnen  allmälig  die 
Function  der  zerstörten  übernehmen,  gleichsam  yicariirend  ftlr  die- 
selben eintreten  und  durch  Uebnng  bis  zur  fast  normalen  Leistungs- 
fähigkeit gebracht  werden  können:  es  ist  in  hohem  Grade  wahr- 
scheinlich, dass  bei  gewissen  cerebralen  und  spinalen  Lähmungs- 
formen die  Heilung  in  dieser  Weise  zu  Stande  kommt,  um  so  mehr 
als  aus  anatomischen  und  physiologischen  Thatsachen  die  Existenz 
allseitiger  Verbindungen  der  motorischen  Bahnen  unter  einander  mit 
ziemlicher  Sicherheit  gefolgert  wird.  Es  wird  natürlich  in  solchen 
Fällen  häufig  auch  nur  zu  einer  unvollständigen  Heilung,  zu 
einem  gewissen  Grade  von  Besserung  kommen.  Diese  ist  überhaupt 
ein  sehr  häufiger  Ausgang  der  Lähmung:  die  Muskeln  erlangen  nur 
einen  Theil  ihrer  Kraft  und  Leistungsfähigkeit  wieder,  ihre  Con- 
tractionen  bleiben  ti^e,  steif,  unbeholfen,  vielfach  durch  Gontrac- 
turen  u.  dgl.  gestört,  einzelne  Muskeln  erlangen  ihre  Beweglichkeit 
gar  nicht  mehr  wieder  —  kurz,  es  kann  in  der  verschiedensten  Weise 
ein  Deficit  der  Motilität  zurückbleiben,  dessen  Grösse  ebenfalls  we- 
sentlich von  der  Lähmungsursache  und  ihrer  Ausgleichungsfähigkeit 
bestimmt  wird. 

Der  Tod  endlich  kann  bei  Lähmungen  in  mehr  directer  Weise 
dadurch  eintreten,  dass  die  Lähmung  sich  auf  lebenswichtige  Theile, 
speeiell  den  Bespirationsapparat,  die  Schlingmuskeln  u.  dgl.  erstreckt; 
in  indirecter  Weise  dadurch,  dass  hochgradiger  Decubitus,  dass 
schwere  Blasenleiden  u.  dgl.  sich  entwickeln,  welche  in  der  gewöhn- 
lichen Weise  den  Tod  herbeifllhren.  —  Der  Lähmung  selbst  nicht 
zuzurechnen  ist  der  Tod,  wenn  er  durch  die  Allgemein  Wirkungen 
eines  gelegentlich  auch  Lähmung  verursachenden  Leidens:  z.  B. 
Krebs,  Tuberculose,  Bleiintoxication  u.  dgl.  herbeigeführt  wird. 

Diagnose.  Dieselbe  hat  sich  auf  verschiedene  Punkte  zu  er- 
strecken und  ist  von  grösster  Wichtigkeit  für  die  Feststellung  der 
therapeutischen  Maassnahmen,  weil  dieselben  hauptsächlich  und  zu- 
nächst bestimmt  werden  von  dem  richtigen  Einblick  in  den  Sitz 
und  die  Art  der  Lähmungsursache,  in  die  consecutiven  Verände- 
rongen  u.  s.  w. 

Dass  eine  genaue  und  umfassende  Diagnose  der  Lähmung  nur 
luöglich  ist  auf  Grund  einer  exacten  und  allseitigen  Untersuchung 
versteht  sich  von  selbst.  Indem  wir  hier  auf  das  in  der  Einleitung 
(S.  247)  über  die  Untersuchung  der  motorischen  Apparate  Gesagte 
verweisen,  fttgcn  wir  hinzu,  dass  demnächst  eine  Prüfung  der  Sensi- 
bilität, des  Grades  und  der  Ausbreitung  ihrer  Störung  zu  machen 


416  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

ist.  Dann  versäume  man  nicht,  etwaige  Störungen  in  den  Eam-  und 
Stuhlentleerungen,  den  Darm-  und  Uterusbewegungen,  in  der  Ere^ons- 
fähigkeit,  Potenz  u.  dgl.  festzustellen.  Endlieh  prüfe  man  die  psy- 
chischen Functionen  und  die  Thätigkeit  der  Sinnesorgane.  Kur  so 
wird  man  ein  vollständiges  Krankheitsbild  erhalten.  Natürlich  ist 
eine  so  ausgedehnte  Untersuchung  nicht  in  allen  Fällen  nöthig;  sie 
kann  sich  vielmehr  bei  localen  peripheren  Lähmungen  n.  dgl.  viel- 
fach auf  die  Prüfling  der  localen  Verhältnisse  beschränken.  In  allen 
schwierigeren  und  complicirten  Fällen  jedoch  kann  nur  eine  so  voll- 
ständige Untersuchung  die  wünschenswerthe  Sicherheit  in  der  Dia- 
gnose verleihen. 

Die  Untersuchung  hat  sich  nun  zunächst  darauf  zu  richten,  ob 
überhaupt  Lähmung  vorhanden  ist.  Diese  Frage  wird  in 
der  Regel  leicht  zu  entscheiden  sein;  und  zwar  dadurch,  daas  bei 
ganz  bestimmten  Willensanstrengungen  keine  Muskelcontraction  ein- 
tritt. Doch  kann  man  immerhin  darüber  im  Unklaren  sein:  einmal 
bei  Lähmung  von  Muskeln,  die  niemals  isolirt  in  Action  treten,  und 
deren  physiologische  Wirkung  nicht  sicher  bekannt  ist  —  hier  kann 
die  Entscheidung  unmöglich  werden;  das  hat  jedoch  keine  Wichtig- 
keit. Ferner  bei  Bewusstlosen,  die  keine  Willensanstrengung  machen 
können,  z.  B.  im  apoplektischen  Anfall;  aber  auch  hier  kann  man 
gewöhnlich  bestimmen,  welches  die  gelähmte  Seite  ist,  da  diese  m 
der  Regel  viel  schlaffer  erscheint,  keine  unwillkürlichen  Bewegungen 
zeigt,  während  der  Delirien  nicht  mit  in  Action  versetzt  wird  u.  s.  w. 
—  Es  braucht  endlich  nur  daran  erinnert  zu  werden,  dass  lähmungs- 
ähnliche Bewegungsstörungen  auch  durch  Ataxie,  durch  Störungen 
der  Muskel-  und  Hautsensibilität  hervorgerufen  werden  können,  um 
vor  Verwechselung  dieser  Zustände  mit  wirklichen  Lähmungen  zn 
schützen. 

Von  grösster  Wichtigkeit  ist  aber  die  diagnostische  Entscheidung 
über  den  Sitz  der  Lähmung,  über  den  Ort  in  den  motorischen 
Apparaten,  wo  wir  die  Lähmung  veranlassende  Läsion  zu  suchen 
haben.  Diese  Entscheidung  muss  durch  Anwendung  der  verschie- 
densten Hülfsmittel  und  Untersuchungsmethoden  herbeigeführt  wer- 
den. Zunächst  ist  die  Vorfrage  zu  entscheiden,  ob  wir  es  mit  einer 
neuropathischen  oder  myopathischen  Lähmung  zu  thun  haben. 
Das  wird  in  der  Regel  nicht  sehr  schwer  zu  erkennen  sein,  indem 
bei  den  myopathischen  Lähmungen  das  Leiden  in  der  Regel  nur  in 
einzelnen  Muskeln  beginnt,  sich  allmälig  auf  andere  Muskeln  weiter 
verbreitet,  oft  von  einem  Muskelbündel  auf  das  andere.  Die  Mh- 
zeitige  Atrophie  vor  der  völligen  Lähmung,  fibrilläre  Zuckungen, 


LähmuDg.    Diagnose.    Periphere  und  spinale  Lähmung.  41 7 

Schmerz  in  den  Muskeln,  Abnahme  der  elektrischen  Erregbarkeit 
genau  parallel  mit  der  Abnahme  des  Mnskelvolums ,  nachweisbare 
örtliche  Ursache  n.  s.  w.  —  das  sind  weitere  differential-diagnostische 
Momente. 

Bei  den  neuropathischen  Lähmungen  ist  es  praktisch  zweck- 
mässiger, nicht  zwischen  eigentlichen  Centrallähmungen  und  Leitungs- 
läbmungen  zu  unterscheiden,  sondern  je  nach  dem  Sitze  der  läh- 
menden Einwirkung  eine  Entscheidung  darüber  herbeizuführen,  ob 
wir  es  mit  einer  peripheren  (Sitz  an  irgend  einer  Stelle  der  peri- 
pheren Nerven  nach  ihrem  Austritt  aus  Gehirn  oder  Btlekenmark), 
oder  mit  einer  spinalen  (durch  Erkrankung  irgend  eines  Rücken- 
marksabschnittes bedingten),  oder  mit  einer  cerebralen  (von  Er- 
krankung des  Gehirns  herrührenden)  Lähmung  zu  thun  haben.  Zur 
Unterscheidung  dieser  3  Gruppen  von  Lähmungen  mögen  die  haupt- 
^hlichsten  Anhaltspunkte  im  Folgenden  kurz  zusammengestellt 
werden. 

Die  peripheren  Lähmungen  sind  jedenfalls  immer  Leitungs- 
lähmungen, deren  Ursache  an  irgend  einer  Stelle  zwischen  dem  Aus- 
tritt der  motorischen  Bahnen  aus  dem  Gehirn  oder  Rückenmark  und 
ihrem  Eintritt  in  die  Muskeln  angreifen  kann.  Sie  sind  durch  fol- 
gendes Verhalten  charäkterisirt:  sie  sind  beschränkt  auf  das  Gebiet 
eines  einzelnen  oder  weniger  Nervenstämme  (was  besonders  an  den 
Extremitäten  wichtig;  Ausnahmen  kommen  vor  bei  Sitz  der  Läh- 
mungsursache in  der  Augenhöhle,  an  der  Schädelbasis  oder  im 
untern  Theil  des  Rttckgratkanals ,  wo  die  Cauda  eqnina  zahlreiche 
Nervenstämme  vereinigt  enthält;  deshalb  gelegentlich  auch  grössere 
Verbreitung,  selbst  in  Form  von  Paraplegie).  Die  Nichtbetheiligung 
einzelner  "höher  abgehender  Aeste  eines  und  desselben  Nervenstam- 
mes spricht  für  peripheren  Ursprung.  —  Fast  immer  ist  gleichzeitig 
Anästhesie  vorhanden,  und  zwar  genau  beschränkt  auf  das  Gebiet 
des  von  der  Lähmung  befallenen  gemischtem  Nerven;  niemals  jedoch 
Verlangsamung  der  Empfindungsleitung  (Weir  Mitchell).  —  Es 
fehlen  ausser  den  willkürlichen  Bewegungen  auch  die  Reflex-,  auto- 
matischen und  Mitbewegungen  vollständig.  —  Central  bedingte 
Krämpfe  verbreiten  sich  nicht  auf  die  gelähmten  Muskeln.  —  Hoch- 
gradige vasomotorische  und  trophische  Störungen,  besonders  eine 
frühzeitige  und  hochgradige  Atrophie  der  Muskeln  sprechen  für  peri- 
pheren Ursprung.  —  Ist  bei  der  elektrischen  Untersuchung  die  Ent- 
artungsreaction  vorhanden,  so  spricht  das  nur  unter  bestimmten  Vor- 
aussetzungen ftlr  peripheren  Sitz  der  Lähmung ;  völliges  Erhaltensein 
der  elektrischen  Erregbarkeit  spricht  nicht  gegen  den  peripheren  Sitz. 

Handbaeh  d.  spnc.  P*thoIogie  n.  Therapi«.  Bd.  XIT.  I.    2.  Aofl.  27 


418  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

Auch  in  solchen  Fällen  kann  die  elektrische  Untersuchung  oft  die 
Läsionsstelle  genauer  präcisiren  helfen,  wenn  es  nämlich  mOglicl  ist, 
den  elektrischen  Beiz  oberhalb  derselben  einwirken  zulassen:  bleibt 
bei  Beizung  des  centraler  gelegenen  Nervenstttcks  die  Beaction  aus, 
während  sie  vom  peripher  gelegenen  leicht  zu  erzielen  ist,  so  muss 
der  Sitz  der  Lähmungsursache  zwischen  beiden  Beizungsstellen  liegen, 
also  peripherisch  sein.  —  Endlich  fehlen  bei  peripheren  Lähmungen 
meist  alle  und  jede  krankhafte  Erscheinungen  von  Seiten  des  Bfleken- 
marks  oder  Gehirns;  hier  kann  jedoch  eine  zufällige  Complication 
mit  centralen  Leiden  Ursache  von  Täuschungen  werden,  die  man  nur 
bei  grosser  Vorsicht  vermeiden  kann.  —  Auch  der  Nachweis  einet 
peripheren  Ursache  (eines  Trauma  oder  dgl.)  ist  nicht  unter  allen 
Umständen  entscheidend  ftir  den  peripheren  Sitz  der  Lähmung,  weil 
dasselbe  Trauma  auch  manchmal  gleichzeitig  centrale  Läsiouen  setzt; 
so  wird  man  z.  B.  bei  Schädelverletzungen  nicht  immer  leicht  ent- 
scheiden können,  ob  das  Trauma  die  Nervenstämme  an  der  Schädel- 
basis oder  die  motorischen  Bahnen  innerhalb  des  Gehirns  getroffen 
hat  u.  dgl.  mehr. 

Für  die  spinalen  Lähmungen  ist  das  Auftreten  in  Form  emer 
auf  beiden  Seiten  nahezu  gleichmässig  aufsteigenden  Lähmung  — 
Paraplegie  —  in  hohem  Maasse  charakteristisch  —  wenn  auch  nidit 
mit  absoluter  Sicherheit  für  spinalen  Ursprung  sprechend  (periphere 
Lähmung  der  Gauda  equina,  cerebrale  Paraplegien !).    Je  nach  der 
Höhe,  bis  zu  welcher  die  Krankheit  im  Bttckenmark  fortgeschritten 
ist  (Lendenmark,  Dorsalmark,  Halsmark)  sind  dann  von  unten  nach 
oben  fortschreitend  die  symmetrischen  Muskelgruppen  (untere  Extre- 
mitäten, Bumpf-  und  Bauchmuskeln,  obere  Extremitäten)  gelähmt 
Sehr  gewöhnlich  sind  Störungen  der  Sensibilität,  aber  nicht  immer 
in  gleicher  Ausbreitung  und  Litensität  wie  die  der  Motilität;  häufig 
sind  dieselben  auf  abnorme  Sensationen  (Pelzigsein,  Formication  u.  dgl) 
in  den  Fttssen  beschränkt;  manchmal  ist  Verlangsamung  der  Empfin- 
dungsleitung  nachzuweisen.    Sehr  gewöhnlich  ist  Bttckenschmerz  und 
das  häufig  vorkommende  ^Gttrtelgeftihl ''.    Bei  der  spinalen  Kinder- 
lähmung und  verwandten  Krankheitsformen  fehlen  sensible  Störunge 
vollständig.  —   Sehr   charakteristisch  ftlr  spinale  Lähmungen  sind 
Störungen  in  der  Function  der  Blase  (Incontinenz  und  Betention)  und 
der  Geschlechtsorgane  (Priapismus,  Pollutionen,  Spermatorrhoe  und 
Impotenz);   doch   kommt  ein  TheU  derselben  auch  bei  peripherer 
Lähmung  der  Cauda  equina  vor.    Bei  Affection  im  Gerviealtheil  be- 
steht häufig  paralytische  Myosis.  —  Die  Beflexbewegungen  sind  meist 
erhalten,  sehr  oft  gesteigert,  gelegentlich  bei  gleichmässiger  Degt- 


Lähmung.   Diagnose.   Spinale  und  cerebrale  Lähmung.  419 

neration  aller  Marktheile  erloschen.  Die  automatischen  Bewegungen 
können  je  nach  der  Höhe  der  Erkrankung  frei  bleiben  oder  an  der 
Lähmung  mitbetheiligt  sein.  Krämpfe,  die  vom  Gehirn  ausgehen 
(z.  B.  Epilepsie)  verbreiten  sich  nicht  auf  die  gelähmten  Theile; 
dagegen  sind  vom  Rückenmark  vermittelte  Muskelspannungen  und 
Erilmpfe  gerade  in  den  gelähmten  Theilen  nicht  selten.  -  ~  Vasomo- 
torische und  trophische  Störungen  sind  nicht  selten,  aber  auch  nicht 
constant,  wie  wir  oben  gezeigt  haben.  Psychische  Alterationen, 
Affectionen  der  Sinnesorgane  und  der  Gehirnnerven  fehlen  meist; 
doch  lehrt  die  Erfahrung,  dass  bei  gewissen  Formen  der  spinalen 
Erkrankung  (besonders  Tabes)  Affectionen  der  Optici,  der  Augen- 
muskelnerven zu  den  sehr  häufigen  Symptomen  gehören;  doch  sind 
diese  Fälle  meist  leicht  zu  erkennen.  —  Die  elektrische  Unter- 
suchung ergibt  keine  zwingenden  Schlüsse :  findet  sich  nach  längerem 
Bestand  des  Leidens  eine  massige  Erhöhung  der  Erregbarkeit  in  den 
gelähmten  Theilen,  so  ist  eine  spinale  Affection  (besonders  Tabes) 
wahrscheinlich;  besteht  einfache  Verminderung  der  elektrischen  Er- 
regbarkeit ohne  qualitative  Veränderung,  neben  massiger  Atrophie 
der  Muskeln,  so  spricht  das  ebenfalls  für  ein  spinales  Leiden,  da 
dieses  Verhalten  nicht  leicht  bei  peripheren  Lähmungen  und  bei 
cerebralen  so  gut  wie  gar  nicht  vorkommt.  Viele  Fälle  endlich 
werden  ohne  Aufschlüsse  durch  die  elektrische  Untersuchung  bleiben. 

Noch  ist  zu  erwähnen,  dass  ausnahmsweise  auch  eine  Hemiplegie 
durch  Erkrankung  des  Rückenmarks  zu  Stande  kommen  kann,  näm- 
lich bei  der  sogenannten  Halbseitenläsion  (Brown-Söquard)  des- 
selben. Dann  besteht  meist  gekreuzte  sensible  und  motorische  Lähmung 
—  die  motorische  gleichseitig  mit  der  spinalen  Läsion.  Gewöhnlich 
ist  dabei  nur  die  untere  Extremität  aUein  befallen,  doch  kann  bei 
hohem  Sitze  der  Läsion  auch  die  obere  mitergriffen  sein.  Durch 
das  Freibleiben  des  Gesichts,  das  Fehlen  aller  Gehimsymptome,  das 
Vorhandensein  von  Blasenschwäche  u.  s.  w.  lässt  sich  die  richtige 
Diagnose  in  der  Begel  leicht  stellen. 

Bei  cerebralen  Lähmungen  ist  eine  viel  grössere  Mannich- 
fidtigkeit  der  Erscheinungen  möglich,  deshalb  ist  ihre  Charakteristik 
^d  ihre  Diagnose  vielfach  schwieriger.  In  den  gewöhnlichen  aus- 
gesprochenen Fällen  besteht  Hemiplegie,  und  zwar  auf  der  dem  Sitze 
der  Läsion  (Blutextravasat,  Embolie,  Tumor  u.  s.  w.)  entgegengesetzten 
Körperseite.  Gewöhnlich  ist  dabei  der  Arm  am  stärksten  befallen, 
Gesicht  und  Zunge  am  wenigsten.  Es  kommen  jedoch  ausserdem 
noch  alle  möglichen  isolirten  Lähmungsformen  in  Folge  von  Gerebral- 
erkrankung  vor:   auf  einzelne  Nerven,   Plexus   oder  Stämme   be- 

27* 


420  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

schränkt,  häufig  in  der  mannichfachsten  Weise  miteinander  combinurt 
und  complicirt  mit  allen  möglichen  Störungen.  Das  rührt  eben  da- 
her, dass  an  verschiedenen  SteUen  des  Gehirns  sehr  verschiedene 
motorische  Bahnen  nahe  beisammen  liegen,  so  dass  bei  wechselndem 
Sitze  der  Läsion  eine  sehr  mannichfache  Gruppirung  der  L&hmiingen 
stattfinden  kann,  während  andrerseits  auch  wieder  durch  die  räum- 
liche Trennung  verschiedener  motorischer  Bahnen  im  Gehirn  bei  um- 
schriebenen Krankheitsherden  ganz  circumscripte  Lähmungen  zum 
Vorschein  kommen  können.  Nur  eine  tttchtige  Eenntniss  der  Ana- 
tomie und  Physiologie  des  Gehirns,  nebst  einiger  Erfahrung  in  den 
einschlägigen  Krankheitsfällen  können  die  Diagnose  einigennassen 
sicher  stellen.  Bei  G^himlähmungen  sind  die  Reflexe  fast  immer  er- 
halten, häufig  gesteigert ;  Mitbewegungen  und  automatische  Bewegun- 
gen gewöhnlich  ungestört,  die  ersteren  manchmal  in  erhöhtem  Maasse 
vorhanden.  Motorische  Reizerscheinungen  in  den  gelähmten  Theilen 
(Contracturen y  Zittern,  Convulsionen)  sind  nicht  selten;  epileptische 
und  Strychninkrämpfe  erstrecken  sich  auch  auf  die  gelähmten  Theile, 
sind  in  diesen  sogar  häufig  stärker  als  in  den  gesunden.  —  Störun- 
gen der  Sensibilität  sind  seltener  und  weniger  ausgesprochen  als  bei 
peripheren  und  spinalen  Lähmungen ;  sie  pflegen  im  Anfang  vorhan- 
den zu  sein,  meist  aber  nach  kurzer  Zeit  wieder  zu  verschwinden. 
Vasomotorische  Störungen  sind  sehr  gewöhnlich,  trophische  Störungen 
dagegen  sehr  selten ;  besonders  pflegt  Atrophie  der  Muskeln  beinahe 
niemals  einzutreten  (mit  Ausnahme  der  Bulbärparalyse).  —  Sehr 
charakteristisch  und  diagnostisch  wichtig  sind  aber  bei  Himlähmun- 
gen  die  Störungen  der  höheren  Sinnesorgane,  verschiedener  Him- 
nerven  und  besonders  der  psychischen  Thätigkeiten,  welch'  letztere 
beinahe  niemals  fehlen,  wenn  sie  auch  oft  nur  in  unscheinbarem 
Maasse  vorhanden  sind.  Hieran  reihen  sich  die  nicht  selten  vorkom- 
menden Sprachstörungen  sowohl  intellectuelle  (Aphasie)  wie  peri- 
pherische (Alalie).  —  Veränderungen  der  Pupillen,  Kopfschmerz, 
Schwindel,  unmotivirtes  Erbrechen  sind  ebenfalls  Symptome  von 
hoher  Bedeutung.  Die  elektrische  Untersuchung  ergibt  manchmal 
Anhaltspunkte;  leichte  gleichmässige  Steigerung  der  Erregbarkeit 
spricht  für  cerebrale  Lähmung;  ebenso  ein  normales  Verhalten  nach 
sehr  langem  Bestehen  des  Leidens;  deutliche  und  ausgesprochene 
Verminderung  kommt  wohl  nur  bei  Paralysen  in  Folge  von  Erkran- 
kung des  Himstammes  vor,  welche  aber  aus  andern  Momenten  leicht 
zu  erkennen  sind. 

Sehr  selten  kommen  cerebrale  Paraplegien  vor;  dieselben  treten 
aber  dann  meist  deutlich  als  zwei  getrennte  Hemiplegien  auf;  ge- 


Lähmung.    Diagnose.  421 

wohnlich  ist  die  eine  Seite  stärker  ergriffen  als  die  andere;  und  in 
der  Regel  wird  die  Diagnose  sehr  erleichtert  durch  die  Anwesenheit 
psychischer  Symptome ,  dnrch  Betheiligang  der  Gehimnerven  and 
der  Sinnesorgane  y  dnrch  Sprachstörung  u.  s.  w.  lieber  die  eigent- 
liche Localdiagnose  der  Gehimlähmungen  haben  wir  uns  hier  nicht 
zn  verbreiten,  sondern  verweisen  dafür  auf  die  Darstellung  der  Oe- 
hirnkrankheiten  im  XI.  Band.  Dieselbe  hat  ihre  grossen  Schwierig- 
keiten wegen  der  Gomplicirtheit  einerseits  der  physiologischen  Bahnen, 
andrerseits  der  pathologischen  Vorgänge,  welche  bei  derartigen  Krank- 
heiten gewöhnlich  vorhanden  sind,  indem  neben  der  Zerstörung,  Com- 
pression,  Degeneration  der  Nervenelemente  am  Orte  der  Erkrankung 
selbst  auch  noch  secundäre  Hyperämien  und  Stasen,  Oedeme,  weit- 
reichender Gehimdruck  u.  dgl.  in  Frage  kommen.  Daher  gehört 
eme  solche  Diagnose  in  der  Regel  zu  den  allerschwierigsten  Dingen 
in  der  gesammten  Pathologie. 

Natürlich  gibt  es  auch  zahlreiche  Lähmungsfälle,  wo  mehrfache 
Localisationen  vorhanden  sind,  wo  periphere  und  spinale,  spinale 
and  cerebrale,  periphere  und  cerebrale  Lähmungen  zu  gleicher  Zeit 
bestehen.  In  solchen  Fällen  wird  nur  eine  sehr  genaue  Untersuchung 
und  eine  umsichtige  Beurtheilung  aller  Umstände  die  Diagnose  richtig 
zu  leiten  im  Stande  sein. 

Die  Diagnose  der  Localisation  der  Lähilfang  genügt  aber  nicht 
allein;  man  hat  weiterhin  zu  entscheiden,  welche  Art  der  Läsion 
vorhanden  ist,  also  die  Natur  der  Lähmungsursache  festzustellen. 
Man  hat  zu  entscheiden,  ob  Traumen,  Entzündungen,  Neoplasmen, 
Rheumatismen,  ob  Degeneration,  ob  Blutextra vasat,  ob  Intoxication, 
ob  reflectorische  Erkrankung  oder  was  sonst  vorhanden  ist.  Das 
hat  seine  ganz  enormen  Schwierigkeiten  und  ist  in  nicht  wenigen 
Fällen  ganz  unmöglich.  Man  muss  die  Anamnese,  das  ganze  Krank- 
heitsbild, den  Verlauf,  die  Ergebnisse  der  elektrischen  Untersuchung 
n.  s.  w.  aufis  genaueste  berücksichtigen,  um  hier  zu  der  nothwendigen 
Einsicht  zu  kommen.  Doch  lässt  sich  Allgemeines  darüber  nicht  wohl 
sagen,  und  wird  das  Nöthige  über  diese  diagnostische  Entscheidung 
bei  den  einzelnen  Lähmungsformen  beizubringen  sein. 

Hier  haben  wir  nur  noch  kurz  einzelne  Formen  der  Lähmung 
zu  charakterisiren,  bei  welchen  man  weder  über  den  Ort,  noch  über 
die  Art  der  zu  Grunde  liegenden  Läsion  zur  Zeit  völlig  im  Klaren 
ist,  welche  aber  doch  durch  eine  Reihe  von  Merkmalen  sich  in  ziem- 
lieh scharfer  Weise  von  den  übrigen  Lähmungen  abheben.  Doch 
muss  auch  über  diese  Formen  das  Genauere  dem  speciellen  Theile 


422  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

und  den  verschiedenen  betreffenden  Abschnitten  dieses  Werkes  ttber- 
lassen  bleiben. 

Die  Diagnose  der  hysterischen  Paralyse  grttndet  sich 
hauptsächlich  auf  den  Nachweis  anderweitiger,  ausgesprochen  hyste- 
rischer Symptome;  doch  ist  dabei  nicht  zu  vergessen,  dass  auch  Hyste- 
rische gelegentlich  einmal  .eine  rheumatische,  traumatische,  neuritische 
oder  sonstige  Lähmung  acquiriren  können.  Die  eigentlich  hysterischen 
Lähmungen  können  proteusartig  bald  hier  bald  dort  auftreten,  können 
einzelne  Nerven  und  Plexus  befallen,  selbst  in  Form  von  Paraplegie 
oder  Hemiplegie  auftreten;  sie  können  rasch  verschwinden  oder  un- 
gemein hartnäckig  sein;  sie  werden  in  ihrem  Entstehen  und  Ver- 
gehen nicht  selten  von  heftigen  psychischen  Einwirkungen,  von 
hysterischen  Erampfanf allen  u.  dgl.  betimmt;  meist  besteht  hoch- 
gradige Anästhesie;  die  elektrische  Erregbarkeit  der  Muskeln  ist 
vollkommen  erhalten,  dagegen  die  elektromusculäre  Sensibilität  nach 
Duchenne  erheblich  vermindert;  häufig  macht  es  den  Elindruck, 
als  fehle  den  Kranken  nur  das  nöthige  Geschick,  ihren  Willensein- 
fluss  auf  die  gelähmten  Theile  zu  dirigiren ;  dabei  fehlen  alle  Zeichen 
schwerer  organischer  Läsionen  des  Oehirns  und  Rttckenmarks,  es 
kommt  niemals  zu  Decubitus,  Blasenlähmung  ist  meist  nur  in  äusserst 
wechselnder  Weise  vorhanden  u.  s.  w. 

Die  diphtheriti§che  Lähmung  charakterisirt  sich  auch  in 
Fällen,  wo  die  vorausgegangene  Rachen-  oder  anderweitige  Diphthe- 
ritis  nicht  mit  voller  Sicherheit  constatirt  worden  ist,  dei^estalt  durch 
die  Reihenfolge  und  eigenthümliche  Combination  der  Lähmnngser- 
scheinungen,  dass  sie  in  der  Regel  sehr  leicht  erkannt  wird.  Der 
Beginn  mit  Lähmung  des  Gaumensegels,  näselnder  Sprache,  SchUng- 
beschwerden,  das  Auftreten  von  Mydriasis,  Accommodationslähmuig 
und  Augenmuskelparese,  die  auffallende  Verlangsamung  des  Pulses, 
die  fortschreitende  Parese  und  Paralyse  einzelner  oder  aller  vier 
Extremitäten  —  das  alles  gibt  ein  äusserst  charakteristisches  Krank- 
heitsbild. Die  Sensibilität  ist  gewöhnlich  nur  in  massigem  Grade 
gestört;  Blase  und  Mastdarm  sind  meist  unbetheiligt;  die  elektrische 
Untersuchung  ergibt  am  Gaumensegel  manchmal  Entartungsreaction 
(Ziemssen  u.  A.),  manchmal  einfache  Herabsetzung  der  Erregbar- 
keit, an  den  äussern  Muskeln  und  Nerven  keine  charakteristischen 
Veränderungen. 

Die  Bleilähmung  ist  gewöhnlich  mit  grösster  Leichtigkeit  zn 
erkennen  an  dem  successiven  Befallenwerden  ganz  bestimmter  Muskel- 
gruppen :  fast  immer  werden  die  Streckmuskeln  der  Vorderarme,  das 
Radialisgebiet  mit  höchst  charakteristischem  Freibleiben  des  Supi- 


Lähmung.    Diagnose.    Bleiläbmung.    Prognose.  423 

nator  longus,  zuerst  befallen ;  dann  kann  der  Process  weiter  schreiten 
auf  die  kleinen  Handmaskeln  und  auf  die  Flexoren;  an  den  untern 
Extremitäten  ist  besonders  häufig  das  Peroneusgebiet  befallen.  Hoch- 
gradige Atrophie  der  Muskeln,  ausgesprochene  Entartungsreaction  mit 
schliesslichem  hochgradigem  Sinken  der  elektrischen  Erregbarkeit 
bestätigen  die  Diagnose.  Sensibilitätsstörungen  fehlen  gewöhnlich. 
Sind  ausserdem  die  übrigen  bekannten  Zeichen  der  Bleiintoxication 
Yorhanden  oder  vorhanden  gewesen  (livider  Rand  am  Zahnfleisch, 
Kolikanfälle,  satumine  Arthropathien,  Kachexie  u.  s.  w.),  so  wird  die 
Diagnose  sicher  sein,  wenn  es  auch  nicht  immer  leicht  gelingt,  die 
Quelle  der  Intoxication  zu  ermitteln. 

lieber  die  Prognose  der  Lähmungen  lässt  sich  nur  wenig 
Allgemeines  sagen,  da  dieselbe  in  jedem  Falle  von  den  einzelnen 
individuellen  Verhältnissen  bestimmt  wird.  Mehrere  Lähmungen  ge- 
hören zu  den  ganz  leicht  und  sicher  heilenden  Krankheiten  (z.  B. 
leichte  rheumatische  Faciallähmung,  hysterische  Stimmbandlähmung, 
viele  Augenmuskellähmungen,  die  gewöhnliche  Drucklähmung  des 
N.  radialis  u.  s.  w.);  andere  dagegen  sind  unter  allen  Verhältnissen 
schwierige  und  langwierige  Leiden,  welche  nicht  selten  allen  Heil- 
versuchen zum  Trotz  unaufhaltsam  bis  zum  Tode  fortschreiten  oder 
doch  wenigstens  ein  ganzes  Leben  hindurch  stationär  bleiben.  Im 
Ganzen  muss  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  die  Prognose  sehr  vorsichtig 
gestellt  werden;  denn  gar  zu  häufig  bleibt  selbst  in  anscheinend 
günstigen  Fällen  Schwäche,  Unbeholfenheit,  Parese,  kurz  ein  Deficit 
in  der  Brauchbarkeit  des  betreffenden  Theils  zurück. 

Einige  Anhaltspunkte  fUr  die  allgemeine  Prognose  der  Lähmungen 
mögen  indess  hier  ihre  Stelle  finden.  Zunächst  und  hauptsächlich 
hängt  dieselbe  von  der  Natur  der  Lähmungsursache  ab.  Am 
schlimmsten  sind  die  Fälle  wo  ganze  Strecken  der  motorischen 
Nervenbahnen  gänzlich  zerstört  und  vernichtet  sind  durch  Traumata, 
Blutergtlsse ,  Degeneration,  Erweichung  u.  dgl.  Und  hier  sind  die 
Verhältnisse  wieder  um  so  ungünstiger,  je  grösser  die  zerstörte 
Strecke  ist,  und  je  mehr  die  zufälligen  Verhältnisse  eine  Wieder- 
vereinigung oder  Regeneration  der  getrennten  Nervenendigungen  er- 
schweren. Für  die  speciell  hierher  gehörenden  schweren  traumati- 
schen Lähmungen  hat  BärwinkeT)  ein  prognostisch  verwerthbares 
Symptom  angegeben :  ist  in  relativ  frühem  Stadium  —  in  den  ersten 
Monaten  —  der  Lähmung  ein  Druck  auf  den  Nervenstamm  unterhalb 
der  Verletzungsstelle  von  einer  excentrischen  Sensation  gefolgt,   so 


I)  Arch.  d.  Heilk.  1871.  S.  336. 


424  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

sind  die  Aussichten  auf  Wiederherstellung  der  Motilität  günstig  (weil 
eben  dann  der  Zusammenhang  des  Nenrenstamms  nicht  getrennt 
war,  oder  bereits  wieder  Regeneration  der  sensiblen  Bahnen  statt- 
gefunden hat).  —  Weniger  ungünstig  ist  die  Prognose  da,  wo  es 
sich  um  einfache  Compression  handelt,  besonders  wenn  der  drückende 
Körper  zu  beseitigen  ist ;  doch  lässt  auch  selbst  dann  oft  die  Heilung 
lange  auf  sich  warten.*)  —  Die  rheumatischen  und  toxischen  Läh- 
mungen gestatten  meist  eine  günstige  Prognose,  wenn  auch  die 
Krankheitsdauer  oft  eine  sehr  grosse  ist.  —  Lähmungen  nach  acuten 
Krankheiten,  besonders  Diphtherie,  sind  meist  heilbar.  Entschieden 
günstig  ist  die  Prognose  der  hysterischen  und  der  meisten  syphili- 
tischen Lähmungen.  Die  Localisation  der  Lähmung  ist,  abge- 
sehen von  der  Ursache  von  yerhältnissmässig  geringem  Einflass  auf 
die  Prognose.  An  allen  Theilen  des  motorischen  Nervenapparats 
gibt  es  heilbare  und  unheilbare  Lähmungen;  doch  lässt  sich  im  All- 
gemeinen sagen,  dass  ceteris  paribus  periphere  Lähmungen  weniger 
schlimm  zu  beurtheilen  sind  als  centrale,  und  dass  unter  diesen 
wieder  die  cerebralen  gewöhnlich  eine  günstigere  Prognose  gewähren 
als  die  spinalen.  Im  Einzelnen  jedoch  steht  und  fällt  die  Prognose 
der  centralen  Lähmungen  mit  der  Prognose  der  betreffenden  Him- 
und  Rückenmarkskrankheiten  zusammen.  Die  Prognose  der  myo- 
pathischen  Lähmungen  muss  im  Allgemeinen  als  eine  ungünstige 
bezeichnet  werden. 

Von  einzelnen  Symptomen  sind  zunächst  die  Ergebnisse 
der  elektrischen  Untersuchung  manchmal  prognostisch  zu  verwerthen, 
normale  elektrische  Erregbarkeit  hat  in  einzelnen  Fällen  (rheumati- 
schen Facialparalysen)  eine  entschieden  günstige  Bedeutung;  unter 
mehreren  Fällen  derselben  Lähmungsform  ist  diejenige  die  ungfln- 
stigere,  bei  welcher  die  Entartungsreaction  vorhanden  ist;  überhaupt 
lässt  die  ausgebildete  Entartungsreaction  immer  auf  eine  mindestens 
mehrmonatliche  Dauer  der  Lähmung  schliessen;  wo  ^  alle  und  jede 
Spur  der  elektrischen  Erregbarkeit,  auch  die  letzte  Spur  von  galva- 
nischer Erregbarkeit  der  Muskeln  erloschen  ist,  da  ist  die  Prognose 
absolut  ungtLnstig,  und  keine  Wiederherstellung  mehr  möglich.  — 
Hochgradige  vasomotorische  und  trophische  Störungen  verschlimmern 
die  Prognose;  am  meisten  hochgradiger  brandiger  Decubitus.  —  Je 
hochgradiger  die  begleitende  Anästhesie,  desto  weniger  günstig  die 
Prognose.  —  Lähmung  der  Sphincteren  der  Blase  und   des  Mast- 

I)  Ein  sehr  merkwürdiges  Beispiel  von  rascher  Wiederkehr  der  16  Monate 
geschwundenen  Motilität  im  Radialis  nach  Entfernung  eines  denselben  comprimi- 
renden  CaUus  berichtet  Busch  in  der  ßerl.  klin.  Wochenschr.  1S72.  No.  34. 


LähmoDg.    Therapie.    Causalbehandlung.  425 

daraus  y  Zersetzimg  und  Alkalescenz  des  Harnis  sind  schlimiDe  Sym- 
ptome. —  Beginnende  Lähmong  des  Bespirationsgescfaäftes  and  des 
Schlingactes  deutet  in  der  Regel  das    nahe  bevorstehende  Ende  an. 

Allgemeine  Therapie  der  Lfthnmngen. 

Es  braucht  hier  kaum  wiederholt  zu  werden,  was  schon  so  oft 
gesagt  worden  ist,  dass  bei  der  Behandlung  der  Lähmungen  yor 
allen  Dingen  die  Causalindication  erfüllt  werden  muss;  wenn 
es  nicht  gelingt,  die  Lähmungsursache  zu  entfernen,  wird  alle  directe 
Behandlung  der  Lähmung  nichts  nützen  können.  Es  geht  aus  dem 
Abschnitt  über  die  Aetiologie  der  Lähmungen  hervor,  wie  äusserst 
mannichfaltig  die  Zustände  sein  können,  gegen  welche  sich  die  cau- 
sale  Behandlung  richten  muss ;  wir  müssten  einen  grossen  Theil  der 
spedellen  Therapie  der  E^ankheiten  des  Gehirns,  Rückenmarks  und 
der  peripherischen  Nerven  und  noch  manches  andere  recapituliren, 
wenn  ^ir  alles  erwähnen  wollten,  was  hier  in  Frage  kommen  kann. 
Das  wäre  überflüssig;  und  es  sei  deshalb  hier  nur  gestattet,  einige 
Andeutungen  darüber  zu  machen,  in  welcher  Weise  sich  bei  den 
verschiedenen  Localisationen  der  Lähmungsformen  die  causale  The- 
rapie ungefähr  zu  gestalten  hatj 

Bei  peripheren  Lähmungen  ist  besonders  die  Entfernung  von 
comprimirenden  Dingen  —  Geschwülsten,  Abscessen,  Exostosen^ 
Narben  u.  s.  w.  von  grösster  Wichtigkeit;  ist  diese  Entfernung  mit 
Verlust  eines  Stückes  des  Nerven  verbunden,  so  ist  für  möglichst 
sichere  Vereinigung  der  zurückbleibenden  Enden  zu  sorgen.  —  Bei 
traumatischen  Lähmungen  ist  direct  nicht  viel  zu  machen:  doch 
kann  man  durch  geeignete  Lagerung  der  Theile,  bei  offenen  Wunden 
durch  die  Nervennaht,  die  Wiedervereinigung  befördern ;  im  üebrigen 
wird  man  sich  auf  die  geeignete  antiphlogistische  Behandlung  be- 
schränken müssen.  Auch  in  sehr  veralteten,  anscheinend  unheilbaren 
Fällen  von  tsaumatischen  Lähmungen  der  Extremitäten  kann  man 
auf  operativem  Wege  die  Nervenenden  frei  zu  machen  und  zur  Ver- 
einigung zu  bringen  suchen:  Operationen,  welche  durch  das  unblu- 
tige Esmarch'sche  Verfahren  jetzt  sehr  erleichtert  sein  dürften 
und  welche  oft  in  sehr  später  Zeit  noch  überraschenden  Erfolg  haben. 
—  Neuritische  Lähmungen  werden  örtliche  Antiphlogose,  Ableitungs- 
mittel, galvanische  Behandlung  verlangen;  dasselbe  gilt  ftlr  die 
rheumatischen  Lähmungen. 

Bei  den  centralen  Lähmungen  handelt  es  sich  um  Beseitigung 
der  durch  traumatische  Einwirkungen,  durch  Blutung,  Entzündung, 
Hyperämie  und  Anämie,  Degeneration,  Bindegewebswucherung,  Skle- 


428  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

galvanischer  Ströme  sind  wir  eigentlich  noch   recht  im  Unklaren; 
die  meisten  Indicationen  wurden  empirisch  gefanden  and  keineswegs 
aaf  Grand  gelänterter  Kenntnisse  über  die  physiologischen  Wirkungen 
elektrischer  StrOme  und  ttber  das  Wesen  der  Vorgänge  bei  den  Läh- 
mungen. —  Am  häufigsten  wird  wohl  die  erregende  Wirkung 
elektrischer  Ströme  therapeutisch  in  Anspruch  genommen.    Die  anäk 
den  Laien  frappirende  Thatsache,  dass  durch  elektrische  Beizong 
Muskelcontractionen,  Bewegungen  in  den  gelähmten  Theilen  hervor- 
gerufen werden  können,  legte  wohl  längst  schon  die  Ansicht  nahe, 
dass  eben  diese  künstlichen  Muskelcontractionen  das  Wirksame  bei 
dem  therapeutischen  Erfolge  seien.    So  wenig  man  aber  sieh  eine 
plausible  Vorstellung  von  der  Art  und  Weise  dieser  Wirksamkeit 
machen  konnte,  so  wenig  hat  auch  die  Erfahrung  es  bestätigt,  dass 
die  Erzielung  von  Muskelcontractionen  unbedingt  nöthig  zur  Heilung 
der  Lähmungen  sei.    Auf  eine  einfache  Wiederherstellung  der  Leitung 
durch  die  Läsionsstelle  hindurch  lässt  sich  der  Erfolg  auch  nicht 
zurückführen,   da  man  ja  notorisch  die  Elektridtät  meist  unterhalb 
der  Läsionsstelle  anwendet.    In  den  meisten  Fällen  wird  man  sich 
zu  denken  haben,  dass  der  elektrische  Reiz  und  überhaupt  jeder 
stärkere  Reiz,  welcher  die  motorischen  Bahnen  trifft,  im  Stande  ist, 
Hemmungen  zu  überwinden,   welche  sieh  in  pathologischen  Fällen 
der  Reizungsleitung  entgegenstellen,  und  so  den  Uebei^ng  des  Er- 
regungsvorganges  auf  die  Muskeln  gleichsam  zu  erzwingen.    Ist  so 
mit  Gewalt  das  Hindemiss  überwunden,  welches  der  Wille  zu  über- 
winden nicht  vermochte,  dann  wird  auch  die  Bahn  wieder  frei  für 
die  Fortleitung  der  Willenserregung  zu  den  Muskeln,  die  Motilität 
kehrt,  wenn  auch  oft  erst  in  schwachen  Spuren,  wieder.     In  solchen 
Fällen  sieht  man  oft  ganz  plötzlich  nach  einer  stärkeren  elektrischen 
Erregung  die  Motilität  wiederkehren,   und  es  ist  in  hohem  Grade 
wahrscheinlich,  dass  eine  öftere  Wiederholung  einer  solchen  stärkeren 
motorischen  Erregung  allmälig  die  Bahn  ftlr  den  Willensreiz  auch 
in  dauernder  Weise  frei  macht   und  dadurch  Heilung  herbeiführt 
Diess  gilt  gewiss  besonders  für  diejenigen  Formen  der  liLhmnng, 
welche  mit  Degeneration,  Ernährungsstörung,  Atrophie  der  Nerven 
und  Muskeln  einhergehen,  und  bei  welchen  zu  einer  gewissen  Zeit 
der  Regeneration  die  Erregbarkeit  und  Leitungsfähigkeit  nur  erst 
ftlr  stärkere  Reize  vorhanden  ist.    Eine  häufigere  Application  dieser 
stärkeren  Reize  macht  dann  die  Nerven  und  Muskeln  auch  ffir  die 
schwächeren  Reize  wieder  empfänglich.     Man  kann  diesen  Zweck 
mit  beiden  Stromesarten  erreichen,  sofern  dieselben  überhaupt  im 
Stande  sind,  den  Erregungsvorgang  —  und  damit  Muskelcontraction 


L&hmung.    Therapie.    Elektricität.  429 

—  auszulösen.  Und  zwar  geschieht  dies  am  besten  and  sichersten 
auf  directem  Wege,  durch  directe  Application  der  elektrischen 
Ströme  auf  die  gelähmten  Nerven  und  Muskeln.  -  Solche  Erregungen 
können  jedoch  auch  auf  indirectem,  reflectorischem  Wege 
zu  Stande  kommen;  liegt  der  benutzbare  Reflexbogen  central  von 
der  Stelle  der  lähmenden  Läsion,  so  können  bei  jeder  peripheren 
sensiblen  Erregung  reflectorische ,  gleichsam  vom  Centrum  herkom- 
mende Reizungen  in  die  gelähmten  motorischen  Bahnen  einbrechen 
und  in  diesen  allmälig  durch  häufigere  Wiederholung  eine  Wieder- 
herstellung und  allmälige  Steigerung  der  Leitungsfähigkeit  erzwingen. 
Man  hat  in  dieser  reflectorischen  Erregung  ein  glückliches  Mittel, 
den  erwtlnschten  Reiz,  welchen  man  aus  anatomischen  Gründen 
häufig  nicht  direct  central  von  der  Läsionsstelle  appUciren  kann, 
doch  auf  indirectem  Wege  central  einwirken  zu  lassen.  Am  meisten 
geeignet  sind  fOr  diese  Methode  natürlich  die  Fälle,  in  welchen  der 
dn^EU^hste  und  gewöhnlichste  Reflexbogen  mit  Sicherheit  erhalten  ist, 
z.  B.  bei  Lähmung  des  Facialis  und  intactem  Trigeminus;  oder  bei 
der  spinalen  Kinderlähmung,  wo  die  Sensibilität  der  gelähmten  Theile 
immer  erbalten  ist.  Ungünstiger  sind  natürlich  die  Verhältnisse, 
wenn  es  sich  um  periphere  Lähmung  gemischter  Nerven  handelt, 
wobei  die  reflexauslösenden  sensiblen  Bahnen  mitgelähmt  sind;  doch 
kann  auch  hier  nach  den  Gesetzen  der  Reflexerregung  von  ent- 
fernteren sensiblen  Bahnen  her  den  gelähmten  motorischen  Bahnen 
Erregung  zugeführt  werden,  wenn  auch  nur  durch  stärkere  sensible 
Beize.  Eine  einfache  Betrachtung  zeigt,  dass  Lähmungen,  bei  welchen 
die  Reflexe  erhalten  oder  gesteigert  sind,  nach  diesem  Schema  nicht 
beeinflusst  werden  können;  diejenigen  dagegen  wohl,  bei  welchen 
die  Reflexe  erloschen  sind,  vorausgesetzt  natürlich,  dass  nicht  die 
Reflexapparate  selbst  zerstört  sind.  Es  ist  mir  wahrscheinlich,  dass 
manche  Erfolge  der  peripheren  elektrischen  Behandlung  bei  centralen 
Lähmungen  auf  diese  Einwirkungen  zurückzuführen  sind  (wenn  auch 
allerdings  wichtigere  Erfolge  vielleicht  erzielt  werden  durch  eben- 
falls reflectorische  Einwirkungen  auf  die  Circulationsverhältnisse  an 
der  Läsionsstelle,  Erfolge,  die  aber  dann  der  Causalindication  dienen).*) 


1)  Die  von  Yulpian  (Arch.  dePhysiol.  n.  et  path.  1875.  p.  877)  beobachtete 
Thatsache,  dass  bei  halbseitiger  cerebraler  Anästhesie  die  kr&ftige  cutane  Fara- 
disation  nur  am  Vorderarm  nicht  blos  die  Sensibilität  in  der  ganzen  erkrankten 
Körperhälfte  wieder  zum  Vorschein  brachte,  sondern  auch  die  gleichzeitig  vor- 
handene Aphasie  für  einige  Tage  erheblich  besserte,  ist  ein  deutlicher  Beweis  far 
solche  centripetale  Wirkungen,  wenn  auch  die  Erklärung  dieser  Wirkungen  noch 
tosserst  schwierig  ist. 


430  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Zur  Erzielung  der  reflectorischen  Wirkungen  sind  ebenfalls  beide 
Stromesarten  anwendbar,  nattiriich  nur  nach  den  Methoden,  weldie 
eine  starke  sensible  Erregung  setzen. 

Man  hat  femer  Grund,  auch  die  erregbarkeitserhöhende 
Wirkung  elektrischer  Ströme  ftlr  wirksam  zu  erachten  bei  der 
Therapie  der  Lähmungen.  Es  ist  Thatsache,  dass  das  Dnrchleitoi 
eines  faradischen  sowohl  wie  eines  galvanischen  Sti'oms  durch  einen 
Nerven  die  Erregbarkeit  desselben  erhöht ;  femer,  dass  man  die  be- 
kannten elektrotonischen  Wirkungen  galvanischer  Ströme  und  beson- 
ders die  positive  Modification  der  Erregbarkeit  nach  Einwirkung  der 
Kathode  sowohl  wie  der  Anode  auch  in  den  Nerven  des  lebenden 
Menschen  herstellen  kann.  Es  ist  möglich  und  wahrscheinlich,  dass 
eine  häufigere  Wiederholung  dieser  Einwirkungen  förderlich  für  die 
Heilung  mancher  Lähmungen  sein  kann,  und  auch  hieraus  erklärt 
sich  wohl  ein  Theil  der  empirischen  Erfolge. 

Auch  die  von  Heidenhain  zuerst  gefundene  erfrischende 
Wirkung,  welche  der  galvanische  Strom  auf  den  durch  all^lei 
Reize  erschöpften  Muskel  ausübt,  dürfte  ebenfalls  als  eine  QneUe 
des  Erfolgs  bei  manchen  Lähmungen  zu  betrachten  sein,  besonden 
da,  wo  durch  Ueberanstrengungen  eine  Ermüdung  und  ErschOpfong 
motorischer  Nerven-  und  Muskelapparate  eingetreten  ist.  Zur  Er- 
zielung dieser  Wirkung  bedient  man  sich  besser  des  aufsteigenden 
Stroms  als  des  absteigenden. 

Endlich  darf  man  auch  die  trophischen  Einwirkungen 
nicht  unterschätzen,  welche  der  elektrische  Strom  auf  Nerven  nnd 
Muskeln  theils  durch  Erzielung  von  Muskelcontractionen,  theils  dorch 
Einwirkung  auf  die  Gefässe,  die  osmotischen  und  chenüscben  Vor- 
gänge hat.  Freilich  hat  man  üi  dieser  Beziehung  den  therapea- 
tischen  Werth  der  Erzielung  von  Muskelcontractionen  bedeutend  über- 
schätzt, indem  man  glaubte,  dass  man  durch  regelmässige  Auslösung 
elektrischer  Muskelcontractionen  der  in  vielen  Fällen  eintretenden 
Atrophie  der  Muskeln  Einhalt  gebieten  könne;  dass  dem  durchans 
nicht  immer  so  ist,  haben  die  Erfahrangen  an  traumatischen  und 
schweren  rheumatischen  Lähmungen  hinreichend  bewiesen:  man  kann 
bei  diesen  durch  noch  so  fleissiges  und  frühzeitiges  Faradisiren  nnd 
Galvanisiren  die  degenerative  Atrophie  der  Muskeln  keineswegs 
hintanhalten.  —  Dagegen  kann  aber  wohl  die  Begeneration  durch 
diese  Proceduren  befördert  werden,  und  es  ist  deshalb  besonden 
der  Zeitpunkt  der  beginnenden  Regeneration  von  Nerven  und  Mns- 
keln  geeignet  zur  Anwendung  einer  Methode,  welche  durch  regel- 
mässige Erregung  der  Nerven  und  Auslösung  von  Muskelcontiuctionen 


Lähmung.  Therapie.   FaradisatioD.  431 

die  Ernährang  der  Nerven  nnd  Maskeln  zu  heben  sneht.  Man  kann 
dadurch  jedenfalls  die  Fortschritte  in  der  Motilität  erheblich  fördern 
nnd  wird  sich  natürlich  znr  Erzielang  dieser  Wirkungen  nur  der- 
jenigen Stromesart  bedienen,  welche  am  sichersten  Mnskelcontrac- 
tionen  auslöst,  die  CircnlationsyerhältniBse  beeinflusst  u.  s.  w.,  also 
fllr  die  grosse  Mehrzahl  der  Fälle  des  galvanischen  Stromes. 

Es  ist  immerhin  denkbari  dass  die  bisher  genannten  Wirkungen 
elektrischer  Ströme  es  nicht  allein  sind,  welchen  wir  die  grossen 
Heilerfolge  bei  den  Lähmungen  zu  danken  haben,  sondern  dass  auch 
noch  andere,  uns  bisher  noch  unbekannte  oder  nicht  genügend  fest- 
gestellte Wirkungen  in  Betracht  kommen.  Vielleicht  sind  besonders 
Einwirkungen  des  Stroms  auf  die  noch  immer  hypothetischen  atro- 
phischen'' Nervenfasern  im  Stande,  die  Emährungs-  und  Erregbar- 
keitsverhältnisse der  Nerven  und  Muskeln  zu  modificiren  und  so  zur 
Beseitigung  der  Lähmungen  beizutragen.  Das  ist  freilich  noch  ganz 
hypothetisch.  Vorläufig  müssen  wir  uns  also  damit  begnügen,  die 
empirisch  erzielten  Resultate  einstweilen  mit  den  uns  bekannten  physio- 
logischen Thatsachen  zu  erklären,  und  von  der  Zukunft  eine  exactere 
und  eingehendere  Begründung  der  antiparalytischen  Wirkungen  elek- 
trischer Ströme  zu  erwarten.  —  Die  derzeit  zweckmässigsten  Methoden 
der  antiparalytischen  elektrischen  Behandlung  sind  nun  folgende: 

Faradisation.  Ihre  Methode  ist  ziemlich  einfach;  sie  besteht 
zunächst  und  in  den  meisten  Fällen  in  directer  oder  indirecter  Erzie- 
lung von  Muskelcontractionen.  Die  indirecte  Erregung  ist  bei  weitem 
vorzuziehen,  da  viel  geringere  Stromstärken  dazu  erforderlich  sind, 
man  also  den  Kranken  weniger  Schmerz  macht.  Es  genügt,  die  ge- 
wöhnlichen sohnellschlägigen  Inductionsströme  der  secundären  Spirale 
anzuwenden;  es  hat  keinen  Vortheil,  worauf  Duchenne  besonderen 
Werth  legt,  den  Extracurrent  der  primären  Spirale  und  zwar  bald 
schnell-  bald  langsamschlägig  anzuwenden.  —  Bei  centralen  Affec- 
tionen,  Erkrankungen  der  Wurzeln  n.  dgl.  wird  der  faradische  Strom 
aus  physikalischen  Gründen  den  eigentlichen  Krankheitsherd  nur 
selten  in  genügender  Stärke  erreichen:  man  ist  hier  ebenfalls  auf 
die  periphere  Faradisation  beschränkt  und  muss  ausserdem  besonders 
auf  die  reflectorische  Wirkung  rechnen ;  in  diesem  letzteren  Falle  ist 
wohl  auch,  wenn  nichts  anderes  zu  Gebot  steht,  die  Anwendung 
des  elektrischen  Pinsels  erlaubt.  Für  gewöhnlich  jedoch  sind  aus- 
schliesslich feuchte  Elektroden  anzuwenden  und  muss  die  locale 
Faradisation  in  sachgemässer  Weise  angewendet  werden;  die  besten 
technischen  Regeln  nnd  Anleitungen  dazu  finden  sich  in  dem  be- 
kannten Buche  von  Ziemssen.    Es  ist  nicht  nöthig,  jeden  einzelnen 


432  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Mnskel  isolirt  za  erregen ;  es  genügt  dnrcb  Reizung  der  betreffenden 
Neryenstämme  ganze  Muskelgruppen  in  Gontraction  zu  versetzen. 
Im  Allgemeinen  nehme  man  keine  zu  starken  Ströme;  es  ist  ge- 
nügend, wenn  gerade  Muskelcontraction  erzielt  wird.  In  Fällen,  wo 
die  faradische  Erregbarkeit  erloschen,  muss  man  sich  dabei  nach 
der  Hautsensibilität  oder  nach  der  Prüfting  gesunder  Theile  richten. 
Die  Sitzungen  seien  täglich  oder  3  mal  wöchentlich;  ihre  Daaer 
schwanke  von  5  —  10  Minuten,  bei  sehr  ausgebreiteten  Lähmungen 
auch  wohl  länger. 

Galvanisation.  Wir  haben  hier  natürlich  die  direct  gegen 
die  Lähmungsursache  (cerebrale,  spinale  oder  periphere  Erkrankung) 
gerichtete  galvanische  Behandlung  des  Specielleren  nicht  zu  erwähnen 
und  verweisen  fUr  diese  auf  die  betreffenden  Specialabschnitte  dieses 
Werkes.  Doch  sei  hier  erwähnt,  dass  auch  bei  der  directen  anti- 
paralytischen Galvanisation  immer  auf  den  Sitz  der  Krankheit  Bfick- 
sicht  zu  nehmen  ist;  so  wird  man  immer  den  betreffenden  Theil, 
wenn  thunlich  in  den  Stromkreis  einschliessen ,  so  z.  B.  bei  Er- 
krankungen des  Lenden-  oder  Halstheils  des  Rückenmarks.  Immer 
muss  man  sich  den  Grundsatz  gegenwärtig  halten,  dass  die  Behand- 
lung in  loco  morbi  an  erster  Stelle  zu  stehen  hat  und  dass  der  Sitz 
und  die  jeweilige  Art  der  Erkrankung  die  Wahl  der  Methode  be- 
stimmen. Ohne  auf  Specielleres  einzugehen,  sei  hier  nur  gesagt, 
dass  bei  peripheren  Lähmungen  die  Galvanisation  am  Orte  der  Läsion, 
bei  spinalen  Lähmungen  die  Galvanisation  der  Wirbelsäule  und  bei 
cerebralen  Lähmungen  die  Galvanisation  durch  den  Kopf  und  am 
Sympathicus  vor  allen  Dingen  angezeigt  ist  —  natürlich  mit  allen 
in  den  Specialschriften  angegebenen  Cautelen  und  Contraindicationen. 

Für  die  eigentlich  antiparalytischen  Wirkungen  ist  besonders 
die  Kathode,  in  stabiler  und  labiler  Weise  angewendet,  das  Mittel 
um  fa«t  allen  Indicationen  zu  genügen:  sie  erregt,  erhöht  die  Erreg- 
barkeit, hinterlässt  positive  Modification  in  den  Nerven  und  es  smd 
mit  ihr  auch  Muskelzuckungen  am  leichtesten  hervorzurufen.  Sie 
muss  in  möglichst  allseitige  Berührung  mit  den  gelähmten  Theilen 
—  Nerven  und  Muskeln  —  gebracht  werden,  was  am  besten  dnrch 
Streichen  mit  der  Kathode  über  die  Haut  längs  der  zu  beeinflussen- 
den Nerven  und  Muskeln  geschieht  (sog.  labile  Einwirkung).  Die 
Anode  setzt  man  dabei  am  zweckmässigsten  auf  den  Ort  der  LAh- 
mung  oder  auch  auf  den  Plexus  oder  auf  irgend  eine  indifferente 
Körperstelle;  man  kann  sie  aber  auch,  um  die  erfrischende  Wirkung 
des  aufsteigenden  Stromes  zu  erzielen,  peripher  von  der  Kathode 
aufeetzen.     Immer  aber  wird    die  labile  Einwirkung  der  Kathode 


L&hmoDg.    Therapie.    Elektricität.  433 

die  Hauptsache  sein.  —  Ausserdem  kann  man  anch  noch  Reizung 
heryorrufen  durch  Stromunterbrechungen,  am  besten  durch  wieder- 
holte Kathodenschliessungen  oder  in  noch  höherem  Grade  durch 
Stromwendungen ,  sog.  Yoltaische  Alternativen.  Diese  Maassnahmen 
wird  man  ergreifen,  wenn  man  eine  stärkere  Erregung  beabsichtigt 
oder  wenn  es  sich  um  Theile  mit  sehr  herabgesetzter  Erregbarkeit 
(z.  B.  in  den  späteren  Stadien  der  Entartungsreaction)  handelt.  — 
Die  Stromstärke  wähle  man  so,  dass  gerade  deutliche  Zuckungen, 
massiges  Brennen  und  deutliche  HautrOthe  entstehen;  man  lasse  die 
Sitzungen  4 — 6—10  Minuten  dauern  und  wiederhole  sie  jeden,  oder 
jeden  2.,  3.  Tag  —  je  nach  Art  und  Ort  der  Krankheit,  der  Indi- 
vidualität, den  äusseren  Umständen. 

Selten  siebt  man  von  der  Faradisation  oder  Galvanisation  momen- 
tanen oder  auflallend  raschen  Erfolg ;  doch  existiren  Fälle,  in  welchen 
man  nach  einer  einzigen  elektrischen  Sitzung  Bewegungen  plötzlich 
wiederkehren  sieht,  die  Wochen,  Monate  und  Jahre  lang  unmöglich 
waren  (z.  B.  Stimmbandlähmungen,  in  der  Regeneration  sehr  vor- 
geschrittene traumatische  Lähmungen,  leichte  rheumatische  Lähmungen 
nach  einiger  Zeit  ihres  Bestehens,  einzelne  cerebrale  Lähmungen,  hyste- 
rische Lähmungen  u.  s.  w).  In  der  Regel  vergeht  eine  mehr  oder 
weniger  geraume  Zeit,  bis  die  Motilität  wieder  eintritt  und  abermals 
eine  geraume  Zeit,  bis  dieselbe  wieder  völlig  zur  Norm  zurückge- 
kehrt ist.  Man  lasse  sich  dadurch  in  der  Fortsetzung  der  anscheinend 
erfolglosen  Behandlung  nicht  beirren;  Geduld  und  Ausdauer  sind 
unbedingte  Erfordernisse  bei  der  Elektrotherapie  der  Lähmungen. 
Besonders  die  Lähmungen  mit  Entartungsreaction  stellen  gewöhnlich 
die  Geduld  auf  eine  harte  Probe  und  es  scheint,  als  ob  auf  den 
Zeitpunkt  des  ersten  Wiedererscheinens  der  Motilität  die  elektrische 
Behivndlang  ziemlich  ohne  allen  Einfluss  wäre,  während  sie  aller- 
dings unzweifelhaft  die  einmal  im  Gange  befindliche  Restitution 
deutlich  beschleunigt  In  allen  diesen  Beziehungen  kommen  jedoch 
so  viel  specielle  und  individuelle  und  zufällige  Verhältnisse  in  Be- 
tracht, dass  wir  hierüber  auf  die  einzelnen  Lähmungsformen  und 
ausserdem  auf  die  Specialschriften  über  Elektrotherapie  verweisen 
müssen. 

Die  vielfach smit  Leidenschaft  ventilirte  Frage,  ob  der  galva-  , 
uische  oder  der  faradische  Strom  gegen  Lähmungen 
wirksamer  sei,  haben  wir  nicht  eingehend  zu  erörtern.  Jeden- 
falls ißt  so  viel  sicher,  dass  keiner  von  beiden  Stromesarten  eine 
ausschliesslich  günstige  Wirkung  zukommt.  Doch  wird  Niemand 
heutzutage  leugnen  wollen,   dass   der  galvanische    Strom  ein  viel 

Haadbaoh  d.  spec.  Pftthologie  a.  Thenpie.  Bd.  XII.  1.  2.  Aafl.  28 


434  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

grösseres  Wirknngsgebiet  besitzt ,  als  der  faradische,  weil  er  eben 
bei  vielen  centralen  Lähmungen  sich  hülfreich  erweist ,  bei  welchen 
der  faradische  Strom  wirkungslos  ist.  Auf  der  andern  Seite  lehrt 
die  Erfahrung  y  dass  auch  der  faradische  Strom  eine  grosse  Reihe 
von  günstigen  Erfolgen  bei  Lähmungen  aufeuweisen  hat  und  er  kann 
deshalb  ebenfalls  in  yielen  Fällen  angewendet  werden.  Manchmal 
scheint  es  sogar,  als  wenn  eine  abwechselnde  Anwendung  des  gal- 
yanischen  und  fiäradischen  Stroms  von  besonders  günstiger  Wirkung 
wäre.  —  Für  die  Fälle,  welche  man  mit  grosser  Begeisterung  ab 
für  die  Superiorität  des  galvanischen  Stromes  entscheidend  ansah 
(nämlich  schwere  rheumatische  Facialparalysai,  traumatische  Läh- 
mungen mit  Entartungsreaction),  hat  es  sich  bei  vorurtheilsfreier  und 
kritischer  Betrachtung  als  zweifellos  herausgestellt,  dass  sie  wenigstens 
in  der  SchneUigkeit  ihres  Ablaufes  weder  durch  den  ftradisehen  noeh 
durch  den  galvanischen  Strom  erheblich  beeinflnsst  werden.  Ausser- 
dem haben  wir  oben  schon  erwähnt,  dass  in  solchen  Fällen  die 
Muskelatrophie  durch  keine  Art  der  elektrischen  Behandlung  ange- 
halten werden  kann.  Die  von  vielen  Seiten  ausgegangene  Empfeh- 
lung des  galvanischen  Stroms  als  ausschliesslich  anzuwendenden 
Heilmittels  erscheint  sonach  nicht  hinreichend  begründet.  Höchstens 
könnte  man  von  der  (katalytischen)  Einwirkung  des  galvanischen 
Stromes  auf  die  Stelle  der  Läsion,  von  einer  stärkeren  Einwirkung 
auf  die  Oefässe  und  auf  die  Emährungsvorgänge  in'  den  sich  regene- 
rirenden  Nerven  und  Muskeln  eine  Beschleunigung  des  einmal  efai- 
geleiteten  Heilungsvoi^anges  erwarten  und  daraus  die  Begründung 
einer  vorwiegenden  Anwendung  des  galvanischen  Stromes  ableiten. 
Die  Erfahrung  spricht  einigermassen  fbr  die  Berechtigung  dieser  An- 
schauung. 

In  Bezug  auf  etwaige  Contraindicaticmen  der  elektrischen  Be- 
handlung der  Lähmungen  müssen  wir  auf  die  einzelnen  betreffenden 
Abschnitte  dieses  Werkes  und  auf  die  Handbücher  der  Elektrotherapie 
verweisen. 

Die  verschiedensten  Bäder  haben  sich  von  Alters  her  eines 
grossen  Rufes  gegen  Lähmungen  zu  erfreuen,  obwohl  sie  eine  so 
vielseitige  Anwendung  wie  die  Elektricität  nicht  gestatten.  Es  ist 
jedoch  sehr  schwer,  hier  die  dlrect  antiparalytischen  Wirkungen  der 
Bäder  von  jenen  zu  sondern,  welche  der  Causalindication  genügen. 
Mit  der  „belebenden"  „stärkenden"  Wirkung,  welche  man  den  ver- 
schiedensten Heilquellen  nachrühmt,  ist  nicht  viel  gesagt;  sie  gibt 
uns  keine  Erklärung  für  die  antiparalytische  Wirkung  der  Bäder. 
Es  ist  im  höchsten  Grade  wahrscheinlich,  dass  die  HauptwirkuBg 


Lähmung.    Therapie.    B&der.    Thennen.  435 

der  Bäder  sich  anf  die  Beseitigung  der  Lähmangsnrsache  erstreckt, 
dass  Exsudate,  EntzttndaDgen ,  Extravasate,  Degenerationen  a.  d^. 
durch  dieselben  beseitigt  werden  und  damit  auch  Heilung  der  Läh- 
mung eintritt;  wie  diese  Wirkungen  der  Bäder  zu  Stande  kommen, 
ist  bekanntlich  noch  nicht  hinreichend  aufgeklärt  und  yeirweisen  wir 
in  dieser  Beziehung  auf  die  Schriften  ttber  Balneotherapie.  Eine 
direct  antiparal jtische ,  auf  Erregung  der  motorischen  Apparate  be- 
ruhende Wirkung  wird  wohl  nur  wenigen  Badeformen  (den  Sool- 
bädem,  den  gasreichen  Thermalsoolen ,  wie  überhaupt  den  kohlen- 
sftnrereichen  Bädern,  den  Seebädern,  Fichtennadelbädem,  der  Kalt- 
wassercur  u.  s.  w.)  zugeschrieben  werden  dürfen  und  auch  hier  wird 
es  sich  wohl  niemals  um  eine  directe  Erregung  der  motorischen 
Apparate  handeln,  sondern  um  eine  von  der  Haut  ausgehende  indi- 
recte,  reflectorische  Erregung.  Doch  ist  der  Mechanismus  auch  dieser 
Wirkungen  ein  noch  in  hohem  Grade  dunkler.  Trotzdem  sind  die 
empirischen  Erfolge  und  Erfohrungen  zahlreich  und  glänzend  genug, 
um  den  Bädern  einen  hervorragenden  Platz  in  der  Therapie  der 
Lähmungen  zu  sichern. 

In  besonderem  Rufe  gegen  Lähmungen  stehen  von  jeher  die 
indifferenten  Thermen  (Schlangenbad,  Wildbad,  Pfäffers,  Ra- 
gatz, Gastein,  Teplitz,  Wiesbaden,  Warmbrunn,  Leuk,  Plombiöres 
u.  s.  w.),  welche  je  nach  Temperatur  und  Höhenlage  die  verschie- 
denartigsten Indicationen  erftlllen;  femer  in  neuerer  Zeit  auch  die 
gasreichen  Thermalsoolen  Rehme  und  Nauheim.  Ausserdem  hat 
man  aber  auch  die  kalten  Soolbäder,  die  Seebäder,  die 
Kaltwassercuren,  femer  die  Schwefelbäder,  Fichten- 
nadelbäder,  Dampfbäder,  heisse  Sandbäder,  Thierbä- 
der  u.  s.  w.  gegen  manche  Lähmungen  wirksam  gefunden.  Da,  wie 
gesagt,  eine  genauere  Begründung  ihrer  Wirkungen  und  damit  eine 
exactere  Feststellung  ihrer  Indicationen  zur  Zeit  noch  nicht  möglich 
ist,  beschränken  wir  uns  auf  eine  kurze  Zusammenstellung  der  wich- 
tigsten durch  die  Erfahrung  festgestellten  Sätze,  für  alle  Details  auf 
die  betreffenden  Specialabschnitte  verweisend*). 

Lähmungen  durch  Exsudationsprocesse,  durch  spinale  und  oere- 
brospiAale  Meningitis,  durch  einfache  chronische  HyeUtis,  durch  rheu- 
matische Schädlichkeiten,  durch  Blutextravasate  u.  s.  w.  bedingt,  er- 
fahren am  ehesten  Besserung  in  den  indifferenten  Thermen  oder  den 
Thermalsoolen.  —  Die  tabetischen  Lähmungen  eignen  sich  ftir  Ther- 


1»  Vgl.  Braun,  Balneotherapie.  3.  Aufl.  S.  569u.ff.  —  Yalentiner,  Handb. 
d.  aUgem.  u.  speciell.  Balneotherapie.  2.  Aufl.  1876.  S.  687  u.  ff. 

28» 


436  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

men  weniger,  weit  mehr  flir  die  Tbermalsooleii  und  massige  Kalt- 
wassercuren.  —  Bei  veralteten  rbenmatischen  Formen  wirken  be- 
sonders die  sebr  beissen  Tbermen  (Teplitz,  Gastein ,  Wiesbaden) 
gtlnstigy  ebenso  energische  Kaltwassercaren.  —  Bei  Hemiplegien 
durch  Apoplexie  dtlrfen  nur  massig  warme  Bäder  (Schlangen  bad, 
Ragatz ,  höchstens  Wildbad)  zur  Anwendung  kommen;  bei  ihnen 
wirken  häufig  hoch  gelegene  Curorte  mit  Soolbädem  oder  leichten 
Kaltwassercuren  günstiger.  —  Bei  Bleiläbmung  sind  die  Schwefel- 
bäder sehr  beliebt« 

Bei  Lähmungen  durch  Erschöpfung,  Blutverluste,  schwere  Krank- 
heiten u.  s.  w.  sind  klimatische  Curen,  Gebirgsluft  oder  Seeluft,  in 
Verbindung  mit  indifferenten  oder  Soolthermen,  Fichtennadelbädem 
u.  dgl.  indicirt;  Kaltwassercuren  sind  fttr  diese  Fälle  meist  zu  an- 
greifend. —  Für  manche  Fälle  von  besonders  schweren  traumati- 
Bchen  (Schussverletzungen  t)  oder  rheumatisch-exsudativen  lühmungen 
scheint  eine  Combination  der  Thermalbehandlung  mit  galvanischer 
Behandlung  von  besonderem  Nutzen  zu  sein  —  eine  Combination, 
die  sich  überhaupt  fttr  manche  Formen  der  Lähmung  empfehlen  dürfte 
(Karmin).  —  Genauere  als  die  hier  gegebenen  Anhaltspunkte  wird 
erst  die  fortgeschrittene  Diagnostik  und  eine  kritischere  Beurtheilung 
des  Badeerfolges  ergeben. 

Von  ziemlich  untergeordneter  Bedeutung  für  die  Therapie  der 
Lähmungen  ist  die  Heilgymnastik,  die  man  im  Gegensatz  zu 
der  hygieinischen  Gymnastik,  dem  deutschen  Turnen,  wohl  auch  als 
schwedische  Gymnastik  bezeichnet.  Zweck  derselben  ist  eine 
methodische,  durch  gewisse  Kunstgriffe  und  sachverständige  Anlei- 
tung unterstützte  Uebung  gelähmter  Muskeln  durch  active,  willkür- 
liche Contractionen.  Dadurch  soll  die  Ernährung  der  Muskeln  ge- 
bessert, ihre  Erregbarkeit  und  ihre  Abhängigkeit  vom  Willenseinfluss 
systematisch  gesteigert  werden.  Es  ist  klar,  dass  bei  völliger  Panir 
lyse  die  Möglichkeit  der  Heilgymnastik  wegfällt,  weil  dann  eben 
willkürliche  Bewegungen  überhaupt  gar  nicht  ausgeführt  werden 
können.  Dagegeti  kann  bei  Paresen,  bei  in  der  Heilung  begriffenen 
Lähmungen,  die  Gymnastik  zweckmässig  zur  Beschleunigung  des 
Heilungsvorgangs  dienen.  Es  ergibt  sich  jedoeh  hieraus  schon,  wie 
beschränkt  das  Wirkungsgebiet  der  Heilgymnastik  bei  Lähmungen 
naturgemäss  sein  muss;  in  der  That  hat  dieselbe  auch  ihre  Haupt- 
erfolge  jeden&lls  auf  anderen  Gebieten,  nämlich  auf  dem  (Gebiete 
der  Contracturen  und  in  der  Orthopädie. 

Bei  manchen  Formen  von  Lähmung  kann  man  in  zweckmässiger 
Weise  die  Motilität  durch  einfach  active  Bewegungen  bessern; 


Lähmung.    Therapie.    Heilgymnastik.  437 

man  lässt  systematisch  and  häafig  wiederholt  Bewegungen  mit  den 
gelähmten  Theilen  ausführen;  entweder  einzelne  oder  mehr  com- 
plicirte  Bewegungen :  z.  B.  die  verschiedenen  Methoden  der  Zimmer- 
gymnastik,  die  Uebungen  mit  Hanteln,  methodische  Gehttbungen 
und  dergl. 

Gesteigert  kann  die  Wirkung  dieser  activen  Bewegungen  noch 
dadurch  werden,  dass  man  denselben  von  Seiten  eines  geübten 
Gymnasten  einen  je  nach  Umständen  individuell  zu  modificirenden 
Widerstand  entgegensetzen  lässt:  die  sogenannten  duplicirten  oder 
Widerstandsbewegungen  der  schwedischen  Schule.  Sollen 
z.  B.  die  Streckmuskeln  eines  Gelenks  geübt  werden,  so  wird  das 
Glied  in  Beugestellung  gebracht,  und  der  Ej-anke  aufgefordert,  das- 
selbe zu  strecken,  während  der  Gymnast  dieser  Streckung  mit  mehr 
oder  weniger  Kraft  entgegenwirkt.  Diese  Uebungen  sind  natürlich 
nur  bei  schon  ziemlich  erstarkten  Muskeln  anwendbar. 

In  andern  Fällen  jedoch  ist  es  nothwendig,  die  Contraction  der 
schwachen  Muskeln  durch  äussere  Hülfe  zu  unterstützen,  den  ent- 
gegenstehenden Widerstand  der  Antagonisten  zu  überwinden,  um  nur 
die  gewünschte  Bewegung  überhaupt  möglich  zu  machen.  Es  ist 
eine  leicht  zu  constatirende  Thatsache,  dass  bei  jeder  willkürlichen 
Innervation  bestimmter  Muskelgruppen  deren  Antagonisten  und  selbst 
entfernte  Muskeln  gleichzeitig  in  höherem  oder  geringerem  Grade 
mit  innervirt  werden,  um  die  Gelenkstellung  zu  fixiren,  die  Gleich- 
mässigkeit  der  Bewegungen  zu  ermöglichen,  und  das  Gleichgewicht 
des  Körpers  zu  erhalten.  Ist  nun  eine  Muskelgruppe  gelähmt,  so  tritt 
bei  Versuchen,  dieselbe  willkürlich  zu  innerviren,  ausschliesslich  oder 
vorwiegend  die  unwillkürliche,  aber  physiologisch  eingeübte  und  nicht 
zu  unterdrückende  Contraction  ihrer  Antagonisten  und  Hülfismuskeln 
zu  Tage  und  macht  jede  Bewegung  im  Siune  der  gelähmten  Muskeln 
unmöglich.  Eliminirt  man  diese  Wirkung  der  Antagonisten  durch 
passiven  Widerstand,  durch  welchen  man  gleichzeitig  die  beabsich- 
tigte Contraction  der  schwachen  Muskeln  unterstützt,  so  können  selbst 
schwache  und  geringe  Contractionen  derselben  eintreten  und  durch 
wiederholte  Uebung  allmäUg  gesteigert  werden;  durch  die  passiv 
bewirkte  Annäherung  der  Insertionsenden  der  gelähmten  Muskeln 
kann  man  die  Grösse  ihrer  Contraction  steigern  und  dadurch  ihre 
Ernährung  allmälig  bessern.  Durch  systematische  Einübung  und  Zu- 
httlfenahme  der  Hände  der  Kranken,  oder  geübter  Gymnasten,  oder 
geeigneter  Band-  und  Zugapparate  und  Maschinen  kann  man  so  die 
verschiedenartigsten  paretischen  Muskelgruppen  in  ihrer  Thätigkeit 
unterstützen  und  dadurch  ihre  Motilität  allmälig  steigern. 


438  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Die  hier  angedeuteten  passiven  Bewegungen  finden  noch 
eine  besonders  wichtige  Anwendung  in  solchen  Fällen,  wo  es  gilt, 
mechanische  Hind^nisse  zn  ttberwinden,  welche  sich  der  Contraetkm 
gelähmter  Mnskeln  hänfig  entgegenstellen,  und  deren  B^eitigong  noth- 
wendig  ist,  ehe  an  eine  Heilang  der  Lähmnng  gedacht  werden  kamt 
Hierher  gehören  besonders  Gontractaren  nnd  Steifigkdt  and  Anchj- 
lose  der  Gelenke.  Mit  Aasdaaer  uod  Gedald  ist  hier  Manebes  zn 
erreichen. 

Die  Wirkungsweise  aller  dieser  gymnastischen  Proceduren  be- 
steht ohne  Zweifel  vorwiegend  darin,  dass  durch  dieselben  eine  oft 
wiederholte  willkflrliche  Anregung  der  Nerven  und  Muskeln  gesetzt, 
dass  die  Leitung  des  Erregungsvorgangs  zu  den  Muskeln  aJlmälig 
erleichtert,  und  endlich  die  Ernährung  der  Nerven  und  der  Muskeln 
gehoben  wird.  —  Die  günstigsten  Erfolge  sieht  man  bei  jenen  PareseOf 
welche  als  Reste  abgelaufener  Lähmungskrankheiten,  peripheren  oder 
centralen  Ursprungs,  oft  verschieden  lange  Zeit  fortbestehen;  in  sol- 
chen Fällen  kann  man  den  Fortschritt  der  Heilung  oft  wesentlieh 
erleichtem  durch  eine  systematische  Heilgymnastik.  —  Aach  bei 
hysterischen  Lähmungen  kann  man  hier  und  da  Erfolge  sehen,  wenn 
es  überhaupt  gelingt,  die  Kranken  zu  einer  energischen  Willensan- 
strengung zu  ermuntern.  Das  Hauptgebiet  für  die  Heilgymnastik 
bleiben  aber  die  im  Gefolge  mancher  Lähmungskrankheiten  zurück- 
blMbenden  Difformitölten,  deren  Behandlung  dem  Grebiete  der  ortho- 
pädischen Chirurgie  angehört. 

In  allen  Fällen  muss  man  eine  auf  genaue  Diagnose  und  ver- 
nünftige physiologische  Grundsätze  basirte  Methode  ftetstellen  und 
diese  dann  mit  grosser  Gonsequenz  und  Ausdauer  lange  Zeit  hindurdi 
anwenden  lassen. 

Bei  der  Besprechung  der  inneren  Mittel,  welche  nicht  aus- 
schliesslich von  der  Indicatio  causaUs  gefordert  sind,  sondern  auch 
einen  direct  antiparalytischen  Werth  haben  sollen,  können  mr  obb 
kurz  fassen.  Ihre  Zahl  ist  sehr  gering,  ihr  Erfolg  zum  mindesten 
in  vielen  Fällen  zweifelhaft.  Am  meisten  sind  auch  heute  noch  die 
Präparate  derNux  vomica,  besonders  das  Strychnin  und  Brucin 
angewendet;  und  zwar  besonders  bei  cerebralen  und  spinalen  Läh- 
mungen. Man  weiss  bis  jetzt  nur,  dass  das  Strychnin  die  Reflexer- 
regbarkeit im  Rückenmark  erhöht  und  in  höheren  Dosen  überhaupt 
Reizungszustände  im  Rückenmark  setzt,  während  es  auf  das  Gehiin 
und  die  motorischen  Nerven  direct  nicht  zu  wirken  scheint  Wie 
es  somit  bei  den  verschiedenen  Lähmungsformen  wirken  soll,  ist 
nicht  recht  klar,  während  allerdings  die  Erfahrung  zu  lehren  scheint, 


Lähmung.    Therapie.    Innere  Mittel.  439 

* 

da 88  es  in  manchen  Fällen  von  Lähmung  wirksam  ist.  Man  soll 
es  anwenden  bei  fortdaaemden ,  stationär  gewordenen  Lähmongeni 
bei  welchen  keinerlei  Reizungserscheinungen  mehr  vorhanden  sind; 
sobald  die  geringsten  Intoxicationserscheinnngen  eintreten  (psychische 
Verstimmung;  Unruhe,  Steifigkeit  und  Spannung  der  Muskeln,  Muskel- 
zui^ungen,  besonders  in  den  gelähmten  Theilen,  Mttdigkeit  u.  s.  w.), 
soll  man  das  Mittel  aussetzen.  Innerlich  gibt  man  das  Extr.  nuc. 
vomic.  spir.  0,01—0,05  pro  dosi;  das  Strychnin.  nitr.  zu  0,003 — 0,01 
pro  dosi.  —  Zweckmässiger  wendet  man  das  letztere  Alkaloid  mittelst 
der  Bubentanen  Iigection  an  (mit  0,002  beginnend).  —  Die  besten 
Erfolge  scheinen  bei  Blasen-  und  Mastdarmlähmungen  (meist  spinalen 
Ursprungs)  erzielt  zu  sein;  doch  hat  man  das  Mittel  empfohlen  und 
uigewendet  bei  allen  möglichen  centralen  und  auch  bei  peripheren 
rheumatischen  und  ähnlichen  Lähmungen.  Die  Erfolge  sollen  manch- 
mal sehr  auffallend  sein  (Hunter).  Zahlreiche  casuistische  Mit- 
theilungen liegen  vor,  erlauben  jedoch  noch  kein  sicheres  Urtheil 
über  die  speciellen  Indicationen, 

Von  den  tlbrigen,  früher  vielfach  gebrauchten  innem  Mitteln,  ist 
noch  weniger  zu  sagen;  die  Arnica  entspricht  ihrem  Rufe  als  ner- 
venbelebendes Mittel  nicht;  das  Seeale  cornutum  scheint  vorwie- 
gend auf  die  glatte  Musculatur  zu  wirken  und  hat  sich  einen  gewissen 
Buf  bei  Blasenschwäche  erworben;  der  Gebrauch  derCanthariden, 
des  OL  terebinth.  ist  ganz  zu  verwerfen,  der  des  Arsenik  nur 
nach  ganz  speciellen  Indicationen  erlaubt. 

Von  jeher  haben  sich  in  der  Praxis  gewisse  äussere  Mittel 
gegen  Lähmungen  eingebürgert  und  erfreuen  sich  grosser  Beliebtheit 
bei  Aerzten  und  Laien:  als  da  sind  Einreibungen  aller  Art,  Haut- 
reize, Frictionen,  Breimen,  Douchen  u.  s.  w.  Alle  diese  Dinge  haben 
wohl  meist  nur  eine  sehr  untergeordnete  und  unbedeutende  Wirkung. 
Doch  mögen  immerhin  manche  derselben  durch  Anregung  der  Beflex- 
thätigkeit,  oder  durch  Belebung  der  Circulation  und  Secretion,  oder 
selbst  durch  die  einfach  mechanische  Einwirkung  des  Frottirens  und 
Massirens  einen  günstigen  Einfluss  auf  manche  Lähmungen  haben; 
ausserdem  sind  viele  dieser  Mittel  geeignet,  als  Derivantien  die  In- 
dicatio  causalis  zu  erfüllen.  Daher  erklärt  es  sich  wohl  hinreichend, 
warum  dieselben  sich  in  der  Praxis  so  festgesetzt  haben.  Es  gehören 
hierher  die  Einreibungen  reizender  Substanzen:  Liniment 
camphor.,  Ol.  terebinth.,  Spir.  formicar.,  Spir.  Serpylli,  Ung.  Veratrin., 
Ung.  cantharid.  u.  s.  w.;  femer  dieLocalbäder  mit  warmem  Wasser, 
mit  Soole,  mit  Malz,  die  Thierbäder;  die  örtlichen  Douchen, 
besonders   solche   mit  abwechselnd  kaltem   und    heissem   Wasser; 


440  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

endlich  die  stärkeren  Ableitnngsmittel:  fliegende  Vesicantieny 
Moxen,  Glüheisen,  Fontanellen  u.  s.  w.  —  Diese  Anfzählang  sei  nur 
gemacht,  um  daran  den  Bath  zu  knüpfen,  mit  diesen  Dingen  nicht 
viel  Zeit  zu  verlieren,  und  sich  nicht  allzusehr  auf  dieselben  zu  ver- 
lassen. Doch  sei  erwähnt,  dass  W.  Mitchell  die  Combination  von 
Elektricität ,  Massage  (woftlr  er  1.  c.  p.  250  genaue  Anleitung  gibt) 
und  alternirender  kalter  und  warmer  Douche  für  äusserst  wirksam 
bei  traumatischen  Lähmungen  erklärt. 

Die  von  M  e  z  g  e  r  in  Amsterdam  mit  vielem  Erfolg  bei  manchen 
Erankheitsformen  getlbte  Massage  wird  bei  den  meisten  Lähmungen 
wohl  nur  geringen  Erfolg  haben.  Nur  bei  peripheren  traumatischen 
und  neuritischen  Lähmungen  mit  consecutiven  trophischen  und  circu- 
latorischen  Störungen  kann  man  sie  vielleicht  mit  Nutzen  anwenden; 
und  das  die  Ernährung  der  Muskeln  fördernde  Reiben,  Kneten  und 
Klopfen  derselben  mag  angewendet  werden,  um  vorhandene  Atrophie 
zu  beseitigen,  wird  aber  nur  dann  Erfolg  haben,  wenn  die  motorische 
Leitung  wieder  hergestellt  ist  und  wenn  keine  unheilbare  centrale 
Ursache  fttr  die  Atrophie  besteht.  0 

Aus  der  vorstehenden  Aufzählung  der  gegen  Lähmung  gebräuch- 
lichen Heilmittel  wird  sieh  leicht  ergeben,  welchen  allgemeinen 
Behandlungsplan  man  in  der  Regel  zu  adoptiren  haben  wird. 
Das  Nächstliegende  ist  die  Feststellung  und  Erfüllung  der  Indicatio 
causalis.  Ist  daneben  noch  eine  direct  antiparalytische  Behandlung 
nöthig,  oder  soll  sie  von  vornherein  instituirt  werden,  so  wird  man 
zunächst  zur  Elektricität  greifen,  wenn  nicht  besondere  Contraindi- 
cationen  vorhanden  sind.  Die  richtige  Auswahl  und  Abwechselung 
der  ttbrigen  Heilverfahren  ist  dann  mehr  oder  weniger  Sache  des 
ärztlichen  Tactes  und  die  Consequenz  specieller  Verhältnisse.  Bei 
der  oft  langen  Dauer  und  langsamen  Heilung  solcher  Krankheiten 
ist  weise  Sparsamkeit  und  richtige  Abwechselung  mit  den  Mitteln 
nicht  selten  angezeigt,  um  die  begreifliche  Ungeduld  der  Kranken 
zu  beschwichtigen. 

Für  das  hygieinische  und  diätetische  Verhalten  der 
Kranken  bei  den  verschiedenen  Lähmungsformen  lassen  sich  keine 
allgemeinen  Vorschriften  geben;  dasselbe  wird  fast  ausschliesslich 
von  der  zu  Grunde  liegenden  Krankheit  bestimmt.  —  Dagegen  sind 
einige  Worte  beizufügen  über  die  Pflege  der  gelähmten  Theile. 
Dieselben  sind  vor  allen  Schädlichkeiten  sorgfältig  zu  schützen,  be- 


1)  8.  A.  G.  Berglind,   Ueber  die  M^sage.    Petersb.  med.  Zeitschr.  Neue 
Folge.  IV.  S.  407.  1873—74. 


L&hmimg.    Therapie.    Aeassere  Mittel.    Di&tetik.  441 

sonders  in  solchen  Fällen,  wo  hochgradige  Anästhesie,  vasomotori- 
sche und  trophische  Störungen  die  Gefahr  zufälliger  Störungen  ver- 
grössem.  Besonders  hat  man  das  Entstehen  von  Decubitus  durch 
geeignete  Lagerung,  Waschungen,  Schutzverbände  u.  dgl.  frühzeitig 
zu  verhüten.  —  Endlich  sei  hier  nur  kurz  hingewiesen  auf  eine 
sorgfältige  Beachtung  und  frühzeitige  Bekämpfung  von  Störungen 
der  Hamexcretion ,  weil  von  diesen  aus  nicht  selten  lebensgefähr- 
liche Erkrankungen  entstehen. 


4.  Einzelne  Lähmungsformen. 

• 

a.    Lähmungen  im'Gebiet  des  N.  oculomotorius,  des 
N.   trochlearis  und  des  N.  abducens.  —  Augenmuskel- 
lähmungen. 

Ch.  Bell,  Physiol.  u.  pathol.  Unters.  Deutsch  v.  Romberg.  1832.  —  Bom- 
ber g,  Nerreokrankh.  I.  3.  S.  63,  77.  1851.  —  v.  Gräfe.  Symptomenlehre  der 
Augenmuskellähmongen.  Berlin  1867.  —  A.  Ealenburg,  1.  c.  S.  469.  —  Bene- 
dict, Arch.  f.  Ophthalm.  X.  1.  1864.  Elektrother.  1868.  ~  M.  Rosenthal, 
Elejrtrother.  2.  Aufl.  Lehrb.  d.  Nerrenkrankheiten.  —  Struthers,  Paral.  oif  the 
common  motor.  ocul.  nerve.  Monthl.  Joum.  of  med.  Sc.  1853.  —  Brenner,  Pe- 
tersburg, med.  Zts.  XII.  Heft  5.  1867.  ,—  Gozzini,  L*elettroter.  nella  parallsi 
degli  oculomotori.  Gas.  med.  ital.  Lomb.  1868.  —  W.  Erb,  Zur  galv.  Behandl. 
Ton  Augen-  u.  Ohrenleiden.  Arch.  f.  Augen-  u.  Ohrenheilk.  v.  Knapp  u.  Moos. 
n.  1.  1S71.  —  Driver,  Behandl.  einiger  Augenleiden  mit  d.  const.  Strom,  ibid. 
IL  2.  1873.  —  Alfred  Gräfe,  Die  Lähmungen  der  Augenmuskeln.  In  Handb. 
d.  gesammt.  Augenheilk.  v.  A.  Gräfe  u.  Th.  Saemisch.  Bd.  VI.  1.  S.  13.  1875.  — 
Yergl.  ausserdem  die  Lehrbücher  der  Augenheilkunde  von  Arlt,  Stell  wag, 
Schweigger  u.  s.  w^ 

Die  grosse  Wichtigkeit  der  Augenmuskellähmungen  fttr  die  Ner- 
venpathologie und  die  Häufigkeit  ihres  Vorkommens  in  isolirter 
Weise  oder  als  Theilerscheinung  verschiedener  Gehirn-  und  RUcken- 
markskrankheiten ,  legt  uns  die  Verpflichtung  auf,  dieselben  hier  nur 
kurz  in  Bezug  auf  ihre  Pathogenese,  Symptomatologie  und  Therapie 
zu  besprechen.  Für  alle  detaillirteren ,  besonders  speciell-diagnosti- 
schen  Ausführungen  müssen  wir  jedoch  auf  die  ophthalmologischen 
Specialwerke  verweisen.  —  Wir  handeln  diese  Lähmungen  hier  ge- 
meinschaftlich ab,  weil  sie  in  jeder  Beziehung  sehr  viel  Ueberein- 
stimmendes  haben  und  nur  in  der  Symptomatologie  präciser  von 
einander  zu  trennen  sind. 

Aetiologie.  Augenmuskellähmungen  kommen,  sehr  häufig  vor 
und  können  auf  die  mannichfaltigste  Weise  entstehen.  Eine  ihrer 
häufigsten  Ursachen  ist  Erkältung  (rheumatische  oder  refrigerato- 
rische  Augenmuskellähmungen);  sie  betrifl^t  mit  Vorliebe  den  Abdu- 
cens und  den  Oculomotorius ,  von  welchem  manchmal  nur  einzelne 


442  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Zweige  befallen  sind;  selten  wird  der  Trochlearis  be&llen.  lieber 
das  eigentliche  Wesen  der  rheumatiselieii  Affeelion  der  Angeornnskel- 
nerven  wissen  wir  hier  eben  so  wenig,  wie  bei  anderen  rheumati- 
Bchen  Lähmungen.  Nicht  einmal  über  den  Sitz  derselben,  ob  ib 
der  Augenhöhle  oder  an  der  Schädelbasis,  können  wir  mit  einiger 
Sicherheit  entscheiden,  da  die  symptomatologischen  Anhaltsptmkte 
dafür  noch  zu  unsicher  sind.  Alfred  Gräfe  gibt  an,  dass  znweüeo 
bei  Druck  auf  den  Bulbus  ausgesprochene  Schmerzempfindnog  in 
der  Tiefe  der  Orbita  nachzuweisen  sei.  Struthers  fand  bei  einer 
wahrscheinlich  rheumatischen  Paralyse  des  Oculomotorius  von  mehr- 
monatlicher Dauer  Atrophie  und  Sklerose  des  Nerven  an  der  Schä- 
delbasis. 

In  zweiter  Linie  stehen  traumatische  Einwirkungen, 
welche  die  Orbitalgebilde  oder  den  Schädel  treffen:  durch  Stoss 
und  Schlag  aufs  Auge,  durch  eindringende  Waffen,  Messer,  Nadek, 
durch  unglücklich  localisirte  Stösse  von  Hornvieh,  durch  Sohädel- 
iracturen  u.  s.  w.  hat  man  vielfach  Augenmuskellähmungen  ent- 
stehen sehen. 

In  gleicher  Weise  wirkt  mechanische  Compression  der 
Nerven  durch  die  verschiedenartigsten  Vorgänge,  welche  sich  ent- 
weder in  der  Augenhöhle  etabliren  (Geschwülste,  Aneurysmen,  Blut- 
extravasate,  Periostitis,  Garies  und  Nekrose  der  Knochen,  eitrige 
Entzündung  des  Zellgewebes  u.  s.  w.),  oder  an  der  Schädelbaas 
ihren  Sitz  haben  (Tumoren,  Meningitis,  Aneurysmen,  syphilitische 
Affectionen  u.  s.  w.,  besonders  wenn  dieselben  in  der  Nähe  und  im 
Bereich  des  Sinus  cavernosus  auftreten).  Leber  sah  Atrophie  and 
Abplattung  beider  Nn.  abducentes  da ,  wo  sie  über  die  Carotis  int 
weglaufen  in  einem  Falle  von  gesteigertem  intracraniellem  DmA 
durch  Hirntumor.  Hieher  gehören  auch  die  Fälle,  welche  dnrch 
Neuritis  entstehen;  ich  habe  solche  im  Gefolge  von  Erysipel,  das 
sich  in  die  Augenhöhle  fortpflanzte,  von  acuter  Meningitis  n.  s.  w. 
gesehen. 

Ferner  sind  Erkrankungen  des  Gehirns  sehr  hän%  von 
Augenmuskellähmungen  begleitet:  so  Apoplexien  durch  Hämorrhagie 
oder  Embolie,  Encephalitis,  Herdsklerose,  Tumoren  und  andere  Herd- 
erkrankungen  (besonders  am  Pons  und  Peduncul.  cerebri,  aber  anch 
in  der  Nähe  der  Centralganglien ,  in  der  Gegend  des  4.  Ventrikels 
—  so  bei  manchen  Formen  der  Bulbärparalyse  und  der  progressi?^ 
Himnervenlähmung).  Ebenso  sind  Affectionen  des  Rücken- 
marks, speciell  die  Tabes  dorsalis  und  verwandte  Krankbeits- 
formen  nicht  selten  von  Augenmuskellähmungen  begleitet    Ocnlo- 


AagenmoBkeQfthiirangen.  Aedologie.  443 

motorius-  and  Abdncensparesen  kommen  im  Initialstadiom  der  Tabes 
«nd  in  ihrem  späteren  Verlauf  gar  nicht  selten  vor  and  sind  von 
hoher  semiotischer  Bedeatang.  Sie  beruhen  wohl  meist  auf  anato- 
mischen Veränderungen;  welche  sich  vom  Rückenmark  auf  die  be- 
treffenden Nervenkeme  und  die  Nerven  selbst  fortpflanzen. 

Eine  Ursache,  die  von  verschiedenen  Punkten  aus  wirken  kann, 
and  die  ihrer  Häufigkeit  wegen  eine  specielle  Erwähnung  verdient, 
ist  die  Syphilis.  Augenmuskellähmungen  gehören  zu  den  häufig- 
sten nervösen  Erscheinungen,  welche  in  d^i  späteren  Stadien  der 
Syphilis  eintreten,  und  es  können  denselben  verschiedenartige  ana- 
tomische Veränderungen  zu  Orunde  liegen :  Periostitis  und  Exostosen 
in  der  Orbita  oder  an  der  Schädelbasis,  Gummata  in  verschiedener 
Höhe  des  Nervenverlaufs  oder  im  Gehirn  u.  s.  w. 

Femer  ist  noch  die  Diphtheritis  zu  erwähnen,  welche  ver- 
hältnismässig häufig  zu  einer  Lähmung  gewisser  Bahnen  des  Oculo- 
motorius  (Accommodationslähmung,  Mydriasis,  aber  auch  Lähmung 
einzelner  Augenmuskeln)  fahrt.  —  Endlich  sieht  man  nach  acuten 
Krankheiten  nicht  selten  Augenmuskellähmung  entstehen:  so  in 
Begleitung  des  acuten  Gelenkrheumatismus,  nach  acuten  Infections- 
krankheiten,  Typhus,  Puerperalfieber  u.  s.  w.;  man  hat  heftigen 
Lichtreiz,  starkes  Tabakrauchen,  Alkoholmissbrauch  und  ähnliche 
Dinge  als  Ursachen  derselben  beschuldigt.  Leber  ^  hat  in  neuerer 
Zeit  auf  das  Vorkommen  von  Accommodationslähmung  und  Mydriasis, 
aber  auch  von  Lähmung  der  äusseren  Augenmuskeln  bei  Diabetes 
mellitus  aufmerksam  gemacht.  Sie  scheinen  theils  in  Folge  des 
Diabetes  selbst,  theils  in  Folge  eines  auch  den  Diabetes  verur- 
sachenden Gehirnleidens  aufzutreten. 

Die  Aetiologie  und  Pathogenese  gewisser  doppelseitiger,  progno- 
stisch günstiger  AugenmuskeUähmungen,  aufweiche  zuerst  v.  Gräfe*) 
aufinerksam  gemacht  hat,  scheint  noch  ziemlich  dunkel,  v.  Gräfe 
ist  geneigt,  solche  durch  Erkältung  bei  sonst  gesunden  Personen  ohne 
alle  Hirnsymptome  auftretenden  doppelseitigen  Augenmnskellähmungen, 
bei  welchen  nur  etwas  Schmerz  beim  Beklopfen  in  der  Richtung  der 
Schädelbasis  auftritt,  auf  eine  circnmscripte  Basilarperiostitis  zu  be- 
ziehen. MicheP)  sah  einen  ähnlichen  Fall  während  eines  Gelenkrheu- 
matismus unter  fieberhaften  Erscheinungen  entstehen.     Landsberg ^) 


1)  Ueber  d  Erkrank,  d.  Auges  bei  Diabetes  mellitus.    Arch.  f.  Opbthahnol. 
XXL  Abtb.  3.  1875. 

2)  Bemerk,  über  doppeiseit.  Augemnuskellähm.  basilaren  Ursprungs.    Arch. 
1.  Ophthabnol.  XIII.  2.  S.  265.  1866. 

3)  Zebend.  ](lin.  Monatsbl.  1872.  S.  167. 

4)  üeb.  doppeiseit.  Augenmuskell&bm.    Beri.  klin.  Wochenscbr.  1874.  No.  51. 


444  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

dagegen  sucht  den  Ursprang  zweier  ähnlicher,  günstiger  Fälle  in  einer 
gleichzeitigen  Erkrankung  innerhalb  beider  Orbitae,  in  einem  dritten 
Falle  nahm  er  eine  traumatische  Hyperämie  an  der  Schädelbasis  an. 
Es  ist  klar,  dass  doppelseitige  Augenmoskellähmungen  ans  den 
verschiedensten  Ursachen  entstehen  können,  und  dass  der  günstige 
Verlauf  vieler  derselben  kein  genügendes  Moment  ist,  sie  in  eine  ge- 
meinschaftliche Gruppe  zu  vereinigen. 

Symptomatologie.  Die  neuere  Ophthalmologie  hat,  besonders 
unter  v.  Gräfe 's  genialer  Führung,  die  Symptome  der  Augenmuskel- 
lähmung  mit  ausserordentlicher  Genauigkeit  erforscht  und  vermag 
die  dabei  auftretenden  Störungen  mit  der  grössten  Exactheit  durch 
verhältnissmässig  einfache  Hül&mittel  festzustellen.  Es  beruht  diese 
Möglichkeit  auf  der  äusserst  exacten  associirten  und  accommodativen 
Wirkung  der  Augenmuskeln,  wie  sie  beim  binoculären  Sehact  vor- 
handen ist  und  denselben  überhaupt  ermöglicht.  Jede  geringste 
Störung  in  der  Function  des  einen  oder  anderen  Augenmuskels  ver- 
räth  sich  sofort  durch  Störung  dieses  Sehactes  —  durch  Diplopie 
und  durch  Störung  in  der  symmetrischen  Stellung  beider  Bnlbi  — 
den  sogenannten  Strabismus  paralyticus.  Durch  geschickte 
Untersuchung  und  Verwerthung  der  Doppelbilder  (wobei  man  sich 
gefärbter  Gläser  und  der  Prismen  bedient),  durch  exacte  Prüfung 
des  monoculären  und  binoculären  Fixirens,  der  Kopfhaltung  u.  s.  w. 
ist  so  eine  höchst  genaue  Feststellung  des  erkrankten  Muskels  und 
des  Grades  seiner  Functionsstörung  möglich.  Für  das  Nähere  ver- 
weisen wir  auf  die  v.  Gräfe 'sehen  Arbeiten,  welchen  wir  in  Kürze 
Folgendes  entnehmen: 

Augenmuskellähmungen  verrathen  sich  zunächst  durch  ein^ 
Defect  der  absoluten  Beweglichkeit  des  Auges  in  der  Zugs- 
richtung des  gelähmten  Muskels.  Dieser  Defect  tritt  nur  bei  voll- 
ständiger Lähmung  sehr  auffällig  zu  Tage,  kann  dagegen  bei  ein- 
facher Parese  sehr  gering  erscheinen,  weil  wegen  der  leichten  Be- 
weglichkeit des  Bulbus  die  zu  seiner  Drehung  erforderliche  Kraft- 
leistung  nur  sehr  gering  zu  sein  braucht.  Der  Defect  tritt  oft  erst 
deutlich  hervor  beim  Vergleich  beider  Augen,  durch  welchen  auch 
nur  Sicherheit  darüber  zu  erlangen  ist,  ob  nicht  die  mangelhafte 
Excursionsfähigkeit  in  die  Breite  der  Gesundheit  f^lt.  Mit  diesem 
Defect  ist  manchmal  ein  abnormer  Modus  der  Bewegung  ver- 
bunden —  nämlich  eine  zuckende,  stossweisse  Contraction  des  ge- 
lähmten Muskels,  Mitbewegungen  anderer  Augenmuskeln,  abnorme 
Baddrehungen  u.  s.  w. 

Wichtiger  und  sicherer  ist  die  Erkennung  der  Augenmuskel- 
lähmungen an  dem  Defect  der  relativen  Beweglichkeit  bei 


AugeDmuskellähinungen.    Symptomatologie.  445 

den  mit  dem  andern  Auge  associirten  Bewegungen.  Da  unter  nor- 
malen Verhältnissen  auf  die  gleichzeitig  thätigen  (associirten)  beider- 
seitigen Muskeln  immer  ein  gleichstarker  Willensimpuls  einwirkt^  so 
wird  der  Muskel  mit  verminderter  Leistungsfähigkeit  (der  paretische 
oder  paralytische)  in  seiner  Gontraction  hinter  dem  gesunden  zurück- 
bleiben, es  wird  eine  geringere  Augendrehung  erfolgen,  die  sich 
objectiy  als  Schielen,  als  Strabismus  darstellt,  welches  jedes- 
mal entsteht,  wenn  die  Gontraction  des  geschwächten  Muskels  für 
den  binoculären  Sehact  verwerthet  werden  soll.  Die  nächste  func- 
tionelle  Folge  dieser  relativ  geringeren  Drehung  des  erkrankten 
Auges  ist  Doppelsehen,  Diplopie,  welche  das  Haupterkennungs- 
zeichen fbr  alle  Augenmuskellähmungen  bildet. 

Dieses  Zurückbleiben  in  der  Excursion  des  Bulbus  und  damit 
die  Entfernung  der  Doppelbilder  von  einander  wird  um  so  grösser 
werden,  je  mehr  man  sich  mit  dem  Fixirobject  der  Grenze  des- 
jenigen Theiles  des  Blickfeldes  nähert,  welcher  von  dem  gelähmten 
Muskel  beherrscht  wird;  und  gerade  dieses  progressive  Steigen 
der  Deviation  und  des  Doppelsehens  nach  der  Seite  des  ge- 
lähmten Muskels  hin  gibt  den  charakteristischen  Unterschied  von 
dem  concomitirenden  Strabismus. 

Für  die  Verwerthung  der  Diplopie  zum  Behuf  der  diagnostischen 
Erkennung  des  erkrankten  Muskels  hat  v.  Oräfe  ein  sehr  einfaches 
Gesetz  aufgestellt :  Treten  in  irgend  einer  (der  rechten,  Imken,  obem, 
untern)  Seite  des  gemeinschaftlichen  Blickfeldes  die  Doppelbilder  am 
stärksten  auf,  so  ist  dasjenige  Auge  von  der  Lähmung  betroffen, 
dessen  Bild  am  meisten  nach  eben  derselben  Seite  vorgerückt  er- 
scheint, und  es  hat  auf  diesem  Auge  eine  nach  der  gleichen  Seite 
hinttberwirkende  Muskelkraft  an  Wirksamkeit  verloren. 

Z.  B.  „Treten  die  Doppelbilder  nach  links  hin  auseinander,  so 
wird,  w^nn  das  Bild  des  linken  Auges  am  meisten  nach  links  liegt 
(gleichnamige  Diplopie),  dieses  Auge  das  betroffene,  und  die  nach  links 
herüber  wirkende  Kraft,  der  Abducens,  befallen  sein.  —  Steht  bei 
gleicher  Haltung  des  Objects  das  Bild  des  rechten  Auges  mehr  nach 
links  hin  (gekreuzte  Diplopie)  so  wird  das  rechte  Auge  betroffen,  und 
eine  nach  links  hinüber  wirkende  Kraft,  der  Rectus  internus,  gelähmt 
sein"  (v.  Gräfe).  Das  Gleiche  gilt  mntat.  mutand.  auch  hr  den 
rechten,  oberen  und  unteren  Abschnitt  des  Blickfeldes.  „Dasjenige 
Bild,  welches  nahezu  in  der  Richtung  der  Objectbewegung  der  letz- 
teren voraneilt,  gehört  dem  afficirten  Auge  an"  (Alfr.  Gräfe). 

Es  können  also  gleichnamige  und  gekreuzte  Doppel- 
bilder vorkommen,  für  dieselben  gilt  als  Regel,  dass  bei  patho- 
logischer Gonvergenz  der  Sehachsen  gleichnamige,  bei  patho- 


446  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

logischer  Divergenz  der  Sehachsen  gekreuzte  Doppelbilder  ent- 
stehen. 

In  manchen  Fällen  beobachtet  man  anch  wohl  ein  sogenanntes 
verkapptes  Doppelsehen,  wo  die  Kranken  nnr  ttber  andeat- 
liches  Sehen  klagen,  beim  Sehen  in  gewissen  Theilen  des  Blick- 
feldes genirt  sind.  Charakteristisch  daftir  ist,  dass  das  Sehen  imt 
jedem  Ange  allein  ganz  gut  geht.  Glewöhnlich  sind  die  Doppelbilder 
dann  leicht  sichtbar  zu  machen  dnrch  gefärbte  Gläser  und  Rtehtmig 
der  Aufmerksamkeit  anf  dieselben. 

Sehr  charakteristisch  and  für  die  Diagnose  geringer  Paresen 
werthvoU  ist  die  Secnndärablenknng  des  gesunden  Anges, 
wenn  das  kranke  Auge  vorwiegend  oder  ausschliesslich  zur  Fixation 
benutzt  wird,  wenn  z.  B.  das  gesunde  Auge  mit  der  Hand  verdeckt 
wird.  Bewegt  man  das  Fixirobject  in  der  Zugsrichtung  des  ge- 
lähmten  Muskels,  so  wird  dieser  successive  steigende  Anstrengungen 
machen  müssen,  um  die  Fixation  zu  erhalten;  diese  Anstrengungen 
aber  werden  nach  dem  Gesetz  der  Association  auch  auf  den  asso- 
ciirten  gesunden  Muskel  ttbertragen,  und  derselbe  versetzt  das  ge- 
sunde Auge  in  einen  Zustand  von  Deviation,  welche  viel  hochgrar 
diger  ist  als  diejenige  des  kranken  Auges,  wenn  das  gesunde  zur 
Fixation  benutzt  wird;  weil  eben  im  ersteren  Falle  viel  stä^ere 
Inuervationsanstrengungen  gemacht  werden,  welchen  das  gesunde 
Auge  zu  folgen  vermag.  Es  wird  also  z.  B.  bei  Lähmung  des  Rectos 
extemus,  wenn  man  mit  dem  kranken  Auge  einen  nach  aussen  ge- 
haltenen Gegenstand  fixiren  lässt,  durch  Action  des  associirten  Reetiis 
internus  des  gesunden  Auges  eine  starke  Secundärablenkung  des- 
selben nach  innen  entstehen;  und  so  bei  Lähmungen  jedes  anderen 
Muskels  in  entsprechender  Weise.  Fttr  diese  Secundärablenkung  ist 
es  charakteristisch,  dass  sie  grösser  ist,  als  die  primäre  (immer  ent- 
gegengesetzt gerichtete)  Ablenkung  des  gelähmten  Auges^  und  dass 
sie  zunimmt,  je  grosser  die  Widerstände  fllr  die  Innervation  des  er- 
krankten Muskels  werden;  sie  bildet  also  gewissermassen  einen 
Maassstab  fllr  die  Grösse  dieser  Innervationsstörung.  —  Der  Um- 
stand, dass  sie  grösser  ist,  als  die  primäre  Ablenkung,  lässt  sich 
auch  fllr  die  Diagnose  sehr  feiner  und  kaum  an  dem  kranken  Auge 
erkennbarer  Störungen  verwerthen,  besonders  bei  solchen  Muskete, 
deren  Lähmung  nur  eine  sehr  geringe  Deviation  ergibt,  z.  B.  beim 
Obliquus  superior.  Hier  kann  die  grössere  Secundärablenkung  die 
Diagnose  erleichtem. 

Ein  fllr  die  Kranken  sehr  lästiges  Symptom  ist  die  falsche 
Projection  des  Gesichtsfeldes.    Bei  der  gesteigerten  Muskel- 


Aageninaskellälimangen.   Symptomatologie.  447 

anstrengimg  mit  dem  kraoken  Auge  wird  der  Grad  der  erfolgten 
Drehung  Überschätzt,  und  damit  die  Lage  der  äusseren  Objecte  falsch 
beartheüt:  Das  Gesichtsfeld  wird  im  Sinne  der  Wirkung  des  ge- 
lähmten Muskels  dislocirt;  z.  B.  bei  Abducenslähmung  nach  aussen, 
bei  Lähmung  des  Rectus  inferior  nach  unten.  Lässt  man  bei  Abdu- 
censlähmung z.  B.  den  Kranken  rasch  auf  ein  in  geeigneter  Rieh- 
tong  vorgehaltenes  Fixirobject  zufahren*),  so  wird  er  nach  aussen 
daran  vorbeistossen.  Diese  falsche  Projection  des  Gesichtsfeldes 
steht  in  den  innigsten  Beziehungen  zur  Diplopie  und  wird  gerade 
durch  diese  am  prägnantesten  zum  Ausdruck  gebracht. 

Diese  Erscheinung  ist  besonders  störend,  wenn  gleichzeitig 
mehrere  Muskeln  gelähmt  sind  und  der  Kranke  bei  gewissen  Be- 
schäftigungen genöthigt  ist,  das  Blickfeld  häufig  nach  rasch  wech- 
selnden Richtungen  zu  dislociren,  z.  B.  beim  Gehen.  Die  dabei  ein- 
tretenden falschen  Localisationen  des  Blickfeldes,  die  scheinbaren 
Bewegungen  der  Objecte  erzeugen  ein  Geftthl  hochgradiger  Unsicher- 
heit, den  bei  Augenmuskellähmungen  so  häufigen  und  so  charakteri- 
stischen Schwindel.  Derselbe  tritt  schon  bei  einseitigem  Gebrauch 
des  gelähmten  Auges  auf  und  ist  hier  allein  bedingt  durch  die  falsche 
Projectioii  des  Gesichtsfelds ;  ebenso  aber  auch  bei  binocularem  Sehen 
und  er  wird  hier  gesteigert  und  unterhalten  durch  das  Geftlhl  der 
Verwirmng,  welches  die  beim  binocularen  Sehen  auftretenden  Doppel- 
bilder bedingen.  Dieses  unangenehme  Geftihl,  welches  die  Wahr- 
nehmung der  Doppelbilder  verursacht,  kann  sich  manchmal  zu  einem 
wirklichen  Schmerz  steigern,  bedingt  durch  die  abnormen  Contrac- 
tionsanstrengungen ,  welche  zur  Vermeidung  des  Doppelsehens  ge- 
macht werden.  Dieser  Schmerz  tritt  deshalb  vorwiegend  bei  ge- 
wissen Blickrichtungen  ein.*) 

Ein  Theil  dieser  lästigen  Symptome  kann  von  den  Kranken  ver- 
mieden werden;  einmal  dadurch,  dass  sie  das  kranke  Auge 
schliessen,  es  vom  Sehact  ausschliessen,  um  der  Unannehmlich- 
keit der  Doppelbilder  zu  entgehen;    dann  dadurch,   dass  sie  eine 


1)  Dabei  soU  der  Untersuchte  die  Hand  selbst  nicht  sehen;  sie  muss  also 
möglichst  weit  zorUckgezogen  oder  noch  besser  verdeckt  werden  und  das  Yor- 
Btossen  mit  dem  Finger  muss  sehr  rasch  geschehen. 

2)  Die  Unterscheidung  dieses  sog.  Gesichts-  oder  Augenschwindels  von 
dem  eigentlichen  cerebralen  Schwindel  ist  nicht  schwierig.  Der  erstere  wird 
sofort  sistirt  durch  Aufheben  des  binocularen  Sehactes  oder  beim  einseitigen 
Gebrauch  des  gesunden  Auges.  Beim  Gebrauch  des  kranken  Auges  besteht  er 
anfangs  fort,  bis  sich  nach  einiger  Zeit  die  Kranken  daran  gewöhnen  und  ihn 
dann  weniger  empfinden. 


448  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

eigenthttmliche  Kopfhaltung  annehmen,  am  denjenigen  Theil 
des  Blickfeldes,  in  welchem  keine  Doppelbilder  auftreten,  ftir  die 
gewöhnlichen  Beschäftigungen  zu  benutzen.  Diese  Kopfhaltungen 
sind  sehr  charakteristisch,  da  sie  ftir  jeden  bestimmten  gelähmten 
Muskel  verschieden  sein  müssen.  Der  Kopf  wird  dabei  möglichst 
steif  gehalten. 

Ein  ähnlicher  Vortheil  kann  fttr  gewisse  geringgradige  Paresen 
besonders  der  horizontal  drehenden  Muskeln  durch  die  gegebene 
Möglichkeit  der  Fusion  der  Doppelbilder  erreicht  werden. 
Dieselbe  ist  nur  bis  zu  einem  gewissen,  geringen  Grade  vorhanden 
(der  aber  in  den  einzelnen  Fällen  ein  verschiedener  ist)  und  kann 
selbst  das  Vorhandensein  der  Diplopie  völlig  verdecken.  Man  kann 
dann  aber  meist  durch  die  Untersuchung  mit  geeignet  wirkenden 
(auf-  oder  abwärts  brechenden)  prismatischen  Gläsern  die  vorhandene 
Diplopie  nachweisen.  Ebenso  kann  man  durch  eine  geeignete  pris- 
matische Untersuchung  die  Fusionsbreite  fttr  jeden  einzelnen  Faü 
feststellen,  d.  h.  die  Fähigkeit,  mehr  oder  weniger  weit  auseinander- 
liegende  Doppelbilder  durch  Fusionsanstrengungen  zu  vereinigen. 
Diess  kann  ftlr  die  Diagnose  des  Sitzes  der  Lähmung  von  Wichtig- 
keit sein. 

Von  nicht  geringer  Wichtigkeit  ist  endlich  die  bei  vielen  Augen- 
muskellähmungen so  gewöhnliche  secundäre  Gontractur  der 
Antagonisten.  Dieselbe  kommt  in  verschiedenen  Fällen  in  sehr 
verschiedenem  Grade  zur  Ausbildung,  theils  durch  die  einseitige 
Function  dieser  Muskeln,  theils  durch  den  fehlenden  Gegenzug  von 
Seiten  des  gelähmten  Muskels  und  die  dadurch  allmälig  eintretende 
nutritive  Verkürzung,  theils  wohl  auch  manchmal  durch  active  Rm- 
zustände.  Es  ist  klar,  dass  dieser  Zustand  die  Grösse  der  Deviation 
steigert,  die  Entfernung  der  Doppelbilder  vergrössert  und  die  Grenzen 
der  Diplopie  immer  mehr  über  das  Bereich  des  ursprünglich  ge- 
lähmten Muskels  nach  der  entgegengesetzten  Seite  hinausrttckt.  Diese 
durch  die  Gontractur  bedingte  Diplopie  bleibt  aber  auf  der  Seite  des 
contracturirten  Muskels  so  ziemlich  die  gleiche,  während  sie  nach 
der  Seite  des  gelähmten  Muskels  hin  progressiv  zunimmt 


Nach  diesen  allgemeinen  Bemerkungen  wird  die  specielle  Sym- 
ptomatologie der  einzelnen  Augenmuskellähmungen  ziemlich  knrz  zu 
fassen  sein. 

1)  Lähmung  des  N.  oculomotorius.  Derselbe  innervirt  den  M.  le- 
vator  palpebrae  superioris,  den  Rectus  superior,  internus  und  inferior, 


Augenmuskellähmangen.    Symptome.    Ocalomotorioslähmung.  449 

den  Obliqaos  inferior,  den  M.  sphincter  iridis  and  den  M.  accommo- 
datorins. 

Die  vollständige  Lähmung  des  Oculomotorias  and  da- 
mit aller  der  genannten  Muskeln  gibt  ein  sehr  charakteristisehes  Bild : 
das  obere  Augenlid  hängt  unbeweglich  herab  bis  zum  untern  Rand 
der  Cornea  und  kann  nicht  gehoben  werden  (Ptosis).  Das  Auge 
steht  fast  ganz  unbeweglich,  jedoch  in  der  Ruhe  noch  ziemlich  ge- 
rade, so  lange  noch  keine  secundären  Gontracturen  in  den  unver- 
sehrten Muskelnr  (Rect.  extern,  und  Obliqu.  super.)  eingetreten  sind. 
Die  Beweglichkeit  nach  innen,  nach  oben  und  gerade  nach  unten 
ist  vollständig  aufgehoben ;  dagegen  die  laterale  Wendung  nach  aussen 
vollständig  erhalten;  die  Bewegungen  nacli  oben  innen,  nach  oben 
aussen  und  nach  innen  unten  vollständig  aufgehoben,  dagegen  jene 
nach  aussen  unten  noch  möglich.  Jeder  Innervationsversuch  dreht 
das  Auge  durch  Wirkung  des  Rect.  extern,  und  Obliqu.  super,  nach 
aussen  und  unten,  und  allmälig  wird  es  durch  Gontractur  dieser 
Muskeln  dauernd  in  dieser  Stellung  fixirt.  —  Die  Pupille  ist  er- 
weitert und  unbeweglich,  die  Accommodation  hochgradig  beschränkt. 
Fixation  ist  nur  nach  aussen  und  unten  möglich.  Fast  im  ganzen 
Gesichtsfeld  erscheinen  Doppelbilder.  Die  Secnndärablenkung  des 
gesunden  Auges  erfolgt  nach  allen  Blickrichtungen,  mit  Ausnahme 
der  nach  dem  kranken  Auge  hm.  Häufig  ist  das  Auge  leicht  vor- 
getrieben (Exophthalmus  paralyticus),  weil  fast  alle  geraden  Augen- 
muskeln gelähmt  sind.  Dabei  kann  die  Sehschärfe  ganz  gut  sein. 
Irrthttmliche  Projection  des  Gesichtsfeldes  nach  den  verschiedensten 
Richtungen,  nach  welchen  vergebliche  Fixationsanstrengungen  gemacht 
werden.  Deshalb  das  Schwindelgeftlhl  sehr  erheblich  und  sehr  störend 
—  wenn  nicht  die  Ptosis  das  Auge  tlberhaupt  vom  Sehact  ausschliesst 
Das  Auge  wird  von  den  Kranken  meist  absichtlich  geschlossen.  Sonst 
wu-d  eine  sehr  schiefe  Kopfhaltung  —  nach  hinten  und  der  gesunden 
Seite  geneigt  —  angenommen,  wenn  dieselbe  nicht  wegen  der  Ptosis 
ttberflttssig  ist 

Die  partielle  Oculomotoriuslähmung  kann  die  verschie- 
densten Muskeln  entweder  ganz  isolirt  oder  zu  mehreren  gleichzeitig 
trefifen. 

Lähmung  des  Levator  palpebrae  superioris  —  Ptosis. 
Kann  ganz  isolirt  f&r  sich  vorkommen,  z.  B.  nach  Traumen  oder  wohl 
auch  ganz  spontan;  ist  aber  häufig  mit  Lähmung  des  Rect.  super, 
verbunden,  der  ebenfalls  vom  obem  Ast  des  Oculomotorius  versorgt 
wird.  Das  obere  Augenlid  hängt  unbeweglich  herab;  die  Lidspalte 
ist  sehr  verengt ;  selbst  bei  aufwärts  gerichtetem  Blick  hebt  sich  das 

Handboeh  d.  spec.  Pathologie  a.  Therapie.    XII.  Bd.  1.    2.  Aafl.  29 


450  EsB,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

lid  nicht;  nar  wenig,  wenn  man  das  andere  Auge  verschHesst  und 
dann  den  Blick  nach  oben  richten  lässt ;  sehr  charakteristisdi  ist  die 
aoxiliäre  Anstrengung  und  Wirkung  des  Muse,  frontalis  (EiThebung 
der  Augenbraue  und  starke  Qnerfalten  auf  der  Stirn).  Hit  eintretender 
Besserung  hebt  sich  das  Lid  allmäUg  weiter  und  weiter. 

Lähmung  des  Bectus  superior.  Absolute  Beweglichkeit 
in  der  Richtung  nach  oben  mangelhaft :  die  horisontale  Richtung  wird 
von  der  Blicklinie  nicht  oder  nur  wenig  ttberschritten.  Die  Deviation 
findet  nach  unten  hin  statt ,  die  Augenachse  ist  mehr  nach  abw&rts 
gerichtet,  als  auf  dem  gesunden  Auge :  Strabismus  deorsum  veigens. 
Dabei  weicht  die  Cornea  etwas  nach  aussen  ab  (Wirkung  des  ObUqu. 
infer.).  Die  Doppelbilder  stehen  vertical  ttbereinänder  und  Iddit- 
gekreuzt,  das  dem  gelähmten  Auge  angehörige  steht  höher.  Die 
Verticaldistanz  wächst  mit  der  Erhebung  des  Fixirobjects ,  sie  ver- 
schwindet in  der  Horizontalen  (so  lange  noch  keine  (Tontractur  des 
R.  infer.  besteht).  In  der  untern  Hälfte  des  Blickfeldes  wird  ein£fiu^h 
gesehen.  Die  Secundärablenkung  des  gesunden  Auges  findet  nach 
oben  (und  etwas  nach  aussen)  statt  Das  Glesichtsfeld  des  kranken 
Auges  wird  nach  oben  projicirt.  Der  Kopf  wird  gesenkt  gehalten, 
um  die  Doppelbilder  zu  vermeiden.  Schwindelgeftihl  tritt  sdten  ein, 
nur  z.  B.  beim  Ersteigen  einer  steilen  Treppe  oder  einer  Leiter.  — 
Bei  secundärer  antagonistischer  Gontractur  verbreiten  sich  die  Doppel- 
bilder auch  auf  den  untern  Theil  des  Gesichtsfeldes,  wenn  auch  in 
geringerem  Grade. 

Auch  diese  Lähmung  kann  isolirt  ftlr  sich  vorkommen;  häufig 
aber  ist  sie  mit  Ptosis  verbunden. 

Lähmung  des  Rectus  internus.  Absolute  Beweglichkeit 
nach  innen  zu  mangelhaft,  bei  vollständiger  Lähmung  nur  bis  zur 
sagittalen  Richtung  vorhanden.  Deviation  des  Auges  nach  anss^ 
Augenachse  nach  aussen  abgelenkt:  Strabismus  divergens.  Doppd- 
bUder  lateral  nebeneinander,  gekreuzt,  das  Bild  des  kranken  Auges 
nach  der  gesunden  Seite  hin  vorgerückt.  Ihre  laterale  Distanz  v^&chst 
mit  der  Bewegung  des  Fixirobjects  nach  der  gesunden  Seite  hin. 
In  der  äusseren  Hälfte  des  Blickfelds  wird  einfach  gesehen  (so  lange 
noch  keine  antagonistische  Gontractur  vorhanden).  Secundärablenkung 
des  gesunden  Auges  nach  aussen.  Gesichtsfeld  des  kranken  Auges 
nach  innen  projicirt,  Kopf  nach  der  gesunden  Seite  gedreht  —  Bei 
vorhandener  antagonistischer  Gontractur  rttckt  die  Dipli^ie  auch  in 
die  äussere  Hälfte  des  Blickfeldes  vor;  die  Abstände  der  Dojqpel- 
bilder  werden  grösser,  bleiben  aber  nach  aussen  stationär,  nach  innen 
nehmen  sie  progressiv  zu. 


AugenmuskellähmuDgen.  Symptome.  451 

Lähmang  des  Rectus  inferior.  Hier  Bind  die  Verbältnisse 
gerade  umgekehrt ,  wie  beim  Rect.  snp.  —  Absolute  Beweglichkeit 
nach  unten  mangelhaft.  Bulbus  höher  stehend,  Augenachse  nach  oben 
deviirt :  Strabismus  sursum  vergens ;  Cornea  dabei  etwas  nach  aussen 
abgewichen  (durch  den  Obl.  superior).  Verticale,  leicht  gekreuzte 
und  schief  gestellte  Doppelbilder,  das  Bild  des  kranken  Auges  tiefer 
stehend.  Im  obem  Theil  des  Blickfeldes  Emfachsehen.  Sepund&r- 
ablenkung  des  gesunden  Auges  nach  unten  (und  etwas  nach  aussen), 
Kopf  nach  vom  gesenkt.  Schwindelgefllhl  sehr  lebhaft.  Diese  Läh- 
mung ist  besonders  lästig  bei  allen  Umständen,  wo  die  Blicklinie 
gesenkt  werden  soll,  also  beim  Gehen,  bei  Handarbeit,  Treppen- 
steigen u.  8.  w.  —  Tritt  secundäre  Contractur  des  Rect.  super,  ein, 
80  resultiren  daraus  die  entsprechenden  Erscheinungen. 

Lähmung  des  Obliquus  inferior.  Absoluter  Beweglich- 
keitsdefect  schwer  wahrnehmbar;  ist  in  der  obem  innem  Ecke  des 
Blickfeldes  am  deutlichsten.  Ist  häufig  besser  an  der  Secundärab- 
lenkung  des  gesunden  Auges  (nach  oben  und  etwas  nach  aussen) 
zu  erkennen.  Deviation  des  kranken  Auges  etwas  nach  unten  und 
innen.  Doppelbilder  vorwiegend  in  der  obem  Hälfte  des  Blickfeldes, 
nicht  genau  vertical  übereinanderstehend ,  gleichnamig  und  etwas 
schief  gestellt.  Ihre  verticale  Distanz  wächst  bei  der  Bewegung  des 
Fixirobjects  nach  innen,  ihre  Schiefheit  bei  der  Bewegung  nach 
aussen.  Falsche  Projection  des  Gesichtsfeldes  nach  oben  oder  etwas 
nach  aussen  und  oben  gerichtet,  bei  Fixation  in  der  Medianebene. 
Kopf  nach  hinten  und  mit  dem  Kinn  etwas  nach  der  gesunden  Seite 
gedreht,  so  dass  der  untere  äussere  Abschnitt  des  Blickfeldes  vor- 
wiegend benutzt  wird.  —  Bei  secundärer  Contractur  des  Obliqu. 
sop^.  dehnen  sich  die  Doppelbilder  auch  ttber  die  untere  Hälfte  des 
Blickfeldes  aus. 

Sind  mehrere  der  genannten  Muskeln,  wie  das  nicht  selten  vor- 
kommt, gleichzeitig  gelähmt,  so  werden  die  Erscheinungen  sich  com- 
biniren  und  können  dadurch  recht  complicirt  und  schwer  entwirrbar 
werden.  Die  Details  über  die  dabei  zu  berücksichtigenden  diagno- 
stischen Kriterien  gehören  jedoch  nicht  hierher. 

Lähmung  des  Sphincter  iridis.  —-  Mydriasis  para- 
lytica.  Die  Pupille  zeigt  mittlere  Erweiterung  und  ist  auf  lißht- 
reiz  völlig  oder  nahezu  unbeweglich,  verengert  sich  auch  bei  starker 
Convergenz  der  Augenachsen  oder  bei  Accommodationsanstrengungen 
nicht  oder  nur  wenig.  Sie  kann  durch  Atropin  noch  mehr  erweitert 
werden.  Das  Sehen  ist  dabei  undeutlich  wegen  vorhandener  Zer- 
streuungskreise;   helles    Licht   verursacht    starke    Blendung.      Die 

29* 


452  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Accommodation  ist  häufig  yermindert,   kann  aber  auch   völlig   er- 
halten sein. 

Lähmung  des  Muse,  accommodatorius.  Sie  kann  ganz 
isolirt  vorkommen;  häufiger  jedoch  complicirt  mit  Mydriasis ,  nicht 
selten  aber  auch  ganz  ohne  diese.  Bei  dieser  Lähmung  besteht 
Hinausrttcken  des  Nahepunktes,  Unmöglichkeit  fttr  die  Nähe  zu 
fixiren,  «kleine  Schrift  zu  lesen  u.  s.  w.  Damit  verbindet  sich  häufig' 
ein  falsches  Urtheil  ttber  die  Grösse  und  Entfernung  gesehener  Ob- 
jecte.  Die  Accommodationslähmung  ist  eine  der  constantesten  Theil- 
erscheinungen  bei  diphtheritischer  Lähmung.  Sie  kann  aber  auch 
alle  möglichen  anderen  Lähmungen  des  Oculomotorius  begleiten. 

2.  Lähmung  des  N.  trochlearis.  Sie  setzt  nur  einen  einzigen 
Muskel,  den  Obliquus  superior,  ausser  Function.  Diese  Lähmung 
ist  nicht  leicht  zu  erkennen,  weil  der  Obliqu.  sup.  fast  immer  mit 
anderen  Muskeln  zusammenwirkt  und  von  denselben  theilweise  er- 
setzt werden  kann. 

Defect  der  absoluten  Beweglichkeit  meist  sehr  gering;  tritt  be- 
sonders in  der  inneren  unteren  Ecke  des  Blickfeldes  hervor.  Devia- 
tion des  Auges  nach  innen  und  oben,  bei  Senkung  des  Fixirobjects ; 
bei  starker  Wendung  desselben  nach  der  gesunden  Seite  Deviation 
rein  nach  oben.  —  Doppelbilder  in  der  unteren  Hälfte  des  Blick- 
feldes (nach  innen  sich  etwais  über  die  Horizontale  erhebend,  nach 
aussen  sich  etwas  unter  dieselbe  senkend),  vertical  ttbereiniuider- 
stehend,  gleichnamig,  etwas  schief  gestellt;  ihre  Distanz  wachsend 
nach  der  gesunden  Seite  hin.  —  Secundärablenkung  meist  gerade 
nach  unten  gerichtet  und  sehr  ausgesprochen.  Falsche  Projection 
des  Gesichtsfekies  nach  unten  und  ein  wenig  nach  aussen.  Sehwindel- 
geftlhl  oft  sehr  ausgesprochen.  Kopf  nach  vorn  gesenkt  und  etwas 
nach  der  gesunden  Seite  gedreht  (krankes  Auge  kinnwärts  bewegt), 
so  dass  die  Objecte  in  den  oberen  äusseren  Quadranten  des  Blick- 
feldes gebracht  werden. 

Bei  antagonistischer  Contractur  des  Obliqu.  inf.  pflanzen  sich 
Deviation  und  Diplopie  mehr  und  mehr  in  die  obere  Hälfte  des 
Blickfeldes  fort 

Die  Trochlearislähmung  kommt  manchmal  ganz  isolirt  vor:  bei 
Syphilis,  nach  Traumen,  selten  nach  Erkältungen. 

3,  Lähmung  des  N.  abducens.  Hat  ebenfalls  nur  Lähmung  eines 
einzigen  Muskels,  des  Rectus  extemus,  zur  Folge.  Ihre  Sympto- 
matologie ist  sehr  einfach.* 

Defect  der  absoluten  Beweglichkeit  nach  aussen  hin,  so  daBS 
der  Bulbus   nur  mit  Anstrengung  (mit   zuckenden,   zitternden  Be- 


Aagemnnskell&hmuDgen.  Trochlearisl&hmung.  Abducenslähmung.  Verlauf.    453 

wegnngen)  oder  gar  nicht  ttber  die  Mittellinie  nach  aussen  geführt 
werden  kann,  dieselbe  oft  nicht  einmal  mehr  erreicht  (bei  secnndärer 
Gontractor).  —  Deviation  des  Auges  nach  innen:  Strabismus  con- 
YCSl^ns.  —  Diplopie  im  ganzen  äusseren  Theil  des  Blickfeldes,  von 
der  Mittellinie  an;  Doppelbilder  lateral,  gleichnamig,  ihre  Distanz 
mit  der  Bewegung  des  Objects  nach  aussen  zunehmend.  —  Secun- 
därablenkung  nach  innen,  sehr  ausgesprochen.  —  Kopfdrehung  nach 
der  kranken  Seite  hin.  Falsche  Projection  des  Gesichtsfeldes  nach 
aussen.  Schwindelgeftthl  massig,  besonders  dann,  wenn  nur  das 
kranke  Auge  zum  Sehen  bei  rascher  Bewegung  u.  dgl.  benutzt  wird. 
—  Bei  secundärer  Contractur  verbreiten  sich  die  Doppelbilder  auch 
nach  innen  und  oft  ttber  das  ganze  Blickfeld. 

Die  Abducenslähmung  kommt  sehr  häufig  isolirt  vor,  besonders 
nach  rheumatischen  Ursachen:  sie  ist  die  häufigste  rheumatische 
Augenmuskellähmung.  —  Manchmal  tritt  sie  doppelseitig  auf,  so  bei 
Tabes  dorsalis,  oder  nach  acuter  Cerebralmeningitis  u.  dgl. 

Von  weiteren  Erscheinungen  —  ausser  der  gestörten  willkürlichen 
Innervation  —  ist  bei  Augenmuskellähmungen  nichts  bekannt,  lieber 
das  Verhalten  der  reflectorischen  oder  automatischen  Bewegungen  sind 
wie  es  scheint  noch  keine  Versuche  angestellt  (z.  B.  über  die  Stellung 
der  Bulbi  im  Schlaf,  über  die  Reflexbewegungen  auf  Lichtreiz  oder 
Hautreize  u.  dgl.);  es  ist  zu  vermuthen,  dass  man  doch  manchmal  von 
solchen  Untersachungen  Aufschluss  über  den  genaueren  Sitz  des  Lei- 
dens gewinnen  könnte,  da  diese  Bewegungen  bei  eigentlich  centralen 
Lähmungen  gelegentlich  wohl  auch  erhalten  sein  können. 

Auch  über  die  elektrische  Erregbarkeit  der  Augenmuskeln  bei 
Lähmungen  ist  nichts  bekannt ;  sie  sind  von  dem  Strom^  nicht  mit  sol- 
cher Sicherheit  und  Exactheit  zu  erreichen,  dass  sie  auf  ihre  Erreg- 
barkeit geprüft  werden  könnten;  wenigstens  sind  meine  Bemühungen 
in  dieser  Richtung  vergeblich  gewesen. 

Der  Verlauf  der  Augenmuskellähmungen  ist  je  nach  den  zu 
Grunde  liegenden  pathologischen  Vorgängen  ein  äusserst  verschiedener. 

Der  Eintritt  der  Lähmung  geschieht  oft  ganz  plötzlich,  ttber 
Nacht,  z.  B.  bei  den  rheumatischen,  apoplektischen  Formen.  Andere 
Male  ist  die  Entwickelung  eine  schleichende  und  allmälige,  mit  er- 
heblichen Schwankungen  einhergehende:  so  bei  Syphilis,  bei  Neu- 
ritis, bei  chronischen  Centralerkrankungen  u.  s.  w.  —  Die  Kranken 
empfinden  zunächst  eine  gewisse  Unbequemlichkeit  beim  Sehen,  be- 
sonders in  gewissen  Blickrichtungen;  allmälig  oder  plötzlich  mani- 
festirt  sich  dieselbe  dann  als  deutliches  Doppelsehen.  Je  nach  den 
befallenen  Muskeln  ist  die  Behinderung  bei  allen  möglichen  Beschäf- 
tigungen eine  mehr  oder  minder  grosse.    Fast  immer  aber  empfin- 


454  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

den  die  Kranken  das  Leiden  als  eine  sehr  erhebliche  Störung  ihres 
Sehvermögens. 

Auf  dem  erreichten  Orade  der  Parese  oder  der  yollständigen 
Paralyse  kann  dann  die  Sache  für  längere  oder  kürzere  Zeit  sta- 
tionär bleiben.  Früher  oder  später  stellen  sich  secundäre  C!ontrac- 
tnren  ein,  welche  die  Symptome  noch  steigern  and  die  Rtlc^ehr 
zur  Norm  erheblich  erschweren  und  verzögern  können.  Häufig  sieht 
man  erhebliche  Schwankungen  in  der  Intensität  der  Störung  ein- 
treten; das  ist  besonders  der  Fall  bei  central  bedingten  Paresen, 
besonders  bei  Tabes;  hier  kann  das  Doppelsehen  oft  wochenlai^ 
ganz  verschwinden  und  dann  wiederkehren.  —  Tritt  Heilung  ein, 
so  bessert  sich  zunächst  gewöhnlich  die  absolute  Beweglichkeit  wie- 
der, während  die  Diplopie  länger  bestehen  bleibt;  allmälig  jedoch 
rücken  auch  die  Doppelbilder  näher  zusammen,  sind  schliesslich  nur 
noch  an  den  Grenzen  des  Blickfeldes  vorhanden,  und  verschwinden 
endlich  ganz ;  mit  ihnen  verlieren  sich  die  Sehstörungen,  das  Schwhi- 
delgetUhl,  die  abnorme  Kopfhaltung;  am  längsten  leisten  oft  die 
Secundärcontracturen  Widerstand;  bleiben  dieselben  fttr  die  Dauer 
bestehen,  so  kann  sich  daraus  ein  concomitirender  Strabismus  ent- 
wickeln. —  In  unheilbaren  Fällen  bleibt  die  Deviation  des  Auges 
eine  dauernde,  so  wie  sie  durch  die  Contractur  des  Antagonisten 
bestimmt  wird,  und  es  stellt  sich  damit  ebenfalls  ein  bleibender 
Strabismus  ein. 

Die  Dauer  der  Augenmuskellähmungen  ist  ebenfalls  eine  äusserst 
verschiedene;  das  hängt  zum  grössten  Theil  von  ihrer  Ursache  ab. 
Rheumatische  Lähmungen  pflegen  meist  nur  kurze  Zeit,  wenige 
Wochen,  selten  viel  länger,  zu  dauern;  ich  habe  mehrfach  rheuma- 
tische Abducenslähmungen  bei  galvanischer  Behandlung  in  weniger 
als  drei  Wochen  heilen  sehen.  Syphilitische  Lähmungen  können 
Monate  und  Jahre  lang  bestehen  und  endlich  doch  noch  heilen. 
^  Dasselbe  gilt  von  vielen  centralen  Lähmungen,  die  an  sich  schon 
auffallende  Schwankungen  zeigen.  Unheilbare  Fälle  haben  natürlich 
eine  unbegrenzte  Dauer. 

Diagnose.  Hier  handelt  es  sich  zunächst  um  Feststellung  des 
befallenen  Muskels  und  Nerven;  die  Anhaltspunkte  dafür 
sind  in  der  oben  gegebenen  Symptomatologie  enthalten.  Doch 
kommen  complicirte' Fälle  vor,  in  welchen  mehrere  Muskeln  oder 
beide  Augen  erkrankt  sind,  und  welche  deshalb  oft  diagnostiBofa 
äusserst  schwierig  zu  entwirren  sind.  Vgl.  darüber  die  Specialwerke 
und  besonders  die  ausgezeichnete  Arbeit  von  A.  v.  Gräfe. 
IJl   In  zweiter  Linie  ist  die  Art  der   zu   Orunde   liegenden 


Augenmuskell&hinungen.    Diagnose.    Prognose.  455 

Veränderung  zu  ermitteln  —  eine  wichtige  und  nicht  immer  leichte 
Angabe.  Sie  wird  nach  allgemein  pathologischen  Grundsätzen  zu 
lösen  sein,  unter  Berttoksichtigung  der  Ursachen,  des  Verlaufs,  vor- 
ausgegangener Krankheiten,  begleitender  Symptome  u.  s.  w. 

Schwieriger  ist  häufig  die  Diagnose  des  Ortes  der  Läsion. 
Zunächst  hat  man  zu  entscheiden,  ob  es  sich  um  eine  centrale  oder 
eme  periphere  Lähmung  handle.  Das  ist  nur  dann  leicht,  wenn  die 
einwirkenden  Schädlichkeiten  genau  bekannt,  oder  wenn  gleichzeitig 
andere  Symptome  vorhanden  sind,  welche  die  Localisation  des  Lei- 
dens ermöglichen  (entweder  Oehimerscheinungen,  Schwindel,  Sinnes- 
störungen, Hemiplegie,  Spinalerscheinungen  u.  s.  w.,  oder  Erschei- 
nungen irgend  welchen  Orbitalleidens,  oder  von  Erkrankungen  an 
der  Schädelbasis  u.  s.  w.).  Wo  diese  Anhaltspunkte  fehlen  und  be- 
sonders bei  isolirten  Lähmungen  muss  man  sich  häufig  mit  einer 
grösseren  oder  geringeren  Wahrscheinlichkeit  begnügen.  Leider  kann 
die  elektrische  Untersuchung  hier  nicht  diagnostisch  verwerthet  wer- 
den, weil  wir  bisher  mit  keiner  Methode  eine  sichere  und  ungefähr- 
liche isolirte  Reizung  der  Augenmuskeln  und  ihrer  Nerven  ausftlhren 
können.  —  Einigen  Anhalt  in  dieser  Beziehung  gewähren  die  fol- 
genden Punkte:  bei  peripherem  Sitze  ist  häufiger  die  Lähmung  eine 
vollständige,  als  bei  centralem  Ursprung:  bei  peripheren  Lähmungen 
ist  die  Fusionsbreite  gewöhnlich  eine  grössere,  als  bei  centralen 
Lähmungen;  das  Vorkommen  von  gleichzeitiger  galvanischer  Hyper^ 
ästhesie  des  Acusticus  scheint  ebenfalls  ftlr  centralen  Ursprung  zu 
sprechen. 

Bei  wahrscheinlich  peripherem  Sitze  ist  wieder  zu  entscheiden, 
m  welcher  Höhe  der  Faserung,  ob  an  der  Schädelbasis  oder  in  der 
Orbita,  die  Läsion  ihren  Sitz  hat.  Begleitende  Erscheinungen  von 
Seiten  anderer  Himnerven  oder  Augenhöhlennerven,  die  ätiologischen 
Momente  n.  dgl.  können  hier  oft  Aufschluss  geben.  Beim  Oculomo- 
torius  ist  vielleicht  das  Befallensein  einzelner  Zweige,  die  Mitbe- 
theiligung  oder  das  Freibleiben  der  Pupille  und  der  Accommodation 
für  die  genauere  Localisation  zu  verwerthen. 

Auch  bei  centralem  Sitze  der  Erkrankung  sind  wieder  mehrfache 
Localisationen  möglich,  die  aus  der  Diagnostik  der  Herderkrankun- 
gen des  Gehirns  zu  entnehmen  sind;  hier  gibt  die  gekreuzte  oder 
gleichseitige  Faciallähmung  oder  Hemiplegie,  vorhandene  Aphasie, 
nachweisbare  Bulbärparalyse  oder  Spinalaffection  die  nöthigen  An- 
haltspunkte.   Wir  können  auf  dieselben  hiermit  nur  kurz  hinweisen. 

Die  Prognose  hängt  der  Hauptsache  nach  von  der  Krankheits- 
ursache ab.    In  rheumatischen  Fällen  ist  sie  fast  absolut  günstig. 


456  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

obwohl  auch  hier  einzelne  Fälle  nnr  schwer  oder  selbst  gar  nicht 
zur  Heilang  gelangen.  Traumatische  Angenmuskellähmongen  Yer- 
laufen  ebenfalls  meist  gtlnstig.  —  Bei  Compressionslähmungen  richtet 
sich  die  Prognose  nach  der  Natur  des  comprimirenden  Momentes. 
—  Syphilitische  Lähmungen  gewähren  nur  eine  zweifelhafte  Prognose, 
da  durchaus  nic]|^t  alle  Fälle  einer  geeigneten  antisjphilitisch^i  Be- 
handlung weichen.  —  Diphtheritische  lühmung  fast  absolut  gftnstig; 
die  centralen  Lähmungen  dagegen  meist  zweifelhaft ;  hier  richtet  sich 
die  Prognose  yielfach  nach  dem  Grundleiden;  allein  selbst  bei  un- 
heilbaren Centralafifectionen  kann  die  Prognose  der  begleitenden 
Augenmuskellähmungen  eine  relativ  gttngstige  sein :  so  bei  Tabes,  bei 
Himapoplexien. 

Im  Uebrigen  ist  zu  erwähnen,  dass  vollständige  LAhmungen, 
die  eine  Zeit  lang  als  solche  bestanden  haben,  eine  ungünstigere 
Prognose  geben,  als  unvollständige  Lähmungen  von  selbst  viel  län- 
gerer Dauer.  Weniger  günstig  ist  die  Prognose,  wenn  während  der 
Behandlung  die  absolute  Excursionsbreite  rascher  wächst,  als  die 
Annäherung  der  Doppelbilder;  solche  Fälle  heilen  langsam.  Günstig 
ist  es,  wenn  durch  die  galvanische  Behandlung  sofort  ein  deutlicher 
momentaner  Erfolg  erzielt  wird. 

Therapie.  In  Betreff  der  zunächst  zu  erftillenden  Causal- 
indication  braucht  hier  nicht  auf  Einzelnes  eingegangen  zu  werden. 
Es  genüge,  hier  an  die  Behandlung  traumatischer  Einwirkungen, 
rheumatischer  Affectionen  (Wärme,  Diaphorese,  Vesicantien,  Jod- 
kalium u.  s.  w.),  der  Syphilis,  centraler  Affectionen,  besonders  der 
Tabes  u.  dgl.  zu  erinnern,  welche  hierbei  am  meisten  in  Frage  kommen. 

Unter  den  directen  Mitteln  ist  das  wichtigste  die  Elektricität 
Sie  wird  nach  den  bekannten  (s.  o.)  allgemeinen  Principien  ange- 
wendet. Die  Applicationsweise  derselben  hat  in  vielen  Fällen  neben 
der  directen  antiparalytischen  Wirkung  auch  die  mögliche  ErftHlang 
der  Causalindication  zu  berücksichtigen.  Die  galvanische  Behandlung 
ist  der  faradischen  vorzuziehen,  weil  wir  bei  der  ersteren  aus  be- 
kannten physikalischen  Gründen  mehr  Sicherheit  darüber  haben,  dass 
die  nöthige  Menge  von  Stromschleifen  die  in  betiüchtlicher  Tiefe  ge- 
legenen Gebilde  erreicht,  um  welche  es  sich  hier  handelt. 

Methode  der  Galvanisation:  Stabile  Einwirkung  des  Stromes 
(in  abwechselnder  Richtung)  je  nach  Lage  der  Läsion  —  in  der 
Orbita,  in  der  mittleren  oder  hinteren  Schädelgrube  —  quer  dorch 
die  Schläfen,  oder  die  vordere  Ohrgegend  oder  durch  die  Processus 
mastoidei;  eventuell  auch  längs  vom  Auge  zum  Nacken.  —  (Die 
ausserdem  eingeleitete  Galvanisation  des  gleichseitigen  Sympatbicns 


Aogenmuskellähiiiiingen.    Therapie.  457 

am  Halse  Bcheint  nicht  ohne  Vortheil  zu  sein.  Benedict.)  —  Für 
die  directe  Wirkang  auf  die  gelähmten  Muskeln  empfiehlt  sich :  Anode 
im  Nacken,  Kathode  labil  über  den  geschlossenen  Angenlidern,  speciell 
an  den  Stellen,  welche  den  gelähmten  Muskeln  entsprechen.  Man 
wähle  schwache  Ströme,  so  dass  gerade  mit  Kathode  labil  deutliche 
Zuckungen  von  den  Fadaliszweigen  her  entstehen ;  kurze  Dauer  der 
Sitasungen  (2 — S  Min.),  Vermeidung  allzustarker  Stromschwankungen 
(Unterbrechungen,  Wendungen).  Sehr  zweckmässig  erscheint  die  von 
Bnzzard  (Lancet  1875.  Oct.  2)  empfohlene  Anwendung  des  Fingers 
als  Augenelektrode.  Die  Erfolge  der  galvanischen  Behandlung  sind 
in  vielen  Fällen  ausserordentlich  günstig;  meist  ist  ein  deutlicher 
momentaner  Erfolg  zu  consfatiren,  der  sich  durch  Besserung  der 
absoluten  Beweglichkeit  und  grössere  Annäherung  der  Doppelbilder 
verräth.  Die  Grösse  und  Dauer  dieses  Erfolges  bedingt  die  grössere 
oder  geringere  Baschheit  der  Heilung.  In  vielen  Fällen  hat  man  sich 
aber  auch  bei  der  galvanischen  Behandlung  mit  grosser  Geduld  zu 
wappnen,  und  manche  wird  man  Monate  lang  umsonst  galvanisiren. 

Methode  der  Farad isation :  Directe  faradische  Reizung  in  der 
Gegend  der  betreffenden  Muskelansätze  entweder  über  den  geschlos- 
senen Lidern  mittelst  einer  feinen  Schwammelektrode,  oder  vom  Con- 
jnnctivalsack  aus  mittelst  eines  als  Elektrode  dienenden  feinen  Haar- 
pinsels. Auch  die  Iris  hat  man  bei  Mydriasis  von  der  Sclera  aus 
mit  feinen  Elektroden  direct  behandelt;  das  ist  aber  em  schmerz- 
haftes Verfahren.  —  Ströme  nicht  zu  stark ;  Sitzungen  kurz.  —  Auch 
von  der  Faradisation  sieht  man  in  vielen  Fällen  Erfolge. 

Von  sonstigen  Mitteln  ist  wenig  zu  sagen:  empirisch  hat  man 
gefunden,  dass  Jodkalium  in  vielen  Fällen  unbekannter  Genese  von 
evidentem  Nutzen  ist;  subcutane  Injectionen  von  Strychnin  verdienen 
Erwähnung;  Calabar  kann  bei  Mydriasis  von  Nutzen  sein.  Alle 
diese  Mittel  können  gleichzeitig  mit  der  Elektricität  angewendet 
werden. 

Sehr  zweckmässig,  besonders  fUr  die  leichteren  Paresen  und  ftir 
die  Endstadien  der  Lähmung  ist  eine  geeignete  Gymnastik  der 
Augenmuskeln,  theils  durch  Prismen,  welche  die  Fusion  der  Doppel- 
bilder erleichtern,  theils  durch  regelmässige  Uebungen  mit  Fixirob- 
jecten,  die  man  von  der  Region  des  Einfachsehens  langsam  nach  der 
Seite  der  Doppelbilder  bewegen  lässt,  wobei  die  Kranken  das  Ein- 
fachsehen möglichst  lange  zu  erhalten  sich  bestreben  müssen.  Für 
die  Mydriasis  hat  man,  von  der  Beobachtung  ausgehend,  dass  festes 
Zusammenkneifen  der  Augenlider  mit  Verengerung  der  Pupille  eiu- 
hergeht,   sogenannte  „ Kneifttbungen ^   als   zweckmässig  empfohlen; 


458  Ebb,  KraBkheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

ähnlich  wirken  Accommodationsttbangen  fUr  kurze  Distanzen ,  bei 
starker  Convergenz  der  Angenachsen. 

Zur  Ausgleichung  der  durch  die  Doppelbilder  gesetzten  Seh- 
Störungen  kann  man  prismatische  Brillen  nur  selten  benatzen,  da 
die  Distanz  der  Doppelbilder  veränderlich  ist,  und  die  zur  Compen- 
sirung  nöthigen  Prismen  meist  fttr  Brillen  nicht  mehr  brauchbar  und; 
nur  für  kleine  paretische  Abweichungen  können  solche  Prismen  ge- 
nügen und  sind  dann  für  die  Kranken  eine  grosse  Erleichterung. 

Zu  operativen  Eingriffen  (Rttck-  und  Vorlagerung  von  Muskdn) 
wird  man  sich  nur  dann  entschliessen  dürfen,  wenn  alle  Aussichtea 
auf  Heilung  oder  selbst  nur  auf  Besserung  der  Lähmung  völlig  ge- 
schwunden sind;  diese  Operationen  haben  dann  auf  Grund  der  von 
der  Ophthalmologie  dafür  aufgestellten  Indicationen  zu  geschehen. 

Als  Palliativmittel  (gegen  die  von  den  Doppelbildern  ausgehende 
Unbequemlichkeit)  kann  man  eine  Brille  mit  mattem  Glas  vor  dem 
kranken  Auge  tragen  lassen. 

b)  Lähmung  im  Gebiet  der  motorischen  Portion  des 
Trigeminus.  —  KaumuskeUähmung.  —  Masticatorisclie 

Gesichtslähmung. 

C.  Bell,  1.  c.  S.  217.  —  Romberg,  1.  c.  S.  59.  1851.  —  A.  Eulenburg, 
1.  c.  S.  492.  —  Benedict,  Elektrotherapie.  1868.  S.  307.  —  Bärwinkel,  Zur 
Pathol.  d.  Trigeminus.  IL  Diplegia  trigem.  motoria  Arch.  f.  klin.  Med.  yn. 
S.  608.  1874. 

Die  motorischen  Fasern  des  Trigeminus  verbreiten  sich  vor  Allem 
in  den  Kaumuskeln  (M.  masseter,  temporalis,  pterygoideus  extern, 
und  intern.)  gehen  ausserdem  zu  einem  Muskel  des  Gaumensegels 
(M.  sphenostaphylinus)  und  zum  M.  tensoc  tympani  (vom  GangL  otic 
her)  und  endlich  zum  M.  mylohyoideus  und  biventer  mandibulae 
(durch  Vermittelung  des  Nerv,  mylohyoideus).  Für  die  Praxis  kommt 
eigentlich  nur  die  Lähmung  der  Kaumuskeln,  als  besonders  auffiül^nd 
und  wichtig  in  Frage. 

Auch  diese,  die  Kaumuskellähmung,  ist  eine  im  (Ganzen 
seltene  Erscheinung,  da  die  betreffenden  Nerven  wegen  ihrer  tiefen 
und  geschtltzten  Lage  von  äusseren  Schädlichkeiten  (Ei^ltung, 
Traumen  u.  s.  w.)  nicht  leicht  erreicht  werden.  Häufiger  noch  sind 
es  intracranielle,  besonders  basale  Erkrankungen,  welche  die  moto- 
rische Portion  des  Quintus  in  Mitleidenschaft  ziehen:  so  Periostitis, 
Exostosen,  Caries  der  Knochen  an  der  Bchädelbasis ,  Extinvasate, 
Aneurysmen,  Tumoren  aller  Art,  welche  den  3.  Ast  des  Trigeminus 
innerhalb  oder  ausserhalb  des  Schädels,  betheiligen;  endlich  sind  es 


Motorische  Trigeminuslähmiing.  459 

besonders  cerebrale  Affectionen ,  speciell  Affectionen  des  Pons  und 
der  HeduUa  oblongata,  welcbe  za  Lähmung  der  Eaamnskeln  auf 
einer  oder  auf  beiden  Seiten  fahren.  So  hat  man  wiederholt  doppel- 
seitige Kaamnskellähmnng  als  Theilerscheinnng  bestimmter  Formen 
der  sogenannten  Bnlbärparalyse  beobachtet.  Bärwinkel  hat  jüngst 
einen  derartigen  Fall  beschrieben  und  ich  selbst  habe  deren  mehrere 
gesehen. 

Die  Symptome  der  masticatorischen  Lähmung  sind  sehr  ein- 
fach. Ist  dieselbe  einseitig,  so  besteht  auf  der  betreffenden  Seite 
Erschwerung  oder  Unmöglichkeit  des  Eauens.  Die  Kranken  kauen 
ausschliesslich  mit  der  gesunden  Seite.  Weder  durch  das  Gefühl 
noch  durch  das  Gesicht  ist  eine  Gontraction  des  Masseter  oder  Tem- 
poralis  wahrzunehmen,  die  sich  auf  der  gesunden  Seite  deutlich  als 
eine  periodisch  wiederkehrende  Härte  und  Anschwellung  markirt. 
Die  Seitwärts  bewegung  nach  der  gesunden  Seite  hin  ist  wegen  Läh- 
mung der  Pterygoidei  unmöglich.  —  Bei  doppelseitiger  Lähmung 
besteht  zuerst,  so  lange  nur  Parese  vorhanden  ist,  nur  sehr  rasches 
Ermüden  im  Kauen :  die  Kranken  können  allmälig  Fleisch,  trockenes, 
hartes  Brod  nicht  mehr  klein  kriegen,  sie  müssen  häufige  Pausen 
im  Kauen  machen,  und  schliesslich,  wenn  die  Muskeln  völlig  ihren 
Dienst  versagen,  hängt  der  UnterUefer  schlaff  und  kraftlos  herab. 
Manchmal  tritt  hochgradige  Atrophie  der  Muskeln  ein,  durch  das 
Gefühl  leicht  erkennbar  an  den  Vertiefungen  in  der  Gegend  der  Kau- 
muskeln. Auch  secundäre  Gontracturen  können  sich  in  den  gelähm- 
ten Muskeln  entwickeln  und  dadurch  den  Unterkiefer  dauernd  heben. 

Das  elektrische  Verhalten  der  gelähmten  Muskeln  (die  nur  durch 
directe  Reizung  und  ziemlich  schwierig  in  Gontraction  zu  versetzen 
sind)  ist  noch  nicht  hinreichend  untersucht.  Ich  fand  in  einem  Falle 
offenbar  peripherer  Lähmung  faradische  und  galvanische  Erregbarkeit 
erloschen;  bei  Bnlbärparalyse  soll  massige  Venninderung  derselben 
bestehen;  Bärwinkel  fand  in  seinem  Falle  die  faradische  Erreg- 
barkeit erloschen,  die  galvanische  erhalten,  aber  vermindert  (3  Mo- 
nate nach  Beginn  des  Leidens). 

Als  Begleiterscheinung  der  Kaumuskellähmung  trifft  man  nicht 
selten  Lähmungen  benachbarter  Gebimnerven,  der  Augenmuskel- 
nerven, des  Facialis  u.  s.  w.;  sehr  gewöhnlich  Anästhesie  des  Trige- 
minus,  manchmal  auf  den  3.  Ast  beschränkt;  seltener  Geschmacks- 
störung auf  der  vordem  Zungenhälfte;  ausserdem  in  vielen  Fällen 
die  mannichfachsten  Symptome  des  Grundleidens,  in  dessen  Krank- 
heitsbild die  masticatorische  Lähmung  nur  eine  Theilerscheinnng  bildet. 

Von  einer  Lähmung  des  Sphenostaphylinus  ist  bisher  bei  Kau- 


460  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerren. 

muskellähmung  nichts  bekannt  geworden;  auch  auf  die  LähmaDg 
des  Tensor  tympani  bat  man,  wie  es  scbeint,  bisher  zu  wenig  ge- 
achtet, doch  sprechen  die  jüngst  pnblicirten  Resultate  der  Unter- 
suchungen Lucae's  (Berl.  klin.  Woch.  1874.  No.  14.  16.  17)  dafllr, 
dass  es  möglich  sei,  die  Lähmung  dieses  Muskels  (an  abnormer  Hoch- 
hörigkeit und  subjectivem  tiefen  Oei^usch)  zu  diagnosticiren. 

Die  Diagnose  der  Kaumuskellähmung  unterliegt  bei  einiger 
Äufinerksamkeit  nicht  den  geringsten  Schwierigkeiten;  die  passire 
Beweglichkeit  bei  activer  Unbeweglichkeit  des  Unterkiefers,  das 
Fehlen  der  charakteristischen  Anschwellung  der  Kaumuskeln,  die 
Art  der  Eaustörung  u.  s.  w.  sind  nicht  leicht  fidsch  zu  deuten. 

Die  Prognose  richtet  sich  ganz  nach  der  zu  Grunde  liegenden 
Ursache. 

Diese  ist  denn  auch  bei  der  Therapie  vor  Allem  zu  berück- 
sichtigen  und  ausser  der  causalen  Behandlung  wird  man  nur  eine 
örtliche  elektrische  Behandlung  —  intramusculäre  Faradisation  oder 
Galvanisation  —  empfehlen  können. 

c)  Lähmung  im  Gebiet  des  N.  facialis.  —  Mimische  Ge- 
sichtslähmung. —  Hemiplegia  und  Diplegia  facialis.  — 

Prosopoplegie. 

N.  Friedreich,  De  paralysi  musculorum  faciei  rheomat  Progr.  1797. 
(Deutsch  in  „N.  Friedreich's  verm.  med.  Abhandl.«  Würzb.  1824).  ~  Ch.  Bell, 
PhTsiol.  u.  pathol.  Untersuch.  1832.  —  Gaedechens,  Nervi  facial.  physiol.  et 
patnologia.  Diss.  Heidelb.  1832.  —  Landouzy,  L'h^mipl^e  faciale  cnez  les 
nouveau-n^s.  Paris  1839.  —  Bernard,  De  Talteration  du  ffont  dans  la  paraL  da 
nerf  facial.  Arch.  g^n^r.  de  M^d.  Dec.  1843.  —  Marshall  Hall,  Laneet  May 
1843.  —  Landouzy,  De  T^xalt.  de  Touie  dans  la  paral.  du  n.  facial.  Gas. 
m6d.  de  Par.  1851.  No.  6,  7.  —  Ph.  H.  Wolff,  Oxyokoia  durch  Fadalparalyse. 
Deutsch.  Elin.  1851.  No.  22.  —  C.  Davaine,  Sur  les  paral.  g^n^r.  on  partielles 
des  deux  nerfs  fac.  Gaz.  mäd.  de  Par.  1852.  No.  46—50.  1853.  No.  2,  3  —  B. 
Schulz,  Paralys.  nervi  fac.  excentrica  etc.  Wien.  med.  Woch.  1857.  No.  44.  ■— - 
Ziemssen,  Lähmung  von  Gehlmnerv.  an  d.  Basis  cerebr.  Virch.  Arch.  Xm. 
1858.  ~  Baierlacher,  Bayr.  ärztl.  Intell.  1859.  —  Schulz,  Differ.  elektr.  Ver- 
halten d.  Musk.  bei  Faciall&hm.  Wien.  Woch.  1860.  No.  27.  —  0.  v.  Grüne- 
wald t,  Ueber  Faciall.  Petersb.  med.  Zeitsch.  lU.  1862.  ~  Wachsmnth,  Pro- 
gress.  Bulbärparalyse  u.  Diplegia  fac  Dorpat.  1864.  -r-  W.  Sanders,  Paralys. 
of  the  naiate  in  fac.  palsy.  £dinb  med.  Joum.  1865.  Aug.  —  Ziemssen,  Elektr. 
in  d.  Medic.  3.  Aufl.  1866.  —  Bazire,  Gase  of  facial  paralvsis  etc.  Brit  med. 
Joum.  1867.  Sept.  21.  —  Trousseau,  Med.  Elin.  des  Hotel  Dieu.  Deutsch  v. 
Cullmann.  11.  Bd.  1868.  —  M.  Rosenthal,  Charakteristik  der  verschiedenen 
Arten  v.  Gesichtslähm.  Wien.  med.  Presse.  1868.  —  Pierreson,  Dela  diplägie 
faciale.  Arch.  g^n^r.  1837.  —  Bärwinkel,  Casuist.  d.  doppeläeit.  FaciaU&hm. 
Arch.  d.  Ueilk.  tS67.  —  Erb,  Zur  Pathol.  periph.  Paralysen.  Arch.  f.  klin.  Med. 
IV.  V.  1868.  —  Casuistik:  Zwei  traumat.  Faciafisl.  ibid.  VH.  1870.  —  Brenner. 
Untersuch,  u.  Beob.  z.  Elektroth.  II.  1869.  —  Lucae,  Ueber  Gehörstömng  bei 
Facialisl  Verb.  d.  Berl.  med.  Ges.  I.  1866.  —  Hitzig,  Zur  periph.  Facialisl&hm. 
Berl.  klin.  Woch.  1869.  No.  2.  —  Tillmanns,  Facialisl.  bei  Ohrkrankh.  Diss. 
Halle.  1869.  —  Hitzig,  Auffass.  einiger  Anomal,  d.  Muskelinnervation.  Arch.  t 
Psych,  u.  Nerv.  IH.  1872.  —  Huguenin,  Ueber  die  cerebr.  Lähm,  des  Facialis. 


Facialislähmun^.    Aetiologie.  461 

Gorrespondenzbl.  für  die  Schweiz.  Aerzte.  1872.  No.  7—9.  —  W.  R.  Gowers, 
Notes  on  facial  paralysis.  Lancet  1874.  April  11.  -—  M.  Bernhardt,  Eigen- 
thüml.  Verlauf  einer  (schweren)  peripher.  Lähmung  des  N.  facial.  Arch.  f.  klin. 
Med.  XIV.  S.  433.  1874.  —  üeber  Lähmungen  des  Gesichts-  u.  Hörnerven.  Arch. 
f.  Psych,  u.  Nerv.  VI.  S.  549.  1876.  —  Erb,  üeber  rheumat.  Facialislähmung. 
Arch.  f.  klin.  Med.  XV.  S.  6.  1874.   • 

Vgl.  femer  die  Lehrbücher  der  Nervenkrankheiten  von  Romberg,  Hasse, 
A.  Eulenburg,  M.  Rosenthal  u.  A.  und  die  verschiedenen  Handbücher  über 
Elektrotherapie. 

Die  Facialislähmung  ist  eine  der  häufigsten  Lähmungsfor- 
men. Kaum  ein  anderer  Nerv  des  menschlichen  Körpers  wird  so 
häufig  von  isolirter  Lähmung  befallen,  wie  der  Facialis.  Es  erklärt 
sich  das  theils  aus  der  exponirten,  allen  Schädlichkeiten  ausgesetzten 
Lage  des  Nerven,  theils  aus  seinem  Verlauf  in  einem  langen  und 
engen  Enochenkanal  und  seiner  nahen  Verbindung  mit  allen  mög- 
lichen leicht  erkrankenden  Organen,  theils  endlich  aus  seiner  langen 
Bahn  innerhalb  des  Centralorgans,  so  dass  auch  dessen  Erkrankungen 
sehr  häufig  den  Facialis  betheiligen. 

Die  Facialislähmung  ist  bald  einseitig,  bald,  jedoch  seltener, 
doppelseitig;  sie  kann  als  Parese  erscheinen,  häufiger  jedoch  als 
Paralyse;  sie  kann  complet,  über  alle  Verzweigungen  des  Nerven 
verbreitet  sein,  oder  sie  kann  einzelne  derselben  befallen.  Die  auf- 
fallenden mimischen  Störungen  und  Diffbrmitäten,  die  Beeinträch- 
tigung verschiedener  wichtiger  und  vielgebrauchter  Bewegungen, 
welche  die  Facialislähmung  mit  sich  bringt,  machen  dieselbe  zu  einer 
sehr  lästigen  und  der  subjectiven  wie  objectiven  Beobachtung  sich 
leicht  darbietenden  Krankheit.  Wenn  schon  hierdurch  das  grosse 
Interesse  sich  rechtfertigt,  welches  die  Gesichtslähmung  von  jeher 
den  Aerzten  erregt  hat,  so  wird  dasselbe  noch  gesteigert  dadurch, 
dass  die  Facialislähmung  von  einschneidender  Wichtigkeit  ftlr  die 
Lösung  der  verschiedensten  neurologischen  Probleme  geworden  ist, 
seitdem  man  in  dem  N.  facialis  eine  Vereinigung  von  Nervenbahnen 
verschiedenster  physiologischer  Dignität  kennen  gelernt  hat.  Die 
folgende,  aus  Rücksicht  auf  den  zugemessenen  Raum  äusserst  ge- 
diitoigte  Darstellung  kann  kaum  ein  erschöpfendes  Bild  geben  von 
all  den  zahlreichen  und  wichtigen  Ergebnissen,  welche  in  der  über- 
aus umfangreichen  Literatur  über  Facialparalyse  niedergelegt  und 
durch  zahlreiche  eigene  Erfahrungen  bestätigt  uAd  vermehrt  smd. 

Aetiologie.  Eine  bestimmte  PiiUlisposition  Mr  die  Facialis- 
lähmung gibt  es  nicht;  wenigstens  ist  die  Thatsache,  dass  manche 
Individuen  mehrmals  von  ,,  rheumatischer "  Gesichtslähmung  befallen 
werden,  kaum  in  bestimmter  Weise  zu  erklären.  Wir  kennen  somit 
nur  directe  Ursachen. 


462  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Unter  diesen  ist  jedenfalls  die  wichtigste  und  häufigste  die  Er- 
kältnng.  'Ueber  jeden  Zweifel  festgestellt  und  notorisch  ist  der 
enge  Znsammenhang  zwischen  Einwirkung  einer  Erkältungsarsache 
auf  eine  Oesichtshälfte  und  nachfolgender  Facialpanüyse ,  welch' 
letztere  der  ersteren  oft  unmittelbar  oder  schon  nach  wenigen  Standen, 
seltener  erst  nach  mehreren  Tagen  folgt.  Zahllos  sind  die  m  der 
Casuistik  erzählten  Möglichkeiten  der  Erkältungseinwirkung,  durch 
welche  diese  „rheumatischen*'  oder  besser  „refrigeratorischen*  Fa- 
cialislähmungen  entstehen  (Ausblick  aus  dem  Fenster  bei  Wind, 
Eisenbahnfahrt  bei  o'ffenem  Fenster ,  Schlafen  in  der  Nähe  einer 
feuchten  kalten  Wand,  Zugluft  auf  eine  Oesichtshälfte  u.  s.  w.).  Ueber 
den  eigentlichen  Sitz  und  die  Art  der  diesen  Lähmungen  zu  Onmde 
liegenden  anatomischen  Vei^nderungen  ist  nichts  Sicheres  bekannt; 
ziemlich  verbreitet  ist  jetzt  die  Annahme,  dass  es  sich  dabei  um 
eine  leichte  exsudative  Entzündung  und  Schwellung  des  Neorilemm 
innerhidb  des  Canalis  Fallopiae  handle;  in  leichten  Fällen  soll  das 
Exsudat  ein  seröses,  in  schweren,  langwierigen  Fällen  ein  plastisches 
sein  (Schulz,  Bärwinkel  u.  A.).  Meiner  Meinung  nach  kann  es 
sich  in  allen  solchen  „rheumatischen*'  Fällen  nur  um  eine  und  die- 
selbe Art  der  anatomischen  Veränderung  (wahrscheinlich  leichte  ent- 
zündliche Schwellung  der  Nervenscheide)  handeln  und  nur  die  Ver- 
schiedenheit des  Sitzes  derselben  bedingt  die  verschiedene  Schwere 
des  Falles.  Aus  einer  Zusammenstellung  von  35  brauchbaren  Fällen 
von  rheumatischer  Faoialislähmung ,  die  ich  gemacht  habe  (Arch.  f. 
klin.  Med.  XV.  S.  49)  geht  unzweifelhaft  hervor ,  dass  in  der  Aber- 
grossen  Mehrzahl  der  Fälle  die  rheumatische  Läsion  im  Stamm  des 
Facialis  unterhalb  des  Abgangs  der  Chorda  localisirt  ist  und  dass 
sie  sich  nur  in  wenigen  Fällen  höher  hinauf  erstreckt.  Also  un- 
mittelbar am  Ausgang  des  Ganalis  Fallopiae,  entweder  innerhalb  oder 
ausserhalb  desselben,  haben  wir  in  den  meisten  Fällen  die  rheuma- 
tische Affection  zu  suchen.  BetrifiFt  dieselbe  den  Stamm  des  Nerven 
ausserhalb  des  Gim.  Fallop.,  so  wird  nur  die  Motilität  beeinträchtigt, 
aber  die  Gompression  ist  nicht  enei^isch  genug,  um  völlige  Degene- 
ration des  Nerven  herbeizuftlhren ;  ist  der  Nerv  innerhalb  des  Can. 
Fallop.  befallen,  so  ist  wegen  der  Raumbeschränkung  schon  bei 
massiger  Schwellung  eine  energische  Gompression  des  Nerven  un- 
vermeidlich ,  derselbe  verfällt  der  Degeneration ,  und  wir  haben  es 
mit  einer  schweren  Form  der  Lähmung  zu  thun.  Es  ist  klar,  dasB 
die  verschiedene  Intensität  und  Dauer  des  entzündlichen  oder 
„  rheumatischen "  Processes  modificirend  auf  dieses  nur  im  Allgemeinen 
gültige  Verhalten  einwirken  kann.    Andererseits  iilrird  eine  gr(i6sere 


Facialisl&hmang.    Aetiologie.  463 

oder  geringere  Ausbreitmig  der  Stöning  läng»  des  Nerven  innerhalb 
des  Fallopisehen  Kanals  wieder  ganz  bestimmte  Verschiedenheiten 
in  dem  Symptomenbild  hervorbringen  müssen,  die  ftlr  die  Localdia- 
,gii08e  verwerthet  werden  können. 

Gewöhnlich  denkt  man  sich,  wie  hei  allen  rheomatischen  Affec- 
tionen,  auch  die  rhenmatische  Läsion  des  Facialis  auf  reflectorischem 
Wege  von  der  äareh  den  Kältereiz  getroffenen  #Haut  aus  entstanden. 
Allein  die  notorisch  häufigste  Localisation  dieser  Läsion  am  untersten, 
dicht  anterhalb  des  äusseren  Gehörganges  liegenden  Abschnitte  des 
Nervenstammes  gibt  zu  erwägen,  oh  nicht  dieser  relativ  oberflächliche 
(bekanntlich  der  elektrischen  Reizung  direct  hier  zugängliche)  Theil  des 
Facialis  direct  von  dem  Kältereiz  getroffen  sein  könnte.  Es  ist  eine 
recht  plausible  Vorstellung,  zu  denken,  dass  der  notorisch  fast  immer 
durch  directe  Kälteeinwirkung  auf  die  betreffende  Gesichtshälfte  ent- 
stehende Krankbeitsvorgang  regelmässig  an  der  in  der  Fossa  mastoidea 
gelegenen  Partie  des  Nerven  einsetzt  und  sich  von  hier  je  nach  In- 
tensität und  Daner  der  „  rheumatischen  ^  Schädlichkeit  bald  mehr  bald 
weniger  weit  gegen  den  Canalis  Fallop.  und  in  diesen  hinein  fortsetzt 
und  so  die  verschiedenen  Formen  und  Varietäten  der  rheumatischen 
Gesichtslähmung  hervorbringt.  Wenn  nur  ein  günstiger  Zufall  einmal 
genaue  anatomische  Untersuchung  solcher  Fälle  gestattete! 

Traumatische  Einwirkungen  sind  eine  nicht  seltene  Ver- 
anlajBSung  von  Gesichtslähmungen:  nach  einer  tttchtigen  Ohrfeige 
(Hirsch) y  durch  den  Stoss  eines  Ochsen,  dessen  Hom  in  der  Ohr- 
gegend eindrang  (Bell),  durch  die  verschiedenartigsten  Verletzungen, 
Schusswanden,  Schädelbrtlche ,  Fracturen  des  Felsenbeins,  in  das 
innere  Ohr  eindringende  Waffen  u.  s.  w.  hat  man  Facialisparalyse 
entstehen  sehen ;  sehr  gewöhnlich  ist  dieselbe  bei  ohimi^chen  Ope- 
rationen im  Gesicht  und  in  der  Obliegend,  besonders  bei  Parotis- 
exstirpationen  u.  dgl.,  endlich  ist  bei  mit  der  Zange  entwickelten 
Neugeborenen  manchmal  Facialparalyse  durch  Zangendruck  vor- 
handen (Landouzy,  Oslander). 

Gompression  des  Nerven  oder  einzelner  Zweige  durch  Affec- 
tionen  der  Parotis  und  anderer  benachbarter  Theile  kann  Lähmung 
des  Facialis  bewirken;  so  Abscesse,  Phlegmonen,  Tumoren bildung 
in  der  Parotis;  geschwollene  Lymphdrüsen  hinter  dem  Unterkiefer- 
ftst;  tie%reifende  Ulcerationen  und  Narben,  z.  B.  nach  scropholösen 
Drttoen  Vereiterungen. 

Sehr  mannichÜEtch  sind  die  causalen  Beziehungen,  welche  zwi- 
schen Ohrenkrankheiten  und  Fadalislähmung  bestehen.  Craig 
will  durch  AnhäuAmg  verhärteten  Cemmens  im  Geh((rgang  eine 
solche  Lähmung  bedingt  gesehen  haben  und  sah  sie  nach  Entfernung 
desselben  heilen.    Am  häufigsten  ist  jedenfalls  die  eitrige  Otitis  in- 


464  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nenr^. 

tema  mit  begleitender  Caries  des  Felsenbeins  Ursache  von  Gesichts- 
lähmung: das  ist  in  zahllosen  Fällen  beobachtet  worden  und  erklärt 
sich  theils  durch  eitrige  Erweichung  und  Zerstörung  des  Facialis- 
Stammes,  theils  durch  eine  secundäre  comprimirende  Neuritis,  welche 
durch  den  cariösen  Process  innerhalb  des  Ganal.  Fall,  ange&cht 
wird.  Die  grosse  Ausdehnung,  in  welcher  der  Facialis  der  Pauken- 
höhle unmittelbar  Anliegt,  lässt  die  Häufigkeit  dieses  Zusammen- 
hanges erklärlich  erscheinen.  —  Ebenso  leicht  verständlich  ist  es, 
dass  Knochengeschwtllste  und  Neubildungen  aller  Art,  die  Tom 
innem  Ohr  ausgehen,  gelegentlich  den  Facialis  comprimiren  und 
lähmen.  —  Weniger  sichergestellt  ist  der,  wie  es  scheint,  unzweifel- 
hafte Zusammenhang  von  einfachem  und  eitrigem  Katarrh  des  Itittel- 
ohres  mit  Gesichtslähmung.  Tillmanns  vertritt  mit  vielem  Eifer 
die  auch  von  anderen  Autoren  (Wilde,  Deleau,  v.  Tröltsch  u.  A.) 
schon  angedeutete  Ansicht,  dass  sehr  häufig  katarrhalische  Erkran- 
kungen des  Mittelohres  sich  auf  den  Faciidis  fortpflanzen  und  so 
Lähmung  verursachen,  und  glaubt,  dass  viele  Fälle,  die  gewöhnlich 
als  rheumatische  bezeichnet  werden,  durch  das  Mittelglied  eines 
Mittelohrkatarrhs  zu  Stande  kommen.  Die  Möglichkeit  eines  solchen 
Zusammenhanges  wird  durch  die  Nähe  des  Nerven,  der  nur  dnrch 
eine  ganz  dtlnne  Knochenlamelle  oder  stellenweise  nur  durch  fibröses 
Gewebe  von  der  Paukenhöhlenschleimhaut  getrennt  ist,  und  der 
ausserdem  2  Zweige  in  die  Paukenhöhle  sendet  und  mit  ihr  eine 
gemeinschaftliche  ernährend^  Arterie  besitzt,  sowie  endlich  dnrch 
Vorftlhrung  einer  Reihe  von  Fällen  zu  erweisen  gesucht.  Der  Ver- 
lauf dieser  Fälle,  die  vorausgehenden  und  begleitenden  Gehörs- 
störungen, sowie  der  objective  Ohrbefund  werden  solche  Fälle  von 
den  einfach  rheumatischen  unterscheiden  lassen. 

Eine  nicht  seltene  Ursache  von  Faciallähmungen  ist  die  Sy- 
philis, deren  an  der  Schädelbasis,  im  Felsenbein,  oder  im  Gehirn 
selbst  auftretende  Producte  (Gummata,  Periostitis,  Meningitis,  Exo- 
stosen u.  s.  w.)  sehr  häufig  den  Facialis  in  Mitleidenschaft  ziehen. 
Besonders  die  syphilitischen  Basalerkrankungen  betheiligen  neben 
anderen  Nerven  sehr  häufig  den  Facialis. 

Die  verschiedensten  intracraniellen  Processe  können  von 
Facialisparalyse  begleitet  sein,  und  zwar  kann  man  hier  mehrere 
Gruppen  unterscheiden.  Einmal  die  Basallähmungen ,  entstanden 
durch  Erkrankung  oder  Compression  des  Nerven  an  der  Schädel- 
basis (Aneurysmen,  Exsudate,  Tumoren  aller  Art);  sie  haben  den 
Charakter  peripherer  Lähmungen ;  femer  Lähmungen  im  Gebiete  der 
Facialiskeme ,   der  Medulla  und  des  Pons,    am  häufigsten  bedingt 


Facialislähmang,    Aetiologie.'  465 

durch  chronisch  entzUndliche  Processe  (progressive  Bulbärparalyse, 
multiple  Sklerose)  daselbst,  oder  durch  Tumoren  und  durch  kleine 
apoplektische  und  Erweichungsherde ;  ferner  Lähmungen  der  Facialis- 
fasemng  in  ihrem  Verlaufe  durch  die  Himschenkel,  längs  der  Gen- 
tralganglien  und  im  Stabkranz;  hierher  gehören  die  so  häufigen 
apoplektischen  und  ischämischen  Lähmungen,  meist  verbunden  mit 
mehr  oder  weniger  verbreiteter  Hemiplegie,  selten  ganz  isolirt  und 
auf  den  Facialis  beschränkt  (Duplay);  endlich  Lähmungen  durch 
Erkrankung  der  motorischen  Gentren  in  der  Hirnrinde  bei  den  ver- 
schiedenartigsten Rindenaffectionen:  Abscessen,  Tumoren,  diffusen 
Entzündungen  u.  s.  w.  Hierher  gehört  der  mehrfach  citirte  Fall  von 
Hitzig  (Arch.  f.  Psych.  HL  S.  231:  Facialisparese  bei  Abscess  im 
anderseitigen  Klappdeckel),  auch  wahrscheinlich  ein  Fall  von  L  e  a  r  e  d 
(Lancet  1 869.  March  6 :  Lähmung  des  rechten  Facialis  und  Abducens 
in  Folge  eines  mehrere  Wochen  nach  einem  Schlag  auf  das  linke 
Scheitelbein  entstandenen  Himabscesses) ;  hierher  wohl  auch  die 
Paresen  im  Facialisgebiet ,  welche  nicht  selten  bei  diffusen  Rinden- 
affectionen, bei  Dementia  paralytica  u.  dgl.  zu  beobachten  sind  und 
sich  besonders  beim  Zeigen  der  Zähne  und  ähnlichen  Bewegungen 
verrathen. 

Bei  spinalen  Affectionen  sind  Facialislähmungen  selten, 
kommen  jedoch  vor,  sobald  sich  der  Process  bis  herauf  in  die  Höhe 
der  Rautengrube,  zum  Facialiskem  verbreitet ;  das  ist  manchmal  der 
Fall  bei  der  Paralysis  ascend.  acuta,  und  bei  Tabes  dorsalis  besteht 
manchmal  Gesichtslähmung  neben  partieller  Oculomotoriuslähmung, 
Sehnervenatrophie  u.  dgl.  Hie  und  da  werden  Facialislähmungen 
nach  acuten  Krankheiten  (Typhus,  Scharlach,  Blattern,  Diphthe- 
ritis  u.  s.  w.)  beobachtet.  —  Auch  nach  schweren  Gemtithsbewegungen, 
heftigem  Schreck  will  man  sie  haben  entstehen  sehen. 

Symptome.  Häufig  geschieht  es,  dass  die  Erscheinungen  der 
Gesichtslähmung  ganz  plötzlich  sich  entwickeln,  dass  die  Kranken 
am  Morgen  mit  derselben  erwachen,  oder  sie  bei  einem  Blick  in  den 
Spiegel  zufällig  entdecken  oder  erst  von  ihrer  Umgebung  darauf 
aufmerksam  gemacht  werden.  Seltener  ist  eine  ganz  allmälige  Ent- 
wicklung, ein  Weiterschreiten  von  Ast  zu  Ast,  ein  allmäliger  Ueber- 
gang  der  leichtesten  Parese  zu  völliger  Paralyse.  Manchmal  werden 
Stunden  oder  Tage  lang  Vorboten  beobachtet:  Schmerzen  in  der 
Ohrgegend  und  der  betreffenden  Gesichtshälfte  oder  im  Ohre  selbst, 
subjective  Geiüusche  im  Ohr,  Schwerhörigkeit,  in  manchen  Fällen 
auch  perverse  Geschmacksempfindungen  (metallischer,  saurer,  sttss- 
lieber,   kühlender  Geschmack)  auf  der  betreffenden   Zungenhälfte; 

Handbaoh  d.  tpec.  Pathologie  n.  Therapie.  Bd.  XII.  1.    2.Aafl.  30 


466  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-eerebrospinalen  Nerven. 

und  auch  dann  geschieht  es,   dass  mehr  oder  weniger  plötzlich  die 
Eracheinongen  der  Fadalislähmung  eintreten. 

Dieselben  sind  im  höchsten  Grade  auffallend  und  besonders  bei 
completer  einseitiger  Lähmung  sofort  in  höchst  charakteristischer 
Weise  in  die  Augen  springend.  Die  gelähmte  Gesichtshälfte  erscheint 
glatt,  schlaff,  ausdruckslos,  ohne  Falten,  Runzeln  oder  GrUbcheo, 
„wie  glatt  gebügeÜ.'^  Das  Auge  steht  auffidlend  weit  offen  und 
Üiränt ;  der  Mundwinkel  hängt  etwas  herab ,  ist  leicht  geöffnet  nnd 
lässt  Speichel  ausfliessen;  der  ganze  Mund  ist  schief  nach  der  ge- 
sunden Seite  gezogen,  ebenso  die  Nasenspitze  nach  der  gesondmi 
Seite  gezerrt.  Jede  Anregung  zu  mimischen  Bewegungen  lässt  das 
Bild  noch  weit  aufiailender  erscheinen :  bloss  die  gesunde  Seite  wird 
dabei  in  Action  gesetzt;  die  Kranken  lachen,  weinen,  sprechen, 
zttmen  nur  mit  der  gesunden  Seite,  die  kranke  bleibt  bei  alledem 
unbewegt;  das  Gesicht  wird  in  der  auffälligsten  Weise  yerzerrt, 
weil  die  gelähmten  Muskeln  dem  Zuge  der  gesunden  folgen,  nnd 
je  mehr  die  Kranken  ihren  Willen  anstrengen,  um  die  auf&Uenden 
Grimassen  zu  vermeiden,  um  so  stärker  treten  dieselben  hervor. 

Alle  willkürlichen  Bewegungen  der  vom  Facialis  belebten  Muskeln 
sind  unmöglich:  Stimrunzeln,  Zusammenziehen  der  Augenbrauen  ist 
unausführbar;  das  Auge  kann  nicht  willkürlich  geschlossen  werden, 
die  Lidspidte  bleibt  weit  offen  (Lagophthalmns),  das  untere  Augenlid 
hängt  nicht  selten  schlaff  vom  Auge  ab  und  kann  schliesslich  ektro- 
pisch  werden ;  beim  Versuch  zum  Lidschluss  sinkt  das  obere  Angeolid 
vermöge  seiner  Schwere,  und  weil  der  Levator  erschlafft  wird,  etwas 
herab,  der  Bulbus  wird  nach  innen  und  oben  oder  nach  ansseu  nnd 
oben  gerollt,  und  dadurch  die  Pupille  hinter  das  obere  Angenlid 
gebracht;  die  lidspalte  bleibt  aber  dabei  weit  offen  (und  zwar  bei 
peripheren  Lähmungen  auch  im  Schlafe;  das  ist  ein  wichtiger  Unter- 
schied von  cerebralen  FadaUslähmungen ,  bei  welchen  die  Zweige 
ftlr  den  Orbicularis  palpebrarum  nicht  mitgelähmt  sind).  Diese  Un* 
fähigkeit  zum  Lidschlusse  und  besonders  die  gleichzeitige  Lähmong 
des  Homer'schen  Muskels  hindert  den  Abfluss  der  Ttu^en  in  die 
Thränenkanäle ,  dieselben  fliessen  beständig  über  die  Waage  herab 
(Epiphora);  der  mangelnde  Lidschlag  macht  die  Entfernung  von 
Staubtheilchen  u.  dgl.  aus  dem  Auge  unmö^ch;  diese  und  der 
Beiz  der  Luft  auf  das  beständig  geöffnete  Auge  bedhigen  HyperäBie 
der  Conjunctiva,  die  sich  i»s  zur  katarrhaliBchen  Entzündung  der- 
selben steigern  kann  und  nicht  selten  von  Entzündung  [und  Ufcm- 
tion  der  Cornea  und  Trübung  dea  Sehvermögens  be^ditet  ist 

Die  Kranke  haben  die  Fähigkeit  verloren,  die  Nase  anf  der 


Facialhl&hmang.  Symptomatologie.  467 

kranken  Seite  zn  rümpfen,  die  Oberlippe  zn  heben,  zu  lachen,  den 
Mundwinkel  nach  der  Seite  zu  ziehen;  der  Mond  kann  nicht  ge- 
spitzt werden,  weil  die  gelähmte  Seite  zurückbleibt.  Pfeifen  ist  an- 
möglich, beim  Versncb  die  Wangen  aufzublasen,  entweicht  die  Luft, 
beim  Versuch  zn  trinken  die  Flüssigkeit  aui  der  gelähmten  Seite. 
Die  Sprache  ist  undeutlich,  weil  die  Lippenlaute  schlecht  gebildet 
werden,  und  die  zum  Sprechen  nOthigen  Bewegungen  der  Wange 
fehlen.  —  Die  zum  Kauen  unerlässlichen  Httlfsbewegnngen  der  Wange 
sind  unmöglich,  und  das  Kauen  wird  erschwert,  weil  die  Bissen 
häufig  zwischen  den  Zähnen  heraus  gegen  die  Wange  hin  fallen  und 
dann  mit  den  Fingern  wieder  hereingeholt  werden  müssen.  Auch 
die  äusseren  Ohrmuskeln  werden  unbeweglich,  doch  wird  man  nur 
bei  wenigen  Menschen  den  Ausfall  ihrer  Function  mit  Sicherheit 
und  Leichtigkeit  constatiren  können.  Ebenso  wird  man  nur  selten 
m  der  Lage  sein,  die  gleichzeitige  Lähmung  des  Platysma,  des 
hintern  Bauchs  des  Biventer  mandibulae  und  die  des  Stylohyoideus 
zu  constatiren. 

Eine  besondere  Aufmerksamkeit  verdienen  jedoch  verschiedene 
weitere  Symptome,  die  theils  von  dem  Befallensein  höher  oben  ab- 
gehender Zweige  des  Facialis,  theils  von  einer  Mitbetheilignng  ver- 
schiedener dem  Nerven  benachbarter  Gebilde  herrühren ;  Symptome, 
welche  nur  in  bestimmten  Fällen  vorhanden  und  für  deren  Diagnose 
und  Beurtheilung  von  hervorragender  Wichtigkeit  sind.  Wir  müssen 
dieselben  etwas  genauer  betrachten. 

Verhalten  des  Gaumensegels  und  Zäpfchens.  In  einer 
Beihe  von  Fällen  wird  eine  Betheiligung  des  Ganmensegels  an  der 
Lähmung  beobachtet:  dasselbe  hängt  auf  der  gelähmten  Seite  schlaff 
herab,  steht  tiefer  als  ani  der  gesunden  Seite,  zeigt  beim  Phonirea 
und  auf  Reflexreize  eine  entschieden  verminderte  Action,  so  dass 
eine  Verziehung  des  Gaumensegels  nach  der  gesunden  Seite  eintritt  f 
manchmal  sind  selbst  Schlingbeschwerden  vorhanden,  die  Sprache 
ist  näselnd  und  beim  Trinken  entweicht  Flüssigkeit  durch  das  Nasen- 
loch der  gdähmten  Seite;  nicht  selten  wird  dabei  die  Uvula  schief 
stehend  gefunden  und  zwar  mit  ihrer  Spitze  bald  nach  der  gesun- 
den, bald  nach  der  gelähmten  Seite  gerichtet  Trotz  aller  Unter- 
sschungen,  und  Debatten  über  diese  Erscheinungen  sind  dieselben 
Boeh  nicht  bis  in  alle  Details  erklärt.  Bekanntlich  gehen  vom  Knie 
des  Facialis  motorische  Fasern  durch  den  Nerv,  petros.  superfi& 
na^r  zum  Gangl.  sphenopalatinum  und  von  diesem  zum  Gaumen- 
segel ;  hier  dienen  sie  der  Innervation  einzelner  Gaumensegelmuskeln 
(vorwiegend  des  Levator  veli  palatini,  wahrscheinlich  aber  noch  an- 

30* 


468  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinaleii  Nerven. 

derer).  Liegt  nun  die  Lähmungsarsache  oberhalb  des  Gangl.  genicoü, 
so  werden  die  Gaumensegelfasem  von  derselben  mitbetroffen  und 
gelähmt.  Aas  der  vorwiegenden  Betheiligang  des  Leyator  y.  p.  er- 
klärt sich  die  besonders  von  Sanders  betonte  vorwiegend  verticale 
Verschiebang  des  Gaamensegels  leicht  Schwieriger  ist  die  abnorme 
Stellang  der  Uvala  za  erklären ,  weil  dieselbe  bald  nach  der  ge- 
lähmten, bald  nach  der  gesanden  Seite  hin  devürt  Die  Deviation 
nach  der  gesanden  Seite  hin  würde  sich  darch  überwiegenden  Zog 
der  gesanden  Maskeln  leicht  erklären;  die  Deviation  nach  der  ge- 
lähmten Seite  sacht  Sanders  aaf  das  Uebergewicht  des  (nicht  ge- 
lähmten) Pharyngopalatinas  zarttckzuführen,  welcher  darch  die  LUi- 
mang  des  Levator  seinen  Antagonisten  verloren  hat  Uebrigens  ist 
bei  der  mannichfachen  Verflechtang  der  Maskelfasem  im  Gaomensegd 
und  bei  der  Versorgung  derselben  von  den  verschiedensten  Nerven- 
bahnen aas  mit  Sicherheit  za  erwarten,  dass  hier  grosse  individuelle 
Verschiedenheiten  vorkommen,  die  ihren  Ausdruck  in  den  differiren- 
den  Stellungen  der  Uvula  finden.  Da  überdiess  SchiefetelluDg^ 
der  Uvula  nach  der  einen  oder  andern  Seite  auch  bei  gesanden 
Personen  überaus  gewöhnlich  sind,  ist  auf  dies  Symptom  allein  nnr 
sehr  wenig  Werth  zu  legen  und  muss  man  sich  gewöhnen,  nur  die 
Parese  des  Gaumensegels  selbst  und  seine  Deviation  beim  Phoniren 
u.  8.  w.  als  Beweis  für  ein  Befallensein  des  Petros.  superfic.  maj.  zu 
betrachten. 

Verhalten  des  Geschmacks  und  der  Speichelsecre- 
tion.  Dasselbe  bietet  nicht  selten  interessante  und  diagnostisch 
wichtige  Anomalien.  Bekanntlich  ist  die  vom  Facialis  im  Canal. 
Fallop.  tief  unten  abgehende  Chorda  tympani  die  Hauptvermittlerin 
des  Geschmacks  auf  der  vorderen  Zungenhälfte  und  der  Haupt- 
secretionsnerv  ftlr  mehrere  Speicheldrüsen.  Wir  haben  oben  bei  den 
Geschmacksneurosen  (S.  221  ff.)  ausführlich  zu  begründen  gesucht, 
dass  die  Geschmacksfasern  der  Chorda  den  N.  facial.  nur  auf  einem 
Theil  seines  Weges  begleiten  und  ihn  in  der  Höhe  des  Gangl.  geniculi 
—  wahrscheinlich  mit  dem  N.  petros.  superf.  major  —  wieder  ver- 
lassen. Betrifft  also  die  Lähmungsursache  den  Facialis  an  irgend 
einer  Stelle  vom  Gangl.  geniculi  bis  zur  Abgangsstelle  der  Chorda 
hin,  so  werden  Geschmacksstörungen  eintreten;  dieselben  werden 
fehlen  bei  Läsionen  des  Nerven  an  der  Schädelbasis  oder  unterhalb 
des  Abganges  der  Chorda.  Die  Erfahrung  bestätigt  diese  Schlüsse 
in  hinreichender  Weise.  —  Zunächst  wird  in  manchen  Fällen  (Boux, 
Bazire  u.  A.)  ein  subjectiver  „  metallischer  %  oder  „säuerlicher*, 
oder  ähnlicher  Geschmack  auf  der  gleichseitigen  vordem  Zangen- 


Facialislähmung.    Symptomatologie.  469 

hälfte  angegeben,  der  manchmal  dem  Entstehen  der  Lähmung  schon 
Yoransgeht;  bei  genauerer  Prüfung  erkennt  man  dann  meist,  dass 
der  Geschmack  auf  den  vordem  Zweidritteln  der  der  gelähmten  Seite 
angehörigen  Znngenhälfte  völlig  aufgehoben  oder  doch  erheblich  ver- 
langsamt ist  (besonders  deutlich  für  saure,  stlsse  und  salzige  Sachen). 
Da  die  andere  Hälfte  der  Zungenspitze  und  beide  Seiten  des  Zungen- 
gmndes  ihre  Geschmacksempfindlichkeit  vollkommen  bewahren,  ent- 
geht den  Kranken  häufig  diese  Störung,  und  sie  wird  nur  bei 
genauerer  Untersuchung  gefunden.  Ob  die  Chorda  auch  sensible 
Fasern  fbr  die  Zunge  führt,  und  ihre  Lähmung  also  auch  eine 
Sensibilitätsabnahme  in  der  Zungenspitze  bedingt,  ist  mindestens 
noch  zweifelhaft.  Ich  habe  bisher  in  reinen  Fällen  neben  der  Ge- 
schmacksläbmung  immer  vollkommen  intacte  Sensibilität  der  Zunge 
gefunden.  Dagegen  sah  Bernhardt  in  zwei  Fällen  Verlust  der 
Tastempfindung  neben  der  Geschmackslähmung;  dasselbe  haben 
schon  frühere  Autoren  beobachtet;  es  scheint  aber  nicht  die  Regel 
zusein'). 

Weniger  sicher  und  weniger  leicht  zu  constatiren  ist  die  Ver- 
minderung der  Speichelsecretion  auf  der  gelähmten  Seite, 
doch  ist  dieselbe  wiederholt  (zuerst  zon  Fr.  Arnold  (1838),  später 
auch  von  Romberg  u.  A.)  constatirt  worden,  und  man  kann  nicht 
selten  von  den  Kranken  Klagen  über  abnorme  Trockenheit  der  be- 
treffenden Mundseite,  „dass  ihnen  das  Wasser  auf  dieser  Seite  des 
Mundes  nicht  zusammenfliesse'',  hören.  Die  Speichelsecretionsfasßrn 
verlassen  den  Facialis  theils  mit  der  Chorda,  theils  auf  dem  Wege 
des  Petrosus  superfic.  minor;  sie  scheinen  in  dem  Stamm  des  Facialis 
vom  Gehirn  herzukommen,  wenigstens  hält  Wachsmuth  die 
Trockenheit  der  Mundhöhle  für  ein  bei  Lähmungen  oberhalb  des 
Gktngl.  genicul.  regelmässig  vorkommendes  Symptom. 

Störungen  des  Gehörs  kommen  bei  Faciallähmungen  unge- 
mein häufig  vor,  stehen  aber  in  den  einzelnen  Fällen  in  einem  sehr 
verschiedenen  Zusammenhang  mit  der  Lähmung.  Ganz  abgesehen 
von  den  rein  zufälligen  Complicationen  der  so  häufigen  Facialis- 
lähmung mit  den  noch  häufigeren  Ohrleiden  kann  ein  Gausalzu- 
sammenhang  zwischen  Faciallähmung  und  Gehörstörungen  etwa  in 
folgender  Weise  vorkommen.  1.  Es  handelt  sich  um  Erkrankungen 
des  mittleren  Ohres  und  der  angrenzenden  Theile  des  Felsenbeines, 


I)  In  zwei  während  des  Druckes  zu  meiner  Beobachtung  gelangten  P'ällen 
von  Chordalähmung  constatirte  ich  nun  ebenfalls  neben  der  Geschmacksstörung 
eine  leichte  YerminderuDg  der  Tastempfindung  an  der  Zunge. 


470  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

welche  entweder  auf  derselben  Schädlichkeit  beruhen,  wie  die 
Facialislähmung,  also  Coeffeet  derselben  Ursache  (Tranma,  Erkäl- 
tung u.  s.  w.)  sind,  oder  von  welchen  ans  sich  der  krankhafte  Prooeai 
auf  den  Nerven  fortgeleitet  hat.  In  diesen  Fällen  wird  man  neben 
Schwerhörigkeit,  subjectiven  Geräuschen  auch  die  objectiven  2^ich^ 
der  betreffenden  Erkrankungen:  Exsudat  in  der  Paukenhöhle,  Per- 
foration des  Trommelfelles,  eitrigen  Ohrenfluss,  manchmal  galya- 
nische  Hyperästhesie  des  Acusticus  u.  dgl.  nachweisen  könneo. 
2.  Neben  der  Facialislähmung  besteht  eine  ähnliche  Affeetion  des 
N.  acusticus,  der  an  der  Schädelbasis  und  im.Meat.  audit.  intern, 
ja  den  Schädlichkeiten,  welche  den  Facialis  treffen,  nicht  leicht  wird 
völlig  entgehen  können.  Hier  wird,  während  die  Untersuchung  das 
mittlere  Ohr  intact  erweist,  Schwerhörigkeit  oder  Taubheit,  es  wer- 
den subjective  Geräusche  und  gelegentlich  abnorme  galvanische  Er- 
regbarkeitsverhältnisse des  Acusticus  vorhanden  sein  können.  3.  End- 
lich kann  aber  auch  die  Lähmung  des  Facialis  bei  völligem  Fehlen 
der  bisher  genannten  Veränderungen  au  und  für  sich  schon  Störungen 
der  Gehörfimction  bedingen,  die  in  neuester  Zeit  in  befriedigender 
Weise  aufgeklärt  sind.  Roux  hat  zuerst  an  sich  selbst  eine  lästige 
Empfindung  im  Ohr  bei  heftigen  Geräuschen  wahrgenommen;  dann 
hat  Wolff  die  bei  Facialislähmungen  auftretende  „Oxyokoia"  be- 
schrieben und  zu  erklären  gesucht;  bekannter  ist  dieses  Phänomen 
durch  Landouzy 's  Arbeit  geworden  und  ist  seitdem  von  verschie- 
denen Seiten  constatirt  und  zuletzt  von  Lucae  und  Hitzig  zum 
Gegenstand  besonderer  Mittbeilungen  gemacht  worden.  Es  kann 
nach  den  Untersuchungen  des  Ersteren  (Berl.  kl.  Woch.  1874  No.  14. 
16.  17.)  nicht  wohl  mehr  zweifelhaft  sein,  dass  die  bei  FaciaUs- 
lähmung  vorhandene  Hyperacusis  (als  abnorme  Feinhörigkeit  fttr 
alle  musikalischen  Töne,  speciell  als  abnorme  Tiefhörigkeit  sieb 
äussernd,  manchmal  mit  einem  hohen  subjectiven  Geräusch  verbun- 
den) auf  Lähmung  des  M.  stapedius  und  daraus  resultirendes  Uebec- 
gewicht  des  Tensor  tympani  zurückgefährt  werden  muss.  Wenn 
also  dieses  Symptom  der  Feüihörigkeit  vorhanden  ist,  sind  wir  zur 
Annahme  berechtigt,  dass  die  Läsion  am  Facialis  oberhalb  der  Ab- 
gangsstelle des  Aestchens  fttr  den  M.  stapedius  ihren  Sitz  hat 

Störungen  des  Geruchsvermögens  auf  der  gelähmten 
Seite  werden  nicht  gerade  selten  beobachtet,  stehen  jedoch  mit  der 
Facialislähmung  nur  in  einem  ganz  indirecten,  und  zwar  zweifachen 
Zusammenhang.  Einerseits  wird  wegen  des  ungenügenden  Thiiüien- 
abflusses  eine  abnorme  Trockenheit  der  betreffenden  Nasenseite  her- 
vorgebracht, die   das  ^eruchsvermögen  beeinträchtigt;  andererseits 


FacialislähmuDg.   Symptomatologie.  471 

wird  durch  die  Lähmimg  der  den  Nasenflügel  bewegenden  Muskeln 
(Levator  alae  nasi  und  Compressor  narium)  der  leichte  Zutritt  der 
Luft  zu  dem  Biechkanal  der  Nase  unmöglich  gemacht,  in  der  Weise, 
wie  wir  es  oben  bei  Besprechung  der  Anosmie  (s.  o.  S.  239  ff.)  be- 
reits auseinandergesetzt  haben. 

Das  Verhalten  der  Zunge  scheint  in  allen  uncompliclrten 
Fällen  für  die  genauere  Untersuchung  vollkommen  normal  zu  sein; 
sie  wird  gerade  herausgestreckt  und  liegt  gerade  am  Boden  der 
Mundhöhle.  Das  Ausfallen  der  Motilität  des  Digastricus  und  Stylo- 
hyoideus  scheint  einen  nennenswerthen  Einflnss  auf  Stellung  und  Be- 
wegung der  Zunge  nicht  zu  haben.  Die  Angaben  von  Schieüstand 
der  Zunge  bei  isolirter  Facialislähmung  scheinen  demnach  zum  grossen 
Theil  auf  einem  leicht  erklärbaren  Beobachtungsfehler  zu  beruhen: 
der  gelähmte  Mundwinkel  wird  nämlich  beim  Oeffiien  des  Mundes 
nach  der  gesunden  Seite  hin  verschoben  und  steht  dadurch  dem 
Bande  der  Zunge  erheblich  näher  als  der  gesunde  Mundwinkel;  und 
dadurch  kann  der  Anschein  des  Schiefetandes  der  Zunge  entstehen. 

Die  Sensibilität  der  gelähmten  Gesichtshälfte  bleibt  in  der 
Begel  ganz  intact,  wenn  nicht  Complicationen  mit  einem  Leiden  des 
Trigeminus  bestehen.  Es  ist  das  bei  der  innigen  Verflechtung  von 
Trigeminusfasem  nut  den  Verzweigungen  des  Plexus  anserinus  immer- 
hin auffallend  und  deutet  darauf  hin,  dass  der  Sitz  der  Lähmung 
gewöhnlich  im  Stamm  des  Facialis  sich  findet.  Sind  die  peripheren 
Verzweigungen  betroffen,  dann  werden  auch  die  entsprechenden 
Sensibilitätsstörungen  in  der  Regel  nicht  fehlen.  Ueber  das  Ver- 
halten der  Muskelsensibilität  (elektromuscul.  Sensibilität)  habe 
ich  nirgends  brauchbare  Angaben  gefonden;  dieselbe  verdiente  wohl 
eine  genauere  Beachtung. 

Das  Verhalten  der  Reflexbewegungen  ist  in  den  einzelnen 
Fällen  ein  äusserst  verschiedenes;  bei  allen  peripheren  Lähmungen 
mttssen  dieselben  in  den  gelähmten  Muskeln  völlig  aufgehoben  sein; 
die  wenigen  schüchternen  Versuche,  von  einzelnen  vorhandenen 
Reflexen  auch  bei  peripheren  Lähmungen  zu  sprechen,  müssen  wohl 
so  lange  unbeachtet  bleiben,  als  nicht  ganz  unzweideutige  Beweise 
für  dieses  Vorhandensein  vorliegen.  Von  der  Conjunctiva,  vom  Seh- 
apparat, von  der  Gesichtshaut  aus  sind  in  solchen  Fällen  keinerlei 
Reflexe  zu  erzielen.  —  Anders  dagegen  bei  cerebralen,  besonders 
von  den  Hemisphären  ausgehenden  Lähmungen:  da  sind  die  Reflexe 
vollkommen  erhalten,  und  die  Augenlider,  die  in  keiner  Weise  willkür- 
lich geschlossen  werden  können,  machen  Blinzbewegungen,  schliessen 
sieb  auf  Gonjunctivalreize  und  im  Schlafe.  —  Auf  das  Vorkommen 


472  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

ungewöhnlicher  and  besonders  gekreuzter  Reflexe  (von  der  gesunden 
Seite  aus  und  yice  versa)  hat  Benedict  für  die  Diagnose  des 
Erankbeitssitzes  in  der  Qegend  der  Facialiskeme  grossen  Werth  ge- 
legt; sie  sind  aber  nur  dann  zu  verwerthen,  wenn  sie  mit  allen 
Gautelen  constatirt  sind,  und  wenn  besonders  bei  elektrischer  Beizung 
die  Wirkung  von  Stromschleifen  vermieden  ist.  Ist  diess  der  Fall, 
so  hat  man  das  Becht,  auf  eine  Erkrankung  der  grauen  Substanz 
in  der  Gegend  der  Facialiskeme  zu  schliessen. 

Aehnliches,  wie  für  die  Reflexe  gilt  fbr  die  Mitbewegungen; 
bei  peripheren  Lähmungen  werden  sie  vollkommen  ausbleiben;  bei 
centralen  Lähmungen  können  sie  vorhanden  sein,  und  es  wird  vom 
Sitze  des  Krankheitsherdes  im  Oehim  abhängen,  ob  die  dem  Willens- 
einfluss  entzogenen  Muskeln  sich  bei  den  Respirationsbewegungen, 
beim  Qähnen,  Lachen  u.  dgl.  in  der  gewöhnlichen  Weise  con1a*ahiren. 
Es  werden  sich  daraus  gewichtige  diagnostische  Anhaltspunkte  ergeben. 

Vasomotorische  Störungen  werden  bei  Facialislähmungen 
in  der  Regel  vermisst;  wenigstens  ist  in  der  äussern  Haut  nichts 
von  solchen  wahrzunehmen;  es  findet  sich  sogar  mehrfach  erwähnt, 
dass  bei  Gesichtslähmungen  das  Erröthen  in  der  gleichen  Weise  ein- 
trat auf  der  kranken,  wie  auf  der  gesunden  Seite.  Die  Hyperämie 
der  Gonjunctiva  ist  nur  eine  Folge  der  den  ungeschützten  Bulbus 
beständig  treffenden  Reize.  Alles  diess  schliesst  jedoch  nicht  aus, 
dass  in  den  vom  Facialis  versorgten  Muskeln  erhebliche  vasomoto- 
rische Störungen  eintreten.  Es  ist  diess  vielmehr  in  hohem  Grade 
wahrscheinlich,  weil  man  in  vielen  Fällen,  nämlich  bei  den  soge- 
nannten schweren  rheumatischen,  bei  traumatischen  und  Compres- 
sionsparalysen  des  Facialis  sehr  gewöhnlich  ausgesprochene  tro- 
phische  Störungen  eintreten  sieht.  Es  tritt  hier  eine  hochgradige 
Atrophie  der  Muskeln  ein,  die  in  langwierigen  und  unheilbaren  Fällen 
zum  völligen  Schwund  derselben  ftlhren  kann.  Dann  sieht  die  para- 
lysirte  Gesichtshälfte  stark  eingefallen  aus,  die  Haut  liegt  platt  und 
papierdünn  auf  den  Knochen ,  deren  Conturen ,  viel  stärker  hervor- 
treten, die  Lippen  werden  dünn  und  schlotterig  u.  s.  w.  Auf  der 
äussern  Haut  dagegen,  in  der  Haar-  und  Epidermisbildung  bemerkt 
man  keinerlei  derartige  Störungen. 

Von  grösster  Wichtigkeit  in  den  verschiedensten  Beziehungen  ist 
endlich  das  elektrische  Verhalten  der  gelähmten  Nerven 
und  Muskeln.  Dasselbe  ist  am  eingehendstien  studirt  und  ver- 
werthbar  bei  den  sogenannten  rheumatischen  Facialispara- 
lysen  und  verdient  hier  eine  ganz  specielle  Betrachtung. 

Die  genaue  elektrische  Exploration  einer  grösseren  Anzahl  von 


Faci&lisl&hmung.    Symptome.    Elektrisches  Verhalten.  473 

Fällen  zeigt,  dass  man  dieselben  je  nach  ihrem  elektrischen  Verhalten 
in  mehrere  Gruppen  sondern  kann,  welche  sich  in  ihrem  Verlaufe 
sehr  verschieden  gestalten.  Zunächst  fällt  eine  Gruppe  von  Fällen 
auf,  in  welchen  sich  durchaus  keine  Veränderung  der  elek- 
trischen Erregbarkeit,  sowohl  der  faradischen,  wie  der  galvanischen, 
im  Nerven  sowohl,  wie  in  den  Muskeln  nachweisen  lässt.  Die  ge- 
lähmten, wie  die  nicht  gelähmten  Nerven  und  Muskeln  reagiren 
quantitativ  und  qualitativ  in  genau  gleicher  Weise  auf  beide  Stroroes- 
arten,  und  diess  während  der  ganzen  Krankheitsdauer.  Nur  manch- 
mal ist  im  Beginn,  am  1.  oder  2.  Tag  der  Lähmung  eine  leichte 
Steigerung  der  elektrischen  Erregbarkeit  nachzuweisen.  Alle  diese 
Fälle  zeichnen  sich  durch  eine  sehr  günstige  Prognose 
ans:  sie  heilen  im  Laufe  von  2 — 3  Wochen  spontan  oder  bei  jeder 
beliebigen  Behandlung.  Das  ist  die  leichte  Form  der  rheuma- 
tischen Gesichtslähmung.  (Nur  einmal  fand  Brenner  in  einem  in 
wenig  Tagen  heilenden  Falle  schon  nach  2  Tagen  eine  geringe 
Herabsetzung  der  faradischen  und  galvanischen  Erregbarkeit,  die 
sich  aber  sehr  bald  wieder  verlor.) 

In  einer  zweiten  Gruppe  vereinigen  sich  jene  rheumatischen  Fa- 
cialislähmungen,  welche  in  exquisiter  Weise  die  Summe  jener  quanti- 
tativ-qualitativen Erregbarkeitsveränderungen  nachweisen  lassen,  die 
wir  als  Entartungsreaction  bezeichnen.  Gerade  bei  der  Facialis- 
lähmung  hat  man  diese  Anomalie  der  elektrischen  Reaction  zuerst 
beobachtet  (Bai  er  lach  er),  an  ihr  hat  man  sie  am  häufigsten  und 
genauesten  studirt;  es  ist  durch  zahlreiche  Beobachtungen  jetzt  hin- 
reichend nachgewiesen,  dass  der  Ablauf  dieser  Erregbarkeitsverände- 
mngen  bei  der  Facialisparalyse  genau  derselbe  ist,  wie  bei  den  trau- 
matischen Lähmungen,  dass  sie  überhaupt  das  typische  Bild  der 
Entartungsreaction  darstellen.  Wir  dürfen  deshalb  auf  die  oben  ge- 
gebene ausführliche  Darstellung  (s.  o.  S.  399  ff.)  dieser  Reactionsform 
verweisen;  das  dort  Gesagte  gilt  auch  für  die  Gesichtslähmungen. 
Abnahme  und  Verlust  der  faradischen  und  galvanischen  Erregbar- 
keit der  Nerven;  Verlust  der  faradischen  Erregbarkeit  der  Muskeln; 
quantitative  Steigerung  und  qualitative  Veränderung  der  galvanischen 
Erregbarkeit  der  Muskeln,  Steigerung  ihrer  mechanischen  Erregbar- 
keit —  das  sind  die  Hauptzüge  des  Bildes,  das  wir  hier  nicht  mehr 
in  seinen  Details  zu  schildern  brauchen.  Es  soll  nur  nochmals  hier 
betont  werden,  dass  je  nach  dem  Stadium,  in  welchem  sich  die  Läh- 
mung befindet,  je  nach  der  mehr  oder  weniger  weit  vorgeschrittenen 
Wiederherstellung  u.  dgl.  das  Bild,  welches  die  elektrische  Explo- 
ration liefert,  verschieden  sein  kann;  man  wird   sich  aber  mit  den 


474  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinaien  Nenren. 

an  obiger  Stelle  gegebenen  Auseinandersetzungen  leicht  zarecht  finden 
können.  Dass  auch  hier  die  oben  (S.  384)  geschilderten  histologiBchen 
Veränderungen  an  Nerven  und  Muskeln  der  Entartungsreaction  zu 
Grunde  liegen,  kann  nicht  im  mindesten  zweifelhaft  sein ;  doch  wären 
specielle  Untersuchungen  darüber  erwünscht.  —  Diese  zweite  Gruppe 
hat  nun  eine  wesentlich  ungünstigere  Prognose;  man  muss 
in  fast  allen  Fällen  auf  eine  ziemlich  lange  Dauer  des  Leidens  — 
von  2 — 4 — 6  Monaten  und  selbst  mehr  —  rechnen,  und  es  gehört 
jedenfalls  zu  den  Ausnahmen,  dass  Brenner  einen  Fall  mit  aus- 
gesprochener Entartungsreaction  schon  in  6  Wochen  hat  nahezu  zur 
Heilung  gelangen  sehen.  Häufig  kann  man  noch  nach  Jahren  die 
Spuren  der  vorausgegangenen  Lähmung  in  einer  gewissen  Steifi^eit 
der  Bewegungen,  leichten  Gontracturen  und  Muskelzuckungen  er- 
kennen. Das  ist  die  schwere  Form  der  rheumatischen  Gesichts- 
lähmung. Sie  beruht  wohl  ausschliesslich  auf  der  grösseren  Intensität 
der  Läsion  am  Facialis  und  steht  in  keiner  constanten  Beziehung 
zum  Lebensalter  oder  gar  zum  früheren  oder  späteren  Beginn  der 
elektrischen  Behandlung. 

Meine  Beobachtungen  lehren  mich  nun,  dass  eine  völlig  scharfe 
Trennung  dieser  beiden  Gruppen  in  der  Natur  nicht  existirt,  sondern 
dass  es  Uebergänge  zwischen  beiden  gibt,  die  ich  als  Mittel  formen 
bezeichnen  will  und  über  welche  ich  1.  c.  ausführliche  Mittheilungen 
gemacht  habe;  auch  Bernhardt  hat  einen  hierher  gehörigen  Fall 
veröfi^entlicht.  Bei  dieser  Mittelform  kommt  die  Ekitartungsreaction 
nicht  zur  vollen  Ausbildung,  sondern  sie  gestaltet  sich  in  der  oben 
auf  S.  409  schon  geschilderten  Weise.  Dem  entsprechend  gestaltet 
sich  auch  die  Prognose  dieser  Mittelformen  (deren  ich  bisher 
6  unter  ca.  36  Fällen  von  Facialisläbmung  beobachtet  habe)  relativ 
günstig:  sie  heilen  in  4—6  Wochen,  und  häufig  ist  bei  ihnen  die 
Motilität  schon  wieder  völlig  hergestellt  zu  einer  Zeit,  wo  die  Erreg- 
barkeitsveränderungen noch  in  voller  Ausbildung  vorhanden  dnd. 
Das  Charakteristische  für  diese  Form  ist,  dass  die  faradisohe  und 
galvanische  Erregbarkeit  des  Nerven  nicht  völlig  erlischt,  sondern 
nur  in  geringem  Grade  sinkt,  während  in  den  Muskeln  —  die  vom 
Nerven  aus  immer  in  der  gesetzmässigen  Weise  erregbar  bleiben  — 
sich  die  Steigerung  und  qualitative  Aenderung  der  galvanischen  Er- 
regbarkeit nebst  der  Steigerung  der  mechanischen  Erregbarkeit  in 
der  exquisitesten  Weise  ausbildet.  Schon  am  Ende  der  ersten  Woche 
kann  man  dieses  einfache  Sinken  der  Erregbarkeit  des  Nerven  (aller- 
dings meist  nur  bei  exacter  und  sorgfältiger  Untersuchung)  be- 
merken, theils  daran,  dass  die  Minimalzuckungen  auf  der  gelähmten 


Fadalisl&hmung.    Symptome.    Elektrisches  Verhalten.  475 

Seite  erst  bei  etwas  böheren  Stromstäi^en  auftreten,  als  auf  der  ge- 
sonden,  tbeils  daran,  dass  bei  der  gleichen  Stromstärke  die  Gon- 
tractionen  (bei  faradischer  und  galvanischer  Reizung)  auf  der  ge- 
lähmten Seite  viel  weniger  ausgiebig  sind.  Ein  weiteres  Sinken  tritt 
aber  nicht  ein,  sondern  mit  der  gewöhnlich  bald  sich  wieder  ein- 
stellenden Motilität  kehrt  auch  die  elektrische  Erregbarkeit  der  Nerven 
aUmälig  zur  Norm  zurück.  Unterdessen  hat  sich  in  den  Muskeln 
im  Laufe  der  2.,  seltener  erst  der  3.  Woche  die  bereits  erwähnte 
Veränderung  in  deutlichster  Weise  ausgebildet  und  dieselben  zeigen 
dann  bei  directer  und  indirecter  Reizung  ein  sehr  verschiedenes  Ver^ 
halten:  bei  directer  Reizung  ist  ihre  Zuckung  träge,  langgezogen, 
AnSZ  grösser  als  KaSZ ;  bei  indirecter  Reizung  ist  die  Zuckung  kurz, 
blitzähnlich  und  EaSZ  grösser  als  AnSZ.  Kommt  dazu  noch  die  früh- 
zeitige Wiederkehr  der  Motilität,  neben  welcher  diese  partielle  Ent- 
artungsreaction  der  Muskeln  wochenlang  fortbestehen  kann,  so  er- 
langen die  Erscheinungen  noch  erhöhtes  Interesse.  Für  den  Prak- 
tiker ist  die  prognostische  Beurtheilung  derselben  jedenfalls  die 
Hauptsache.  In  wissenschaftlicher  Beziehung  ist  der  Nachweis  be- 
merkenswerth,  dass  die  charakteristische  Veränderung  in  den  Muskeln 
eintreten  kann,  auch  wenn  die  Nerven  nicht  völlig  degenerirt  sind. 
Eine  Erklärung  des  interessanten  Phänomens  zu  geben,  halten  wir 
noch  nicht  an  der  Zeit.*) 

Bei  den  traumatischen  Facialislähmungen,  wie  sie 
durch  chirurgische  Operationen,  Schussverletzungen,  Felsenbeinfrac- 
turen  u.  dgl.  berbeigeftihrt  werden,  tritt  die  Entartungsreaction  in 
typischer  Weise  ein.  Dasselbe  ist  der  Fall  bei  allen  hinreichend 
schweren  Compressionslähmungen,  wie  sie  durch  Basaltumo-  ^ 
ren,  Caries  des  Felsenbeins,  Neuritis  u.  dgl.  hervorgerufen  werden. 
Ist  die  Compression  des  Nerven  nur  eine  massige,  so  kann  die  elek- 
trische Erregbarkeit  vollkommen  normal  bleiben.  Brenner  fand 
bei  einer  lühmung  in  Folge  eitriger  Paukenhöhlenaffection  und  bei 
einer  andern  in  Folge  einer  eiternden  Parotisgeschwulst  eine  leb- 
hafte und  gleichmässige  Steigerung  der  faradischen  und  galvanischen 
Erregbarkeit  der  Nerven  und  Muskeln. 

Bei  Lähmungen  durch  Affectionen  in  der  Gegend  derFa- 
cialiskerne,  z.  B.  bei  der  progressiven  Bulbärparalyse,  tritt  nach 
leerem  Bestehen  eine  einfache  und  massige  Verminderung  der 
elektrischen  Erregbarkeit  in  Nerv  und  Muskeln  ein. 

1)  Man  yergl.  darüber  unsere  Bemerknngen  im  Deutsch.  Arch.  f.  klin.  Med. 
XV.  S.  20  und  in  einem  Aufsatz  „üeber  BleilKhmung**  im  Arch.  f.  Psych,  u.  Ner- 
▼enkrankh.  Bd.  V.  S.  454. 


476  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Wenn  behauptet  wird  (M.  Rosenthal),  dass  bei  Ponsaffec- 
tionen  die  Entartangsreaction  im  Bereich  des  gelähmten  Facialis 
eintrete ;  so  gilt  dies  wohl  nur  für  die  Fälle,  in  welchen  Tmnoren 
dieser  Gegend  den  Nerven  an  der  Schädelbasis  comprimiren,  also 
eigentlich  eine  periphere  Lähmung  desselben  bedingen. 

Bei  Lähmungen  oberhalb  des  Pons,  also  bei  rein  cerebralen, 
meist  apoplektischen  Lähmungen  fehlt  gewöhnlich  jede  Veränderimg 
der  elektrischen  Erregbarkeit.  Manchmal  lässt.  sich  in  einem  ge- 
wissen Stadium  der  Krankheit  eine  geringe  Erhöhung  derselben  oon- 
statiren.  

Nur  einige  Worte  mögen  hier  Platz  finden  tlber  die  doppel- 
seitige Gesichtslähmung,  die  sog.  Diplegia  facialis,  die  man 
wiederholt  zu  einer  eigenen  Krankheitsform  zu  stempeln  gesucht  hat 
Da  ausser  der  Kreuzungsstelle,  die  im  Pons  liegt,  unseres  Wissens 
kein  Punkt  beiden  Facialisbahnen  gemeinschaftlich  ist,  so  handelt 
es  sich  bei  der  Diplegia  fac.  in  der  Regel  um  ein  mehr  oder  w^- 
ger  zuiUlliges  gleichzeitiges  Erkranken  der  beiden  Bahnen  an  irgend 
beliebigen  Stellen  ihres  Verlaufes.  Es  ist  klar,  dass  dieser  Zofidl 
um  so  leichter  eintritt,  je  mehr  sich  die  beiden  Bahnen  bei  ihrer 
Gonvergenz  einander  nähern,  also  an  der  Himbasis,  in  der  Medalla 
obl.,  dem  Pons,  um  so  seltener  dagegen,  je  mehr  dieselben  einer- 
seits nach  der  Peripherie,  andrerseits  nach  der  Hirnrinde  zu  diyer- 
giren.  Dem  entspricht  auch  die  aus  den  bisher  vorliegenden  Be- 
obachtungen erhellende  Aetiologie  (s.  W  a  c  h  s  m  u  t  h).  Am  häufigsten 
findet  man  die  Diplegia  fac.  bei  den  chronischen  Bulbäraffectionen 
und  es  bildet  bekanntlich  die  doppelseitige  partielle  oder  dififuse 
Gesichtslähmung  einen  charakteristischen  Zug  in  dem  Krankheits- 
bilde der  progressiven  Bulbärparalyse. 

Demnächst  flihren  Affectionen  des  Pons  (die  aber  im  Ganzen 
selten  sind)  leicht  zur  Diplegie  des  Gesichts  theils  durch  Betheili- 
gung der  beiderseitigen  Bahnen  innerhalb  des  Pons  selbst,  theils  da- 
durch, dass  der  eine  Facialis  innerhalb  der  Brücke,  der  andere  an 
der  Basis  durch  Compression  (also  peripher)  gelähmt  wird.  Affi^ 
tionen  an  der  Himbasis,  besonders  die  syphilitischen,  führen  sehr 
gewöhnlich  zur  Diplegie  des  Gesichts.  Sehr  selten  dagegen  eigent- 
lich cerebrale  Affectionen  (ein  Fall  bei  Romberg-Magnus)  nnd 
hier  handelt  es  sich  meist  um  zeitlich  weit  auseinander  liegende 
Aflfectionen  der  verschiedensten  Art.  —  Auch  p^pherisch  können 
beide  Faciales  gleichzeitig  gelähmt  sein,  wenn  auch  häufig  die  Zeit 
der  Entstehung  der  Lähmung  fttr  beide  weit  auseinander  liegt    Man 


Facialislähmung.    Dipl^ria  facialis.  477 

hat  doppelseitige  Lähmung  ans  rhenmatiseben  Ursacüen,  durch  Trau- 
mata, welche  beide  Felsenbeine  betrafen,  durch  doppelseitige  Otitis 
interna  und  Garies  des  Felsenbeins  u.  dgl.  entstehen  sehen.  Es  ist 
endlich  klar,  dass  auch  die  allerverschiedensten  anderweitigen  Gom- 
plicationen  noch  möglich  sind,  dass  zu  einer  apoplektiscben  Proso- 
poplegie sich  auf  der  andern  Seite  eine  rheumatische  gesellen  kann, 
dass  auf  der  einen  Seite  eine  Otitis  interna,  auf  der  andern  eine 
Basalgeschwulst  die  Ursache  der  Lähmung  sein  kann  u.  s.  w.  Angesichts 
dieser  Thatsachen  wird  man  sich  niemals  mit  der  blossen  Gpnstati- 
rong  einer  „  Diplegia  facialis "  begütigen  dürfen,  sondern  hat  in  jedem 
Falle  die  Pathogenese  jeder  einzelnen  der  beiden  Facialislähmungen 
festzustellen. 

Die  Erscheinungen  der  Diplegia  facialis  sind  an  und  für 
sich  klar  und  entgehen  einer  aufmerksamen  Untersudhung  nicht  leicht, 
die  Unbeweglichkeit,  welche  bei  der  Hemiplegia  fac.  nur  auf  einer 
Seite  vorhanden  ist,*findet  sich  hier  auf  beiden  Seiten,  mehr  oder 
weniger  yerbreitet,  nach  Lage  des  einzelnen  Falles.  Natürlich  fehlt 
hier  die  Schiefstellung  des  Kinns,  des  Mundes  und  der  Nase;  das 
grimassenhafte  Mienenspiel  fällt  weg,  vielmehr  imponirt  das  Gesicht 
—  besonders  bei  vollständiger  Lähmung  —  durch  die  eigenthüm- 
liche  Starrheit  und  Ruhe,  welche  es  unter  allen  Verhältnissen,  bei 
den  tiefsten  Gemüthsbewegungen  bewahrt.  „Die  Kranken  lachen 
und  weinen  wie  unter  einer  Maske."  Auch  wo  das  Bild  so  aus- 
geprägt ist,  wird  man  an  dem  Offenstehen  und  Thränen  beider  Augen^ 
an  der  Schwerbeweglichkeit  der  Lippen  beim  Sprechen  und  Lächeln, 
der  erschwerten  Sprache,  dem  verhinderten  Kauen,  an  der  Unfähig- 
keit zu  blasen,  am  Ausfliessen  von  Speichel  und  Getränk,  an  der 
näselnden  Sprache  und  der  Erschwerung  des  Schlüigens  u.  s.  w.  die 
Krankheit  leicht  erkennen.  Auch  die  übrigen  Erscheinungen,  Ge- 
schmack- und  GehOrstörungen  u.  dgl.  wird  man  in  geeigneten  Fällen 
nicht  vermissen  und  aus  den  begleitenden  Erscheinungen  benach- 
barter Nerven  und  Organe,  aus  den  Resultaten  der  elektrischen  Un- 
tersuchung im  Zusammenhang  mit  der  Anamnese  wird  man  in  den 
einzelnen  Fällen  leicht  im  Stande  sein,  die  Localisation  und  Art  der 
Erkrankung  in  jedem  der  beiden  Gesichtsnerven  festzustellen. 


Verlauf  und  Ausgänge.  Der  Verlauf  der  Facialislähmungen 
ist  je  nach  der  Aetiologie  derselben  ein  äusserst  verschiedener. 

Bei  rheumatischen  Lähmungen  ist  der  Beginn  meist  ein 
ganz  plötzlicher;  selten  gehen  Vorboten  —  Schmerzen  im  Kopf  und 
Gesicht,  Gehörstörungen  u.  dgl.  —  voraus.    Meist  sind  alle  äusseren 


478  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospfni^en  Nerven. 

Zweige,  in  einzelnen  Fällen  anch  ein  Theil  der  inneren  befalleB. 
Das  anscheinend  wandellose  Bild  einer  solchen  Lähmung,  bei  wel- 
cher nur  die  elektrische  Untersnchnng  oft  die  unter  der  Decke  ab- 
laufenden interessanten  KrankheitsYorgänge  erkennen  lässt,  besteht 
nun  längere  oder  kürzere  Zeit.  In  den  leichten  Fällen  kaim  sehmi 
am  8.  10.  oder  12.  Tag  die  Motilität  spurweise  wiederkehren  und 
die  Heilung  in  2 — 3  Wochen  so  vollendet  sein,  dass  nicht  eine  Spur 
der  vorausgegangenen  Krankheit  mehr  zu  erkennen  ist.  AehnKcb 
ist  es  bei  den  Mittelformen,  nur  dass  hier  die  Bttckkehr  der  Motili- 
tät etwas  später  erfolgt  und  ihre  gänzliche  Wiederherstellung  längere 
Zeit  in  Anspruch  nimmt.  Wochenlang  kann  auch  nachher  noch  eine 
gewisse  Steifheit  der  Gesichtshälfte  wahi^enommen  werden. 

Ergibt  jedoch  die  elektrische  Untersuchung,  dass  die  sohwere 
Form  vorliegt,  dann  erwarte  man  die  Wiederkehr  der  Motilität  nicht 
vor  dem  2. — 3.  Monat;  in  der  Regel  zeigen  sich  die  ersten  Spuren 
derselben  erst  um  diese  Zeit  und  langsam,  äusserst  langsam  mnebt 
die  Beweglichkeit  Fortschritte,  so  dass  häufig  noch  weitere  2  bis 
3  Monate  vergehen,  ehe  die  Heilung  als  eine  leidlich  vollständige 
bezeichnet  werden  kann.  Gerade  in  diesen  Fällen  stellt  sich  dann 
im  späteren  Verlauf  eine  sehr  charakteristische  Reihe  von  Ersehei- 
nungen  ein,  welche  die  Heilung  verzögert  und  für  lange  Zeit,  oft 
für  viele  Jahre,  dem  Gesichte  die  Spuren  des  vorausgegangenen 
Leidens  aufdrückt.  Ich  meine  die  secnndären  Gontracturen 
und  krampfhaften  Zuckungen  der  Muskeln,  welche  neuerdings 
von  Hitzig  in  ausgezeichneter  Weise  beschrieben  sind,  obgleich  sie 
auch  Mheren  Beobachtern  (Duchenne,  Remak,  M.  Meyer, 
Benedict,  Erb  n.  A.)  wohl  bekannt  waren.  Gewöbnüch  erst  im 
Laufe  des  dritten  oder  vierten  Monats  stellt  sich  eine  leicht  tosisehe 
Zusammenziehung  in  den  gelähmten  Muskeln  mi,  meist  zuerst  am 
Mundwmkel:  die  Nasolabialfalte  wird  wieder  sichtbar  und  deatlich 
vertieft,  der  gelähmte  Mund?ankel  etwas  nach  aussen  und  in  die 
Höhe  gezogen  und  verharrt  dauernd  in  dieser  Stellung;  die  Wange 
wird  fester  an  die  Zähne  gepresst  und  setzt  dem  ausdebn^ideD 
Zuge  mehr  Widerstand  entgegen,  wird  steifer;  weiterkm  verengert 
sich  allmälig  die  Lidspalte  etwas  durch  GonU'actur  des  OrbieuL 
palpebr.  —  und  es  erhält  dadurch  die  kranke  Gesichtshälfte  eine 
höchst  eigenthttmliche  und  charakteristische  Physiognomia  Es  ist 
fUr  uns  kein  Zweifel,  dass  diese  „  Muskelstarre "  ihre  haiqptsIbeUichsts 
Ui^che  in  den  histologischen  Vorgängen  in  den  Muskeln  hat^ 
welche  sich  bei  solchen  Lähmungen  mit  Entartungsreaction  finden^ 
und  welche  wir  oben  S.  389  ff.  ausführlich  geschildert  bsbeo.   Jeäan- 


FacialislfthmuDg.    Verlauf  der  rheumatischen  Form.  479 

falls  ist  so  viel  sicher,  dass  es  sich  dabei  nicht  am  eine  durch  die 
elektrische  Behandlung  herrorgebraohte  „elektrische  Muskelstarre" 
(Bemak  schiebt  sie  der  faradischen,  Duchenne  der  galvanischen 
Behandlung  zu)  handelt,  denn  sie  tritt  in  genau  derselben  Weise 
auf  in  Fällen,  die  niemals  elektrisch  behandelt  wurden. 

Mit  der  Wiederkehr  der  Motilität  stellen  sich  nun  ausserdem 
auch  noch  spontane  Bewegungen  in  den  vorher  gelähmten  Muskeln 
ein,  die  anfangs  als  ein  kaum  bemerkbares  Zucken  um  den  Mund- 
winkel ^  oder  am  Auge  erscheinen,  sich  aber  allmälig  an  Intensität 
und  Frequenz  so  steigern  können,  dass  sie  iUr  einen  Tic  convulsif 
massigen  Grades  imponiren.  Diese  Zuckungen  sind  theils  ganz 
spontane  und  treten  bei  absolut  ruhiger  Haltung  der  Kranken  bald 
hier  bald  dort,  am  häufigsten  in  den  zum  Mundwinkel  gehenden 
Muskeln,  als  ein  kurzes  Blitzen  auf;  theils  sind  sie  als  Mitbewegun- 
gen aufzufassen,  die  bei  jedem  Innervationsversuch,  der  auf  das  Ge- 
biet des  gelähmten  Nerven  gerichtet  ist ,  in  sehr  charakteristischer 
Weise  auftreten.  Beim  Versuch  das  Auge  zu  schliessen ,  wird  der 
gleichseitige  Mundwinkel  nach  aussen  und  in  die  Höhe  gezogen, 
beim  Stirnrunzeln  contrahiren  sich  die  Zygomatici,  beim  Versuch 
den  Mundwinkel  nach  der  Seite  zu  ziehen,  verkleinert  sich  die  Lid- 
gpalte  u.  s.  w.  Bei  Innervation  der  Kaumuskeln  oder  der  Armmuskeln 
treten  jedoch  solche  Mitbewegungen  in  der  Regel  nicht  ein.  Endlich 
treten  diese  Zuckungen  auch  noch  auf  reflectorischem  Wege  ein,  mit 
verschiedener  Leichtigkeit  in  den  einzelnen  Fällen:  sowohl  vom 
Trigeminus  aus  durch  Streichen,  Stechen,  Faradisiren  der  Haut,  Be- 
rühren der  Wimpern;  wie  vom  Opticus  aus,  wenn  man  rasch  gegen 
das  Auge  zufährt.  In  seltenen  Fällen  steigern  sie  sich  zu  sehr  aus- 
^ebigen  klonischen  und  tonischen  Krämpfen,  die  sich  gelegentlich 
auch  auf  den  Facialis  der  andern  Seite,,  auf  den  Trigeminus  und 
selbst  auf  entferntere  Nervengebiete  verbreiten  können.  Hitzig 
glaubt  diese  Erscheinungen  auf  einen  abnormen  Reizzustand  in  der 
MeduUa  oUongata  zurtlckführen  zu  können ,  der  sich  auf  noch  un- 
bekannte Weise  in  Folge  der  peripheren  Facialislähmnng  entwickle. 
So  dunkel  auch  diese  Zustände  in  ihrer  Pathogenese  noch  sein  mögen^ 
so  charakteristisch  sind  sie  als  Ausgänge  schwerer  rheumatischer 
(und  auch  traumatischer  und  Compressions-)  Paralysen  des  Facialis. 
Sie  bestehen  oft  sehr  lange  Zeit,  man  hat  sie  nach  8  und  1 3  Jahren 
noch  bestehen  sehen,  wiewohl  sie  auoh  nach  einiger  Zeit  wieder 
vollständig  verschwinden  können. 

Die  traumatisehen  Gesichtslähmungen  haben  in  der  Regel 
ritten  sehr  langwierigen  Veriauf ,  ähnlich  wie  die  schweren  rfaeuma- 


480  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

tischen:  in  günstigen  Fällen  tritt  nach  3 — 6  Monaten  Heiinng  ein; 
häufig  ist  dieselbe  sehr  nnyollkommen ;  nicht  selten  bleibt  auch  die 
Lähmung  für  immer  bestehen.  —  Leichte  traumatische  Lähmungen 
können  dagegen  sehr  rasch^  heilen  ^  wie  z.  B.  die  Zungenlähmung^ 
der  Neugebornen,  welche  in  der  Regel  nach  wenigen  Wochen  wieder 
verschwinden. 

Bei  den  Gompressionslähmungen  und  den  anderen  peri- 
pheren Lähmungen  (durch  Otitis  interna,  durch  Neuritis,  Sjphilifl 
u.  s.  w.)  richtet  sich  der  Verlauf  einmal  nach  der  Schwere  der 
Läsion  im  Nerven  und  dann  nach  der  Art  und  Heilbarkeit  des 
Grundprocesses.  Ueberall  da,  wo  keine  energische  Compression  des 
Nerven  stattfand,  und  wo  elektrische  Erregbarkeitsveränderungen 
fehlen,  ist  ein  nach  dem  Stande  des  Grundleidens  mehr  oder  weniger 
rascher  Verlauf  zur  Heilung  zu  erwarten.  Da,  wo  die  Ent^utungs- 
reaction  degenerative  Processe  im  Nervus  nachweist,  ist  allemal  auf 
einen  langwierigen  Verlauf  zu  rechnen;  auch  hier  kommen  viele  un- 
heilbare Fälle  vor. 

Bei  den  central  bedingten  Lähmungen  ist  der  Verlauf 
ein  sehr  verschiedener  und  richtet  sich  ganz  nach  der  Art  und  Ent- 
wickelung  des  Grundleidens:  bald  plötzliches,  bald  allmäliges  Ent- 
stehen; häufig  nur  partielle  Lähmung,  indem  sehr  gewöhnlich  die 
fUr  den  Orbicul.  palpebrar.  und  den  Frontalis  bestimmten  Zweige 
frei  bleiben;  manchmal  rasche  Heilung  (z.  B.  bei  leichten  i^oplekti- 
schen  Anfällen),  oder  Stehenbleiben  auf  derselben  Stufe  (bei  embo- 
lischer Himerweichung,  Tumoren  u.  s.  w.),  oder  unaufhaltsames  Fort- 
schreiten bis  zum  letialen  Ausgang  (Bulbärparalyse,  Schädelcarcinome 
u.  s.  w.).  Darüber  lässt  sich  nicht  viel  Allgemeines  sagen,  und 
würde  ein  Eingehen  auf  weitere  Details  tlber  die  uns  gesteckten 
Grenzen  hinausgehen. 

Diagnose.  Die  Existenz  einer  Facialislähmung  überhaupt  ist 
sehr  leicht  festzustellen,  und  nur  bei  grosser  Unaufmerksanikdt 
mögen  hier  Irrthümer  vorkommen.  Einige  Schwierigkeit  bieten  höch- 
stens die  ganz  leichten  partiellen  Paresen,  wie  sie  z.  B.  bei  Rinden- 
affectionen,  im  allerersten  Beginn  von  Bulbärparalyse  und  dergl. 
vorkommen.  Hier  wird  man  durch  genaue  Beobachtung  der  Ifimik 
der  Kranken,  durch  Prüfung  feinerer  und  complicirter  Bewegung^ 
z.  B.  des  Zähnezeigens,  raschen  Aussprechens  schwieriger  Worte, 
des  Pfeifens  von  Melodien  u.  dgl.  häufig  schon  sehr  geringe  Grade 
der  Functionsstörung  erkennen  können.  Auch  bei  Neugebornen  ist 
die  Gesichtslähmung  nicht  leicht  zu  erkennen,  da  ihr  ausdru(^loses 


Facialislähmung.    Diagnose.    Sitz  der  Läsion.  481 

Gesiebt  in  der  Rahe  nicht  erheblieh  verändert  erscheint:  hier  wird 
jedoch  die  beim  Schreien  eintretende  Verzerrung,  es  wird  die  Er- 
schwerung des  Sangens  und  der  Lagophthalmus  während  des  Schlafes 
die  Diagnose  leicht  richtig  stellen. 

Wichtiger  und  schwieriger  dagegen  ist  die  Diagnose  der  näch- 
sten Ursache  und  des  genaueren  Sitzes  der  Lähmung;  sie 
erfordert  genaue  Untersuchung  und  eine  möglichst  umsichtige  Ver- 
werthung  aller  einzelnen  Momente. 

Vor  allen  Dingen  muss  man  suchen,  tlber  den  eigentlichen  Sitz 
der  Läsion  ins  Klare  zu  kommen.  Hier  ist  zunächst  zu  entschei- 
den, ob  man  es  mit  einer  Lähmung  peripheren  oder  centralen  Ur- 
sprungs zu  thun  hat.  Für  den  peripheren  Sitz  sprechen  folgende 
Umstände  mit  grösserer  oder  geringerer  Bestimmtheit:  Befallensein 
sämmtlicher  äusseren  Zweige,  Lagophthalmus  auch  im  Schlafe,  Feh- 
len aller  Reflexe,  Vorhandensein  der  Entartungsreaction ;  Atrophie  der 
Muskeln;  Symptome  von  Erkrankung  der  dem  Facialis  auf  seiner 
peripheren  Bahn  benachbarten  Organe  (der  Parotis,  des  innem  Ohrs, 
des  Felsenbeins,  der  Nerven  an  der  Schädelbasis  u.  s.  w.);  Nach- 
weis einer  evident  peripheren  Ursache,  eines  Trauma  oder  dergleichen ; 
endlich  das  Fehlen  aller  und  jeder  Himsymptome  und  von  Betheili- 
gung anderer  Hirnnerven.  (Nattlrlich  mttssen  dabei  besonders  com- 
plicirte  Verhältnisse,  wie  z.  B.  Tumoren  an  der  Schädelbasis,  auch 
speciell  berttcksichtigt  werden.)  Für  den  centralen  Sitz  spricht: 
bloss  partielle  Lähmung,  indem  besonders  die  obern  Zweige  im  Ge- 
sicht frei  bleiben,  das  Auge  im  Schlafe  und  willktlrlich  geschlossen 
werden  kann ;  Erhaltensein  der  Reflexe ;  erhaltene  oder  selbst  erhöhte 
elektrische  Erregbarkeit ;  Vorhandensein  anderweitiger  Himsymptome : 
Schwindel,  Sinnesstörungen,  Hemiplegie,  Zungenschwäche,  Sprach- 
störung, erhebliche  Schlingbeschwerden  u.  dgl. 

An  dieser  allgemeinen  Locidisation  darf  man  sich  jedoch  nicht 
genügen  lassen ;  wir  sind  vielmehr  jetzt  durch  unsere  bisherigen  Er- 
£Eihrungen  in  den  Stand  gesetzt,  sowohl  in  der  peripheren  Bahn  des 
Facialis,  wie  in  seiner  centralen  mehrere  Unterabtheilungen  zu  unter- 
scheiden, die  wir  aus  den  vorhandenen  Symptomen,  mit  einiger 
Sicherheit  voneinander  trennen  können.  Die  dazu  dienlichen  Anhalts- 
punkte geben  theils  die  von  dem  peripheren  Facialis  abgehenden 
Aeste  (der  N.  auricul.  poster.,  die  Chorda  tympani,  der  Nerv,  stape- 
dius,  der  Petros.  superficial,  major),  theils  die  im  Centralorgan  vor- 
handene Juxtaposition  verschiedener  Nervenbahnen,  die  Stelle  der 
Kreuzung,  die  Art  der  Reflexe  u.  dgl.  Wir  wollen  diese  Unterab- 
theilungen —  natürlich  mit  der  nöthigen  Reserve  —  hier  nur  kurz 

Handlmeh  d.  spec  Pathologie  «.Thenpie.  Bd.  XIL  i.    2.  Aafl.  31 


482  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Skizziren  und  verweisen  für  die  nähere  Begründung  derselben  auf 
unsere  mehrfach  citirte  Arbeit  im  XV.  Bande  des  Archiv  f.  klin. 
Med.,  welcher  wir  auch  die  beigegebene  schematische  Figur  der 
peripheren  Facialisbahn  entnehmen. 

1 .  Ist  völlige  Lähmung  aller  Gesichtszweige  vorhanden,  aber  der 
Nerv,  auricul.  poster.  frei  geblieben,  fehlen  alle  Reflexe,  fehlen  Stö- 
rungen des  Geschmacks,  Gehörs,  der  Speichelsecretion  und  des  Gau- 
mensegels —  dann  ist  der  Stamm  des  Facialis  ausserhalb 
des  Ganalis  Fallopiae  afficirt  (1 — 2  der  Figur  4). 

Das  Freibleiben  des  Auricul.  poster.  ist  unter  Umständen  schwer 
zu  constatiren;  auch  könnte  derselbe  gelegentlich  noch  mitergriffen 
sein,  wenn  die  Läsion  gerade  bis  zum  Eingang  des  Canal.  Fallop. 
Yorschreitet.  Diese  Localisation  ist  wohl  die  gewöhnliche  bei  den 
„leichten"  Formen  der  rheumatischen  Facialislähmung;  die  elektrische 
Erregbarkeit  bleibt  dann  intact. 

2.  Lähmung  aller  äussern  Zweige  einschliesslich  des  AuricuL 
poster.,  keine  Störung  des  Geschmacks,  Gehörs,  der  Speichelsecretion 
und  des  Gaumensegels  —  bedeutet  Lähmung  des  Facialisstam- 
mes  innerhalb  des  Ganalis'~7allop.  und  unterhalb  des 
Abganges  der  Chorda  tympani  (2—3  der  Fig.  4). 

Diese  Localisation  ist  wohl  die  gewöhnliche  bei  der  „ schweren' 
rheumatischen  Facialislähmung  und  die  Mitbetheiligung  des  AuricuL 
post.  dann  an  der  vorhandenen  Entartungsreaction  auch  in  dessen  Be- 
reich leicht  und  sicher  zu  erkennnen.  —  BärwinkeP)  glaubt  ans 
einer  vereinzelten  Beobachtung  den  Schluss  ziehen  zu  dürfen,  dass 
der  Auricul.  post.  auch  beim  Sitz  der  Läsion  innerhalb  des  Felsen- 
.  beines  nicht  immer  mitbetheiligt  sein  müsse  und  statuirt,  dass  einzelne 
Fasern  bei  dieser  Localisation  gelegentlich  weniger  schwer  getroffen 
sein  könnten.  Ich  gebe  eine  solche  Ausnahme  gern  zu  —  Ausnahmen 
bestätigen  ja  bekanntlich  die  Regel  und  mehr  als  Regeln  wollen 
die  hier  ausgesprochenen  Sätze  nicht  sein.  Aber  ich  muss  bestreiten, 
dass  der  Fall  von  Bärwinkel  das  beweist,  was  er  beweisen  soll. 
Abgesehen  von  der  ganz  unvollständigen  Untersuchung  des  Falles  — 
Nerv  und  Muskeln  wurden  nicht  einmal  galvanisch  geprtlft!  -  be- 
weist das  in  der  8.  Erankheitswoche  gefundene  Resultat  einer  herab- 
gesetzten faradischen  Erregbarkeit  im  Auricul.  poster.  jedenfalls 
nicht,  dass  der  Nerv  nicht  mitbetheiligt  war.  Im  Orbicul.  palpebr. 
war  bereits  Besserung  eingetreten  und  jedenfalls  konnte  dieselbe  in 
dem  der  Läsionsstelle  so  viel  näher  liegenden  Gebiete  des  Auric.  post 
ebenfalls  vorhanden  sein  und  erklärt  dann  das  ganze  Verhalten. 

3.  Lähmung  aller  äussern  Zweige  einschliesslich  des  Auricular. 
poster.,  Störung  des  Geschmacks  auf  der  entsprechenden  vorderen 
Zungenhälfte  (Verminderung  der  Speichelsecretion),  keine  Störung  des 

1)  Deutsch.  Arch.  f.  klin.  Med.  XVI.  S.  122.  1875. 


Fadalisl&hmang.   Diagnose.    Sitz  and  Art  der  Läsion. 


483 


Gtehörs  und  des  Gaumensegels  bedeutet  Läsion  des  Facialis- 
stammes  von  der  Abgangsstelle  der  Chorda  bis  zur  Ab- 
gangsstelle des  Nerv,  staped.  (3—4  der  Figur).  Kommt  eben- 
liEÜls  bei  schwerer  rheumatischer  Lähmung  —  mit  Entartungsreac- 
tion  —  vor. 

4.  Lähmung  aller  äus- 
sern Zweige,  Geschmacks- 
alteration (und  vermin- 
derte Speichelsecretion) 
und  abnorme  Feinhö- 
rigkeit, aberkeine  Ano- 
malie des  Gaumensegels: 
dann  hat  die  Läsion  ihren 
Sitz  vom  Nerv,  sta- 
pedius  an  bis  dicht 
unterhalb  des  Gangl. 
geniculi  (4—5  der  Fi- 
gur). Jedenfalls  ist  die 
obere  Grenze  der  Läsion 
oberhalb  des  Nerv,  staped. 
zu  suchen. 

Bernhardt  berichtet 
einen  Fall,   in  welchem 

Hyperacusis  bestand 
ohne  gleichzeitige  Ge- 
schmacksalteration — 
also  wohl  auch  eine  Aus- 
nahme von  der  Regel. 
Er  parallelisirt  dies  Ver- 
halten mit  dem  bei  Läh- 
mungen gemischter  Ner- 
ven so  oft  beobachteten 
geringeren  Befallensein 
der  sensiblen  Fasern 
gegenüber  den  motori- 
schen. —  Vielleicht  dürfte  man  noch  eher  an  Anomalien  im  Verlauf 
der  Geschmacksfasem  denken. 

5.  Lähmung  aller  äussern  Zweige,  Geschmacksalteration,  ver- 
minderte Speichelsecretion,  abnorme  FeinhOrigkeit  und  Gaumensegel- 
parese  bedeuten  Läsion  in  der  Gegend  des  Gangl.  geniculi 
selbst  (5—6  der  Figur). 

Gerade   das  gleichzeitige  Vorkonmien  von  Gaumensegellähmung 
und  Gescbmacksstörung  muss  die  Diagnose  auf  das  Gangl.  geniculi 

31* 


Flff.  4.  Schematische  Dantellniig  des  Facislisstammes  Ton  der 
ScAftdelhttsifl  bis  Kum  Pes  »nserinns.  Verschiedene  Localisa- 
tionen    der  Uhmenden    L&sion     -    Nerr.  facialis  =  N.  £; 


sticiui  =  N.  a 


Oangl.  gen.  =  0.  g. ;  Foram.  stylomast.  =  F.  st.; 
N.  aariool.  post.  =  N.  a.  p. 


484  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

richten,  weil  nur  an  dem  einen  Punkte  die  Oescbmacks-  und  Gramnen- 
segelfasem  sich  innerhalb  des  Facialisstammes  berübren. 

6.  Läbmnng  aller  äussern  Zweige  und  Lähmung  des  Gau- 
mensegels; abnorme  FeinhOrigkeit  und  verminderte  Speichelsecre- 
tion;  aber  keine  Geschmacksanomalie}  Sitz  der  Läsion  ober- 
halb des  Gangl.  geniculi  bis  zum  Eintritt  des  Facialis- 
stammes ins  Gehirn  (6—7  der  Figur). 

Die  Mitbetheiligung  noch  anderer  Gehimnerven  an  der  Schädel- 
basis wird  diese  Localisation  noch  weiter  stützen.  Besonders  häufig 
wird  ausser  den  Augenmuskelnerven  der  Acusticus  mitbetroffen  s^ 
und  ist  deshalb  gelegentlich  Schwerhörigkeit  ^  Ohrensausen ,  abnorme 
galvanische  Reaction  des  Acusticus  vorhanden.  —  Die  elektrische  Er- 
regbarkeit kann  sehr  verschieden  sein.  Meist  jedoch  besteht  Ent- 
artungsreaction. 

Schwieriger  und  unsicherer  werden  die  Verhältnisse  innerhalb 
des  Gehirnes. 

7.  Besteht  vollständige  Lähmung  der  Gesichtäste,  Parese  des 
Gaumensegels,  keine  Geschmacksstörung,  einfache  Verminderung  der 
elektrischen  Erregbarkeit,  und  sind  besonders  ungewöhnliche  oder 
gekreuzte  Reflexe  vorhanden,  so  soll  man  eine  Läsion  desFa- 
cialiskerns  annehmen  dürfen.  Sicherer  wird  man  aber  den  bul- 
bären  Sitz  der  Affection  an  der  Mitbetheiligung  derjenigen  Gefaim- 
nerven  erkennen,  deren  Ursprünge  ebenfalls  in  jener  Gegend  zu 
suchen  sind  (Hypoglossus ,  Accessorius,  Vagus,  Trigeminus,  Abdu- 
cens  u.  s.  w.). 

8.  Völlige  Lähmung  der  Gesichtszweige,  Gaumensegelparese,  er- 
haltene Reflexe,  keine  Geschmack-  oder  Gehörstörung,  normale 
elektrische  Erregbarkeit,  gekreuzte  Extremitätenlähmung  (Paralyede 
alteme,  Gubler)  lässt  mit  Sicherheit  auf  den  Sitz  der  Läsion 
im  Pons  schliessen.  (Doch  zeigen  nicht  alle  Ponsaffectionen  das 
Bild  der  „  alternirenden  **  Hemiplegie,  sondern  nur  diejenigen,  welche 
unterhalb  der  Facialiskreuzung  ihren  Sitz  haben.  Ausserdem  werden 
die  Erscheinungen  hier  häufig  complicirt  dadurch^  dass  Ponsaffec- 
tionen eine  (periphere)  Gompression  des  Nerven  an  der  Schädelbasis 
bewirken.) 

9.  Partielle  Lähmung  der  Gesichtszweige,  deren  obere  frei  bleiben, 
Gaumensegelparese ,  erhaltene  Reflexe  und  elektrische  Erregbarkeit^ 
gleichseitige  Extremitätenlähmung  lassen  auf  den  Sitz  der  Läsion 
oberhalb  des  Pons  in  den  Hirnschenkeln  und  grossen 
Hemisphären  schliessen.    Manchmal  erlaubt  eine  mit  der  Fa- 


Facialislähmang.    Diagnose.    Sitz  und  Art  der  Läsion.  485 

ciaUslähmnng  gekreuzte  Ocalomatorioslähmaiig  diesen  Sitz  genauer 
in  den  Pedunculus  zu  verlegen. 

Es  bedarf  wohl  keines  besonderen  Hinweises  darauf ,  dass  man 
in  praxi  nur  selten  ganz  reine  Beispiele  fttr  diese  verschiedenen 
Localisationen ,  die  ttberdiess  noch  weiterer  Bestätigung  und  Becti- 
fidrnng  durch  gehäufte  Erfahrungen  dringend  bedtlrfen,  finden  wird. 
Jeder  mit  der  Nervenpathologie  einigermassen  Vertrante  weiss,  wie 
durch  Propagation  der  krankhaften  Vorgänge,  durch  mehrfache  Lo- 
caUsationen,  durch  zufälliges  Nebeneinanderbestehen  von  Störungen, 
durch  eine  Häuftmg  von  Schädlichkeiten  u.  dgl.  so  verwickelte  Ver- 
hältnisse entstehen  können,  dass  sie  selbst  mit  der  grössten  Umsicht 
und  Sachkenntniss  nicht  entwirrt  werden  können.  Das  muss  man 
immer  im  Auge  behalten,  um  sich  nach  Möglichkeit  vor  Irrthtimem 
in  der  Localdiagnose  der  Facialparalysen  zu  schützen. 

Hat  man  sich  eine  bestimmte  Vorstellung  über  den  Sitz  der 
Läsion  gebildet,  dann  wird  die  Lösung  der  Frage  nach  der  Art 
der  vorhandenen  Veränderung  geringere  Schwierigkeit  bieten. 
Dabei  muss  nach  allgemein  pathologischen  Grundsätzen  verfahren 
werden :  die  vorhandenen  ätiologischen  und  ananmestischen  Momente, 
die  Gonaplicationen  verschiedenster  Art,  die  Ergebnisse  der  elektrischen 
Untersuchung  u.  s.  w.  werden  in  der  Begel  einen  sicheren  Schluss 
auf  die  an  der  Facialisbahn  irgendwo  vorhandene  Störung  erlauben 
und  nur  selten  dürfte  man  heutzutage  wohl  in  der  Lage  sein,  die 
Casuistik  der  „essentiellen''  Paralysen  um  einen  neuen  Fall  zu  be- 
reichem. Vielfach  wird  der  Nachweis  eines  bestimmten  Sitzes  einen 
Schluss  auf  die  Art  der  Läsion  gestatten ,  während  umgekehrt  nicht 
selten  die  nachweisbare  Ursache  der  Lähmung  einen  Schluss  auf 
den  Ort  der  Läsion  erlaubt. 

Die  Prognose  der  Gesichtslähmungen  wird  wesentlich  durch 
die  zu  Grunde  liegende  Läsion  des  Nerven,  resp.  deren  Ursache 
bestimmt  und  ergibt  sich  z.  Th.  schon  aus  der  obigen  Darstellung. 
Sehr  wenig  kommt  auf  den  Sitz  der  Läsion  an;  an  allen  möglichen 
Stellen  der  Facialisbahn  gibt  es  heilbare  und  unheilbare  Lähmungen. 
—  Absolut  ungünstig  sind  die  Lähmungen  durch  Druck  von  unheil- 
baren Geschwülsten,  durch  Felsenbeincaries,  Schädelfracturen,  Schuss- 
verletzungen u.  dgl.  —  Ebenso  die  durch  Bulbärsklerose,  Hirntumoren 
u.  dgL  —  Viel  günstiger  die  durch  Apoplexie,  Himembolie  u.  dgl; 
sie  pflegen  meist  in  wenigen  Wochen  wieder  zu  verschwinden.  — 
Zweifelhaft  ist  die  Prognose  der  syphilitischen  Lähmungen;  sie  sind 
durchaus  nicht  immer  heilbar,  selbst  mit  energischen  antisyphili- 
tiBchen  Curen.   —   Die  Prognose  bei  Lähmungen   durch  Parotitis, 


48t>  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Otitis  interna  u.  dgl.  hängt  von  der  Heilbarkeit  dieser  Affectioneii 
ab.  —  Einfache  Durchschneidangen  des  Facialis  und  seiner  Aeste 
heilen  in  der  Regel. 

Von  besonderer  praktischer  Wichtigkdt  ist  die  Prognose  der 
rhenmatischen  Facialislähmnng.  Sie  ist  im  Allgemeinen  günstig, 
insofern;  als  weitaus  die  meisten  Fälle  zur  Heilang  gelangen,  and  nor 
wenige  gar  nicht  oder  doch  nnr  sehr  anroUständig  heilen.  Hiofig 
bleiben  flir  lange  Zeit  Contractaren  und  Steifheit  der  gelähmten  Ge- 
sichtshälfte, nebst  krampfhaften  Zuckungen  derselben  zurttck.  Die 
elektrische  Untersuchung  gestattet  nun  ziemlich  frühzeitig  schon  eine 
sehr  präcise  Vorhersage  in  Bezug  auf  die  Dauer  des  Leidens.  Ist 
am  Ende  der  1.  Krankheitswoche  die  elektrische  Erregbarkeit  yoU- 
kommen  normal  (leichte  Form)  —  dann  tritt  Heilung  in  2 — 3 
Wochen  ein;  ist  um  dieselbe  Zeit  die  foradische  und  galvanische 
Erregbarkeit  des  Nerven  deutlich,  aber  nur  wenig  gesunken  (Mittel- 
form) -  dann  hat  man  Heilung  in  4— 6  Wochen  zu  erwarten;  ist  am 
Ende  der  ersten  Woche  die  elektrische  Erregbarkeit  des  Nerven 
schon  sehr  erheblich  gesunken  oder  ganz  erloschen  (schwere  Form) 
—  dann  mag  man  die  Kranken  auf  eine  mehrmonatliche  Daaer  des 
Leidens  vorbereiten  und  darf  mit  ziemlicher  Sicherheit  auf  später 
eintretende  Contracturen  rechnen.  Die  weiteren  Erregbarkeitsände- 
rungen, die  sieh  in  den  beiden  letzten  Fällen  im  Laufe  der  zweite 
Woche  einstellen,  werden  zur  Beki^ftigung  der  gestellten  Prognose 
dienen. 

Es  scheint,  dass  die  „schweren**  rheumatischen  Formen  bei 
jüngeren  Individuen  rascher  heilen,  als  bei  älteren;  doch  gibt  es 
auch  davon  Ausnahmen.  Die  „Mittelformen**  habe  ich  bisher  nur 
bei  Individuen  jugendlichen  oder  mittleren  Alters  gesehen. 

Es  ist  nach  meiner  Erfahrung  vollkommen  irrig,  zu  sagen,  dass 
„frische  rheumatische  Facialislähmungen  immer  eine  günstige,  ver- 
altete eine  ungünstige  Prognose  **  geben.  Die  Behandlung  hat  darauf 
sehr  wenig  Einfluss.  Leichte  Fälle  heilen  in  kurzer  Zeit  auch  ohne 
jede  Behandlung;  und  in  schwereren  Fällen  vermag  auch  eine  am 
ersten  Tage  schon  instituirte  sachgemässe  Behandlung  nicht,  den 
Gang  der  Degeneration  aufzuhalten,  und  die  Dauer  der  Krankheit 
erheblich  abzukürzen.  Freilich  ist  es  richtig,  dass  veraltete  Fälle 
eine  weniger  günstige  Prognose  geben;  das  rührt  aber  davon  her, 
dass  die  leichten  Fälle  niemals  veralten,  sondern  rasch  heilen,  wäh- 
rend die  schweren  Fälle  immer  „veralten**,  wenn  man  sie  auch 
ganz  frisch  in  Behandlung  nimmt. 

Therapie.    Vor  Allem  ist  die  Erfüllung  der  Causalindication 


Facialislähmang.    Therapie.  487 

zn  erstreben:  also  bei  cerebral  bedingten  Lähmungen  die  ent- 
sprechende, hier  nicht  näher  zu  präcisirende  Behandlung  einzuleiten, 
bei  syphilitischen  Lähmungen  Quecksilber  oder  Jodkalium  zu  ver- 
abreichen, bei  Otitis  interna,  bei  Felsenbeincaries,  bei  Fracturen  des 
Schädels  die  entsprechende  otiatrische  und  chirurgische  Behandlung 
u.  s.  w.  Weitaus  am  häufigsten  wird  man  die  verschiedenen  For- 
men der  rheumatischen  Gesichtslähmung  zur  Behandlung  bekommen, 
und  hier  findet  sich  eine  grosse  Divergenz  der  Meinungen  über  das 
einzuschlagende  causale  Verfahren:  auf  der  einen  Seite  gläubiges 
Vertrauen  auf  eine  Menge  der  gebräuchlichen  Heilmittel,  auf  der 
anderen  Seite  hochgradige  Skepsis  gegen  alle  behaupteten  Erfolge. 
Der  Nachweis  der  leichten  und  schweren  Formen  erklärt  die  ver- 
schiedenen Meinungen  leicht.  Die  leichten  Formen  bedürfen  eigent- 
lich gar  keiner  Behandlung,  sie  heilen  von  selbst  in  kurzer  Zeit  und 
können  höchstens  durch  die  Elektricität  etwas  rascher  zum  Ver- 
sehwinden gebracht  werden,  als  ohne  jede  Behandlung.  Da  man 
aber  in  den  allerersten  Tagen  die  leichten  von  den  schweren  Formen 
nicht  sicher  unterscheiden  kann,  und  da  eine  möglichst  fiUbzeitige 
causale  Behandlung  den  relativ  grössten  Erfolg  verspricht,  so  wird 
man  dieselbe  in  allen  ganz  frisch  zur  Behandlung  kommenden  Fällen 
instituiren.  Ist  in  später  (nach  dem  7.  Tage)  zur  Beobachtung 
kommenden  Fällen  das  Vorhandensein  der  leichten  Form  bereits 
sicher,  dann  kann  man  die  causale  Behandlung  sparen  und  sich  auf 
Anwendung  der  Elektricität  beschränken. 

Von  der  Annahme  ausgehend,  dass  es  sich  bei  den  rheuma- 
tischen Lähmungen  um  eine  leichte  exsudative  Entzündung,  eine  Art 
Neuritis  facialis  handelt,  wird  man  die  entsprechenden  örtlichen  und 
allgemeinen  Proceduren  anwenden ,  die  gegen  rheumatische  Entzün- 
dungen im  Gebrauch  sind :  man  wird  die  Kranken  ein  oder  mehrere 
Dampf  beider  oder  ein  warmes  Bad  mit  Nachschwitzen  nehmen  lassen, 
man  wird  locale  Blutentziehungen  hinter  dem  Ohre,  Vesicantien  da- 
selbst appliciren.  Das  alles  kann  wohl  nur  in  den  ersten  Tagen 
nützlich  sein.  Auch  der  galvanische  Strom  dürfte  sich  gegen  die 
vorausgesetzte  Neuritis  empfehlen,  obwohl  seine  zweifelhaften  Erfolge 
bei  den  schweren  Formen  einigermassen  gegen  seine  besondere 
Wirksamkeit  in  dieser  Richtung  sprechen.  Die  stabile  Application 
der  Anode  auf  den  Proc.  mastoid.  der  leidenden  Seite  (Kathode  auf 
der  anderen  Seite)  wird  in  der  ersten  Zeit,  später  eine  altemirende 
Einwirkung  auch  der  Kathode  nützlich  sein. 

Von  inneren  Mitteln  wird  man  nicht  viel  erwarten  dürfen;  Vin. 
eolchic.  wird  nichts  leisten;    die  anfängliche  Darreichug  von  tüch- 


488  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

tigen  Gaben  Jodkaliam,  etwa  6—8  Tage  lang,  schien  mir  in  einigen 
schweren  Fällen  den  Verlauf  erheblich  abzakttrzen.  Doch  erschwert 
das  Vorkommen  von  Mittelformen  hier  sehr  die  BeartheUnng. 

Von  den  directen  Mitteln  ist  die  Elektricität  eigenflich 
das  einzig  empfehlenswerthe,  obgleich  anch  sie  dorchans  nicht  alles 
leistet,  was  man  vielfoch  von  ihr  erwartet  hat  Besonders  ist  die 
Begeistemng  fttr  den  galvanischen  Strom,  welche  durch  die  eiBten 
Beobachtungen  über  die  Entartungsreaction  in  vielen  Gtomttthem  an- 
gefacht wurde,  eine  durchaus  ttberstttrzte  gewesen.  Ich  habe  durch 
eine  kritische  Zusammenstellung  der  vorliegenden  Thatsachen  (Arch. 
f.  klin.  Med.  V.  S.  88)  nachgewiesen ,  dass  auch  eine  ganz  frühzeitig 
instituirte  galvanische  Behandlung  nicht  im  Stande  ist,  die  Dauer 
der  schweren  rheumatischen  Facialislähmungen  in  nennenswerther 
Weise  abzuktlrzen,  und  dass  dieselben  bei  faradischer  Behandlung 
ungefähr  ebenso  rasch  und  sicher  heilen,  als  bei  der  galvanischen. 
Es  ist  also  mit  der  vermeintlichen  Superiorität  des  galvanisdien 
Stromes  über  den  faradischen  gerade  auf  diesem  Gebiete  nicht 
weit  her. 

Immerhin  ergibt  die  Beobachtung,  dass  in  den  leichten  Formen 
der  rheumatischen  Lähmung  sich  gewöhnlich  unmittelbar  an  jede 
elektrische  Behandlung  eine  Besserung  der  Motilität  knüpft;  dass  bei 
den  Mittelformen  ebenfalls  von  der  elektrischen  Sitzung  tagtäglich 
ein  deutlicher,  wenn  auch  geringerer  Fortschritt  in  der  Beweglichkeit 
abzuleiten  ist;  dass  endlich  auch  bei  den  schweren  Formen  zu  der 
Zeit,  wo  die  Leitungsfähigkeit  des  Nerven  wieder  hergestellt  ist 
die  Besserung  in  der  Motilität  durch  das  Elektrisiren  deutlich  be- 
schleunigt wird.  Man  wird  deshalb  in  allen  diesen  Fällen  die  Elek- 
tridtät  anwenden. 

Für  die  Begründung  der  anzuwendenden  Methoden  verweise  ich 
auf  das  im  allgemeinen  Theil  Gesagte.  Für  die  leichten  Formen 
genügt  eine  täglich  oder  2— 3  mal  wöchentlich  vorgenommene,  2—3 
Minuten  dauernde  massige  Beizung  der  einzelnen  Fadaliszweige 
mittelst  des  faradischen  Stromes,  oder  der  labilen  Einwirkung  der 
Kathode  (An  dabei  hinter  dem  Ohr)  völlig  zur  Heilung.  —  Für  die 
Mittelformen  ist  dieselbe  Behandlung  angezeigt;  doch  kann  hier  die 
oben  erwähnte  Galvanisation  durch  die  Warzenfortsätze  noch  hinzu- 
gefügt werden.  —  In  den  schweren  Fällen  wird  man  das  Haupt- 
gewicht auf  dieses  letztere  Verfahren  zu  legen  haben  (ob  auch  eine 
gleichzeitige  Behandlung  des  Sympathicus  am  Halse  die  Besserung 
fördern  könne,  wollen  wir  dahingestellt  sein  lassen),  und  wird  über- 
haupt die  galvanische  Behandlung  zu  bevorzugen  sein.    (Doch  ist 


Facialislähmung.    Therapie.  489 

dabei  nicht  zu  vei^essen,  dass  Duchenne  auch  mit  dem  faradischen 
Strom  gute  Eesultate  erzielte.)  In  den  ersten  Wochen  wird  man  die 
periphere  Behandlung  der  Nerrenzweige  und  Muskeln  auf  eine  ein- 
malige galvanische  Reizung  derselben  per  Woche  beschränken  kön- 
nen; sobald  aber  die  ersten  Spuren  der  Motilität  sich  wieder  zu 
zeigen  beginnen,  lasse  man  diese  periphere  Reizung  mehr  in  den 
Vordergrund  treten  und  führe  sie  regelmässig  aus..  Besondere  Be- 
rücksichtigung verdient  der  Orbicularis  palpebrarum  wegen  der  secun- 
dären  Conjunctivalreizung;  man  vermag  oft  durch  energisches  Galva- 
nisiren  des  Muskels  den  Tonus  desselben  etwas  zu  erhöhen  und  so 
die  Grösse  und  Häufigkeit  der  einwirkenden  Schädlichkeiten  etwas 
zu  mindern.  —  Die  anzuwendenden  Stromstärken  richten  sich  nach 
äer  Empfindlichkeit  der  Kranken,  der  Erregbarkeit  ihrer  Muskeln; 
gewöhnlich  wird  man  mit  6  —  10  Stöhr.  Elementen  auskommen. 
Wendet  man  den  faradischen  Strom  an,  so  muss  man  sich  von  der 
Empfindlichkeit  der  Gesichtshaut  leiten  lassen,  da  Nerven  und  Mus- 
keln niclit  auf  denselben  reagiren. 

Ffir  alle  ttbrigen  Formen  der  Facialislähmung  wird  die  elek- 
trische Behandlung  nach  den  soeben  erörterten  Grundsätzen  ange- 
zeigt sein,  sobald  die  Ursache  derselben  beseitigt  ist ;  in  den  meisten 
Fällen  mit  unbekannter  Ursache  oder  mit  zweifelhafter  Prognose 
wird  immerhin  ein  Versuch  mit  der  Elektricität  gerechtfertigt  sein. 

In  Fällen,  wo  die  Elektricität  nichts  hilft,  wird  man  auch  mit 
subcutanen  Strychnininjectionen ,  mit  reizenden  Einreibungen  aller 
Art,  mit  kalter  und  warmer  Douche  u.  s.  w.  nichts  ausrichten. 

Gegen  die  secundären  Ciontracturen  ist  nicht  viel  zu  machen. 
Heilt  die  Lähmung  vollständig,  so  verschwinden  sie  allmälig  von 
selbst  Fördern  kann  man  ihr  Verschwinden  durch  mechanische 
Ausdehnung  der  starren  Muskehi  (Holzkugel  unter  die  Wange,  Ziehen 
mit  den  Fingern  u.  s.  w.),  oder  durch  Faradisation  der  gesunden 
Antagonisten  und  dadurch  bewirkte  Dehnung  (Brenner),  vielleicht 
auch  durch  katalytische  Einwirkung  des  galvanischen  Stromes  (Ea 
stabil)  auf  die  contracturirten  Muskeln. 

Die  Chirurgie  hat  mancherlei  Operationsverfahren  ersonnen,  um 
die  in  unheilbaren  Fällen  bleibenden  Entstellungen  und  Störungen 
zu  beseitigen  (subcutane  Durchschneidung  der  Antagonisten,  des  Le- 
vator  palp.  super.,  Ectropiumoperation  u.  s.  w.).  Man  wird  davon 
nicht  viel  zu  erwarten  haben. 


490  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 


d)   Lähmung  im  Gebiete  des  N.  accessorius  WillisiL 

A.  Eulenburg,  1.  c-  S.  561.  —  Duchenne,  Electris.  local.  2.  u.  3.  Aufl. 

—  Erb,  Paralyse  u.  Atrophie  Bämmtl.  vom  N.  access.  siü.  versorgt  Muskeio. 
Arch.  f.  klin.  Med.  lY.  S.  246.  1868.  ~  Seeligmüller,  Lähmung  des  Accessor. 
Willisii.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nerv.  III.  S.  433.  l«»?!. 

Dieser  Nerv  belebt  haaptsächlich  die  Mm.  stemocieidomasi  und 
eucullaris  (welche  ausserdem  noch  Zweige  vom  Plex.  ceryical.  er- 
halten). Sein  innerer  Ast,  der  sich  Mh  mit  dem  Vagus  vereinigt, 
innervirt  die  Kehlkopfmusculatur,  einen  Theil  des  Graumensegels  und 
der  Rachenmuskeln. 

Actio logie.  Die  Ursachen  dieser  im  Ganzen  seltenen  Läh- 
mung können  theils  rheumatische  sein  und  betreffen  dann  meist  nur 
den  äusseren  Ast  oder  einen  seiner  Zweige;  oder  es  sind  trauma- 
tische Ursachen  (Schnitt-,  Hieb-,  Schusswunden  am  ELalse  u.  dgL). 

—  Femer  kann  alle  mögliche  Art  von  Compression  des  Nerven  — 
durch  Erkrankung  der  Schädelknochen,  Fractur  der  Halswirbel, 
Tumoren,  Lymphdrttsensch wellung,  Abscesse  u.  dgl.,  auch  Neuritis 
und  Neurome,  Lähmung  der  genannten  Muskeln  bedingen.  Leube  0 
sah  in  einem  Falle  von  Garies  der  Halswirbelsäule  beim  staiken 
Vomttberbeugen  des  Kopfes  Erscheinungen  eintreten,  welche  auf 
Compression  und  Lähmung  des  Accessorius  deuteten.  Nicht  selten 
endlich  führt  progressive  Atrophie  dieser  Muskeln,  besonders  der 
Cucullares,  schliesslich  zu  völliger  Lähmung  derselben. 

Symptome.  Wir  haben  hier  nur  die  Erscheinungen  der  Läh- 
mung der  beiden  vom  Accessorius  versorgten  grossen  Muskeln  zu 
schildern.  Jeder  derselben  kann  isolirt,  sie  können  aber  auch  beide 
gleichzeitig  gelähmt  sein;  und  wieder  kann  jeden  oder  beide  eine 
einseitige  oder  doppelseitige  Lähmung  befallen. 

Bei  einseitiger  Lähmung  des  M.  sternocleidomastoi- 
deus  hat  der  Kopf  eine  leicht  schiefe  Stellung,  bedingt  durch  das 
Uebergewicht  des  gesunden  Muskels  der  anderen  Seite:  Das  Kinn 
ist  nach  der  kranken  Seite  gedreht  und  etwas  gehoben,  der  Kopf 
kann  nicht  mit  Leichtigkeit  nach  der  entgegengesetzten  Richtung 
willkürlich  gebracht  werden,  während  passive  Bewegung  desselben 
leicht  möglich  ist.  Immerhin  ist  diese  pathologische  Haltung  meist 
nicht  sehr  ausgesprochen,  und  die  Drehung  des  Kopfes  kann  noch 
von  anderen  Muskeln  besorgt  werden.    Charakteristischer  ist  des- 


1)  Klin.  Berichte  aus  d.  Landkrankenh.  z.  Jena.  1875.  S.  82. 


AcceBsoriuslähmung.  491 

halb  das  AoBbleiben  des  aoifallenden  Muskelyorspronges,  wenn  man 
die  durch  den  SterDOcleidomastoideus  besorgteD  Bewegungen  bei 
einigem  Widerstand  ausführen  lässt  (wenn  man  z.  B.  das  Kinn  mit 
der  Hand  unterstützt  und  den  Kranken  auffordert,  dasselbe  stark 
nach  abwärts  oder  seitwärts  zu  drücken ;  dann  tritt  der  Muskelbauch 
nur  auf  der  gesunden  Seite  hervor;  noch  sicherer  ist:  Erheben  des 
Kopfes  im  Liegen;  dabei  treten  die  Stemocleidomastoidei  sehr  stark 
hervor).  Bei  längerem  Bestehen  der  einseitigen  Lähmung  kann  sich 
Ck>ntractur  des  gleichnamigen  gesunden  Muskels  und  damit  dauernder 
Schie&tand  des  Kopfes  ausbilden. 

Bei  doppelseitiger  Lähmung  des  Stemocleidomastoideus  steht 
der  Kopf  gerade ;  es  können  aber  die  betreffenden  Bewegungen;  be- 
sonders die  Rotationen  des  Kopfes  bei  etwas  erhobenem  Kinn,  nur 
mit  Mühe  und  mit  Hülfe  anderer  Muskeln  ausgeführt  werden.  Cha- 
rakteristischer ist  auch  hier  das  Fehlen  des  prallen  Hervortretens 
der  Muskelbäuche  bei  bestimmten  Bewegungen.  Sind  die  Muskeln 
gleichzeitig  atrophirt,  so  besteht  zwischen  Proc.  mast.  und  Stemum 
eine  seichte,  sonst  fehlende  Vertiefung,  der  Hals  erscheint  etwas 
magerer. 

Bei  Lähmung  des  Gucullaris  äussert  sich  die  Difformität  be- 
sonders in  der  Stellung  des  Schulterblattes:  dasselbe  erscheint  in 
toto  etwas  nach  abwärts  und  vorwärts  gesunken,  sein  innerer  Rand 
ist  von  der  Wirbelsäule  mehr  entfernt  und  steht  schief,  indem  der 
untere  Winkel  der  Wirbelsäule  relativ  näher  geblieben  ist;  dasAcro- 
mion  ist  nach  ab-  und  vorwärts  gesunken,  theils  durch  die  Schwere 
des  Armes,  theils  durch  die  antagonistische  Wirkung  des  Rhomboi- 
deus  und  Levator  anguli  scapulae;  in  Folge  davon  tritt  das  Schlüssel- 
bein weiter  hervor,  die  Oberschlüsselbeingrube  erscheint  vertieft, 
und  an  ihrem  obem  Rande  lässt  sich  der  hintere  obere  Winkel  der 
Scapula  mit  ungewöhnlicher  Deutlichkeit  durchfühlen. 

Partielle  Lähmungen  des  Muskels  sind  bei  seiner  mehrfiEu^hen 
Innervation  und  besonders  im  Verlaufe  der  progressiven  Muskel- 
atrophie nicht  ungewöhnlich,  und  es  wird  dann  die  Stellung  der 
Scapula,  je  nachdem  das  obere,  mittlere,  oder  untere  Drittel  des 
Muskels  gelähmt  ist,  eine  etwas  verschiedene. 

Die  willkürliche  Hebung  der  Schulter  ist  beschränkt  und  erfolgt 
wenigstens  in  anderer  Richtung  und  durch  andere  Muskeln,  als 
normal.  Besonders  tritt  hier  der  Levator  anguli  scapul.  vicariirend 
ein,  und  derselbe  pflegt  bei  Personen  mit  Cucullarislähmung  der- 
massen  entwickelt  zu  sein,  dass  er  leicht  für  den  vordem  Rand 
eines  kräftig  sich  contrahirenden  Gucullaris  gehalten  werden  kann; 


492  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

die  Unterscheidung  ist  aber  bei  einiger  Aufmerksamkeit  nicht  schwer: 
der  Levator  hebt  vorwiegend  den  innem  obem  Winkel  des  Schal- 
terblatts, sein  Muskelbauch  lässt  sich  nur  bis  dahin  verfolgen,  er 
vertieft  die  Oberschlüsselbeingrube  erheblich  und  lässt  das  Schlfissel- 
bein  stark  vom  Thorax  abstehen;  der  Cucullaris  hebt  vorwiegend 
das  Acromialende  der  Scapula  (und  zieht  dieselbe  in  toto  gegen  die 
Wirbelsäule),  und  sein  Muskelbauch  lässt  sich  deutlich  bis  zum  Acro- 
mialende der  Clavicula  verfolgen.  Das  lässt  sich  auch  besonders 
durch  die  faradische  Untersuchung  in  schönster  Weise  constatireD. 
—  Weiterhin  ist  die  willkürliche  Annäherung  des  Schulterblattes  an 
die  Wirbelsäule  (Zurückziehen  der  Schulter)  erheblich  beeinträchtigt; 
so  weit  dieselbe  noch  möglich  ist,  geschieht  sie  durch  deutlich  sicht- 
bare Contraction  der  Rhomboidei,  welche  aber  die  Scapula  ^eieh- 
zeitig  nach  oben  ziehen  und  ihren  Rand  etwas  schief  stellen.  — 
Endlich  ist  auch  die  Hebung  des  Arms  über  die  Horizontale  -  trotz 
normaler  Wirkung  des  Deltoideus  und  Serratus  magnus  —  erheblich 
gestört,  weil  der  dabei  vom  obem  Drittel,  des  Cucullaris  am  Acre- 
mion  auszuübende  Zug  nach  oben  und  rückwärts  fehlt.  So  bietet 
die  Cucullarislähmung  in  der  krankhaften  Stellung  der  Schulter  und 
den  vorhandenen  Bewegungsstörungen  ein  sehr  charakteristisches 
Bild. 

Sind  beide  Gucullares  gelähmt,  so  sind  diese  Anomalien  auf 
beiden  Seiten  vorhanden,  der  Rücken  erscheint  in  horizontaler  Rich- 
tung stärker  gewölbt,  weil  beide  Schulterblätter  nach  aussen  und 
vom  gesunken  sind ;  die  Haltung  des  Kopfes  ist  dabei  nicht  wesent- 
lich alterirt,  wohl  aber  ist  das  längere  Hochtragen  und  Geradehalten 
des  Kopfes  etwas  erschwert,  so  dass  solche  Leute  den  Kopf  leicht 
auf  die  Bmst  sinken  lassen. 

Sind  beide  vom  Accessor.  versorgte  Muskeln  gelähmt ,  so  com- 
binirt  sich  das  Bild  aus  der  Lähmung  beider.  Nicht  selten  sind 
dann,  besonders  wenn  es  sich  um  Lähmung  des  ganzen  Acoessorius 
handelt,  Erscheinungen  vorhanden,  welche  durch  Lähmung  des  innera 
Astes  bedingt  sind;  Heiserkeit  bedingt  durch  Lähmung  der  Kehl- 
kopfinuskeln  auf  der  betreffenden  Seite ;  näselnde  Sprache  u.  s.  w. 
durch  Gaumensegelparese ,  erschwertes  Schlingen  durch  Parese  der 
Rachenmuskeln  auf  der  gleichen  Seite;  bei  doppelseitiger  liUunung 
hat  man  auch  gesteigerte  Pulsfrequenz  beobachtet  (Seeligmül- 
1er),  während  sie  bei  einseitiger  Lähmung  nicht  vorhanden  zu  sein 
braucht  (Erb). 

Ueber  das  elektrische  Verhalten  ist  nicht  viel  zu  sagen: 
ich  habe  in  einem  Falle  von  traumatischer  Lähmung  (Messerstich 


AccesBoriasIähmung.    Hypoglossuslähmong.  493 

am  Halse)  die  Entartungsreaction  gefunden ;  es  hängt  das  eben  ganz 
von  der  Lähmongsursache  und  den  etwa  vorhandenen  seeundären 
Ernährungsstörungen  in  Nerv  und  Muskeln  ab. 

Die  Diagnose  ergibt  sich  aus  der  obigen  Beschreibung  von 
selbst.  Man  beachte  genau  die  Anomalien  der  Haltung  und  der 
Motilität,  lasse  sich  besonders  nicht  durch  den  Levator  angul.  scap. 
tiluschen  und  untersuche  möglichst  umsichtig  und  vergleichend  die 
Bewegungen  des  Kopfes  und  Schulterblattes,  die  faradische  Beizung 
kann  dabei  wesentlich  unterstützen.  Vor  Verwechselung  mit  Gon- 
tracturen  antagonistischer  Muskeln  wird  das  Erhaltensein  der  passiven 
Beweglichkeit  schlitzen. 

Für  die  Bestimmung  des  Sitzes  der  Lähmungsursache  kann 
die  Betheiligung  der  einzelnen  Aeste,  besonders  auch  der  Zweige 
des  innem  Astes  werthvoU  sein ;  für  die  Diagnose  centraler  Lähmun- 
gen (oberhalb  der  Brücke)  ist  das  Fortbestehen  der  Contractionen 
des  Stemocleid.  und  CucuUaris  während  angestrengter  Inspiration 
beim  Fehlen  aller  willkürlichen  Bewegung  charakteristisch. 

Die  Prognose  richtet  sich  nach  der  Ursache  des  Leidens  und 
nach  dem  Grade  der  bereits  vorhandenen  Ernährungsstörungen. 

Therapie.  Neben  der  causalen  ist  vor  allen  Dingen  die 
elektrische  Behandlung  angezeigt,  die  ganz  nach  allgemeinen  Grund- 
sätzen zu  leiten  ist.  —  In  veralteten  Fällen  mit  seeundären  Contrac- 
toren  kann  eine  entsprechende  orthopädische  Behandlung  (active  und 
passive  Gymnastik,  Tenotomie,  Stützapparate)  erforderlich  werden. 

e)  Lähmung  im  Gebiet  des  N.  hypoglossus.  —  Glosso- 

plegie.  —  Zungenlähmung. 

Romberg,  1.  c.  2.  Aufl.  I.  3  S.  78.  1851.  —  A.  Eulenburg,  1.  c  S.  546. 
—  Weir  Mitchell,  lujuries  of  nervee.  p.  335.  -—  Vgl.  auch  die  Literatur  über 
progressive  Bulbärparalyse,  Bd.  XI.  2  dieses  Handbuchs. 

Der  N.  hypoglossus  innervirt  bekanntlich  sämmtliche  Zungen- 
und  die  meisten  Zungenbeinmuskeln.  Seine  Lähmung  wird  sich  also 
vorwiegend  in  Störungen  der  viel£EU5h  wichtigen  und  äusserst  feinen 
Motilität  der  Zunge  äussern. 

Aetiologie.  Zungenlähmung  ist  eine  nicht  seltene  Theiler- 
Bcheinung  der  verschiedensten  centralen  Erkrankungen.  Isolirt  fOr 
sich  kommt  sie  nur  äusserst  selten  vor.  —  Sehr-  gewöhnlich  ist  die 
Zange  betheiligt  bei  Hemiplegien  durch  Hämorrhagie,  Embolie  u.  dgl. 
in  die  Gentralganglien  und  grossen  Hemisphären;  Zungenlähmung 
ist  ein  häufiges  Symptom  bei  Erkrankungen  der  Medulla  oblongata: 


494  ErB;  Krankheiten  der  peripheren-oerebrospinalen  Nerven. 

80  bei  progresBiver  Bulbärparalyse,  so  bei  Tabes  dorsalis,  wenn  die- 
selbe sich  weit  genug  heranferstreckt ,  bei  progressiver  Moskelatro- 
phie,  wenn  der  Kern  and  die  Ursprünge  des  Hypoglossns  in  Ifit- 
leidenschafk  gezogen  werden.  —  Verletzungen  des  Rttc^enmarks 
hoch  oben ,  z.  B.  durch  Bruch  der  obersten  Halswirbel ;  sind  im 
Stande,  den  Hypoglossns  in  ihr  Bereich  zu  ziehen.  —  Peripherer 
kann  der  Nerv  durch  basale  Erkrankungen,  durch  Tumoren,  Lymph- 
drtlsenschwellungen,  Verletzungen,  Operationen  am  Halse  u.  dgL  ge- 
lähmt werden.  —  Da  die  der  Articulation  dienenden  Bewegungen 
der  Zunge  wahrscheinlich  für  beide  Nerven  gemeinschaftliche  Inner- 
vationscentren  besitzen,  erklärt  es  sich,  dass  bei  centralen  Lähmun- 
gen nicht  selten  beide  Nu.  hypoglossi  in  Mitleidenschaft  gezogen  er- 
scheinen. 

Symptome.  Bei  einseitiger  Lähmung  der  Zunge  entsteht  vor 
allem  Schiefstand  derselben;  beim  Herausstrecken  wird  die 
Spitze  der  Zunge  nach  der  gelähmten  Seite  hin  gewen- 
det, durch  einseitige  Wirkung  des  gesunden  Genioglossus,  der  beim 
Herausftihren  der  Zunge  die  Spitze  derselben  nach  der  entgegenge- 
setzten Seite  schiebt;  die  einseitige  Lähmung  der  Zungenbeinheber 
trägt  dazu  gewiss  nur  wenig  bei.  Nicht  selten  sieht  man  dabei  auf 
der  gesunden  Seite  isolirte  Gontractionen  der  Zungenmuskelbttndel, 
wodurch  die  Zungenspitze  auch  nach  der  gesunden  Seite  gekrümmt 
werden  kann;  oder  es  tritt  die  gesunde  Seite  bei  Innervationsver- 
suchen  stärker  gewulstet  hervor.  Ueberhaupt  wird  die  Parese  oder 
Paralyse  einer  Zungenhälfte  nur  bei  den  verschiedenen  Bewegungen 
derselben  deutlich  sichtbar  werden.  An  der  ruhig  am  Boden  der 
Mundhöhle  liegenden  Zunge  pflegt  man  keine  erhebliche  Differenz 
zu  bemerken. 

Bei  doppelseitiger  und  vollständiger  Lähmung  der  Zunge  liegt 
diese  unbeweglich  am  Boden  der  Mundhöhle,  sieht  schlaff  und  atro- 
phisch aus,  nicht  selten  durch  fibriUäre  Muskelcontractionen  in  be- 
ständig zitternde  Bewegung  versetzt  und  mit  kleinen  Runzeln  be- 
deckt. Besteht  nur  Parese,  so  kann  die  Zunge  nur  mit  Mühe  her- 
ausgestreckt werden  und  sinkt  unter  zitternden  Bewegungen  ^eich 
wieder  zurück;  die  Ausftihrung  der  einzelnen  von  ihr  verlanjgten 
Bewegungen  geschieht  nur  langsam  und  unvollkommen. 

Die  wichtigsten  Störungen  bei  jeder  Form  der  Glossoplegie  sind 
jedoch  die  Störungen  des  Kauens  und  der  articulirten  Sprache. 
(Masticatorische  und  articulirende  Glossoplegie  -  Romberg.)  Das 
Kauen  wird  dadurch  beeinträchtigt,  dass  der  Bissen  nicht  mehr 
recht  in  der  Mundhöhle  herumgewälzt  und  zwischen  die  Zahnreihen 


H3rpoglossa8l&hmang.  495 

geschoben  werden  kann;  das  Schljngen  wird  erschwert,  weil  die 
Zunge  die  Speisen  nicht  mehr  gehörig  nach  hinten  in  den  Pharynx 
za  schieben  im  Stande  ist  und  keinen  .genügenden  Abschluss  der 
Mundhöhle  von  der  Bachenhöhle  bewirkt;  deshalb  bleiben  die  Spei- 
sen auf  dem  Znngenrttcken ,  resp.  anf  der  einen  gelähmten  Hälfte 
desselben  liegen;  Speisen  und  Getränke  regni^tiren  im  Momente 
des  Schlingaktes  nach  der  Mandhöhle,  die  Vertheilnng  und  das  Hin- 
abschlingen des  Speichels  werden  erschwert,  und  es  werden  die 
Kranken  darch  die  häufige  Nöthigung  zum  Ausspucken  erheblich 
belästigt 

Die  Störung  der  Sprache  kann  in  verschiedenem  Grade  vor- 
handen sein.  Bei  einseitiger  und  partieller  Paralyse  werden  zu- 
nächst nur  die  Zungenlaute  (s,  seh,  1,  e,  i,  später  auch  k,  g,  r 
u.  s.  w.)  erschwert  und  undeutlich  und  in  immer  unvollkommenerer 
Weise  ausgesprochen.  Bei  doppelseitiger  Lähmung  und  Atrophie 
der  Zunge  wird  die  Sprache  vollkommen  undeutlich;  lallend  und 
nnarticulirt,  so  dass  die  Kranken  nur  in  schwer  verständlichen  Lau- 
ten sich  äussern  können.  (Wohl  zu  unterscheiden  vom  „Stottern" 
einerseits ;  welches  eine  Form  des  Krampfes  und  der  Coordinations- 
stömng  in  der  Zungenmusculatur  darstellt,  und  andrerseits  von  der 
„Stummheit"  und  „Aphonie",  welche  von  der  articulirenden  Glosso- 
plegie  ganz  wesentlich  verschieden  sind.)  Schon  bei  geringen  Graden 
der  Zungenlähmung  wird  auch  das  Singen,  besonders  das  Singen 
von  Falsettönen  erschwert 

Die  Diagnose  der  Zungenlähmung  ist  leicht,  daselbst  geringe 
Störungen  der  überaus  feinen  und  complicirten  Motilität  der  Zunge 
sich  schon  durch  auffallende  Functionsstörungen  bemerklich  zu 
machen  pflegen.  Nur  selten  wird  grössere  Aufmerksamkeit  zur  Er- 
mittelung feinerer  Störungen  nöthig  sein.  In  complicirteren  Fällen 
(z.  B.  bei  Bulbärparalyse)  wird  man  die  durch  Lähmung  der  Lippen 
oder  des  Gaumensegels  entstehenden  Störungen  wohl  von  den  durch 
die  Gloseoplpgie  bedingten  zu  trennen  wissen. 

t)ie  Prognose  ist  durchaus  abhängig  vom  Grundleiden  und 
deshalb  in  der  Begel  eine  ungünstige;  selbst  bei  apoplektischen 
Hemiplegien,  bei  welchen  die  Motilität  der  übrigen  befallenen  Him- 
nerven  meist  rasch  wiederzukehren  pflegt,  bestehen  häufig  die  Arti- 
culationsstörung  und  der  Schiefstand  der  Zunge  am  längsten  fort. 
Periphere  Hypoglossuslähmungen  bieten  je  nach  Umstlüiden  eine 
relativ  bessere  Prognose. 

Die  Therapie  kann  nur  wenig  von  günstigen  Besultaten  be- 
richten.    Da  es  sich  meist  um  schwere  centrale  Leiden   handelt, 


496  £hb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

wird  nicht  viel  Erfolg  zu  erwarten  sein;  doch  rnuss  man  vor  allen 
Dingen  diese  Erkrankungen  direct  behandeln,  und  alle  etwa  nadi- 
weisbaren  Caosalmomente  zn  entfernen  suchen.  —  Für  die  directe 
Behandlang  empfiehlt  sich  ausschliesslich  die  Elektricität:  Faradiai- 
rung  oder  Galvanisirung  der  Zunge  entweder  direct  von  der  Mund- 
höhle aus  oder  durch  Beizung  des  K  hypoglossus  am  Halse  dicht 
oberhalb  des  grossen  Zungenbeinhoms.  Häufig  kann  auch  das  Grund- 
leiden  selbst  einer  galvanischen  Behandlung  unterworfen  und  da- 
durch erheblich  gebessert  werden. 

f)  Lähmung  im  Bereich  der  Cervical-  und  Dorsal- 

nerven. 

Eine  scharfe  Abgrenzung  der  in  dieses  Kapitel  gehörigen,  un- 
gemein zahlreichen  Lähmungsformen  etwa  nach  einzelnen  Nerven- 
gebieten oder  Nervengeflechten,  oder  nach  den  einzelnen  befallen^i 
Begionen  ist  praktisch  nicht  gut  möglich,  weil  eben  in  der  Natur 
hier  keine  scharfen  Grenzen  existiren,  vielmehr  alle  nur  denkbaren 
Combinationen  gelegentlich  vorkommen.  Wir  ziehen  es  deshalb  vor, 
um  häufige  Wiederholungen  besonders  in  Bezug  auf  Aetiologie  und 
Therapie  dieser  Lähmungen  zu  vermeiden,  dieselben  etwas  sunmia- 
risch  abzuhandeln,  indem  wir  allerdings  dabei  die  specielle  Sympto- 
matologie wesentlich  betonen  und  die  häufigeren  und  wichtigeren 
Formen,  wie  z.  B.  die  Serratuslähmung,  die  Badialislähmung  u.  s.  w., 
mit  grösserer  Ausführlichkeit  abhandeln  werden.  Zahlreiche  Mus- 
keln und  Muskelgruppen,  die  verhältnissmässig  selten  erkranken  und 
deren  Lähmung  kaum  mit  Sicherheit  zu  erkennen  ist ,  wie  z.  B.  die 
tiefen  Muskeln  des  Halses,  Nackens  und  Bttckens,  werden  wir  dabei 
vollständig  übergehen  können. 

Es  ergibt  sich  dabei  eine  natürliche  Gruppirung  des  überaus 
reichen  Stofi^es  in  der  Weise,  dass  wir  zuerst  die  Lähmung  einzelner 
Muskeln  und  Muskelgruppen  am  Hals  und  Nacken,  an  der  Schulter, 
am  Bücken  und  Bauch  besprechen,  daran  eine  Schilderung  der  Läh- 
mung der  inspiratorischen  Muskeln  reihen  und  endlich  mit  einer 
Darstellung  der  isolirten  und  combinirten  Lähmungsformen  im  Be- 
reiche der  verschiedenen  Nerven  der  obem  Extremitäten  schliessen. 

Für  eine  detaillirtere  Belehrung  verweisen  wir  u.  A.  auf  folgende 
Arbeiten : 

Gh.  Bell,  1-  ^'  S*  324  £f.  1832.  —  Duchenne,  Electris.  locaL  —  A.  £a- 
lenburg,  1.  c.  S.  565—595.  —  Schmidt,  ZurCasuist  peripher,  traum&t  Para- 
lysen. Di88.  Berlin  1870.  -^  Ferr6ol-Reaillet,  Etudes  sur les paral. da membre 
Bup^r.  li^es  aux  fract  de  rhumerus.  Th^e  Paris  1869.  —  Bernhardt,  Armlih- 


Lähmung  der  Cervical-  und  Dorsalnerven.  497 

mang  nach  Schnlterlaxation.  Berl.  klin.  Woch.  IS71.  No.  5.  —  Seellgmüller, 
Ueber  Sympathicusaffectionen  bei  Verletzungen  des  Plez.  brach.  Berl.  klin.  Woch. 
1870.  No.  26.  —  Nadaud,  Des  paralvsies  obstetric.  des  nouveaux-n^s.  IST 2.  — 
Seeligmüller,  Ueber  L&hmang,  welche  Kinder  intra  partum  aquiriren.  Berl. klin. 
Woch.  1874.  No.40u.41.  —  W.  Erb,  Eigenthüml.  Localisat.  von  Lähm.  imPlex. 
brachialis.  Verhandl.  d.  Heidelb.  naturh.-med.  Vereins.  N.  Ser.  I.  2.  1S75.  — 
Vgl.  dazu  die  verschiedenen  LehYbücher  d.  Nervenkrankheiten  u.  Elektrotherapie, 
die  Literatur  der  Hirnlähmungen  u.  s.  w. 

8erratiislfthniiiiig.    Velpeau,  Anatom,  chir.  1825.  —  Desnos,  Diss.  1845. 

—  Hecker,  Erfahr,  im  Gebiet  .der  Chir.  u.  Augenheilk.  1S45.  —  Cejka,  Prag. 
Yierteliahrschr.  1850.  —  Neuschier,  Arch.  d.  Heilk.  1862.  —  Busch,  Lan- 
genbeck*8  Arch.  IV.  l.  1863.  —  Wiesner,   Arch.  f.  klin.  Med.   V.   S.  95.  1868. 

—  Eulenburg  sen.,  Berl.  klin.  Woch.  1S69.  No.  42.  —  Caspari,  Arch.  f.  kHn. 
Med.  V.  1H68.  —  Ohvostek,  Oesterr.  Zeitschr.  f.  pr.  Heilk  1871.  No.  13—16. 
u.  ibid.  1873.  No.  25—51.  —  0.  Berger,  Lähmung  des  N.  thorac.  long.  Breslau 

1873.  (Vollständige  und  erschöpfende  Darstellung.) 

Lthmnnj  der.  Bttekenmiiskelii.  Zuradelli,  Delle  paralisi  dei  muscoli 
della  Spina.  Gaz.  med.  ital.  Lomb.  1859.  No   18—21. 

Ltthmung  der  Inspiratoren  nnd  des  Diaphragma.  Bell,  1.  c.  -r  Rom- 
berg, 1.  c.  2.  Aufl.  L  3.  S.  104.  —  Oppolzer,  Lähmung  des  Zwerchfells.  Spit- 
Zeit  1862.  No.  24.  —  Duchenne,  Electr.  local.  H.  6i.  p.  718.  —  W.  Aly- 
Bchewsky,   Ueber  die  künstliche  Lähmung  des  Zwerchfells.  Berl.  klin.  Woch. 

1874.  No.  35. 

BadiaHslihmang.  Zuradelli,  Gaz.  med.  ital.  Lomb.  185S.  No.  44—47.  ^ 
Bachon,  De  la  Paral.  du  nerf  radial,  Paral.  des  Porteurs  d*Eau  de  Rennes. 
M6m.  de  M^d.  et  Chir.  milit.  Avril.  1864.  —  Brenner,  Traumat  Lähmung  der 
^fm.  extens.  carpi  etc.  Petersb.  med.  Zeitschr.  XL  1866.  —  Elektroth.  Unters.  Ö. 
1869.  ~  Billroth,  Krückenlähmung  des  N.  radialis.  Wien.  med.  Woch.  1867. 
No.  69.  —  Gubler,  Nicaise,  De  la  tumeur  dorsale  de  la  main  dans  la  paral. 
satum.  etc.  Union  ra^d.  1868.  No.  78— 80.  105.  -  Gaz.  möd.  de  Par.  1868.  No.  20, 
21.  —  Lancereaux^  Gaz. m^d. de  Par.  1862.  p.  709;  1871.  p.  38.S.  —  Laf6ron, 
Rech.  Bur  les  paralys.  etc.  rösult.  de  Tusage  des  b^quiUes.  These  Paris  1868.  — 
Hitzig,  Studien  über  Bleivergiftung  Benin  1868.  —  ßärwinkel,  Schmidts 
Jahrb.  Bd.  139.  S.  118.  —  A.  Eulenburg,  Bleilähmung.  Berl.  klin.  Woch.  1868. 
No-  6.  —  W.  Erb,  Bleilähmung.  Arch.  f.  klin.  Med.  IV.  S.  242.  1868.  — 
Fournid,  Tum6fact.  de  la  main  etc.  Union  möd.  1869.  No.  17.  —  Daviot. 
Ueber  denselben  Gegenstand.  Th^se  Paris  1869.  —  Webber,  Radialislähmung. 
Best  med.  Joum.  1871.  —  v.  K  rafft- £  hing,  Krückenlähmung.  Arch.  f.  klin. 
Med.  IX.  S.  125.  1^72.  —  Busch,  Heilung  einer  Radialislähmung  nach  Oberarm- 
bruch. Berl.  klin.  Woch.  1872  No.  34.  —  Savory,  Excis.  of  the  musculo-spiral 
nerve.  Lancet.  Ib68.  Aug.  1.  —  Langenmayr,  Casuistik  der  Radialislähmung. 
Diss.  Berlin  1872.  —  Bernhardt,  Differentialdiagnose  der  Radialisparalyse. 
Virch.  Arch.  54.  1872.  —  Panas,  De  la  paralysie  reput^  rheumatism.  du  nerf 
radial.  Arch.  g^nör.  Juin  1S72.  —  Gombault,  Contribut  ä  Thistoire  anatom.  de 
Tatroph.  musc  saturn.  Arch.  de  physiol.  1873.  —  Bernhardt,  Zur  Pathol.  der 
Radialisparal.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nerv.  IV.  3.  1874.  —  0.  Westphal.  Ueber 
eine  Veränderung  d.  N.  raa.  bei  Bleilähmuns.  ib.  IV.  3.  S.  776.  —  Fr.  Fischer, 
Zur  Lehre  von  den  Lähmungen  d.  N.  radial.  Arch.  f.  klin.  Med.  Bd.  XVH.  S.  392. 
1876-  —  Erb,  Ein  Fall  von  Bleilähmung.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nervenkr.  Bd.  V. 
S.  445.  1875.  —  E.  Remak,  Zur  Pathog.  d.  Bleilähmungen,  ibid.  VI.  S.  1.  1875. 

Mediannslfthmnng.  Riebet,  Section  du  nerf  median.  Conservat.  delasen- 
sibilit6  de  la  main.  Union  möd.  u.  Gaz.  des  h6p.  1S67  (s.  auch  Duchenne,  El. 
loc  in.  6d.)  —  Schnitzer,  Ueber  traumat.  Lähmung;  d.  Armnerven,  speciell 
des  Medianus.  Diss.  Berlin  1876.  —  Bernhardt,  Sensibilitätsstörung  bei  Lähm, 
d.  Nerv,  medianus.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nerv.  Bd.  V.  S.  555.  —  Richelot, 
Distribut  des  nerfs  coUat^raux  des  doigts  etc.  Arch.  de  Physiol.  1875.  p.  177. 

Ulnarisifthmang«  Bernhardt,  Seltener  Verlauf  einer  peripher,  traumat. 
Lähmung.  Arch.  f.  klin.  Med.  XVH.  S.  307.  1876.  —  E.  Remak,  Zur  vicariir. 
Function  periph.  Nerven  d.  Menschen.  Berl.  klin.  Woch.  1874.  No.  4S. 

HMdbQch  d.  8p«c  Pathologie  n.  Tbenpie.  Bd.  XII.  1.    2.  Aofl.  32 


498  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 


1.  Lahmung  einzelner  Muskeln    und  Muskelgruppen    am  Hals   und 
Rumpf.    (Nacken^  Rücken,  Schuller ^  Brust  und  Bauch.) 

Fast  alle  die  im  Folgenden  zu  erwähnenden  Muskeln  können 
isolirt  fllr  sich  gelähmt  werden,  häufiger  jedoch  sind  gleichzeitig 
mehrere  derselben  von  Lähmung  befallen ;  dadurch  kann  das  Erank- 
heitsbild  sehr  verwickelt  werden  und  es  bedarf  oft  grosser  Aufiuerk- 
samkeit,  um  die  Störung  in  jedem  einzelnen  Muskel  zu  erkennen. 
Wir  verdanken  besonders  den  Arbeiten  von  Duchenne  hier  sehr 
bedeutende  Förderung  unseres  diagnostischen  Könnens. 

Lähmung  der  Mm.  pectoralis  major  et  minor,  welche 
von  den  Nn.  thoracic,  anter.  (He nie)  versorgt  werden,  kommt  sehr 
selten  isolirt  fttr  sich  vor,  meist  nur  als  Theilerscheinung  complicir- 
terer  Lähniungsformen  (traumatische  Lähmung  des  Plexus  brach., 
Hemiplegie,  nicht  selten  progressive  Muskelatrophie).  Sie  verräth 
sich  sofort  durch  die  aufgehobene  oder  verminderte  Fähigkeit  der 
Adduction  des  Armes  an  den  Thorax;  durch  die  Unfähigkeit,  mit 
der  Hand  die  entgegengesetzte  Schulter  zu  umgreifen  oder  passiver 
Abduction  des  Armes  Widerstand  zu  leisten.  Ist  gleichzeitig  Atrophie 
vorhanden,  so  ist  die  ünterschlüsselbeingrube  erheblich  vertieft,  die 
Kippen  und  Zwischenrippenräume  treten  deutlich  hervor  und  sind 
ungewöhnlich  leicht  zu  palpiren,  die  vordere  Wand  der  Achselhöhle 
ist  zu  einer  schlaffen  Hautfalte  geworden. 

Lähmung  der  Mm.  rhomboidei  und  des  Levator  an- 
guli  scapulae,  welche  vom  N.  dorsalis  scapulae  (Henle)  ver- 
sorgt werden,  wird  nur  sehr  schwer  zu  erkennen  sein,  da  dieselbe 
in  der  Ruhe  die  Stellung  des  Schulterblattes  jedenfalls  nicht  erheb- 
lich verändert.  Kräftige  Hebung  der  Schulter  wird  dabei  unmöglich 
sein.  Nur  bei  gleichzeitiger  Lähmung  und  Atrophie  des  Cucullaris 
gelingt  es  leicht,  die  Lähmung  der  Rhomboidei  an  der  totalen  Un- 
fähigkeit, die  Scapula  der  Wirbelsäule  zu  nähern  und  die  Lähmung 
des  Levator  scapul.  an  dem  Fehlen  der  charakteristischen  Hebung 
des  Schulterblattes  zu  erkennen. 

Lähmung  des  Latissimus  dorsi  gehört  ebenfalls  zu  den 
grossen  Seltenheiten.  (Wird  von  den  Nn.  subscapulares  versorgt) 
Am  häufigsten  sieht  man  sie  noch  als  Theilerscheinung  der  progr^- 
siven  Muskelatrophie.  Die  hauptsächlichste  daraus  resultirende  Stö- 
rung ist  die,  dass  der  Arm  nicht  mit  der  gewöhnlichen  Kraft  an  den 
Rumpf  adducirt  werden  kann,  und  dass  die  Fähigkeit,  den  erhobenen 
Arm  mit  Gewalt  nach  abwärts  zu  drtlcken,  vermindert  oder  au%e- 


Lähmang  einzelner  Muskeln  am  Hals  und  Bumpf.  499 

hoben  ist.  Arm  und  Schnlter  können  nicht  mehr  kräftig  nach  ab- 
wärts gezogen,  die  Hand  nicht  mehr  mit  normaler  Leichtigkeit  in 
die  Gesässgegend  gebracht  werden.  Die  Rotation  des  Armes  wird 
dabei  nnr  wenig  leiden ;  da  ftlr  dieselbe  noch  andere  Muskeln  zu 
Glebote  stehen.  Bei  ruhiger  Körperhaltung  und  herabhängendem 
Arme  ist  keinerlei  Difformität  wahrzunehmen. 

Lähmung  der  Ein-  und  Auswärtsroller  des  Ober- 
armes kommt  nicht  selten  in  Verbindung  mit  Lähmung  anderer 
benachbarter  Muskeln  vor  und  verräth  sich  dann  durch  ziemlich 
charakteristische  Erscheinungen,  die  jedoch  meist  nur  bei  genauer 
Untersuchung  zu  entdecken  sind. 

Sind  die  Ausi^ärtsroller  (M.  infraspinatus,  welcher  vom  N. 
suprascapularis  versorgt  wird  und  der  vom  N.  axillaris  belebte  M. 
teres  minor)  gelähmt,  so  entstehen  bei  manchen  Beschäftigungen^ 
zu  welchen  Auswärtsrollen  des  Armes  erforderlich  ist,  erhebliche 
Störungen.  Diess  tritt,  wie  Duchenne  gezeigt  hat,  zunächst  beim 
Schreiben  und  Zeichnen  hervor,  wobei  die  gerade  Strichftlhrung  von 
links  nach  rechts  z.  Th.  von  der  Contraction  des  Infraspinatus  und 
Teres  abhängt  und  erschwert  oder  unmöglich  wird,  wenn  diese 
Muskeln  gelähmt  sind.  Ebenso  ist  es  bei  allen  Beschäftigungen  mit 
der  Nadel,  wo  mit  jedem  „Ausfahren^  diese  Muskeln  in  Thätigkeit 
zu  treten  haben.  Ist  der  Arm  nach  innen  gerollt,  so  kann  er  nicht 
activ  nach  aussen  gerollt  werden;  man  kann  das  besonders  an  dem 
rechtwinklig  gebeugten  Vorderarm,  der  dabei  als  Zeiger  fimgirt, 
sehr  schön  nachweisen.  Die  in  vielen  Fällen  vorhandene  Vertiefimg 
der  Gegend  der  Fossa  infraspinata  dient  zur  Bestätigung  der  Diagnose. 

Die  Lähmung  der  Einwärtsroller  (M.  subscapularis,  Teres 
major,  z.  Th.  wohl  auch  Latissimus  dorsi,  sämmtlich  innervirt 
von  den  I^n.  subscapulares)  bedingt  noch  erheblichere  Störungen,  da 
alle  Manipulationen  mit  der  Hand  auf  der  gegenüberliegenden  Seite 
des  Rumpfes  und  Kopfes  dadurch  erschwert  oder  unmöglich  gemacht 
werden.  Der  nach  aussen  rotirte  Arm  kann  nicht  activ  nach  innen 
gerollt  werden.  Bei  dem  vorhandenen  üebei^ewicht  der  Auswärts- 
roller steht  der  Arm  beständig  in  abnormer  Rotation  nach  aussen 
und  es  wird  dadurch  auch  die  Function  der  Auswärtsroller  erheblich 
beeinträchtigt.  Durch  die  Erhaltung  der  passiven  Beweglichkeit  sind 
diese  Lähmungen  leicht  von  Contracturen  zu  unterscheiden.  Ihre 
Aetiologie,  das  elektrische  Verhalten,  die  Therapie  fallen  ziemlich 
zusammen  mit  den  gleichen  Verhältnissen  bei  der  Serratuslähmung. 

Die  Lähmung  des  M.  serratus  anticus  major  (Serra- 
tuslähmung) gehört  zu  den  häufigeren  und  wichtigeren  unter  diesen 

32* 


500  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

isolirten  MuskelläfamuDgen ;  sie  hat  von  lange  her  das  Interesse  der 
Physiologen  und  Pathologen  auf  sich  gezogen  und  es  existirt  bereite 
eine  sehr  reiche  Literatur  über  dieselbe.  Im  Ganzen  jedoch  sind 
die  Verhältnisse  dieser  Lähmung  ziemlich  einfach  und  jetzt  hin- 
reichend klar  gestellt.  (Vgl.  besonders  die  erschöpfende  Arbeit  von 
0.  Berger.) 

Der  Muskel  wird  innervirt  vom  N.  thoracicus  post.  (Henle)  oder 
longus  und  erhält  sonst  keinerlei  motorische  Zweige.  Die  vielen 
Schädlichkeiten  exponirte  Lage  dieser  Nerven,  sowie  die  Länge 
seines  Verlaufes  erklären  hinreichend  dieAetiologie  derSerrataa- 
lähmung.  In  der  Mehrzahl  der  Fälle  handelt  es  sich  um  eine  peri> 
phere  neuropathische  Lähmung,  und  zwar  sind  es  zunächst  trau- 
matische Einwirkungen,  welche  nicht  selten  den  Nerven  lähmen: 
so  das  Tragen  von  schweren  Lasten  auf  der  Schulter  (Wiesner), 
Druck  und  Quetschung,  Stoss  und  Erschtltterung  der  Schulter,  Schusa- 
verletzungen  u.  dgl.  Ob  auch  die  mechanische  Gompression  und 
Beleidigung,  welche  der  den  Scalenus  medius  durchbohrende  N. 
thorac.  longus  bei  heftigen  und  häufig  wiederholten  Schulterbe- 
wegungen erfährt,  die  Ursache  von  Lähmung  werd^i  kann,  ist  noch 
zweifelhaft,  wenn  auch  in  hohem  Grade  wahrscheinlich.  Jedenfalls 
hat  man  nicht  selten  nach  Ueberanstrengungen  der  Schulter - 
muskeln  (beim  Mähen,  Zuschlagen,  bei  Schustern  und  Seilern) 
Serratuslähmung,  sowohl  ein-  wie  doppelseitig  auftreten  sehen.  Aas 
allen  diesen  Umständen  erklärt  sich,  warum  Serratuslähmung  weit 
häufiger  bei  Männern  als  bei  Frauen  und  vorwiegend  auf  der  rechten 
Seite  vorkommt.  Femer  ist  Erkältung  eine  häufige  Ursache  decr 
selben ;  zahlreiche  FäUe  existiren  in  der  Literatur,  wo  Zugluft,  Schlafen 
auf  feuchter  Erde  oder  in  der  Nähe  einer  feuchten  Wand  die  Läh- 
mung hervorrief.  Endlich  hat  man  in  einzelnen  Fällen  die'  Lähmung 
nach  Typhus  auftreten  sehen. 

Sehr  selten  kommt  die  Serratuslähmung  als  Theilerscheinung 
einer  spinalen  oder  cerebralen  Paralyse  zur  Beobachtung  und  tritt 
hier  meist  neben  den  übrigen  paralytischen  Erscheinungen  in  den 
Hintergrund.  Weit  häufiger  dagegen  ist  sie  eine  Theilerscheinung 
der  progressiven  Muskelatrophie,  besonders  jener  charakte- 
ristischen Form,  die  an  den  Rücken-  und  Schulterblattmuskeln  be- 
ginnt. Selten  bildet  der  Serratus  den  Ausgangspunkt  der  Krankheit 
und  ist  als  solcher  zuerst  isolirt  atrophisch  und  gelähmt  Meist  sind 
gleichzeitig  schon  andere  Muskeln  afßcirti  besonders  d^  Cncollaris 
(dessen  untere  Portion  nach  Duchenne  fast  immer  gleichzeitig  mit 
dem  Serratus  gelähmt  sein  soll)  der  Latissimus  dorsi,  die  Rhom- 


Lähmung  einzelner  Bumpfmuskeln.    Serratuslähmung.  501 

boidei  n.  s.  w.  Auch  hier  ist  nattirlich  ein  doppelseitiges  Anftreten 
der  Lähmung  und  Atrophie  nicht  selten. 

Die  Symptome  der  Serratnslähmnng  sind  so  charakteristisch^ 
dass  es  schwer  sein  dürfte,  dieselbe  zu  verkennen.  Nicht  selten 
gehen  den  Lähmang8erscheinnng;en  kürzere  oder  längere  Zeit  prodro- 
male nenralgische  Schmerzen  im  Gebiet  der  Pars  sapraclavicalaris 
des  PlexQB  brachialis  vorher.  Daxa  gesellt  sich  dann  eine  zunehmende 
Erschwemng  gewisser  Bewegungen,  welche  den  Kranken  erst  ver- 
anlasst, ärztliche  Hülfe  zu  suchen. 

Alle  die  nun  vorhandenen  Erscheinungen  erklären  sich  in  ge- 
nügender Weise  aus  der,  bei  0.  Berger  ausftlhrlich  besprochenen, 
physiologischen  Wirkung  des  Muskels,  welche  von  Einfluss  einerseits 
auf  die  Stellung  der  Scapula  in  der  Ruhe  und  bei  gewissen  Be- 
wegungen, andererseits  auf  die  Erhebung  des  Armes  zur  Verticalen 
ist.  Demgemäss  findet  man :  In  der  Ruhe  und  bei  herabhängendem 
Arm  ist  die  Scapula  etwas  gehoben  und  der  Wirbelsäule  mehr  ge- 
nähert und  zugleich  so  um  ihre  Achse  gedreht,  dass  ihr  unterer  Winkel 
der  Wirbelsäule  mehr  genähert,  ihr  vorderer  Rand  mehr  nach  ab- 
wärts und  demgemäss  ihr  innerer  Rand  etwas  schief  nach  oben  und 
aussen  gerichtet  ist;  dabei  beobachtet  man  ein  geringes  flügelibrmiges 
Abstehen  des  Innern  Randes  und  besonders  des  untern  Winkels  des 
Schulterblattes  von  der  Brustwand.  Alle  diese  Erscheinungen  sind 
bedingt  durch  das  auch  in  der  Ruhe  hervortretende  üebergewicht 
der  Antagonisten  (Rhomboidei,  Levator  scap.  und  Cucullaris)  über 
den  gelähmten  Serratus.  Sind  diese  Muskeln  gleichzeitig  gelähmt, 
so  erscheint  die  Difformität  geringer.  —  Bei  gewissen  Bewegungen 
treten  sofort  noch  viel  auftallendere  Störungen  hervor:  Lässt  man 
die  Kranken  den  gestreckten  Arm  erheben,  so  zeigt  sich  sofort,  dass 
sie  ihn  nicht  höher  als  bis  zur  Horizontalen  erheben 
können,  weil  nämlich  die  durch  den  Serratus  besorgte  Vorwärts- 
drehung der  Scapula  und  Erhebung  ihres  vordem  Winkels  wegfällt, 
ohne  welche  eine  Erhebung  des  Armes  bis  zur  Verticalen  nicht  mög- 
lich ist.*)  Ersetzt  man  diese  Bewegung  durch  kräftige  Fixirung  und 
Drehung  der  Scapula  nach  vom,  so  geht  die  Erhebung  des  Armes 
sofort.  —  Lässt  man  den  Arm  in  der  Rumpfebene  bis  zur  Horizon- 
talen erheben,  so  rückt  der  innere  Rand  der  Scapula,  statt  sich  von 
der  Wirbelsäule  zu  entfernen,  mehr  und  mehr  nach  innen  bis  zur 

1>  Eine  meiner  Kranken,  ein  junges  Mädchen,  vermochte  gleichwohl  den  Ann 
bis  zur  Verticalen  zu  bringen,  aber  nur  dadurch,  dass  sie  bei  rückwärts  gebeug- 
tem Oberkörper  den  Arm  mit  einer  schwingenden  Bewegung  nach  oben  warf  und 
dadurch  gleichzeitig  eine  Luxation  des  Humeruskopfes  nach  unten  bewirkte. 


502  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cere]}rospinalen  Kerren. 

Wirbelsäule  hin  nnd  schiebt  dabei  einen  tüchtigen  Mnskelwnlst  vor 
sich  her;  besteht  doppelseitige  Lähmung,  so  können  die  inneren 
Bänder  beider  Scapulae  dabei  zusammenstossen.  —  Lässt  man  jetzt 
den  erhobenen  Arm  nach  yom  führen,  so  entfernt  sich  der  innere 
Band  der  Scapula  mehr  und  mehr  von  der  Brnstwand,  hebt  sich 
flttgelförmig  von  derselben  ab  und  zwar  in  solchem  Grade,  dass  eine 
tiefe  Grube  entsteht,  in  welche  man  bequem  die  Hand  hineinlegen 
kann,  so  dass  man  die  innere  Fläche  der  Scapula  palpirt;  unter 
normalen  Verhältnissen  bleibt  bei  dieser  Bewegung  der  innere  Band 
der  Scapula  fest  an  die  Thoraxwand  gepresst.  Bei  doppelseitiger 
Lähmung  umschliessen  die  Scapulae  so  eine  tiefe  Binne,  in  welcher 
die  Muskelbäuche  der  Bhomboidei  deutlich  vorspringen.  —  An  diesem 
Symptom  allein  —  dem  flügelfbrmigen  Abstehen  des  inneren  Bandes 
der  Scapula  bei  nach  vorwärts  erhobenem  Arm  —  kann  man  eine 
Serratuslähmung  sofort  mit  Sicherheit  erkennen.  Gelingt  es,  eine 
Contraction  des  Muskels  durch  faradische  Beizung  seines  Nerven 
zu  erzielen,  so  wird  diese  charakteristische  Difformität  sofort  beseitigt 

Ausser  der  verticalen  Erhebung  des  Armes,  deren  Erschwerung 
die  Kranken  am  meisten  belästigt,  sind  noch  andere  Bew^ungen 
gestört:  Das  Kreuzen  der  Arme  tlber  der  Brust  ist  erschwert,  die 
Bewegung  der  Schulterecke  nach  vom  (z.  B.  Vorwärtsstossen  beim 
Fechten)  ist  beeinträchtigt,  dem  gewaltsamen  Zurückziehen  der  Schul- 
tern vermögen  die  Kranken  auf  der  gelähmten  Seite  weniger  Wider- 
stand entgegenzusetzen  u.  s.  w.  Dagegen  ist  die  Bespiration  m 
keiner  Weise  gestört,  selbst  bei  doppelseitiger  Lähmung ;  der  Serra- 
tus  ist  nicht,  wie  Bell,  Stromeyer  u.  A.  geglaubt  haben,  ein  In- 
spirationsmuskel. 

Sensibilitätsstörungen  pflegen  bei  der  Serratuslähmung 
gar  nicht  oder  nur  in  mehr  zufälliger  Weise  vorhanden  zu  sein, 
indem  gelegentlich  Anästhesien,  Neuralgien,  Hyperästhesien  im  Ge- 
biet des  Plexus  brachialis  aus  derselben  Ursache  entstehen  können, 
wie  die  Lähmung  des  Thoracicus  longus. 

Sehr  gewöhnlich  beobachtet  man  erhebliche  Atrophie  des  ge- 
lähmten Muskels :  regelmässig  natürlich  bei  der  progressiven  Mnskel- 
atrophie,  ebenso  bei  schweren  traumatischen,  neuritischen  und  ähn- 
lichen Lähmungen ;  sie  fehlt  oder  ist  gering  bei  Lähmungen  centralen 
Ursprunges  oder  bei  leichten  rheumatischen  und  Compressionsläh- 
mungen. 

Aehnlich  gestaltet  sich  das  elektrische  Verhalten  bei  dieser 
Lähmung:  bei  traumatischen  und  schweren  rheumatischen  Lähmungen 
findet  sich  die  Entartungsreaction  in  der  dem  Stadium  der  Lähmung 


;,LähmuDg  einzelner  Rumpfmoskeln.    Serratusl&hmong.  503 

entsprechenden  Weise:  bei  der  Lähmnng  durch  progressive  Muskel- 
atrophie  eine  der  Atrophie  entsprechende  einfache  Verminderung  der 
elektrischen  Erregbarkeit;  bei  centralen  oder  leichten  Compressions- 
lähmungen  keine  Veränderung  oder  nur  leichte  Herabsetzung  der 
elektrischen  Erregbarkeit.  In  den  meisten  bisher  beobachteten  Fällen 
ist  die  Untersuchung  unvollständig  geblieben,  und  hat  man  nur  Ver- 
minderung oder  Verlust  der  faradischen  Erregbarkeit  gefunden. 

lieber  den  Verlauf  der  Serratuslähmung  ist  nur  zu  sagen,  dass 
nach  plötzlichem  oder  allmäligem  Entstehen  dieselbe  mehr  oder 
weniger  lange  Zeit,  oft  viele  Monate,  stationär  bleibt  und  fast  immer 
nur  allmälig  zur  Heilung  geitthrt  werden  kann.  Beinahe  immer 
heilen  die  rheumatischen  und  leichten  Compressionslähmungen;  die 
traumatischen  haben  immer  eine  lange  Dauer  und  bleiben  nicht  sel- 
ten unheilbar;  das  gilt  in  noch  höherem  Grade  von  den  Lähmungen 
durch  progressive  Muskelatrophie.  Auch  in  günstigen  Fällen  bleibt 
oft  lange  Zeit  Schwäche  in  dem  Muskel  und  Neigung  zu  Recidiven 
zurflck.  -—  In  langedauemden  Fällen  gesellt  sich  allmälig  Contractur 
der  Antagonisten  hinzu,  die  nach  und  nach  intensiver  wird  und  die 
krankhaften  Störungen  noch  erheblich  steigert. 

Es  wird  nach  der  gegebenen  Beschreibung  nicht  schwierig  sein, 
eine  Serratuslähmung  zu  erkennen,  da  die  Unmöglichkeit,  den  Arm 
zur  Verticalen  zu  erheben  (während  diess  passiv  ganz  leicht  gelingt), 
im  Zusammenhang  mit  der  charakteristischen  Deviation  der  Scapula 
die  Diagnose  hinreichend  sicher  stellt.  Vor  der  Verwechselung 
mit  der  Contractur  der  Antagonisten  schützt  die  vorhandene  passive 
Beweglichkeit  des  Schulterblattes  und  das  flügeiförmige  Abstehen 
des  innem  Schulterblattrandes.  Die  Lähmung  der  übrigen  am  Schul- 
terblatt befestigten  Muskeln  wird  man  bei  einiger  Aufmerksamkeit 
nicht  leicht  mit  der  Serratuslähmung  verwechseln. 

Die  prognostische  Beurtheilung  der  Serratuslähmung  ergibt 
sich  einfach  aus  den  ätiologischen  Momenten,  dem  Grade  der  Atrophie, 
den  elektrischen  Erregbarkeitsänderungen,  aus  der  Dauer  der  Läh- 
mung u.  s.  w. 

Lähmung  der  Rückenmuskeln.  Wir  verstehen  darunter 
besonders  die  zur  Bewegung,  Fixirung  und  Geradehaltung  der  Wirbel- 
säule erforderlichen  Muskeln.  Es  ist  fast  immer  unmöglich,  die  Ver- 
breitung solcher  Lähmungen  auf  die  einzelnen  hier  in  Frage  kom- 
menden Muskeln  genauer  zu  bestimmen.  Genaueres  wissen  wir 
überhaupt  nur  über  paretische  und  paralytische  Zustände  der  Rück- 
gratsstrecker. In  der  Jugend  kommen  vielfach  die  verschiedensten 
Grade  von  Schwächezuständen  in  diesen  Muskeln  vor,  bald  ein-,  bald 


504  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

doppelseitig  und  über  grössere  oder  kleinere  Partien  des  Bttckens 
verbreitet.  Sie  führen  zu  bestimmten  Formen  der  RückgratSFer- 
krtimmongen,  mit  welchen  wir  nns  hier  nicht  weiter  zn  beschäftigen 
haben.  Nicht  selten  führen  rheumatische  Schädlichkeiten  Lähmung 
einzelner  oder  mehrerer  Rttekenmuskeln  herbei;  auch  traumatiBche 
Einwirkungen,  welche  die  Wirbelsäule  und  den  Rücken  treffes, 
können  diesen  Erfolg  haben.  Sehr  selten  sieht  man  Rttckenmuskel- 
lähmung  als  Theilerscheinung  cerebraler  Lähmungen;  häufiger  da- 
gegen bei  spinalen  Bewegungsstörungen:  bei  Paraplegien,  die  bis 
zur  Brust  oder  den  oberen  Extremitäten  herauf  steigen, -ist  niehts 
gewöhnlicher;  als  die  Erscheinungen  von  Paralyse  der  Bückenstreck^ . 
Femer  erstreckt  sich  die  progressive  Muskelatrophie  nicht  selten  auf 
die  Rückenmuskeln ;  und  in  dem  Krankheitsbilde  der  sogenannten 
Pseudohypertrophie  der  Muskeln  bildet  die  Schwäche  der  grossen 
Rttckgratstrecker  in  der  Lendengegend  einen  äusserst  charakteri- 
stischen Zug.  Ich  habe  in  einzelnen  Fällen  diese  Schwächezustände 
mit  Atrophie  bei  jugendlichen  Individuen  sich  ohne  alle  nachweis* 
baren  Ursachen  entwickeln  sehen. 

Die  hauptsächlich  befallenen  Muskeln  sind  der  SaerolumbaliB 
und  der  Longissimus  dorsi  mit  ihren  Fortsetzungen  bis  herauf  zum 
Nacken  und  Kopf,  und  femer  die  kleinen  Muskeln  zwischen  den 
einzelnen  Wirbeln.  Die  einzelnen  Theile  dieser  gelähmten  Muscu- 
latur  klinisch  von  einander  zu  sondern,  ist  unmöglich.  Man  muas 
sich  darauf  beschränken  zu  constatiren,  dass  die  Lähmung  ihren  Sitz 
im  Lenden-,  Brast-  oder  Halstheil  der  Wirbelsäule  hat.  —  Sind  die 
Muskeln  auf  beiden  Seiten  gelähmt,  so  tritt  an  der  betreffenden  Stelle 
eine  allmälig  zunehmende  Ausbiegung  der  Wirbelsäule  nach  hint^ 
(paralytische  Kyphose)  hervor,  die  am  hochgradigsten  im  Brusttbeil, 
geringer  am  Lenden-  oder  Halstheil  zu  sein  pflegt.  Die  Wirbelsäule 
bildet  bei  Lähmungen  ihrer  Extensoren  im  Brusttbeil  eine  grosse, 
gleichmässig  gewölbte  Curve;  die  Kranken  erscheinen  gebeugt,  zu- 
sammengefallen, mit  Greisenhaltung,  sie  vermögen  nicht,  sich  aotiv 
aufzurichten  und  längere  Zeit  gerade  zu  halten  —  während  die 
passive  Geraderichtung  der  Wirbelsäule  ziemlich  gelingt,  zum  Unter- 
schied von  den  Kyphosen  durch  Muskelcontractur  oder  Wirbeler- 
krankung. —  Besteht  nur  einseitige  Schwäche  oder  Lähmung,  so 
kommt  es  zu  den  verschiedenen  Graden  der  paralytischen  Skoliose. 
Zahllose  Abstufungen  in  diesen  paretischen  Zuständen  kommen  vor 
und  bedingen  die  mannichfachen  Verschiedenheiten  in  der  Grösse 
und  Ausbreitung  der  consecutiven  Difformität  und  der  Fähigkeit,  die- 
selbe willkürlich  mit  grösserem  oder  geringerem  Erfolge  auszugleichen. 


Lähmong  einzelner  Hals-  und  Rumpfmaskeln.  505 

Ein  sehr  charakteristisches  Bild  gewährt  die  Lähmung  d^ 
Strecker  in  der  Lendengegend.  Die  Kranken  fallen  sofort 
a«f  durch  ihre  sonderbare  Haltung.  Sie  beugen  nämlich  ihren  Ober- 
körper weit  nach  hinten  über  durch  Einbiegung  der  Lendenwirbel- 
Säule,  80  dass  der  Schwerpunkt  des  Oberkörpers  hinter  die  Schwer- 
punktlinie des  Körpers  fällt.  Die  Balance  wird  dann  ausschliesslich 
durch  die  Bauchmuskeln  erhalten.  So  wie  der  Oberkörper  so  weit 
nach  vom  bewegt  wird,  daiss  sein  Schwerpunkt  zu  weit  nach  vorn 
rückt,  vermögen  ihn  die  gelähmten  Lendenmuskeln  nicht  mehr  zurück- 
zuhalten und  er  sinkt  öder  fällt  nach  vom;  es  ist  den  Kranken  un- 
möglich, sich  ohne  Hülfe  der  Hände  wieder  aufzurichten,  und  es  ist 
im  höchsten  Grade  charakteristisch^  wie  sie  dabei  gleichsam  an  ihren 
eigenen  Beinen  mit  den  Händen  in  die  Höhe  klettern,  durch  allerlei 
Bewegungen  mit  den  Schultern  und  Armen  ihren  Oberkörper  in  die 
Höhe  und  allmälig  so  weit  nach  hinten  bringen,  dass  sie  ihn  wieder 
mit  den  Bauchmuskeln  balanciren  können.  An  dem  stark  einge- 
bogenen Kreuz,  dem  rückwärts  geneigten  Oberkörper  und  etwas  vor- 
wärts geneigten  Kopfe  beim  Gehen  und  Stehen  kann  man  eine  solche 
Lähmung  der  Lendenmusculatur  auf  den  ersten  Blick  erkennen.  Beim 
Gehen  bemerkt  man  ausserdem  eine  deutlich  watschelnde  Bewegung 
des  Rumpfes,  indem  die  mit  der  Vorwärtsbewegung  des  Beines  syn- 
chronische  Gontraction  der  gleichseitigen  Lendenmusculatur  wegfällt, 
und  ein  regelmässiges  Hin-  und  Herschwanken  des  Rumpfes  beim 
Schreiten  entsteht.  Im  Sitzen  dagegen  sinkt  der  Oberkörper  mehr 
zusammen,  und  die  Kranken  bieten  eine  leichte  Kyphose  der  Lenden- 
wirbelsäule dar.  —  Fast  immer  besteht  gleichzeitig  Atrophie  der 
Lendenmuskeln,  die  kräftigen  Muskelbäuche  sind  geschwunden,  die 
Dom-  und  Querfortsätze  der  Wirbel  treten  deutlicher  hervor  u.  s.  w. 

Sind  bloss  die  Nackenmuskeln  gelähmt,  so  äussert  sich  das 
vorwiegend  an  der  Haltung  des  Kopfes;  derselbe  kann  nicht  mehr 
so  gerade  getragen  werden,  er  sinkt  nach  vorn,  sobald  die  Muskeln 
ermüden,  und  der  Schwerpunkt  des  Kopfes  zu  weit  nach  vorn  rückt. 
Durch  eine  eigenthümliche  schleudernde  Bewegung  vermögen  die 
Kranken  ihn  dann  wieder  aufzurichten  und  tragen  ihn  gewöhnlich 
stark  nach  hinten  gebeugt,  nur  unterstützt  durch  die  vorderen  Hals- 
muskeln. Auch  dieses  Verhalten  ist  äusserst  charakteristisch.  Das 
elektrische  Verhalten  bei  diesen  Lähmungen  ist  noch  wenig  unter- 
sucht; es  ist  bei  den  davon  betroffenen  Muskeln  immer  nur  eine 
Prüfung  der  directen  Erregbarkeit  möglich,  und  diese  hat  man  in 
der  Regel  einfach  herabgesetzt  gefunden. 

Lähmung  der  Bauchmuskeln  ist  als  isolirte  Erkrankung 


506  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

äusserst  selten  (was  sieb  leieht  ans  der  mehrfachen  Innervation  eines 
jeden  deiselben  erklärt),  dagegen  eine  sehr  häufige  Theilerscheinung 
verbreiteter  centraler,  besonders  spinaler  Lähmungen,  seltener  der 
progressiven  Muskelatrophie. 

Ihre  Symptomatologie  ist  sehr  einfach :  Bei  einseitiger  Lähmung 
(z.  B.  bei  Hemiplegie)  wird  mit  jeder  stärkeren  Exspirationsbewegung 
der  Nabel  nach  der  gesunden  Seite  verzogen.  Bei  doppelseitiger 
Lähmung  ist  die  auffallendste  Erscheinung  die  Schwäche  der  Ex- 
spiration und  aller  exspiratorischen  Reflexacte:  des  Hustens,  Expeo- 
torirens,  Niesens,  Schreiens  u.  s.  w.;  dahör  die  Gefahr,  welcher 
Paraplegische  mit  gelähmten  Bauchmuskeln  ausgesetzt  sind ,  wenn 
sie  einen  Bronchialkatarrh  bekommen,  weil  sie  nicht  husten  und 
expectoriren  können.  In  zweiter  Linie  ist  Schwäche  der  Bauchpresse 
zu  beobachten:  daher  die  Trägheit  und  Schwierigkeit  der  Stuhl-  und 
Harnentleerung.  Der  Leib  ist  gross,  aufgetrieben,  die  Bauchdecken 
schlaff,  die  bekannten  Reflexe  von  der  Bauchhaut  können  aufgehoben 
oder  gesteigert  sein ;  die  Kranken  sind  nicht  im  Stande,  beim  Liegen 
den  Kopf  und  Oberkörper  zu  erheben  oder  sich  ohne  HtUfe  der  Hände 
im  Bett  aufzurichten;  beim  Gehen  und  Stehen  tragen  sie  den  Ober- 
körper leicht  vorgebeugt  und  ausschliesslich  durch  die  Lendenmns- 
culatur  balancirt,  weil  jede  Verrückung  des  Schwerpunktes  nach 
hinten  sie  in  die  Gefahr  bringt,  nach  hinten  umzufallen,  da  ihre 
schwachen  Bauchmuskeln  nicht  im  Stande  sind,  den  Rumpf  wieder 
nach  vom  zu  flihren.  Diese  Erscheinung  wird  natürlich  nur  bei 
isolirter  Lähmung  deutlich  sein,  da  bei  vorhandener  Paraplegie  die 
Kranken  überhaupt  nicht  stehen  und  gehen. 

In  Bezug  auf  die  Prognose  aller  der  hier  aufgezählten  Läh- 
mungsformen kann  auf  das  im  allgemeinen  Theil  Gesagte  verwiesen 
werden. 

Auch  die  Behandlung  dieser  Lähmungen  hat  ganz  nach  all- 
gemeinen Grundsätzen  zu  geschehen.  Nach  eingehender  Berücksich- 
tigung und  womöglich  auch  Erftlllung  der  Causalindication  wird 
man  wohl  in  allen  Fällen,  in  welchen  nicht  eine  bestimmte  Contra- 
indication  oder  absolut  schlechte  Prognose  besteht,  zur  elektrischai 
Behandlung  greifen.  Man  kann  dieselbe  mit  dem  faradischen  oder 
mit  dem  galvanischen  Strome  ausführen,  und  auch  hier  kann  ganz 
auf  die  im  Früheren  ausgesprochenen  allgemeinen  Sätze  verwiesen 
werden.  Besondere  Achtsamkeit  ist  auf  eine  genaue  und  richtige 
Localisation  des  Stromes  (auf  Nerven  und  Muskeln)  und  auf  die 
nöthige  Dosirung  desselben  zu  richten.  Die  Erfolge  sind  in  vielen 
Fällen  vortrefflich,  in  anderen  bleiben  sie  aus  —  das  richtet  sich 


Lähmung  der  Inspirationsmuskeln.  507 

znmekt  nach  der  GrnDdnrsache ,  nach  der  Dauer  des  Leidens,  nach 
dem  Grade  der  eingetretenen  Emährungsstörangen  a.  s.  w.  Für  alle 
Details  müssen  wir  auf  die  Lehrbücher  der  Elektrotherapie  verweisen. 

In  vielen  Fällen  —  jedoch  nur  da,  wo  bloss  Parese  besteht 
oder  bereits  erhebliche  Besserung  eingetreten  —  kann  eine  rationelle 
mit  Consequenz  und  Ausdauer  geübte  Gymnastik  erheblich  unter- 
stützend wirken.  —  Manchmal  wird  man  sich  —  besonders  in  unheil- 
baren Fällen  —  auch  geeigneter  Stützapparate,  orthopädischer  Ma- 
schinen u.  dgl.  bedienen,  um  die  fehlende  Muskelwirkung  zu  ersetzen ; 
doch  ist  damit  gerade  bei  den  Lähmungen  der  Bumpftnuskeln  ver- 
hältnissmässig  wenig  zu  erreichen. 

Natürlich  wird  man  in  den  dazu  geeigneten  Fällen  auch  ein 
allgemein  tonisirendes  Verfahren  —  den  Gebrauch  von  Abreibungen, 
Bädern,  Douchen,  Spirituosen  Einreibungen,  Bade-  und  Luftcuren 
n.  dgl.  nicht  versäumen  dürfen. 

2,  Lähmung  der  Inspirationsmuskeln. 

Die  Inspirationsmuskeln  liegen  weit  auseinander  und  werden 
von  sehr  verschiedenen  Nervenbahnen  aus  versorgt.  Eine  complete 
Lähmung  derselben  kommt  also  fast  ausschliesslich  dann  vor,  wenn 
Läsionen  der  im  verlängerten  Mark  liegenden  Bespirationscentren 
oder  Zerstörung  der  von  ihnen  ausgehenden  (zum  grössten  Theil  in 
den  Seitensträngen  verlaufenden)  motorischen  Leitungsbahnen  vor- 
liegt ;  ist  diess  auf  beiden  Seiten  der  Fall,  dann  ist  ein  rascher  Tod 
die  unausbleibliche  Folge,  wie  das  z.  B.  bei  Compression  des  Bücken- 
marks durch  Fractur  der  obersten  Halswirbel  der  Fall  ist.  Durch 
einseitige  Lähmung  der  respiratorischen  Bahnen  im  Bückenmark, 
welche  gelegentlich  vorkommt,  wird  das  Leben  nicht  unmittelbar  ge- 
fährdet. —  Durch  verschiedene  degenerative  Processe  in  der  MeduUa, 
sowie  durch  verschiedene  Gifke  kOnnen  die  Bespirationscentren  ge- 
lähmt werden.  —  Cerebrale  Lähmungen  beeinträchtigen  die  Bespi- 
ration  gewöhnlich  nicht ;  die  fttr  den  Willen  gelähmten  Muskeln  sieht 
man  z.  B.  bei  Hemiplegischen  der  Anregung  von  Seiten  der  Bespi- 
rationscentren bereitwillig  folgen. 

Periphere  Lähmungen  der  inspiratorischen  Muskeln  betreffen  fast 
immer  nur  einzelne  von  denselben.  Darunter  sind  die  Lähmungen 
der  Intercostales,  der  Scaleni  und  anderer  auxiliärer  Inspiratoren  von 
ganz  untergeordneter  Bedeutung,  da  sie  keine  erheblichen  Inspira- 
tionsstörungen zu  machen  pflegen.  Dagegen  ist  die  Lähmung  des 
Diaphragma    des  wichtigsten  Inspirationsmuskels  von  der  grössten 


508  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

BedeatuDg  fUr  das  Respirationsgeschäft ,  welches  dadurch  immer  m 
hohem  Maasse  beeinträchtigt  wird. 

ZwerchfellsIähmuDg  kommt  im  Ganzen  selten  zur  Beobachtimg. 
Sie  kann  entstehen  in  Folge  von  Entzündung  der  das  Diaphragma 
überziehenden  serOsen  Hänte,  bei  Pleuritis  und  Peritonitis;  hier  ist 
wohl  ein  Uebergreifen  der  Entzündung,  der  Hyperämie  und  Trans- 
sudation  auf  den  Muskel  oder  wohl  auch  auf  die  Phrenici  die  Ursache 
der  Lähmung.  Dieselbe  kann  femer  Theilerscheinung  der  progressiven 
Muskelatrophie  sein;  sie  tritt  als  solche  fast  immer  erst  in  Torgt^i- 
schrittenen  Stadien  dieser  Krankheit  auf  und  beschleunigt  den  letalen 
Ausgang;  bei  Hysterischen  beobachtet  man  hier  und  da  auch  Zwerch- 
fellslähmung; Duchenne  hat  sie  in  Folge  von  Bleiintoxication  ent- 
stehen sehen;  nach  Oppolzer  soll  sie  zur  Zeit  der  Pubertät  manch- 
mal ohne  nachweisbare  Ursache  auftreten;  endlich  hat  man  auch 
Erkältung  in  manchen  Fällen  als  Ursache  beschuldigt,  sei  es  nun, 
dass  es  sich  um  eine  rheumatische  Lähmung  des  N.  phrenicus  selbst 
oder  um  einen  Muskelrheumatismus  des  Zwerchfells  handelt  Dass 
auch  traumatische  und  Compressionslähmungen  des  N.  phrenicus  am 
Halse  vorkommen  können,  versteht  sich  von  selbst.  —  Die  Zwerch- 
fellslähmung tritt  meist  doppelseitig  auf,  so  dass  das  ganze  Dia- 
phragma gelähmt  ist;  sie  kann  aber  auch  einseitig  oder  partiell  vor- 
kommen. 

Ihre  Symptome  sind  in  hohem  Grade  charakteristisch:  bei  der 
Inspiration  wird  das  Epigastrium  mit  den  Hypochondrien  einge- 
zogen (statt  wie  es  normal  sein  sollte:  vorgewölbt),  was  besondei^ 
bei  tiefen  und  langen  Inspirationen  sehr  auffallend  ist ;  legt  man  die 
Hand  während  der  Inspiration  auf  das  Epigastrium,  so  fUhlt  man  den 
Druck  durch  das  herabsteigende  Zwerchfell  nicht;  bei  der  Exspira- 
tion wird  das  Epigastrium  vorgewölbt.  Botkin  beobachtete  dem 
entsprechend  inspiratorische  Hebung  und  exspiratorische  Senkung  des 
untern  Leberrandes.  Bei  einseitiger  Lähmung  finden  sich  diese  Er- 
scheinungen nur  auf  einer  Seite  und  lassen  sich  besonders  durch  die 
Palpation  deutlich  nachweisen. 

Dabei  besteht  in  der  Ruhe  nur  massige  Dyspnoe  und  wenig  ge- 
steigerte Athemfrequenz ;  bei  der  geringsten  Anstrengung  oder  Auf- 
regung jedoch  tritt  sofort  beträchtliche  Athemnoth  und  Steigerung 
der  Frequenz  auf  40—50  Athemzüge  ein.  Beim  Gehen  und  beson- 
ders beim  Treppen-  und  Bergesteigen  müssen  solche  Kranken  öfter 
stillhalten,  um  Athem  [zu  schöpfen,  ihre  Stimme  wird  schwächer, 
lautes  und  anhaltendes  Sprechen  wird  unmöglich.  Von  einer  Er- 
schwerung des  Exspirationsactes  und  der  damit  zusammenhängenden 


Lähmung  der  Inspirationsmaskeln.    Zwerchfellsl&hmung.  509 

Reflexacte  (des  Hustens,  Expectorirens/  Niesens  u.  s.  w.)  zu  sprechen, 
ist  streng  genommen  unrichtig,  da  bei  allen  diesen  Vorgängen  das 
Zwerchfell  erschlafft  sein  mnss;  seine  Lähmung  wirkt  deshalb  nur 
dadurch  hinderlich  auf  die  genannten  Acte  etn ,  dass  die  vorausge- 
gangene Inspiration  eine  unvollkommene,  und  dadurch  die  Menge  der 
ftlr  den  Exspirationsact  disponiblen  Luft  eine  verminderte  ist.  Aus 
demselben  Grunde  kann  auch  bei  intercurrirenden  Katarrhen,  Pneu- 
monien u.  s.  w.  höchste  Lebensgefahr  eintreten,  weil  die  Inspirations- 
ffthigkeit  vermindert  ist.  —  Dagegen  wird  durch  Zwerchfellslähmung 
direct  die  Wirkung  der  Bauchpresse  erheblich  beeinträchtigt,  was 
besonders  als  Erschwerung  der  Defäcation  sich  äussert  Sehr  be- 
günstigend wirkt  die  Zwerchfellslähmung  auf*  das  Entstehen  von 
Atelektasen  und  Hypostasen  in  den  untern  Lungenlappen  (Aly- 
schewsky). 

Die  elektrische  Erregbarkeit  des  Phrenicus  hat  man  in 
solchen  Fällen  meist  erhalten  gefunden.  A.  Eulen  bürg  fand  die- 
selbe in  einem  Falle  rheumatischer  Zwerchfellslähmung  hochgradig 
herabgesetzt.    Genauere  Untersuchungen  fehlen. 

Die  Diagnose  ist  nach  der  oben  gegebenen  Beschreibung 
nicht  schwer;  nur  partielle  Lähmungen  können  erhebliche  Schwie- 
rigkeiten machen.  Ueber  die  Natur  des  Leidens  wird  die  Ana- 
nmese  und  objective  Untersuchung  Au&chluss  geben. 

Die  Prognose  richtet  sich  nach  der  Ursache;  bei  rheumatischer 
und  hysterischer  Lähmung  ist  sie  ganz  günstig;  bei  Bleiintoxication 
mindestens  sehr  zweifelhaft,  bei  progressiver  Muskelatrophie  sehr 
ungünstig,  obgleich  es  auch  hier  manchmal  gelingt,  durch  eine  früh- 
zeitige geeignete  Behandlung  die  Function  des  Diaphragma  wieder 
zu  beben  und  flir  längere  Zeit  zu  conserviren  (Duchenne).  Directe 
Lebensgefahr  wird  durch  die  Zwerchfellslähmung  an  sich  nicht,  wohl 
aber  durch  zufällige  Gomplicaiionen  bedingt;  unter  allen  Umständen 
jedoch  wird  die  Leistungsfähigkeit  der  davon  betroffenen  Indivi- 
duen erheblich  herabgesetzt. 

Die  Therapie  hat  sich  zunächst  mit  der  Causalindication  zu 
beschäftigen  ( Antirheumatica ,  Antihysterica ,  Bekämpfung  der  pro- 
gressiven Muskelatrophie,  der  Bleiintoxication  u.  s.  w.).  Bei  der 
directen  Behandlung  wird  man  sich  nicht  lange  mit  Gegenreizen, 
irritirenden  Einreibungen  u.  s.  w.  aufhalten ,  sondern  sofort  zur  Fa- 
radisation  oder  Galvanisation  der  Phrenici  übergehen,  welche  am 
Halse  über  den  Scalenis  sehr  leicht  ausgeführt  werden  kann.  Man 
erregt  am  besten  mit  dem  einen  Pol  am  Halse,  während  man  den 
andern  in  die  Gegend  der  Zwerchfellsursprünge  am   Rippenkorbe, 


510  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

oder  je   nach  Umständen  auch   im  Nacken  ansetzt.    Die  Reizmig 
muss  eine  ziemlich  energische  sein. 


3.  Lähmung  der  einzelnen  Nerven  und  Muskeln  der  oberen  Extremität. 

Die  Häufigkeit  und  Mannichfaltigkeit  der  Lähmungen  an  der 
oberen  Extremität  ist  eine  ganz  enorme.  Die  verschiedenartigsten 
Gombinationen  kommen  hier  vor,  die  kaum  einer  erschöpfenden  Dar- 
stellung fähig  sind.  Wir  wollen  deshalb  zunächst  systematisch  die 
Lähmungen  im  Gebiete  der  Hauptnervenstämme  der  oberen  Extre- 
mität schildern  und  daran  einige  kurze  Bemerkungen  über  die  wich- 
tigsten und  gewöhnlichsten  Gombinationen  derselben  fügen. 

a.   Lähmung  im  Gebiete  des  Nervus  axillaris. 

Dieser  Nerv  versorgt  die  Hauptmasse  des  M.  deltoideus  (dessen 
vordere  Portion  erhält  einige  Zweige  von  den  Nn.  thoracic,  anter.) 
und  innervirt  ausserdem  den  Teres  minor  und  gibt  sensible  Zweige 
an  die  Haut  der  äusseren  Fläche  des  Oberarmes. 

Seine  Lähmung  wird  am  häufigsten  durch  folgende  Ursachen 
bedingt:  Traumatische  Einwirkungen,  welche  die  Schulter, 
das  Schultergelenk  treffen  und  dabei  den  Nerv,  axill.  quetschen, 
zerren  oder  zerreissen,  oder  wohl  auch  den  M.  deltoideus  selbst 
alteriren.  Quetschung,  Erschütterung,  ein  Schlag  oder  Fall  auf  die 
Schulter,  Schussverletzungen,  besonders  aber  Luxationen  des  Ober- 
armkopfes nach  hinten  sind  häufige  Veranlassungen  der  Deltoideus- 
lähmung.  —  Rheumatismen  und  chronische  Entzündungen 
des  Schultergelenks  haben  sehr  häufig  eine  Lähmung  des 
Deltoideus  im  Gefolge,  theils  dadurch,  dass  sich  neuritische  Pro- 
cesse  auf  den  N.  axillaris  fortsetzen,  theils  dadurch,  dass  eine  chro- 
nische, atrophirende  Entzündung  im  Muskel  selbst  entsteht.  --Er- 
kältung gehört  zu  den  häufigeren  Ursachen  dieser  Lähmung ;  andi 
Neuritis  kann  dieselbe  bedingen.  Endlich  ist  sie  nicht  selten  Theil- 
erscheinung  von  Lähmungen,  welche  den  Plexus  brachialis  in  grös- 
serer oder  geringerer  Ausdehnung  betreffen,  von  centralen  Lähmungen 
aller  Art,  von  der  Bleiläbmung  und  progressiven  Muskelatrophie. 

Die  Symptome  sind  fast  ausschliesslich  die  der  Deltoidens- 
lähmung,  da  die  Lähmung  des  Teres  minor  nicht  wohl  zu  erkennen 
ist,  wenn  nicht  gleichzeitig  Functionsunfähigkeit  des  Infraspinatns 
vorhanden  ist.  —  Ist  der  Deltoideus  gelähmt,  so  ist  jede  Erhebung 
des  Armes  unmöglich;  derselbe  liegt  flach  und  unbeweglich  der 
Thoraxwand  an  und  kann  von  derselben  nach  aussen  gar  nicht  ent- 


Lähmung  des  Nervus  axillaris.  511 

fernt  werden.  Bei  Versuchen,  den  Arm  zu  heben,  bleibt  der  Deltoi- 
deus  ganz  schlaff  (zum  Unterschied  von  Anchylose  des  Schulter- 
gelenks). Auch  die  Hebung  des  Armes  gerade  nach  vorn  ist  un- 
möglich. 

Das  Schultergelenk  wird  schlaff,  der  Muskel  häufig  atrophisch, 
in  schweren  Fällen  entsteht  ein  Schlottergelenk,  so  dass  man  durch 
den  geschwundenen  Deltoideus  hindurch  eine  tiefe  Rinne  zwischen 
Humeruskopf  und  Gelenkfläche  am  Schulterblatt  fehlen  kann.  — 
Sehr  selten  findet  man  sensible  Störungen  im  Verbreitungsbezirke 
des  N.  axillaris,  während  Schmerzen  im  Schultergelenk  und  in  der 
Masse  des  Muskels  selbst  sehr  gewöhnlich  sind. 

Die  elektrische  Erregbarkeit  kann  anfangs  normal  sein 
und  erst  später  allmälig  sinken  —  so  besonders  bei  der  progres- 
siven Muskelatrophie  und  bei  Lähmung  in  Folge  von  Schultergelenk- 
rheumatismen ;  oder  sie  macht  die  verschiedenen  Phasen  von  der  Ent- 
artungsreaction  durch,  die  manchmal  auf  einzelne  Partien  des  Muskels  . 
beschränkt  bleibt  und  häufig  nur  unvollkommen  zur  Entwickelung 
kommt  (vielleicht  in  Folge  der  verschiedenen  motorischen  Innerva- 
tion); selten  bleibt  die  elektrische  Erregbarkeit  ganz  normal. 

Im  weiteren  Verlaufe  kann  bei  fortbestehender  Lähmungsursache 
die  Atrophie  weitere  Fortschritte  machen;  es  bildet  sich  Schlotter- 
gelenk, in  manchen  Fällen  auch  Anchylose  des  Schultergelenkes 
aus,  und  der  Arm  bleibt  mehr  oder  weniger  unbrauchbar.  Tritt 
Heilung  ein,  so  stellt  sich  ganz  allmälig  die  Bewegung  des  Armes 
im  Schultergelenk  wieder  her,  die  Kranken  vermögen  allmälig  den 
Arm  etwas  nach  aussen  zu  heben,  dann  bis  zur  Horizontalen,  und 
endlich  wieder  bis  zur  Verticalen,  vorausgesetzt,  dass  die  übrigen 
Schulterblattmuskeln,  besonders  der  Serratus  anticus,  intact  geblieben 
sind.  Damit  schwindet  denn  allmälig  auch  die  Atrophie  und  die 
Veränderung  der  elektrischen  Erregbarkeit. 

Die  Diagnose  dieser  Lähmung  ist  in  Bezug  auf  die  Motilitäts- 
störung im  Deltoideus  ungemein  leicht  zu  stellen;  einzig  die  Ver- 
wechselung mit  Anchylose  des  Schultergelenks  wäre  möglich;  vor 
dieser  schützt  die  bei  der  Deltoideuslähmung  vorhandene  passive 
Beweglichkeit  und  das  Fehlen  der  prallen  Erhärtung  des  Muskels 
bei  Innervationsversuchen.  Bei  einiger  Aufmerksamkeit  wird  man 
auch  leicht  die  Fälle  erkennen,  in  welchen  gleichzeitig  Anchylose 
und  Deltoideuslähmung  besteht. 

Die  Prognose  richtet  sich  fast  ausschliesslich  nach  dem  Grund- 
leiden und  kann  auf  Grund  der  früher  ausgeführten  allgememen 
Sätze  leicht  gestellt  werden. 


512  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

b.   Lähmung  im  Gebiet  des  Nervus  musculo-catanens. 

Der  M.  coraco-brachialis^  der  Biceps  imd  Brachialis  intern, 
(welch  letzterer  ausserdem  einen  Zweig  vom  N.  radialis  erhält)  sind 
von  diesem  Nerven  innervirt.  Lähmung  dieses  Nerven  oder  eines 
der  beiden  zuletzt  genannten  Muskeln  wird  iJso  immer  eine  Beein- 
trächtigung oder  völlige  Unmöglichkeit  der  Beugung  des  Vorder- 
armes gegen  den  Oberarm  im  Gefolge  haben.  Dies  ist  besonders 
deutlich,  wenn  man  den  Arm  in  Supinationsstellnng  beugen  lässt, 
weil  dann  die  Beugewirkung  des  M.  supinator  longus  nicht  eintritt 
Eine  längs  des  Radialrandes  des  Vorderarmes  verhandle  Anästhesie 
kann  den  Sitz  der  Lähmungsursache  im  Nerven  manchmal  bestä- 
tigen. —  Diese  Lähmung  kommt  beinahe  nie  isolirt  vor^  sondern 
meist  in  Begleitung  anderweitiger  Lähmungen  im  Gebiete  des  Plexus 
brachialis  und  hat  dieselbe  Pathogenese  und  Prognose  wie  diese. 

Ich  sah  jüngst  einen  Fall  von  ganz  isolirter  Lähmung  des  Mas- 
culocutaneus  in  Folge  der  chirurgischen  Ezstirpation  einer  Geschwulst 
in  der  Fossa  supraclavicularis.  Der  Biceps  und  das  innere  Bündel 
des  Brachialis  internus  waren  völlig  gelähmt  tmd  zeigten  ausgesprochene 
Entartungsreaction ;  auch  die  charakteristische  leichte  Anästhesie  am 
Radialrand  des  Vorderarms  fehlte  nicht.  Die  Beugung  des  Vorder- 
arms war  gleichwohl  noch  bis  zu  einem  gewissen  Grade  möglich  durch 
den  Supinater  longus  und  das  äussere  Bündel  des  Brachial,  internus. 
Im  Ellbogen  leichte  Beugecontractur. 

c.   Lähmung  im  Gebiet  des  N.  radialis.  —  Radialis- 
lähmung. 

Von  allen  im  Bereich  des  Plexus  brachialis  vorkommenden 
Lähmungen  ist  die  Radialislähmung  die  häufigste;  durch  verschie- 
denartigste Momente  können  der  N.  radialis  und  sein  Muskelgebiet 
von  Lähmung  befallen  werden;  periphere  sowohl  wie  centrale  Läh- 
mungsursachen scheinen  dem  N.  radialis  ganz  besonders  gefährlich 
zu  sein:  bei  cerebralen  Hemiplegien  ist  gewöhnlich  das  Radialis- 
gebiet am  schwersten  betroffen;  unter  den  traumatischen  und  refri- 
geratorischen  Lähmungen  der  oberen  Extremität  ist  die  Radialis- 
lähmung weitaus  die  häufigste ;  die  Bleilähmung  befällt  an  der  oberen 
Extremität  fast  ausschliesslich  das  Radialisgebiet  Es  erklärt  sieh 
daraus  das  erhebliche  Anwachsen  der  Literatur  über  Radialislähmung. 

Aetiologie.  Unter  den  Ursachen  der  Radialislähmung  stehen 
ohne  Zweifel  leichtere  und  schwerere  Traumata^  welche  den 
sehr  exponirten  N.  radialis  an  seiner  Umschlagstelle  am  Oberarm 
oder  wohl  auch  höher  oben  treffen,   obenan.    Ja,   die  ttbergrosse 


Lfthmong  des  Kerms  mnsculo-cutaneos  and  radialis.  513 

Mehrzahl  der  Fälle,  welche  gewöhnlich  als  y^rheamatische'^  bezeich- 
net werden ;  ist  ohne  jeden  Zweifel  auf  leichte  traumatische  Ein- 
wirkung, auf  massige  Compression  des  N.  radialis  am  Oberarm  zu- 
rückzuflihren.  Panas  hat  das  in  überzeugender  Weise  zu  begründen 
gesucht,  und  ich  kann  mich  nach  meinen  eigenen  zahlreichen  Beob- 
achtungen seinen  Ausführungen  vollkommen  anschliessen.  Beim 
9 Schlafen  auf  feuchter  Erde",  oder  „an  einer  feuchten  Wand",  oder 
„dem  Luftzug  ausgesetzt **  lässt  sich  fast  inmier  gleichzeitig  die  Com- 
pression des  Nerven  nachweisen,  als  eigentliche  Ursache  der  Läh- 
mung. Auch  der  Sitz  dieser  Lähmung  unterhalb  des  Abganges 
der  Aeste  für  den  M.  triceps,  der  dabei  immer  unbetheiligt  ist, 
spricht  für  die  mechanische  Entstehungsweise. 

Zahllos  sind  die  Möglichkeiten  solcher  traumatischen  Einwir- 
kungen: Die  häufigste  ist  ohne  Zweifel  Compression  des  Radialis 
während  eines  tiefen  und  langen  Schlafes ;  daher  die  [Häufigkeit  des 
Vorkommens  dieser  Lähmung  bei  Solchen,  die  im  Zustande  schwerer 
Trunkenheit  oder  hochgradiger  Erschöpfung  in  gewisser  Stellung, 
auf  dem  Boden ,  auf  Treppen ,  Bänken  oder  dgl.  eingeschlafen  sind. 
In  solchen  Fällen  wird  entweder  der  Arm  durch  den  darauf  liegenden 
Kampf  gegen  den  Boden  comprimirt,  oder  das  Gewicht  des  Kopfes 
comprimirt  den  Nerven  an  dem  als  Unterlage  benutzten  Arm,  oder 
endlich  es  ruht  der  den  Kopf  stützende  Arm  mit  seiner  äusseren 
hinteren  Fläche  auf  der  Kante  eines  Stuhles,  einer  Treppe  oder 
dgl.  und  wird  hier  einem  länger  dauernden  Druck  ausgesetzt.  Beim 
Erwachen  ist  dann  die  Lähmung  da  oder  stellt  sich  kurze  Zeit 
nachher  ein.  —  In  ganz  ähnlicher  Weise  entstehen  die  ätiologisch 
lehrreichen  Radialislähmungen,  welche  nach  Brenner  bei  russischen 
Kutschern,  die,  das  Leitseil  um  den  Oberarm  gewickelt,  einge- 
schlafen sind,  oder  bei  Arrestanten,  die  nach  russischer  Manier  an 
den  rückwärts  einander  genäherten  Oberarmen  gefesselt  waren,  oder 
bei  russischen  Säuglingen,  die  mit  fest  an  den  Leib  anliegenden 
Armen  stark  gewickelt  werden  und  dann  auf  einer  Seite  liegend 
lange  schlafen,  so  häufig  zu  beobachten  sind.  Hieher  gehört  auch 
die  Radialislähmung  der  Wasserträger  von  Rennes  (Bachon),  welche 
dadurch  entsteht,  dass  diese  Leute  schwere  wassergefüllte  Henkel- 
krüge, die  sie  mit  dem  umfassenden  Arme  an  die  Brust  drücken, 
so  tragen,  dass  der  Henkel  auf  der  äusseren  Fläche  des  Oberarmes 
fest  aufliegt. 

Zu  den  leichteren  Traumen  gehört  der  Druck  von  schlechten 
Krücken  (zu  lange,  schlecht  gepolsterte  und  geformte,  mit  einer 
Handstütze  nicht  versehene  Krücken),   welche  den  N.  radialis  — 

Handbuch  d.  8p«e.  Pathologie  a.  Therapie.  XII.  Bd.  1.  2.  Aufl.  33 


514  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

ebenso  wie  auch  andere  Nerven  des  Plexns  brachialis  —  in  der 
Acliselhöhle  gegen  den  Humems  comprimiren  und  so  die  ^^Krücken- 
lähmung"  erzeugen. 

Zahlreich  sind  endlich  die  schwereren  traumatischen  Einwir- 
kungen, welche  Radialislähmung  im  Gefolge  haben :  Schlag  auf  den 
Arm,  Stoss  von  einer  Kuh,  Schnitt-;  Hieb-  und  Schussverletzung, 
Fractur  des  Humerus  und  abnorme  Callusbildung  (Busch,  011  ier, 
Ferröol-Reuillet),  Luxation  der  Schulter  u.  dgl.  —  mögen  hier 
Erwähnung  finden. 

An  Häufigkeit  den  traumatischen  jedenfalls  untergeordnet  sind 
die  angeblich  durch  Erkältung  in  ihren  verschiedenen  Modifica- 
tionen  entstandenen  „rheumatischen''  Radialislähmungen.  Ja,  es 
bedarf  wohl  in  Zukunft  einer  genauen  kritischen  Revision  der  ätio- 
logischen Momente,  um  zu  entscheiden,  ob  überhaupt  rheumatische 
Radialislähmungen  vorkommen;  jedenfalls  kommen  sie  bei  Weitem 
nicht  so  häufig  vor,  wie  man  bisher  annahm. 

Hieran  reihen  sich  die  durch  Neuritis  entstandenen  Radialis- 
lähmungen, von  welchen  Bernhardt  jüngst  einen  Fall  publicirt 
hat,  und  die  ich  ebenfalls  mehrfach  gesehen  habe. 

Hysterische  Radialislähmungen  gehören  im  Ganzen  zu  den 
Seltenheiten ;  sehr  gewöhnlich  ist  dagegen  eine  Betheiligung  des  Ra- 
dialisgebietes an  centralen  Lähmungen,   besonders  an  cerebralen. 

Endlich  müssen  wir  hier  noch  eine  der  häufigsten  Ursachen 
der  Radialislähmung  anfuhren,  nämlich  die  chronische  Bleiintoxi*- 
cation.  Gewöhnlich  erst  in  den  späteren  Stadien  der  Vergiftung, 
nach  vorausgegangenen  Koliken,  Arthralgien,  Icterus  u.  s.  w.;  selten 
als  erstes  greifbares  Symptom  der  Intoxication,  tritt  bekanntlich  die 
„Bleilähmung''  auf.  Fast  ausnahmslos  ist  es  das  Gebiet  des  N.  ra- 
dialis am  Vorderarm  und  zwar  meist  der  M.  extensor  digitor.,  in 
welchem  die  Lähmung  beginnt,  um  sich  zunächst  über  einen  grossen 
Theil  des  Radialisgebietes,  in  nicht  seltenen  Fällen  aber  auch  noch 
weiter  auf  Hand,  Oberarm  und  Schulter  und  wohl  auch  auf  die 
unteren  Extremitäten  zu  verbreiten.  Es  wird  an  einer  anderen  Stelle 
dieses  Werkes  eine  ausftlhrliche  Darstellung  der  Bleilähmung  gegeben 
werden;  wir  können  jedoch  eine  kurze  Besprechung  der  satuminen 
Lähmungserscheinungen  im  Radialisgebiet  hier  nicht  umgehen,  theils 
der  diagnostischen  Bedeutung  wegen,  theils  wegen  des  hohen  wissen- 
schaftlichen Interesses,   welches  gerade  diese  Lähmungsform  bietet 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  ausfUhrlicher  auf  die  noch  immer  dunkle 
Pathogenese  der  saturninen  Lähmung  einzugehen.  Die  Frage 
dürfte  wohl   in  der  nächsten  Zeit  ihrer  Lösung  entgegengehen,  nach- 


Lähmung  des  Nervus  radiaUs.    BleilähmuDg.  515 

dem  neueste  Forschungen  eine  Reihe  wichtiger  Ergebnisse  über  die  vor- 
handenen anatomischen  Veränderungen  gegeben  haben  (besonders  die 
Arbeiten  von  Lancereaux,  Gombault,  Bernhardt,  Westphal), 
wenn  sie  auch  die  Frage  nach  dem  Sitze  der  Lähmung  noch  nicht 
endgültig  zu  entscheiden  vermochten.  Es  dürfte  nicht  unpassend  sein^ 
die  schwebenden  Controversen  hier  kurz  zu  berühren  und  anzudeuten^ 
in  welcher  Richtung  sich  die  weitere  Forschung  zu  bewegen  haben 
wird.  —  Es  kann  wohl  heutzutage  nicht  mehr  bezweifelt  werden,  dass 
der  Sitz  der  Lähmung  in  den  Muskeln  selbst  jedenfalls  nicht  gesucht 
werden  kann.  Abgesehen  von  der  häufig  vorhandenen  Entartungs- 
reaction  (s.  unten)  und  von  dem  Vorhandensein  der  Lähmung,  ehe  in 
den  Muskeln  eine  fortgeschrittene  Atrophie  zu  bemerken  ist,  sprechen 
besonders  die  Analysen  von  H e u b e  1  und  Bernhardt  gegen  eine  solche 
Annahme.  '  Damit  verlieren  auch  die  Erklärungsversuche  von  Hitzig, 
welcher  die  Ursache  der  Bleilähmung  in  einer  venösen  Stauung  auf 
der  Streckseite  des  Vorderarmes  zu  finden  glaubte,  und  von  Bär- 
winkel,  welcher  eine  arterielle  Ischämie  an  der  gleichen  Stelle  als 
Ursache  ansieht,  sehr  an  Bedeutung,  mag  man  diese  Circulationsstd- 
rungen  direct  oder  durch  gesteigerte  Ablagerung  von  Blei  in  die 
Muskeln  wirksam  werden  lassen.  Auch  würden  diese  Erklärungen  für 
das  Fortschreiten  der  Lähmung  auf  andere  Muskelgebiete  (Deltoideus, 
Literossei,  untere  Extremitäten  u.  s.  w.)  keineswegs  ausreichen.  — 
Es  kann  sonach  kaum  zweifelhaft  sein,  dass  ein  primäres  Leiden 
des  Nervensystems  vorliegt  und  zwar  entweder  im  Stamm  des 
N.  radialis  (also  eine  periphere  Lähmung)  oder  im  Centralorgan,  höchst 
wahrscheinlich  im  Rückenmark  (also  eine  centrale  Lähmung^.  Diese 
beiden  Möglichkeiten  unterliegen  noch  der  Discussion. 

Das  Vorhandensein  der  Entartungsreaction  in  sehr  ausgesprochener 
Weise  bei  vielen  Bleilähmnngen  schien  zunächst  für  ein  peripheres 
Leiden  des  Nervenstammes  zu  sprechen,  weil  man  früher  glaubte,  dass 
dieselbe  nur  bei  peripheren  Lähmungen  vorkomme.  Nach  den  Be- 
funden bei  spinaler  Kinderlähmung  kann  diese  Annahme  als  widerlegt 
oder  doch  mindestens  sehr  unsicher  gelten,  sie  kann  also  mit  Sicher- 
heit  nicht   für  den  peripheren  Sitz  der  Lähmung  verwerthet  werden. 

Immerhin  sprechen  aber  auch  die  anatomischen  Befunde  an  Mus- 
keln und  Nerven  fttr  die  Annahme  einer  peripheren  Lähmung.  In 
den  atrophischen,  granröthlich  oder  weisslich  aussehenden,  derben  Mus- 
keln fanden  Lancereaux,  Gombault  und  Bernhardt  Atrophie 
der  Fasern,  undeutliche  Querstreifung,  Kernvermehrung,  Wucherung 
des  interstitiellen  Bindegewebes  —  also  genau  dieselben  Veränderun- 
gen, wie  ich  sie  seinerzeit  bei  peripheren  traumatischen  Lähmungen  be- 
kannt gemacht  habe  und  wie  sie  sich  auch  bei  der  progressiven  Mus- 
kelatrophie finden.  —  An  den  Nerven  hat  Gombault  hochgradige 
Degeneration  und  Atrophie,  Fettkömchenbildung,  reichliche  intersti- 
tielle Bindegewebswucherung  und  Kemwucherung,  dagegen  erhaltene 
Achsencylinder  bei  reichlicher  Nervenkemwucherung  gefunden.  (Dabei 
sollen  die  Nervenwurzeln  so  wie  das  Rückenmark  intact  gewesen  sein.) 
Auch  Lancereaux  berichtet  von  körnig-fettiger  Entartung  des 
Maries   und  stellenweisem  Schwund  der   Nervenfasern.     Endlich   hat 

33* 


516  EKB,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Westphal  in  neuester  Zeit  einen  sehr  interessanten  Befand  bei  einer 
seit  ca.  2  Jahren  bestehenden  Bleilähmung  gemacht.  Er  fand  in  dem 
Radialis  neben  spärlichen,  erhalten  gebliebenen,  normalen  Fasern  zahl- 
reiche Bündel  von  feinen,  offenbar  regenerirten  Nervenfasern,  ganz 
ähnlich,  wie  sie  zuerst  von  Remak  in  den  späteren  Regenerations- 
stadien nach  Nervendurchschneidung  beschrieben  und  auch  neuerdings 
von  Neu  mann  und  Eichhorst  wieder  geschildert  worden  sind.  Wo 
Regeneration  vorhanden,  da  muss  wohl  früher  Degeneration  gewesen 
sein ;  man  darf  also  wohl  annehmen,  dass  in  den  früheren  Stadien  der 
Lähmung  degenerative  Processe  an  den  Nerven  vor  sich  gehen,  welche 
erst  später  den  regenerativen  Vorgängen  Platz  machen.  —  Leider 
fehlt  in  dem  Westphal' sehen  Falle  der  Nachweis  irgend  einer  peri- 
pheren Ursache  für  die  Degeneration;  kein  comprimirendes  Moment, 
keine  Neuritis  oder  dgl.;  ja  es  fehlte  selbst  die  bei  peripheren  trau- 
matischen Lähmungen  constante  interstitielle  Bindegewebswucherung 
und  —  was  wohl  zu  bemerken  ist  —  in  jedem  der  theil weise  ver- 
änderten Nervenbündel  fanden  sich  auch  noch  zahlreiche  wohlerhaltene 
Fasern;  damit  lässt  sich  die  Annahme  einer  den  Nervenstamm  be- 
treffenden peripheren  Lähmungsursache  nur  schwer  vereinigen.  Die 
Nervenwurzeln  sind  dabei  nicht  in  erschöpfender  Weise  untersucht 
worden.  Im  Rückenmark  ergab  die  mikroskopische  Untersuchung  keine 
nennenswerthe  Anomalie,  obgleich  makroskopisch  das  rechte  Vorder- 
horn  blutreicher  erschienen  war. 

Es  bleibt  also  vorläufig  höchstens  eine  gewisse  Wahrschein- 
lichkeit für  den  peripheren  Ursprung  der  Bleilähmung. 

Auf  der  andern  Seite  haben  wir  Entartungsreaction  und  Atrophie 
in  ganz  der  gleichen  Weise  bei  einer  entschieden  spinalen  Lähmung, 
nämlich  bei  der  sog.  spinalen  Kinderlähmung  und  es  ist  höchst  wahr- 
scheinlich, dass  sich  bei  dieser  Krankheit  dieselben  Veränderungen  an 
Nerven  und  Muskeln  finden  werden,  wie  bei  der  Bleilähmung,  obgleich 
das  bisher  merkwürdiger  Weise  noch  nicht  eingehend  und  systematisch 
untersucht  worden  ist. 

Jedenfalls  lässt  diess  die  Möglichkeit  einer  spinalen  Entstehung 
auch  für  die  Bleilähmung  offen  und  ich  muss  gestehen,  dass  mir  die- 
selbe aus  verschiedenen  Gründen  zur  Zeit  auch  wahrscheinlicher  ist, 
als  die  periphere  Entstehung:  wegen  der  offenbaren  Analogie  mit  der 
spinalen  Kinderlähmung  in  Bezug  auf  Verbreitung,  Atrophie  der  Mus- 
keln, elektrisches  Verhalten;  wegen  des  regelmässigen  symmetrischen 
Befallenwerdens  derselben  Nervengebiete;  wegen  der  bloss  partiellen 
Ausbreitung  der  Lähmung  auf  bestimmte  Fasern  desselben  Nerven- 
stammes (Freibleiben  des  Snpinator  longus);  wegen  des  Freibleibens 
der  Sensibilität  u.  s.  w. 

Dem  Einwände,  4ass  die  bisherigen  genauen  Rückenmarksnnter- 
suchungen  (Gombault,  Westphal)  nur  negative  Resultate  ergeben 
haben,  kann  ich  ein  sehr  grosses  Gewicht  nicht  beilegen.  Es  ist 
immerhin  denkbar,  dass  die  Bleiintoxication  in  gewissen  (motorisch- 
trophischen  ?)  Oentralapparaten  Ernährungsstörungen  setzt,  die  an  sich 
nicht  mikroskopisch  nachweisbar  sind,  die  aber  doch  im  Stande  sind, 
die  Ernährung  der  peripheren  Nerven   und  Muskeln  in  der  mehrge- 


Lähmung  des  Nervus  radialis.    Symptome.  517 

dachten  Weise  zu  verändern;  dies  nmsomehr  als  es  sich  ja  um  eine 
in  der  Regel  heilbare  Affection  handelt^  bei  welcher  die  Annahme 
völliger  Degeneration  und  Atrophie  der  centralen  Ganglienzellen  un- 
statthaft ist.  Ausserdem  handelt  es  sich  dabei  jedenfalls  nur  um  Krank- 
heitsherde von  sehr  geringer  Ausdehnung,  die  der  Beobachtung  leicht 
entgehen.  Demnach  glaube  ich,  dass  man  die  Möglichkeit  eines 
spinalen  Ursprungs  der  Bleilähmung  wohl  im  Auge  behalten  muss. 
Künftige  Untersuchungen  werden  sich  besonders  auf  die  peripheren 
Nerven  richten  müssen  und  es  müssen  dieselben  einerseits  bis  in  die 
Muskeln,  andrerseits  durch  ihre  Wurzeln  hindurch  bis  ins  Rückenmark 
verfolgt  werden;  dieses  selbst  ist  dann  besonders  genau  zu  unter- 
suchen, da  es  sich  wahrscheinlich  nur  um  ganz  umschriebene  Krank- 
heitsherde handelt.  Paralleluntersuchungen  bei  der  spinalen  Kinder- 
lähmung und  wohl  auch  der  progressiven  Muskelatrophie  sind  dabei 
in  hohem  Grade  wünschenswerth. 

Die  hier  ausgesprochenen  Gedanken  haben  in  der  sehr  beachtens-  • 
werthen  Arbeit  von  E.  Remak  eine  werthvolle  Begründung  und  Er- 
weiterung erfahren.  Remak  hat  sich  bemüht  auf  Grund  sorgfältigster 
Bearbeitung  eigener  und  fremder  Beobachtungen  über  Bleilähmung 
Anhaltspunkte  für  den  eigentlichen  Sitz  der  Läsion  zu  gewinnen  und 
macht  es  in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  dass  ganz  circumscripte 
spinale  Veränderungen  in  den  grauen  Vordersäulen  der 
Bleilähmung  zu  Grunde  liegen.  Weiterhin  haben  sich  ihm 
Gründe  daför  ergeben,  fllr  die  typischen  Fälle  der  saturninen  Radialis- 
lähmung die  anatomische  Läsion  etwas  über  dem  oberen  Ende  der 
Cervicalanschwellung  zu  suchen,  was  natürlich  ftlr  die  Localisation 
elektrotherapeutischer  Maassnahmen  von  Wichtigkeit  ist.  Künftige  Unter- 
suchungen werden  über  die  Richtigkeit  dieser  Schlussfolgerungen  zu 
entscheiden  haben. 

Die  Symptome  der  Radialisläbmung  sind  äusserst  prägnant 
und  ermöglichen  dem  Geübten  die  Diagnose  auf  den  ersten  Blick. 
Der  N.  radialis  versorgt  bekanntlich  den  M.  triceps,  einen  kleinen 
l'heil  des  Brachialis  intern,  und  sämmtliche  auf  der  Streckseite  des 
Vorderarmes  gelegenen  Muskeln.  Dem  entsprechend  findet  man  bei 
völliger  Radialislähmung  die  Hand  in  Beugestellung,  sie  hängt 
schlaff  herab ,  kann  nicht  erhoben '  und  mcht  dorsalflectirt  werden. 
Die  Finger  sind  in  Beugestellnng ,  der  Daumen  unter  dieselben  ge- 
bogen und  adducirt.  Die  Finger  können  nicht  gestreckt  werden: 
bei  Streckversuchen  tritt  nur  die  Wirkung  der  Interossei  und  Lum- 
bricales  ein,  welche  bekanntlich  nur  die  zwei  Endphalangen  strecken, 
die  Basalphalanx  dagegen  beugen.  Der  Daumen  kann  nicht  ab- 
dudrt  und  nicht  gestreckt  werden,  ebensowenig  der  Zeigefinger. 
Der  Vorderarm  kann  (bei  gleichzeitig  gestrecktem  Arm,  um  die 
Wirkung  des  Biceps  auszuschliessen)  nicht  supinirt  werden  (Lähmung 
des  Supinator  brevis);  ebenso  kann  er  nicht  durch  den  Supinator 


518  Erb,  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospinalen  Nerven. 

longus  gebeugt  und  halb-supinirt  werden;  die  Lähmung  dieses  Mus- 
kels erkennt  man  leicht  daran,  dass,  wenn  man  den  Arm  in  halb 
gebeugter  und  halb-pronirter  Stellung  festhält  und  dann  den  Kranken 
kräftige  Beugeversuche  machen  lässt,  das  harte  Vorspringen  des 
Supinator  longus  dabei  nicht  erscheint,  sein  Muskelbauch  yielmehr 
schlaff  und  weich  bleibt.  Ist  der  Triceps  mitgelähmt,  so  können 
die  Kranken  den  Arm  nicht  kräftig  strecken,  ihn  nicht,  wenn  der 
Oberarm  gehoben  ist,  yertical  ausstrecken.  Lässt  man  die  Hand 
flach  auf  einen  Tisch  legen,  so  können  keine  Seitenbewegungen  mit 
derselben  ausgeführt,  sie  kann  nicht  von  der  Tischfläche  erhoben 
werden,  während  in  dieser  Stellung  die  durch  die  Interossei  vermit- 
telten Seitenbewegungen  der  Finger  ganz  gut  gehen.  —  Gleichzeitig 
erscheint  die  Motilität  der  Beuger  dadurch  beeinträchtigt,  dass  das 
Handgelenk  während  ihrer  Action  durch  die  Streckmuskeln  nicht 
mehr  fixirt  wird,  wodurch  ihre  Insertionspunkte  sich  einander  über- 
mässig nähern,  und  ihre  Contractionen  kraftlos  werden;  fixirt  man 
das  Handgelenk  kräftig  in  Extensionsstellung,  so  lässt  sich  leicht 
erkennen,  dass  die  Flexoren  in  keiner  Weise  gelähmt  sind. 

Die  Functionsstörungen  der  Hand,  welche  durch  die  Radialis- 
lähmung herbeigeführt  werden,  sind  beträchtlicher,  als  bei  jeder 
andern  Lähmung  am  Arm;  die  Kranken  sind  des  Gebrauches  ihrer 
Hand  fast  völlig  beraubt;  sie  können  mit  derselben  (besonders  des 
Daumens  wegen  und  wegen  der  behinderten  Function  der  Beuger) 
nichts  fassen  nni  ergreifen,  können  die  Hand  nicht  supiniren  und 
sind  so  zu  allen  feineren  Arbeiten  total  und  selbst  zu  gröberen  fast 
völlig  unfähig.  Bei  tausend  kleinen  Verrichtungen  des  täglichen 
Lebens  macht  sich  diese  Lähmung  in  der  störendsten  Weise  be- 
merkbar. 

Gewöhnlich  besteht  gleichzeitig  eine  mehr  oder  weniger  hoch- 
gradige Anästhesie  im  Radialisgebiet;  sitzt  die  Lähmungsursache 
hoch  oben,  so  macht  sich  dieselbe  im  Gebiet  der  Nn.  cutan.  post 
super,  und  infer.,  also  auf  der  hintern  Seite  des  Oberarmes  und  der 
Streckseite  des  Vorderarmes  bemerklich;  bei  tieferem  Sitz  ist  nur 
das  Verbreitungsgebiet  des  N.  radialis  an  der  Hand  (Dorsalfläche 
der  drei  ersten  Finger  bis  zur  2.  Phalanx  hin  und  die  entsprechende 
Partie  des  Handrückens  und  Daumenballens)  von  der  Anästhesie  be- 
fallen. Sehr  auflallend  ist  oft  bei  vollständiger  motorischer  Läh- 
mung die  Geringfügigkeit  der  sensiblen  Störung;  dieselbe  kann  selbst 
ganz  fehlen  (Lannelongue,  Savory,  Bernhardt).  Es  bleibt 
für  solche  Fälle  nichts  übrig,  als  auf  die  aus  verschiedenen  chüro- 
gischen  Beobachtungen  erschlossenen  und  von  Arloing  und  Tri- 


LäbmuDg  des  Nenras  radialis.    Diagnose.  519 

pier  experimentell  an  Hunden  erwiesenen  Anastomosen  zwischen 
den  grossen  Nervenstämmen  des  Vorderarmes  zu  recnrriren,  durch 
welche  die  wenigstens  theilweise  Erhaltung  der  Sensibilität  bei 
Durchschneidung  des  einen  oder  andern  Nerven  im  Gebiete  dessel- 
ben garantirt  wird.  Freilich  scheinen  diese  Anastomosen  nicht  in 
allen  Fällen  in  der  gleichen  Vollständigkeit  vorhanden  zu  sein.  — 
Häufig  klagen  die  Kranken  nur  über  ein  subjectives  Geftihl  von 
Taubsein  und  Pelzigsein  an  den  genannten  Hautstellen,  ohne  dass 
fiich  objectiy  eine  Verminderung  der  Sensibilität  nachweisen  Hesse. 

Nicht  selten  beobachtet  man  —  von  dem  Grade  der  Läsion  im 
Nerven  abhängige  —  mehr  oder  weniger  hochgradige  Atrophie  der 
Streckmuskeln. 

In  auffallendem  Gegensatz  dazu  steht  eine  manchmal  über  dem 
Handgelenk  sich  einstellende  Schwellung  der  Strecksehnen 
—  umschriebene,  haselnussgrosse ,  längliche,  bewegliche,  meist 
schmerzlose  Anschwellungen,  t^elche  von  Gubler  zuerst  bei  Blei- 
lähmung gefunden  und  seither  vielfach  bestätigt  wurden;  Gubler 
sah  dieselbe  Schwellung  dann  auch  bei  hemiplegischer,  Nicaise 
und  ich  selbst  fanden  sie  bei  traumatischer  Radialislähmung.  Das 
Ganze  wird  als  Tenosynitis  hyperplastica  bezeichnet  und  verdankt 
seine  Entstehung  ohne  Zweifel  zunächst  der  mechanischen  Insultation, 
welche  die  über  das  in  starker  Flexion  befindliche  Handgelenk  hin- 
weglaufenden Sehnen  erfahren.  Die  Annahme,  dass  aber  auch  die 
Nervenlähraung  an  sich  prädisponirend  auf  das  Zustandekommen 
dieser  Ernährungsstörung  wirke,  wird  dadurch  um  so  wahrschein- 
licher, dass  man  nicht  selten  gleichzeitig  Gelenkschwellungen  am 
Carpus  und  an  den  Fingergelenken  beobachtet. 

Die  elektrische  Erregbarkeit  verhält  sich  je  nach  der 
Lähmungsursache  in  bekannter  Weise  verschieden  und  kann  hier  ^ 
wie  überall  zur  Beurtheilung  der  im  Nerven  und  in  den  Muskeln 
vorhandenen  Ernährungsstörungen,  so  wie  zur  Diagnose  des  Sitzes 
der  Lähmung  verwerthet  werden.  Bei  den  leichten  Compressions-, 
den  Erückenlähmungen,  bei  den  sogenannten  rheumatischen  Lähmun- 
gen pflegt  die  elektrische  Erregbarkeit  vollkommen  normal  zu  sein; 
sie  ist  hier  oft  zur  Localisation  der  Lähmungsursache  im  Nerven  gut 
zu  benutzen:  unterhalb  der  Läsionsstelle  ist  die  Erregbarkeit  des 
Nerven  normal,  von  oberhalb  derselben  ist  keine  Reaction  zu  er- 
zielen —  damit  ist  die  Stelle  der  Leitungshemmung  oft  sehr  genau 
zu  umgrenzen.  In  einem  einzigen  Falle  von  Drucklähmung  habe 
ich  die  früher  erwähnte  Mittelform  der  Entartungsreaction  gefunden; 
in  dem  von  Fr.  Fischer  beschriebenen  Falle  war  sie  ebenfallö  vor- 


520  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

handen.  Die  ausgesprochene  Entartnngsreaction  (mit  den  charakte- 
ristischen Yei^ndernngen  der  faradischen,  galvaniBchen  and  mecha- 
nischen Erregbarkeit)  findet  sich  dem  Stadium  der  Lähmung  ent- 
sprechend, bei  allen  schweren  traumatischen  Radialislähmungen  und 
bei  der  Bleilähmung,  hier  jedoch  gewöhnlich  nur  in  einem  Theil  der 
Muskeln.  Immer  ist  damit  hochgradige  Atrophie  der  Muskeln  ver- 
bunden. —  Bei  hemiplegischer  Lähmung  endlich  ist  die  elektrische 
Erregbarkeit  normal  oder  unerheblich  gesteigert 

Die  Diagnose  der  Radialisläbmung  an  sich  ist  ungemdn  Idcht 
und  selbst  paretische  Zustände  einzelner  Muskeln  im  Radialisgebiet 
sind  in  der  Regel  leicht  zu  erkennen.  Schwieriger  kann  oft  die 
Unterscheidung  in  Bezug  auf  Art  und  Sitz  der  Lähmungsursache 
werden ;  doch  kommt  hier  eigentlich  nur  die  Compressions-,  trauma- 
tische und  Bleilähmung  in  Frage,  da  die  übrigen  Formen,  die  cere- 
bralen, neuritischen,  hysterischen  und  anderen  Lähmungen  gewöhn- 
lich leicht  aus  den  Begleiterscheinuhgen  und  den  Ergebnissen  der 
Ananmese  zu  erkennen  sind. 

Die  gewöhnliche  Compressionslähmung  (und  die  soge- 
nannte n  rheumatische  ^)  charakterisiren  sich  folgendermassen :  Ge- 
lähmtsein sämmtlicher  Muskeln  an  der  Streckseite  des  YorAer- 
armes,  einschliesslich  der  Supinatoren ^) ;  Freibleiben  des  Trioeps; 
Sensibilitätsstörung  nur  an  der  Hand;  elektrische  Erregbarkeit 
normal.  —  Erückenlähmung:  Mitbetheiligung  des  Trioeps;  elek- 
trische Erregbarkeit  normal;  Nachweis  der  Ursache.  —  Schwere 
traumatische  Lähmung:  Je  nach  dem  Sitz  des  Trauma  wech- 
selnde Betheiligung  der  Muskehi ;  manchmal  einzelne  in  auffallender 
Weise  wenig  betheiligt;  so  sah  Bernhardt  bei  einer  traumatischeii 
Lähmung  in  Folge  von  Schulterluxation  die  Supinator^i  frei  bleiben, 
ich  selbst  in  einem  ähnlichen  Fall  den  Extens.  digitor.  yiel  schwerer 
betroffen,  als  den  Radialis  und  Supinator  longus ;  Entartungsreaction; 
Atrophie  der  Muskeln. 

Bleilähmung:  Bei  ihrer  Charakterisirung  mttssen  wir  etwas 
länger  verweilen.  Dieselbe  beginnt  gewöhnlich  im  Extensor  digitor. 
comm.,  einzelne  Bündel  desselben  zuerst  befallend  und  dann  auf  die 
übrigen  weiter  schreitend ;  dann  kommen  in  wechselnder  Reihenfolge 


1)  DasB  auch  dies  nicht  ausnahmslos  richtig  ist,  zeigt  ein  neuerdings  tob 
Bernhardt  (Arch.  f.  Psych,  u.  Nerv.  Y.  S.  561)  mitgetheilter  Fall,  in  welchem 
der  Supinator  longus  von  derL&hmung  frei  blieb;  es  handelte  sich  aber  um  eine 
schwere  Lähmung  mit  Entartungsreaction,  deren  Entstehung  durch  Compression 
nicht  sicher  ist  Die  Läsion  muss  hier  unterhalb  des  Abgangs  des  Astes  f&r  den 
Suplnat.  long,  ihren  Sitz  haben. 


Lähmung  des  Nervus  radialis.    Verlauf  und  Prognose.  521 

die  Radiales,  der  Extensor  olnaris,  die  Daumenstrecker  nnd  der  Ab- 
dnetor  pollie.  long,  daran;  der  Snpinator  brevis  bleibt  ge- 
wöhnlich sehr  lange,  der  Snpinator  longns  fast  aus- 
nahmslos frei  von  der  Lähmung  und  wird  in  ganz  seltenen 
Fällen  erst  spät  nnd  in  massigem  Grade  ^Yon  derselben  befallen. 
Dieses  Freibleiben  der  Snpinatoren  ist  ein,  wenn  auch  nicht  absolut 
sicheres  (s.  oben),  so  doch  äusserst  werthYoUes  diagnostisches  Krite- 
rium der  Bleilähmung.  Meist  werden  kurz  nach  einander  beide 
Arme  befallen,  und  zwar  in  der  Regel  der  vorwiegend  gebrauchte 
Arm  zuerst  und  am  intensivsten  (H.  Meyer,  E.  Rem ak).  In  einem 
Theil  der  gelähmten  Muskeln  pflegt  sich  alsbald,  mit  fortschreiten- 
der Atrophie  einhergehend,  die  Entartungsreaction  in  exqui- 
siter Weise  und  mit  ihrem  gewöhnlichen  Verlaufe  einzustellen.  Ein- 
zelne weniger  schwer  befallene  Muskeln  können  aber  auch  ihre 
elektrische  Erregbarkeit  conserviren.  In  diesen  letzteren  pflegt 
dann  die  Motilität  bei  geeigneter  Behandlung  rasch  wiederzukehren 
(Duchenne),  während  die  von  der  Entartungsreaction  betroffenen 
immer  sehr  lange  Zeit  zur  Heilung  brauchen.  —  Dass  weiterhin 
auch  noch  anderweitige  Muskelgebiete  (Interossei,  Muskeln  des  Dau- 
menballens, Deltoideus,  Rttckenmuskeln,  Muskeln  der  unteren  Extre- 
mitäten u.  s.  w.)  von  der  Bleilähmung  befallen  werden  können,  kann 
hier  nur  angedeutet  werden.  Die  Venen  des  Vorderarmes,  beson- 
ders der  Streckseite,  sind  in  vielen  Fällen  auffallend  geschwellt  und 
varicös  (Hitzig).  —  Die  Atrophie  der  Muskeln,  das  Fehlen  der 
Sensibilitätsstörung,  das  Auftreten  der  Sehnenschwellungen  am  Hand- 
gelenk, die  ttbrigen  Erscheinungen  von  Bleiintoxication ,  besonders 
d^  graue  Rand  am  Zahnfleisch,  vorausgegangene  Koliken  u.  s^w. 
werden  zur  weiteren  Begründung  der  Diagnose  dienen. 

Das  Auftreten  der  Entartungsreaction  in  den  von  der  Bleilähmung 
betroffenen  Muskeln  —  wem'gstens  in  allen  schwer  betroffenen  — 
scheint  ziemlich  constant  zu  sein.  Sie  konmit  in  2 — 3  Wochen  zur 
vollen  Ausbildung,  doch  scheint  sich  die  gesteigerte  galvanische  Er- 
regbarkeit der  Muskeln  ziemlich  bald  wieder  zu  vermindern  und  unter 
die  Norm  zu  sinken,  während  die  qualitativen  Veränderungen  derselben 
fortbestehen.  Daher  wohl  die  häufigen  Angaben  über  Verminderung 
der  faradischen  und  galvanischen  Erregbarkeit  bei  Bleilähmung.  — 
In  dem  jüngst  von  mir  publicirten  Falle  konnte  die  ausgesprochenste 
Entartungsreaction  auch  in  einzelnen  Muskeln  nachgewiesen  werden 
(Deltoideus),  welche  in  keiner  Weise  gelähmt  waren;  ein  Verhalten 
von  hohem  theoretischem  Interesse. 

Verlauf  und  Prognose  der  Radialislähmungen  richten  sich 
zumeist  nach   den    veranlassenden  Momenten.  —  Die  gewöhnlich 


522  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

plötzlich  auftretenden  leichten  Compressionslähmnngen  (ebenso  wie 
die  „rheumatischen")  bestehen  gewöhnlich  auffallend  lange;  selten 
sieht  man  sie  in  1 — 2  Wochen  verschwinden;  meist  dauern  sie  4  bis 
6  Wochen  und  nicht  selten  Monate  lang ;  ja  sie  können  sich ,  wie 
Brenner  anftthrt,  über  Jahre  hinaus  erstrecken.  Die  Motilität  kehrt 
ganz  allmälig  wieder,  und  man  kann  oft  von  Tag  zu  Tag  die  Fort- 
schritte in  der  Hebung  des  Handgelenkes  und  der  Stre<^ung  der 
Finger  verfolgen.  Ihre  Prognose  ist  fast  absolut  günstig ,  wiewohl 
auch  hier  einzelne  unheilbare  Fälle  vorzukommen  scheinen.  —  Noch 
günstiger  ist  die  Krückenlähmung,  welche  gewöhnlich  in  1—2  Wo- 
chen zur  Heilung  gelangt,  wenn  die  Ursache  entfernt,  und  die  ge- 
eignete Behandlung  eingeleitet  wird.  Dass  selbst  sehr  lange  an- 
dauernde Compression  dem  Nerven  nicht  die  Fähigkeit  nimmt,  rasch 
wieder  seine  Function  zu  übernehmen,  beweist  der  oben  schon  er- 
wähnte Fall  von  Busch.  —  Die  schweren  traumatischen  Lähmun- 
gen haben  auch  im  Radialisgebiet  den  langsamen  und  ermüdenden 
Verlauf,  welchen  sie  überall  zeigen ;  immer  vergehen  mehrere  Monate, 
häufig  '/2— 1  Jahr,  bis  die  Heilung  auch  nur  leidlich  vollendet  ist; 
oft  sieht  man  noch  nach  mehreren  Jahren  die  Besserung  Fortschritte 
machen;  aber  in  den  meisten  Fällen  tritt  dieselbe  doch  ein,  wenn 
nicht  allzuschwere  und  irreparable  Läsionen  am  Nerven  selbst  vor- 
handen sind.  Daraus  ergibt  sich  die  Prognose.  —  Die  Bleilähmung 
hat  ebenfalls  immer  einen  äusserst  schleppenden  Verlauf;  meist  ver- 
gehen Monate,  ehe  die  schwer  betroffenen  Muskeln  wieder  anfangen^ 
dem  Willensreiz  zu  folgen.  Die  elektrische  Untersuchung  gibt  hier 
oft  werthvolle  prognostische  Anhaltspunkte.  Aber  auch  anscheinend 
sehr  schwere  Fälle  kommen  hier  noch  (nach  1—2  Jahren)  zur  Hei- 
lung, vorausgesetzt,  dass  die  Ursache  der  Intoxication  entfernt  ist 
Selten  sieht  man  unheilbares  Fortschreiten  der  Lähmung  und  Atro- 
phie bis  zum  Tode.  —  Die  hysterischen  Radialislähmungen  zeigen 
den  bei  hysterischen  Lähmungen  im  Allgemeinen  zu  beobachtenden 
wechselvollen  Verlauf  und  theilen  ihre  Prognose.  —  Die  Radialis- 
lähmung, welche  eine  sehr  gewöhnliche  Theilerscheinung  der  cere- 
bralen Hemiplegie  bildet,  zeichnet  sich  vor  den  gleichzeitigen  Läh- 
mungen anderer  Nervengebiete  meist  durch  eine  besondere  Hart- 
näckigkeit aus ;  Streckung  der  Finger,  des  Handgelenkes  und  Daumens 
sind  die  Bewegungen,  welche  solchen  Kranken  meist  zuletzt  wieder- 
kehren. Im  Uebrigen  theilen  diese  Lähmungen  die  Prognose  cere- 
braler Lähmungen  überhaupt. 


Lähmung  des  Nervus  medianus.  523 


d.  Lähmung  im  Gebiet  des  N.  medianus. 

Der  N.  medianDS  wird  im  Ganzen  selten  von  isolirter  Lähmung 
befallen :  eine  „  rheumatische  *"  Medianuslähmung  wird  jedenfalls  sehr 
selten  beobachtet ;  weit  häufiger  sind  traumatische  Lähmungen  (durch 
ungeschickten  Aderlass,  durch  Schnittwunden;  Drucke  Quetschung, 
schlechte  Krücken ,  Humerusfracturen ,  Schussverletznngen  n.  s.  w.), 
welche  den  Nerven  theils  am  Oberarm,  theils  seinen  Endast  ober- 
halb des  Handgelenkes  betreffen  können.  Lähmungen  darch  Neuri- 
tis, Neurome  u.  dgl.  kommen  vor;  ebenso  Lähmungen  nach  acuten 
Krankheiten;  endlich  ist  die  Medianuslähmfing  eine  sehr  gewöhn- 
liche Theilerscheinung  centraler  Lähmungen  und  durch  die  progres- 
sive Muskelatrophie  werden  sehr  häufig  einzelne  dem  Medianus  an- 
gehörige  Muskelgebiete  (besonders  die  Daumenballenmuskeln)  der 
Lähmung  entgegengeftthrt. 

An  dieser  Lähmung  sind  betheiligt:  der  M.flexor  carpi  radial., 
die  Pronatoren,  der  Flexor  digitor.  sublimis  und  der  laterale  Theil 
des  Flexor  dig.  profund.,  der  Flexor  pollic.  longus  und  endlich  die 
kleinen  Muskeln  am  Daumenballen,  mit  Ausnahme  des  Adductor 
poll.  brevis.  Man  findet  dann  die  Beugung  der  2.  Phalanx  an  allen 
Fingern  unmöglich,  die  der  3.  Phalanx  am  Zeigefinger  und  Mittel- 
finger unmöglich,  Beugung  und  Opposition  des  Daumens  völlig  un- 
ausführbar. Dagegen  ist  die  Beugung  der  1.  Phalanx,  bei  Streck- 
ung der  beiden  letzten  durch  die  Interossei  an  den  letzten  vier  Fin- 
gern gut  möglich;  nicht  selten  bildet  sich  sogar  durch  das  Ueber- 
wiegen  der  Interosseuswirkung  eine  Art  Hyperextension  der  beiden 
letzten  Phalangen  besonders  am  Zeigefinger  aus.  Opposition,  Flexion, 
und  jeder  feinere  Gebrauch  des  Daumens  sind  unmöglich,  der 
Daumen  wird  in  dauernde  Extension  und  Adduction  gestellt  und  dem 
Zeigefinger  anliegend  gehalten,  ähnlich  wie  bei  der  Affenhand.  Beu- 
gung im  Handgelenk  ist  nur  mit  gleichzeitiger  starker  Adduction 
(durch  den  Flexor  ulnaris)  möglich,  die  Wirkung  des  Flexor  radialis 
fehlt.  Pronation  der  Hand  ist  fast  ganz  unmöglich,  da  dieselbe  nur 
in  sehr  unvollkommener  Weise  durch  den  Supinator  longus  ausge- 
führt werden  kann.  *Die  drei  letzten  Finger  können  noch  theilweise 
gebeugt  werden,  weil  der  Flexor  digit.  profund,  zum  Theil  vom 
N.  ulnaris  versorgt  wird.  Alles  dies  verleiht  der  Hand  und  den  .Fin- 
gern, besonders  der  Haltung  des  Daumens  eine  so  charakteristische 
Stellung,  dass  man  eine  isolirte  Medianuslähmung  daran  sofort  er- 
kennen kann.    Auch  die  nicht  selten  vorhandene  hochgradige  Atro- 


524  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

phie  der  gelähmten  Muskeln  am  Vorderarm  und  Daumenballen  dient 
zur  weiteren  Charakterisirung  dieser  Lähmung. 

Sind  Sensibilitätsstörungen  vorhanden ,  so  zeigen  sieb  dieselben 
am  lateralen  Theil  der  Hohlhand ,  am  Daumen,  Zeige-  und  Mittel- 
finger und  der  radialen  Hälile  des  Ringfingers  auf  deren  Volarsdte 
und  an  deren  beiden  letzten  Phalangen  aueh  auf  der  Dorsalseite  (r^. 
darüber  die  Angaben  von  Bernhardt  und  von  Riohelot).  Es 
kann  jedoeh  die  Sensibilitätsstörung  aueh  yOllig  fehlen,  selbst  wenn 
der  Medianus  oberhalb  des  Handgelenks  durchschnitten  ist  (Riebet)^), 
und  es  erklärt  sich  dieses  aus  den  früher  erwähnten  Anastomosen  mit 
den  übrigen  Vorderammeryen  (Arloing  und  Tripier).  Uebrigens 
sah  ich  bei  gleichzeitiger  Lähmung  des  Medianus  und  Ulnaris  ober- 
halb des  Handgelenkes  die  Sensibilität  der  betreffenden  Hautbeziike 
vollständig  erloschen,  obgleich  das  Radialisgebiet  völlig  intaot  war; 
und  in  einem  Falle  von  Durchschneidung  des  Medianus  oberhalb  des 
Handgelenkes  bestand  völlige  Anästhesie  an  den  betreffenden  Fingeni, 
obgleich  Ubaris  und  Radialis  völlig  intact  waren.  An  den  drei 
ersten  Fingern  zeigen  sich  auch  die  trophischen  Störungen  der 
Haut  und  Nägel  (Glanzfinger,  Ulcerationen ,  Pemphigusblaaen ,  ab- 
normer Haarwuchs  u.  s.  w.),  welche  schwere  Medianuslähmungen 
nicht  selten  begleiten. 

üeber  elektrisches  Verhalten,  Diagnose,  Prognose  und  Verlauf 
der  Medianuslähmungen  gilt  im  Allgemeinen  dasselbe,  was  für  die 
Radialislähmung  gesagt  ist. 

e.   Lähmung  im  Gebiet  des  N.  ulnaris. 

Obgleich  dieser  Nerv  bei  einer  oberflächlichen  Lage  am  Ober- 
arm und  oberhalb  des  Handgelenkes  mancherlei  Schädlichkeiten 
often  ausgesetzt  scheint,  wird  er  doch  nicht  besonders  häufig  von 
Lähmung  befallen,  und  es  ist  die  Aetiologie  der  Ulnarislähmungen 
so  ziemlich  dieselbe,  wie  die  der  Medianuslähmung.  Am  häufigsten 
sind  noch  traumatische  Momente  nachzuweisen:  Druck,  Quetschung, 
Schuss-  und  Hiebwunden,  Humerusfracturen ,  Schulterluxationen, 
Erückendruck ,  Schlafen  auf  dem  untergelegten  Arm.  Ich  sah  01- 
narislähmung  durch  ein  kleines  Neurom  oberhalb  des  Ellbogens  be- 
dingt, welches  durch  häufige  mechanische  Beleidigung  des  Nerven 
an  dieser  Stelle  entstanden  war.  Duchenne  sah  dieselbe  häufig 
bei  Arbeitern,  welche  bei  ihrer  Beschäftigung  die  Ellbogen  fest  aof 


1)  Doch  fand  Duchenne  in   diesem  Falle  die  elektro-moscul.   Saidbüitit 
erloschen.    (Electris.  loc.  111.  6dit.  p.  350.) 


Lähmong  des  Nerras  ulnaris.  525 

eine  harte  Unterlage  stützen.  Die  progressive  Hoskelatropbie  er- 
greift mit  Vorliebe  die  kleinen  Handmoskeln,  welche  dem  Gebiet 
des  Ulnaris  angehören. 

Die  Ulnarislähmnng  betheiligt  den  M.  flexor  carpi  nlnaris^  den 
grOssten  Theil  des  Flex.  digit.  profund.,  sämmtliche  Muskeln  des 
Hjpothenar,  sämmtliche  Interossei,  einen  Theil  der  Lnmbricales  und 
den  Adductor  pollic.  brevis.  Dem  entsprechend  finden  sich  folgende 
Bewegungsbeschränkungen :  die  Ulnarflexion  und  Adduction  der  Hand 
ist  beschränkt;  die  vollständige  Beugung  der  drei  letzten  Finger  er- 
schwert oder  unmöglich;  die  Bewegung  des  kleinen  Fingers  fast 
ganz  aufgehoben;  Spreizen  und  Wiederzusammenpressen  der  Finger, 
so  wie  Beugung  der  t .  und  Streckung  der  2.  und  3.  Phalanx  sämmt- 
lieber  Finger  (Interossei)  unmöglich.  Sind  die  Interossei  und  Lum- 
bricales  allein  gelähmt,  so  entsteht  durch  den  Zug  des  Extens.  digit. 
oommun.  und  der  Flexores  digitor.  (Streckung  der  ersten  und  Beugung 
der  beiden  letzten  Phalangen)  jene  exquisite  Krallenstellung  der 
Hand,  wie  sie  ftlr  die  Lähmung  des  Ulnaris  oberhalb  des  Hand- 
gelenkes und  fllr  gewisse  Fälle  der  progressiven  Muskelatrophie  so 
bekannt  und  charakteristisch  ist;  dieselbe  ist  jedoch  bei  der  Ulnaris- 
lähmung  an  den  beiden  letzten  Fingern  mehr  ausgesprochen,  als  am 
2.  und  3.  Finger,  weil  deren  Lumbricales  vom  Medianus  versorgt 
werden;  endlich  besteht  Unmöglichkeit,  den  Daumen  zu  adduciren, 
und  ihn  fest  an  den  Metacarpus  des  Zeigefingers  anzulegen. 

Durch  alle  diese  Motilitätsstörungen  wird  die  Function  der  Hand 
erheblich  gestört  und  besonders  feinere  Verrichtungen  (Schreiben, 
Zeichnen,  Klavierspielen)  mit  derselben  werden  ungemein  erschwert. 
Doch  ist  bei  erhaltener  Motilität  im  Radialis-  und  Medianusgebiet 
die  Gebrauchsfähigkeit  der  Hand  nicht  gänzlich  angehoben.  Ist 
jedoch,  wie  das  so  häufig  der  Fall  ist,  die  Daumenballenmusculatur 
oder  ein  Theil  der  Strecker  mitafficirt,  dann  wird  der  Gebrauch  der 
Hand  fast  unmöglich. 

Die  Sensibilitätsstörung  —  wenn  sie  vorhanden  —  er- 
streckt sich  auf  den  bekannten  Verbreitungsbezirk  des  Ulnaris:  Theil 
der  Vola  manus,  Volarfläche  des  4.  und  5.  Fingers,  Theil  des  Hand- 
rückens und  Dorsalfläche  der  drei  letzten  Finger.  Es  gilt  fQr  ihr 
Fehlen  oder  Vorhandensein  dasselbe,  wie  ftlr  die  Radialis-  und 
Medianuslähmung. 

Die  trophischen  Störungen  (besonders  die  charakteristische  Atro- 
phie der  Interossei,  Einsinken  der  Intermetacarpalräume) ,  das  elek- 
trische Verhalten  der  gelähmten  Nerven  und  Muskeln  verhalten  sich  ge- 
nau so,  wie  bei  den  Lähmungen  der  beiden  andern  Vorderarmnerven. 


526  Erb,  Krankheiten  der  periphcren-cerebrospinalen  Nenren. 

Die  Diagnose  der  Ulnarislähmung  bietet  nicht  die  geringsten 
Schwierigkeiten:  besonders  charakteristisch  ist  das  Fehlen  der  Ad- 
dnctionsbewegnng  im  Handgelenk^  und  die  Lähmung  der  Interossd. 
lieber  den  Sitz  und  die  Ursache  der  Lähmung  wird  nach  allgememen 
Regeln  zu  entscheiden  sein.  Etwaige  Contracturen  sind  meist  leicht 
zu  erkennen. 

lieber  Prognose  und  Verlauf  ist  auf  das  bei  der  Radialislähmung 
Gesagte  zu  verweisen. 

Therapie  der  Lähmungen  der  obern  Extremität 

Die  Entfernung  der  ursächlichen  Schädlichkeiten  ist  vor  allem 
zu  erstreben  und  kann  hier  manches  leisten.  Besonders  sind  es 
chirurgische  Hülfeleistungen,  welche  nicht  selten  als  Vorbedingung 
für  jede  weitere  Behandlung  erforderiich  sind:  die  Einrichtung  von 
Luxationen  und  Fracturen,  die  Entfernung  abnormer  Callusbildung 
(Busch);  die  Ausschneidung  comprimirender  Narben,  eventuell  auch 
die  chirurgische  Wiedervereinigung  getrennter  Nervenenden,  die  Be- 
handlung von  Wunden  der  verschiedensten  Art,  die  Entfernung  von 
drückenden  Geschwülsten,  von  Neuromen  —  das  mögen  die  haupt- 
sächlichsten Maassnahmen  sein,  die  hier  in  Frage  kommen.  Gegen 
die  „rheumatischen"  Lähmungen  ist  nicht  viel  zumachen;  doch  mag 
man  Gegenreize,  diaphoretisches  Verfahren,  Jodkalium  versuchen; 
gegen  nachweisbare  Neuritis  erweisen  sich  Antiphlogose  und  der 
galvanische  Strom  nützlich.  —  Gegen  hysterische  und  centrale  Läh- 
mungen tritt  die  Behandlung  der  zu  Grunde  liegenden  Störung  vor 
allem  in  ihre  Rechte.  —  Bei  Bleilähmung  muss  vor  allen  Dingen 
die  Femhaltung  weiterer  Au&ahme  von  Blei  erstrebt  werden  durch 
Aufgabe  des  Berufs,  Unterbrechung  der  betreffenden  Thätigkeit  oder 
geeignete  Präventivmaassregeln;  und  dann  wird  man  durch  die  ge- 
wöhnlichen Mittel  (Bäder,  Schwefelbäder,  Jodkalium,  Fordernis  des 
Stoffwechsels)  die  möglichst  rasche  Eliminirung  des  Giftes  zu  be- 
wirken haben.  —  In  veralteten  Fällen  von  traumatischen  Lähmungen, 
von  Paralysen  in  Folge  von  Gelenkrheumatismus  oder  chronischer 
Neuritli9  wird  man  nicht  selten  durch  locale  oder  allgemeine  Bäder 
(Malz-  und  Kleienbäder,  Wildbad,  Teplitz,  Wiesbaden,  Soolbäder 
u.  s.  w.)  noch  BesseruDg  erzielen  können. 

Von  den  direct  gegen  die  Paralyse  anzuwendenden  Mitteln  ver- 
dient allein  die  Elektricität  Vertrauen,  da  sie  neben  ihren  be- 
deutenden direct  antiparalytischen  Wirkungen  häufig  auch  noch  die 
Indicatio  causalis  erfüllt.  Für  ihre  Anwendung,  die  Wahl  des  fara- 
dischen oder  galvanischen  Stromes,  die  Localisation  und  Stärke  des- 


Therapie  der  L&hmangen  der  oberen  Extremität.  527 

selben,  die  Daner  und  Häufigkeit  der  Applicationen  gelten  voll- 
kommen die  früher  (S.  431)  aufgestellten  allgemeinen  Regeln.  Bei 
den  schweren  traumatischen  Lähmungen  wird  man  sich  immer  auf 
eine  lang  fortgesetzte  oder  in  bestimmten  Zeiträumen  wiederholte 
Behandlung  gefasst  machen  müssen  und  wird  dieselbe  yorwiegend 
mit  dem  galvanischen  Strom  vornehmen.  Die  leichten  Gompressions- 
lähmungen  (des  N.  radialis ,  Erückenlähmung  u.  s.  w.)  pflegen  der 
Faradisation  ziemlich  rasch  zu  weichen,  doch  schien  mir  hier  der 
galvanische  Strom  manchmal  eine  grössere  momentane  Wirkung  zu 
haben.  Gegen  die  Bleilähmung  wird  man  sich  vorwiegend  des  gal- 
vanischen Stroms  bedienen,  obgleich  auch  die  Faradisation  bei  der- 
selben inDuchenne's  Händen  recht  gute  Erfolge  aufzuweisen  hat. 
Neben  der  localen  Galvanisation,  die  sich  über  die  befallene  Muscu- 
latur  und  den  N.  radialis  womöglich  in  seiner  ganzen  Ausdehnung 
zu  erstrecken  hat,  empfiehlt  sich  auch  die  Galvanisation  des  Hals- 
theils  des  Rückenmarks,  und  es  muss  weiteren  Versuchen  vorbehalten 
bleiben,  zu  entscheiden,  ob  nicht  auch  die  Galvanisation  des  Sym- 
pathicus  bei  dieser  Lähmung  nützlich  ist.  In  allen  Fällen  ist  eine 
ausdauernde  und  regelmässige  Behandlung  nothwendig. 

Mit  Spirituosen  und  irritirenden  Eiureibungen  u.  dgl.  äusseren 
Mitteln  wird  man  nur  sehr  wenig  erreichen.  Dagegen  kann  in  vielen 
Fällen  eine  mit  Consequenz  durchgeführte  active  und  passive  Gym- 
nastik das  Fortschreiten  der  Heilung  wesentlich  fördern. 


Nach  dieser  Besprechung  der  einzelnen  Lähmungsformen  im  Ge- 
biet der  obem  Extremität  erübrigt  noch,  einige  Worte  über  die 
häufigeren  C!ombinationen  derselben  zu  sagen.  Dieselben  kommen 
in  mannichfacher  Weise  vor,  und  bei  der  vielfachen  Verschlingung 
der  Faserzüge  im  Plexus  brachialis  ist  es  begreiflich,  dass  besonders 
die  Plexuslähmungen  einen  grossen  Wechsel  in  der  Gruppirung  der 
befallenen  Nerven-  und  Muskelgebiete  darbieten  werden,  je  nach- 
dem das  eine  oder  andere  Bündel  des  Brachialplexus  vorwiegend 
von  der  Lähmungsursache  betroffen  ist.*) 

In  dieser  Beziehung  bieten  die  Lähmungen  nach  Schtllter- 
luxationen  schon  eine  grosse  Mannichfaltigkeit.    Es  ist  klar,  dass 


1)  Seeligmüller  hat  in  zwei  F&llen  von  L&hmaog  des  Plex.  brachialis  Er- 
Bcheinaogen  von  L&hmaog  des  Halssympathicus  (Yereogerung  der  Lidspalte  und 
der  Pupille  der  betreffenden  Seite)  gefunden,  welche  zur  Charakterisirung  mancher 
F&Ue ^beitragen  dürfte.  Dasselbe  berichtet  B&rwinkel  (Arch.  f.  klin.Med.  XIV. 
S.  546)  in  zwei  FHUen  traumatischer  Lähmung  des  Plexus  brachialis.  Eine  ge- 
nauere Deutung  dieses  Symptoms  fehlt  gleichwohl  noch. 


528  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

besonders  die  Luxatio  subcoracoidea  den  hier  oben  dicht  beisammen- 
liegenden  Nerrenstämmen  des  Plexus  brachialis  in  besonderem  Grade 
gefährlich  wird,  und  je  nach  zufälligen  Verhältnissen  können  hier 
bald  sämmtliche  Nerven  gequetscht  oder  selbst  zerrissen  werden, 
oder  es  kann  der  eine  oder  andere  von  ihnen  frei  bleiben,  oder  nnr 
leicht  betroffen  sein.  Daher  das  wechselvoUe  Bild^  welche^  die 
Gasuistik  dieser  Lähmungen  bietet.  In  einem  Theil  der  Fälle  ist 
dc^  ganze  Arm  ytfllig  gelähmt:  N.  axillaris,  musculocutaneus  und 
die  drei  Yorderarmnervenstämme  sind  gleichmässig  an  der  T Ahmung 
betheiligt;  ändere  Male  sieht  man  nur  den  N.  axillaris  und  radialis 
gelähmt,  in  wieder  anderen  Fällen  bleiben  Biceps  und  Brachiafis 
internus  frei,  oder  in  den  Beugern  am  Vorderarme  sind  die  Be- 
wegungen erhalten,  während  alles  ttbrige  gelähmt  ist  u.  s.  w.  — 
Fast  inmier  handelt  es  sich  um  schwere  traumatische  Lähmungen; 
die  Entartungsreaction  stellt  sich  in  den  betroffenen  Nerven  und 
Muskeln  ein  und  lässt  einen  sehr  langsamen  Verlauf  der  Heilung 
vorhersehen;  doch  kann  in  den  leichter  betroffenen  Nerven  die  Er- 
regbarkeit erhalten  bleiben,  und  in  diesen  kehrt  dann  auch  die  Moti- 
lität meist  bald  zurück,  wlÄrend  allerdings  nicht  selten  auch  einzelne 
schwerer  betroffene  Nervengebiete  ftlr  immer  gelähmt  bleiben. 

Bei  den  Lähmungen  durch  Humerusfracturen  handelt 
es  sich  meist  nur  darum,  ob  einer  oder  mehrere  der  Vorderann- 
nervenstämme  von  der  Läsion  mit  betroffen  wurden  oder  später  in 
das  Bereich  der  Gallusbildung  gezogen  werden.  Am  häufigsten  wird 
der  Radialis,  demnächst  der  Ulnaris,  am  seltensten  der  Medianos 
gelähmt.  Meist  handelt  es  sich  hier  ebenfalls  um  schwere  trauma- 
tische Paralysen  mit  sehr  langer  Heilungsdauer. 

Fracturen  und  Luxationen  am  Ellbogen  und  Vor- 
derarm sind  eine  häufige  Quelle  von  Lähmungen  der  Vorderarm- 
nerven, und  es  ist  klar,  dass  dabei  Ulnaris  und  Medianus  in  erster 
Linie  betiieiligt  sein  werden.  Gerade  bei  diesen  Verletzungen  kommen 
auch  vielfach  Lähmungen  durch  ungeschickt  oder  zu  fest  angelegte 
Verbände  vor,  wie  ich  solche  Fälle  mehrfach  sowohl  an  den  Nerven- 
stämmen oberhalb  des  Handgelenkes  wie  oberhalb  des  Ellbogens 
beobachtet  habe.  Das  sind  immer  sehr  hartnäckige  und  langwierige^ 
nicht  selten  unheilbare  Lähmungen. 

Eine  eigenthttmliche  Gombination  gelähmter  Muskeln 
habe  ich  in  mehreren  Fällen  spontan  entstandener  (rheumatischer) 
sowie  auch  traumatischer  Lähmungen  des  Armes  gefunden:  nämlich 
eine  gleichzeitige  Lähmung  des  Deltoideus,  des  Biceps  und  Brachialis 
internus,  sowie  des  Supioator  longus.    Hie  und  da  fanden  sich  audi 


Combinirte  Lähmungen  des  Plexus  brachialis.  529 

noch  einzelne  andere  Muskeln  daran  betheiligt;  z.  B.  habe  ich  in 
zwei  Fällen  den  Sapinator  brevis  ebenfallfi  betheiligt  gefunden;  in 
einem  andern  das  ganze  Gebiet  des  Medianas  am  Vorderarm  a.  s.  w., 
immer  aber  sind  die  genannten  Maskeln,  wenn  nicht  aasschliesslichi 
so  doch  hauptsächlich  befallen.  Es  deutet  dieses  auf  einen  Sitz  des 
Leidens  an  einer  Stelle,  wo  die  den  N.  axillaris;  musculo-cutan.  und 
einen  Theil  des  Radialis  bildenden  Fasern  noch  beisammen  liegen. 
In  der  That  gelingt  es  bei  vielen  Individuen  bei  sehr  vorsichtiger 
faradischer  Reizung  der  einzelnen  Aeste  des  Plexus  brachialis  eine 
Stelle  zu  finden  (sie  entspricht  ungefähr  der  Austrittsstelle  des  6.  Cer- 
vicalnerven  zwischen  den  Scalenis);  von  welcher  aus  der  Deltoideus, 
BicepS;  Brachial,  intern,  und  die  Supinatoren  in  gemeinschaftliche; 
sehr  energische  Gontraction  versetzt  werden.  (Es  ist  dabei  oft 
schwer;  den  dicht  daneben  liegenden  Ursprung  des  N.  radialis  zu 
vermeiden;  trifft  man  diesen  isolirt;  so  contrahirt  sich  das  Radialis- 
gebiet mit  Ausnahme  des  Supinator  longus.)  Ich  vermuthe  deshalb; 
dass  die  hier  gemeinte  Lähmungsform  ihren  Sitz  in  den  dort  liegenden 
Wurzeln  des  Plexus  brachialis  und  zwar  den  beiden  obem  Wurzeln 
desselben  oder  der  Yereinigungsstelle  beider  habe  und  empfehle  die- 
selbe weiterer  Beachtung  und  eventueller  anatomischer  Untersuchung.') 
Ich  habe  dieselbe  zweimal  in  Folge  einer  offenbaren  NeuritiS;  ein- 
mal in  Folge  eines  Falles  auf  Arm  und  Schulter  und  einmal  in 
Folge  von  Carcinom  der  Halsdrttsen  und  der  Wirbelsäule  gesehen. 
Die  elektrische  Erregbarkeit  war  im  letzteren  Falle  normal;  in  den 
anderen  bestand  mehr  oder  weniger  ausgesprochene  Entartungsreac- 
tion  und  diese  kamen  alle  zur  Heilung.  In  zwei  Fällen  klagten  die 
Kranken  Pelzigsein  im  Medianusgebiet  an  der  Hand. 

Sehr  merkwürdig  ist  es,  dass  ziemlich  dieselben  Muskeln  ge- 
lähmt gefunden  werden  bei  jener  Form  der  Lähmung;  welche 
Duchenne  in  der  dritten  Ausgabe  seiner  Electris.  local.  p.  357  bei 
Neugeborenen  als  „Paralysie  obstitricale  infantile  du  membre  supö- 
rieur*'  beschrieben  hat;  und  die  wir  wohl  als  Entbindungsläh- 
mung bezeichnen  dürfen.  Ich  habe  selbst  zwei  Fälle  davon  be- 
obachtet und  kann  die  Schilderung  Duchenne's  in  allen  wesent- 
lichen Punkten  bestätigen.  Es  handelt  sich  immer  um  Kinder;  welche 
durch  geburtshttlfliche  Operationen;  Wendung  und  nachfolgende  Ex- 
tractioU;  oder  durch  Tractionen  an  den  Schultern  bei  schwerer  Ent- 
wickelung  des  Rumpfes  zur  Welt  gebracht  wurden.    Einmal  scheint 

1)  Auf  die  etwaige  Betheiligung  des  lufraspinatos  dürfte  dabei  in  Zukunft 
genauer  zu  achten  sein,  da  dessen  Nerv. ebenfalls  Yom  obersten  Bündel  des'Plex. 
brach.,  aus  dem  5.  und  6.  Cervicalnerven  entspringt. 

Hftndbaoh  d.  spee.  Pathologie  u.  Therapie.    XII.  Bd.  1.    2.  Aufl.  34 


530  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

es  das  Ziehen  an  einer  Schulter  mit  dem  hakenförmig  in  die  Achsel- 
höhle eingesetzten  Zeigefinger  zu  sein,  welches  die  Lähmung  tw- 
schuldet,  andere  Male  die  schwierige  Entmckelung  der  Arme  bei 
der  Extraction  und  endlich  ganz  besonders,  wie  mir  scheint,  die  ener- 
gische Ausführung  des  sogenannten  Prager  Handgriffs,  wobei  die 
gabelförmig  dem  Nacken  angesetzten  und  eneigisch  ziehenden  und 
drückenden  Finger  gerade  die  Gegend  des  Plexus  brachialis  in  Ge- 
fahr bringen.  —  Solche  Kinder  werden  mit  der  Lähmung  geboren» 
doch  wird  dieselbe  nicht  immer  sofort  entdeckt,  da  ein  Theil  der 
obem  Extremität  beweglich  bleibt  In  allen  Fällen  aber  ist  da» 
Bild  der  Lähmung  ein  sehr  charakteristisches:  der  befisdlene  Arm 
fällt  unbeweglich  zur  Seite  des  Rumpfes  herab;  er  ist  nach  innen 
gerollt  und  beständig  gestreckt;  weder  Beugung  des  Vorderarms^ 
noch  Erhebung  des  Armes  sind  möglich ;  dagegen  sind  die  Bewegongea 
der  Hand  und  der  Finger  erhalten.  Die  genauere  Untersuchm^, 
die  bei  den  kleinen  Patienten  ihre  sehr  erheblichen  Schwierigkeiten 
hat,  lehrt,  dass  der  Deltoideus,  der  Biceps  und  Brachialis  intern, 
und  der  Infraspinatus  nebst  Teres  minor  (und  die  Supinatoren  ?)  ge- 
lähmt sind.  Die  Sensibilität  der  Haut  scheint  nicht  erheblich  be- 
einträchtigt. Die  elektrische  Erregbarkeit  ist  meist  erheblich  herab- 
gesetzt (Entartungsreaction?).  Nicht  selten  entwickeln  sich  bald 
Contracturen  in  den  nicht  gelähmten  Muskeln  z.  B.  in  einem  meiner 
Fälle  im  Pectoralis  major.  Die  Prognose  dieser  sehr  charakte- 
ristischen Lähmung,  die  man  nicht  leicht  mit  irgend  einer  anderen 
Lähmungsform  verwechseln  wird,  und  die  ohne  jede  Complication 
Ton  Luxation  oder  Fractur  besteht,  ist  nicht  gerade  gttnstig.  Ver- 
nachlässigte Fälle  heilen  manchmal  nicht,  und  Duchenne  empfiehlt 
deshalb  eine  frühzeitige  faradische  Behandlung,  von  welcher  er  gute 
Erfolge  gesehen  hat.  Voraussichtlich  wird  eine  geeignete  galyanische 
Behandlung  dasselbe  leisten.  —  Es  kann  wohl  keinem  Zweifel  unter- 
liegen, dass  diese  Form  der  „Entbindungslähmung''  durch  die  wäh- 
rend der  Entbindung  stattfindende  mechanische  Gompression  eines 
Theils  des  Plexus  brachialis  entsteht. 

Damit  sind  aber  die  Möglichkeiten  der  Entstehung  yon  Läh- 
mungen der  oberen  Extremität  bei  Entbindungen  nicht  erschöpft. 
Duchenne  erzählt  (1.  c.)  zwei  Fälle,  wo  eine  Lähmung  des  Plexus 
brachialis  durch  den  Druck  einer  schlecht  angelegten  Geburtszange 
entstanden  war;  einen  Fall,  wo  Lähmung  zweier  Vorderarmnerren 
durch  eine  während  der  Geburt  entstandene  Humerusfractur  yerur- 
sacht  war ;  und  er  macht  endlich  auf  die  während  der  Geburt  manch- 
mal  entstehende  subacromiale  Schulterluxation  aufmerksam  als  eine 


L&hmttDg  des  Nervus  cmralis.  531 

Ursache  mehr  oder  weniger  ausgebreiteter  Lähmimg  des  Plexus 
brachialis.  Eine  genaue  Berücksichtigung  dieser  Vorkommnisse  und 
eine  möglichst  sorgfältige  Untersuchung  derartiger  Fälle  werden 
ohne  Zweifel  das  etwas  schleierhafte  Gebiet  der  ^^congenitalen'' 
Lähmungen  etwas  einengen.  (Vgl.  Seeligmfiller,  Berl.  klin.  Wochen- 
schrifL  1874.  No.  40  u.  41.) 


g.   Lähmung  im  Bereich  der  Lumbal-  und  Sacralneryen. 

A.  Eulenburg,  1.  c.  S.  595—602.  —  Brenner,  Unters,  a.  Beobacht.  etc. 
IL  S.  203.  -  Bianchi,  Des  paraljsies  traumatiques  des  membres  inf^r.  chez 
les  noavelles  accouch^es.  Th^se  Paris  1867.  —  Duchenne,  Electr.  loc.  3«  M. 
p.  983  ff.  1016  ff.  —  Nothnagel,  Die  nervOsen  Nachkrankheiten  des  Abdom.- 
TTphns.  Arch.  f. klin. Med.  IX.  1872.  —  C.  Eisenlohr,  Zur  Pathol.  d.  Typhus- 
iSlimungen.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nervenkr.  VI»  S.  543.  1876.  —  Vgl.  ausserdem  die 
Handbücher  der  Elektrotherapie  und  die  Werke  über  Krankheiten  des  Rücken- 
markes und  der  Wirbelsäule. 

Lähmungen  im  Bereich  der  unteren  Extremität ,  deren  Muskehi 
sämmtlich  von  den  Zweigen  des  Plexus  lumbalis  und  sacralis  ver- 
801^  werden  y  sind  ungemein  häufig  und  verdanken  den  alleryer- 
schiedensten  Ursachen  ihre  Entstehung.  Freilich  stehen  hier  die 
centralen  Lähmungen  weitaus  im  yordeip*und  des  praktischen  Inter- 
esses; fast  alle  spinalen  Lähmungen  beginnen  ja  in  der  unteren 
Extremität;  periphere  Lähmungen  haben  deshalb  in  der  Literatur 
auch  eine  ihrer  geringeren  Häufigkeit  entsprechende  nur  geringe 
Beachtung  gefunden.  Es  ist  hier  unsere  Hauptaufgabe,  die  Sym- 
ptomatologie der  einzelnen  Lähmungsformen  kurz  zu  skizziren,  und 
die  gewöhnlichen  ätiologischen  Momente  hervorzuheben,  während 
wir  fär  eingehendere  Betrachtungen  auf  die  Krankheiten  des  Rücken- 
marks verweisen. 

i.   Lähmwig  im  Gebiet  des  N.  cmralis, 

Isolirte  Lähmungen  des  Schenkelnerven  sind  nicht  gerade  häufig: 
man  findet  sie  nach  traumatischen  Einwirkungen  auf  die  Wirbelsäule 
und  auf  das  Becken,  bei  Tumoren  und  Blutextravasaten  an  der  Gauda 
equina;  nicht  selten  im  Gefolge  von  Eniegelenksentztindungen,  nach 
welchen  manchmal  das  ganze  Gebiet  der  Unterschenkelstrecker 
atrophisch  und  gelähmt  erscheint;  im  Gefolge  von  Psoasentztlndung 
und  Fsoasabscessen ,  nachdem  vorausgegangene  Reizungserscheinun- 
gen abgelaufen  sind,  manchmal  im  Gefolge  von  Schenkelbrüchen 
und  Hüftgelenksluxationen ;  nicht  selten  bei  Hieb-,  Stich-  und  Schuss- 
verletzungen der  Unterbauch-  und  Oberschenkelgegend.    Ferner  ist 

34* 


532  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Neuritis  eine  nicht  seltene  Ursache  der  Gruralislähmnng;  ebenso 
Becken-  und  Oberschenkeltumoren.  Endlich  ist  dieselbe  eine  häufige 
Theilerscheinung  aller  möglichen  spinalen  Lähmungen,  seltener  von 
cerebralen  Lähmungen  und  von  der  progressiven  Huskelatrophie. 

Symptome.  Die  Lähmung  des  N.  cruralis  betrifft  den  IL 
iliopsoasy  den  Quadriceps  femoris,  den  Sartorius  und  Pectineus.  Dar- 
nach sind  die  Erscheinungen  sehr  einfach:  es  besteht  Unfähigkeit^ 
den  Oberschenkel  im  Hüftgelenk  zu  beugen ,  und  den  Rumpf  aus 
der  liegenden  Stellung  zu  erheben;  es  besteht  Unmöglichkeit,  den 
Unterschenkel  zu  strecken,  im  Sitzen  den  senkrecht  herabhängenden 
Unterschenkel  aus  der  senkrechten  Richtung  nach  vom  zu  bewegen. 
Aufrechtes  Stehen  und  Sitzen  werden  sehr  unsicher,  das  Gehen^ 
Laufen  und  Springen  sehr  erschwert  oder  ganz  unmöglich,  weil  bei 
allen  diesen  Verrichtungen  die  Beuger  des  Schenkels  und  die  Strecker 
des  Unterschenkels  sehr  nothwendig  gebraucht  werden.  —  Bei  bei- 
derseitiger Gruralislähmung  ist  die  Fortbewegung  des  Körpers  durch 
Gehen  so  gut  wie  ganz  unmöglich. 

Häufig  beobachtet  man  Sensibilitätsstörungen,  die  sieh 
beim  Befallensein  des  N.  cruralis  selbst  auf  die  unteren  zwei  Drittel 
des  Oberschenkels,  die  Eniegegend  und  längs  der  inneren  Seite  des 
Unterschenkels  bis  herab  zum  inneren  Fussrand  (N.  saphenus)  be- 
merklich machen.  Ist  auch  die  Leistengegend,  die  untere  Bauch- 
gegend, das  Scrotum,  die  äussere  Schenkelfläche  anästhetisch,  so 
deutet  dieses  auf  einen  Sitz  der  Lähmungsursache  oberhalb  des  Ab- 
ganges der  betreffenden  Hautäste  (Deohypogastricus,  Deo-inguinalis, 
Lumbo  -  inguinalis ,  Spermaticus  ext.  und  Gutan.  femor.  later.)  vom 
Plexus  lumbalis.  Geftthl  von  Pelzigsein,  Taubsein,  häufig  auch 
objectiv  nachweisbare  Kälte  des  Oberschenkels  sind  damit  häufig 
verbunden. 

Sehr  gewöhnlich  ist  Atrophie  der  Oberschenkelmusculatur,  die 
sich  manchmal  nur  bei  genauer  vergleichender  Messung  verrätb, 
meist  aber  sehr  auffallend  und  hochgradig  wird,  so  dass  die  Con- 
figuration  des  Oberschenkels  dadurch  erheblich  verändert  erscheint 
Nicht  selten  ist  auch  die  Atrophie  —  ebenso  wie  die  Lähmung  — 
nur  partiell,  auf  einzelne  Muskeln  und  Theile  von  Muskeln  be- 
sckränkt,  welche  dann  eingefallen,  schlaff,  atrophisch  erscheinen, 
während  die  übrigen,  besonders  bei  Innervationsversuch^  oder 
bei  faradischer  Erregung,  prall,  fest,  mit  scharfen  Oonturen  h^ror- 
springen. 

Die  elektrische  Untersuchung  ergibt  je  nach  Art  und  Grad  der 
Lähmung  und  der  consecutiven  Ernährungsstörungen  die  verschie- 


Lähmung  des  Nervus  obturatorius  und  glutaeus.  533 

denen,  schon  vielfach  besprochenen  Veränderungen,  auf  welche  wir 
hier  nicht  näher  einzugehen  haben. 

2.    Lähmung  im  Gebiet  des  N.  obturatorius. 

Kommt  noch  viel  seltener  als  die  Cruralislähmung  isolirt  yor; 
häu%  in  Begleitung  dieser  letzteren  und  dann  auf  dieselben  Ursachen 
zurttckzuführen  wie  diese.  Ausser  den  dort  genannten  ätiologischen 
Momenten  wären  hier  noch  zu  erwähnen:  Gompression  des  Nerven 
durch  eine  eingeklemmte  Hemia  obturatoria  und  durch  den  Druck 
des  durchtretenden  Kindskopfes  oder  geburtshülflicher  Instrumente 
bei  schweren  Entbindungen. 

Diese  Lähmung  äussert  sich  in  den  Adductoren  des  Oberschen- 
kels; im  Pectineus,  Gracilis  und  dem  M.  obturator.  ext.  Demgemäss 
vermögen  die  Kranken  nicht,  den  Oberschenkel  zu  adduciren,  die 
Schenkel  fest  aneinander  zu  schliessen,  den  einen  Schenkel  über 
den  anderen  zu  legen;  auch  die  Beugung  des  Schenkels  mit  der 
Richtung  nach  innen  ist  erschwert,  ebenso  wie  die  Rotation  des 
Schenkels  nach  aussen.  Beim  Gehen  stellt  sich  leichter  Ermüdung 
in  dem  kranken  Beine  ein.  —  Etwaige  Sensibilitätsstörungen  machen 
sich  an  der  inneren  Seite  des  Oberschenkels  bis  hinab  gegen  das 
Knie  bemerklich.  Partielle  Lähmungen  einzelner  Muskeln  der  Ad- 
ductorengruppe  sind  schwer  zu  erkennen.  Das  elektrische  Verhalten 
bei  diesen  Lähmungen  ist  nicht  hinreichend  untersucht. 

5.    Lähmung  im  Gebiet  der  Nn,  glutaei. 

Auch  diese  Lähmung  kommt  selten  isolirt  vor,  sondern  fast  nur 
als  Theilerscheinung  verbreiteter  Lähmungen,  welche  das  ganze  Ge- 
biet des  Plex.  sacralis  betreffen,  z.  B.  bei  Tumoren  und  Läsionen  an 
der  Gauda  equina,  bei  Kreuzbein-  und  Beckenfracturen,  bei  spinalen 
Erkrankungen  u.  s.  w.  Nicht  selten  wird  das  Krankheitsbild  der 
progressiven  Atrophie  und  der  Pseudohypertrophie  der  Muskehi 
durch  Atrophie  und  Lähmung  der  Gesässmusculatur  vervollständigt. 

Die  Lähmung  betrifft  die  Mm.  glutaei,  den  Tensor  fasciae,  den 
Obturator  internus  und  Pyriformis,  kann  sich  also  bei  der  mannich- 
fachen  und  complicirten  Function  dieser  Muskeln  in  verschiedenen 
Bewegungsstörungen  äussern,  welche  zum  Theil  durch  andere  Muskel- 
actionen  compensirt  werden  können,  und  deshalb  schwer  zu  analy- 
siren  sind.  Es  leidet  die  Rotation  des  Schenkels  nach  innen  sowohl, 
wie  nach  aussen,  die  Beugung  des  Schenkels  wird  etwas  beschränkt, 


534  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrosplnalen  Nerven. 

und  die  Abdaction  desselben  ist  erheblich  erschwert  oder  ganz  im- 
möglich.  Beim  Gehen  and  Stehen  tritt  Unsicherheit  ein,  da  hierbei 
die  Oesässmuskehi ,  besonders  der  Glataens  magnns  den  Rumpf  auf 
den  Oberschenkeln  zn  fixiren  und  zu  balanciren  haben;  besonders 
das  Treppensteigen  wird  unsicher.  Die  Wiederanfnchtung  des  nach 
vom  gebogenen  Rumpfes  ist  erschwert.  —  Sensibilitfttsstömngen 
pflegen  dabei  nur  vorhanden  zu  sein,  wenn  noch  andere  NerFOh 
bahnen  gleichzeitig  betroffen  sind.  —  Atrophie  der  Muskeln  ist  sehr 
gewöhnlich  und  besonders  bei  einseitiger  Lähmung  sehr  aufiFallend: 
das  Gesäss  hat  seine  Prallheit  und  Rundung  yerloren;  die  Muskeln 
erscheinen  schlaff  nnd  welk  und  lassen  mit  Leichtigkeit  die  danmter 
liegenden  Skelettheile  durchfühlen.  Die  elektrische  Erregbai^eit  ist 
nur  durch  intramusculäre  Reizung  zu  prüfen  und  zeigt  dabei  die  der 
Lähmungsursache  und  den  secundären  Störungen  entsprechenden 
Veränderungen. 

4.  Lähmung  im  Gebiet  des  N,  ischiadicus. 

Die  grosse  Ausdehnung  des  Nerven,  seine  vielfach  exponirte 
und  oberflächliche  Lage,  seine  mannichfachen  Beziehungen  zu  den 
Beckenorganen  machen  einerseits  die  Häufigkeit,  andererseits  die 
Wichtigkeit  der  ihn  betreffenden  Lähmungen  begreiflich.  Es  kann 
der  Stamm  desselben  in  toto,  oder  es  können  seine  beiden  Haupt, 
zweige  (der  N.  peroneus  und  tibialis),  oder  es  können  selbst  ein- 
zelne Muskeln  befallen  sein.  Sehr  häufig  ist  die  Lähmung  eine 
doppelseitige. 

Aetiologie.  Mechanische  Beeinträchtigungen  des  Nerven  oder 
seiner  Zweige,  mögen  sie  nun  in  langsam  zunehmender  Compression 
oder  plötzlicher  Quetschung,  in  Zerreissung  oder  Durchschneidung^ 
oder  in  Zerrung  bestehen,  sind  jedenfalls  am  häufigsten  Ursache  der 
Jjähmung  des  Ischiadicus,  und  es  dttrfte  schwer  sein,  eine  nur  eini- 
germassen  erschöpfende  Aufzählung  aller  der  Möglichkeiten  zu  geben, 
welche  so  in  mechanischer  Weise  wirken.  So  hat  man  solche  Uh- 
mnngen  gesehen  durch  Schussverletzungen,  Schnitt-,  Hieb-  und  Stidi- 
wunden  des  Nerven  und  seiner  Aeste  an  den  verschiedensten  Stellen ; 
nach  chirurgischen  Operationen  (Geschwulstexstirpation ,  Tenotomie 
u.  s.  w.) ;  nach  Wirbelbrttchen ,  nach  Fall  oder  Schlag  auft  Gedta, 
Blutextravasaten  in  die  Kreuzbeinhöhle,  bei  Tumoren  an  der  Canda 
equina;  in  Folge  von  mechanischen  Quetschungen  der  Nerven  an 
den  verschiedensten  Stellen ;  nach  schweren  Entbindungen ,  bei  wel- 
chen durch  den  Druck  des  Kindskopfes  besonders  die  an  der  hinten 


L&hmimg  des  NerruB  ischiadicns.  535 

Beckenwand  liegenden  Nervenstämme  des  Plexus  sacralis  leicht 
lädirt  werden;  nach  Httftgelenkloxationen ;  bei  Neugeborenen  nach 
Extraotion  an  den  Füssen;  durch  Narbencompression ,  wie  ich  einen 
solchen  Fall  in  Folge  einer  tiefgreifenden  Decubitusnarbe  gesehen 
habe;  bei  Tumoren  in  der  Beckenhohle  (Uten^scarcinomen  und 
Fibroiden  u.  s.  w.)  oder  am  Nerven  selbst  u^  s.  w. 

Viel  seltener  sind  Ischiadicuslähmungen  in  Folge  von  „rheuma- 
tischen^ Ursachen:  Durchnässung  und  Erkältung  der  Füsse  und  des 
Oesässes  oder  dgl.  Häufiger  die  durch  ausgesprochene  Neuritis  be- 
dingten, zu  welchen  wahrscheinlich  auch  die  nicht  selten  nach 
schwerer  Ischias  zurttckbleibenden  Paralysen  und  Atrophien  gehören. 
Welche  anatomische  VertUiderungen  den  nach  acuten  Krankheiten 
manchmal  übrig  bleibenden  und  den  ohne  nachweisbare  Ursache 
und  ohne  auffallende  Erscheinungen  spontan  sich  entwickelnden 
Paralysen  im  Oebiet  des  Sacralplexus  zu  Grunde  liegen,  ist  nicht 
hinreichend  bekannt ;  einzelne  Fälle  sind  wohl  ebenfalls  auf  Neuritis 
zurückzuführen  (Eisenloh r).  Ueber  die  Pathogenese  der  so  häu- 
figen hysterischen  Lähmungen  im  Bereich  der  untern  Extremität 
wissen  wir  nichts  Genaueres;  am  häufigsten  dürfte  wohl  an  einen 
spinalen  Ursprung  zu  denken  sein.  Sehr  gewöhnlich  ist  die  Bethei- 
ligung dieses  Nenrengebietes  an  allen  möglichen  spinalen  und  an  sehr 
vielen  cerebralen  Lähmungen.  Verhältnissmässig  selten  dagegen 
wird  das  Ischiadicusgebiet  bei  der  progressiven  Muskelatrophie  be- 
fallen, während  sdne  Betheiligung  an  der  Psendohypertrophie  der 
Muskeln  eine  fast  constante  ist 

Symptome.  Wir  betrachten  zunächst  die  Erscheinungen  der 
Lähmung  der  einzelnen  Zweige  des  N.  ischiadicus,  aus  deren  Sum- 
mirung  sich  das  Bild  der  totalen  Lähmung  leicht  ergibt. 

Ist  der  N.  peroneus  allein  befallen,  so  ist  die  gesammte  an 
der  vordem  Seite  des  Unterschenkels  liegende  Musculatur  gelähmt; 
der  Fuss  hängt  schlaff  herab,  kann  nicht  dorsalflectirt ,  nicht  abdn- 
cirt  und  nur  unvollkommen  addudrt  werden ;  das  Gehen  wird  durch 
die  herabhängende  Fussspitze,  welche  an  jeder  Hervorragnng  des 
Bodens  hängen  bleibt,  sehr  belästigt;  die  Kranken  sind  genöthigt, 
durch  Beugung  im  Hüftgelenk  dem  Fuss  bei  der  Vorwärtsbewegung 
die  nöthige  Erhebung  zu  verleihen  und  setzen  denselben  dann  tap- 
pend und  ungeschickt,  mit  der  Spitze  und  dem  äussern  Fussrand 
zuerst,  auf,  was  dem  Gang  etwas  ungemein  Charakteristisches  und 
ftlr  diese  Lähmung  Pathognostisches  verleiht  Im  weiteren  Verlauf 
wird  diese  Störung  meist  durch  secundäre  Contractur  der  Waden- 
musculatur  noch  auffallender. 


536  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Die  einzelneii  Moskeln  haben  an  diesen  Erscheinnngen  folgen- 
den Antbeil:  Die  Lähmung  des  M.  tibialis  anticus  beschränkt 
die  Dorsalflexion  und  Adduetion  des  Fasses  erheblich;  der  innere 
Fnssrand  und  die  Fassspitze  können  nicht  mehr  vollkommen  geho- 
ben werden  (doch  können  der  Extens.  digitor.  comm.  and  der  Ext 
hallac.  longns  theilweise  yicarürend  eintreten).  —  Lähmong  des 
Extens.  digitor.  comm.  long,  vermindert  ebenfalls  die  Dorsal- 
flexion des  Fasses  and  die  Abdaction  des  Fasses  in  der  Bengestel- 
lang,  während  zagleich  die  Streckung  der  Grandphalangen  sämmt- 
licher  Zehen  anmöglich  wird.  —  Lähmung  des  Extens.  hallac 
long,  vermindert  die  Dorsalflexion  und  hebt  die  Streckung  der 
grossen  Zehe  auf.  —  Lähmung  der  Mm.  peronei  hat  verschied^e 
Wirkung:  Ist  der  Peroneus  longus  gelähmt ,  so  ist  die  Abdactbn 
des  Fasses  in  Streckstellung  unmöglich,  die  Wölbung  des  Fusses, 
welche  hauptsächlich  durch  diesen  Muskel  erhalten  wird,  wird  ab- 
geflacht, aber  der  innere  Fnssrand  berührt  den  Boden  nicht  mehr, 
weil  der  Kopf  des  ersten  Metatarsalknochens  nicht  mehr  nach  ab- 
wärts gezogen  wird  (Duchenne);  es  entsteht  dadurch  eine  eigen- 
thttmliche  Art  von  Plattfuss,  welche  von  Duchenne  genauer  be- 
schrieben worden  ist.  Ist  endlich  der  Peroneus  brevis  gelähmt,  so 
ist  die  reine  Abduction  des  Fusses  unmöglich;  dieselbe  kann  dann 
eventuell  nur  noch  ausgeAlhrt  werden  entweder  mit  gleichzeitiger 
Dorsalflexion  (durch  den  Extens.  digit.  comm.)  oder  mit  gleichzeiti- 
ger Plantarflexion  (durch  den  Peroneus  long.).  —  Die  Lähmung  des 
kleinen  Ext.  digit.  comm.  brev.  beeinträchtigt  etwas  die  Exten- 
sion der  Orundphalangen  der  vier  letzten  Zehen.  —  Alle  diese  ver- 
schiedenen Lähmungen  können  isolirt  vorkommen,  sie  können  sieh 
aber  auch  in  der  mannichfaltigsten  Weise  combiniren  und  z.  Th.  in 
ihren  Wirkungen  compensiren ;  es  können  dadurch  im  Einzelnen  sehr 
verwickelte  Verhältnisse  vorkommen,  die  man  nur  bei  grosser  Sorg- 
falt und  durch  specielles  Studium  jedes  einzelnen  Falles  oft  ent- 
wirren kann,  umsomehr  als  die  Untersuchung  häufig  durch  secundäre 
Contracturen  und  Stellungsanomalien  des  Fusses  erheblich  erschwert 
wird. 

Ist  der  N.  tibialis  gelähmt,  so  ist  die  ganze  an  der  hintern 
Fläche  des  Unterschenkels  liegende  Musculatur  unthätig;  diess 
äussert  sich  sofort  in  der  aufgehobenen  Fähigkeit  zur  Plantarflexion 
(Streckung)  des  Fusses  und  zur  Beugung  und  Seitwärtsbewegnng 
der  Zehen.  Die  Lähmung  des  M.  triceps  sarae  hebt  die  Fähig- 
keit auf,  den  Fuss  zu  strecken,  sich  auf  die  Zehen  zu  stellen  u.  s.  w., 
während  durch  secundäre  Contractur  in  der  vordem  Unterschenkel- 


Lähmang  des  Nervus  ischiadicus.  537 

mnsciüatar  sich  allmälig  eine  Hackenfussstellung  aasbilden  kann. 
Lähmung  des  Tibialis  postieus  vermindert  die  Addnetion  des 
Fasses  and  die  Erhebang  des  innem  Fassrandes.  Lähmang  des 
Flexor  digitoram  comm.  bewirkt  Unfähigkeit  zar  Beagang  der 
beiden  letzten  Zehenphalangen;  Lähmang  des  Fl  ex.  hall uc.  long. 
Unfähigkeit,  die  grosse  Zehe  za  beagen.  —  Lähmang  des  Addac- 
tor  and  Abdactor  hallacis  hebt  die  isolirten  Seitenbewegangen 
der  grossen  Zehe  aaf,  während  liähmang  der  Interossei  gerade 
wie  an  der  Hand  die  Unfähigkeit  zar  Beagang  der  ersten  and 
Streckung  der  beiden  letzten  Phalangen  der  Zehen  bewirkt  and 
ausserdem  die  Spreizung  der  Zehen  unmöglich  macht  Es  entsteht 
dadurch  ein  Analogen  der  an  der  Hand  zu  beobachtenden  Erallen- 
Stellung:  Die  erste  Phalanx  wird  hyperextendirt ,  die  beiden  letzten 
stark  gebeugt,  die  Zehen  werden  dicht  aneinander  gedrängt  und  be- 
rflhren  mit  ihren  Kuppen  den  Boden  nicht  mehr.  Dabei  ist  die 
Functionsstörung  yerhältnissmässig  gering;  erst  nach  längerem  Stehen 
und  Gehen  wird  Schmerz  und  Unbequemlichkeit  bemerkbar,  weil 
eben  die  Köpfchen  der  Metatarsusknochen  jetzt  den  Druck  der  Kör- 
perlast allein  zu  tragen  haben. 

Abgesehen  von  den  Störungen  der  Einzel-  oder  Gesammtbewe- 
gungen  des  Fusses,  die  auch  das  Gehen  und  Stehen  in  mehr  oder 
weniger  erheblichem  Grade  beeinträchtigen,  rufen  aber  diese  Läh- 
mungen der  Unterschenkelmuskelh  noch  sehr  erhebliche  Stellungs- 
anomalien des  Fusses-,  secundäre  Gelenkveränderungen  und  Verbil- 
dungen  hervor,  die  sich  allmälig  zu  bleibenden  und  lästigen  Ano- 
malien ausbilden  können.  Besonders  sind  es  Lähmungen  einzelner 
und  gewisser  Muskeln  (z.  B.  des  Peroneus  longus,  des  Tibialis  an- 
ticus,  des  Triceps  surae  u.  s.  w.),  welche  so  zu  verschiedenen  Formen 
des  paralytischen  Plattftisses,  Spitzfusses,  Hackenftisses  und  Klump- 
fnsses  Veranlassung  geben  können.  Es  geht  aus  der  obigen  Be- 
schreibung hervor,  in  welcher  Weise  die  einzelnen  Lähmungen  (be- 
sonders mit  Hülfe  gleichzeitiger  Gontracturen  der  Antagonisten  und 
unter  dem  Einfluss  der  Körperlast)  Neigung  haben  werden,  die  ver- 
schiedenen Formen  der  Fussverkrümmungen  hervorzurufen.  Es  ist 
klar,  dass  dieselben  besonders  leicht  bei  jugendlichen,  noch  im 
Wachsthum  begriflfenen  Individuen  mit  noch  nicht  consolidirten 
Knochen  und  Gelenkbändern  auftreten  werden,  deshalb  die  beson- 
dere Häufigkeit  solcher  paralytischen  Verkrümmungen  im  Gefolge 
der  spinalen  Kinderlähmung.  Duchenne  hat  alle  diese  Störungen 
in  besonders  eingehender  Weise  studirt  und  ihre  Pathogenese  klar 
gestellt;  wir  können  jedoch  aus  Mangel  an  Raum  hier  nicht  in  die 


538  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Details  eingehen;  auch  hat  der  (Gegenstand  mehr  chirorgisches  und 
orthopädisches  Interesse. 

Ist  der  Stamm  des  Ischiadicns  von  der  Lähmung  betrof- 
fen, so  smd  auch  die  zu  den  Beugern  des  Unterschenkels  (Semiten- 
dinosus,  Semimembran.  und  Biceps  femoris)  gehenden  Zweige  ge- 
lähmt, und  die  Kranken  sind  nicht  im  Stande,  den  Unterschenkel 
gegen  den  Oberschenkel  zu  beugen,  die  Ferse  dem  Gesäss  zu  nähern, 
oder  dem  Versuch  zur  Streckung  des  Beines  Widerstand  zu  leisten. 
Da  oben  aus  dem  Stamm  des  Nerven  ein  Zweig  ftir  den  Quadratos 
femoris  und  zuweilen  auch  für  den  Obturator  internus  abgeht,  so 
kann  auch  die  Rotation  des  Schenkels  beeinträchtigt  sein.  —  Selbst 
bei  vollständiger  Lähmung  des  Ischiadicns  ist  aber  oit  das  Gehen 
noch  einigermassen  möglich,  indem  das  Bein  einfach  als  Stelze  be- 
nutzt, mit  Hülfe  der  Oberschenkelmuskeln  vorwärts  bewegt  und  im 
Kniegelenk  festgestellt  wird.  Dabei  hängt  der  ganze  B^ss  schlaff 
herab,  das  Bein  wird  bei  der  Vorwärtsbewegung  stark  gehoben,  der 
äussere  Fussrand  wird  zuerst  auf  den  Boden  gesetzt  und  dann  durch 
Streckung  im  Knie  die  Stütze  hergestellt;  natürlich  ist  dies  ein  sehr 
unvollkommenes  Gehen,  allein  es  kann  selbst  bei  doppelseitiger 
Lähmung  des  Ischiadicns  von  den  Kranken  nach  einiger  Uebung  er- 
lernt werden,  wie  ich  das  wiederholt  gesehen  habe. 

Gewöhnlich  sind  Ischiadicuslähmungen  von  Sensibilitäts- 
störungen begleitet,  deren  Ausbreitung  sich  zunächst  nach  dem 
Sitze  der  Lähmungsursache  richtet.  Bei  Lähmung  im  Peroneusge- 
biet  beschränkt  sieb  die  Anästhesie  auf  die  vordere  äussere  Seite 
des  Unterschenkels,  den  Fussrücken  und  den  grössten  Theil  der 
Zehen;  ist  der  Tibialis  befallen,  so  ist  die  hintere  Unterschenkel- 
fläche, die  Fusssohle  und  die  Plantarfläche  der  Zehen  Sitz  d^ 
Anästhesie.  Mit  dem  Heraufrttcken  der  Lähmungsursache  im  Stamm 
des  Ischiadicns  wird  allmälig  die  Kniegegend,  die  hintere  Fläche 
des  Oberschenkels,  endlich  das  Gesäss  und  Perineum  in  die  Anästhe- 
sie mit  einbezogen.  Sitzt  die  Lähmungsursache  innerhalb  der  Kreuz- 
beinhöhle oder  höher  oben  an  der  Cauda  equina,  dann  befällt  die 
Anästhesie  auch  die  ganze  Kreuzgegend,  das  Scrotum  und  den  Penis 
(resp.  die  Schamlippen  u.  s.  w.),  die  Harnröhre ,  Harnblase  und  das 
Rectum.  Diese  Verhältnisse  können  für  die  Localdiagnose  von  grosser 
Wichtigkeit  sein. 

Störungen  der  Circnlation  in  dem  gelähmten  Bein  sind 
sehr  gewöhnlich  und  zwar  zumeist  als  Stauung ,  Cjranose,  bllulich- 
rothe,  marmorirte  Färbung  und  Kälte  der  Haut  wahrzunehmen;  sei- 


L&hmnng  des  Nervus  ischiadicus.  539 

ten  und  in  vorttbergehender  Weise  hat  man  im  Beginn  traumatischer 
Lähmungen  Erhöhung  der  Temperatur  gefunden. 

Ebenso  sind  trophische  Störungen  besonders  bei  schweren 
peripheren  Ischiadicuslähmungen  nicht  selten;  hochgradige  Atrophie 
der  Muskeln  stellt  sich  ein*),  Ulcerationen  der  Haut,  Eruption  von 
Herpes  und  Pemphigusblasen ,  schwerer  Decubitus  am  Kreuzbein, 
den  Knöcheln  und  Fersen  werden  nicht  selten  beobachtet.  Eine  un- 
liebsame Begleiterscheinung  ii^t  endlich  die  Mastdarm-  und  Bla- 
senlähmung, welche  überall  da  eintritt,  wo  die  Lähmungsursache 
ihren  Sitz  innerhalb  oder  oberhalb  des  Kreuzbeines  an  der  Cauda 
equina  hat  Dass  diese  Erscheinungen  mit  allen  ihren  fiblen  Folgen 
bei  allen  möglichen  spinalen  Lähmungen  der  untern  Extremität  sehr 
gewöhnlich  sind,  ist  hinreichend  bekannt 

Eine  Schilderung  des  elektrischen  Verhaltens  bei  diesen 
Lähmungen  würde  nur  zur  Wiederholung  des  im  allgemeinen  Theil 
Gesagten  fUhren;  es  kommen  auch  hier  die  verschiedensten  Anoma- 
lien Yor,  und  sie  gestatten  dieselben  Schlüsse,  wie  bei  den  Lähmun- 
gen überhaupt. 

Die  Diagnose  der  Lähmungen  im  Gebiet  des  Ischiadicus  und 
seiner  Aeste  bietet  als  solche  meist  keine  erheblichen  'Schwierig- 
keiten. Nur  die  Erkennung  der  Lähmungen  einzelner  Muskeln  am 
Unterschenkel,  ihre  Unterscheidung  von  Contracturen ,  die  Feststel- 
lung des  Grades  ihrer  Ernährungsstörung  u.  s.  w.  erfordert  manch- 
mal eine  sehr  sorgfältige  und  umsichtige  Untersuchung:  man  muss 
hier  eine  möglichst  exacte  Vergleichung  des  kranken  mit  dem  ge- 
sunden Beine  anstellen,  die  Gonfiguration  des  Fusses  beim  Stehen, 
Gehen  und  bei  loser  Haltung  prüfen,  die  einzelnen  Muskeln  mittelst 
der  localen  Faradisation  untersuchen,  alle  Einzelbewegungen  mit 
Exactheit  ausführen  lassen,  um  über  alle  Verhältnisse  ms  Klare 
zu  kommen.  —  Ueber  die  Art  der  Lähmungsursache  wird  theils 
die  Anamnese,  theils  die  objective  Untersuchung  nach  allgemeinen 
Regeln  Aufschluss  verschaffen.  —  Ueber  den  eigentlichen  Sitz  der 
Lähmung  in  verschiedener  Höhe  der  motorischen  Bahnen  geben 
nachweisbare  ursächliche  Momente,  die  örtliche  Verbreitung  der  sen- 
siblen und  motorischen  Lähmungserscheinungen,'"  etwaige  Begleiter- 
scheinungen, die  Veränderungen  der  elektrischen  Erregbarkdt,  das 
Verhalten  der  Reflexe  u.  s.  w.  meist  hinreichende  Aufklärung. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  Unterscheidung,  ob  man  es 


1)  Ich  habe  in  einem  Falle  ausgesprochener  einseitiger  Parese  des  Tibialis 
und  Peroneus  eine  deutliche  Hypertrophie  der  Wadenmusculatur  beobachtet. 


540  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

mit  peripherer  oder  mit  spinaler  Lähmung  zu  thnn  habe;  ich  kenne 
yerschiedene  Fälle,  wo  eine  solche  Unterscheidung  nicht  mit  Sicher- 
heit möglich  war;  in  den  meisten  Fällen  jedoch  wird  man  bei  eini- 
ger Sorgfalt  zu  der  richtigen  Entscheidung  gelangen  können.  Da- 
Alr  sollen  hier  nur  einige  Anhaltspunkte  gegeben  werden.  Unvoll- 
kommene Lähmung  einzelner  Muskeln,  allmäliges  Fortschreiten 
derselben,  nicht  entsprechende  Ausbreitung  der  sensiblen  Störunge 
Mhzeitige  Blasenschwäche ,  yorhandene  Huskelspannungen ,  -Tremor 
u.  dgl.,  anderweitige  spinale  Erscheinungen  (Gttrtelgeitihl ,  Schwan- 
ken bei  geschlossenen  Augen,  Empfindlichkeit  der  Wirbel),  erhaltene 
oder  gesteigerte  elektrische  Erregbarkeit,  doppelseitiges  Auftreten 
der  paretischen  Erscheinungen  —  sprechen  für  spinalen  Urspnmg 
der  Lähmung';  sind  die  Reflexe  in  den  gelähmten  Muskeln  erhalten, 
so  ist  der  centrale  Sitz  der  Lähmung  gewiss;  während  allerdings 
Fehlen  der  Reflexe  nicht  gegen  ein  spinales  Leiden  spricht  Das 
Vorhandensein  der  Entartungsreaction  kann  nur  dann  fttr  den  peri- 
pheren Sitz  sprechen ,  wenn  gleichzeitig  entsprechende  sensible  Stö- 
rungen vorhanden  sind;  Entartungsreaction  ohne  jede  Sensibilitäts- 
störung spricht  ftlr  spinalen  Ursprung  der  Lähmung  (spioale  Kinder- 
lähmung u.  s.  w.).  Vergleiche  ausserdem  das  oben  S.  417  ff.  über 
die  Differentialdiagnose  centraler  und  peripherer  Lähmungen  Gesagte. 
Die  Prognose  dieser  Lähmungen  ist  im  Allgemeinen  eine 
zweifelhafte ;  sie  hängt  natürlich  zunächst  von  der  Ursache  ab ;  dem- 
nächst von  den  consecutiven  Ernährungsstörungen,  dem  elektrischen 
Verhalten  u.  s.  w.;  es  ist  d^bei  zu  beachten,  dass  bei  der  grossen 
Länge  der  hier  oft  in  iVage  kommenden  Nervenbahnen  die  Reg^ie- 
rationsvorgänge  in  den  Nerven  sehr  lange  Zeit  erfordern  können, 
bis  die  Bahnen  zu  den  Muskeln  wieder  hergestellt  sind;  man  muss 
sich  also  bei  traumatischen  und  ähnlichen  Lähmungen  auf  einen  sehr 
langen  Verlauf  und  häufig  auf  Unheilbarkeit  gefasst  machen.  Im 
Uebrigen  wird  die  Prognose  ganz  nach  allgemeinen  Grundsätzen  zu 
stellen  sein. 

Therapie  der  Lähmungen  der  unteren  Extremität. 

Wir  können  hier  ganz  auf  das  bei  der  oberen  Extremität  Ge- 
sagte verweisen.  Neben  der  causalen  Behandlung  —  bei  welcher 
der  Therapie  der  Rttckenmarkskrankheiten  eine  bedeutsame  Rolle 
zufällt  —  ist  es  natttrlich  dieElektricität,  zu  welcher  man  in 
den  meisten  Fällen  seine  Zuflucht  nehmen  wird,  umsomehr  als  die- 
selbe auch  vielfache  causale  Indicationen  zu  erfüllen  im  Stande  ist 
Ueber  die  Wahl  der  Methoden  und  Applicationsweisen  ist  nichts  Be- 


Therapie  der  Lähmungen  der  unteren  Extremität.  541 

sonderes  zn  sagen;  doch  moss  in  den  meisten  Fällen,  da  es  sich 
gar  oft  um  eine  Beeinflussung  der  Nerren  innerhalb  der  Bttckgrats- 
höhle  und  des  Beckens  handelt,  der  galvanische  Strom  bevorzugt 
werden,  weil  der  faradische  auf  so  tief  liegende  Gebilde  keine 
nennenswerthe  Einwirkung  hat. 

Denmächst  ist  die  Anwendung  einer  rationellen  mid  ausdauern- 
den Gymnastik  zu  empfehlen.  —  Bäder  und  Badecnren  (Thermen, 
Moorbäder,  Soolbäder  u.  s.  w.)  werden  nur  nach  speciellen  Indica- 
tionen  anzuwenden  sein.  Von  Einreibungen  aller  Art  wird  man  sich 
nur  wenig  Erfolg  versprechen  dttrfen,  doch  wird  man  gelegentlich 
auch  so  schwache  Httl&mittel  zum  Tlroste  der  Kranken  in  langwie- 
rigen Fällen  nicht  unversucht  lassen. 

Eine  sehr  grosse  Rolle  fällt  bei  diesen  Lähmungen  der  ortho- 
pädischen Chirurgie  zu,  theils  um  die  Entmckelung  von  Difformi- 
täten  zu  verhüten  und  etwa  schon  vorhandene  zu  heilen,  theils  um 
den  Kranken  durch  geeignete  orthopädische  Maschinen  und  Apparate 
die  Function  der  gelähmten  Muskeln  zu  ersetzen  und  ihnen  den, 
wenn  auch  nur  nothdttrftigen ,  Gebrauch  ihrer  unteren  Extremitäten 
zum  Stehen  und  Gehen  wieder  zu  verschaffen.  Es  kann  in  dieser 
Beziehung  ungemein  viel  geleistet  werden,  u.  vgl.  man  darüber  die 
Handbücher  der  orthopädischen  Chirurgie. 


ANATOMISCHE  ERKRANKUNGEN  DER 
PERIPHEREN  NERVEN. 

1.    Hyperämie  der  Herven.    Cong^estion. 

Weir  Mitchell,  iDJuries  of  nerves.  Philad.  1872.  p.  56.  —  A.  Waller, 
On  the  sensory,  motory  etc.  Symptoms  resulting  from  the  re&igeration  of  tbe 
ulnar  nerve.  Proceed.  Roy.  Soc.  ot  Lond  XI.  p.  436.  XU.  p.  89.  1862. 

lieber  die  actiye  Hyperämie  peripherischer  Nerven  ist  sehr  wenig 
bekannt;  die  Lehrbücher  der  pathologischen  Anatomie  schweigen 
darüber  und  von  den  klinischen  Erscheinungen  dieses  ZostandeSi 
der  doch  ohne  Zweifel  öfter  vorkommt ,  weiss  man  wenig  oder  gar 
nichts.  Und  doch  scheint  uns  derselbe  für  die  Zaknnft  einige  Be- 
achtung zu  verdienen,  da  vielleicht  manche  sog.  functionelle  Neu- 
rosen darauf  zurückzuführen  sind. 

Wir  finden  nur  bei  Weir  Mitchell  eine  kurze  Bearbeitung 
dieses  Gegenstandes:  er  benutzte  die  nach  dem  künstlichen  Frieren 
und  Wiederaufthauen  von  Geweben  unweigerlich  erfolgende  Hyper- 
ämie als  experimentelles  Hülfsmittel,  indem  er  durch  Aetherirriga- 
tion  theils  blossgelegte  Nerven  von  Thieren,  theils  den  Ulnamerven 
des  lebenden  Menschen  zum  Gefrieren  brachte;  aus  seinen  Betrach- 
tungen scheint  hervorzugehen ,  dass  die  nach  dem  Wiederaufthauen 
auftretenden  und  einige  Zeit  anhaltenden  Symptome  nicht  sowohl 
dem  Frieren  und  Wiederaufthauen  an  sich,  als  vielmehr  der  nach- 
folgenden Hyperämie  zuzuschreiben  sind. 

Die  anatomische  Untersuchung  bei  den  Thierexperimenten  lehrte, 
dass  nach  dem  Aufthauen  eine  mehr  oder  weniger  ausgedehnte,  rosa- 
oder  dunkelrothe  Injection  des  Nerven  vorhanden  war,  die  oft  eine 
lineare,  strichförmige  Zeichnung  darbot,  dass  der  Nerv  in  geringem 
Haasse  geschwellt  schien;  nur  nach  heftigeren  Einwirkungen  fanden 
sich  kleine  punktförmige  Blutextravasate  zwischen  den  Nervenfasern. 

Symptome.  Nach  Ablauf  der  Erscheinungen,  welche  dem 
Gefrierenlassen  als  solchem  angehören  (Schmerz,  Anästhesie,  Läh- 
mung,  Erhöhung  der  Temperatur  und  gesteigerte  Schweissbildung 


Hyper&mie  and  EntzOndung  der  Nerven.  543 

im  VerbreituDgsbezirk  des  Nerven  u.  s.  w.),  und  die  von  Waller 
besonders  genau  studirt  sind,  tritt  zanächst  an  der  aufgethauten 
Stelle  des  Nerven  eine  hochgradige  schmerzhafte  Empfind- 
lichkeit des  Nerven  ein,  die  sich  nach  rückwärts  bis  auf  den  za- 
gehörigen Plexus  verbreiten  und  hie  und  da  selbst  reflectorischen 
Schwindel  und  Ohnmachtsgeftihl  erzeugen  kann;  dazu  gesellt  sich 
Hyperästhesie  im  ganzen  Verbreitungsbezirk  des  leidenden  Ner- 
ven, Taubheitsgeftthl,  Kriebeln  und  Formication,  eine 
gewisse  motorische  Schwäche  und  ein  Gefühl  von  Völle  in 
dem  kranken  Theil,  verbunden  mit  leichter  Anschwellung  desselben ; 
keine  bemerkenswerthe  Temperatursteigerung  mehr. 

Wo  man  diese  Gruppe  von  Symptomen  am  Menschen  im  Ver- 
breitungsbezirke ei&es  bestimmten  Nerven  findet,  und  wenn  sich  zu- 
gleich vielleicht  eine  bei  Druck  empfindliche  Stelle  am  Nerven  nach- 
weisen lässt,  wird  die  Annahme  einer  activen  Hyperämie  des  Nerven 
wohl  gerechtfertigt  sein. 

Für  die  Therapie  empfiehlt  Mitchell  energische  Eisapplica- 
tion  in  der  ganzen  Länge  des  Nerven;  erhöhte  Lage  und  absolute 
Ruhe  des  Theiles ;  ftlr  schwerere  Fälle  eine  grössere  Zahl  von  Blut- 
egeln (die  jedoch  wegen  der  vorhandenen  Hyperästhesie  oft  nicht 
geringe  Schmerzen  machen),  und  symptomatisch  subcutane  Injec- 
tionen  von  Morphium  und  Atropin.  Weiterhin  wären  vielleicht  noch 
Digitalis  und  Chinin  zu  versuchen. 


2.    Entzündung  der  Herven.    Henritis. 

Rokitansky,  Pathol.  Anat.  3.  Aufl.  II.  S.  49S.  1856.  —  Förster,  Handb. 
d.  path.  Aoat.  2.  Aufl.  II.  S.  646.  1863.  —  0.  Weber,  Pitha-Billroth,  Handb.  d. 
Gh&.  U.  2.  S.  214.  1865.  —  Hasse,  1.  c.  S.  739.  —  M.  Bosenthal,  Nerven- 
krankheiten. 1870.  S.  457.  —  Nasse,  Diss.  de  neuritide.  Hai.  1801.  —  Swan, 
Diss.  on  the  treatm.  of  morbid  local  idSect.  of  nerves.  Lond.  1 820.  Deutsch  von 
Francke.  1824.  —  Des  cot,  Affect  local  des  nerfs.  Par.  1822.  Deutsch  v.  Radius. 
IS26.  —  Martinet,  Revue  m^d.  Juin  1824.  —  Abercrombie,  Krankheit  des 
Gehirns  und  Rückenmarkes.  Anhang  S.  568.  1829.  -  J.  B.  Friedreich,  üeber 
die  Localkrankeiten  der  Nerven.  Schmidt's  Jahrb.  V.  8.  89.  1835  (vollständige 
ältere  Literatur).  —  Dubreuilh,  Rech,  exp^rim.  sur  Tinflamm.  des  nerfs.  Clin, 
de  MontpeU.  1845.  No.  5  u.  7.  —  B6rard,  Note  sur  les  accid.  qui  suiv. la  piqu. 
des  nerfs.  Joum.  des  connaiss.  m^d.-chir.  1846  Mars.  —  Beau,  Arch.  g^n^r.  1847 
u.  Union  m^d.  Juill.  1849.  —  Piorry,  De  Themito-n^vrite  et  de  son  trait.  Union 
m^d.  1851.  No.  79  u.  80.  —  Remak,  Ueber  Neuritis.  Oesterr.  Zeitschr.  f.  prakt. 

Heilk.  1860.  No.  45—48.  —  Dum^nil,  Contrib.  pourserv.  ä  Thistoire 

de  la  n^vrite.  Gaz.  hebdomad.  1^66.  No.  4—6.  —  W.  Erb,  Pathol.  u.  path.  Anat. 
periph  Paral.  (Neuritis  facial.)  Arch.  f.  klin.  Med.  IV.  V.  1868.  —  E.  Tiesler, 
Ueber  Neuritis.  Diss.  Königsb.  1869.  —  Yirchow,  Neurit.  interstit  prolifera. 
Virch.  Arch.  Bd.  53.  1871.  —  J.  Althaus,  Neuritis  des  Plex.  brach.  Arch.  f. 
kUn.  Med.  X.  1872.  —  Weir  Mitchell,  Injunes  of  nerves  etc.  Philad.  1872. 
p.  66.  —  0.  Wyss,  Zur  Kenntniss  des  Herpes  Zoster.  Arch.  d.  Heilk.  Xll.  1871. 


544  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nenren. 

—  Bernhardt,  Zur  Pathol.  d.  Badialisparalys.  Arch.  f.  Psych,  a.  Nenrenkr.  IV. 
1874.  —  Pierret,  Plus,  cas  de  n^vrite  parenchym.  etc.  Arch.  de  Physiol.  1874. 
p.  968.  —  R.  Klemm,  üeber  Neuritis  migrans.  Diss.  Strassbuig.  1874.  —  Fr. 
B&rwinkel,  Neuropathol.  Beiträffe.  Arch.  f.  klin.  Med.  XVI.  S.  186.  1875.  — 

F.  Fischer,   Zwei  Fälle  von  Neuritis.   Berl.  klin.   Woch.    1875.   No.  33.   — 

G.  Eisenlohr,  Zur  Pathologie  der  Typhuslähmungen.  Arch.  f.  Psych,  o.  Kerr. 
Bd.  VI.  t876.  —  H.  Nothnagel,  üeb. Neuritis  in  cuagnost  u.  pathoL Beadehong. 
Volkmann's  Samml.  klin.  Vortr.  No.  103.  1876. 

lieber  die  Häufigkeit  und  die  Bedeutung  des  Vorkommens  der 
Neuritis  wird  noch  immer  gestritten,  wohl  vorwiegend  deshalb,  weil 
bislang  die  üblichen  anatomischen  Untersuohungsmethoden  nicht 
immer  eineq  sicheren  Nachweis  des  Leidens  ermöglichten,  und  mebr 
noch ,  weil  auch .  durch  die  klinischen  Erscheinungen  noch  imm^r 
nicht  mit  wttnschenswerther  Exactheit  die  Entzündung  der  Nerven 
erkannt  werden  kann.  Wenn  Einzelne  (z.  B.  Bemak,  Benedict) 
vielleicht  auch  darin  zu  weit  gehen,  dass  sie  eine  acute  oder  chro- 
nische Neuritis  für  die  mannichfachsten  nervösen  Erscheinungen  und 
Symptomencomplexe  und  selbst  iür  zahlreiche  Emährungsstörongen 
an  anderen  Geweben  verantwortlich  machen,  so  kann  doch  auch  die 
Meinung  Jener,  welche  die  Neuritis  für  ein  seltenes  Vorkornnmiss 
erklären,  heutzutage  nicht  mehr  als  richtig  gelten.  Wahrscheinlieh 
ist  die  Neuritis  —  und  selbst  die  spontan  auftretende  —  häufig^ 
als  man  im  Allgemeinen  anzunehmen  pflegt,  und  wenn  sich  die 
neuerdings  von  verschiedenen  beachtenswerthen  Seiten  auftauchenden 
Anschauungen  über  die  Verbreitungsweise  der  Nervenentzündung 
und  ihre  Neigung,  auf  die  Centralorgane  des  Nervensystems  überzu- 
greifen, auch  nur  theilweise  bestätigen  sollten,  so  wäre  der  Nenritis 
eine  in  ihren  Consequenzen  jetzt  noch  gar  nicht  zu  übersehende 
Wichtigkeit  für  die  Nervenpathologie  gesichert.  Es  verdient  die 
Krankheit  deshalb  eine  eingehende  Beachtung. 

Aetiologie.  Die  häufigsten  und  am  besten  bekannten  Ur- 
sachen der  Neuritis  sind  Traumata  der  verschiedensten  Art:  Wun- 
den, Schuss-,  Hieb-  und  Stichverletzungen  (früher  durch  die  Ader- 
lasslancette  am  Medianus  nicht  selten),  Quetschung,  Zerrung,  Zer- 
reissung;  in  den  Nerven  eingedrungene  Fremdkörper;  aber  auch 
leichtere  mechanische  Einwirkungen  können  Neuritis  hervorrufen :  so 
ein  Stoss  auf  einen  Nervenstamm,  energische  Compression  desselben, 
starke  Erschütterung  durch  längeres  Fahren  auf  einem  schlechten 
Wagen  (Dum^nil),  plötzliche  heftige  Muskelbewegungen,  starke 
Anstrengungen  beim  Bewegen  von  Lasten  u.  dgl.  Durch  alle  diese 
und  noch  viele  andere  Zufälligkeiten  hat  man  traumatische  Neuritis 
entstehen  sehen. 

Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  in  vielen  Flülen  Er- 


Neuritis.    Aetiologie.  545 

kältung  die  Ursache  von  Neuritis  wird:  Zugluft ,  nasse  Ftlsse, 
plötzliche  starke  Äbktthlung,  Beschäftigung  in  kaltem  Wasser  u.  dgl. 
hat  man  in  unzweifelhafter  Weise  als  Causalmomente  gefunden. 

Eine  sehr  ausgiebige  Quelle  der  Neuritis  sind  Entztlndungen 
benachbarter  Organe,  welche  auf  die  anliegenden  oder  hin- 
durchtretenden Nerven  übergreifen.  Beau  hat  dies  zuerst  ftir  die 
Intercostalnerren  bei  Pleuritis,  Pleuropneumonie  und  Lungentuber- 
culose  nachgewiesen,  und  es  ist  dies  seither  für  zahlreiche  acute  und 
chronische  Entzündungs-  und  Eiterungsprocesse  wiederholt  bestätigt 
worden :  so  fuhren  acute  und  chronische  Gelenkrheumatismen  —  be- 
sonders im  Schultergelenk  —  nicht  selten  zu  propagirter  Neuritis; 
Caries  des  Felsenbeines  und  Keilbeines,  Caries  der  Wirbel  und  der 
Beckenknochen  versetzt  die  benachbarten  Nerven  in  Entzündung; 
von  Sehnenscheidenentzündungen  aus  sah  man  eine  fortkriechende 
Neuritis  sich  entwickeln;  bösartige  Neubildungen  (Carcinome,  Sar- 
kome) wuchern  in  die  Nervenstämme  hinein,  welche  darauf  mit 
Neuritis  reagiren. 

Nach  acuten  Krankheiten  (Typhus,  acute  Exantheme, 
Diphtheritis  u.  s.  w.)  sieht  man  nicht  selten  neuritische  Processe 
sich  entwickeln,  wie  dies  noch  jüngst  von  Bernhardt  am  N.  ra- 
dialis beim  Typhus  exanthemat.  auch  anatomisch  nachgewiesen  und 
in  dem  von  Eisenlohr  publicirten  Falle  wenigstens  im  höchsten 
Grade  wahrscheinlich  ist. 

Auch  manche  chronische  Krankheiten  können  zu  ent- 
zündlichen Veränderungen  an  den  peripheren  Nerven  ftlhren,  so  die 
Syphilis;  und  auch  bei  der  Lepra  anaesthetica  scheinen  Verände- 
rungen an  den  Nerven  vorhanden  zu  sein,  welche  als  entzündliche 
aufgefasst  werden  können  (Perineuritis  chronica  leprosa,  s.  Virchow, 
Geschwülste.  11.  S.  521). 

Einer  definitiven  Lösung  harrt  noch  die  Frage,  ob  durch  Los- 
trennung  der  Nerven  vom  Centralnervensystem  Neuritis 
in  denselben  hervorgerufen  werden  könne.  Bekanntlich  haben  die 
nach  Nervendurchschneidungen  im  peripheren  Nervenstück  auftre- 
tenden Veränderungen  histologisch  eine  grosse  Äehnlichkeit  mit  ent- 
zündlichen Veränderungen  und  sind  auch  vielfach  geradezu  als  neu- 
ritische angesprochen  worden.  Wir  haben  oben  schon  die  Frage 
berührt  (s.  S.  395),  ob  diese  Veränderungen  durch  directe  Fortleitung 
von  der  Stelle  der  Läsion  oder  durch  sogenannte  tropUsche  Einflüsse 
zu  erklären  seien^  und  müssen  uns  hier  wiederholt  dafür  aussprechen, 
dass  wir  die  Lostrennung  vom  Centralnervensystem  als  das  wesent- 
liche Moment  ftlr  die  Entstehung  dieser  Vei^nderungen  betrachten;. 

Huidbaeh  d.  tpec.  Pathologie  n.  Therapie.  Bd.  XII.  1.   2.  Aufl.  35 


546  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

dabei  müssen  wir  die  Frage,  ob  dieselben  wirklich  als  entzttndliehe 
auffassen  seien,  noch  als  eine  offene  betrachten.  Zukünftige  Unter- 
suchungen, die  von  einer  richtigen  Fragestellung  ausgehen,  werden 
uns  erst  allmälig  ins  Klare  bringen  können  ttber  die  Existenz  und 
die  Art  centraler  Einfltlsse  auf  die  Emährungs-  und  Circulaticois- 
Störungen  in  peripheren  Theilen. 

Jedenfalls,  so  glauben  wir,  darf  die  fi*agliche  Form  der  Verände- 
rung in  keiner  Weise  als  eine  einfach  descendirende  Neuritis  aiifge£i»st 
werden,  wie  dies  manche  Autoren  ohne  Weiteres  thun.  Selbst  wenn 
man  die  Veränderung  wirklich  als  eine  entzündliche  auffassen  will,  so 
handelt  es  sich  doch  wesentlich  um  eine  „neurotische**  Entzündung, 
um  eine  nach  und  in  Folge  der  Nervenläsion  ziemlich  gleichzeitig  im 
ganzen  peripherischen  Theil  und  in  allen  Verzweigungen  des  Nerven 
auftretende  Veränderung  und  nicht  um  eine  Veränderung,  welche  sieh 
von  der  Läsionsstelle  aus  allmälig  auf  die  peripheren  Bahnen  ver- 
breitet, in  diesen  von  Stelle  zu  Stelle  weiterkriecht.  Es  ist,  mit 
anderen  Worten,  die  Lostrennung  vom  centralen  Nervensystem,  welche 
den  entferntesten  peripherischen  Nervenzweig  in  jene  der  entzündlichen 
ähnliche  Veränderung  versetzt,  und  nicht  der  Gontact  mit  einer  bereits 
in  Entzündung  begriffenen  Stelle  des  Nerven. 

Dass  endlich  ftlr  manche  Fälle  von  Neuritis  eine  bestinunte 
Ursache  nicht  aufeufinden  ist,  und  dass  wir  dann  von  einer  » spon- 
tanen*" Entstehung  derselben  sprechen,  wird  Niemanden  befr^nd^i. 
Es  scheint  übrigens,  als  wenn  manche  Personen  eine  besondere  Pi^ 
disposition  ftlr  Neuritis  hätten,  und  besonders,  als  wenn  die  Ndgnng 
und  Fähigkeit  zur  auf-  oder  absteigenden  Weiterverbreitung  derselben 
längs  der  Nerven  bei  verschiedenen  Individuen  in  sehr  verschiedenem 
Grade  vorhanden  wären.  Darauf  dürfte  in  Zukunft  ein  ganz  beson- 
deres Augenmerk  zu  richten  sein. 

Pathologische  Anatomie.  Handelt  es  sich  um  eine  acute 
Neuritis,  so  ist  hochgradige  Böthung,  Schwellung  und  gesteigerte 
Succulenz,  trübes  Aussehen  und  Verlust  des  eigenthttmUchen  Glanzes 
an  dem  Nerven  wahrzunehmen.  Eine  seröse  oder  wohl  auch  feser- 
stofSge,  gerinnende  Exsudation  umgibt  die  Nervenfaserbündel  als 
eine  sulzige,  gelbröthliche  Masse,  in  welcher  nicht  selten  kleine 
punktförmige  Extravasate  zu  sehen  sind.  Die  mikroskopische  Unter- 
suchung enthüllt  eine  strotzende  Füllung  der  Blutgefltese,  massen- 
hafte Emigration  farbloser  Blutkörperchen  in  das  durch  seröse  Ex- 
sudation geschwellte  Neurilemm  und  beginnenden  Zerfoll  des  Markes 
und  des  Achsencylinders  der  Nerveniasem  und  Eemwucherung  inner- 
halb der  Sehwann'schen  Scheide.  Weiterhin  kommt  es  zu  ausge- 
sprochener Vereiterung  und  Erweichung,  der  Nerv  wird  weich, 
zerreisslich,  nach  Umständen  in  einen  chocoladefarbenen  Brei  umge- 


NearitiB.    Pathologische  Anatomie.  547 

wandelt,  die  Nervenfasern  sind  yöUig  zerfallen,  auch  die  Achsen- 
oylinder  vollständig  za  Grande  gegangen.  Gelegentlich  kann  auch 
Yerjanchnng  des  Nerven  eintreten.  —  In  den  ersten  Stadien  ist  eine 
Begrenznng  und  Wiederansgleichnng  des  Processes  möglich:  die 
Hyperämie  verschwindet,  die  emigrirten  Elemente  werden  weggeführt 
oder  verfallen  fettiger  Degeneration  und  Resorption,  die  seröse  Ex- 
sndation  schwindet,  die  degenerirten  Nervenfasern  werden  wieder 
regenerirt,  and  so  kehrt  der  Nerv  allmälig  wieder  zur  Norm  zarttck. 
Häufiger  aber  ist,  wenn  nicht  ein  letaler  Ausgang  eintrat,  der  Ueber- 
gang  in  die  chronische  Neuritis. 

Bei  dieser  chronfschen  Neuritis  (welche  häufig  von  vorn- 
herein als  solche  auftritt)  tritt  die  Neigung  zur  Eiterbildung  mehr 
zurück,  die  Tendenz  zur  Neubildung  von  Bindegewebe,  zur  Indu- 
ration und  Sklerose  mehr  in  den  Vordergrund.  Der  Nerv  erscheint 
verdickt,  bald  mehr  gleichmässig  über  längere  Strecken  hin,  bald 
knotig  oder  spindelförmig,  nicht  selten  mehrere  solche  Anschwellungen 
in  wechselnden  Abständen  hintereinander  zeigend  (Neuritis  no- 
dosa). Er  ist  von  derberer  Beschaffenheit,  trübem  Aussehen,  eine 
weissgraue,  bleigraue,  bis  ins  Graurothviolette  spielende  Farbe  dar- 
bietend; er  ist  mit  den  Nachbartheilen  verwachsen,  mehr  oder 
weniger  innig;  häufig  betreffen  Verdickung  und  Adhäsion  nur  die 
äussere  Nervenscheide,  so  dass  der  Nerv  selbst  in  seiner  Scheide, 
wenn  auch  beengt  und  comprimirt,  doch  noch  frei  beweglich  ist; 
häufiger  aber  ist  alles  in  eine  gleichmässige  bindegewebige  Masse 
verwandelt,  in  welcher  Neurilemm  und  Perineurium  aufgegangen,  und 
durch  welche  die  Nervenfaserzüge  mehr  oder  weniger  weit  vonein- 
ander entfernt  sind.  Die  Hypeiümie  ist  massig,  selten  hochgradig, 
noch  seltener  bis  zur  Entstehung  kleiner  Blutextravasate  gesteigert. 
Die  mikroskopische  Untersuchung  lässt  reichliche  GefässfÜUung  und 
interstitielle  Zellenanhäufung,  erhebliche  Zunahme  des  interstitiellen 
Bindegewebes,  Kömchenzellen,  fettige  Degeneration  des  Nerven- 
markes, schliesslich  Atrophie  und  Zugrundegehen  der  NervenfEisem 
sammt  den  Achsencylindem  erkennen.  Meist  ist  diese  Veränderung 
auf  dem  Querschnitt  ungleich  vertheilt,  und  man  sieht  einzelne  wohl- 
erhaltene Nervenfasern  zwischen  anderen  in  allen  Stadien  der  regres- 
siven Metamorphose.  In  manchen  Fällen  beherrscht  die  Bindegewebs- 
wucherung  das  histologische  Bild  so,  dass  man  von  einer  Neuritis 
interstit.  prolifera  (Virchow)  sprechen  kann.  —  In  dem  cen- 
tral von  dem  Entzündungsherd  gelegenen  Nervenstück  treten  keine 
erheblichen  Veränderungen  ein;  wenige  Linien  oberhalb  findet  man 
in  der  Regel  durchaus  normale  Verhältnisse;  im  peripheren  Stück 

35* 


548  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven« 

dagegen  sieht  man;  sobald  es  in  dem  Entzündungsherd  selbst  za 
hochgradiger  Degeneration  der  Nervenfasern  (and  wahrscheinlich  zu 
energischer  Compression  derselben)  gekommen  ist,  die  bekannten 
degenerativen  Vorgänge  an  den  Nerven/  und  wenn  es  sich  um  ge- 
mischte Nerven  handelt,  auch  an  den  Muskeln  auftreten,  welche  wir 
früher  (S.  384)  ausführlich  geschildert  habeji ,  also  interstitielle  Zellen- 
und  Gewebsproliferation ,  Degeneration  und  Schwund  der  Nerven- 
£a,sem,  Atrophie  und  Kemwucherung  der  Muskelfasern  u.  s.  w.  Auch 
können  sich  weiterhin  die  schon  früher  erwähnten  EmähningBstö- 
rungen  an  Haut,  Knochen,  Gelenken,  Nägeln  u.  s.  w.  einstellen,  ge- 
rade wie  bei  traumatischen  oder  schweren  Compressions-  und  rheu- 
matischen Lähmungen. 

An  der  eigentlichen  Erkrankungsstelle  kann  es  weiterhin  zur 
Ausgleichung  der  Veränderungen  kommen;  doch  erfolgt  diese  unter 
allen  Umständen  nur  langsam;  die  Zurückbildung  des  gewucherten 
Bindegewebes,  die  Begeneration  der  zu 'Grunde  gegangenen  Nerven- 
fasern erfordern  Zeit. 

Meist  jedoch  ichreitet  der  Process  weiter  zur  bindegewebigen 
Induration,  zur  Sklerose  und  völligen  Atrophie  und  Zerstörung  der 
Nervenfasern.  Der  Nerv  erscheint  dann  in  einen  derben,  grauen, 
häufig  pigmentirten  Bindegewebsstrang  umgewandelt,  der  mit  seiner 
Umgebung  innig  verwachsen  ist.  Von  einer  Trennung  der  Scheide 
und  des  Nerven  ist  nichts  mehr  wahrzunehmen,  alles  erscheint  in 
eine  gleichmässige  Masse  derben  welligen  Bindegewebes  umgewimdelt, 
in  welcher  keine  Spur  mehr  von  Nervenfasern,  oder  nur  ganz  ver- 
einzelte, in  Degeneration  oder  Regeneration  begriffene  Nervenfasern 
nachzuweisen  sind.  Manchmal  schliesst  sich  an  diesen  Ausgang 
eine  hyperplastische  Vermehrung  des  Bindegewebes  und  selbst  des 
noch  erhaltenen  Nervengewebes  an  (Neuritis  hyperplastica, 
F  e  r  r  6  0 1  -  R  e  u  i  1 1  e  t),  die  gelegentlich  auch  zur  falschen  oder  wahr^ 
Neurombildung  fahren  kann. 

Noch  ist  zu  erwähnen,  dass  von  dem  ursprünglichen  Herde  aus 
nicht  selten  eine  Weiterverbreitung  des  Processes  im  Nerven  nach 
unten  sowohl,  wie  nach  oben  stattfindet  (Neuritis  descendens 
und  ascendens).  Die  wichtigere  Verbreitung  in  centripetaler 
Richtung  geschieht  entweder  in  continuo  und  ganz  gleichmässig,  oder 
es  ist  eia  sprungweises,  absatzweises  Fortschreiten  zu  bemerken :  an 
einzelnen  durch  normale  Zwischenräume  von  einaiuder  getrennten 
Stellen  sieht  man  circumscripte  Hyperämie,  Schwellung,  Bindege- 
webswucherungu.  s.w.  auftreten  (Fror  iep,  Rokitansky,  Tiesler 
u.  A.),  und  es  kann  in    dieser  eigenthümlichen  Weise   auch  eine 


Neuritis.    Pathologische  Anatomie.    Symptome.  549 

schliessliche  MitbetheiliguDg  des  Rückenmarks  eintreten  (Tiesler, 

Feinberg). 

Die  Arbeit  von  Klemm,  welche  sich  hauptsächlich  mit  dieser 
sog.  Neuritis  migrans  beschäftigt,  hat,  wie  uns  scheint,  ziemlich 
unbefriedigende  und  unklare  Resultate  geliefert,  sie  iiat  mehr  Zweifel 
angeregt  als  gehoben.  Die  wenig  kritische  Modification  und  Deutung 
der  Versuche,  die  unklaren  allgemein-pathologischen  Begriffe,  die  be- 
ständige Verwechselung  von  Hyperämie  mit  Entzündung,  das  vollstän- 
dige Ausserachtlassen  der  möglichen  vasomotorischen  Störungen,  sowie 
der  toxischen  Arsenikwirkungen  u.  s.  w.  machen  die  Arbeit  ziemlich 
werthlos  und  es  muss  entschieden  gegen  alle  weiteren,  auf  dieselbe 
gestützten  Schlussfolgerungen  protestirt  werden.  Uebrigens  kommt 
Klemm  offenbar  zu  dem  Resultat,  dass  seine  Neuritis  migrans  sich 
durchaus  nicht  gleichmässig  längs  der  Nervenbahnen  weiterverbreitet, 
sondern  dass  sie  vorwiegend  in  disseminirten  Herden  auftritt; 
ja  dass  sie  sogar  wiederholt  in  ganz  entfernten  Nervenbahnen  auftrat 
unter  Umständen  „wo  von  einer  in  den  bezüglichen  Bahnen  des  Ner- 
vensystems fortschreitenden  Entzündung  gar  nicht  die  Rede  sein  kann*". 
Dass  das  Wort  „Neuritis  sympathica"  für  diese  sprungweise  Ver- 
breitung der  Störung  keine  Erklärung  sein  kann,  liegt  auf  der 
Hand.  Die  ganze  Sache  bedarf  erneuter  umsDc^htiger  und  vielfach 
modificirter  Untersuchung. 

Symptome.  Auch  hier  müssen  wir  eine  acute  und  eine  chro- 
nische Form  der  Neuritis  unterscheiden.*) 

Acute  Neuritis:  Kurze  Zeit  nach  Einwirkung  der  jeweiligen 
Ursache  (Verwundung,  Verjauchung,  Einwucherung  von  Carcinom 
u.  dgl.)  stellt  sich  lebhaftes  Frösteln  oder  ausgesprochener  Schüttel- 
frost ein,  welcher  den  Beginn  eines  lebhaften,  mit  Kopfschmerz 
und  Schlaflosigkeit  einhergehenden  Fiebers  markirt.  Ein  an  Heftig- 
keit rasch  zunehmender  Schmerz,  welcher  von  dem  leidenden 
Nerven  ausgeht,  dessen  Verbreitungsbezirk  und  häufig  auch  das 
ganze  Glied  befällt,  weist  auf  die  Ursache  dieses  Fiebers  hin. 
Dieser  Schmerz  ist  meist  von  enormer  Heftigkeit,  continuirliöh,  tief- 
sitzend, reissend,  bohrend  und  brennend,  häufig  Remissionen  und 
meist  nächtliche  Exacerbationen  zeigend.  Er  wird  durch  jede  Be- 
wegung, durch  Herabhängen  des  Gliedes,  durch  alles  was  die  Circu- 
lation  beschleunigt,  gesteigert.  Er  kann  bei  erregbaren  Personen 
hochgradige  Agitation  des  ganzen  Nervensystems,  leichte  Delirien, 
eine  Art  hysterischen  Zustandes  herbeiflihren  (W.  Mitchell).  Er 
irradiirt  auf  andere  Bahnen  desselben  Plexus,   in  den  schwereren 


1)  Die  folgende  Schilderung  bezieht  sich  auf  die  Neuritis  gemischter  Nerven- 
Bt&mme;  die  Symptome  der  Neuritis  rein  sensibler  oder  rein  motorischer  Nerven 
ergeben  sich  daraus  von  selbst. 


550  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Fällen  auch  auf  entferntere  Nervenbahnen,  z.  B.  von  den  Armnenren 
auf  das  Trigeminusgebiet. 

In  einzelnen  Fällen  hat  man  eine  bandartige  $Othe  der 
Haut  längs  des  befallenen  Neryenstammes  bemerkt  Immer  zeigt 
der  Nerv  eine  hochgradige  Empfindlichkeit  gegen  Druck  und 
gegen  Walzen  zwischen  den  Fingern:  häufig  ist  er  als  deutlich  an- 
geschwollen zu  fühlen.  Die  Haut  über  dem  Nerven  und  im 
ganzen  Verbreitungsbezirk  desselben  zeigt  hochgradigste  Hyper- 
ästhesie, während  zugleich  subjectives  Taubheitsgefühl  und 
Formication  besteht;  erst  im  weitem  Verlauf  lässt  sich  gewöhnlich 
Anästhesie  nachweisen,  wenn  das  rasch  auftretende  Exsudat  die 
Nervenfasern  zu  comprimiren  beginnt.  Damit  kommen  dann  auch 
deutliche  Zeichen  motorischer  Schwäche;  während  anfangs  die 
grosse  Schmerzhaftigkeit  jede  Bewegung  verbietet,  treten  jetzt  deut- 
liche paretische  Erscheinungen  ein,  die  sich  zur  förmlichen  Paralyse 
steigern  können.  Die  Hauttemperatur  ist  in  dem  Verbreitungsbezirk 
des  befallenen  Nerven  erhöht  gefunden  worden;  Auftreten  von  Oedem 
und  proftiser  Schweissbildung  in  dem  gleichen  Bezirk  wird  er^i^hnt; 
auch  das  Auftreten  von  Herpes  zoster  scheint  zu  diesem  Krankheits- 
bild  zu  gehören;  wenigstens  hat  man  bei  Nekropsien  von  Zoster 
gewöhnlich  die  mehr  acuten  Formen  der  Neuritis  geftmden;  doch 
ist  allerdings  die  genauere  Beziehung  der  Neuritis  zum  Zoster  noch 
nicht  hinlänglich  geklärt. 

Dieses  Krankheitsbild  bleibt  nicht  lange  bestehen ;  wird  es  nicht, 
worauf  wir  hier  nicht  näher  einzugehen  haben,  durch  Tetanus  com- 
plicirt,  so  kann  in  ziemlich  kurzer  Zeit  unter  Nachlass  aller  Sym- 
ptome der  Uebergang  in  Genesung  erfolgen,  häufiger  aber  ist  dn 
allmäliger  Uebergang  in  die  subacute  und  chronische  Form. 

Chronische  Neuritis.  Man  hat  ihr  so  viele  und  verschie- 
dene Symptome  zugeschrieben,  dass  es  schwierig  ist,  die  wesent- 
lichen und  der  Neuritis  als  solcher  angehörigen  Erscheinungen  von 
den  unwesentlichen,  secundären  und  mehr  zufälligen  zu  trennen. 

Nach  vorausgegangenen  acuten  Erscheinungen  oder  auch  ganz 
spontan  stellen  sich  die  Symptome  der  chronischen  Neuritis  ein; 
oft  in  ganz  schleichender  Weise,  Wochen  und  Monate  lang  leise 
auftretend  und  wieder  verschwindend,  ganz  allmälig  steigend  od^ 
wohl  auch  plötzlich  zu  grösserer  Intensität  anschwellend. 

Das  constanteste  und  früheste  Symptom  pflegt  der  Schmerz 
zu  sein;  derselbe  wird  als  ein  mehr  oder  weniger  continuirlicher  ge- 
schildert und  zeigt  in  den  einzelnen  Fällen  grosse  Verschiedenhdten 
in  Charakter  und  Intensität:  manchmal  nur  dumpf  und   drückend 


Neuritis.    Symptome.    Acute  und  chronische  Form.  551 

(wie  ihn  Bean  in  den  obeni  Intercostalräomen  der  Phthisiker  be- 
schreibt), ist  er  in  andern  Fällen  von  bedeatender  Heftigkeit;  von 
lancinirenden ,  reissenden  Exacerbationen  anterbrochen ,  vorwiegend 
nach  der  Peripherie,  manchmal  auch  —  wie  dies  Bär winkel  nach- 
gewiesen hat  and  ich  (s.  den  1.  Fall  bei  Fischer)  bestätigen  kann 
—  centripetal  bis  zu  verschiedener  Höhe  ausstrahlend.  Nicht  selten 
erscheint  er  in  aasgesprochen  neuralgischen  Anfällen;  fast  immer 
fallen  die  Exacerbationen  auf  die  Nacht  and  stören  den  Schlaf;  er 
wird  dorch  jede  Anstrengung  und  Bewegung,  darch  jede  Aufregung 
der  Herzthätigkeit  gesteigert 

Dabei  ist  besonders  zu  beachten,  dass  der  Schmerz  ein  fast  con- 
tinuirlicher  ist,  dass  keine  ganz  schmerzfreien  Intervalle  auftreten; 
wenigstens  bestehen,  worauf  Nothnagel  aufmerksam  gemacht  hat, 
an  der  entzündeten  Stelle  selbst  continuirliche  Schmerzen,  während  die 
in  den  Paroxysmen  auftretenden  Schmerzen  sich  über  das  ganze  Ner- 
vengebiet ausbreiten  können. 

Fast  gleichzeitig  mit  dem  Schmerz  und  in  besonders  schleichen- 
den Fällen  selbst  noch  vor  demselben  treten  verschiedene  Parä- 
sthesien  auf;  die  Kranken  klagen  über  Taubsein,  Eriebeln,  Formi- 
cation.  über  eine  unangenehme  prickelnde  Empfindung,  wenn  sie  die 
betreffenden  Hautstellen  berühren  oder  stossen. 

Je  nach  der  Intensität  des  Falles  treten  dann  —  doch  ist  dies 
durchaus  nicht  regelmässig  der  Fall  —  mehr  oder  weniger  heftige 
motorische  Beizerscheinungen  auf:  unangenehme  Spannung 
in  den  Muskeln,  Tremor,  einzelne  Zuckungen,  seltener  heftige  tonische 
Krämpfe  und  länger  anhaltende  Contracturen;  bald  schliesst  sich 
daran  deutliche  Schwäche  der  Muskeln,  und  es  treten  auf  allen  Ge- 
bieten Lähmungserscheinungen  ein.  Man  darf  wohl  annehmen, 
dass  die  bisher  erwähnten  Beizerscheinungen  dem  Stadium  der  Hyper- 
ämie, der  beginnenden  Exsudation  und  Emigration  angehören,  wäh- 
rend die  nun  folgenden  Depressionserscheinungen  durch  die  zuneh- 
mende Proliferation  des  interstitiellen  Qewebes,  durch  die  Compression 
und  fortschreitende  Degeneration  der  Nervenfasern  bedingt  sind. 

In  diesem  Stadium  tritt  Anästhesie  verschiedenen  Grades 
auf,  von  leichter  Abstumpfung  bis  zum  völligen  Erlöschen  der  ver- 
schiedenen Empfindungsqualitäten;  doch  kann  an  den  Extremitäten- 
nerven die  Anästhesie  fehlen  oder  nur  sehr  wenig  ausgesprochen 
sein,  wegen  der  schon  mehrfach  erwähnten  vicariirenden,  wohl  durch 
Anastomosen  bedingten,  Function  derselben;  dazu  kommt  motorische 
Parese,  die  nicht  selten  sich  zu  völliger  Paralyse  ausbildet. 
Es  ist  auifallend,  wie  lange  oft  bei  der  Neuritis  die  motorischen 


552  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

Bahnen  frei  bleiben,  nachdem  die  sensiblen  schon  lange  afficirt  sind ; 
während  man  allerdings  hie  und  da  auch  das ,  Umgekehrte  bemerkt 
—  frühzeitige  und  vorwiegende  Lähmmig  der  motorischen  Bahnen 
(so  z.  B.  in  dem  Falle  von  Bernhardt). 

Sehr  gewöhnlich  sind,  besonders  in  dem  Reiznngsstadiom  and 
bei  mehr  subacntem  Verlauf  verschiedene  Irradiations-  und 
Beflexerscheinungen.  Die  Schmerzen  verbreiten  sich  nach 
oben  auf  die  verschiedenen  Aeste  des  gleichen  Plexus  (auch  dann 
wenn  die  Neuritis  selbst  nicht  nach  oben  weiter  kriecht),  nicht  selten 
sogar  auf  entfernte  Nervengebiete.  Reflexe  treten  zunächst  auf  ni 
den  Muskeln  mit  normalen  Beflexbeziehungen ,  später  auch  noch  in 
andern  entfernteren  Muskelgebieten;  manchmal  ist  der  Beflexkrampf 
sehr  heftig,  so  dass  z.  B.  die  Fingernägel  sich  in  die  Haut  eingraben 
bei  Krampf  der  Flexoren  (Stromeyer);  M.  Meyer  sah  eine  Art 
von  Schreibekrampf  in  Folge  einer  Neuritis  des  N.  radialis;  in 
selteneren  Fällen  kommt  es  zu  allgemeinen  Convulsionen,  zu  hyste- 
rischen Krampfanfällen,  zu  ausgesprochenem  Tetanus. 

Objectiv  ist  an  dem  befallenen  Nerven  —  wenn  derselbe  der 
Palpation  zugänglich  ist  —  häufig  Schwellung  zu  constatiren, 
entweder  diffus  über  längere  Strecken  des  Nerven  verbreitet,  oder 
spindelförmig,  oder  rosenkranzförmig.  Immer  ist  der  Nerv  auf 
Druck  sehr  empfindlich  und  zwar  beständig,  nicht  nur  tempo- 
rär, wie  es  die  Val  1  ei x' sehen  Schmerzpunkte  bei  Neuralgien  so 
häufig  sind.  Druck  auf  die  Anschwellung  ruft  nicht  selten  auch 
excentrische  Empfindung  (Schmerz,  Formication)  hervor;  in  seltenen 
Fällen  findet  auch  eine  centripetale  Irradiation  dieses  Druckschmerzes 
statt  und  wird  von  Bärwinkel,  als  von  den  Nervi  nervorum  aus- 
gehend, flir  besonders  charakteristisch  fllr  Neuritis  erklärt  —  Im 
Beginn  lässt  sich  auch  manchmal  Hyperästhesie  des  betreffenden 
Hautbezirks  constatiren. 

Das  elektrische  Verhalten  der  neuritisch  afficirten  Nerven 
ist  noch  nicht  hinreichend  genau  erforscht.  Im  Beizungsstadium  und 
in  leichteren  Fällen  scheint  häufig  eine  gesteigerte  faradische  sowohl 
wie  galvanische  Erregbarkeit  zu  bestehen;  ich  habe  das  in  einem 
Falle  von  Neuritis  mediani  in  ausgesprochener  Weise  beobachtet 
(1.  Fall  bei  Fischer).  Ist  einmal  ausgesprochene  Lähmung  vor- 
handen (und  in  solchen  Fällen  wird  gewöhnlich  nur  die  elektrische 
Untersuchung  gemacht),  so  kann  die  elektrische  Erregbarkeit  normal 
bleiben,  ähnlich  wie  bei  vielen  leichten  Compressionslähmungen; 
besteht  aber  Degeneration  der  Nerven,  dann  wird  wohl  immer  Ent- 
artungsreaction  vorhanden  sein,  wie  Bernhardt  und  Eisenlohr 


Neuritis.    Symptome.    Dauer,  Verlauf,  Ausgänge.  553 

beobachteten,  und  ich  in  mehreren  Fällen  ebenfalls  gesehen  habe; 
in  einem  Falle  von  Neuritis  des  Plexus  brachialis  fand  ich  die  früher 
erwähnte  „Mittelform"  der  Entartungsreaction  (s.  o.  S.  409);  ebenso 
Eisenlohr  in  einem  Theil  des  befallenen  Nervengebiets. 

Vielfach  kommen  nun  noch  weiterhin  Erscheinungen  vor,  die 
in  einem  mehr  oder  weniger  engen  Zusammenhang  mit  der  Neuritis 
zu  stehen  scheinen,  für  welche  jedoch  noch  nicht  durchweg  ein 
sicherer  Nachweis  dieses  Abhängigkeitsverhältnisses  geliefert  ist. 
Zunächst  gehören  hieher  die  von  der  Compression  der  Nerven  und 
der  daraus  folgenden  Degeneration  derselben  und  von  der  consecu- 
tiven  Entartung  der  Muskeln  abhängenden  Erscheinungen:  hoch- 
gradige Atrophie  der  Muskeln  mit  Entartungsreaction  u.  s.  w. 
Ueber  die  Frage,  ob  diese  Erscheinungen  Folge  der  Neuritis  an 
sich  oder  nur  Folge  der  absoluten  Leitungsunterbrechung  in  fden 
Nerven  sind,  ist,  wie  oben  schon  erwähnt,  eine  ganz  zweifellose  Ent- 
scheidung noch  nicht  möglich. 

Dasselbe  gilt  für  die  trophischen  Störungen  an  der  Haut 
und  an  den  Nägeln,  die  Schwellung  und  Steifheit  der  Gelenke,  die 
man  nicht  selten  im  Gefolge  der  Neuritis  beobachtet.  Bemak  be- 
sonders hat  auf  die  Abhängigkeit  vieler  solcher  Gelenkerkrankungen 
von  neuritischen  Zuständen  hingewiesen,  und  Benedict  hat  diese 
Angaben  bestätigt.  Ebenso  hat  Remak  gewisse  Formen  der  pro- 
gressiven Muskelatrophie,  welche  in  der  Daumenmusculatur  ihren 
Anfang  nehmen,  auf  eine  Neuritis  des  Plexus  brachialis  zurflckzu- 
flihren  und  auch  bereits  das  spätere  Ergriffenwerden  des  andern 
Armes  durch  ein  Ueberwandem  des  Processes  durch  das  Rückenmark 
zu  erklären  gesucht.  —  Ueber  die  Abhängigkeit  des  Zoster  von 
neuritischen  Processen  kann  nach  allen  vorliegenden  Thatsachen 
kein  Zweifel  sein;  wohl  aber  ist  die  Frage  noch  nicht  entschieden, 
ob  der  Zoster  hauptsächlich  durch  eine  Reizung  trophischer  Nerven- 
centren  entstehe  (Bärensprung,  Wyss  u.  A.),  oder  ob  er  durch 
Uebergreifen  einer  descendirenden  Neuritis  auf  das  Hautgewebe 
(Friedreich)  hervorgerufen  werde.  —  In  dem  von  Virchow  mit- 
getheilten  Falle  trat,  offenbar  durch  den  Reiz  des  entzündeten  Nerven 
hervorgerufen,  Epilepsie  auf,  die  nach  Ausschneidung  des  erkrankten 
Nervenstücks  wieder  verschwand.  Dasselbe  hat  man  früher  schon 
wiederholt  beobachtet.  Die  Geschichte  des  traumatischen  Trismus 
und  Tetanus  weist  ebenfalls  bekanntlich  häufig  neuritische  Erkrankung 
als  Ausgangspunkt  des  Leidens  nach. 

Dauer,  Verlauf  und  Ausgänge.  Die  acute  Neuritis  ist 
eine  Krankheit  von  wenigen  Tagen  oder  Wochen;  sie  geht  entweder 


554  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

direct  und  continnirlich  in  Besserung  oder  Heilung  über,  oder  ne 
nimmt  häufiger  ihren  Ausgang  in  die  chronische  Form  und  macht 
dann  denselben  Verlauf  wie  diese  durch. 

Die  chronische  Neuritis  ist  eine  Krankheit  von  ganz  unberechen- 
barer, immer  aber  verhältnissmässig  langer  Dauer.  Viele  Wochen 
und  Monate  pflegen  fast  immer  zu  vergehen,  ehe  auch  von  den 
leichteren  Formen  völlige  Heilung  erzielt  ist  (vgl.  z.  B.  den  Fall  bei 
Waller,  von  durch  Gefrierenlassen  des  N.  ulnaris  erzeugter  Neu- 
ritis). Am  einfachsten  sind  noch  die  traumatischen  Formen,  beson- 
ders wenn  es  sich  um  einfache  Schnitt-  oder  Stichwunden  handelt 
Hier  tritt  alsbald  Wiedervereinigung  der  Nerven  ein,  die  Störungen 
der  Sensibilität  schwmden  zuerst,  dann  stellt  sich  die  Motilität  wie- 
der ein,  und  schliesslich  schwinden  auch  die  Atrophie  und  etwaige 
secundäre  Ernährungsstörungen  allmälig,  und  es  kajm  so  eine  völlige 
Restitutio  ad  integrum  stattfinden.  Freilich  kann  dieses  gltickliche 
Resultat  in  den  einzelnen  Fällen  eine  sehr  verschiedene  Zeit  in  An- 
spruch nehmen,  und  es  hängt  die  grössere  oder  geringere  Unvoll- 
ständigkeit  desselben  hauptsächlich  von  der  zufälligen  Gestaltung 
der  Verletzung  ab.  Weniger  gttnstig  gestalten  sich  häufig  die  spon- 
tan, oder  durch  rheumatische  Einflüsse,  oder  nach  acuten  Ki^ankheiten 
entstandenen  Neuritiden.  Sie  können  Monate  und  Jahre  lang  be- 
stehen und  schwinden  in  manchen  Fällen  niemals  völlig,  indem  durch 
jede  geringe  Veranlassung,  Bewegung,  Anstrengung,  Erkältung  oder 
dgl.  der  Process  aufs  Neue  wieder  exacerbirt.  Lange  bestehende 
Neuralgien  und  Anästhesien,  überbleibende  Schwächezustände  und 
selbst  völlige  motorische  Paralysen  nebst  Atrophien  sind  dann  nicht 
selten  die  Ueberbleibsel  einer  solchen  Neuritis.  Doch  ist  auch  hier 
in  anscheinend  verzweifelten  Zuständen  in  später  Zeit  manchmal 
noch  Besserung  und  Heilung  möglich.  —  Ist  die  Neuritis  fortgeleitet 
von  der  Erkrankung  (Entzündung,  Eiterung,  Neubildung  u.  s.  w.)  be- 
nachbarter Organe ,  so  wird  der  Verlauf  wesentlich  durch  diese  zu 
Grunde  liegenden  Processe  bestimmt.  Können  dieselben  rasch  und 
vollständig  beseitigt  werden,  so  ist  auch  eine  allmälige  Ausgleichung 
der  Neuritis  zu  erwarten,  sind  aber  diese  Processe  unheilbar,  führen 
sie  zu  völliger  Erweichung  und  Zerstörung  des  Nerven,  oder  ist  in 
diesem  einmal  völlige  Sklerose  eingetreten,  so  ist  eine  Wiederher- 
stellung unmöglich. 

Es  ist  klar,  dass  die  Erscheinungen  und  der  Verlauf  der  Neuritis 
wechseln  werden,  je  nachdem  ausschliesslich  sensible,  oder  ans* 
schliesslich  motorische,  oder  gemischte  Nervenstämme  befeülen  sind. 
Man  wird  sich  die  Erscheinungen  in  diesen  Einzelfällen  leicht  aus 


j 


Neuritis.    Propagation  derselben.  555 

der  gegebenen  Gesammtschildernng  abstrahiren  können.  Ebenso  wird 
es  leicht  sein,  aas  der  früher  gegebenen  Beschreibung  der  Nenr- 
algien,  Ki^mpfe  und  Lähmungen  der  einzelnen  Nerven  des  Körpers 
sich  die  Symptome  der  Neuritis  jedes  einzelnen  Nervenstammes  zu 
oonstruiren. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  ftlr  den  Verlauf  der  Neuritis  aber 
und  für  die  ganze  weitere  Gestaltung  vieler  einzelner  E^rankheits- 
fäUe  i3t  die  von  den  verschiedensten  Seiten  hervorgehobene  Nei- 
gung der  Neuritis,  sich  —  vorwiegend  in  centripetaler 
Richtung  —  längs  des  befallenenNervenstammes  weiter 
zu  verbreiten,  auf  höher  gelegene  Nervenstämme  und  selbst  auf 
das  RttdLenmark  tiberzugreifen.  Schon  frühere  Beobachter,  Roki- 
tansky, Froriep  u.  A.  hatten  eine  solche  centripetale  Propagation 
der  Neuritis  angenommen;  Remak  schreibt  der  Neuritis  eine  ganz 
besondere  Neigung  zum  Wandern  —  in  ascendirender  und  descen- 
dirender  Richtung  —  zu  und  führt  eine  Reihe  von  Krankheitsformen 
darauf  zurück.  Auch  Weir  Mitchell  vindicirt  der  Neuritis  eine 
grosse  Neigung  zur  centripetalen  Weiterverbreitung;  Leyden*)  ist 
geneigt,  die  nach  Affectionen  der  Harn-  und  anderen  Beckenorgane 
auftretende  Myelitis  auf  eine  bis  zum  Rückenmark  fortschreitende 
Neuritis  ascendens  lumbo-sacralis  zurückzufahren,  und  auch  Remak 
fuhrt  die  dabei  vorhandene  Pari^legie  auf  eine  Neuritis  lumbo-sa- 
cralis zurück;  Dum^nil  hat  im  Gefolge  einer  primären  ascendi- 
renden  chronischen  Neuritis  eine  weitverbreitete  chronische  Myelitis 
eintreten  sehen;  Ferr^ol-Reuillet')  beschreibt  ebenfalls  einen 
merkwürdigen  Fall,  wo  eine  von  Humerusfractur  ausgehende  Neuritis 
hyperplastica  sich  auf  das  Rückenmark  und  selbst  über  dieses  hinaus 
propagirte;  die  ausgedehnteste  Berücksichtigung  hat  endlich  diese 
ascendirende  Neuritis  bei  Friedreich^)  gefunden,  der  sie  das  Mittel- 
glied zwischen  der  primären  Myositis  und  der  (secundären)  Rücken- 
marksaffection  bei  der  progressiven  Muskelatrophie  sein  lässt  und 
ausserdem  noch  zahlreiche  andere  Krankheitsvorgänge  auf  ascen- 
dirende oder  descendirende  Neuritis  zurückfahrt. 

Es  liegen  aber  ausserdem  Thatsachen  vor  —  und  wir  haben  sie 
bereits  oben  S.  372  zusammengestellt  —  welche  zu  beweisen  sch.einen, 
dass  von  peripheren  neuritischen  Herden  aus  sich  ohne  Vermittelung 
einer  ascendirenden  Neuritis  im  Rückenmark  entzündliche  Erkran- 
kungen entwickeln  können;  wir  erinnern  an  die  Beobachtungen  von 

1)  Volkmann'B  Sammlung  klin.  Vortr.  No.  2.  1870. 

2)  Virchow-Hirsch,  Jahresbericht  pro  1869.  Bd.  II.  S.  349. 

3)  Ueber  progress.  Muskelatrophie  u.  s.  w.    Berlin  1873. 


556  Erb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Leyden,  an  das  Experiment  von  Tiesler,  an  die  Ei^ebnisse  der 
Untersachongen  von  Feinberg ^)  und  besonders  von  Klemm,  dessen 
Experimente  gerade  ftir  die  sprungweise  Verbreitung  nenritischer 
Beiznngserscheinungen  eine  Reihe  von  Beispielen  geliefert  haben; 
über  den  Mechanismus  dieser  von  der  Peripherie  auf  das  Gentraloi^an 
übertragenen  Entzündungszustände  wissen  wir  freilich  noch  nichts 
Näheres. 

Jedenfalls  geht  aber  aus  den  hier  kurz  berührten  Thatsachen, 
die  einer  ganz  besonderen  Beachtung  werth  sind,  so  yiel  mit  Sicher- 
heit hervor,  dass  die  Neuritis  in  manchen  Fällen  sich  in  unerwarteter 
Weise  mit  schweren  Centralaffectionen  compliciren  kann,  und  dass 
sie  vielleicht  das  erklärende  Moment  für  den  Zusammenhang  vieler 
bis  jetzt  dunkler  Erankheits Vorgänge  bietet  Nothnagel  hat  die 
bisher  darüber  bekannten  Daten  in  übersichtlicher  Weise  zusammen- 
gestellt und  auf  den  möglichen  Zusammenhang  von  Neuritis  mit 
chronisch  entzündlichen  Spinalaffectionen ,  mit  spinaler  Erweichung, 
mit  Tetanus,  Epilepsie,  Chorea  u.  s.  w.  hingewiesen.  Er  betont  aber 
ausdrücklich,  dass  es  sich  hierbei  nur  um  Möglichkeit,  aber  keines- 
wegs um  Gewissheit  handle.  Weitere  Beobachtungen  werden  diese 
Verhältnisse  aufzuklären  haben. 

Die  Diagnose  der  Neuritis  wird  meist  keine  erheblichen  Schwie- 
rigkeiten machen :  wo  Schmerz  und  Parästhesien  im  Verbreitungsbe- 
zirk eines  bestimmten  Nerven,  wo  motorische  und  sensible  Beizungs- 
und nachfolgende  Lähmangserscheinungen  sich  einstellen,  wo  sich 
endlich  eine  schmerzhafte  Anschwellung  des  Nerven  nachweisen  lässt, 
wird  man  über  die  Diagnose  nicht  lange  im  Zweifel  sein.  Beson- 
ders die  acute  Neuritis  kann  nicht  leicht  verkannt  werden,  zumal 
wenn  sie  sich,  wie  gewöhnlich,  an  eine  Verletzung  des  Nerven  oder 
in  der  Nähe  des  Nerven  anschliesst.  Dagegen  kann  die  Erkennung 
der  chronischen  Neuritis,  besonders  der  schleichenden  Formen  der- 
selben, manchmal  sehr  schwer  sein.  Am  leichtesten  kann  dieselbe 
mit  Neuralgie  verwechselt  werden ;  so  lange  es  möglich  ist ,  alle 
Neuralgien  als  auf  Neuritis  beruhend  aufzufassen,  so  lange  eine 
scharfe  BegriflFsbestiramung  der  „Neuralgie"  nicht  thunlich  ist,  wird 
auch  .  diese  Unterscheidung  immer  mehr  oder  weniger  Willkürliches 
haben.  Man  nimmt  gewöhnlich  an,  dass  da,  wo  4er  Schmerz  mehr 
continuirlich  ist,  wo  die  schari  umschriebenen  Val  1  eix  'sehen  Schmerz- 
punkte fehlen,  wo  alsbald  sich  Zeichen  sensibler  und  motorischer 
Parese  und  Paralyse  hinzugesellen,  wo  Zoster  und  ausgesprochene 


1)  Berl.  klin.  Wochenschr.  1871. 


Neuritis.    Diagnose.    Prognose.    Therapie.  557 

andere  trophische  Störungen  vorhanden  sind,  die  Annahme  einer 
Neuritis  gerechtfertigt  ist;  doch  habe  ich  Fälle  gesehen,  wo  bei  aus 
gesprochener  chronischer  Neuritis  der  Schmerz  einen  deutlich  inter- 
mittirenden  Charakter  zeigte  (bei  Ischias). 

Von  Muskelrheumatismen  wird  man  die  Neuritis  leicht 
unterscheiden  durch  Sjtz  und  Verbreitung  des  Schmerzes,  Schmerz- 
haftigkeit  bei  ganz  bestimmten  Bewegungen,  bei  Druck  auf  gewisse 
Muskeln  ir.  s.  w.  Doch  wird  bei  Neuritis  in  gewissen  Muskelästen 
(für  den  CucuUaris,  Serratus  major,  Deltoideus  u.  s.  w.)  die  Unter- 
scheidung manchmal  Schwierigkeiten  haben. 

Thrombose  und  Embolie  der  grossen  Gefässe  der  Extre- 
mitäten, die  manchmal  ähnliche  Erscheinungen  wie  die  Neuritis 
machen  (z.  B.  bei  der  Phlegmasia  alba  dolens),  wird  man  leicht  an 
den  dazu  gehörenden  Veränderungen  der  Circulation,  an  Oedem, 
Nekrose  u.  dgl.  erkennen. 

Die  Unterscheidung  von  centralen  Erkrankungen  (excentr. 
Neuralgien,  Anästhesien,  Lähmungen  u.  s.  w.)  wird  nach  den  bei  den 
betreffenden  Zuständen  gegebenen  Anhaltspunkten  zu  ermöglichen  sein. 

Die  Prognose  der  Neuritis  ist  immer  eine  etwas  zweifelhafte, 
theils  wegen  der  notorisch  langen  Dauer  des  Processes,  theils  wegen 
der  secundären  Lähmungserscheinungen  und  Ernährungsstörungen, 
theils  wegen  der  möglichen  Uebertragung  der  Erankheitsvorgänge 
auf  das  Gentralnervensystem  (als  Epilepsie,  Tetanus,  Myelitis  u.  s.  w.). 
Die  acute  traumatische  Form  ist  relativ  gtlnstig  zu  beurtheilen,  ebenso 
die  umschriebenen  subacuten  und  chronischen  Neuritiden,  welche  sich 
an  jedes  den  Nerven  treffende  Trauma  anschliessen.  Die  spontan 
oder  auf  rheumatische  Einwirkungen  entstandenen  Formen  sind  oft 
äusserst  hartnäckig  und  langwierig;  nur  die  leichtesten  Fälle  sind 
entschieden  gttnstig;  doch  habe  ich  auch  schwere  Fälle  mit  völliger 
Xiähmung,  ausgesprochener  Entartungsreaction  und  Atrophie  wieder 
heilen  sehen.  In  jedem  einzelneu  Falle  wird  sich  übrigens  die  Pro- 
gnose nach  der  Ursache,  der  Ausbreitung  des  Leidens  und  besonders 
nach  individuellen  Verhältnissen  richten.  Man  behalte  besonders 
immer  die  Möglichkeit  des  Wandems  der  Neuritis  im  Äuget 

Therapie.  Zunächst  halte  man  sich  an  die  Erflillung  der 
Causalindication ;  hier  fällt  der  wichtigste  Theil  der  Behandlung  der 
Chirurgie  zu:  Entfernung  von  Fremdkörpern,  Keinigung  und  gute 
Wiedervereinigung  der  Wunden,  Desinfection  derselben,  Hintanhaltung 
der  entzündlichen  Reactionserscheinungen,  Reposition  von  Luxationen 
und  Fracturen,  Entleerung  von  Abscessen,  Beseitigung  cariöser  Kno- 
chen u.  s.  w.  sind  hier  die  Hauptau%aben.    Ebenso  ist  die  Behand- 


558  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

Inng  von  Oelenkrhenmatismen ,  Sehnenentzttndangen ,  von  Syphilis 
und  anderen  Ej*ankheiten,  die  wir  unter  den  ursächlichen  Momenten 
angefUhrt  haben,  nicht  zu  vernachlässigen.  Ist  eine  frische  rheuma- 
tische Erkrankung  anzunehmen,  so  kann  man  durch  energische  Dia- 
phorese,  Ableitung  auf  die  Haut,  Jodkalium  manchmal  etwas  er- 
reichen. 

Hat  sich  einmal  eine  acute  Neuritis  entwickelt,  dann  ist 
energische  Antiphlogose  am  Platz :  tüchtige  Eisapplication,  reichliche 
örtliche  Blutentziehungen,  Ableitungen  auf  den  Darm,  gute  Lagerung 
des  Theiles  und  absolute  Ruhe  desselben  thun  hier  die  Hauptsache. 
Zur  Erleichterung  der  Kranken  dienen  subcutane  Iiyectionen  yon  Mor- 
phium und  Atropin.  Vielleicht  sind  auch  grosse  Dosen  Chinin  nützlich. 

Bei  der  subacuten  und  chronischen  Form  wird  sich  der 
Grad  der  Antiphlogose  nach  der  Heftigkeit  der  Erscheinungen  zu 
richten  haben:  man  wende  die  Kälte  an  in  Form  länglicher,  den 
ganzen  Nerven  bedeckender  Eisbeutel ;  oder  Priessnitz'sche  Einwicke- 
lungen  mit  nachfolgenden  kühlen  Halbbädem;  örtliche  Blntentzieh- 
ungen  wird  man  selten  nöthig  haben;  dagegen  sind  Ableitungs- 
mittel und  Oegenreize  häufig  von  guter  Wirkung:  Einwirkung  des 
faradischen  Pinsels  in  möglichster  Ausdehnung,  Jodbepinselung, 
wiederholte  Application  von  Yesicantien,  jedoch  nicht  unmittelbar 
über  dem  erkrankten  Nerven !  Ableitungen  auf  Darm  und  Haut  durch 
Drastica  und  Diaphoretica  sind  in  vielen  Fällen  angezeigt 

Das  souveräne  Mittel  für  alle  mehr  chronischen  Formen  ist  der 
galvanische  Strom.  Remak  hat  denselben  gegen  Neuritis 
warm  empfohlen  und  vielfach  mit  glänzendem  Erfolge  angewendet 
Leyden,  M.Meyer,  Althaus  u.  A.  haben  diese  günstige  Wirkung 
bestätigt,  und  ich  selbst  habe  ebenfalls  sehr  befriedigende  Resultate 
damit  gehabt.  Die  Anwendung  besteht  am  besten  in  stabiler  Ein- 
wirkung der  Anode  auf  die  erkrankte  Stelle,  täglich  oder  seitenei^ 
mehrere  Minuten  lang;  die  Erleichterung  pflegt  sehr  rasch  einzu- 
treten und  sehr  erheblich  za  sein.  Andere  Applicationsweisen  können 
im  einzelnen  Fall  durch  specielle  Indicationen  gefordert  werden. 

Bei  irgend  erheblichen  Erscheinungen  ist  absolute  Ruhe  des  er- 
krankten Theiles  erforderlich,  die  nöthigenfalls  durch  geeignete  Lage- 
rungsschienen erzwungen  werden  muss.  Aber  auch  in  allen  anderen 
Fällen  trägt  möglichste  Ruhe  und  Schonung  des  Theiles  sehr  wesent- 
lich zur  Heilung  bei ;  man  verbiete  deshalb  den  Kranken  jede  Bewe- 
g^T^S}  j^d^  anstrengende  Arbeit,  besonders  das  Hantiren  im  kalten 
Wasser.  Eine  Vernachlässigung  dieser  Vorschriften  ist  häufig  die 
Quelle  langwierigster  Verschleppung  und  Recidivirens  der  Krankheit 


Atrophie  der  Nerven.    Pathologische  Anatomie.  559 

In  sehr  hartnäckigen  und  veralteten  Fällen  mag  man  seine  Zu- 
flucht  zu  sehr  energischen  Gegenreizen  (Moxen,  Ferrum  candens);  zu 
den  heissen  Thermen  (Wildbad,  Gastein,  Teplitz,  Wiesbaden),  zu 
den  Moorbädern  und  starken  Soolbädem  und  zu  energischen  Ealt- 
wassercuren  nehmen. 

Besondere  Berücksichtigung  erfordert  endlich  die  symptomatische 
Behandlung;  Elektricität  und  Narcotica  spielen  bei  ihr  die  Haupt- 
rolle ;  doch  können  wir  in  dieser  Beziehung  auf  das  bei  der  Neur- 
algie, Anästhesie,  bei  Krampf  und  Lähmung  Gesagte  verweisen.  — 
Fttr  die  Behandlung  der  secundären  centralen  Erscheinungen  (Epi- 
lepsie, Tetanus,  Myelitis)  verweisen  wir  auf  die  betreffenden  Ab- 
schnitte dieses  Werkes. 


3.    Atrophie  der  Nerven. 

Rokitansky,  1.  c.  II.  S.493.  —  Förster.  1.  c.  Bd.  H.  S.641.  —  Hasse, 
1.  c.  2.  Aufl.  S.  750.  —  M.  Rosenthal,  1.  c.  S.  453.  —  Jaccoud,  Atrophie 
nenreuse  progressive.  Le^.  de  Clin.  med.  Paris  1867.  p.  372.  —  Yalpian,  In- 
fluence  de  Tabolit  des  fonct.  des  nerfs  sur  la  r^gion  de  la  mobile  etc.  Arch.  d. 
Physiol.  norm,  et  path.  1868.  No.  3.  p.  443;  18b9.  No.  6.  n.  678.  u.  690.  — 
Dickinson,  On  the  changes  in  the  nervous  syst,  which  foU.  Uie  amputat.  of 
limbs.  Joum.  of  Anat.  and  rhys.  No.  UI.  Nov.  1868.  —  Th.  Leber,  Beitr.  zur 
Eenntniss  d.  atroph.  Veränderung  des  Sehnerven  etc.  Arch.  f.  Ophthalm.  XTV.  2. 
S.  164.  —  A.  Eulenburg,  Ueber  vasomotorische  u  trophische  Neurosen.  BerL 
klin.  Woch.  1873.  No.  2. 

Es  erhellt  aus  frtiheren  Abschnitten  dieses  Buches  zur  Genüge, 
dass  die  Atrophie  der  peripheren  Nerven  durchaim  keine  seltene 
Erscheinung  ist;  freilich  haben  wir  dieselbe  fast  immer  nur  als  eine 
secundäre,  als  eine  Folgeerscheinung  anderer  Affectionen  (Nerven- 
yerletzungen,  Gompression,  Entzündung  u.  s.  w.)  kennen  gelernt.  Eine 
selbständige  primäre  Atrophie  der  peripheren  Nerven  kommt  jeden- 
falls nur  äusserst  selten  vor,  und  über  ihre  klinischen  Erscheinungen 
wissen  wir  nichts  Sicheres.  Die  praktische  Bedeutung  dieser  Aflfec- 
tion  ist  also  zur  Zeit  noch  eine  sehr  geringe. 

Die  pathologische  Anatomie  hilft  uns  über  diese  Schwie- 
rigkeit nicht  hinweg,  da  dieselbe  bis  jetzt  kein  sicheres  Kriterium 
au&ufinden  im  Stande  war,  an  welchem  man  eine  primäre  Atrophie 
Yon  einer  secundären  (etwa  durch  Entzündung  oder  Compression, 
oder  durch  Centralleiden  entstandenen)  unterscheiden  könnte.  Doch 
nimmt  man  von  mehreren  Seiten  an,  dass  da,  wo  man  einfachen 
Schwund  der  Nervenfasern  ohne  fettige  Degeneration  des  Markes, 
massige  Bindegewebszunahme  mit  Einlagerung  von  Corpuscula  amy- 
lacea,  wo  man  eine  graue  durchscheinende  Beschaffenheit  des  schmä- 


560  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

1er  gewordenen  Nerven  finde —  dass  da  eine  primäre  Atrophie 
anzunehmen  sei. 

Von  dieser  Form  der  Atrophie  j  die  z.  B.  am  Sehnerven  nieht 
selten  vorzukommen  scheint  (Leber),  ist  wohl  zu  trennen  die 
senile  Atrophie,  jenes  einfache  Abmagern  und  Schmälerwerden  der 
Nerven,  die  trockener,  wasserärmer,  rigider  werden,  aber  sonst  in 
ihrer  histologischen  Beschaffenheit  unverändert  bleiben;  es  handelt 
sich  hier  wohl  um  nichts  anderes,  als  um  den  einfachen  senile 
Schwund,  wie  er  im  hohem  Alter  an  vielen  Geweben  vorkommt. 
—  Um  ein  analoges  Verhalten  wird  es  sich  handeln  bei  der  A^phie 
durch  allgemeine  Abmagerung  und  Kachexie,  an  welcher 
die  Nerven  ebenso,  wie  die  übrigen  Gewebe,  wenn  auch  in  geringe- 
rem Maasse,  theilnehmen:  auch  hier  ist  ausser  der  einÜEUshen  Vo- 
lumsabnahme keine  charakteristische  anatomische  Veränderung  nach- 
weisbar. 

Anders  verhält  es  sich  mit  der  secundären  Atrophie, 
deren  Existenz  ttber  jeden  Zweifel  feststeht,  und  die  wir  früher  schon 
(S.  384)  hinreichend  ausführlich  geschildert  haben :  fettige  Degene- 
ration und  schliessliche  Resorption  des  Markes,  endlich  auch  Zerfall 
und  Schwinden  des  Achsencylinders ,  Ueberbleiben  blasser,  feiner 
Fasern,  zusammengefallener  Nervenscheiden;  im  interstitiellen  Oe- 
webe  reichliche  plastische  Infiltration,  Kömchenzellen,  selten  Corpora 
amylacea;  häufig  wird  durch  die  Wucherung  des  Bindegewebes  die 
Atrophie  maskirt.  Makroskopisch  sehen  die  Nerven  blassgrau, 
durchscheinend)  schmal,  bandartig  aus;  ihre  Scheide  ist  schlaff,  oft 
verdickt  und  mit  der  Umgebung  verwachsen.  —  Es  handelt  sich 
also  hier  um  eine  ausgesprochene  degenerative  Atrophie,  welche 
fast  immer  durch  eine  Fettmetamorphose  eingeleitet  wird;  es  kann 
zweifelhaft  erscheinen,  ob  auch  eine  directe  Atrophie  ohne  Vermitt- 
lung der  Fettmetamorphose  vorkommt,  wie  dies  von  Förster  U.A. 
angenommen  wird. 

Eine  der  wesentlichsten  und  wichtigsten  Bedingungen  für  das 
Zustandekommen  dieser  secundären  Atrophie  scheint  das  Aufhören 
der  vom  Centralnervensystem  ausgehenden  trophischen 
Einflüsse  zu  sein. 

Bei  aller  Vorsicht  in  der  Beurtheilung  der  zahllosen  vorliegen- 
den, zum  Theil  einander  widersprechenden  und  in  widersprechen- 
der Weise  gedeuteten  Thatsachen  können  wir  nicht  umhin,  es  ftlr 
im  höchsten  Grade  wahrscheinlich,  wenn  nicht  für  gewiss  zu  halten, 
dass  vom  Centralorgan  gewisse  —  noch  nicht  genauer  zu  analysi- 
rende  —  Einflüsse  ausgehen,  welche  die  Ernährung  der  peripheren 


Atrophie  der  Nerven.   Pathogenese.  561 

Theile,  besonders  der  Nerven  nnd  Muskeln,  intact  erhalten,  und 
deren  Wegfall  oder  Veränderung  die  Ernährung  der  peripheren 
Theile  stört  und  schliesslich  der  Degeneration  und  Atrophie  ent- 
gegenfbhrt. 

Leider  besitzen  wir  genauere  Details  über  diese  atrophischen 
Einflüsse",  über  ihren  anatomischen  Sitz  und  ihre  anatomischen 
Grundlagen,  über  die  Art  und  Weise  ihrer  Wirkung,  über  die  dabei 
spielenden  Mechanismen  zur  Zeit  noch  nicht.  Nur  so  viel  kann 
yermuthet  werden,  dass  dieselben  in  der  grauen  Substanz  des 
Rückenmarks  und  des  verlängerten  Markes,  vielleicht  auch  an  be- 
stimmten Stellen  des  Oehims  zu  suchen  sind.  Es  ist  wahrscheinlich, 
dass  es  speciell  im  Rückenmark  die  grauen  Yordersäulen  und  in 
diesen  bestimmte  Ganglienzellen  sind,  welchen  wir  die  Function  der 
ntrophischen  Centren"  vindiciren  dtlrfen  (vgl.  darüber  A.  Eulen - 
bürg  1.  c,  Kussmaul  in  Volkmann's  Samml.  klin.  Yortr.  No.  54, 
Charcot,  Klin.  Vorträge,  deutsch  von  Fetzer,  1874).  Ueber  den 
Mechanismus  dieser  Wirkungen  ist  man  noch  durchaus  nicht  im 
Klaren,  und  selbst  über  die  Existenz  derselben  wird  noch  gestritten; 
und  in  neuester  Zeit  ist  von  beachtenswerther  Seite  (Friedreich, 
Ueber  progressive  Muskelatrophie  u.  s.  w.)  der  Versuch  gemacht  wor- 
den, alle  die  trophischen  Störungen,  welche  man  im  Gefolge  cen- 
traler und  peripherer  Nervenaffectionen  findet,  auf  einfach  entzünd- 
liche Vorgänge,  auf  ascendirende  und  descendirende  Neuritis  zurück- 
zuführen. 

Wir  halten  die  Annahme  centraler  trophischer  Einflüsse  ftlr 
wahrscheinlicher  und  glauben,  dass  dieselbe  die  Thatsachen  in  un- 
gezwungener Weise  erklärt. 

Es  ist  aus  dieser  Annahme  leicht  verständlich,  warum  Nerven- 
atrophie überall  da  zu  Stande  kommt,  wo  diese  trophischen  Centren 
selbst  gelitten  haben,  oder  wo  dieselben  durch  irgend  welche  Momente 
von  den  peripheren  Nerven  losgetrennt  sind.  Die  Erfahrung  lehrt 
in  der  That,  dass  solche  Atrophien  vorkommen: 

1.  im  Gefolge  von  centralen  Leiden:  bei  Anencephalie 
und  Spina  bifida  (Rokitansky),  beim  paralytischen  Blödsinn,  bei 
der  Bulbärparalyse,  bei  manchen  Formen  der  Myelitis,  bei  der  Tabes 
dorsalis,  bei  der  spinalen  Kinderlähmung  und  der  analogen  Affec- 
tion  Erwachsener  (auch  bei  der  progressiven  Muskelatrophie,  wenn 
diese  wie  die  Mehrzahl  der  neueren  Autoren  annimmt,  als  spinales 
Leiden  aufzufassen  ist;  vielleicht  gehört  auch  die  Bleilähmung  hie- 
her).  ,0b  die  Atrophie  des  Sehnerven  und  anderer  Gehimnerven, 
die  bei  Tabes  dorsalis  so  gewöhnlich  ist,   als  eine  secundäre,   von 

Handbuch  d.  spec  Pathologie  n.  Therapie.    Bd.  XU.  1.    2.  Anfl.  36 


562  £rb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

der  Bttckenmarkskrankheit  abhängige  Atrophie;  oder  als  eine  iso> 
lirte  Localisation  desselben  Proeesses,  wie  die  graue  Degeneration 
im  Bttckenmark  aufzufassen  sei;  ist  noch  nicht  ausgemacht.  Sollten 
die  trophischen  Centren  für  diese  Nerven  ebenfalls  im  Bttckenmark 
liegen? 

2.  im  Gefolge  von  peripheren  Läsionen:  Durchschnei- 
dung; Trennung  des  Zusammenhanges  der  Nerven  in  irgend  weldier 
Art;  energische  Compression  derselben  durch  Geschwülste  aller  Art 
(Aneurysmen;  CarcinomC;  Osteome;  Syphilome  u.  s.  w.),  oder  durch 
neuritische  Processe,  bei  welch  letzteren  jedoch  wahrscheinlich  auch 
noch  eine  directe  Ernährungsstörung  an  der  entzündlichen  Stelle  selbst 
angenommen  werden  darf. 

Eine  andere,  aber  weniger  bedeutungsvolle  Bedingung  [für  das 
Zustandekommen  secundärer  Atrophie  ist  in  der  Zerstörung  oder 
in  der  Aufhebung  der  Function  peripherer  Organe  ge- 
geben. Von  diesen  aus  entwickelt  sich  dann  in  einer  beschränkten 
Anzahl  von  Fällen  eine  centripetal  weiter  schreitende  Atrophie  der 
Nerven;  die  anfangs  wohl  nur  als  einfache  Abmagerung  und  Yer- 
schmälerung  erscheint;  und  erst  nach  langer  Zeit  das  Bild  der 
degenerativen  Atrophie ;  der  grauen  Degeneration  gibt.  Am  be- 
kanntesten ist  das  fllr  den  Nervus  opticus:  nach  Exstirpation ,  Zer- 
störung und  Phthisis  des  Bulbus ;  nach  Atrophie  der  Betma,  nach 
Geschwülsten  am  AugO;  nach  glaukomatösen  Zuständen  (Leber) 
entwickelt  sich  zunächst  einfache  Atrophie  des  Sehnerven;  und  erst 
spät  wird  derselbe  grau,  durchscheinend  und  gibt  das  histologische 
Bild  der  grauen  Degeneration  (Lebe  r).  Diese  Veränderung  erstredLt 
sich  bis  über  das  Chiasma  hinaus  in  beide  Tractus  optici  und  deren 
nächste  Gentren  im  Gehirn  (Gudden^)).  — r  In  ähnlicher  Weise  bat 
man  nach  Amputationen  der  Extremitäten  viele  Jahre  später  eine 
centripetal  fortschreitende;  manchmal  sogar  auf  das  Bttckenmark 
sich  fortsetzende  Atrophie  der  abgesetzten  Nervenstämme  g^mden^ 
entweder  als  einfache  Abmagerung  ohne  histologische  Veränderung 
(Vulpian);  oder  mit  allen  Zeichen  einer  neuritischen  Atrophie;  mit 
Bindegewebswucherung  u.  s.  w.  (Dickinson).  Doch  ist  dieses  Vor- 
kommen keineswegs  constant  (Friedreich).  Endlich  hat  Wundt 
nach  vieljährigem  Schwund  einer  Niere  hochgradige  Ati-ophie  der 
Nierennerven  gefunden. 

Fttr  die  Entstehung  der  primären  Atrophie  sind  die  Bedingun- 


1)  lieber  die  Kreuzung  der  Fasern  im  Chiasma  nervor.   opticor.    Arch.  £ 
Ophthalmol.  XX.  2.  S.  249.  1874. 


Atrophie  der  Nenren.    Pathogenese.    Symptome.  563 

gen  noch  gar  nicht  genauer  bekannt;  es  bedarf  dazu  einer  directen 
Alteration  der  Entztindong  der  Nerven.  Möglich,  dass  die  neoritische 
Atrophie  an  der  entzündeten  Stelle  selbst  hiehergehört;  femer  die 
degenerative  Atrophie,  welche  sich  im  Opticus ;  Ocnlomotorios  nnd 
anderen  Himnerren  bei  Tabes  findet,  und  welche  vielleicht  dieselbe 
Entstehung  hat,  wie  die  graue  Degeneration  der  Hinterstränge  des 
Rückenmarks,  ftir  welche  ja  die  Annahme  einer  primären  fortschrei- 
tenden Atrophie  nicht  ausgeschlossen  ist. 

L  e  be  r  spricht  es  wenigstens  geradezu  aus,  dass  die  Sehnerven- 
atrophie  nicht  die  einfache  Folge  der  Compression  der  Nervenfasern 
durch  ein  entzündliches  Exsudat  sei.  —  Die  „spontane  progressive 
nervöse  Atrophie",  über  welche  Jaccoud  gelegentlich  eines  inter- 
essanten Falles  zwei  lange  Vorlesungen  hielt,  stellte  sich  bei  der 
Section  durchaus  nicht  als  spontan,  sondern  als  durch  Compression 
der  Spinalwurzeln  bedingt  heraus. 

lieber  die  Symptome  der  Atrophie  ist  wenig  zu  sagen.  Von 
einer  spontanen,  idiopathischen  Atrophie  der  peripheren  Nerven  (mit 
Ausnahme  des  Opticus)  wissen  wir  so  gut  wie  nichts;  jedenfalls 
sind  die  Symptome  derselben  nicht  bekannt ;  die  Auseinandersetzun- 
gen Jaccoud 's  über  diesen  Gegenstand  wurden  durch  die  Section 
desavouirt.  —  Ob  die  allgemeine  Schwäche  bei  kachektischen  Zu- 
ständen auf  einer  Atrophie  der  peripheren  Nerven  beruhe,  ist  min- 
destens zweifelhaft;  wahrscheinlicher  ist  dieselbe  centralen  Ursprungs 
oder  durch  die  Atrophie  der  Muskeln  bedingt. 

Die  secundäre  Atrophie  dagegen  bildet  nur  eine  Theilerschei- 
nung  der  ihr  zu  Gründe  liegenden  Krankheit  und  gehört  zum  Sym- 
ptomenbild derselben.  Es  gehören  daher  die  von  manchen  Autoren 
der  Atrophie  zugeschriebenen  primären  Reizungs-  und  secundären 
Lähmungserscheinungen,  die  so  schön  in  das  beliebte  allgemeine 
Schema  passen,  der  Hauptsache  nach  dem  Grundleiden  an,  und  wir 
haben  uns  hier  nicht  mit  denselben  zu  beschäftigen,  können  viel- 
mehr auf  die  betreffenden  früheren  Abschnitte  (s.  besonders  ^ Läh- 
mung'') verweisen.  Nur  so  viel  lässt  sich  mit  Sicherheit  behaupten, 
dass  überall,  wo  einmal  die  Atrophie  entwickelt  ist,  die  Function 
der  Nerven  herabgesetzt,  oder  erloschen  sein  muss;  das  wird  sich 
dann  als  Lähmung,  Anästhesie,  als  Amblyopie  und  Amaurose  äussern. 

Nicht  uninteressant  ist  es,  dass  man  die  Atrophie,  an  den  moto- 
rischen Nerven  wenigstens,  durch  die  elektrische  Untersuchung  nach- 
weisen kann:  überall  da,  wo  die  faradische  oder  galvanische  Er- 
regbarkeit derselben  erheblich  gesunken  oder  völlig  erloschen  ist 
(vorausgesetzt,   dass  nicht  die  Muskeln  gänzlich  geschwunden  sind), 

36* 


5t>4  Erb,  Erankhdten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

haben  wir  nach  unseren  jetzigen  Erfahmngen  das  Recht,  Degene- 
ration und  Atrophie  der  Nerven  anzunehmen.  Das  haben  wir  bei 
Besprechung  der  traumatischen,  rheumatischen  und  Compressions- 
Lähmung,  bei  der  atrophischen  Spinallähmung  u.  s.  w.  wiederholt 
gesehen. 

Das  dürfte  auch  —  wenn  wir  von  den  Ergebnissen  der  ophthal- 
moskopischen Untersuchung  bei  Sehnervenatrophie  absehen  —  das 
einzige  diagnostische  Hülfsmittel  sein,  mit  welchem  wir  die  Atrophie 
peripherer  Nerven  direct  erkennen  können.  Natürlich  erlaubt  aber 
der  Nachweis  derjenigen  Krankheiten,  bei  welchen  wir  die  Atrophie 
der  Nerven  mit  Sicherheit  als  Theilerscheinung  erwarten  dürfen, 
überall  bestimmte  Schlüsse  auf  das  Vorhandensein  der  Atrophie. 

Die  Prognose  der  Nervenatrophie  steht  und  fällt  mit  der  des 
Grundleidens.  Ist  die  Wiederherstellung  des  Zusammenhanges  mit 
dem  Centrahiervensystem ,  ist  die  Heilung  der  die  Atrophie  bedin- 
genden Affectionen  möglich,  dann  tritt  mit  ziemlicher  Sicherheit  Re- 
generation und  Restitution  ein ;  ist  jenes  nicht  möglich,  und  ebenso 
bei  sehr  langem  Bestehen  der  Atrophie  ist  die  Prognose  ungünstig. 
Wie  gross  die  Tendenz  zur  Wiederherstellung  und  Regeneration 
atrophischer  Nerven  ist,  haben  vielfache  Versuche  gelehrt;  haben 
doch  Philipeaux  und  Vulpian  sogar  in  einem  völlig  ausge- 
schnittenen und  unter  die  Haut  verpflanzten  Nervenstflck  eine  partielle 
Regeneration  wieder  eintreten  sehen !  eine  Thatsache,  die  freilich  von 
Vulpian  neuerdings  durch  zufällige  Berührung  mit  den  verletzten 
Nerven  des  Unterhautzellgewebes  erklärt  wird.  Die  Regenerations- 
fähigkeit scheint  demnach  doch  wesentlich  an  den  Zusammenhang 
mit  dem  centralen  Nervensystem  geknüpft  zu  sein. 

Es  ergibt  sich  aus  dem  Gesagten  sehr  einfach,  dass  eine  The- 
rapie der  Atrophie  im  Wesentlichen  eine  Therapie  des  Grundleidens 
ist.  Es  gilt,  dieses  zu  behandehi  und  zu  beseitigen;  gelingt  dieses, 
dann  ist  auch  eine  Beseitigung  der  Atrophie  mit  Grund  zu  erwarten. 

—  Direct  gegen  dieselbe  ist  wenig,  vielleicht  gar  nichts  zu  machen. 
Das  empfehlenswertheste  Mittel  ist  jedenfalls  die  Elektridtät ;  die- 
selbe scheint  jedoch  bei  secundären  Atrophien  erst  dann  wirksam 
zu  sein,  wenn  die  Möglichkeit  der  Wiederherstellung  durch  Beseiti- 
gung des  Grundleidens  gegeben  ist  Sie  wirkt  dann  wohl  durch 
Besserung  der  Circulationsverhältnisse,  durch  Anregung  der  Function 
der  Nerven,  durch  moleculäre  Einwirkung  auf  dieselben.  Besonders 
dem  galvanischen  Strom  werden  in  dieser  Beziehung  bedeutende 
Wirkungen  zugeschrieben  (s.  die  allgem.  Therapie  der  Lähmungen). 

—  Gewisse   elektrotherapeutische  Erfahrungen  bei  der  Sehnerven- 


Hypertrophie  und  Neubildung  an  den  Nerven.  Neurome.  565 

atrophie  (s.  die  Referate  über  Elektrotherapie  in  den  letzten  Jahr- 
^ngen  des  Virchow  -  Hirsch'schen  Jahresber.  über  d.  ges.  Medicin) 
scheinen  überdies  zu  lehren,  dass  dem  galvanischen  Strom  entschie- 
dene Heilwirkungen  in  manchen  Fällen  von  (primärer?)  Sehnerven- 
atrophie  zukommen.  —  Weiterhin  empfiehlt  man  bei  den  die  Läh- 
mungen so  oft  begleitenden  Atrophien  energisches  Massiren  der 
Qlieder,  warme  Bäder,  Soolbäder,  Fichtennadelbäder,  abwechselnd 
kalte  und  warme  Douchen,  Frottirungen ,  spirituöse  und  stärker 
irritirende  Einreibungen  u.  s.  w.  Alle  diese  Dinge  werden  nur  als 
untergeordnete  Unterstützungsmittel  fUr  die  elektrische  Behandlung 
zu  betrachten  sein;  freilich  werden  sie  manchmal  eine  nicht  zu 
unterschätzende  Wirkung  in  Bezug  auf  die  Causalindication  haben. 

4.    Hypertrophie  und  Neubildung  an  den  Nerven.    Wah^e  und 

fialsche  Neurome. 

* 

Bokitansky,  1.  c.  ü,  S.  493  u.  499.  —  Förster,  L  c.  n,  S.  640  u.  644. 

—  Hasse,  1.  c.  B.  749  u.  756. 

Hypertrophie.  A.  Enoblauch,  De  Neoromate  et  ^ngl.  accessor.  veris 
etc.  Diss.  Francof.  1 843.  —  Hesselbach,  Beschr.  d.  pathoL  Präpar.  in  Würzburg. 
Giessen  1824.  —  Moxon,  Guy's  hosp.  Rep.  Ser.  Hl.  Bd.  Vni.  —  Ferr^ol- 
Reuillet,  s.  Virchow-Hirsch,  Jahresber.  f.  1869.  Bd.  H.  S.  34^. 

Nenrome:  Hauptabhandlang  mit  voUständiger  Literatur:  Yirchow»  Krank- 
hafte Geschwülste.   Bd.  IH.   S.  233  ff.    1867.  —  K.  Maier,  Lehrbuch  der  allg. 
Sathol.  Anat  Leipzig  1871.   S.  224  u.  379.  —  0.  Weiber,  Pitha-BiUroth,  Handb. 
.  Ghir.  n.  2.  Abth.  S.  226.  1865.  —  Odier,  Man.  de  mM.  prat   Gen^ve  1803. 

—  Schiffner,  Oesterr.  med.  Jahrb.  1818.  —  Barkow,  Nova  acta  phys.-med. 
T.  XIV.  1829.  —  AronsBohn,  Obserrat.  sur  les  tumeurs  envelopp.  oans  les 
nerfs.  Strasb.  1822.  —  Knoblauch,  1.  c.  1843.  —  Moleschott,  Arch.  f.-phys. 
Heük.  Bd.  YIH.  1849.  —  Hob.  Smith,  A  treatise  on  the  pathol.,  diagnosis  etc. 
of  neuroma.  Dublin  1849.  —  Houel,  Lebert,  Gaz.  des  höp.  1852.  So.  17.  — 
M4m.  de  la  Soc.  de  Chir.  T.  m.  1853.  —  Wedl,  Grundz.  d.  path.  Histol.  Wien 
1853.  S.  726.  —  Kupferberg,  Zur  path.  Anat.  d.  Geschwülste  im  Verl.  d.  Ner- 
ven. Mainz  1854.  —  Yolkmann,  Ulcerirend.  Neurom  am  Handteller.  VirckArch. 
Xn.  1857.  —  Schuh,  Zeitschr.  d.  Wien.  Aerzte.  XÜI.  1857.  —  Temoin, 
Wilks,  Multiple  Neurome  s.  Canst.  Jahresber.  pro  1858.  HI.  S.  18.  —  Dehler 
u.  Förster,  Würzb.  med.  Zeitschr.  H.  1861.  —  Hitchcook,  Americ.  Joum. of 
med.  Sc.  1862.  —  0.  Heusinger,  Multipl.  Neur.  Virch.  Arch.  27.  1863.  —  0. 
Weber,  Ueber  Nervengeschw.  Verh.  d.  naturh.  med.  Ver.  Heidelberg  IV.  S.  99. 
1867.  —  A.  Heller,  Mult.  Neur.  Virch.  Arch.  44.  — -  E.  Spillmann,  Observ. 
de  n^vrome  du  nerf  median.  Gaz*  h^bdom.  1874.  No.  32.  —  V.  Czerny,  Eine 
Elephantiasis  Arabum  congenita  mit  plexiform.  Neuromen.  Arch.  f.  klm.  Chir. 
XVU.  S.  357.  1874. 

Hypertrophie  der  peripheren  Nerven  ist  eine  grosse  Selten- 
heit; es  handelt  sich  dabei  mehr  nm  pathologisch-anatomische  Cu- 
riositäten,  als  um  praktisch  wichtige  Dinge.  Man  findet  an  den 
'breiter  und  voluminöser  gewordenen  Nerven  dann  entweder  eine 
wahre  Hyperplasie  des  Nervengewebes,  also  eine  Zunahme  der  Zahl 
der  Nervenfasern;   Spaltung  derselben  in  eine  grössere  Anzahl  von 


566  Ebb,  KrankheiteD  der  peripheren-cerebrospinalen  Nonren. 

Tochterfasern  (A.  Heller,  Nenmann  u.  A.),  eine  grössere  Brette 
der  Markscheide  und  selbst  des  Achsencylinders ,  oder  es  ist  die 
Volamsznnahme  nur  —  and  dies  ist  yielleicht  der  häufigere  Fall 
—  durch  interstitielle  Bindegewebswucherung  bedingt.  Beide  FäUc 
sind  —  trotz  ihres  grossen  allgemein -pathologischen  Interesses  — 
bis  jetzt  ohne  jede  klinische  Bedeutung. 

Von  den  bisher  vorgekommenen  Befunden  mag  hier  erwähnt 
werden*,  dass  man  bei  Elephantiasis  manchmal  eine  erhebliche  Ver- 
dickung und  Wucherung  der  Nerven,  theil weise  mit  Uebei^^ang  rar 
Neurombildung  gefunden  hat ;  dass  bei  multiplen  Neuromen,  mochten 
diese  hereditär  oder  sonstwie  entstanden  sein,  mehrfach  auch  eine 
diffuse  Hypertrophie  der  befallenen  Nerven  gefmiden  wurde,  so  in 
einem  Falle  von  Bischoffund  einem  von  Hesselbach  (citirtbei 
Virchow,  Geschwülste  HI.  S.  261),  ebenso  in  dem  von  Heller 
(1.  c.)  beschriebenen  Falle;  dass  Günsburg  bei  einem  Phthisiker 
beide  Ischiadici,  Laumonier  bei  einem  jungen  Menschen,  Moxo'n 
(s.  Virchow  1.  c.)  bei  einer  weiblichen  Leiche  zahlreiche  Nerven 
verdickt  und  hypertrophisch  gefunden  hat.  Auch  in  dem  schon  er- 
wähnten Falle  von  Ferr^ol-Reuillet  wurde  eine  erhebliche  Hyper- 
plasie vieler  Nerven  nachgewiesen. 

Alle  diese  Fälle  haben  keinen  klinischen  Werth;  eine  sympto- 
matologisehe  Gharakterisirung  der  Nervenhypertrophie  als  solcher  ist 
zur  Zeit  nicht  möglich.  Von  einer  Behandlang  derselben  kmm  also 
auch  keine  Bede  sein. 

'Von  grösserer  praktischer  Bedeutung  als  die  Hypertrophie  der 
Nerven  sind  die  Neubildungen  an  den  Nerven.  Man  hat  die- 
selben seit  Odier  ganz  allgemein  als  Neurome  bezeichnet,  ganz 
einerlei,  aus  welchem  Gewebe  sie  bestehen.  Nach  den  heute  in  der 
Geschwulstlehre  geltenden  Principien  muss  diese  Bezeichnung  den- 
jenigen Geschwülsten  der  Nerven  vorbehalten  bleiben,  welche  aus- 
schliesslich oder  der  Hauptsache  nach  aus  wirklicher  Nervensubstanz 
bestehen.  Der  Sprachgebrauch  jedoch  und  die  praktische  Ueberein- 
stimmung  der  verschiedenen  Geschwulstformen  haben  es  mit  sich 
gebracht,  dass  man  die  nicht  aus  Nervengewebe  bestehenden j  aber 
am  Nerven  sitzenden  und  von  ihm  ausgehenden  Neubildungen  unter 
dem  Namen  der  „  falschen  Neurome  ^  jenen  echten,  wahren  Neuromen 
gegenüber  gestellt  hat. 

Beide  Gruppen  kommen  gar  nicht  selten  zur  Beobachtung;  nur 
in  einem  gewissen  Procentsatz  der  Fälle  jedoch  erlangen  diese  ELrank- 
heiten  eine  hervorragende  praktische  Wichtigkeit;  häufig  verlaufen 
sie  ohne  alle  Erscheinungen.    Da  sie  vorwiegend  von  pathologisch- 


Keubildoiig  an  den  Nerren.    Pathologische  Anatomie.  567 

anatomischer  und  cbirorgischer  Bedeatnng  sind,  dürfen  wir  uns,  im 
Einklang  mit  dem  Zwecke  dieses  Werkes,  bei  der  Darstellnng  ver- 
hältnissmässig  kurz  fassen. 

Pathologische  Anatomie.  Da  seit  der  Einfbhning  der 
Odi  er 'sehen  Bezeichnung  alle  möglichen  Nenbildungen  an  den 
Nerven  unter  dem  gemeinsamen  Namen  Neuroma  zusammengeworfen 
wurden,  ist  eine  vollständige  Sichtung  und  kritische  Bearbeitung  des 
vorliegenden  Materials,  wie  sie  in  dem  classischen  Werke  von  Vir- 
chow  versucht  worden  ist,  mit  erheblichen  Schwierigkeiten  ver- 
knüpft. Jedenfalls  aber  haben  wir  an&  strengste  voneinander  zu 
scheiden  die  Geschwtilste,  welche  aus  wirklicher  Nervensub- 
stanz vorwiegend  oder  ausschliesslich  bestehen  (Neu- 
roma verum)  und  jene,  welche  aus  irgend  welchen  anderen 
Geweben  zusammengesetzt  sind  (Neuroma  spurium).  Es  wäre  wohl 
am  besten,  die  letztere  Benennung  ganz  fallen  zu  lassen.  Die  ge- 
nauere Untersuchung  lehrt  nun,  dass  hauptsächlich  etwa  folgende 
Formen  vorkommen: 

1.  Wahres  Neurom;  Neuroma  verum.  Besteht  der -Hauptsache 
nach  ans  Nervenfasern,  untermischt  mit  mehr  oder  weniger  reich- 
lichem Bindegewebe ;  das  letztere  kann  mehr  weich  oder  mehr  derb, 
gefässreich  oder  gefässarm  u.  s.  w.  sein.  Daraus  ergeben  sich  ver- 
schiedene gemischte  Neurome  (Fibro-,  Glio-,  Myxoneuroma,  Neuroma 
teleangiectodes  u.  s.  w.).  Ueber  das  etwaige  Vorkonmien  von  Ganglien- 
zellen in  diesen  Neuromen  sind  die  Acten  noch  nicht  geschlossen. 
Die  Entstehung  der  neugebildeten  Nervenfasern  wird  theils  auf  Gra- 
nulationsgewebe, theils  auf  Vermehrung  und  Abspaltung  der  vorhan- 
denen alten  Nerven&sem  (Heller)  zurückgeitihrt.  Wahre  Neurome 
kommen  fast  ausschliesslich  an  den  spinalen,  selten  an  den  sympa- 
thischen und  noch  seltener  an  den  cerebralen  Nerven  vor.  Ihre 
Grösse  ist  eine  äusserst  verschiedene :  von  HanfkomgrOsse  bis  zu  der 
einer  Faust  und  noch  mehr. 

Die  histologische  Untersuchung  zwingt  zur  Unterscheidung  zweier 
Formen  des  wahren  Neuroms :  bei  der  emen  finden  sich  lauter  mark- 
haltige,  doppelconturirte  Fasern  (Neuroma  myelinicum  Vir  eh.);  daher 
ein  markweisses  Aussehen  der  Geschwulst,  so  z.  B.  bei  den  Amputa- 
tionsneuromen ;  bei  der  andern  Form  finden  sich  lauter  äusserst  feine 
marklose  Nervenfasern,  die  gewöhnlich  eine  vielfach  verfilzte  und 
schwer  entwirrbare  Masse  darstellen,  welche  lebhaft  an  die  Fibro- 
my ome  des  Uterus  erinnert ;  die  Geschwulst  ist  grau  (Neuroma  amye- 
linicum).  Die  histologische  Erkennung  dieser  Geschwulst  ist  sehr 
schwierig  und  erst  durch  Virchow  einigermassen  erleichtert  und 


568  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

möglich  gemacht.  Man  hat  dieselbe  offenbar  früher  vielfach  mit 
Fibromen  und  Fibrosarkomen  verwechselt;  ein  grosser  Theil  der  so- 
genannten multiplen  Neurome  gehört  in  diese  Kategorie  der  wahren, 
marklosen  Neurome. 

2.  Andere  Neubildungen  am  Nerven  (Neuromata  spuria).  Cha- 
rakteristisch ist  für  dieselben,  dass  die  Hauptmasse  der  Geschwulst 
nicht  aus  Nervengewebe  besteht,  und  dass  die  Zahl  der  aus  dem 
befallenen  Nerven  in  die  Geschwulst  tibertretenden  Nervenfasern  nicht 
vermehrt  erscheint  Verschiedene  Geschwulstformen  kommenhier  vor : 

a.  Fibrome.  Sie  bestehen  aus  einem  mehr  oder  weniger 
dichten  Bindegewebe  mit  wenigen  Nervenfasern  und  sind  dem  ent- 
sprechend bald  mehr  weich,  bald  mehr  fest;  oft  erscheinen  sie  als 
ganz  kleine  harte  Knötchen,  und  die  Mehrzahl  derjenigen  Neubil- 
dungen an  den  Nerven,  die  man  als  Tubercula  dolorosa  bezeichnet, 
besteht  wohl  aus  fibrösem  Gewebe.  Wahrscheinlich  hat  man  früher 
die -meisten  amyelinischen  Neurome  unter  die  Fibrome  eingereiht; 
doch  auch,  wenn  man  diese  abrechnet,  gehören  die  Fibrome  zu  den 
häufigeren  Neubildungen  an  den  Nerven. 

Als  Tuberculadolorosa  hat  man  von  lange  her  gewisse  kleine, 
harte,  an  den  peripheren  Nerven,  besonders  an  den  kleinen  sensiblen 
Hautästen  der  Extremitäten,  in  der  Nähe  der  Gelenke  vorkommende 
knötchenfbnnige  Neubildungen  bezeichnet,  die  sich  durch  eine  enorme, 
paroxysmenweise  auftretende,  durch  Berührung,  Witterungswechsel  u.  dgl. 
erheblich  gesteigerte  Schmerzhaftigkeit  auszeichnen.  Es  erscheint  nicht 
gerechtfertigt,  dieselben  als  eine  eigene  G^schwulstform  beizubehalten, 
da  sie  bei  aller  Uebereinstimmung  in  den  klinischen  Symptomen  histo- 
logisch die  grössten  Verschiedenheiten  zeigen  können.  Man  hat  welche 
gefunden,  die  aus  mehr  oder  weniger  derbem  Bindegewebe  bestanden, 
andere,  die  zahlreiche  Muskelzellen,  andere,  die  cavemöses  Gewebe 
enthielten;  in  einigen  hat  man  eine  Structur,  welche  an  die  der  Pa- 
cini^schen  Körperchen  erinnerte,  in  anderen  das  Gewebe  von  Faser- 
knorpel gefunden;  und  von  noch  anderen  ist  es  nicht  zweifelhaft,  dass 
sie  den  wahren  Neuromen  zugehören  oder  wenigstens  sehr  nahe  stehen. 
Auch  scheinen  üebergänge  zu  den  gewöhnlichen  Formen  der  Neurome 
auch  symptomatologisch  in  jeder  möglichen  Weise  vorzukommen,  so 
dass  es  wohl  zweckmässiger  ist,  diese  Kategorie  von  Neubildungen 
ganz  fallen  zu  lassen  und  sich  streng  an  die  histologische  Classification 
zu  halten  (vgl.  Virchow  1.  c). 

b.  Myxome.  GeschwtUste ,  die  aus  Schleimgewebe  mit  seinen 
charakteristischen  Merkmalen  bestehen,  sind  an  den  Nerven  gar  nicht 
selten ;  sie  stellen  weiche,  gelappte,  röthlich  durchscheinende,  gallert- 
artige Neubildungen  dar,  in  welchen  das  Mikroskop  bald  ausgebil- 
dete Netzzellen,  bald  mehr  Fettgewebe  u.  dgl.  enthüllt  Auch  Oysten- 
bildungen  sind  gerade  in  Myxomen  häufig  und  haben  zur  Aufistellung 


NeubOdang  an  den  Nerven.    Pathologische  Anatomie.  569 

des  Nenroma  cysticum  geführt.  —  Gliome  sind  bis  jetzt  nur  am 
Acnsticos  mit  Sicherheit  beobachtet 

c.  Sarkome  kommen  in  yerschiedenen  Formen,  als  zellige, 
faserige  n.  s.  w.  Sarkome  an  den  Nerven  vor;  zeigen  nicht  selten 
Ueber^ge  in  Fibrome  nnd  Myxome  und  haben  mit  den  letzteren 
im  Aenssem  und  in  der  Entwickelungsweise  grosse  Aehnlichkeit 
Nicht  selten  ist  bei  ihnen  hochgradiger  Gefässreichthum.  Sie  sind 
im  Ganzen  selten. 

d.  Carcinome  dagegen  konunen  häufiger  vor  und  zwar  eben- 
falls in  yerschiedenen  Formen ;  seltener  das  Cancroid,  häufiger  Skir- 
rhus  und  Markschwamm,  manchmal  auch  das  Carcinoma  melanodes. 
Meist  handelt  es  sich  um  Neubildungen,  welche  den  Nerven  secundär 
ergreifen,  von  den  Nachbartheilen  aus  in  denselben  hineinwuchem 
und  sich  dann  im  Neurilemm  weiter  verbreiten,  an  verschiedenen 
Stellen  zu  knotigen  Auftreibungen  desselben  fUhrend.  Doch  kommen 
auch  primäre,  selbständige  Carcinome  im  Nerven  vor.  Fast  immer 
kommt  es  dabei  zu  einer  mehr  oder  weniger  vollständigen  Zerstö- 
rung und  Degeneration  der  Nervenfasern. 

e.  Syphilitische  Gummata  entwickeln  sich  nicht  selten  in 
den  Himnerven  an  der  Schädelbasis  und  sind  hier  meist  von  den 
Hirnhäuten  her  fortgepflanzt,  können  sich  aber  dann  in  den  Nerven 
selbst  zu  mehr  selbständigen  Geschwülsten  entwickeln. 

f.  Lepra  nervorum  erscheint  nur  selten  in  eigentlicher  Ge- 
Bchwulstform ,  häufiger  als  diffuse  oder  mehr  spindelförmige  An- 
schwellung der  Nerven.  Es  handelt  sich  dabei  um  Entwickelung 
von  Granulationsgewebe,  das  von  dem  entzündlichen  oft  nicht  zu 
unterscheiden  ist  (Perineuritis  leprosa). 

Was  nun  die  Grösse  der  NervengeschwtUste  anlangt,  so  ergibt 
sich  schon  aus  der  vorstehenden  Aufeählung  der  verschiedenen  mög- 
lichen Geschwulstformen ,  dass  dieselbe  eine  äusserst  verschiedene 
sein  wird;  in  der  That  kommen  zwischen  der  Grösse  eines  Hirse- 
oder Hanfkomes  und  deijenigen  eines  Kindskopfes  und  selbst  eines 
Mannskopfes  alle  möglichen  Abstufungen  vor.  In  der  Mehrzahl  der 
FäUe  jedoch  handelt  es  sich  um  Neubildungen  von  der  Grösse  von 
Erbsen  bis  zu  der  von  Hühnereiern  —  also  vorwiegend  um  kleinere 
Geschwülste. 

Auch  in  Bezug  auf  die  Zahl  der  gleichzeitig  auftretenden  Ge- 
schwülste bestehen  die  allergrössten  Schwankungen.  Sehr  häufig 
trifft  man  die  Neurome  vereinzelt,  als  solitäre  Neubildung  an 
irgend  einem  Nervenstamm.  Das  gilt  nicht  fUr  die  überaus  schmerz- 
haften, kleinen  Neurome,  die  sich  den  Namen  Tuberc.  dolorosa  ver- 


570  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

dient  haben,  sondern  ftlr  alle  möglichen  Formen  der  Neabildang  an 
den  Nerven. 

Häufiger  jedoch  ist  dieMnltiplicität  dieser  Neubildungen, 
ihr  Auftreten  in  grösserer,  oft  in  ungeheurer  Anzahl,  und  zwar  kaim 
man  hier  wieder  eine  örtliche  Multiplicität  unterscheiden,  wobei 
sich  entweder  eine  Reihe  yon  Knoten  an  einem  und  demselboi 
Neryenstamm,  oder  zahlreiche  Knoten  an  allen  Aesten  einee  Stam- 
mes oder  Plexus  (der  häufigere  Fall)  finden;  eine  Abart  dieser  ört- 
lichen Multiplicität  stellt  das '  sogenannte  Neuroma  plexiforme  dar, 
bei  welchem  sich  ein  grosses  Geflecht  verdickter  und  gewucherter 
Nervenstämme  zu  einer  plexusförmigen  Masse  vereinigt  —  Ausser- 
dem kommt  aber  auch  eine  allgemeine  Multiplicität  vor,  indem 
sich  Neurome  —  oft  in  unglaublicher  Zahl,  zu  mehreren  Tausenden 
—  an  allen  möglichen  Nerven  des  Körpers,  vorwiegend  an  den 
spinalen,  aber  auch  an  den  cerebralen  und  sympathischen  Nerven 
finden.  Besonders  an  der  Cauda  equina,  an  den  Beckenplexus  u.  s.  w. 
hat  man  solche  multiple  Neurome  geftmden,  und  die  dazwischen 
liegenden  Nervenstämme  waren  dann  meist  erheblich  verdickt  und 
hypertrophisch.  Es  handelt  sich  dabei  nicht  um  eine  maligne  Mul- 
tiplicität, wie  bei  den  bösartigen  Geschwülsten,  sondern  um  eine 
krankhafte  Diathese  zur  Neubildung  in  einem  einzelnen  Körperge- 
webe. —  Eine  Combination  von  Elephantiasis,  plexiformen  und  mul- 
tiplen Neuromen  findet  sich  in  dem  interessanten  Fall  von  Qzerny. 

Die  Beziehungen  aller  dieser  Geschwülste  zu  den  Nerven  selbst 
können  sehr  verschiedene  sein  und  sind  nicht  immer  leicht  nachzu- 
weisen. Die  Neubildung  sitzt  dem  Nerven  entweder  seitlieh  auf^  so 
dass  derselbe  neben  ihr  herlaufend  erscheint,  oder  sie  sitzt  oeniral 
in  dem  Nerven,  dessen  einzelne  Bündel  in  verschiedener  Biehtung 
über  die  Geschwulst  hinwegziehen,  oder  der  Nerv  geht  ganz  und 
unmerkbar,  manchmal  unter  büschelförmiger  Auffaserung  seiner  Bün- 
del, in  der  Geschwulst  auf.  Bei  den  wahren  Neuromen  können  sieh 
alle  Fasern  des  Nerven  an  der  Neubildung  betheiligen,  oder  es  thut 
dies  nur  ein  Theil  derselben;  die  falschen  Neurome  geh^i  meist 
vom  Neurilemm  aus,  und  es  können  dabei  die  Nervenbahnen  mehr 
oder  weniger  intact  bleiben,  sie  können  aber  ebensowohl  auch  yöllig 
comprimirt  oder  zerstört  werden.  Alles  dies  wird  natürlich  von 
maassgebendeni  Einfluss  auf  die  Gestaltung  der  Symptome  sein. 

Die  Aetiologie  der  Neurome  ist  in  vielen  Beziehungen  noch 
unaufgeklärt.  Zunächst  lehrt  die  Erfahrung,  dass  eine  gewisse  Prä- 
disposition zu  denselben  bei  manchen  Individuen  vorkommt,  und 
zwar  sind  dies  oft  Leute  aus  Familien,   welche  überhaupt  zu  Neu- 


Keubfldang  an  den  Kenren.    Aetiologie.    Symptome.  571 

rosen  disponirt  sind ;  congeDitale  und  hereditäre  Entstehang  ist  niclit 
selten  beobachtet;  und  gewisse  Beziehungen  zur  Idiotie  und  zum 
Gretinismus  können  nicht  von  der  Hand  gewiesen  werden.  Auch 
Phthisiker  und  Scrophulöse  scheinen  in  hervorragendem  Maasse  zur 
Bildung  von  Neuromen  (aber  nicht  tuberculöser !)  veranlagt  zu  sein. 
Besonders  für  die  multiplen  Neurome  muss  eine  besondere  Anlage 
oder  wenigstens  eine  locale  Gtewebsdisposition  angenommen  werden ; 
woher  dieselbe  jedoch  rührt,  ist  unbekannt.  —  Die  isolirten  Neurome 
sind  viel  häufiger  bei  Weibern,  die  multiplen  kommen  fast  aus- 
schliesslich bei  Männern  vor.  —  Neurome  können  in  jedem  Lebens- 
alter entstehen,  sind  manchmal  angeboren. 

Von  den  directen  Ursachen  sind  traumatische  Einwirkun-« 
gen  am  besten  bekannt:  Stoss,  Druck,  Quetschung,  Steckenbleiben 
von  Fremdkörpern  (Glassplitter,  Nadelspitze,  Ligaturfaden  u.  s.  w.) 
sind  hinreichend  oft  als  Ursachen  der  Neurome  constatirt  worden, 
um  ihre  Wirksamkeit  unzweifelhaft  zu  machen.  Hieher  gehören 
auch  die  cicatriciellen  Neurome,  welche  sich  bei  durchschnittenen 
oder  sonst  verletzten  Nerven  an  den  Schnittenden  bilden,  und  die 
so  häufigen  Amputationsneurome ,  welche  sich  als  runde  oder  läng- 
liehe Anschwellungen  der  abgeschnittenen  Nervenenden  in  der  Narbe 
der  Amputationsstttmpfe  finden.  Sie  sind  wohl  der  Ausdruck  ftir 
die  Intensität  imd  Energie  der  Regenerationsvorgänge,  welche  sieh 
in  den  getrennten  Nervenenden  entwickeln.  , 

Zum  Theil  sind  diese  Neurome  wohl  auch  als  entztlndliche  auf- 
zufassen; jedenfalls  kann  eine  chronische  Neuritis  der  Ausgangs- 
punkt ftlr  die  Neurom  bildung  werden.  Auch  in  der  Nähe  chronisch- 
entzündlicher Vorgänge,  z.  B.  Handgelenkscaries,  hat  man  Neurome 
sich  entwickeln  sehen. 

Eine  rheumatische  Entstehung  der  Neurome,  die  man  früher 
vielfach  statuirte,  ist  mindestens  zweifelhaft  und  wäre  vielleicht  nur 
durch  das  Mittelglied  einer  rheumatischen  Neuritis  verständlich.  — 
Dass  Syphilis,  Lepra,  Elephantiasis  gelegentlich  ebenfalls  zur  Ge- 
schwulstbildung an  den  Nerven  ftlhren,  wurde  schon  erwähnt  Im- 
merhin aber  bleibt  noch  eine  Mehrzahl  von  Fällen,  in  welchen  keine 
Ursache  nachweisbar  ist,  und  wo  man  ein  „spontanes*"  Entstehen 
der  Neubildung  anzunehmen  genöthigt  ist. 

Die  Symptome  der  Geschwülste  an  den  Nerven  sind  sehr 
wechselnd;  viele  Fälle  verlaufen  merkwürdiger  Weise  ganz  ohne 
alle  Erscheinungen,  andere  dagegen  werden  die  Quelle  andauernder, 
unsäglicher  Leiden  ftir  die  Kranken,  ohne  dass  wir  bis  jetzt  ein 
ausreichendes  Verständniss  für  diese  Verschiedenheiten  hätten.  Wahr- 


572  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerren. 

scheinlicb  ist  die  Verschiedenheit  der  feineren  Beziehungen  zwischen 
dem  Nerven  und  der  Neubildung  die  nächste  Ursache  dieses  Ver- 
haltens. 

Die  Geschichte  der  isolirten  Neurome  ist,  wenn  sie  Ober- 
haupt bekannt  wird,  meist  die  einer  schweren,  unheilbaren  Neuralgie 
—  daher  der  Name  der  Tubercula  dolorosa,  welcher,  wie  wir  oben 
sahen,  allerdings  nur  für  gewisse,  in  ihren  Symptomen  einander 
ähnliche  Fälle  geschaffen  ist. 

In  solchen  Fällen  sind  heftige,  allmälig  zunehmende  Schmerz en, 
die  von  einem  gewissen  Punkte  ausstrahlen  und  sich  gegen  die  Pe- 
ripherie hin  verbreiten,  das  Hauptsymptom,  Schmerzen,  die  einen 
verschiedenen  Charakter  haben  können:  reissend,  lancinirend,  oder 
ein  tiefsitzendes  Wehgefühl,  Bohren,  Brennen  u.  dgl.  Sie  sind  fast 
immer  remittirend  oder  völlig  intermittirend;  sie  werden  durch  ieucbte 
und  kalte  Witterung,  durch  Druck,  durch  die  Manipulationen  bei 
der  Untersuchung,  bei  Frauen  manchmal  durch  das  Eintreten  der 
Menses  oder  durch  Gravidität  gesteigert.  Sie  gönnen  manchmal 
durch  einen  starken  Druck  auf  den  Nerven  oberhalb  der  Geschwulst 
vorübergehend  zum  Schwinden"  gebracht  werden,  Ihre  Intensität  in 
den  einzelnen  Fällen  ist  äusserst  verschieden;  oft  sind  sie  gerade 
am  heftigsten  bei  den  kleinsten  Tumoren  an  den  peripheren  Haut- 
ästen. Schwankungen  in  ihrer  Intensität  kommen  im  Verlaufe  des 
Leidens  vielfach  vor  und  können  hier  nicht  im  Einzelnen  geschildert 
werden. 

Neben  den  Schmerzen  sind  Parästhesien  eine  im  Ganzen 
nicht  gerade  häufige  Erscheinung:  doch  werden  in  vielen  Fällen  im 
peripheren  Verbreitungsbezirk  des  Nerven  Taubheitsgeflihl,  Formi- 
cation,  Geftthl  von  Hitze  und  Kälte  wahrgenommen.  —  Noch  seltener 
sind  ausgesprochene  motorische  Störungen;  während  dieselben 
in  manchen  Fällen  (bei  Neuromen  rein  sensibler  Nerven  natürlich 
immer)  fehlen,  stellen  sich  in  anderen  direct  oder  reflectorisch  er- 
zeugte motorische  Reizungserscheinungen  (Tremor,  Spasmen,  Con- 
tracturen  u.  s.  w.)  ein,  welche  dann  im  weiteren  Verlaufe  paralyti- 
schen Erscheinungen  verschiedenen  Grades  Platz  machen  können. 
Dann  finden  sich  aber  auch  meist  auf  sensiblem  Gebiete  Lähmungs- 
erscheinungen ein,  und  mehr  oder  weniger  verbreitete  Anästhesie 
vervollständigt  das  Erankheitsbild;  dieselbe  erscheint  nicht  selten 
unter  dem  Bilde  der  Anaesthesia  dolorosa,  besonders  bei  bösartigen 
Neubildungen. 

Nur  in  besonders  schweren  Fällen  oder  bei  sehr  reizbaren  Indi- 
viduen treten  verbreitete  Irradiationserscheinungen,  diffuse  Schmerzen 


Neubildong  an  den  Nerven.    Symptome.  573 

im  Kopf  und  Rücken  und  in  den  verschiedensten  Nervenbezirken 
ein;  selten  gesellen  sich  dazu  während  der  Schmerzparoxysmen 
Sehwindel  oder  epileptische  Anfälle  oder  hysterische  Gonvulsionen 
und  noch  seltener  kommt  es  zu  tetanischen  Zuständen. 

Die  objectire  Untersuchung  lässt  in  solchen  Fällen  nicht  selten 
an  dem  betreffenden  Nerven  ein  kleines,  bewegliches,  meist  sehr 
schmerzhaftes  und  gegen  die  leiseste  Berührung  empfindliches  Knöt- 
chen entdecken,  von  welchem  aus  die  Schmerzparoxysmen  hervor- 
gerufen werden  können.  In  anderen  Fällen  ist  mit  grösserer  Leich- 
tigkeit eine  umfangreichere  Neubildung  zu  erkennen.  Sitzt  das  Neurom 
jedoch  an  einer  der  Palpation  unzugänglichen  Stelle  des  Nerven^ 
z.  B.  in  der  Beckenhöhle,  an  der  Cauda  equina  u.  dgl.,  so  ist  das- 
selbe direct  nicht  nachzuweisen. 

Der  weitere  Verlauf  ist  in  den  einzelnen  Fällen  wieder  ein  ver- 
schiedener: entweder  steigern  sich  alle  Erscheinungen  allmälig,  die 
Kranken  werden  von  den  fürchterlichsten  Schmerzen  gemartert,  die 
andauernde  Schlaflosigkeit,  secundäre  Verdauungsstörungen  u.  dgl. 
filhren  allmälig  einen  Zustand  hochgradiger  Kachexie  und  durch 
unaufhaltsame  Erschöpfung  den  Tod  herbei: 

oder  es  tritt  eine  allmälige  Milderung  und  schliessliches  Auf- 
hören der  Symptome  ein ;  die  Kranken  leben  wieder  auf.  Es  sollen 
in  einzelnen  Fällen  die  Geschwülste  ganz  verschwunden  sein. 

oder  es  treten  alhnälig  Lähmungserscheinungen  ein,  die  je  nach 
dem  Sitz  der  Geschwülste  mehr  oder  weniger  ausgebreitet  sein  können; 
so  besonders  bei  Neuromen  an  der  Cauda  equina:  hier  kann  Para- 
plegie  mit  Muskelatrophie,  mit  den  verschiedensten  trophischen  Stö- 
rungen, mit  Decubitus,  Blasen-  und  Mastdarmlähmung  eintreten,  und 
auf  diese  Weise  der  letale  Ausgang  herbeigeftlhrt  werden. 

Die  eigentlichen  Neurome  an  sich  sind  nicht  infectiös  und  haben 
als  solche  keinen  deletären  Einfluss  auf  den  Organismus;  wenn  sie 
nicht  durch  ihren  zufälligen  Sitz  und  auf  mechanische  Weise  Störun- 
gen herbeiführen,  können  sie  eine  unbegrenzt  lange  Dauer  haben 
und  viele  Jahre  stationär  bleiben,  ohne  das  Allgemeinbefinden  irgend- 
wie zu  betheiligen.  Viele  haben  jedoch  nach  der  Exstirpation  eine 
grosse  Neigung  zu  örtlichen  Recidiven  und  erscheinen  dann  oft  in 
zunehmend  vergrösserter  Zahl  an  demselben  und  an  benachbarten 
Nerven ;  auch  kann  dann  Verwachsung  mit  der  Haut  und  Ulceration 
der  Neubildung  eintreten. 

Bei  den  heteroplastischen  Neubildungen  bestimmt  natürlich  der 
Charakter  der  Neubildung  häufig  den  Verlauf  und  dieselben  können 
deletären  Einfluss    haben,    ohne   erhebliche   nervöse  Störungen   zu 


574  Ebb»  Krankheiten  der  peripheren- cerebrospioalen  Nerven. 

machen.  Manchmal  entstehen  Airibunde  Erscheinungen,  acute  Neu- 
ritis u.  dgl.,  wenn  z.  B.  ein  Garcinom  in  grössere  Nenrenstämme 
hinein  wuchert;  eine  rapide  Weiterverbreitung  des  Leidens,  selbst  bis 
auf  das  Centraineryensystem  und  ein  rasches  Fortschreiten  der  Ka- 
chexie ist  dann  die  nicht  ungewöhnliche  Folge. 

Fast  gar  keine  Erscheinungen  machen,  wenigstens  in  vielen 
Fällen,  diemultiplenNeurome.  In  vielen  der  bekannt  gemachten 
Fälle  wurden  sie  zufällig  bei  der  Section  gefunden  oder  eben  so 
zufällig  schon  während  des  Lebens  entdeckt.  Immerhin  können 
auch  diese  Tumoren  mancherlei  Störungen  durch  ihre  mechanischen 
Einwirkungen  hervorbringen:  Schmerzen,  Lähmungen,  Anästhesie, 
Atrophie  der  Muskeln,  Haatulcerationen  u.  dgl.  hat  man  in  solchen 
Fällen  beobachtet.  In  andern  Fällen  —  besonders  da,  wo  auch  die 
sympathischen  Nerven  erheblich  mitbetheiligt  sind  —  stellen  sich 
schliesslich  allgemeine  Schwäche  und  Anämie,  Verdauungsstörungen 
u.  dgl.  ein,  und  die  Kranken  erliegen  oft  rasch  unter  schwer  zu 
deutenden  Symptomen.  Möglich,  dass  die  Betheiligung  des  Vagus, 
Sympathicus,  Phrenicus  u.  s.  w.  auf  diesen  Verlauf  von  Einfluss  ist 
Die  multiplen  Neurome  können  viele  Jahre  und  selbst  Jahrzehnte 
bestehen,  ohne  grosse  Störungen  zu  verursachen,  während  sie  andere 
Male  rascher  zum  .Tode  fuhren. 

Die  Diagnose  der  Neurome  gründet  sich  ausser  auf  die  an- 
geführten Symptome  fast  einzig  auf  den  Nachweis  verschieden  grosser, 
rundlicher,  oder  eiförmiger,  nur  in  seitlicher  und  nicht  in  der  Längs- 
richtung des  Nerven  beweglicher  Tumoren,  welche  längs  des  Ver- 
laufes gewisser  Nerven  aufzufinden  sind.  Eine  genauere  anatomische 
Diagnose  der  Neubildung  wird  selten  möglich  sein  und  muss  sich 
auf  die  allgemeinen  Principien  der  Diagnose  von  Geschwülsten  grün- 
den ;  dieselbe  kann  mit  Sicherheit  erst  durch  das  Mikroskop  gemacht 
werden.  —  Wo  keine  äusserlich  nachweisbare  Geschwulst  vorhanden 
ist,  wird  man  das  Neurom  aus  den  vorhandenen  nervösen  Störungen 
immer  nur  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  erschliessen  können. 

Prognose.  Das  wahre  Neurom  ist  immer  eine  locale  und 
gutartige  Neubildung;  es  kann  aber  gelegentlich  nach  der  Exstir- 
pation  locale  Recidive,  selbst  mehrfach  wiederholte  Recidive  machen, 
schliesslich  mit  der  Haut  verwachsen  und  selbst  exulceriren.  Von 
einer  allgemeinen  Infection  dagegen  ist  nichts  bekannt. 

Die  übrigen  Neubildungen  an  Nerven  theilen  die  Prognose, 
welche  sie  an  anderen:  Entstehungsorten  haben,  und  es  ist  auch  hier 
das  Princip  der  grösseren  oder  geringeren  Heteroplasie  für  die  Pro- 


Neubildung  an  den  Nerven.    Diagnose.    Prognose.    Therapie.  575 

gnose  entscheidend;  die  specifiscb  bösartigen  Neubildungen  haben 
nattlrlieh  auch  hier  eine  sehr  schlimme  Prognose. 

Unter  den  einzelnen  Fällen  sind  diejenigen  mit  heftigen  neural- 
gischen Schmerzen  schlimm,  T?enn  keine  Exstirpation  gemacht  werden 
kann,  weil  durch  kein  Mittel  die  Schmerzen  zu  beseitigen  sind,  und 
dieselben  den  Kranken  allmälig  erschöpfen.  Im  übrigen  richtet  sich 
die  Prognose  nach  der  Intensität  und  Ausbreitung  der  nervösen  und 
trophischen  Störungen.  Wo  keine  Operation  möglieh  ist,  bleibt  den 
Kranken  meist  nur  ein  äusserst  qualvolles  Dasein.  -  Das  gilt  natür- 
lich nicht  für  die  nicht  gerade  seltenen  Fälle,  wo  die  Neurome  gar 
keine  Symptome  machen. 

Therapie.  Die  Erfahrung  hat  gelehrt,  dass  alle  Versuche) 
die  Geschwülste  durch  innere  oder  äussere  Mittel  zur  Zertheilung, 
zum  Kleinerwerden  oder  zum  Verschwinden  zu  bringen,  vergebliche 
sind,  und  man  vergeude  deshalb  nicht  viel  Zeit  mit  solchen  Mitteln. 
Die  einzig  rationelle  Behandlung  der  Neurome  ist  sonach  eine  chirur- 
gische: die  Exstirpation  oder  Zerstörung  der  Geschwulst.  Nur  Schade, 
dass  sie  durchaus  nicht  überall  anzuwenden  ist,  und  dass  sie  nicht 
vor  Becidiven  und  Weiterverbreitung  des  Leidens  schützt.  Sie  ist 
natürlich  von  den  günstigsten  Erfolgen  begleitet  bei  den  solitären 
oder  bei  den  ganz  local  multiplen  Neuromen,  soweit  dieselben  zu- 
gänglich sind. 

Die  Exstirpation  ist  weitaus  das  vorzüglichste  Verfahren ;  es  ist 
am  besten,  wenn  es  dabei  gelingt,  den  Nerven  zu  erhalten,  und  die 
Geschwulst  von  ihm  loszulösen ;  geht  das  nicht,  dann  suche  man  nur 
ein  möglich  kleinstes  Stück  des  Nerven  zu  exstirpiren;  doch  tritt 
selbst  bei  zolllangen  Substanzverlusten  meist  noch  Regeneration  ein, 
wenn  auch  erst  nach  längerer  Zeit.  —  Oeftere  Recidive  machen 
manchmal  wiederholte  Exstirpation  nöthig,  manchmal  selbst  die 
Amputation.  —  Auch  die  Amputationsneurome  muss  man  exstirpiren ; 
selten  ist  es  nöthig,  höher  oben  zu  amputiren.  Bei  multiplen  Neu- 
romen oder  sehr  tieMtzenden  wird  man  meist  vom  Operiren  abstehen 
oder  doch  nur  die  störendsten  Geschwülste  entfernen.  Für  alle 
Details  vergl.  man  die  Handbücher  der  Chirurgie. 

Eine  Zerstörung  der  Neurome  durch  Caustica  oder  durch  Elek- 
trolyse wird  sich  unter  allen  Umständen  weniger  empfehlen,  wenn 
nicht  gerade  die  Exstirpation  mittelst  des  Messers  absolut  unausführ- 
bar ist. 

Im  Uebrigen  kann  nur  eine  symptomatische  Behandlung  Platz 
greifen,  und  dieselbe  kann  auch  in  den  Händen  eines  umsichtigen 
Arztes  vieles  zur  Erleichterung  der  oft  furchtbaren  Leiden  der  Kranken 


576  Ebb,  Krankheiten  der  peripheren-cerebrospinalen  Nerven. 

beitragen.  Wir  verweisen  in  dieser  Beziehung  aui  dajs  bei  der  Therapie 
der  Neuralgien,  der  Anästhesien  und  Lähmungen  Gesagte.  Man  wird 
in  solchen  Fällen  vorwiegend  auf  den  möglichst  umfassenden  und 
Tunsichtigen  Gebrauch  derNarkotica  angewiesen  sein,  und  es  brauchen 
die  allgemeinen  Regeln  für  denselben  hier  nicht  wiederholt  zu  werden. 


REÖISTEE. 


Abercrombie  543. 

Ableitungsmittel  b.  Derivantia. 

Aconitin  bei  Neuralgien  81. 

Aether  bei  Krämpfen  300.  313.  — bei 
Neuralgien  62. 

Aetz mittel,  Anästhesie  durch  solche 
bed.  189. 

Aftergegend«  Neuralgie  ders.   172. 

Ageusis  229. 

AgeuBtie  229. 

Akinesis  s.  Lähmung. 

Albucasis  18. 

Alfter  142.  148. 

Alkoholmissbrauch,  Kopfschmerz 
durch  solchen  bed.  131.  — ,  Neural- 
gien durch  solchen  bed.  26.  31. 

Allan  98. 

AI  Ige  mein  Störungen  bei  Krämpfen 
269.  344.  —  bei  Neuralgien  38.  56. 
106.  162. 

Allier  19. 

Aisberg  189. 

Alterantia  bei  Krämpfen  275. 

Althaus  19.  76.  81.  220.223.^234.235. 
360.  543.  558. 

Alyschewsky  310.  497.  509. 

Ameisenlaufen  s.  Formication. 

Amputation  bei  Neurom  575. 

Amylnitrit  bei  Kopfschmerz  134.  — 
bei  Prosopalgie  118. 

Anämie,  Kopfschmerz  durch  solche 
bed.  131.  — ,  Krämpfe  durch  solche 
bed.  263.  — ,  Neuralgien  durch  solche 
bed.  26.  72.  122.  137.  148. 

Anästhesie  7.  183.  —  nach  acuten 
Krankheiten  194.  205.  —  durch  Aetz- 

HAndbnoli  d.  spec  Pathologie  n.  Thenpie.    XOL 


mittel  bed.  189.  —  durch  Anaesthe- 
ticabed.  194. — ,  Bewegungsstörungen 
bei  ders.  200.  — ,  cerebrale,  192.  206. 
~  d.  Chorda  tympani  230.  —  durch 
Circulationsstörungen  bed.  189.  205. 
— ,  circumscripte,  186.  —,  complete, 
186.  —,  cutane,  46.183.  184.  — ,Diät 
bei  ders.  214.  — ,  diffuse,  186.  — , 
Elektridtät  bei  ders.  189.  212.  219. 
234.  —  durch  Erkältung  bed.  204. 
— ,  Ernährungsstörungen  bei  ders.  201. 
~,  Faradisation  bei  ders.  212.  219. 
— ,  Galvanisation  bei  ders.  213.  219. 

—  bei  Gelenkneurose  177.  —  d.  Ge- 
mchsnerven  s.  Anosmie.  —  d.  Ge- 
schmacksnerven 229.  — ,  Hautreize 
bei  ders.  213.  —  durch  Hautzerstö- 
rung  bed.  189.  —  durch  Hitze  bed. 

188.  —  bei  Hysterie  193.  205.  — ,  in- 
complete,  186.  —  durch  Ischämie  bed. 

189.  205.  —  durch  Kälte  bed.   188. 

190.  —  bei  Krämpfen  201.  267.  325. 
344.  —  bei  Lähmungen  200.  378.  518. 
— ,  musculäre,  183.  214.  — dMuskel- 
gefOhls  218.  —  d.  Muskelsinns  218. 

—  durch  Narcotica  bed.  189.  194.— 
bei  Neuralgien  46.  102.  145.  154.  161. 
177.  190.  —  bei  Neuritis  190.  205. 
550.  551.  —  bei  Neuromen  572.  — 
bei  Neurosen  193.  — ,  Parästhesien 
bei  ders.  199.  — ,  partielle,  185.  — , 
periphere,  188.  — ,  Reflexbewegungen 
bei  solcher  201.  — ,  Schmerz  [bei  ders. 
102. 200.  — ,  sensuale,  183.  — ,  Sinnes- 
empfindungen bei  ders.  200.  — ,  spi- 
nale,  190.  206.  —  durch  Stauungs- 

Bd.  1.    2.  Aafi.  37 


578 


Register. 


hyper&mie  bed.  189.  — ,  syphilitische, 
206.  — ,  Tod  durch  solche  bed.  209. 
— ,  totale,  185.  — ,  toxische,  194.205. 
— ,  traumatische,  190.  204.  —  d.  Tri- 
geminus  206.  (mit  Aufhebung  d.  Ge- 
schmacks)  223.   — ,    vasomotorische, 
205.  —,  vasomotorische  Störungen  bei 
ders.   201.  — ,  viscerale,   183.   —  d. 
Wäscherinnen  189.  204.  Vgl.  Sensibi- 
lit&tsstörungen. 
Anaesthetica,    Anästhesie  durch 
solche    bed.   194.  ~  bei  Krämpfen 
275.  300.  311.  313.  349.—  bei  Neur- 
algien 78.  82.  117.  167. 
Analgesie  185.  —  bei  Syphilis  194. 
Andr^  18. 
Aneurysmen,  Neuralgie. durch  solche 

bed.  28.  98.  143. 
Anosmie  237.  — ,  essentielle,  241. 
Anstie  19.  23.  24.  25.  28.  33.  36.  43. 
44.  46.  49.  52.  54.  57.  69.  73.  74.  81. 
85.  87.  88.  95.  99.  105.  106. 107. 110. 
116.  123.  147.  156.  157.  158.162.166. 
223. 
Antagonisten,   Contractur  ders.  bei 
Lähmungen  377.  448.  450.  451.  452. 
453.  503. 
Apophysenpunkt  43.  —  bei  Pros- 
opalgie 102. 
Aretaeus  18. 

Argentum  nitricum  b. Kopfschmerz 
135.  —  bei  Krämpfen  276.  290.  314. 
Arloing  187.  518.  524. 
Arlt  441. 
Armaingaud  43. 

Armmuskeln,  Krampf  in  dens.  305. 
Arndt  215. 

Arnica  bei  Lähmungen  439. 
Arnold  469. 
Aronssohn  565. 

Arsenik  bei  Krämpfen  '276.  281.  290. 

300.  314.  —  bei  Lähmungen  439.  — 

bei  Neuralgien  118.  135.  141. 169.  182. 

Artemisia  bei  Krämpfen  276. 

Arteria  aorta,    Intercostalneuralgie 

durch  Aneurysma  ders.  bed.  143. 
Arteria  carotis  interna,  Prosopalgie 
durch  Aneurysma  ders.  bed.  88.    S. 
a.  Carotisunterbindung. 


Arteriotomie  bei  Neuralgien  93. 

Asa  foetida  bei  Krämpfen  276.  290. 
314.  —  bei  Neuralgien  86. 

Athetosis  336. 

Atrophie  d.  Nerven  559.  S.  a.  Er- 
nährungsstörungen. 

Atropin  bei  Krämpfen  281.  290.  294. 
300.  313.  332.  —  bei  Nervenhyper- 
ämie 543.  —  bei  Neuralgien  81.  82. 
116.  117.  141.  155.  167.  182. 

Auge  bei  Facialislähmung  466.  —  bei 
Neuralgien  54.  — ,  Prosopalgie  in  Bes. 
zu  dems.  99.  102.  105.  —  bei  Tri- 
geminusanästhesie  207.  — ,  Ueba> 
anstrengung  dess.,  Neuralgie  in  Folge 
ders.  32.  99. 

Augenmuskeln,  Contractur  ders. bei 
Lähmung  d.  Antagonisten  448.  — , 
Lähmung  d^.  441. 

Automatische  Bewegungen  245. 
—  bei  Lähmung  376. 

Avicenna  18. 

d'Axthrey  149.  153.  156.  172. 

Bachon  497.  513. 

Bade  euren  s.  Bäder;  Mineralwasser- 
curen. 

Bäder  bei  Krämpfen  350.  —  bei  Läh- 
mungen 434.  439.  526.  541.  —  bei 
Neuralgien  88.  119.  169.  S.  a.Miiie- 
ralwassercuren. 

Bärensprung  19.  53.  553. 

Bärwinkel  40.  220.  224.  360.  399. 
423.  458.  459.  460.  462.  482.497.515. 
527.  544.  551.  552. 

Bahrdt  53. 

Baierlacher  399.  460.  473. 

von  Bamberger  310.  336. 

Baraesthesiometer  196. 

Bardeleben  91. 

Barkow  565. 

Barth  95. 

Bartholow  82.  130. 

Baruch  156. 

Barwell  174. 

Basedow  326. 

Bassereäu  142.  143.  144. 

Bauchmuskeln,  Lähmung  ders.  505. 

Bauer  340.  341. 


Register. 


579 


Bazire  224.  460.  469. 

Beard  19.  76.  77.  130.  134.  234.  242. 
296. 

Beau  142.  543.  545.  551. 

Beitter  333.  334. 

Bell  19.  91.  214.  217.  223.  268.  278. 
282.  294.  296.  303.  309.  441.  458.  460. 
463.  496.  497.  502. 

Belladonna  bei  Ejrämpfen  294.  —  bei 
Neuralgien  81.  141.  149.  Vgl.  Atropin. 

Benedikt  5.  36.  41.  58.  63.  65.  76. 
109.  115.  127.  131.  134.  168.  174.  254. 
274,  282.  289.  290.  296.  309.  312.  313. 
319.  321.  322.  341.  345.  351.  359.  360. 
373.  441.  457.  458.  472.  478.  544.  553. 

Beneke  360.  385. 

B^rard  41.  121.  223.  543. 

Berger  19.  47.  83.  174.  175.  176.  177. 
179.  182.  183.  186.  188.  332.  344.  350. 
497.  600.  501. 

Berglind  440. 

Bergson  135. 

Bernard  203.  217.  221.  222.  460. 

Bernhardt  214.  217.  220.  223.  369. 
410.  411.  412.  461.  469.  474.  483.  496. 
497.  514.  515.  518.  520.  524.  544.  545. 
551.  552. 

Beschäftigungskrampf,  tonischer, 
341.  346. 

Beschäftigungsneurosen,  coordina- 
torische,  321. 

Betz  156.  166. 

Bewegungen,  automatische,  245.  (bei 
L&hmungen)  376.  —,  Gombination  u. 
Coordination  ders.  246.  ~,  willkür- 
liche, 244.   S.  a.  Beflexbewegungen. 

Bewegungsneryen,  Erregbarkeit 
ders.  durch  el^trische  u.  mechanische 
Beize  250.  — ,  Neurosen  ders.  242.  — , 
Zuckungsgesetz  ders.  253.  403. 

Bewegungsstörungen  bei  Anästhe- 
sien 200.  -—  bei  Krämpfen  266.  — 
bei  Lähmungen  374.  —  bei  Nerven- 
hyperämie 543.  —  bei  Neuralgien  38. 
48.  65.  103.  123.  139.  145.  152.  154. 
161.  178.  —  bei  Neuritis  550.  551.  - 
durch  Neurome  bed.  572. 

Bianchi  531. 

Biermer  309.  311.  316. 


Billroth  382.  497. 

Bindegewebe  bei  Lähmung  381.  39 K 

Binz  200.  233. 

Bischoff  566. 

Bismuthum  nitricum  bei  Krämpfen 

276. 
Bittner  127. 
Bizzozero  360.  390. 
Blase,  Lähmung  ders.  bei  Ischiadicus- 

lähmung  539.  — ,  Neuralgie  ders.  172. 
Blasenpflaster    bei    Kopfschmerz 

134.  —  bei  Krämpfen  281.  300.  —  bei 
Neuralgien  87.  125.  127.  141.  147.  155. 
166.  182.  Vgl.  Derivantia. 

Bleivergiftung,  Kopfschmerz  bei 
solcher  131.  — ,  Lähmung  durch  sol- 
che bed.  368.  393.  422.  514.  520.  526. 
527.  — ,  Neuralgie  durch  solche  bed. 
30. 

Blepharospasmus  291. 

Blutegel  bei  Kopfschmerz  134. 

Blutentziehungen  bei  Krämpfen 
350.  —  bei  Neuralgien  149. 

Blutmischung,  abnorme,  Krämpfe 
durch  solche  bed.  264.  — ,  Lähmung 
durch  solche  bed.  367.  426. 

Blutstauung,  venöse,  Lähmung 
durch  solche  bed.  361.  — ^  Neuralgien 
durch  solche  bed.  28.  71.  158. 

Blutzufluss  zu  d.  erkrankten  Theilen, 
therapeutische  Hemmung  dess.  bei 
Neuralgien  92. 

Boddaert  177. 

Botkin  508. 

Bouchut  340.  347. 

Bousseau  149.  154. 

Bouvin  285. 

Bowman  54.  95.  105. 

Brachiotonus  rheumaticus  341. 

Bratsch  95. 

Braun  159.  162.  364.  435. 

Brenner  251.  360.  397.  399.  404.  410. 
441.  461.  473.  474.  475.  489.  497.  513. 
522.  531. 

Bretschneider  19.  20.  24.  32.  56.  121. 

135.  142.  149. 
Bright  309. 

Brodle  19.  154.  164.  174.  175.  178. 
179.  181.  309. 

37* 


580 


Eegister. 


Bromkalium  bei  Kopfschmerz  135. 

—  bei  Krämpfen  276.  ^0.  —  bei 
Neuralgien  85. 

Brown-S^quard  187.  200.  360.  372. 

419. 
Bruch  360.  385.  388. 
Brucin  bei  Lähmungen  438. 
Brück  319. 
Brünniche  83.  242. 
von  Bruns  19.  .95. 
BrustdrüBenneuralgie  147. 
Büttner  183.  202. 
Buhl  369. 

Burckhardt  319.  325.  329.  331. 
Busch   183.   188.  221.  231    275.    296. 

301.  306.  309.  424.  497.  514.  522.  526. 
Butylchloral  bei  Kopfschmerz  134. 

—  bei  Neuralgien  83.  117. 
Buzzard  457. 

Campbell  303. 

Cannabis  indica  bei  Krämpfen  281. 
313. 

Canstatt  19. 

Ganthariden  bei  Lähmungen  439. 

Caput  obstipum  spasticum  301. 

Carcassonne  310.  314. 

Carcinom  an  d.  Nerven  569. 

Carl  220. 

CarnochaQ.98. 

Carotisunterbindung.bei  Prosop- 
algie 93.  121. 

Carpentier-M^ricourt  142. 

Caspari  497. 

Gastoreum  bei  Neuralgien  86. 

Causalgia  40.  138.  141. 

Cauterisation  s.  Aetzmittel;  Glüh- 
eisen. 

Gazenave  319. 

Gejka  497. 

Centrallähmuugen  364. 

Gephalaea  s.  Kopüschmerz. 

Gephalalgia  s.  Kopfschmerz. 

Gerutti  241. 

Gervicalnerven,  Krampf  im  Gebiete 
ders.  303!  — ,  Lähmung  im  Gebiete 
ders.  496.  — ,  Neuralgien  im  (Gebiete 
ders.  121.  135. 

Gervicobrachialneuralgie  135. 


Gervicooccipitalneuralgie  121. 

Ghapman  135. 

Ghaponni^re  96. 

Gharcot  53.  55.  224.  356.  360.  382. 
383.  395.  561. 

Ghasmus  s.  Gähnkrampf. 

Ghaussier  19.  142.  172. 

Chemische  Reize,  Krämpfe  durdi 
solche  bed.  263. 

Chinin  bei  Kopfschmerz  135.  —  bei 
Nervenhyperämie  543.  —  bei  Neur- 
algien 85.  118.  141.  169.  182. 

Chlor alhydrat  bei  Neuralgin  83. 

Chloroform  bei  Kopfschmerz  134.  — 
bei  Krämpfen  290.  300.  311.313.349. 
—  bei  Neuralgien  82.  141. 

Cholera,  Crampi  bei  solcher  337. 

Chorda  tympani  als  Geschmacksnenr 
221.  — ,  Leitungshemmung  in  ders. 
230. 

Chouppe  98. 

Ghvostek  497. 

Ciliarneuralgie  106. 

Ciniselli  169.  332. 

Girculation  SS  törungen,  Anästhesie 
durch  solche  bed.  189.  205.—,  Kräm- 
pfe durch  solche  bed.  263.  — ,  Läh- 
mungen in  Bez.  zu  solchen  367.  — , 
Neuralgien  durch  solche  bed.  28.  71. 
158.   Vgl.  Vasomotorische  Störungen. 

dar  US  253. 

Clavus  130.  —  hystericus  132. 

Clemens  339.  341. 

Cloquet  225. 

Goccygodynie  173. 

Gohn  224. 
,  Cohnheim  55.  203. 

Combi  na tien  d.  Bewegungen  246. 

Compression,  Lähmungen  durch 
solche  bed.  365.  424.  442.  463.  475. 
480.  490.  513.  520.  522.  533.  534.  — , 
Neuralgien  durch  solche  bed.  151. 
158.  —  bei  Neuralgien  89.  119. 

Goncato  335. 

Gongestion  d.  Nerven  542. 

Constant  339.  340. 

Contractur  256.  351.  —  im  Accesso- 
riusgebiete  301.  —  d.  Adductoren  d. 
Oberschenkels  334.  —  d.  Antagonisten 


Register. 


581 


bei  L&hmongen  448.  450.  451.  452. 
453.  503.  — ,  aufsteigende,  306.  — , 
centralbedingte,  354.  358.  —  d.  Ca- 
coDaris  301.  ->,  Elektricit&t  bei  sol- 
cher 358.  —  d.  Gesichtsmuskeln  478. 
489.  —  bei  Hemiplegischen  354.  — 
d.  Hafte,  spastische,  333.  —  d.  Leva- 
tor  anguli  scapolae  305.  — ,  myopa- 
thische,  351.  353.  358.  —,  neoropa- 
thische,  351.  353.  358.  —,  orthopä- 
dische Behandlung  ders.  302.  — , 
paralytische,  351.  358.  —  durch  Re- 
flexwirkung bed.  354.  358.  — ,  rheu- 
matische, 341.  —  d.  Rhomboidei  305. 
— ,  secundäre,  351.  —  d.  Splenius 
capitis  304.  —  d.  Stemodeidomastoi- 
deus  301.  ^  d.  Unterschenkelmuskeln 
334.  —  d.  Wadenmuskeln  335. 

Convulsibilit&t  261.  264.  272. 

CouYulsionen  256. 

Cooper  142.  148.  149.  153.  172. 

Goordination  d.  Bewegungen  246. 

Cornil  360.  384. 

Corvisart  340.  341. 

Cossy  360.  385.  386. 

Gotard  53. 

Gotugno  19.  155.  166. 

Goxitis,  Enieschmerz  bei  ders.  151. 

Graig  464. 

Grampus  256.  337. 

Grotonchloralhydrat  siehe  Butyl- 
chloral. 

Grotonöl  bei  Neuralgien  125. 

Gruralneuralgie  149.  150. 

Gruveilhier  313. 

GuUerier  282. 

Gurare  bei  Krämpfen  290.  300. 

Gyoji  410. 

Czerny  565.  570. 

Da  hl  303.  306. 

Dance  339.  340. 

Danet  312. 

Danielssen  53. 

Dardel  156.  172. 

Darmkrankheiten,  Krämpfe  durch 

solche  bed.  342.  — ,  Neuralgien  bei 

solchen  32. 
Dayaine  224.  460. 


Daviot  497. 

Debrou  259.  282.  287. 

Decubitus  bei  Lähmung  382.  383. 

Dehler  566. 

Dehnung  d.  Nerven  bei  Neuralgien 
93.  170. 

D^jerine  360.  385.  386. 

Deleau  464. 

Delevi^leuse  282.  291. 

Delpech  ^39. 

Delstanche  296. 

Derivantia  bei  Anästhesie  213. —  bei 
Gelenkneurose  1 8 1 . — bei  Kopfischmerz 
134.  —  bei  Krämpfen  276.  281.  300. 
311.  318.  —  bei  Lähmungen  440.  — 
bei  Neuralgien  86.  118.  125.  141.  147. 
155.  166.  —  bei  Neuritis  558.  559. 

Descot  56.  543. 

Desnos  497. 

Diabetes,  Augenmuskellähmung  bei 
solchem  443.  — ,  Ischias  bei  solchem 
159.  162.  — ,  Wadenkrampf  bei  sol- 
chem 338. 

Diät  bei  Anästhesie  214.  — bei  Kräm- 
pfen 272.  350.  —  bei  Lähmungen  440. 
—  bei  Neuralgien  69.  72.  73.  121. 
142.  170. 

Dickinson  559.  562. 

Dieffenbach  291.  332. 

Digitalis  bei  Nervenhyperämie  543. 

Diphtheritis,  Lähmung  durch  solche 
bed.  422.  443. 

Diplegia  facialis  460.  476. 

D  i  p  1 0  p  i  e  bei  Augemnuskellähmung  445. 

449.  450.  451.  452.  453. 
Disposition  zu  Krämpfen  s.  Gonyul- 

sibilität   — ,  neuropathische,  22.  68. 

71.  (in  Bez.  auf  Prosopalgie)  96. 
-Dixon  183.  223. 
Domanski  360. 
Dorsalneryen,  Krämpfe  im  Gebiete 

ders.  303.  — ,  Lähmungen  im  Gebiete 

ders.  496.  — ,  Neuralgie  im  Gebiete 

ders.  142. 
Dorsointercostalneuralgie  142. 
Dosteis  333.  336. 
Douche  bei  Lähmungen  439. 
Driver  441. 
Druck  s.  Gompression. 


582 


Register. 


Drnckempfindungen  184. 
Druckpankte  bei  Krämpfen  270. 285. 

292.  298.  308.  325. 
Druck  sinn,  Prüfung  dess.  196. 
Dubois  236. 
Dubreuilh  543. 
Duchenne  19.  76.  77.  214.  217.  218. 

242.  248.  296.  301.  303.  304.  306.  309. 

310.  319.  333.  335.  358.  360.  422.  427. 

431.  478.  479.  489.  490.  496.  497.  498. 

499.  500.  508.  509.  521.  524.  527.  529. 

530.  531.  536.  537. 
Duhring  135.  137.  141. 
Dum^nil  543.  544.  555. 
Dumontpallier  310.  313. 
Duplay  465. 
Dura  mater,   Empfindlichkeit   ders. 

130. 
Dyskrasien,  Neuralgien  bei  solchen 

30.  72.  100. 

Ebert  296. 

Ebstein  369. 

Eckhard  203. 

Eichel,  Neuralgie  ders.  171. 

Eichhorst  360.  388.  516. 

Eigenbrodt  9.  183.  196. 

Einreibungen,  reizende,  bei  Läh- 
mungen 439. 

Eis  bei  Nervenhyper&mie  543.  —  bei 
Neuritis  558. 

Eisen  bei  Kopfschmerz  135.  —  bei 
Neuralgien  85. 

Eisenlohr  369.  412.  531.  535.  544. 
545.  552.  553. 

Eisenmann  19.  71.  114. 127. 172.  341. 

Elektricität  bei  Anästhesie  212.  219. 
234.  — ,  Anästhesirung  mittelst  ders. 
189.  —  beiAnosmie242.  —  bei  Con- 
tracturen  358.  —  bei  Gelenkneurose 
182.  —  bei  Kopfschmerz  134.  —  bei 
Krämpfen  273.  281. 289.  293.  294.  300. 
302.  309  311.  313.  318.  330.  334.  336. 
350.  —  bei  Lähmungen  427.  456.  460. 
487.  488.  489.  493.  496.  506.  509.  526. 
540.  —  bei  Nervenatrophie  564.  — 
bei  Neuralgien  75.  87.  114.  125.  140. 
147.  149.  155.  167.  173.  182.  —  bei 
Neuritis  558.  559. 


Elektrisches  Verhalten  der  Mus- 
keln bei  Krämpfen,  Ck)ntracturen  und 
Lähmungen  250.  269.  325.  345.  357. 
396.  402.  459.  472.  492.  502.  511.  519. 
528.  529.  530.  —  d.  Nerven  b^  Neur- 
algien, Krämpfen,  Lähmungen,  Neu- 
ritis u.  Nervenatrophie  58.  162.  250. 
269.  325.  345.  396.  400.  472.  492. 
509.  519.  528.  529.  5.30.  552.  563. 

Ellbogenluxation,  Lähmungennach 
solcher  528. 

Empfindung  5. 10. — ,  Lähmung  ders. 
183.  vgl.  Anästhesie.  — ,  Zeitdauer  d. 
Leitung  ders.  198.  Vgl  Sensibilität 
tt.  s.  w. 

Entartungsreaction  d.  Muskdn  o. 
Nerven  bei  Lähmungen  399.  402.  473. 
502.  519.  521.  528.  529.  530. 

Entbindungslähmung  529. 

Entzündung  d.  Nerven  s.  Neuritis. 

Epidermis  bei  Lähmungen  381. 

Erb  157.  220.  224.  231.  25Q.  252.  282. 
303.  304.  333.  340.  353.  360.  385. 
391.  399.  406.  411.  412.  441.  460. 
461.  478.  490.  492.  497.  543. 

Erblichkeit  d.  Gonvulsibilität  264. 
—  d.  Neurombüdung  571.  —  d.  neu- 
ropathischen  Disposition  23.  ~  d. 
Prosopalgie  96. 

Erbrechen  bei  Neuralgien  123.  148. 
153.  172. 

Erdmann  399. 

Ergotismus,  Tetanie  bei  dems.  341. 

Erkältung,  Anästhesie  durch  solche 
bed.  204. — ,  Kopfschmerz  durch  solche 
bed.  132.  — ,  Krämpfe  durch  solche 
bed.  280.  286.  299.302.  311.  327.  341. 
— ,  Lähmungen  durch  solche  bed.  370. 
424.  425.  441.  462.  472.  477.  486. 487. 
490.500.  510.  513.  514.  526.  535.  — , 
Neuralgien  durch  solche  bed.  29.  71. 
97.  122.  137.  143.  151.  158.  173.  176. 
— ,  Neuritis  durch  solche  bed.  544. 
— ,  Neurome  durch  solche  bed.  571. 

Erlenmeyer  142. 

Ernährung  bei  Gesichtskrampf  281. 

Ernährungsstörungen  bei  Anästhe- 
sie 201.  — ,  Krämpfe  durch  solche 
bed.  264.  —   bei  Krämpfen  268.  — 


Register. 


583 


bei  L&hmtmgen  380.   382.   383.   394. 

472.  502.  511.  519.  524.  525.532.534. 

539.  — ,  Neuralgien  durch  solche  bed. 

25.  —   bei  Neuralgien  35.   51.   105. 

139.    145.    162.    178.  —  bei  Neuritis 

553. 
Erregbarkeit,  elektrische,  s.  Elek- 
trisches Verhalten.  —  d.  Empfindungs- 

apparate,  pathol.  veränderte,  7.   — , 

mechanische  (d.  Muskeln  und  Nerven, 

Prüfung  ders.)  250.  (d.  Muskehi  bei 

Lähmung)  406. 
Erschöpfung  d.  Nervensystems,  Läh- 
mung durch  solche  bed.  371.    YgL 

Ueberanstrengung. 
Erysipelas  bei  Neuralgien  52.  105. 
Erythem  bei  Neuralgien  52. 
Erziehung,    Neuralgien  in  Bez.   zu 

ders.  25. 
Esmarch  53.  164.  174.  175.  176.  178. 

179.  180.  181.  182.  425. 
Eulenburg  5.  9.  14.   19.  24.  37.  43. 

44.  58.  79.  84.  95.110.  121.  127.  131. 

135.  141.  142.  149.  153.156.  157.162. 

172.  183.  188.  189.  196.  197.214.220. 

234.  253.  275.  278.  282.  296.  303. 309. 

313.  319.  325.  334.  351.360.399.441. 

458.  461.  490.  493.  496.  497.509.  531. 

559.  561. 
Exophthalmus  paralytlcus  449. 

Facialiskrampf  s.   Gesichtskrampf. 

Facialislähmung460.— nach  acuten 
Krankheiten  465.  ~,  central  bedingte, 
480.  481.  — ,  doppelseitige,  460.  476. 
— ,  Elektridtät  bei  solcher  487.  488. 
489.  — ,  elektrisches  Verhalten  der 
Muskeln  u.  Nerven  bei  solcher  472. 
— ,  Qaumensegel  bei  ders.  467.  — 
durch  Qehimkrankheiten  bed.  464. 
476.  — ,  Gehör  bei  ders.  469.  — ,  Ge- 
ruch bei  ders.  470.  — ,  Geschmack 
bei  ders.  224.  231.  468.  — ,  Gesichts- 
krampf nach  solcher  288.  478.  — , 
Jodkalium  bei  ders.  488.  — ,  Mitbe- 
wegungen bei  ders.  472.  —  durch 
Nervencompression  bed.  463. 475. 480. 
—  durch  Ohrenkrankheiten  bed.  464. 
— ,  Oxyokoia  durch  solche  bed.  470. 


— ,  periphere,  476.  481.  — ,  Beflexbe- 
wegungen  bei  ders.  471.  — ,  rheuma- 
tische, 462.  472.  477.  486.  487.  — 
durch  Rückenmarkskrankheiten  bed. 
465.  — ,  Sensibilität  bei  ders.  471.  ~, 
Speichelabsonderung  bei  ders.  469.  — , 
syphilitische,  464.  — ,  traumatische, 
463. 475.  479.  — ,  trophische  Störungen 
bei  ders.  472.  — ,  vasomotorische  Stö- 
rungen bei  ders.  472.  — ,  Zäpfchen 
bei  ders.  467.  — ,  Zunge  bei  ders.  471. 

Fäcalanhäufungen,  Neuralgien 
durch  solche  bed.  28. 

Falot  121. 

Faradisation  bei  Anästhesie  212.219. 

—  bei  Anosmie  242.  —  bei  Contrac- 
turen  358.  359.  — ,  elektrocutane  Sen- 
sibilität mittelst  ders.    geprüft    198. 

—  bei  Kopfschmerz  134.  —  bei  Kräm- 
pfen 274.  281.  290.300.302.  309.  311. 
313.331.  336.  350.  —  bei  Lähmungen 
234.427. 431. 457. 460.486.488. 489. 496. 
506. 509. 527.  — ,  Motilität  mittelst  sol- 
cher unters.  247.  251.  —  bei  Neural- 
gien 75.  114.  125.  141.  147.  168.  182. 

—  bei  Neuritis  558. 
Feinberg  360.  373.  549.  556. 
Ferber  310.  318. 
Ferrario  340.  347. 
Ferr^ol-Reuillet  496.  514.548.555. 

565.  566. 
Ferrier  130.  364. 
Fibrome,    Mastodynie  durch  solche 

bed.  149.  —  an  Nerven  568. 
Fieber  242. 
Fieber,  Kopfischmerz  bei  solchem  128. 

—  bei  Neuritis  344. 
Fioravante  156. 

Fischer  360.  381.  497.  519.  544.  551. 

552. 
Fleckles  254. 
Fletcher  241. 
Flies  19.  162. 
Fluor   albus    bei  Lumboabdominal- 

neuralgie  153. 
Förster  543.  559.  565. 
Fontanelle  bei  Ischias  167. 
Formication  199.  —  bei  Krämpfen 

267.  325.  —   bei  Lähmungen  379.  ~ 


584 


Register. 


bei  Nervenfayperämie  543.  —  bei  Neur- 
algien 46.  lOÖ.  139.  154.  161.  177.  — 
bei  Neuritis  551. 

Fothergill  19.  95. 

Fothergill*ftcher  Gesichts- 
schmere  s.  Prosopalgie. 

Fourniö  497. 

Fournier  30.  132.  194.  206.  296.  370. 

Frftnkel  230. 

Francois  282. 

Frank  19. 

von  Franque  240. 

Fremdkörper,  Neuralgien  durch 
solche  bed.  27.  70.  97.  137.  151. 

Freu B borg  254.  264. 

Friedberg  114.  359. 

Fried  reich  55.  124.  316.  393.  395. 
460.  543.  553.  555.  561.  562. 

Fritsch  244.  259.  361.  363. 

Fritz  319.  328, 

Frommhold  19.  115.  274.  290. 

Froriep  548.  555. 

Füller  156. 

ftaedechens  460. 

O&hnkrampf  317. 

Oftrtner  93. 

Oalenus  18. 

Galvanisation  bei  Anftsthesie  213. 
219.  —  bei  Anosmie  242.  —  bdCon- 
tracturen  358.  359.  — ,  Geschmack 
mit  solcher  geprOft  227.  —  bei  Ge- 
Bchmackfllfthmnng  234.  —  bei  Kopf- 
schmerz 134.  —  bei  Krämpfen  27. 281. 
289.  293.  294.  300.  311.  313.336.350. 
—  bei  L&hmungen  234.  427.  432. 456. 
460.  487.  488.  489.  496.  506.  509. 527. 
541.  ~,  Motilität  mittelst  ders.  unter- 
sucht 251.  —  bei  Neuralgien  76.  77. 
115.  125.  140.  147.  155.  168.  182.  — 
bei  Neuritis  558. 

Gaumen  bei  Facialislähmung  467. 

Gefahl  s.  Empfindung. 

Gehirn,  Empfindlichkeit  dess.  130.  — , 
Schmerz  in  Bez.  zu  dems.  16. 

Gehirnkrankheiten«  Anästhesie 
durch  solche  bed.  192.  206.  — ,  Anos- 
mie bei  solchen  241.  — ,  Contracturen 
bei  solchen  354.  — ,  Kopfschmerz  bei 


solchen  129.  — ,  Krämpfe  durch  solche 
bed.  299.  318.  —,  Lähmungen  bei  sol- 
chen 364.  379.  383.419.  426.442.464. 
476.  — ,  Nervenatrophie  durch  sokhe 
bed.  561.  — ,  NeuraJgien  durch  solche 
bed.  31.  71.  98.  112.  122.  159.  — , 
Singultns  bei  solchen  312. 

Gehirnneuralgie  107. 

Gehör  bei Fadatislähmung  469.  —  bd 
Gesichtskrampf  285.  —  bei  Prosopal- 
gie 103.  —  bei  Trigeminusanästhesie 
208. 

Gelenke  bei  Lähmungen  382. 

Gelenkleiden,  hysterisches,  174. 

Gelenkneuralgie  174. 

Gelenkneurosen  174. 

Gelseminum  sempervirens  bei  Neural- 
gien 83. 

Gemeingefühl  10.  185.  — ,  Lähmuag 
dess.,  partielle,  185.  —»PrOfungdeas. 
197. 

Gemüthsbewegungen  s.  Psychische 
Einflüsse. 

Gergens  394. 

Germain  278. 

Geruch  bei  Facialislähmung  470.  — 
u.  G^eschmack,  gegens.  Yerh.  ders. 
237,  — ,  Prüfung  dess.  235.  —  bei 
Trigeminusanästhesie  208. 

Geruchsnerven,  Anästhesie  ders. 
237.  — ,  Hyperästhesie  ders.  236.  -^, 
Neurosen  ders.  234.  — ,  Parästhesien 
ders.  236. 

GeschlechtinBez.auf:  Gonvulsibilität 
264;  Krämpfe  286.  327;  Neuralgien 
24.  67.  96.  137.  143.  157.  17$;  Ncu- 
rome  571. 

Geschlechtsleben,  Neuralgien  in 
Bes.  >  zu  dems.  24.  32.  96.  148.  153. 
S.  a.  Puerperium. 

Geschlechtstheile  bei  Lumboabdo- 
mmakeuralgie  153.  — ,  Neuralgien 
ders.  170. 

Geschmack  bei  Facialislähmung  224. 
231.  468.  —  u.  Geruch,  gegens.  Yerh. 
ders.  237.  ~  bei  Ge8icht8kram^285. 
—  bei  Prosopalgie  103.  — ,  Prüfung 
dess.  227.  ~  bei  Trig^ninusanästhesie 
208.  223. 


Begister. 


585 


Geschmacksnerven,       Anästhesie 

dem.  ^29.  — ,  Hyperästhesie  ders.  228. 

— ,  Neurosen  ders.  220.  — ,  Parästhe- 

sien  ders.  229. 
Geschwülste  an  d.  Nerven  568.  — , 

Neuralgien  durch  solche  bed.  28.  71. 
Gesichtsfeld,  tische Projection dess. 

bei    Augenmuskellähmung  446.  449. 

450.  451.  452.  453. 
Gesichtsknochen,    Prosopalgie  bei 

Krankheiten  ders.  97. 
Gesiohtskrampf,      Ableitungsmittel 

bei  dems.  281.  — ,  Argentum  nitr.  bei 

dems.  290.  -— ,  Arsenik  bei  dems.  281. 

290.  — ,  Asa  foetida  bei  dems.  290. 
— ,  Atropin  bei  dems.  290.  — ,  Chloro- 
form bei  dems.  290.  — ,  Curare  bei 
dems.  290.  — ,  difEuser,  283.  — ,  Druck- 
punkte bei  dems.  285.  292.  —,  Elek- 
trieität  bei  dems.  281.  289.  294.  — 
durch  Erkältung  bed.  280.  286.  -, 
fimährung  bei  solchem  281.  —  nach 
Facialislähmung  288.  478.  489.  - 
durch  Facialisreizung  bed.  287.  — , 
Gehör  bei  dems.  285.  — ,  Geschlecht 
in  Bez.  zu  dems.  286.  — ,  Geschmack 
bei  dems.  285.  —,  Jodkahum  bei  dems. 

281.  —,  klonischer,  279.  28.H.  294.  — , 
masticatorischer,  278.  — ,  mimischer, 

282.  — ,  Morphium  bei  dems.  290.  — , 
Myotomie  bei  dems.  291.  — ,Narcotica 
bei  dems.  281.  290.  294.  — ,  Nervina 
bei  dems.  290.  —,  Neurotomie  bei 
dems.  290.  ~,  Paroxysmen  bei  dems. 

283.  — ,  partieller,  291.  —,  Prädispo- 
sition zu  dems.  286.  —  \m  Prosopalgie 
103.  —  durch  psychische  Einflüsse 
bed.  288.  —  durch  Reflexeinflüsse  bed. 
280.  287.  293.  295.  — ,  Sensibilitäts- 
störungen bei  dems.  284.  — ,  Strychnin 
bei  dems.  290.  — ,  tonischer  279.286. 

291.  ~,  Valeriana  bei  dems.  290.  — , 
Zink  bei  dems.  281.  290. 

Gesichtslähmung,   masticatorische, 
458.  " ,  mimische,  s.  Facialislähmung. 
Gesichtsschmerz  s.  Prosopalgie. 
Gicht,  Lähmung  bei  solcher  370. 
Gifte  s.  Vergiftungen. 
Glaukom  durch  Neuralgie  bed.  54  106. 


Gliome  an  Nerven  569. 

Glossoplegia  493. 

Glüh  eisen  bei  Kopfschmerz  134.  •— 
bei  Krämpfen  276.  300.  309.  —  bei 
Neuralgien  87.  88.  118.  125. 141. 167. 

Goldstein  259. 

Golgi  360.  390. 

Goltz  183.  196.  364.  394. 

Gombault  224.  393.  497.  515.  516. 

Gozzini  441. 

Gowers  461. 

von  Gräfe  221.  231.  254.  270.  277. 
282.  290.  291.  293.  294.  441.  443. 
444.  445.  454. 

Gräfe,  Alfr.,  441.  442.  445. 

Graphospasmus  319. 

Graves  162.  240. 

Griesinger  17.  22.  29.  337. 

Grisolle  349. 

Grogan  52. 

Gross  91.  108. 

von  Grünevraldt  399.  460. 

Grünhagen  402. 

Günsburg  566. 

Gürtelgefühl  bei  Lähmungen  418. 

Gubler  484.  497.  519. 

Gudden  562. 

Gummata  syphilitica  an  Nerven  569. 

Guttmann  183.  200.  208.  220.  223. 
233.  236. 

Gymnastik  d.  Augenmuskeln  bei  Läh- 
mung ders.  457.  S.  a.  Heilgymnastik. 

Haare  bei  Lähmungen  381.  382.  — 
bei  Neuralgien  52.  105. 

Haddon  350. 

de  HaSn  19. 

Hall  359.  460. 

Hall^  399. 

Halswirbel,  Cervicooccipitalneuralgie 
bei  Krankheiten  ders.  122.  S.a.  Wirbel- 
krankheiten. 

Hammond  5.  336. 

Harn  bei  Krämpfen  268. 

Harndrang  '.bei  Lumboabdominal- 
neuralgie  153. 

Harnentleerung  bei  Lähmungen  377. 
441. 

Harnröhre,  Neuralgie  ders.  172. 


586 


Register. 


Hasse  5.  19.  43.95.  96.  12t.  t27.  135. 
142.148.156.  172.  183.  253.  282.  296. 
319.  324.  337.  339.  340.  351.  360. 
461.  543.  559.  565. 

Haupt  319.  320.  328. 

Haut,  Anästhesie  den.  s.  Anästhesie, 
cutane.  — ,  Hyperästhesie  ders.  46.  — 
bei  Lähmungen  381.  382.  383.  —  bei 
Neuralgien  38.  46.  52.  105.  —  bei 
Neuritis  550.  —  bei  Trigeminusan- 
ästhesie  207.  — ,  Zerstörung  ders., 
Anästhesie  durch  solche  bed.  189. 

Hautreize  s.  Derivantia. 

Heck  er  497. 

Heidenhain  430. 

Heilgymnastik  bei  Krämpfen  277. 
—  bei  Lähmungen  436.  457.  507.  527. 
541. 

Heller  546.  565.  566.  567. 

Hemicranie  128. 

Hemiplegie  374.  — ,  Contracturen  bei 
solcher  354.  — ,  faciale,  460.  — ,  spi- 
nale, 419. 

Henle  19.  107.  125.  135.  143.150.220. 
359.  498.  500. 

Hermann  263. 

Hermel  339. 

Hernien,  Lähmungen  durch  solche 
bed.  533.  — ,  Neuralgien  durch  solche 
bed.  28.  151.  154. 

Herpes  bei  Neuralgien  53.  66. 105. 145. 
147.  153.  —  bei  Neuritis  553. 

Hertz  360.  385.  386.  387.  388. 

Herzenstein  104. 

Herzkrankheiten,  Neuralgien  durch 
solche  bed.  32. 

Hesselbach  565.  566. 

Heubel  254.  515. 

Heusinger  565. 

Hjelt  360.  385.  388. 

Hippel  183.  202.  208. 

Hippokrates  18. 

Hirsch  174.  296.  309.  319.  463. 

Hirschberg  183.  208.  220.  223. 

Hirschfeld  225. 

Hirzel  225. 

Hitchcook  565. 

Hitze,  Anästhesie  durch  solche  bed. 
188. 


Hitzig    130.    224.   244.  245.  250.  254. 

259.  260.  270.  271.  284.  287.288.303. 

351.  355.  361.  364.  376.  406,461.465. 

470.  478.  479.  497.  515.  521. 
Hoden,  Neuralgie  ders.  172. 
Hodenentzandung,   Lumboabdond- 

nalneuralgie  durch  solche  bed.  152. 
Holden  103. 
Hoppe  291. 
Homer  54. 
Houel  565. 

Hubert-Valleroux  327. 
Hü  f t  e ,  spastische  Contractur  ders.  333. 
Hüftweh  s.  Ischias. 
Hueter  351. 
Huguenin  461. 
Hunter  360.  439. 
Hustenkrampf  317. 
Hutchinson   54.   95.    103.    105.    106. 

183.  220.  223.  240.  360.  382. 
Hydrotherapie   bei  Krämpfen  277. 

294.  350.  —  bei  Lähmungen  435.  — 

bei  Neuralgien  86.  170. 
Hyperämie,      Kopfschmerz     durch 

solche  bed.  131.  — ,  Krämpfe  durch 

solche  bed.  263.  — ,  Lähmung  durch 

solche  bed.  367.  —  d.  Nerren  542. 

—  d.  Trigeminus,  Prosopalgie  durch 
solche  bed.  98.  S.  a.  Stauungshyper- 
ämie. 

Hyperästhesie  7.  16.  — d.  Gerucha- 
nerven  236.  —  d.  Geschmacksnerren 
228.  —  bei  Nervenhyperämie  543.  — 
u.  Neuralgie,  gegens.  Yerh.  ders.  21. 

—  bei  Neuralgien  46.  102.  145.  154. 
161.  —  bei  Neuritis  550.  552.  Y^ 
Sensibilitätsstömngen. 

Hyperalgesie  bei  Neuralgien  47. 177. 

Hyperidrosis  s.  Schweissabsonde- 
rung. 

Hyperkinesis  s.  Krämpfe. 

Hypertrophie  d.  Nerven  565.  —  bei 
Neuralgien  52. 

Hypochondrie,  Neuralgien  bd  sol- 
cher 23. 

Hypodermatische  Injectionen 
bei  Krämpfen  281.  290.  294.  300.311. 
313.  332.  339.  350.  —  bei  Nerven- 
hyperämie  543.  —  bei  Neuralgien  79. 


Register. 


587 


116.  125.  127.  141.  147.  155. 167. 173. 
182. 
Hysterie,  Anästhesie  bei  ders.  193. 
205.  — ,  Aüosmie  bei  ders.  241.  — , 
Kopfschmerz  bei  ders.  132.  — ,  Kräm- 
pfe bei  ders  316.  318.  335.  — ,  Läh- 
mungen bei  ders.  371.  422.  424.  514. 
— ,  Neuralgien  bei  ders.  23.  31.  72. 
122.  137.  148.  174.  175. 


Jaccoud  372.  559.  563. 

Jackson  234.  237.  241. 

Jacubowitch  230. 

Jahreszeit  in  Bez.  zu  Neuralgien  29. 
157. 

James  19. 

Jelly  382. 

Ileoscrotalneuralgie  153.  172. 

Ileotyphus,  Prosopalgie  bei  solchem 
97. 

Infectionskrankheiten,  Kopf- 
schmerzen bei  solchen  131.  — ,  Läh- 
mung bei  solchen  369.  — ,  Neuralgien 
bei  solchen  29.  — ,  Ischias  nach  sol- 
chen 159. 

Injectionen  s.  Hypodermatische  In- 
jectionen. 

Inhalationen  bei  Neuralgien  82.  S.a. 
Aether;  Amylnitrit;  Chloroform. 

Inspirationsmuskeln,  Krampf  ders. 
309.  314.  — ,  Lähmung  ders.  507. 

Intercostalneuralgie  142. 

Intoxication  s.  Vergiftungen. 

Inzani  221.  222.  231. 

Jobert  156.  167.  333.  335. 

Jodkalium  bei  Facialislähmung  488. 

—  bei  Kopfschmerz  135.  —  bei  Kräm- 
pfen 276.  281.  —  bei  Lähmungen  526. 

—  bei  Neuralgien  85.  169. 
Jones  127. 

Iris  bei  Lähmungen  377. 

Iritis  bei  Prosopalgie  54.  106. 

Irradiation,  Gesetz  ders.  10.  —  d. 
Schmerzes  bei  Neuralgien  u.  Neuritis 
37.  45.  102.  123.  139.  145.  152.  154. 
161.  552. 

Irritable  breast  148. 

Irritable  testis  153.  172. 


Ischämie,  Anästhesie  durch  solche 
bed.  189.  205.  — ,  Lähmung  durch 
solche  bed.  367. 

Ischias  156.  — ,  Allgemeinstörungen 
bei  ders.  162.  — ,  Anaesthetica  bei 
ders.  167.  — ,  Arsenik  bei  ders.  169. 
— ,  Atropin  bei  ders.  167.  — ,  Bäder 
bei  ders.  169.  —,  Bewegungsstörungen 
bei  ders.  161.  — ,  Blasenpflaster  bei 
ders.  166.  — ,  Chinin  bei  ders.  169.  — 
durch  Compression  bed.  158.  —  bei 
Diabetes  159.  162.  — ,  Diät  bei  ders. 
170.  — ,  Elektricität  bei  ders.  167.  — , 
Erkältung  in  Bez.  auf  dieselbe  158. 
— ,  Ernährungsstörungen  bei  ders.  162. 
— ,  Fontanelle  bei  ders.  167.  — ,  Ge- 
hirnkrankheiten in  Bez.  zu  ders.  159. 
— ,  Geschlecht  in  Bez.  zu  ders.  157. 
— ,  Glüheisen  bei  ders.  167.  —»Haut- 
reize bei  ders.  166.  — ,  Hydrotherapie 
bei  ders.  170.  — ,  Jahreszeit  in  Bez. 
zu  ders.  157.  —  nach  Infectionskrank- 
heiten 159.  — ,  Jodkalium  bei  ders. 
169.  — ,  Irradiation  d.  Schmerzes  bei 
ders.  161.  — ,  Ischiadicus  bei  ders. 
162.  — ,  Klima  in  Bez.  zu  ders.  157. 
— ,  Krämpfe  bei  ders.  161.  — ,  Läh- 
mungen bei  ders.  162.  — ,  Lebensalter 
in  Bez.  zu  ders.  157.  — ,  Morphium 
bei  ders.  167.  — ,  Nartotica  bei  ders. 
167.  — ,  Nervendehnung  bei  ders.  170. 
— ,  Nenrenresection  bei  ders.  170.  — , 
Parozysmen  ders.  159.  — ,  Prädispo- 
sition zu  ders.  157.  —  bei  Rücken- 
markskrankheiten  159.  — ,  Schmerz 
bei  ders.  159.  — ,  Schmerzpunkte  bei 
ders.  161.  — ,  Senescenz,  frohzeitige, 
in  Bez.  zu  ders.  157.  — ,  Sensibilitäts- 
störungen bei  ders.  161.  —  durch  Sy- 
philis bed.  158.  159.  — ,  Terpentinöl 
bei  ders.  169.  --  durch  Traumen  bed. 
158.  —  nach  Typhus  159.  —  durch 
Ueberanstrengung  bed.  158.  — ,  vaso- 
motorische Störungen  bei  ders  162. 
—  durch  venöse  Stauung  bed.  158. 
— ,  Wärme  bei  ders.  169.  —  bei 
Wirbelkrankheiten  159. 

Isnard  84. 

Jurasz  83 


588 


Register. 


Kachexien,  Neuralgien  durch  solche 
bed.  72.  — ,  Lähmungen  durch  solche 
bed.  369. 

K&Ite,  Anästhesie  durch  solche  bed. 
188.  190.  —  bei  Kopfschmerz  134.— 
bei  Neuralgien  86.  118.  —  bei  Neu- 
ritis 558.  Vgl.  Eis;  Erkältung;  Hy- 
drotherapie. 

Karmin  436. 

Kauen  bei  Zungenlähmung  494. 

Kaulbars  360. 

Kaumuskeln,  Krampf  ders.  278.  — , 
Lähmung  ders.  458.  —  bei  Pros- 
opalgie 103.  109.  —  bei  Trigeminus- 
anästhesio  207. 

Kieferklemme  279. 

King  127. 

Klavierspielerkrampf  326. 

Klein  309.  312.  314. 

Klemm  373.  544.  549.  556. 

Klima  in  Bez.  auf  Neuralgien  157. 

Klystiero,  anästhesirende,  bei  Neur- 
algien 82. 

Knieschmerz  bei  Coxitis  151. 

Knoblauch  565. 

Knochen  bei  Lähmungen  381.  382. 
383.  — ,  Neuralgien  durch  Anoma- 
lien u.  Krankheiten  ders.  bed.  27.71. 
97.  143.      . 

Kocher  183.  208.  220.  223. 

Köhler  285, 

König  285. 

Körpertemperatur  bei  Krämpfen 
269.  344.  —  bei  Lähmungen  380.  382. 
383.  —  bei  Neuralgien  38.  56. 

Kopfhaltung  bei  Augenmuskelläh- 
mung 448.  449.  450.  451.  452.  453. 

Kopfnicken  297. 

Kopfschmerz  127.  — ,  Ableitungs- 
mittel bei  solchem  1 34.  — ,  Amylnitrit 
bei  solchem  134.  —  durch  Anämie 
bed.  131.  — ,  Argentum  nitricum  bei 
solchem  135.  — ,  Arsenik  bei  solchem 
135.  — ,  Bromkalium  bei  solchem  135. 
— ,  Chinin  bei  solchem  135.  — ,  ein- 
seitiger, s.  Hemicranie.  — ,  Eisen  bei 
solchem  135.  — ,  Elektricität  bei  sol- 
chem 134.  —  bei  Fieber  128.  —  bei 
Gehimkrankheiten     129.     —    durch 


Hyperämie  bed.  131.  —  bei  Hysterie 
132.  — ,  Jodkalium  bei  solchem  135. 
— ,  Kälte  bei  solchem  134.  — ,  Nv- 
cotica  bei  solchem  134.  —,  nervöser, 
129.  — ,  neuroasthenischer,  133.  -, 
rheumatischer,  132.  —  bei  Sch&del- 
krankhdten  128.  — ,  Seeale  comatam 
bei  solchem  135.  —  bei  Sinnesorgane- 
krankheiten 128.  — ,  sympathischer, 
132.  —bei  Syphilis  132.—,  toxischer, 
131.  — ,  vasomotorischer,  131.  —,  Wär- 
me bei  solchem  135. 

Kopfschatteln  297. 

Kopfwackeln  297. 

Kothentleerung  bei Lähmongen 377. 

Koths  371. 

Krämpfe  246.  253.  — ,  Abldtoogs- 
mittel  bei  solchen  276.  281.  300.  311. 
318.  —  im  Accessoriusgebiet  296. 301. 
— ,  Aether  bei  solchen  300.  313.  — 
AUgemeinstörungen  bei  solchen  269. 
344.  — ,  Alterantia  bei  solchen  275. 
—  durch  Anämie  bed.  263.  —  mit 
Anästhesie  verbunden  201.. 267.  325. 
344.  — ,  Anaesthetica  bei  solchen  275. 
300.  311.  313.  349.  ~,  Argentom 
nitr.  bei  solchen  276.  290.  314.  —  h 
d.  Armmuskeln  305.  — ,  Arsenik  bd 
solchen  276.  281.  290.  300.  314.  -, 
Artemisia  bei  solchen  276.  — ,  An 
foetida  bei  solchen  276.  290.  314.  -, 
Atropin  bei  solchen  2S1.  290.  294. 
300.  313.  332.  — ,  Bäder  bei  solchen 
350.  — ,  Belladonna  bei  solchen  29i 
— ,  Beschäftigung  in  Bez.  auf  solche 
341.  346.  —  d.  ßiceps  femoris  334. 
— ,  Bismuthum  nitr.  bei  solchen  276. 
— ,  Blasenpflaster  bei  solchen  281. 
300.  — ,  Blutentziehungen  bei  solchoi 
350.  —  durch  Blutverändenmg  bei 
264.  — ,  Bromkalium  bei  solchen  276. 
350.  — ,  Cannabis  indica  bei  solchen 
281.  313.  —  im  Cervicahienrengebiet 
303.  —  bei  Cervicooccipitahieui»lgie 
123.  —  durch  chemische  Reize  bed. 
263.  — ,  Chloroform  bei  solchen  290. 
300.  311.  313.  349.  —  durch  CSrcul»- 
tionsstörungen  bed.  263.  — ,  coordi- 
nirte,   255.  257.  —  d.  CucuDaris  296. 


Register. 


589 


~,  Curare  bei  solchen  290.  300.  — 
durch  Darmkrankheiten  bed.  342.  — 
d.  Deltoideus  305.  — ,  Di&t  bei  sol- 
chen 272.  350.  —,  directe,  257.  — , 
Disposition  zu  solchen  264.  272.  — 
im  Dorsalnervengebiet  303.  •— ,  Druck- 
punkte bei  solchen  270.  285.  292.  29S. 

308.  325.  — ,  Elektricit&t  bei  solchen 
273.  281.  289.  293.  294.  300.302.309. 
311.  313.  318.  330.  334.  336.  350.—, 
elektrisches  Verhalten  d.  Muskeln  u. 
Nenren  bei  solchen  269.  325.  315.  — 
bei  Ergotismus  34 1.  —  durch Erk&ltung 
bed.  280.  286.  299.  302.  311.  327.  341. 
— ,  Ernährungsstörungen  in  Bez.  zu 
dens.   264.   268.  — ,   exspiratorische, 

309.  —  im  Facialisgebiete  103.  282. 
— ,  Faradisation  bei  solchen  274.  281. 
290.  300.  302.  309.  311.  313.331.336. 
350.  — ,  Fieber  bei  solchen  344.  — , 
Formication  bei  solchen  267.  325.  — , 
Galvanisation  bei  solchen  273.  281. 
290.  293.  294.  300.  311.  313.331.336. 
350.  —  im  Gastrocnemius  335.  — 
bei  Gehirnkrankheiten  259.  299.  318. 

—  bei  Gelenkneurose  178.  — ,  Ge- 
schlecht in  Bez.  zu  solchen  286.  327. 
— ,  GlOheisen  bei  solchen  276.  300. 
309.  —  in  d.  Glut&ahnuskeln  334.  — 
— ,  Harn  bei  solchen  268.  — ,  Heil- 
gymnastik bei  solchen  277.  —,  Hydro- 
therapie bei  solchen  277.   294.   350. 

—  durch  Hyperämie  bed.  263.  — , 
hypodermatische  Injectionen  bei  sol- 
chen 281.  29Ö.  294.  300.  311.  313. 
332.  339.  350.  —  im  Hypoglossusge- 
biete  295.  —  bei  Hysterie  316.  318. 
335.  — ,  indirecte,  257.  s.  a.  K.  durch 
ReflexeinfiOsse  bed.  —  d.  Infraspina- 
tus  305.  — ,  inspiratorische,  309.  314. 
— ,  Jodkalium  bei  solchen  276.  281. 

—  bei  Ischias  161.  —  d.  Kaumuskeln 
103.  278.  — ,  klonische,  255.262.  279. 
283.  296.  304.  305.  306.  311.  334. 
335.  — ,  Körpertemperatur  bei  solchen 
269.  344.  —  im  Latissimus  dorsi  305. 
— ,  Lebensalter  in  Bez.  zu  dens.  341. 

—  d.  Lerator  anguli  scapulae  305.  — 
im  Lumbalnervengebiet  333.  —  durch 


mechanische  Reize  bed.  263.  287.  --, 
Mineralwassercuren  bei  solchen  276. 
— ,  Morphium  bei  solchen  281.  290. 
294.  300.  311.  313.  339.  350.  — ,  Mo- 
schus bei  solchen  314.  — ,  Motilitäts- 
störungen bei  solchen   266.  324.  — 
Moxen  bei  solchen  276.  281.  300.  — 
Muskeln  bei  solchen   267.  269.  325 
— ,  Myotomie  bei  solchen  291.   301 
— ,  Narcotica  bei  solchen  275.  281 
290.  294.  300.  304.  313.  318.  349.  — 
Nerven  bei  solchen  269.  325.  345.  — , 
Nervina   bei  solchen  275.   290.   300 
314.  336.  350.  —  bei  Neuralgien  48 
123.   161.   178.   —,  Neurotomie   bei 
solchen  277.  290.  293.  301.  303.  —  d 
Obliquus  capitis  inf.  304.  — ,  Opera- 
tionen bei  solchen  277.  290.  293.  300 
302.  332.  — ,  Opium  bei  solchen  281 
313.   —,   orthopädische  Behandlung 
solcher   336.   — ,    Paroxysmen  ders. 
342.  —  d.  Pectoralis  m^yor  305.  — 
d.  Peroneus  brevis  u.  longus  335.  — 
im  Peroneusgebiete  33i.  -—  bei  Pros- 
opalgie 103.  — ,  psychische  Einflüsse 
u.  Störungen  in  Bez.  zu  solchen  265. 
268.  288.  299.  342.  — ,  Puerperium  in 
Bez.  zu   solchen   299.   341.    342.   ~, 
Puls  bei  solchen  344.  —  im  Quadri- 
ceps  femoris   334.  — ,   Quecksilber- 
sublimat bei  solchen  276.  —  durch 
Reflexeinflüsse    bed.    260.   280.   287. 
293.  299.  312.  318.  327.  335.  341.  — , 
Respiration  bei  solchen  345.    —  d. 
Respirationsmuskeln  309.  —  d.  Rhom- 
boidei  304.  —  durch  Rückenmarks- 
krankheiten bed.   258.   261.   347.  — 
im  Sacralnervengebiet  333.  — ,  salta- 
torische,  336.  — ,  Schmerz  bei  solchen 
267.  298.  301.  324.  326.  342.  344.  — , 
Schweissabsonderung  bei  solchen  268. 
— ,  Secretionsstörungen  bei  solchen 
267.  —  im  Semimembranosus  334.  — 
im  Semitendinosus  334.  —,  Sensibili- 
tätsstörungen  bei  solchen  260.   267. 
284.    298.    324.  326.   342.  344.  —  d- 
Serratus  ant.  major  305.  —  d.  Sple- 
nius   capitis  304.  — ,  statische,  255. 
—  d.  Sternocleidomastoideus  296.  — , 


590 


Begister. 


Strychnin  bei  solclien  290.  314.  332. 

—  d.  Sabscapularis  305.  —  d.  Supra- 
spinatoB  305.  — ,  TaabheitsgefOhl  bei 
solchen  267.  325.  — ,  Tenotomie  bei 
solchen  277.  303.  332.  335.  336.  —  d. 
Teretes  305.  — ,  tetanische,  256.  — 
d.  Tibialis  anticns  335.  —  im  Tibialis- 
gebiete  335.  — ,  Tod  durch  solche 
bed.  348.  — ,  tonische,  255.  262.  279. 
286.  291.  302.  304.  305.310.334.335. 

—  im  Trigeminosgebiete  27 S.  —  nach 
Typhus  299.  —  durch  Ueberanstren- 
gung  bed.  338.  —  Umschläge  bei  sol- 
chen 294.  —  d.  Unterextremit&ten- 
muskeln  335.  —  d.  Unterschenkel- 
muskeln 334.  — ,  Valeriana  bei  solchen 
276.  290.  314.  — ,  vasomotorische 
Störungen  bei  solchen  267.  344.  — 
durch  Verletzungen  bed.  327.  —  in 
d.  Wadenmuskein  335.  —  bei  Wir- 
belkrankheiten 299.  — ,  Zink  bei  sol- 
chen 276.  281.  290.  300.  314.  —  d. 
Zunge  295.  —  d.  Zwerchfells  310. 

von  Krafft-£bing  497. 

Kraftsinn  216. 

Krampfcentrum  260. 

Krankheiten,  acute,  An&stheoie bei 
und  nach  solchen  194.  205.  — ,  Läh- 
mungen nach  solchen  368.  424.  426. 
443.  465.  — ,  Neuritis  bei  solchen  545. 

Krankheiten,  chronische,  Läh- 
mungen bei  solchen  369.  426.  — , 
Neuritis  bei  solchen  545. 

Kropff  296.  303. 

Krückenlähmung  520. 

Kunze  19. 

Kupfer,  Neuralgie  bei  Vergiftung  mit 
solchem  30. 

Kupferberg  565. 

Kussmaul  333.  336.  340.  344.  345. 
347.  561. 

Lachkrampf  317. 

Lähmungen  246.  359.  —  im  Abdu- 
censgebiete  441.  452.  —  d.  Abductor 
hallucis  537.  — ,  Ableitungsmittel  bei 
solchen  440.  —  im  Accessoriusgebiete 
490.  —  d.  Accommodatorius  452.  — 
nach   acuten  Krankheiten  368.  424. 


426.  443.  465.  —  d.  Adductor  balladt 
537.  — ,  Anästhesie  in  Bez.  zn  sol- 
cher 200.  378.  518.  — ,  angeborne, 
530.  -— ,  Antagonisten  bei  den,  377. 
503.  — ,  Amica  bei  solchen  439,  -, 
Arsenik  bei  solchen  439.  —  dorch 
arterielle  Hyperämie  bed.  367.  —  d. 
Augenmuskeln  441.  — ,  automatische 
Bewegungen  bei  solchen  376.  —  fa& 
Axillarisgebiete  510.  — ,  Bäder  bei 
solchen  434.  439. 526. 541.  —  d.Baach- 
muskeln  505.  ~,  Bewegungsstörongen 
bei  solchen  374.  444.  459.  466.  490. 
494.  49S.  499.  501.  504.  505.  506.  508. 
510.  512.  517.  523.  525.  532.  533.  535. 
536.  537.  538.  —  d.  Biceps  brachfi 
528.  — ,  Bindegewebe  bei  solchen  381. 
391.  ~  durch  Bleivergiftung  368.  393. 
422.  514.  526.  527.  —  durch  Bhit- 
mischungsanomalie  bed.  367. 426.  —  i 
Brachialis  internus  528.  —  d.  Brachial- 
plexus,  combinirte,  527.  — ,  Bradn 
bei  solchen  438.  — ,  Canthariden  bei 
solchen  439.  — ,  central  bedingte, 
364.  425.  455.  480.  481. -»cerebrale, 
364.  379.  383.  419.  426.442.464.476. 

—  im  Gervicalnervengebiet  496.  — 
durch  chronische  Krankheiten  bed. 
369.  426.  —  durch  Circulationsstö- 
rungen  bed.  367.  —  durch  Compres- 
Bion  bed.  365.  424.  442.  463.  475. 
480.  490.  513.  520.  533.  534.— ,Con- 
tracturen  bei  solchen  351.  358.  377. 
503.  —  im  Cmralisgebiete  531.  —  d. 
CucuUaris  491.  —,  Decubitus  bd  sol- 
chen 382.  383.  —  d.  DeltoideuB  510. 
528.  —  bei  Diabetes  443.  — ,  DÜt 
bei  solchen  440.  —,  diphtheritiBche, 
422.  443.  —,  Diplopie  bei  solchen  445. 

—  im  Dorsalnervengebiete  496.  — » 
Douche  bei  solchen  439.  — ,  Einrei- 
bungen, reizende,  bei  solchen  439.  — . 
Elektricität  bei  solchen  427.  456.  460. 
487.  488.  489.  493.  496.  506.  509. 
526.  540.  — ,  elektrisches  Verhalten 
d.  Muskeln  u.  Nerven  bei  solchen 
396.  402.  459.  472.  492.  502.  509. 
511.  519.  528.  529.  530.  —  nach  Efl- 
bogenluxation  528.  —  d.  Empfindung 


Register. 


591 


8.  Anästhesie.  — ,  Entartungsreaction 
d.  Muskeln  u.  Nerven  bei  solchen 
399.  473.  502.  519.  521.  528.  529. 
530.  — ,  Epidermis  bei  solchen  381.  — 
durch  Erk&ltung  bed.  s.  L.,  rheuma- 
tische. — ,  Ernährungsstörungen  bei 
solchen  380.  382.  394.  472.  511.  524. 

525.  532.  534.  539.  —  d.  Extensor 
digitorum  pedis  comm.  longus  u.  brevis 
536.  —  d.  Extensor  halluds  longus 

536.  —  d.  Facialis  s.  Facialislähmung. 
— ,  Faradisation  bei  solchen  427.  431. 

457.  460.  488.  489. 496.  506.  509.  527. 

—  d.  Flexor  digitorum  pedis  comm. 

537.  —  d.  Flexor  hallucis  longus  537. 
— ,  Formication  bei  solchen  379.  — , 
Galvanisation  bei  solchen  427.  432. 
456.  460.  487.  488.  489.  496.  506.  509. 
527.  541.  — ,  vom  Gehirn  ausgehende, 
s.  L.,  cerebrale.  — ,  Gelenke  bei  sol- 
chen 382.  —  d.  Gemeingefühls,  par- 
tielle, 185.  —  bei  Gicht  370.  —  im 
Glutäalgebiete  533.  — ,  Gürtelgefühl 
bei  solchen  418.  — ,  Haare  bei  sol- 
chen 381.  382.  — ,  Harnentleerung  bei 
solchen  377.  441.  ~,  Haut  bei  sol- 
chen 381.  382.  383. —,  Heilgymnastik 
bei  solchen  436.  457.  507.  527.  541. 

—  durch  Hernien  bed.  533.  —,  Hydro- 
therapie bei  solchen  435.  —  im  Hypo- 
glossusgebiete  493.  — ,  hysterische, 
371.  422.  424.  514.  522.  —  durch  In- 
fectionskrankheiten  bed.  369.  —  d. 
Infraspinatus  499.  —  d.  Inspirations- 
muskeln 507.  —  d.  Interesse!  pedis 
537.  — ,  Jodkalium  bei  solchen  488. 

526.  — ,  Iris  bei  solchen  377.  —  durch 
Ischämie  bed.  367.  —  im  Ischiadicus- 
gebiete  534.  —  bei  Ischias  161.  — 
bei  Kachexien  369.  —  d.  Kaumuskeln 

458.  — ,  Knochen  bei  solchen  381. 
382.  383.  — ,  Körpertemperatur  bei 
solchen  380.  382.  383.  — ,  Kothent- 
leerung  bei  solchen  377.  —  d.  Latis- 
simus  dorsi  498.  499.  —  d.  Levator 
anguli  scapulae  498.  —  d.  Levator 
palpebrae  sup.  449.  -—  im  Lumbal- 
nervengebiete  531.  — ,  Lymphdrüsen 
bei  solchen  382.  — ,  Massage  bei  sol- 


chen 440.  —  im  Medianusgebiete  523. 
— ,  Mineralwassercuren  bei  solchen 
435.  526.  541.  — ,  Mitbewegungen  bei 
solchen  376.  472.  —  im  Musculo- 
cutaneusgebiete512.— ,  Muskelgefühl 
bei  solchen  379.  — ,  Muskeln  bei  sol- 
chen 375.  377.  381.  382.  383.  389. 
396. 402.  406.  407.  459.  472. 492.  502. 

509.  511.  515.  519.  528.  529.  530.—, 
Muskelsinn  bei  solchen  379.  — ,  myo- 
pathische,  361.  365.  416.  —  d.  Nacken- 
muskehl  505.  — ,  Nägel  bei  solchen 
381.  383.  — ,  Nerven  bei  solchen  383. 
384.  396.  402.  407.  472.  492.  502. 
609.  515.  519.  528.  529.  530.  —  bei 
Nervenatrophie  563.  565.  —  durch 
Nervenerschöpfung  bed.  371.  —  bei 
Neuralgien  48.  162.  178.  —  bei  Neu- 
ritis 425.  514.  535.  551.  —  durch 
Neurome  bed.  572.  — ,  neuropathische, 
361.  366.  416.  — ,  Nux  vomica  bd 
solchen  438.  —  nach  Oberarmfrac- 
turen  528.  —  an  d.  Oberextremitäten 

510.  —  d.  Obliquus  oculi  inL  451. — 
d.  Obliquus  oc.  sup.  452.  —  im  Ob- 
turatoriusgebiete  533.  —  im  Oculo- 
motoriusgebiete  441.  448.  — ,  ortho- 
pädische Behandlung  solcher  493.541. 
— ,  Parästhesie  bei  solchen  379.  — 
d.  Fectoralis  maj.  u.  min.  498.  — , 
periphere,    364.  380.   417.  425.  455. 

476.  —  d.  Feronealmuskeln  536.  — 
im  Peroneusgebiete  535.  —  bei  Pros- 
opalgie 103.  — ,  Psyche  in  Bez.  zu 
solchen  371.  379.  —  im  Radialisge- 
gebiete  512.  —  d.  Recti  oculi  450. 
451.  — ,  Reflexbewegungen  bei  sol- 
chen 375.  471.  —  durch  Rrflexein- 
flüsse  bed.  371.  426.  — ,  Respirations- 
bewegungen bei  solchen  376.  —,  rheu- 
matische, 370.  424.  425.  441.  462.  472. 

477.  486.  487.  490.  500.  510.  514. 
526.  535.  -—  d.  Rhomboidei  498.  — , 
vom  Rückenmark  ausgehende,  s.  L., 
spinale.  —  d.  Rückenmuskeln   503. 

—  im  Sacralnervengebiete  531.  — ^ 
Schmerz  bei   solchen  378.  447.  501. 

—  nach  Schulterluxation  527.  —  bei 
Scrophulose  370.—,  Seeale  comutum 


592 


Register. 


bei  solchen  439.  — ,  Sensibilit&tsstö- 
nmgen  bei  solchen  378.  471.  502. 
518.  524.  525.  532.  533.  534.  538.  — 
d.  Serratus  anticus  major  499.  —  d. 
Sphincter  ani  bei  Ischiadicuslähmong 
539.  —  d.  Sphincter  iridis  451.  —  d. 
Sphincter  vesicae  bei  Ischiadicusläh- 
mung  539.  — ,  spinale,  364.  382.  418. 
426.  442.  465.  —  d.  Stemodeido- 
mastoideus  490.  —  d.  Streckmuskeln 
d.  Lendengegend  505.  — ,  Strychnin 
bei  solchen  438.  —  d.  Subscapularis 
499.  —  d.  Supinator  longas  528.  — 
bei  Syphilis  370.  424.  443.  464.  —  d. 
Tastsinns  185.  191.  — ,  Taubheitsge- 
fühl bei  solchen  379.  —  d.  Teres  major 
u.  minor  499.  — ,  Terpentinöl  bei  sol- 
chen 439.  —  d.  Tibialis  anticus  536. 

—  d.  Tibialis  post.  537.  —  im  Tibia- 
lisgebiete  586.  — ,  Tod  durch  solche 
bed.  415.  — ,  toxische,  368.  424.  426. 
514.  520.  526.  527.  — ,  traumatische, 
365.  423.  425.  442.  463.  475.  479.  490. 
500.510.  512.520.  523.  524.526.  527. 
528.  5^1.  534.  —  d.  Triceps  surae 
636.  —  im  Trigeminusgebiete  458.— 
im  Trochlearisgebiete  441.  452.  —bei 
Tuberkulose  370.  —  durch  Ueberan- 
strengung  bed.  500.  —  im  Ulnarisge- 
biete  524.  —  an  d.  ünterextremitäten 
531. 540.—,  vasomotorische  Störungen 
bei  solchen  380.  382.  383.  394.  472. 
538.  —  durch  venöse  Stauung  bed. 
367.—  nach  Vorderarmfracturen  5^8. 

—  d.  Zunge  493.  —  d.  Zwerchfells 
507. 

Laf^ron  497. 

Lagrelette  156. 

Lancereaux  497.  515. 

Landois  183.  263.  360. 

Landouzy  156.  162.224.460.463.470. 

Landry  214.  217.  359. 

Landsberg  443. 

Lange  19.  31.  32. 

Langenbeck  332. 

Langenmayr  497. 

Langhans  340.  347. 

Lanuelongue  51S. 

Lanquaille  de  Lach^se  309. 


Latenz  d.  Tetanie  345.  348. 

Laumonier  566. 

Laveran  98. 

Leared  465. 

Lebensalter  in  Bez.  auf:  Convulsi- 

büität  264;   G^eruchsnervenanästhesie 

241 ;  Neuralgien  23.  29.  67.  96.  143. 

157 ;  Neurombildung  571 ;  Tetanie  ^41. 
Leber  442.  443.  559.  560.  562.  563. 
Lebert  19.  127.  565. 
Lecointe  118. 
Leconest  296. 
Legg  83. 

Legros  19.  360.  399. 
Leineweber  282. 
Leitung,  Gesetz  d.  isolirten,  9. 
Leitungsanästhesien  190. 192. 210. 

—  d.  Geschmacksnerven  230.   —  d. 

Riechnerven  24  t. 

Leitungsl&hmungen  364.  vgl.  Läh- 
mungen. 

Lender  44. 

Lent  360.  385. 

Lentin  155. 

Leoni  142. 

Lepra  nervorum  569. 

Ler.che  174. 

Leube  19.  278.  279.  490. 

Leveill6  225. 

Levier  382. 

Levinstein  80. 

Lewisson  49.  360.  372.  373. 

Leyden  130.  183.  198.  214.  217.  360. 
372.  555.  556.  558. 

Lid  kram  pf,  klonischer,  294.  — ,  toni- 
scher, 291. 

Liebreich  83.  117. 

Liegey  149.  156.  172. 

Lockemann  234.  236.  237. 

Loder  241. 

Lotzbeck  220.  225.  231. 

Lotze  217. 

Lucae  460.  461.  470. 

Lumbalnerven,  Krampf  im  Gebiete 
ders.  333.  — ,  L&hmung  im  Gebiete 
ders.  531.  — ,  Neuralgie  im  Gebiete 
ders.  149. 

Lumboabdominalnenralgie  149. 
150.  152. 


Register. 


593 


1-1, 

^ 

r. 


Longenkrankheiten,       Neuralgien 

durch  solche  bed.  32. 
LuBsana  135.  137.  141.  220.  221.  222. 

223.  224.  226.  231.  232.  340. 
Lymphdrasen  bei  Lähmung  382. 

Hagendie  202. 

Magnus  476. 

Maier  565. 

Maingault  236. 

Malaria,  Neuralgien  durch  solche  bed. 
29.  72.  97.  106.  144. 

Malum  Cotunnii  s.  Ischias. 

Mantegazza  56.  353.  360.  381.  382. 
389. 

Manzi  118. 

Marotte  339. 

Martinet  19.  155.  169.  543. 

Masins  95. 

Massage  bei  L&hmnngen  446. 

Mastdarm,  Lähmung  des  Schliess- 
muskels  dess.  bei  Ischiadicuslähmung 
539.  — ,  Neuralgie  dess.  172. 

Mastodynie  147. 

Mattison  82. 

Mauriac  32.  152. 

Maiiry  135.  137.  141. 

Mayer  43.  . 

M'Grea  54. 

Mechanische  Reize,  Erregbarkeit 
d.  Muskeln  durch  solche  bei  Läh- 
mung 406.  — ,  Krämpfe  durc-h  solche 
bed.  263.  287.  — ,  Motilität  durch 
solche  geprüft  250.  — ,  Neuralgien 
durch  solche  bed.  27.  70. 

M^glin  95. 

Meissner  183.  184.  202.  203. 

Meissner*sche  Tastkörperchen 
186. 

Melkerkrampf  326. 

Menstruation,  Intercostalneuralgie 
durch  Störungen  ders.  bed.  144.  — , 
Mastodynie  bei  ders.  148. 

Mering  83.  117. 

Merkel  203. 

Meryon  359. 

Metalle,  Lähmungen  durch  solche  er- 
zeugt 368. 

Mettauer  132. 

Handbaoh  d.  gpeo.  Pathologie  vu  Thonpio.  Bd. 


Meyer  19.  76.  77.  114.  172.  174.  182. 
224.  275.  303.  306.  309.  319.325.327. 
331.  360.  399.  478.  521.  552.  559. 

von  Meyer  223. 

Meynert  203. 

Mezger  440. 

Michel  301. 

Migräne  128. 

Milchsecretion  u.  Mastodynie,  ge- 
genseit.  Verb.  ders.  148. 

Mineralwassercuren  bei  Krämpfen 
276.  —  bei  Lähmungen  435.  526.541. 
—  bei  Neuralgien  88.;  119.  169.  — 
bei  Neuritis  559. 

Mitbewegungen  244.  — ,  hemiple- 
gische  Ck)ntracturen  als  solche  355. 
— ,  krampfhafte,  257.  —  bei  Lähmun- 
gen 376.  472. 

Mitchell  40.  55.  92.  127.  135.  138. 
141.  156.  173.  218.  275.296.306.333. 
334.  360.  365.  381.  382.  383.411.417. 
440.  493.  542.  543.  549.  555. 

Mitempfindung  s.  Irradiation. 

Mogigraphie  319. 

Moleschott  565. 

Molli^re  234.  241. 

Moos  103.  208.  220. 

Morgan  296. 

Morphium  bei  Kopfschmerz  134.  — 
belKrämpfen  281.  290.  294.  300.311. 
313.  339.  350.  —  bei  Nervenhyperämie 
543.  —  bei  Neuralgien  78.  81.  116. 
125.  127.  141.  147.  155.  167.  182. 

Moschus  bei  Krämpfen  314. 

Mosler  183.  188.  310.  316.  318.319. 

Motilität,  Prüfung  ders.  247. 

Motilitätsneurosen  242. 

Motilitätsstörungen  S.Bewegungs- 
störungen. 

Moxen  bei  Kopfschmerz  134.  —  bei 
Krämpfen  276.  281.  300.  —  bei  Neur- 
algien 87. 

Moxon  341.  565.  566. 

Müller  325. 

Mundsperre  s.  Trismus. 

Murdoch  340. 

Murphy  127. 

Musculus  abductor  hallucis, 
Lähmung  dess.  537. 

XII.  1.    2.Aafl.  38 


594 


Register. 


M.  accommodatoriuB  ocnli,  L&h- 

niung  dess.  452. 
M.  adductor   hallacid,    L&hmang 

desB.  537. 
Mm.  adductores  femoris,  Gontrac- 

tur  den.  334. 
M.  biceps  brachii,  L&hmuDg  desB. 

528. 
M.  biceps  femoris»  Krampf  in  dems. 

334. 
M.  braehialis  int,  L&hmang  dess. 

528. 
M.  cucnllaris,  Gontractor  dess.  301. 

— ,  Krampf  dess.  296.  — ,  L&hmang 

dess.  491. 
M.  deltoideas,  Krampf  dess.  305.  ~, 
'  L&hmung  dess.  510.  5t8. 
M.  extensor  digitoram  ped.  comm. 

breyis  a.  longus,  L&hmung  ders.  536. 
M.    extensor    hallucis    longas, 

L&hmang  dess.  536. 
M.  flexor  digitoram  pedis  comm., 

Lähmung  dess.  5S7. 
M.  flexor  hallucis  longus,  L&hmung 

dess.  537. 
M.  g  as  troc  nem  ins ,  Krampf  dess.  335. 
Mm.  glutaei,  Krampf  in  dens.  334. 
M.  infrasplnatus,  Krampf  dess.  305. 

- ,  Lähmung  dess.  499. 
Mm.  interossei  pedis,  L&hmung  ders. 

537. 
M.  latissimus  dorsi,  Krampf  dess. 

305.  — ,  L&hmung  dess.  498.  499. 
M.  levator  anguli  scapulae, 

Krampf  dess.  305.  — ,  L&hmuttg  dess. 

498. 
M.  levator  palpebrae  sup.,  L&h- 
mung dess.  449. 
M.  obliquus  capitis  inf.,  Krampf 

dess.  304. 
M.  obliquus  oculi  inf. >   Lähmung 

dess.  451. 
M.  obliquus  oc.  sup.,  L&hmung  dess. 

452. 
M.  pectoralis  major,  Krampf  dess. 

305.  ~,  Lähmung  dess.  498. 
M.  pectoralis  minor,  L&hmung  dess. 

498. 
M.   peroneus    brevis    u.    longus, 


Krampf  ders.335.  — ,  L&hmang  den. 

536. 
M.  quadriceps    femoris,    Krampf 

dess.  334. 
Mm.  recti  öculi,  L&hmang ders. 450. 

451.  452. 
Mm.  rhomboidei,  Krampf  den.  304. 

~,  Lähmung  den.  498. 
M.semimembranosus,  Krampf.  desB. 

334. 

M.  semitendinoBUB,  Knmpf  dess. 

334. 
M.  serratus  anticus  maj.,  Krampf 

dess.  305.  —  L&hmang  dess.  499. 
M.  sphincter  ani,   L&hmung  deea. 

539. 
M.  sphincter  iridis,  L&hmung  dess. 

451. 
M.   sphincter    yesicae,    L&hmung 

dess.  539. 
M.  spleniuB  capitis,  Krampf  desi. 

304. 
M.    sternocleidomastoideag, 

Contractur  dess.  301.  —,  Krampf  dess. 

296.  — ,  L&hmung  desB.  490. 
M.  subscapularis,  Krampf  dess. 306. 

— ,  Tiähmung  dess.  499. 
M.    supinator    longus,     L&hmang 

dess.  528. 
M.  supraspinatus,  Krampf  dess.  305. 
Mm.  teretes,  Ejrampf  den.  305.  — , 

L&hmung  den,  499. 
M.  tibialis  anticus,  Krampf  dess. 

335.  — ,  L&hmung  dess.  536. 
M.  tibialis  post,  L&hmang  dess.  537. 
M.triceps  surae, L&hmung  dess.  536. 
Muskelan&sthesie  183.  214. 
Muskelatrophie,      progressive, 

Serratusl&hmung  bei  solcher  500. 
Maskelgefühl  215.    — ,  Anästhesie 

dess.  218.  —  bei  L&lmiUDgen  379. 
Muskeln,  Atrophie  den.  bei  Lähmungen 

u.  Neuritis  s.  Em&hrungsstörangen.  — , 

bei  Cpntractur  357.   — ,    elektrische 

Reize  zur  Untenuchung  den.  250.  — , 

elektrisches  Verhalten  den.  bei  Con- 

tracturen,  L&hmungen  u.  Kr&mpfen 

250.  269.  325.  345.  357.  396.  402.  459. 

472.492.502.511.519.  528.  529.530.—, 


Begister. 


595 


EntartaDgsreaction  ders.  399.  402. 
473.  502.  519.  528.  529.  530.  —  bd 
Kr&mpfen  267.  269. 325.  ~,  L&hmong 
durch  Krankheit  solcher  bed.  s.  Läh- 
mongen,  myopathische.  —  bei  Läh- 
mung 375.  377.  381.  382.  383.  389. 
396.  402.  406.  407.  459.  472.  502.  509. 
511.  515.  519.  528.  529.  530.  — ,  me- 
chanische Reize  zur  Üntersnchnng 
ders.  250.  — ,  Müdigkeit  ders.  nach 
Krämpfen  267.  —  bei  Neuritis  553.  — , 
Sensibilität  ders.  214.  —  Zuckungs- 
gesetz ders.  253.  403.  S.  a.  Arm- 
muskeln; Bauchm.;  Inspirationsm.; 
Kaum.;  Kehlkopfm.;  Nackenm.;  Bü- 
ckenm.;  Streckmuskeln. 

MuskelrheumatismuB  und  Ischias, 
Untersch.  ders.  164.  ^  u.  Neuralgie, 
Untersch.  ders.  62.  ~  u.  Neuritis, 
Untersch.  ders.  557. 

Muskelschmerz'  bei  Krämpfen  267. 
—  u.  Neuralgie,  Untersch.  ders.  62. 

Muskel  sinn  216.  — ,  Anästhesie  dess. 
218.  —  bei  Lähmungen  379. 

Muskelspannungen  356. 

M  uskelstarre,  allgemeine  256.  —  nach 
Facialislähmung  478.  489. 

MuskeltonuB  245. 

Muskelzittern  s.  Tremor. 

Mydriasis  pandytica  451. 

Myotomie  bei  Krämpfen  291.  301. 

Myxome  an  d.  Nerven  568. 

Nackenmuskeln,  Krampf  ders.  304. 
— ,  Lähmung  ders.  505. 

Nadaud  492. 

Nägel  bei  Lähmungen  381.  383. 

Nähekrampf  326. 

Narcotica,  Anästhesie  durch  solche 
bed.  189.  194.  —  bei  Kopfschmerz 
134.  —  bei  Krämpfen  275.  281.  290. 
294.  300.  313.  818.  349.  —bei  Neur- 
algien 78.  141.  149.  167.  173.  —  bei 
Neuritis  559.  —  bei  Neuromen  576. 
S.  a.  Hypodermatische  Injectionen. 

Nasenschleim,  Secretion  dess.  bei 
Prosopalgie  104. 

Nasse  214.  543. 

Natanson  254.  258.  262. 


Naunyn  85. 

Nebenhoden,  Neuralgie  ders.  172. 

N^laton  91. 

Nerven^  Gardnom  an  dens.  569.  ^, 
Gompression  solcher  bei  Neuralgien 
89.  — ,  Contractur  durch  Beizung 
solcher  bed.  351.  353.  358.  — ,  Deh- 
nung solcher  bei  Neuralgien  93.  170. 
— ,  elektrische  Untersuchung  ders.  250. 
— ,  elektrisches  Verhalten  ders.  bei 
Neuralgien,  Krämpfen,  Lähmungen, 
Neuritis  und  Atrophie  58.  162.  269. 
325.  345.  396.  400.  472.492.509.519. 
528.  529.  530.  552.  563.  — ,  Entartungs- 
reaction  ders.  bei  Lähmungen  399. 
473.  — ,  Erschöpfung  ders.,  Lähmung 
durch  solche  bed.  371.  — ,  Fibrome 
an  dens.  568.  — ,  Geschwtllste  an  dens. 

568.  — ,  Gliome  an  dens.  569.  — , 
Gummata  syphihticaan  dens.  569.  — , 
bd  Krämpfen  269.  325.  345.  —  bd 
Lähmung  383.  384.  396.  402. 407.  472. 
492.  502.  509.  515.  519.  528.529.  530. 
— ,  Lepra  ders.  569.  — ,  mechanische 
Beize  zur  Unters,  ders.  250.  — ,  Myxome 
an  dens.  568.  —  bei  Nerrenatrophie 
563.  — ,  Neubildungen  an  dens.  565. 

—  bd  Neuralgien  33.  57.  58.  98. 162. 

—  bd  Neuritis  546.  547.  552.  -, 
Prosopalgie  durch  Beizung  solcher 
bed.  99.  — ,  Begeneration  solcher 
bd  Lähmungen  387.  — ,  Bücken- 
marksentzündung d.  Beizung  solcher 
bed.  373.  555.  — ,  Sarkome  an  dens. 

569.  — ,  Verletzungen  solcher  387. 
S.  a.  Bewegungsnerven;  Cervicaln.; 
Dorsaln.;  Empfindungsn. ;  Geruchsn.; 
Geschmacksn.;  Liter  costaln.;Lumbaln.; 
Periphere  N.^  Sacralnerven. 

Nervenatrophie  559.  —  bd  Lähmung 
385. 

Nervenentzündung  s.  Neuritis. 

Nervenhyperämie  542.  — ,  Neural- 
gie bei  solcher  98.     . 

Nervenhypertrophie  565. 

Nervenkrankheiten,  Lähmungen 
durch  solche  bed.  s.  Lähmungen,  neu- 
ropathische. 

Nervenresection  bei  Krämpfen  277. 

38* 


596 


Begister. 


290.  293.  301.  303.  — ,  bei  Near&Igien 

90.  119.  125.  141.  170.   — ,  Neuritis 

nach  solcher  545. 
Nerven  würz  ein,    Neuralgien,     von 

solchen  ausgehende,  64. 
Nerv  Ina  bei  Krämpfen  275.  290.  300. 

314.  336.  350. 
Nervus  abducens,  Lähmung  dess. 

441.  452. 
N.  accessorius,  Krämpfe  im  Gebiete 

dess.  296.  — ,  Lähmungen  im  Gebiete 

dess.  490. 
Nn. alveolares  supp., Neuralgie ders. 

107. 
N.  alveolaris  Inf.,  Neuralgie  dess. 

108. 
N.  auricularis    anter.,    Neuralgie 

dess.  108. 
N.  auricularis  magnus,  Neuralgie 

dess.  121. 
N.  auriculotemporalis,  Neuralgie 

dess.  108. 
N.  axillaris,  Lähmungen  im  Gebiete 

dess.  510. 
N.   buccinatorius,  Neuralgie  dess. 

108. 
Nn.  ciliares,  Neuralgie  ders.  106. 
N.  communicans  facialis,  Neuralgie 

dess.  108. 
N.  cruralis,  Lähmungen  im  Geb.  dess. 

531.  —,  Neuralgie  dess.  153. 
N.  cutaneusfemoris  lateralis, Neur- 
algie dess.  153. 
N.  facialis,    Purchschneidung   dess. 

bei  Gesichtskrampf  290.  — ,  Krampf 

im  Gtob.  dess  s.  Gesichtskrampf.  — , 

Lähmung-  im  Geb.  dess.  s.  Facialis- 

lähmung.    — ,   Leitungshemmung  in 

dems.  230.  — ,  Reizung  dess.,  Gtosichts- 

krampf  durch  solche  bed.  287. 
N.    glossopharyngeus,    Leitungs- 

hemmung  in  dems.  230. 
Nn.  glutaei,  Lähmungen  im  Geb.  ders. 

533. 
N.  hypoglossus,  Krampf  im  Gebiete 

dess.  295.  — ,  Lähmung  im  Gebiete 

dess.  493. 

N.  infraorbitalis,   Neuralgie  dess. 
107. 


Nn.  intercostales,  Neuralgie  ders. 
s.  Litercostalneuralgie. 

N.ischiadicus,  elektrische  Erregbar- 
keit dess.  bei  Ischias  162.  — ,  Läh- 
mungen im  Geb.  dess.  534.  — ,  Neuzal- 
gie  dess.  s.  Ischias. 

N.  lingual!  s,  Leitungshemmung  dess. 
230.  — ,  Neuralgie  dess.  t08. 

N.maxillaris  inf.,  Neuralgie  dess.  108. 

N.  maxillaris  sup.,  Neuralgie  dess. 
107. 

N.  meatus  auditorii  ext.,  Neuralgie 
dess.  108. 

N.  medianus,  Lähmungen  im  Gebiet 
dess.  523. 

N.  mentalis,  Neuralgie  dess.  108. 

N.  musculocutaneus,    Lähmungen 

.  im  Geb.  dess.  512. 

N.  obturatorius,  Lähmungen  im  Geb. 
dess.  533.  — ,  Neuralgie  dess.  149. 154. 

N.  occipitalis  major  u.  minor,  Neur- 
algien ders.  121. 

N.  oculomotorius,  Lähmungen  im 
Geb.  dess.  441.  448. 

N.  olfactorius  s.  Geruchsnerven. 

N.  ophthalmicuB,  Neuralgie  dess. 
106. 

N.  orbitalis,  Neuralgie  dess.  107. 

N.  peronaeus,  Krampf  im  Geb.  dess. 
334.  — ,  Lähmung  im  Gkb.  dess.  535. 

N.  phrenicus,  Neuralgie  dess.  125. 

N.  pudendo  -  haemorrhoidalis  y 
Neuralgie  dess.  170. 

N.  radialis,  Lähmungen  im  Geb.  dess. 
512, 

N.  recurrens  inframaxillaris, 
Neuralgie  dess.  107. 

N.  recurrens  supramax.,  Neuralgie 
dess.  107. 

N.sphenopalatinus,  Neuralgie  dess. 
107. 

N.  subcutaneus colli  inf.,  Neuralgie 
dess.  121. 

N.  subcutaneus  malae  s.  N.  orbi- 
talis. 

Nn.  supraclaviculares,  Neuralgie 
ders.  122. 

N.  supraorbitalis,Durchschneidung 
dess.  290. 293.  —,  Neuralgie  dess.  106. 


Begiflter. 


597 


N.  tibialis,  Krampf  im  Geb.  dess.  335. 
— ,  L&hmang  im  Geb.  dess.  536. 

N.  trigeminus,  Anästhesie  dess.  206. 
223.  — ,  Krampf  im  Geb.  dess.  278. 
— ,  Lähmungen  d.  motorischen  Portion 
dess.  458.  — ',  Leitungshemmong  dess. 
230.  — ,  Neuralgie  dess.  s.  Prosopal- 
gie. — ,  Prosopalgie  bei  Krankheiten 
dess.  98. 

N.  trochlearis,  Lähmung  dess.  441. 
452. 

N.  ulnaris,  Lähmungen  im  (}eb.  dess. 
524. 

Neubildungen  an  d.  Nerven  565. 

Neucourt  149. 

Neugeborene,  Lähmung  d.  Oberex- 
tremitäten bei  solchen  529.     ^ 

Neumann  220.  221.  224.227.231.359. 
360.  385.  386.  388.  399.  405.  516. 
566. 

Neuralgia  anovesicalis  172.  —  arti- 
culorum  174.  —  cervicobrachialis  135. 

—  ceryicooccipitalis  121.  —  ciliaris 

106.  —  cruralis  149.  151.  —  diaphrag- 
matica  125.  ^  ileoscrotalis  153.  172. 

—  inframaxillaris  108.  —  infraorbitalis 

107.  —  intercostalis  142.  —  ischiadica 
B.  Ischias.  —  labialis  172.  —  lingualis 

108.  —  lumboabdominalis  149. 150. 152. 

—  mammae  147.  —  nervi  alveolaris 
inf.  108.  —  nn.  alveolarium  supp.  107. 
n.  auricularis  ant  108.  —  n.  auricu- 
laris  magni  121.  —  n.  auriculotem- 
poralis  108.  —  n.  buccinatorii  108. 

—  n.  communicantis  facialis  108.  — 
n.  cruralis  153.  —  n.  cutanei  femoris 
lateralis  153.  —  n.  meatus  auditorii 
ext.  108.  —  n.  mentalis  108.  —  n. 
ocdpitalid  majoris    et   minoris   121. 

—  n.  orbitalis  107.  —  n.  recurrentis 
supramaxillaris  et  inframax.  107.  — 
n.  sphenopalatini  107.  —  n.  sub- 
cutane! colli  inf.  121.  —  n.  sub- 
cutanei  malae  107.  —  nn.  supra- 
davicularium  122.  —  n.  trigeminl 
s.  Prosopalgie.  —  obturatoria  149. 
154.  —  occipitalis  122«  —  ophthal- 
mica  106.  —  penis  et  glandis  penis 
171.  ~  phrenica  126.  —  plantaris 


160.  ~  plexus  brachialis  135.  —  pl. 
cervicalis  121.  —  pl.  coccygei  173.  — 
pl.  lumbalis  149.  —  pl.  sacraUs  155. 

—  pudendo-haemorrhoidalis  155. 170. 

—  pudendorum  170.  —  qninti  s.  Pros- 
opsügie.  —  scrotalis  172.  —  sperma- 
tica  153.  172.  —  supramaxillaris  107. 

—  supraorbitalis  1 06.  —  urethralis  172. 
Neuralgien  18.  —,  Ableitungsmittel 

bei  solchen  86.   118.    125.   141.  147. 

166.  — ,  Aconitin  bei  solchen  81.  —, 
Aether  bei  solchen  82.  —,  durch  Al- 
kohohnissbrauch  bed.  26.  31.  •—,  All- 
gemeinstörungen bei  solchen  56.  106. 
162.  — ,  Anämie  in  Bez.  zu  solchen  26. 
72. 122. 148.  —,  Anästhesie  bei  solchen 
46.  102.  145.  154.  161.  177.  190.  — , 
Anaesthetica  bei  solchen  78.  82.  117. 

167.  —  durch  Aneurysmen  bed.  28. 98. 
143.  — ,  Apophysenpunkte  bei  solchen 
43.  102.  — ,  Arsenik  bei  solchen  84. 
118.  135.  141.  169.  182.  — ,  Arterio- 
tomie  bei  solchen  93.  ~,  Asa  foetida 
bei  solchen  86.  — ,  Atropin  bei  sol- 
chen 81.  82.  116.  117.  141.  155.  167. 
182.  — ,  Auge  bei  solchen  54.  —  durch 
Augenanstrengung  bed.  32.  99.  — , 
Bäder  bei  solchen  88.  119.  169.  — , 
BeUadonna  bei  solchen  81.  141.  149. 
^,  Bewegungsstörungen  bei  solchen 
38.  48.  65.   103.    123.   139.   145.  152. 

154.  161.  178.  ~,  Blasenpflaster  bei 
solchen  87.    118.    125.   127.  141.  147. 

155.  166.  182.  —  bei  Bleivergiftung 
30.  — ,  Blutentziehungen  bei  solchen 
149.  —  durch  Blutstauung  bed.  28. 
71.  158.  — ,  Blutzuflusshemmung  bei 
solchen  92.  — ,  Bromkalium  bei  sol- 
chen 85.  — ,  Butylchioral  bei  solchen 
83.  117.  134.  — ,  Castoreum  bei  sol- 
chen 86.  — ,  centrale,  30.  63.  65.  — , 
Chinin  bei  solchen  118.  141.  169.  182. 
— ,  Chloralbydrat  bei  solchen  83.  ~, 
Chloroform  bei  solchen  82.  141.  — , 
Compression  d.  Nerven  bei  solchen 
89.  119.  —  durch  Compression  bed. 
151.  158.  — ,  Crotonöl  bei  solchen  125. 

—  durch  Darmkrankheiten  bed.  32. 
— ,  Dehnung  d.  Nerven  bei  solchen 


598 


Register. 


93.  170.  — ,  Diät  zur  Vermeidung  n. 
HefloDg  solcher  69.  72.  73.  121.  142. 
170.  —,  Disposition  zn  solchen  22. 
68.  71.  96.  —  bei  Dyskrasien  30.  72. 
100.  — ,  Eisen  bei  solchen  85.  — , 
Elektridtät  bei  solchen  75.  87.  114. 
125.  140.  147.  149.  155.  167.  173.  182. 
— ,  elektrisches  YerhAHen  d.  Nerven 
bd  solchen  58. 162.  — ,  epileptiforme, 
109.  116.  — ,  Erbrechen  bei  solchen 
148.153.172.  —  durch  Erkältung  bed. 
29.  71. .97.  122.  137.  143.  151.  158. 
173.  176.  — ,  Ernährungsstörungen  in 
Bez.  zu  dens.  25.  35.  51.  105. 139. 145. 
162. 178.  — ,  Erysipelas  bd  solchen  52. 
105.  — ,  Erythem  bei  solchen  52.  — , 
Erziehung  in  Bez.  zu  solchen  25.  — , 
durch  Fäcalanhäufnngen  bed.  28.  -, 
Faradisation  bd  solchen  75.  76.  125. 
141.  147.  168.  182.  — ,  Ferrum  can- 
dens  bd  solchen  87.  88.  118.  125.  141. 
167.  — ,  Formication  bd  solchen  46. 
102.  139.  154.  161.  177.  —  durch 
Fremdkörper  bed.  27.  70.  97.  137.  151. 
— ,  Galvanisation  bd  solchen  76.  77. 
125.  140.  147.  155.  168.  182.  —  bd 
Gehirnkrankhdten  31.  71.  98.  122. 
159.  — ,  Gelseminum  sempervirens  bd 
solchen  83.  — ,  (Geschlecht  in  Bez.  zu 
dens.  24.  67.  96.  137.  143.  157.  175. 
— ,  GeschleChtsthätigkdt  in  Bez.  zu 
dens.  24.  32.  96.  144.  148.  153.  —  d. 
Geschlechtsorgane  170.  —  durch  Ge- 
schwülste bed.  28.  71.  — ,  Glaucom 
durch  solche  bed.  54.  — ,  Haare  bei 
dens.  52.  105.  — ,  Haut  bei  dens.  38. 
46.  52.  177.  —  durch  Hernien  bed.  28. 
161.  — ,  Herpes  bd  solchen  53.  66. 
105.  145.  147.  153.  —  durch  Herz- 
krankhdten  bed.  32.  — ,  Hydrotherapie 
bd  solchen  170.  — ,  Hyperästhede  im 
Yerh.  zu  dens.  21.  46.  102.  145.  154. 
161.  — ,  Hyperalgesie  bei  solchen  47. 
177.  --,  Hypertrophie  bd  solchen  52. 
—  durch  Hypochondrie  bed.  23.  — , 
hypodermatische  Injectionen  bd  sol- 
chen 79.  116.  125.  127.  141.  147.  155. 
167.  173.  182.  —  durch  Hysterie  bed. 
23.  31.  72.  122.  137.  148.  174.  175.  — , 


Jahreszdt  in  Bez.  auf  dies.  29.  157. 
—  durch  InfectionskrankheiteD  bed. 
29.  159.  — ,  Inhalationen  bd  solchen 
82.  —  bei  Intoxicationskrankhdten 
29.  30.  72.  137.  ~  u.  Intozications- 
Bchmerz,  üntersch.  ders.  62.  — ,  Jod- 
kalium bei  solchen  85.  169.  — ,  Iritis 
bd  solchen  54.  — ,  Irradiation  des 
Schmerzes  bd  solchen  37.  45.  102. 
123.  139.  145.  152.  154.  161.  ~  durch 
Kachexien  bed.  72.  — ,  Kälte  bd  sol- 
chen 86.  118.  — ,  Klima  in  Bez.  in 
dens.  157.  —,  Klystiere,  anästhesürende 
bd  solchen  82.  —  durch  Knochen- 
anomalien bed.  27.  71.  97.  — ,  Körper- 
temperatur bei  solchen  38.  57.  — , 
Krämpfe  bd  solchen  48.  161.  178.  — 
bd  Kupfer  Vergiftung  30.  ~,  Lähmun- 
gen bd  solchen  48.  162.  178.  — ,  Le- 
bensalter in  Bez.  zu  dens.  23.  29.  67. 
96.  143.  157.  —  dnrdi  Lungenkrank- 
heiten bed.  32.  — <  durch  Malaria  bed. 
29.  72.  97.  106.  144.  —  durch  mecha- 
nische Ursachen  bed.  27.  70.  —,  Men- 
struation in  Bez.  zu  dens.  144.  148. 
— ,  Ifineralwasaercnren  bd  solchen 
119.  169.  — ,  Morphium  bd  solchen 
78.  81.  116.  125.  127.  141.  147.  155. 
167.  182.  —  u.  Muskelschmerz,  Un- 
terschied ders.  62.  — ,  Narcotica  bei 
dens.  78.  116.  141.  149.  167.  173.  — , 
Nerven  bei  solchen  33.  57.  58.  98. 
162.  — ,  Nervenresection  bd  solchen 
90.  119.  125. 141.  170.  -,  von  d.  Ner- 
venwurzeln ausgdiende,  64.  — ,  Neu- 
ritis in  Bez.  zu  dens.  71.  556.  —  durch 
Neurome  bed.  27.  — ,  Operationen, 
chirurgische,  bd  solchen  90.  93.  1 19. 
141.  170.  173.  •— ,  Ophthahnia  neoro- 
paralytica  bd  solchen  54.  — ,  Opium 
bd  solchen  81.  116,  141.  — ,  Par- 
ästhede  bd  solchen  46.  177.  — ,  Par- 
oxysmen  bd  solchen  37.  57.  70.  100. 
138.  144.  159.  ~,  Pemphigus  bd 
solchen  53.  —  durch  Periostanoma- 
lien  bed.  27.  71.  — ,  peripherische, 
63.  64.  —  .durch  peripherische  Reize 
bed.  32.  99.  — ,  Pflaster  bd  solchen 
81.  —,  Phosphor  bd  solchen  85.  — , 


Register. 


599 


prophylaktische  Massrogeln  gegen  sol- 
che 68.  — ,  psychische  Behandlung 
ders.  181.  — ,  psychische  Einflüsse  a. 
Znst&nde  bei  solchen  38.  56. 106.  110. 
176.  — ,  Puls  bei  solchen  38.  49.  50. 

—  bei  Quecksilbervergiftiing  30.  ^, 
Recidive  ders.  59.  —  durch  Reflex 
bed.  32.  99.  — ,  Reflexbewegungen  bei 
solchen  49.  — ,  rheumatische,  s*  N. 
durch  Erkältung  bed.  —  bei  Racken- 
markskrankheiten bed.  31. 71. 122. 143. 
152.  159.  — ,  Salben  bei  solchen  81. 
117.  — ,  Schleimhäute  bei  solchen  52. 
— ,  Schmerz  bei  solchen  19.  34.  37. 

40.  61.  63.  100.  122.  126.  138.  144. 
148.  152.  153.  159.  171.  172.  173.  176. 
— ,  Schmerzpunkte  bei  solchen  37. 

41.  61.  102.  107.  108.  123.  126.  138. 
144.  148.  152.  153.  161.  177.  — , 
Schröpfköpfe  bei  solchen  127.  —  durch 
Schwangerschaft  bed.  28.  — ,  Secre- 
tionsstörungen  bei  solchen  38.  51. 
104.  — ,  Senescenz,  frühzeitige,  in  Bes. 
zu  solchen  26.  97.  157.  — ,  Sensibili- 
tätsstörungen bei  solchen  45.  102.  123. 
139.  145.  161.  177.  —,  Spedfica  gegen 
dies.  83.  — ,  Strychnin  bei  solchen 
85.  —  durch  Syphilis  bed.  30.  72.  158. 
159.  —  bei  Tabakyergiftung  31.  — , 
Terpentinöl  bei  solchen  86.  125.  169. 
— ,  Tod  durch  solche  bed.  60.  112.  — 
bei  Typhus  30.  — ,  typischer  Verlauf 
ders.  39.  111.  —  durch  Ileberanstren- 
gung  bed.  99.  137.  151.  158.  — ,  Ur- 
ticaria bei  solchen  53.  —  bei  Uterus- 
krankheiten  144.  — ,  Vakriana  bei 
solchen  86.  — ,  vasomotorische  Stö- 
rungen bei  solchen  38.  50.  65.  104. 
139.  145.  154.  162.  178.  —  durch  Ve- 
nenerweiterungen bed.  28.  143.  — , 
Veratrin  bei  solchen  81.  117.  141.  — 

—  durch  Verletzungen  bed.  26.  70. 
97.  122.  137.  143.  149.  151.  158.  173. 
176.  — ,  Wärme  bei  solchen  149.  169. 

—  durch  Wirbelkrankheiten  bed.  122. 
143.  159.  —  durch  Zahncaries  bed.  32. 
97.  99.  — ,  Zink  bei  solchen  85. 

Neurasthenischer  Kopfschmerz 
133. 


Neurektomie  s.  Nervenresection. 
Neurilemma  bei  Lähmungen  386. 
Neuritis  543.  —  acuta  546.  549.  553. 

558.  ~  nach  acuten  Krankheit^  545. 
— ,  Anästhesie  durch  solche  bed.  190. 
205.  551.  -—  ascendens  548.  555.  — , 
Bewegungsstörungen  bei  solcher  550. 
551.  —  chronica  547. 550. 554. 558.— bei 
chronischen  Krankheiten  545.  — ,  De- 
rivantia  bei  solcher  558.  559.  —  de- 
scendens  548.  555.  — ,  Elektricität 
bei  solcher  558.  559.  —  durch  Er- 
kältung bed.  544.  -^,  Ernährungs- 
störungen bd  solcher  553.  — ,  Fara- 
disation  bei  solcher  558.  -^,  I>1eber 
bei  solcher  549.  — ,  Formication  bei 
solcher  551.  — ,  Galvanisation  bei 
solcher  558.—,  Haut  bei  solcher  550. 
— ,  Herpes  bei  solcher  553.  — ,  Hyper- 
ästhesie bei  solcher  550.  552.  —  hy- 
perplastica  529.  .—  interstitialis  pro- 
lifera  547.  — ,  Irradiation  d.  Schmer- 
zes bei  solcher  552.  — ,  Kälte  bei 
solcher  558.  — ,  Lähmung  bei  solcher 
425.  514.  535.  551.  -<  migrans  549. 
— ,  Mineralwassercuren  bei  solcher 

559.  — ,  Narcotica  bei  solcher  559. 
— ,  Nerven  bei  solcher  546.  547.  552. 
— ,  Neuralgie  durch  solche  bed.  71. 
— ,  Neurombildung  nach  solcher  571. 

—  nach  Neuro tomie  545.  —  nodosa 
547.  — ,  Reflexbewegungen  bei  solcher 
552.—,  Rüekinmarksentzündung  durch 
solche  bed.  555.  — ,  Schmerz  bei 
solcher  549.  550.  — ,  Sensibilitäts- 
störungen bei  solcher  550.  551.  — 
sympathica  549.  — ,  Taubheitsgefühl 
bei  solcher  550.  551.  —  traumatica 
27.  544. 

Neuro ma  565.  —  amyelinicum  567. 
— ,  Mastodynie  durch  solches  bed. 
149.  —  myelinicum  567.  — ,  Neural- 
gien durch  solche  bed.  27.  —  plexi- 
forme 570.  —  spurium  568.  —  trau- 
maticum  27.  —  verum  567. 

Neurosen,  Anästhesie  bei  solchen  193. 

—  d.  Gelenke  174.  —  d.  Geruchs- 
nerven 234.  —  d.  Geschmacksnerven 
220.  —  d.  motorischen  Nerren  242. 


600 


Register. 


—  d.  peripheren  Nerren  6.  —  d.  sen- 

sibeln  Nerven  5.  —  d.  Sinnesnerven 

219. 
Neurotomie  s.  Nervenresection. 
Neuschier  497. 
Nicaise  497.  519. 
Nickkrämpfe  296. 
Nictitatio  294. 
Nicod  142. 
Niemeyer  19.  36. 
Nieskrampf  316. 
Norman  98. 
Nothnagel  19.  30.  46.  47.  48.55.  102. 

161.  183.  186.  188.  189.  190.197.254. 

260.  262.  263.  360.  364.  396.531.544. 

551.  556. 
Notta  19.  52.  95.   102.   103.  153.  234. 

239.  241.  242. 
Noyes  220.  221. 
von  Nussbaum   19.  91.  93.  95.  120. 

170. 
Nux  vomica  bei  L&hmungen  438. 

Oberarmbeinfractnr,  L&hmnng  n. 
solcher  528. 

Oberextremit&ten,  L&hmongen  an 
dens.  510. 

Odenius  215. 

Odier  565.  566. 

Oehl  388. 

Ogle  234.  239.  240.  241. 

Ohr  s.  Gehör. 

Ohrenkrankheiten,  Facialisl&hmang 
durch  solche  bed.  464. 

Ohrmuschel,  Canterisation  ders.  bei 
Ischias  167. 

Ollier  514. 

Onimus  19.  319.  360.  399. 

Operationen  bei  Kr&mpfen  277.  290. 
293.  300.  302.  332.  —  bei  L&hmun- 
gen 458.  —  bei  Neuralgien  90.  93. 
119.  141.  170.  173.  174. 

Ophthalmia  neuroparalytica  54.  105. 
202. 

Opium  bei  Krämpfen  281.  313.  —  bei 
Neuralgien  81.  116.  141. 

Oppert  241. 

Oppolzer  282.  284.  309.  310.497.508. 

Orthopädische    Behandlung  bei 


Contracturen  302.  —  bei  Krämpfen 
336.  —  bei  Lähmungen  493.  541. 

Ortsinn  185.  — ,  Prüfung  dess.  197. 

Oscedo  s.  Gähnkrampf. 

Osiande.r  463. 

Oxyokoia  bei  Facialislähmnng  470. 

Pacini'scbe  Körperchen  186. 

Pagenstecher  130. 

Paget  359. 

Panas  497.  513. 

Parästhesie  9.  184.  —  bei  Anästhesie 

199.  —  d.  Geruchsnerven  236.  —  d. 

Geschmacksnerven  229.  —  bei  Läh- 
mungen 379.  —  bei  Neuralgien  46.  177. 

—  bei  Neuritis  55 1 .  —  durch  Neurome 

bed.  572. 
Paralysie    obst^tricale   infantile    du 

membre  sup6rieure  529. 
Paralysis  248.   362.   374.  —  agitans 

256.  S.  a.  Lähmungen. 
Paraplegie  374.  — ,  cerebrale,  420. 
Paresis  248.   362.  374.     S.  a.  Läh- 
mungen. 
Parozysmen  bei  Krämpfen  283.  297. 

342.  — ,  neuralgische,  37.  57.  70. 100. 

122.  138.  144.  148.  159. 
Parson  19. 

Patruban  19.  91.  93.95.  120.156.  170. 
Paulus  Aegineta  18. 
Pemphigus  bei  Neuralgien  53. 
Penis,  Neuralgie  dess.  171. 
Perineum,  Neuralgie  dess.  173. 
Perineuritis  leprosa  545.  569. 
Periosteum,    Krankheiten  dess.  als 

Urs.  von  Neuralgien  27.  71. 
Periphere    Lähmungen   364.    3S0. 

417.  425.  455.  476. 
Periphere  Nerven,    Erkrankungen 

ders.  (functionelle)  5.   (anatomische) 

542. 
Periphere  Reizungen,  Neuralgien 

durch  solche  bed.  32.  99. 
Peter  121.  125.  126.  127. 
Petrini  155. 
Pf  äff  118.      • 
Pflanzenalkaloide,  Lähmungen  d. 

solche  bed.  368. 
Pflaster  bei  Neuralgien  81. 


Register. 


601 


Philippeaux  360.  335.  564. 

Phosphor  bei  Neuralgien  S5. 

Photophobie  bei  Prosopalgie  103. 

Phthisis  u.  Intercostalnenralgie,  ge- 
geDS.  Verh.  ders.  143.  — ,  Neurom- 
bilduog  bei  solcher  571. 

Pia  mater,  Empfindlichkeit  ders.  130. 

Pierreson  460. 

Pierret  544. 

Piorry  19.  543. 

Plexus  brachialis  (Neuralgien  dess.) 
135.  (Krampf  im  Gebiete  dess.)  303. 
(L&hmuDg  dess.)  527.  —  (cervica- 
lis  (Neuralgie  dess.)  121.  (Krampf 
im  Gebiete  dess.)  303.  —  coccygeus, 
Neuralgie  dess.  173.  —  lumbalis 
(Neuralgie  dess.)  149.  (Krampf  im  Geb. 
dess.)  333.  —  sacralis  (Neuralgie  dess.) 
155.   (Krampf  im  Gebiete  dess.)  333. 

Plouviez  165.  169. 

Podrazki  19.  91.  98. 

Poore  319.  329. 

Pressat  241. 

Pr^YOSt  220.  222.  234.  241. 

Priapismus  bei  Lumboabdominal- 
neuralgie  153. 

Projection,  Gesetz  d.  excentrischen, 
10. 

Prosopalgie  95.  — ,  Ableitungsmittel 
bei  ders.  118.  —,  Allgemeinstörungen 
bei  ders.  106.  — ,  Amylnitritinhalatio- 
nen  bei  solcher  1 18.  — ,  Anästhesie  bei 
solcher  102.  — ,  Anaesthetica  bei  sol- 
cher 117.  — ,  Apophysenpunkt  bei 
ders.  102.  — ,  Arsenik  bei  solcher  118. 
— ,  Atropin  bei  ders.  116.  117.  —, 
Auge  bei  ders.  102. 105.  —bei  Augen- 
krankheiten 99.  — ,  Bäder  u.  Bade- 
curen bei  solcher  119.—,  Bewegungs- 
störungen bei  solcher  103.  — ,  Bksen- 
pflaster  bei  solcher  118.  — ,  Butyl- 
chloral  bei  solcher  117.  —  durch 
Carotisaneurysma  bed.  98.  — ,  Caro- 
tisunterbindung  bei  solcher  93. 121.  — , 
Chinin  bei  solcher  118.  — ,  Compres- 
sion  bei  solcher  119.  — ,  Diät  bei 
solcher  121.  —  bei  Dyskrasien  100. 
— ,  Elektricität  bei  solcher  114.  — , 
Emptindungsstörungen  bei  solcher  1 02. 


— ,  Erblichkeit  ders.  96.  —  durch  Er- 
kältung bed.  97.  —,  Ernährungsstö- 
rungen bei  solcher  105.  — ,  Erysl- 
pelas  bei  solcher  105.  — ,  Faradisa- 
tion  bei  solcher  114.  — ,  Formication 
bei  solcher  102.  — ,  durch  Fremd- 
körper bed.  97.  — ,  Galvanisation  bei 
solcher  115.  —  bei  Gehimkrankheiten 
98.  112.  —,  Gehör  bei  ders.  103.  — , 
Geschlecht  in  Bez.  zu  ders.  96.  — , 
Geschlechtsleben  im  Verh.  zu  ders. 
96.  — ,  Geschmack  bei  ders.  103.  — 
bei  Gesichtsknochenanomalien  97.  — , 
Gesichtskrampf  bei  ders.  103.  — , 
Glüheisen  bei  solcher  118.  — ,  Haare 
bei  solcher  105.  — ,  Haut  bei  solcher 
105.  — ,  Herpes  bei  solcher  105.  — 
durch  Hyperämie  bed.  98.  —»Hyper- 
ästhesie bei  solcher  102.  — ,  hypo- 
dermatische  Injectionen  bei  solcher 

116.  —  bei  Ileotyphus  97.  — ,  Irra- 
diation d.  Schmerzen  bei  solcher  102. 
— ,  Kälte  bei  solcher  118.  — ,  Kau- 
muskeln bei  solcher  109.  — ,  Läh- 
mungen bei  solcher  103.  — ,  Lebens- 
alter in  Bez.  zu  ders.  96.  —  durch 
Malaria  bed.  97.  106.  — ,  Morphium 
bei  solcher  116.  — ,  Narcotica  bei 
solcher  116.  — ,  Nasenschleimsecretion 
bei  solcher  104.  — ,  Nerven  bei  sol- 
cher 98.  —  durch  Nervenreizung» 
entfernte,  bed.  99. — ,  neuropathische 
Disposition  in  Bez.  zu  ders.  96.  — , 
Neurektomie  u.  Neurotomie  bei  sol- 
cher 119.  — ,  Opium  bei  solcher  116. 

117.  — ,  Photophobie  bei  solcher  103. 
— ,  Psyche  bei  ders.  106. 1 10.  —  durch 
psychische  Ueberanstrengung  bed.  99. 
100.  —  bei  Bchädelknochenkrank- 
heiten  97.  — ,  Schmerz  bei  solcher 
100.  — ,  Schmerzpunkte  bei  solcher 
102.  — ,  Schnupfpulver  bei  solcher 
107.  — ,  Secretionsanomalien  bei  sol- 
cher 104.  — ,  Senescenz  in  Bez.  zu 
ders.  97.  — ,  Sinnesorgane  bei  ders. 
102.  ~,  Speichelsecretion  bei  solcher 
104.  — ,  Thränensecretion  bei  solcher 
104.  — ,  Tod  durch  solche  bed.  112. 
—  bei  Trigeminusanästhesie  207.  — , 


602 


Register. 


vasomotorische  Störungen  bei  solcher 
104.  — ,  Veratrin  bei  solcher  117.  — 
durch  Verletzungen  bed.  97.  —  durch 
Zahncaries  bed.  97.  99. 

Prosopoplegie  460. 

Psychische  Behandlung  beiKeur- 
algien  176.  181. 

Psychische  Einflüsse,  Krämpfe 
durch  solche  bed.  265.  288.  299.  342. 
— ,  Lähmungen  durch  solche  bed. 
371.  — ,  Neuralgien  durch  solche  bed. 
99.  171.  176.  — ,  Singultus  durch 
solche  geheilt  313. 

Psychische  Störungen  bei  Kräm- 
pfen 268.  —  bei  Lähmungen  379.  — 
bei  Neuralgien  38.  56.  106.  110. 

Ptarmus  316. 

Ptosis  449. 

Puchelt  19.  183. 

Puerperium,  Krämpfe  beidems.  299. 
341.  342. 

Pujol  95. 

Puls  bei  Neuralgien  38.  49.  50.  —  bei 
Tetanie  344. 

Pupille  bei  Augenmuskellähmung 449. 
451.  452. 

Quecksilber,  Neuralgien  durch  Ver- 
giftung mit  solchem  bed.  30. 

Quecksilbersublimat  bei  Kräm- 
pfen 276. 

Kabaud  340. 

Ranke  254.  274. 

Ransome  241. 

Ranvier  360.  385.  386.  388. 

Rauber  215. 

Recamier  169. 

Recidive  d.  Neuralgien  59. 

Reflex,  Gesetz  dess.  10. 

Reflexbewegungen  245.  —  bd  An- 
ästhesie 20t.  —  bei  Lähmungen  375. 
471.  —  bei  Neuralgie  49.  —  bei 
Neuritis  552.  — ,  Untersuchung  ders. 
249. 

Reflexcontracturen  354.  358. 

Reflexhemmungen  245. 

Reflexkrämpfe  260.  280.  287.  293. 
295.  299.  312.  318.  327.  335.  341.  552. 


Reflexlähmung  371.  426. 
Reflexneuralgien  32.  99. 
Regeneration  d.  Nerven  387: 
Reid  381.  389. 

Remak  19.  75.  77.  168  190.  217.  254. 
270.   274.    275.    278.   282.    284.   287. 

289.  290.  292.  293.  294.  303.  304. 
319.  327.  333.  334.  351.  358.  359. 
388.  399.  427.  478.  479.  497.  516, 
517.  521.  543.  544.  553.  555.  558. 

Renzi  223. 

Respiration  bei  Lähmungen  376.  — 
bei  Neuralgia  intercostalis  145.  —  bei 
Neur.  phrenica  126.  —  bei  Tetanie 
345.  —  bei  Zwerchfellkrampf  310. 

Respirationsmuskeln,  Krämpfe 
ders.  309. 

Reuben  332. 

Reynolds  371. 

Rhazes  18. 

Rheumatismus  s.  Erkältung;  Kopf- 
schmerz, rheumatischer. 

Richelot  497.  524. 

Riebet  497.  524. 

Richter  174. 

Riegel  340. 

Rigler  223. 

Rippenkrankheiten,  Intercostal- 
neuralgie  durch  solche  bed.  143. 

Risus  sardonicus  291. 

Ritchie  350. 

Robert  156. 

Rockwell  19.76.77.134.234.242.206. 

Röser  149. 

Rokitansky  543.  548.  555.  559.  561. 
565. 

Romberg  5.  19.  21.  43.  52.  95.  98. 
106.  135.  142.  149.  153.  154.  156. 
170.  172.  183.189.  208.  214.  217.220. 
223.  231.234.  240.  241.253.  278.  282. 

290.  291.  295.  296.  303.  309.  319. 333. 

359.  441.  458.  461.469.  476.493.  494. 
497. 

Rose  229. 

Rosenbach  30.  87.  97. 
Rosenmüller  241. 
Rosenthal  5.   19.   76.  95.   135.   142. 
156.   278.   282.    296.    309.    319.  325. 

360.  441.  460.  461.  476.  543.  559. 


BegiBter. 


603 


BoBsander  332. 
Botteck  149. 

Boux  224.  229.  23t.  469.  470. 

Bückenmark  beiBleil&hmang516.— , 
Schmerz  in  Bez.  zu  dems.  16. 

BückenmarkBentzündang  nach 
peripherer  Nerrenreizung  372.  555. 

Bückenmarkskrankheiten,  Anä- 
sthesie bei  solchen  190.  206.  — ,  Con- 
tracturen  bei  solchen  356.  — ,  Kr&mpfe 
durch  solche  bed.  258.  261.  347. 
— ,  Lähmungen  durch  solche  bed. 
364. 382. 418. 426. 442.  465.  — ,  Nerven- 
hypertrophie  bei  solchen  561.  ~,  Neur- 
algien durch  solche  bed.  31.  71.  122. 
143.  152.  159.  — ,  Singultus  bei  sol- 
chen 312. 

BückenmuBkeln,  Lähmung ders.  503. 

Bufz  148. 

Bunge' 319.  325.  327.  399. 

Sachs  214.  215.  217. 

Sacral nerven,  Krämpfe  im  Gebiete* 
ders.  333.  — ,  Lähmung  im  Geb.  ders. 
531.  — ,  Neuralgien  im  Geb.  ders.  155. 

Salaamkrämpfe  297. 

Salben  bei  Neuralgien  81.  117. 

ßalomon  183.  359. 

Saltatorische  Krämpfe  336. 

Salter  137. 

Samenstrang,  Neuralgie  dess.  172. 

Sander  234.  236.  237. 

Sanders  460.  468. 

Sappey  41. 

Sarkome  an  d.  Nerven  569. 

Savory  497.  518. 

Sawyer  83. 

Schädel,  Kopfschmerz  bei  Krankheiten 
desB.  128.  — ,  Prosopalgie  bei  Erkran- 
kungen dess.  97. 

Schamlippen,  Neuralgie  ders.  172. 

Schauer  95. 

Schenkelneuralgie  149.  151.  153. 

Schiefferdecker  360.  381. 

Schielen  bei  Augenmuskellähmungen 
430. 

Schiff  16.  187. 191.  200.  202.  217.  220. 
221.  222.  232.  335.  360.  385.  402. 

Schiffer  367. 


Schiffner  565. 

Schirmer  220.  238. 

Schlager  236. 

Schleimhäute  bei  Neuralgien  52. 

Schluchzen  s.  Singultus. 

Schmerz  11.  —  bei  Anästhesie  102. 
200.  —  bei  AugCDmuskellähmung  447. 
~,  Gehirn  in  Bez.  zu  dems.  16.  — , 
Irradiation  dess.  37.  45. 102.  123.  139. 
145.  152.  154.  161.  552.  —  im  Knie 
bei  CoxitiB  151.  —  bei  Krämpfen  267. 
298.  301.  324.  342.  344.  -  bei  Läh- 
mungen 378.  447.  501. —  bei  Neural- 
gien 19.  34.  37.  40.  61.  100.  122.  126. 
138.  144. 148.  152.  153.  159.  171.  172. 
173.  176.  —  bei  Neuritis  549.  550.— 
bei  Neuromen  572.  — ,  Prüfung  d. 
Empfindlichkeit  für  dens.  197.  — , 
Bückenmark  in  Bez.  zu  dems.  16. 

Schmerzpunkte  bei  Neuralgien  87. 
41.  61.  102.  107.  108.  123.  126.  138. 
144.  148.  152.  153.  161.  177. 

Schmidt  496. 

Schmiedekrampf  326. 

Schneiderkrampf  326. 

Schnitzer  497. 

Schnupf pulver  bei  Prosopalgie  117. 

Schramm  96.  135.  141. 

Schreibekrampf  319. 

Schröpfköpfe  bei  Neuralgien  127. 

Schüppel  183. 

Schützenberger  296. 

Schuh  19.  43.  91.  95.  565. 

Schultergelenk,  Lähmung  bei  Ent- 
zündung und  Luxation  dess.  510.527. 

Schultz  338. 

Schnitze  142.  148.  262.  282.287.340. 

Schulz  399.  460.  462. 

Schusterkrampf  326.  341. 

Schwalbe  222. 

Schwangerschaft  und  Mastodynie, 
gegenB.yerh.  ders.  148.  —  Neunügle 
durch  solche  bed.  28.  Vgl.  Puerperium. 

Schweigger  441. 

Schweissabsonderung  bei  Krampf 
268. 

Schwindel  bei  Augenmuskellähmupg 
447.  449.  450.  451.  452.  453. 

Scott  95. 


604 


Register. 


Scrophulose,  LähmoDg durch  solche 
bed.  370.  — ,  Neurombildung  bei  sol- 
cher 57  t. 

ßcrotam,  Neuralgie  dess.  172. 

Seeale  cornutum  bei  Kopfschmerz 
135.  —  bei  L&hmuDgen  439.  Vgl. 
Ergotismus. 

Secretionsstörungen  bei  Krämpfen 
267.  —  bei  Neuralgien  38.  51.  104. 

Secund&rablenkung  d.  gesunden 
Auges  bei  AugenmuskeD&hmung  446. 
449.  450.  451.  452.  453. 

Seeligmüller  158.  174.  220.  223.282. 
490.  492.  497.  527.  531.1 

Senescenz,  frühzeitige.  Bez.  der 
Neuralgien  zu  solcher  26.  97.  157. 

Senftleben  183.  203. 

Sensibilität,  elektrocutane,  198.  — , 
elektromuskuläre,  216. 

Sensibilitätsnenrosen  5. 

Sensibilitätsstörungen,  bei  An- 
ästhesie 199.  — ,  Krämpfe  durch  solche 
bed.  260.  —  bei  Krämpfen  267.  284. 
298.  324.  344.  —  bei  Lähmungen  378. 
471.  502.  518.  524.525.  526.  532.  533. 
534. 538.  —  bei  Nervenhyperämie  543. 
•>  bei  Neuralgien  37.  45. 102. 123. 139. 
145.  152.  154. 161. 177.  —bei  Neuritis 
550.  551.  —  durch  Neurome  bed.  572. 

Setschenow  245. 

Sharp  98. 

Sieyeking  127.  197. 

Simm  340.  344. 

Simpson  173. 

Sims  174.  176. 

Singultus  311. 

Sinnesneryen,  Anästhesie  ders.  183. 
— ,  Neurosen  ders.  219. 

Sinnesorgane  bei  Anästhesie  200.  — , 
Kopfschmerz  bei  Krankheiten  ders. 
128.  —  bei  Prosopalgie  102. 

Skey  174. 

Smith  565. 

Smoler  183. 

Snellen  183.  202.  203. 

Solly  319. 

Spasmus  256.  vgl.  Krämpfe.  —  fa- 
cialis 8.  Gesichtskrampf.  —  nictitans 
294. 


Speichelabsonderung  beiFadafis- 
lähmung  469.  —  bei  Prosopalgie  104. 

Spencer  83. 

Speyer  278.  279. 

Spiess  217. 

Spillmann  565. 

Spinalirritation  u.  Neuralgien,  Un- 
tersch.  ders.  62. 

Sprache  bei  Zungenlähmung  495. 

Stamm  223. 

Stauungshyperämie,  Anästhesie 
durch  solche  bed.  189.  — ,  Lähmung 
durch  solche  bed.  367.  — ,  Neuralgien 
durch  solche  bed.  28.  71.  158. 

Steiner  220.  224.  233. 

Steinheim  339.  340. 

Stellwag  441. 

Sternutatio  convulsiva  316. 

Stich  220.  221.  222.  224.  225.  229.231. 
232.  296.  334.  340.  344.  350. 

Strabismus  paralyticus  445.  450. 
451.  458. 
*S  trau  SS  351.  356. 

Streckmuskeln  der  Lendengegend, 
Lähmung  ders.  505. 

Stricker  234.  240. 

Stromeyer  32.  164.  174.  175.  176. 
181.  182.  296.  319.  332.333.592.552. 

Struthers  441.  442. 

Strychnin  bei  G^eruchsanomalien  242. 
—  bei  Krämpfen  290.  314.  332.  — 
bei  Lähmungen  438.  —  bei  Neuralgien 
85. 

Suslowa  189. 

Swan  543. 

Symonds  127. 

Syphilis,  Anästhesie  bei  solcher  206. 
— ,  Analgesie  durch  solche  bed.  194. 
— ,  Kopfschmerz  bei  solcher  132.  — , 
Lähmungen  durch  solche  bed.  370. 
424.  443.  464.  — ,  Neuralgien  durch 
solche  bed.  30.  72.  158.  159. 

Tabakvergiftung,  Neuralgien  durch 
solche  bed.  31. 

Tastempfindungen  184. 

Tastsinn,  Lähmung  dess.  (partielle) 
185.  (bei  Rückenmarkskrankheiten) 
191.  —,  Prüfung  dess.  195. 


Register. 


605 


Taubheitsgefühl  bei  An&stheäie 
198.  —  bei  Krämpfen  267.  325.  — 
bei  L&hmimg  379.  —  bei  Nerven- 
byper&mie  543.  —  bei  Neuralgien  46. 
102.  139.  154.  161.  —  bei  Neuritis 
550.  551. 

Temoin  565. 

Temperaturempfindungen  184. 

Temperatursinn,  Prüfung dess.  196. 

Tenosynitis  hyperplastica  519. 

Tenotomie  bei  Krämpfen  277.  303. 
332.  335.  336. 

Terpentinöl  bei  Lähmungen  439.  — 
bei  Neuralgien  125.  169. 

Tessier  339. 

Tetanie  339. 

Tetanus,  Krämpfe  bei  solchem  256. 

Thermaesthesiometer  197. 

Thielmann  319. 

Thomson  83.  [gie  104. 

Thränenabsonderung  beiProsopal- 

Tic  convulsif  282.  283. 

Tic  douloureux  95.  109.  vgl.  Pros- 
opalgie. 

Tic  rotatoire  296. 

Tiesler  373.  543.  548.  549.  556. 

Tillmanns  220.  221. 224. 231. 461.  464. 

Tod  bei  Anästhesie  209.  —  durch 
Krämpfe  bed.  348.  —  bei  Lähmungen 
415.  —  bei  Neuralgien  60. 112.  —  bei 
Zwerchfellkrampf  310. 

Todd  359. 

Torticoliis  296.  —  rheumatica  302. 

Traube  46. 

Traumata,  Anästhesie  durch  solche 
bed.  190.  204.  — ,  Gemchsnervenan- 
ästhesie  durch  solche  bed.  241.  —, 
Krämpfe  durch  solche  bed.  327.  ^, 
Lähmungen  durch  solche  bed.  365. 
423.  425.  442.  463.  475.  479.  490.  500. 
510.  512.  520.  523.  524.526.527.528. 
531.  534.  — ,  Neuralgien  durch  solche 
bed.  26.  70.  97.  122.  137.  143.  149. 
151.  158.  173.  176.  —,  Neuritis  durch 
solche  bed.  27. 544.  ~,  Neurome  durch 
solche  bed.  27.  571. 

Tremor  256. 

Trigeminuskrampf  siehe  Gesichts- 
krampf. 


Tripier  187.  518.-  524. 

Trismus  279. 

von  Tröltsch  464. 

Trophische  Störungen  s.  Ernäh- 
rungsstörungen. 

Trousseau  19.  43.  46.  54.  57.  82.85. 
93.  95.  102.  109.  110.  111.  114.  116. 
135.  167.  287.  339.  340.341.342.344. 
345.  347.  348.  350.  460. 

Trunksucht  s.  Alkoholmissbrauch. 

Tubercula  dolorosa  568. 

Tuberkulose,  Lähmung  durch  solche 
bed.  370. 

Türck  19.  46.  49.  195.  213. 

Tuppert  319.  332.  333. 

Typhus«  Ischias  nach  solchem  159. 
— ,  Krämpfe  nach  solchem  299.  — , 
Neuralgien  bei  solchem  30.  — ,  Pros- 
opalgie bei  solchem  97. 

Veberanstrengung,  Krämpfe  durch 
solche  bed.  338.  — ,  Lähmungen  durch 
solche  bed.  500.  — ,  Neuralgien  durch 
solche  bed.  32.  99.  137.  151.  158. 

Umschläge  bei  Krämpfen  294. 

ünterextremitäten,  Krampf  der 
Muskeln  ders.  333.  — ,  Lähmungen 
an  dens.  531.  540. 

ürbantschitsch  95.  220.  231. 

ürina  spastica  268. 

Urticaria  bei  Neuralgien  53. 

Uterus,  Intercostalneuralgie  durch 
Krankheiten  dess.  bed.  144. 

Valentin  14.  389. 

Yalentiner  435. 

Valeriana    bei  Krämpfen    276.    290. 

314.  —  bei  Neuralgien  86. 
Valette  310. 
Yalleix  19.  24.  4t.  43.  44.  59.  66.  87. 

95.   96.   109.   111.  121.  135.  142.  143. 

144.  147.  149.  153.^166.  157.  161.  164. 

166.  167.  172. 
Vanlair  19. 
Yanzetti  221.  231. 
Vasomotorischer     Kopfschmerz 

131. 
Vasomotorische    Störungen    bei 

Anästhesie  201.  —  bei  Krämpfen  267. 

344.  —  bei  Lähmungen  3S0.  382.  383. 


606 


Register. 


394.  472.  538.  —  bei  Neuralgien  38. 
50.   65.   104.   139.  145.  154.  162.  178. 

Vater'sche  Körperchen  186. 

Veiel  184. 

Velpeau  497. 

Venen,  Erweiterung  solcher,  Neural- 
gien durch  solche  bed.  28.  143.  — , 
Stauung  in  solchen,  Neuralgien  durch 
solche  bed.  28.  71.  158.  367. 

Yeratrin  bei  Kopfschmerz  134.  ~  bei 
Neuralgien  81.  117.  141. 

Verdauungsstörungen,  Kr&mpfe 
durch  solche  bed.  299. 

Vergiftungen,  Anästhesie  bei  solchen 
194.  205.  —,  Kopfschmerz  bei  solchen 
131.  — ,  Lähmung  durch  solche  bed. 
368.  424.  426.  514.  520.  526.  527.  — , 
Neuralgien  durch  solche  bed.  30.72.137. 

Verneuil  19.  27.  S5. 

Vigla  310. 

Violinspielkrampf  326. 

Virchow  543.  545.  547.  553.  565.566. 
567.  569. 

Visceralanästhesie  183. 

Vizioli  223.  224.  225.  232. 

Volkmann  174.  179.  351.  352.  565. 

Vorderarmfracturen,  Lähmungen 
nach  solchen  528. 

Vulpian  104.  183.  213.  360.  385.  390. 
411.  429.  559.  562.  564. 

Wachsmuth  224.  460.  469.  476. 

Wadenkrampf  335.  337. 

Wärme,  Anästhesie  durch  solche  bed. 

188.    —    bei  Kopfschmerz .  135.   — , 

Neuralgie  durch  solche  bed.  149.  169. 

S.  a.  Körpertemperatur. 
Wäscherinnen,  Anästhesie ders.  189. 
Wagner  19.  91.  95.  98.  120.         [204. 
Waller  360.  384.  385.  542.  543.  554. 
Weatherhead  427. 
Webber  497. 
Weber,  E.H.,  183.  188.  189.  196.  197.^ 

216.  217. 
Weber,  0.,  543.  565. 
Wedl  565. 
Wegner  54. 


Weidner  53. 

Weihl  391. 

Weil  275. 

Weinkrampf  317. 

Weiss  360.  399.  411. 

Weisse  339. 

Werber  394. 

Wernher  164.  174.  178.  182.  254.259. 

Wernich  220.  229.  [287. 

Westphal  236.  369.  497.  515.  516. 

Wiesner  92.  95.  114.  497.  500. 

Wilde  319.  320.  325.  326.  464. 

Wilks  350.  565. 

Wintrlch  310. 

Wirbelkrankheiten,  Krämpfe  durch 
solche  bed.  299.  — ,  Neuralgien  durch 
solche  bed.  122.  143.  151.  159. 

Wolferz  104. 

Wolff  460.  470. 

Woodbury  231. 

Wunderlich  19. 

Wundt  14.  562. 

Wurzelneuralgien  64. 

Wyss  53.  54.  543.  553. 

Zäpfchen  bei  Facialislähmung  467. 
Zahne  aries,  Prosopalgie  durch  solche 

bed.  32.  97.  99. 
von   Ziemssen    220.    222.   224.   232. 

248.    251.    359.    360.    399.   411.    422. 

431.  460. 
Zink  bei  Krämpfen  276.  281.  290.300. 

314.  —  bei  Neuralgien  85. 
Zittern  256. 
Zoster  s.  Herpes. 
Zuckungen  d.  Gesichtsmuskeln  nach 

Facialislähmung  478. 
Z  u  c  k  u  n  g  s  g  e  s  e  t  z  d.  Bewegungsnerven 

und  Muskeln  253.  (bei  Lähmung)  403. 
Zunge  bei  Facialislähmung  471.    Vgl. 

Geschmack. 
Zungenkrampf  295. 
Zungenlähmung  493. 
Zuradelli  303.  306.  319.  328.331.497 
Zwangsbewegungen  255.  257. 
Zwerchfell,  Krampf  dess.   310.  311. 

— ,  Lähmung  dess.  507. 


Drnok  yon  J.  B.  Hirsehfeld  in  Leipzig. 


Verlag  von  F.  C.  W.  V06EL  In  Leipzig. 


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Liebermeister.  Gelbes  Fieber  ▼.  Dr. 
Haenisc  h.  Dysenterie  y.  Prof.  He  ubn  er. 
Diphtherie  y.  Prof.  O  e  r  t  e  1.  Varicella,  Mor- 
billi, Scarlatina,  Rubeolae  y.  Prof.  Tho- 
mas. Variola,  Variolois  von  Dr.  C  a  r  s  c  h- 
m  an  n.  Erysipelas,  Febris  miliaris  etc.  y. 
Dr.  Znelzer.  Malariainfectionen  v.  Prof. 
Hertz.  Meningitis  cerebrospinalis  epide- 
mica von  Prof.  y.  Ziemssen. 

Dritter  Band. 

ehrt nlschfl  Infectit nskrankhelten.  Syphilis 
yon  Prof.  Baenmler.  Invasionskrankhei- 
ten :  Trichiniasis,  Cysticercen-  nnd  Echino- 
coccen-Krankheitv.  Prof.  Heller.  Infectio- 
nen  durch  thierische  Gifte:  Hundswuth,Rotz 
n.  Wurm,  Milzbrand,  Schlangengift,  Maul- 
u.  Klauenseuche  u.  A.  v.  Prof.  Bollinger. 

Vierter  Band. 

Krankheiten  des  Resplratltnstppirtles  f. 
Allgem.  Diagnostik  u.  Therapie  d.  Krank- 
heiten der  Nase,  des  Nasenrachenraiims,  d. 
Rachens  u.  des  Kehlkopfes  v.  Dr.  F  r  a  e  n  - 
kel.  Krankheiten  d.  Nase  v.  Dr.  Fraen- 
k  e  1.  Krankheiten  d.  Kehlkopfes :  Katarrh, 
Geschwüre,  Perichondritis ,  Oedem,  Neu- 
bildungen, Neurosen  etc.  v.  Prof.  v.  Z  i  e  m  - 
ssen.  Croup  V.Prof.  Steiner.  Spasmus 
Giottidis,  Tussis  convulsiva  v.  Dr.  S  t  e  f  f  e  n. 
Krankheiten  der  Trachea  u.  d.  Bronchien  y. 
Dr.  Riegel.  Krankheiten  d.  Pleura  y. 
Prof.  Fraentzel. 

Fünfter  Band. 
ftrtnkheUen  des  Resplratltnstppirttes  II. 

Croupose  Pneumonie,  übrige  Formen 
der  Entzündung  von  Prof.  Jürgensen. 
Hyperämie,  Anämie,  Atelektase,  Collaps, 
Atrophie  und  Emphysem,  Hypertrophie, 
Grangrän,  Neubildungen  etc.  von  Prof. 
Hertz.  Acute  und  chronische  Tubercu- 
lose ,  Lungenschwindsucht  von  Proff. 
Rühle  und  Rindfleisch. 

Sechster  Band. 
Krtükhelteii  des  ClreoltUtnsaMarates. 
Krankheiten  d.  Herzens  v.  Prof.  Rosen- 
s^teinundDr.  Schrötter.  Krankheiten 
des  Herzbeutels  v.  Prof.  Bauer.  An- 
gebome  Anomaliend.  Herzens  v,  Prof.  L  e  - 
b  e  r  t.  Krankheiten  d.Gefässe  (Arterien,  Ve- 
nen, Lymphgefässe)  von  Prof.  Quincke. 


Siebenter  Band. 

Krtnkbeiten  i.  chylt  peSUschen  Apparates.  I. 
Krankheiten  d.  Mundes,  der  Speicheldrüsen, 
des  Halszellgewebes  von  Prof,rA.  Vogel. 
Krankheiten  des  Rachens  und  des  Nasen- 
rachenraums V.  Proff.W  a  g  n  e  r  u.  W  e  n  d  t. 
Krankheiten  d.  Oesophagus  v.  Profif.  Z  en  - 
ker  u.  y.  Ziemssen.  Krankheitendes 
Magens  u.  des  Dam^  y.  Prof.  Leube. 
Darmwürmer  v.  Prof.  Heller.  Verenger- 
ungen, VerSchliessungen  und  Lageveränder- 
ungen  d.  Darms  v.Dr.  Leichtenstern. 

Achter  Band. 

Krankheiten  i.  ckylt  peetlscben  Amratet  U. 

Krankheiten  d.  Leber  u.  der  Gallenwege  v. 
Prof.Thierfelder,Ponficku.Schüp- 
pel.  Krankheiten  des  Pankreas  v.  Prof. 
Friedreich.  Krankheiten  der  Milz  (ind. 
Leukämie  u.  Melanämie)  v .  Prof.  M  o  s  1  e  r. 
Krankheiten  d.  Bauchfells  v.  Prof.  Bauer. 
Krankheiten  d.  Nebennieren  (ind.  Morbus 
Addisonii)  von  Dr.  Merkel. 

Neunter  Band. 

Krankheiten  d.ltrntpparates.  Krankheiten 
d.  Nieren.  Allgem.  Sjrmptomatologie,  Hy- 
perämie u.  diffuse  Entzündungen  d.  Nieren 
▼.  Prof.  Bartels.  Uebrige Nierenerkran- 
kungen, sowie  die  Affectionen  der  Nieren- 
becken u.  der  Ureteren  v.  Prof.  Ebstein. 
Krankheiten  der  Harnblase  u.  Hamöhre 
(ind.  Tripperaffectionen)  v.  Prof.  L  e  b  e  r  t. 
Krankheiten  d.  männlichen  Geschlechtsor- 
gane von  Dr.  Cur  seh  mann. 

Zehnter  Band. 

Krankheiten  i.  weihlichen  Geschlechtst  rgtne 
von  Prof!  Schroeder. 

Elfter  Band. 

Krankheiten  des  Ner? ensjstens  I.  Krank- 
heiten des  Gehirns:  Hyperämie,  Anämie, 
Blutungen,  Thrombose  u.  EmboUe  v.  Prof. 
Nothnagel.  Acute  u.  chronische  Ent- 
zündungen des  Gehirns  u.  seiner  Häute  v. 
Prof.  Huguenin.  Atrophie,Hypertrophie, 
Sklerose,  Oedem,  Hydrocephalus  v.  Prof. 
Hitzig.  Gehirntumoren  v.  Prof.  Ober- 
nier.  Syphilis  des  Gehirns  etc.  v.  Prof. 
H  e  u  b  n  e  r.  Anhang :  Sprachstörungen 
(Aphasie,  Alalie,  Stottern  etc.)  von  Prof. 
Kussmaul.  Krankheiten  des  Rücken- 
marks von  Prof.  Erb. 

Zwölfter  Band. 

Krankheiten  des  Nerrensystens  II.  Affec- 
tionen der  peripherischen  Nerven :  Motili, 
täts-,  Sensibilitäts-  u.  Sinnesneurosen  (Neu- 
ralgie, Anästhesie,  Krampf,  Lähmung- 
Neurosen  der  Sinnesnerven,  Neuritis,  Atro- 
phie u.  Hypertrophie  der  Nerven,  Neurome) 
V.  Prof. Erb.  Affectionen d. peripherischen 
Nerven,  besonders  d.  Sjrmpathicus:  Angio- 
neurosen und  Trophoneurosen  (Migraine, 


Angina  pectoris  vasomotoria,  Horb.  Base- 
dowii,  Halbseitige  GesicHtsatrophie ,  Pro- 
gressive Muskelatropfaie,  Muskelhypertro- 
phie etc.)  V.Prof.  A.  Ealenburg.  All- 
gem.  Neurosen  (Nervosität,  Allgero.  Hy- 
perästhesie und  Convulsibilität ,  Vertigo, 
Agrypnie,  Tremor,  Paralysis  agitans,  Cho- 
rea, Epilepsie,  Eklampsie,  Trismus  nnd 
Tetana8,Hysterie,Hypo<^l^ondrie  etc.)  v.Prof . 
Nothnagel,  Prof.  Jolly  u.  Prof.  Bau  er. 

Dreizehnter  Band. 

Krtekhelten  i.  Bewegangstp^rttes.  Rheu- 
matismus musc.  u.  artic,  Arthritis  vera  u. 
deform.,  BJiachitis,  Osteomalacie,  Entzün- 
dung, Blutung,  Degei^eration  der  Muskeln  v. 
Prof.  Senator.  ^Igeiuelne  ErnihrangsiBt • 
ntllen.  Chlorose,  Anämie,  Scrophulose  u. 
Affectionen  der  Lymphdrüsen  überhaupt, 
Adiposis,  Scorbut,  Morb.  maculosus,  Hae- 
mophilia  etc.   v.  Prof.  Immermann  u. 


Dr.Birch-Hirschfeld.  Diabetes melUtas 
u.  insipidus,  Polyurie,  Hydrurie,  Azotnrie  ▼• 
Prof.Senator.  Anlitiigf  Erk&ltongs-Kraak- 
heiten:  Ephemera,  Febris  herpetica,  rlieii- 
matica  etc.   v.  Prof.  Seitz. 

Viersehnter  Band. 

Krankheiten  i.  fltat  ▼.  Proff.  Rind- 
fleisch und  V.  Ziemssen. 

FünÜEehnter  Band. 

InUxleatltnen.  Unorganische  Gifte:  Alka- 
lien  u.  alkalische  Erden,  Metalloide,  Ha^ 
loide  u.  Mineralsäuren  von  Prof.  Böhm. 
Schwere  Metalle,  incl.  Arsen  u.  Phosphor 
V.  Prof.  N  a u  ny  n.  Organische  Gifte :  Gtf> 
tige  Chemikalien  (Alkohol,  Anasthetica, 
Gase)  und  giftige  ThierstofFe  (Wurstgift, 
Leichengift)  von  Prof.  Böhm.  Gi&ge 
Pflanzenbestandtheile  (in  specie  die  AUn- 
loide)  von  Prof.  v.  Boeck. 


Erschienen  sind: 
Erster  Band.    Itndbaeh  der  €ffentllehen  Gesandheitspflege  and  der  GewerkekrtnkheMea. 

Von  Prof.  A.  Gbioel  in  Würzburg,  Dr.  L.  Hirt  in  Breslau,  und  Dr.  G.  Mkr^kt. 

in  Nürnberg.    Zweite  Auflage,    gr.  8.     1875.  10  ^* 

Zweiter  Band.  Aeute  InfeeUinskrankhelten«    i.  Hälfte.  Von  Prof.  Liebermsistsr  in 

Tübingen,  Prof.  Lebert  in  Breslau,  Dr.  Harnisch  in  Greifswald,  Prof.  Hkubnkr 

in  Leipzig  und  Prof.  Oertel  in  München.  Zweite  Auflage,  gr.  8.  1876.  12  M. 
2.  Hälfte.    Von  Prof.    Thomas,  Dr.  Cxjrschmann,  Dr.  Zuklzsr, 

Prof.  Hertz  und  Prof.  v.  Ziemssen.    gr.  8.     1874.  13  M. 

Dritter  Band.  Chrt nlsche  InrecUonskrtnkhelten.  Von  Prof.  Baeumler,  Prof.  Heller 

und  Prof.  BoLLiNOER.    Zweite  Auflage,    gr.  8.     1874.  12  M. 

Vierter  Band.   Krankheiten  des  Respiratlonstpptrtles  I.    i.  Hälfte.   Von  Prof.  H.  v. 

Ziemssen,  Dr.B.  FrÄnkel,  Dr.  A.  Steffen  u.  Prof.  J.  Steiner,  gr.  8.  1876.    1 1 M. 

2.  Hälfte.  Von  Dr.  Fr.  Riegel  u.  Prof.  O.  Fräntzel  gr.  8.  1875.    9  M. 

Fflnfter  Band.    Krankheiten  des  RespIratJonsapparates  II.    Von  Prof.  Th.  Jusrqbnsbn 

Prof.  H.  Hertz,  Prof.  H;  Ruehle,  Prof.  E.  Rindfleisch,  gr.  8.  1874.  13  M. 
Sechster  Band.    Krankheiten  des  CIrenlatlonsapparates.    Von  Prof.  Rosenstein  in 

Leiden,   Prof.  L.  Schrötter  in  "Wien,   Prof.    H.  Lebert  in  Vevey,  Prof.  H. 

Quincke  in  Bern  und  Prof.  J.  Bauer  in  München,    gr.  8.     1876.  12  M. 

Siebenter  Band.     Krankheiten  des  chylepoj^tlschen  Apparates.     I.     i.  Hälfte.    Von 

Prof.  A.  Vogel,  Prof.  E.  Wagner  und  Prof.  H.  wendt.  gr.  8.  1874.  6  M. 
2.  Hälfte.  Von  Prof  O.  W.  Leube  in  Erlangen,  Dr.  O.  Leichtenstern 

in  Tübingen  und  Prof.  A.  Heller  in  Kiel  gr.  8.     1876.  14  M. 

Aehter  Band.    Krankhellen  des  ehjlopoStlschen  Apparates  II.    2.  Hälfte.    Von  Prof. 

Fr.  MosLER  in  Greifswald,  Prof.  N.  Friedreich  in  Heidelberg,  Dr.  G.  Merkel 

in  Nürnberg  und  Prof.  J.  Bauer  in  München,     gr.  8.     1875.  9  ^ 

Neunter  Band.    Krankheiten  des  Harnapparates,    i.  Hälfte.   Von  Prof.  C.  Bartels 

in  Kiel.     gr.  8.     1875.  lO  M. 

2.  Hälfte.     Von  Prof.  W.  Ebstein  in  Göttingen,   Prof.  H.  Lebert 

in  Vevey  und  Dr.  H.  Curschmann  in  Berlin,     gr.  8.     1875.  9  M. 

Zehnter  Band.  Krankheiten  der  welhltchen  Gesehiechtstrgane.  Von  Prof.  Carl 
Schroeder  in  Berlin-Erlangen.     Zweite  Auflage,  gr.  8.  1874.  10  M. 

Elfter  Band.  Krankheiten  des  Ner?ens|sienis.  I.  i.  Hälfte.  Von  Prof.  H.  Nothnagel 
in  Jena,  Prof.  F.  Obernier  in  Bonn,  Prof.  O.  Heubner  in  Leipzig,  Prof.  G.  Hü- 
GUENiN  und  Prof.  E.  Hitzig  in  Zürich,    gr.  8.     1876.  1$  M,- 

2.  Hälfte.   Krankheiten  des  Nerrensystems  I.   (Riiekenniark.    i.  Abtfaeil.). 

Von  Prof.  W.  Erb  in  Heidelberg,     gr.  8.     1876.  7  M. 

Zwl^lfter  Band.  Krankheiten  des  Nerrensystems  II.  i.  Hälfte.  Von  Prof.  Wilhelm  Erb 
in  Heidelberg.     Zweite  Auflage,     gr.  8.     1874.  10  M.  50  Pf. 

2.  Hälfte.  Von  Prof.  A.  Eulenburg  in  Greifewald,  Prof.  H.  Noth- 
nagel in  Jena,  Prof.  J.  Bauer  in  München,  Prof.  H.  v.  Ziemssen  in  München 
und  Prof.  F.  Jolly  in  Strassburg.     gr.  8.     1875.  12  M. 

Breizefanter  Band.  i.  Hälfte.  Krankheiten  des  Bewegangsaf parates.  Erkiltangs-Knik- 
helten.  Allgemeine  Ernihrnngsanomallen.  Von  Prof.  H.  Senator  in  Berlin,  Prof. 
E.  Seitz  in  Giessen  und  Prof.  H.  Immermann  in  Basel  gr.  8.  1875.  '^  M. 

2.  Hälfte.  Allgemeine  Ernährongssterungen.  Von  Dr.  Birch-Hirschfbld» 

Prof.  H.  Senator  und  Prof.  H.  Immermann.    gr.  8.     1876.  13  M. 

Filnfzehiiter  Band.  Intoxicationen.  Von  Prof.  R.  Boehm  in  Dorpat,  Prof.  Naunyh 
in  Königsberg  und  Prof.  H.  Ton  BoECK  in  München,     gr.  8.     1876.  12  M.